Svenja Flaßpöhler erklärt das Phänomen der Hochsensibilität

„Ich sehe was, was du nicht siehst,“ so heißt das berühmte Kinderspiel, bei dem man sich wechselseitig zu verstärkter Aufmerksamkeit herausfordert und die blinden Flecken des anderen aufdeckt. Svenja Flasspöhler fügt hinzu: „Es ist dieses Spiel, das Betroffene und Nicht-Betroffene miteinander einüben sollten, anstatt sich in ihren Perspektiven zu verkapseln.“ Ich sehe was, was du nicht siehst, beziehungsweise: Ich fühle was, was du nicht fühlst: Nur so entdeckt man die unscheinbarsten Details und betrachtet, wenn auch nur für einen kurzen Moment, die Welt mit anderen Augen. „Ich fühle was, was du nicht fühlst“: Das lässt sich indes auch begreifen im Sinne von: Ich fühle mehr. Intensiver. Feiner. Gemeint ist das Phänomen der Hochsensibilität. Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.

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Viele Menschen sind in den letzten Jahren mitfühlender geworden

Was war zuerst da: die Sensibilität oder die Begriffserweiterung? Philipp Hübl erklärt: „Vermutlich bedingen sich die Faktoren gegenseitig. Eine erhöhte Sensibilität führt dazu, dass wir aufmerksamer werden, die Begriffe erweitern, mehr Fälle entdecken und daher auch mehr darüber sprechen.“ Umgekehrt führen die erhöhte Frequenz und die Erweiterung moralischer Begriffe dazu, dass wir uns mehr mit den Themen beschäftigen, die Aufmerksamkeit stärker auf Grenzfälle lenken und uns so für mehr Fälle sensibilisieren. Bisher ist noch nicht abschließend geklärt, warum seit etwa zehn Jahren Begriffserweiterung und Begriffsfrequenz so stark zugenommen haben. In der Forschung werden verschiedene Faktoren diskutiert. Erstens könnte es sein, dass Menschen in den letzten Jahren sowohl mitfühlender als auch emotional fragiler geworden sind. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).

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Das Nachdenken über die Zukunft steigert das Wohlbefinden

Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass die Zukunft keine ferne Zeit ist, sondern das, was die Menschen heute über sie denken, fühlen und tun. Florence Gaub ergänzt: „Studien belegen, wie viel der Mensch über die Zukunft nachdenkt – viel –, wie weit er in die Zukunft reist – nicht sehr weit – und dass dies sein Wohlbefinden steigert.“ Es gibt sogar Studien, die zeigen, dass eine Zukunft umso wahrscheinlicher wird, je mehr man sie sich vorstellt. Das ist nicht nur Pop-Psychologie: Sobald das Gehirn auf ein Ziel fixiert ist, filtert es alles andere auf dem Weg dorthin heraus. Aber am wichtigsten ist vielleicht, dass das Gehirn keinen Unterschied zwischen der täglichen Zukunft und der des Planeten macht. Dr. Florence Gaub ist Politikwissenschaftlerin, Militärstrategin und Zukunftsforscherin. Sie leitet als Direktorin den Forschungsbereich NATO Defense College in Rom.

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Der Fanatismus geht schon immer in Heuchelei über

So wie der Fanatismus immer schon in Heuchelei übergeht, fließt diese in jene Form der Moralität aus, die vor allem Georg Wilhelm Friedrich Hegel ein Dorn im Auge war. Alexander Somek schreibt: „Es handelt sich, wenn man es salopp ausdrücken will, um die Moralität der „Balkonmuppetts“, also derjenigen, die über die Handelnden schlecht urteilen und selbst nie in die Verlegenheit geraten, ihre moralische Reinheit durch eigenes, einigermaßen signifikantes Handeln zu beschmutzen.“ Wer „etwas tut“, die Initiative ergreift oder versucht, die Dingen zu gestalten, den mag das Schicksal ereilen, von der Seitenlinie aus kritisiert zu werden, an der jene stehen, welche die Hände in den Schoß legen und mit leidender Mine erdulden, was andere machen. Alexander Somek ist seit 2015 Professor für Rechtsphilosophie und juristische Methodenlehre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

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Das Zeitalter des Wissens hat begonnen

Albert Wenger fordert in seinem Buch „Die Welt nach den Kapital“ ein bedingungsloses Grundeinkommen. Dabei handelt es sich um die ökonomische Freiheit, die Menschen von ihren existenziellen Zwängen befreit. Nur so können sie frei über ihre Aufmerksamkeit verfügen und diese in Freundschaften und Familie, in die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen sowie in die Schaffung von Innovationen investieren. Die Informationsfreiheit gewährleistet einen ungehinderten Zugang zu Wissen und damit dessen Weiterentwicklung. Sie erfordert ein Recht auf programmatische Interaktion mit Informationssystemen. Die psychologische Freiheit befähigt Menschen, in einer von Informationsüberflutung und algorithmischer Manipulation geprägten Welt rational zu denken und zu handeln. Diese drei Freiheiten verstärken sich gegenseitig. Und sie ermöglichen ein Wissenszeitalter, in dem nicht mehr das Kapital, sondern Aufmerksamkeit die wichtigste Ressource darstellt. Albert Wenger ist ein weltweit beachteter Investor.

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Die Information repräsentiert die Wirklichkeit

Menschen nehmen die Wirklichkeit heute vor allem auf Informationen hin wahr. Byung-Chul Han erklärt: „Die Informationsschicht, die sich wie eine lückenlose Membran auf die Dinge legt, schirmt die Wahrnehmung von Intensitäten ab. Die Information repräsentiert die Wirklichkeit. Ihre Dominanz erschwert die Präsenz-Erfahrung.“ Menschen konsumieren permanent Informationen. Informationen reduzieren Berührungen. Die Wahrnehmung verliert an Tiefe und Intensität, an Körper und Volumen. Sie vertieft sich nicht in die Präsenz-Schicht der Wirklichkeit. Sie streift nur deren informationelle Oberfläche. Die Informationsmasse, die sich vor die Wirklichkeit schiebt, untergräbt die dingliche Schicht der Wirklichkeit. Bereits Hugo von Hoffmannsthal stellte fest: „[…] die Worte haben sich vor die Dinge gestellt. Das Hörensagen hat die Welt verschluckt.“ Die Bücher des Philosophen Byung-Chul Han wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

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Ängste lassen sich in Freiheit verwandeln

Das neue Philosophie Magazin 03/2025 erforscht in seinem Titelthema das mächtige Gefühl der Angst. Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler schreibt: „Wer sich ängstigt, merkt, wie die Optionen schwinden. Handlungsmacht geht in Ohnmacht über. Viele Menschen werden ohne realen Anlass von extremer Angst übermannt.“ In Deutschland sind circa 10 bis 14 Prozent von einer Angststörung betroffen. In der existenziellen Philosophie indes hat die Angst eine andere Funktion. Sie ist keine Enge, sondern ein Schwindel, der einen Menschen angesichts seiner Freiheit erfasst. Existenziell ist der Mensch, weil nur er selbst seinem Dasein eine Sinn geben kann. Nichts und niemand kann ihm diese Last abnehmen. Wie große eine Bedrohung auch sein mag: Jeder Mensch hat immer die Freiheit, seine Angst zu überwinden, sich nicht durch sie bestimmen zu lassen. Das neue Philosophie Magazin zeigt daher Wege auf, Angst in Freiheit zu verwandeln.

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Politik ist immer emotional

In ihrem neuen Buch „Radikal emotional“ beschreibt die Neurowissenschaftlerin Maren Urner wie Gefühle Politik machen. Sie vertritt dabei unter anderem die These, dass nicht nur die großen Zusammenhänge, sondern auch vermeintlich „rein private“ Alltagsentscheidungen immer politisch sind. Gefühle sind für die Autorin nichts „Privates“, dass man von der professionellen und politischen Ebene trennen kann. Maren Urner schreibt: „Die Ansicht, Emotionen hätten in der Politik nichts zu suchen, ist sogar – Achtung! – irrational. Denn Politik ist nichts anderes als ein Aushandlungsprozess über unterschiedliche Gefühle und damit verbundene Werte und Ideen innerhalb einer Gruppe von Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt.“ In diesen Aushandlungsprozess sind alle Menschen involviert. Dr. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.

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Die moderne Gesellschaft bringt unangenehme Grenzgänger hervor

Der Publizist Roger Willemsen hat 2016 in seinem Essay „Wer wir waren“ die Gegenwart aus der Zukunft betrachtet. Darin beschrieb er eine Gesellschaft der Ruhelosen, die sich im Kampf um Aufmerksamkeit befindet. Hadija Haruna-Oelker erläutert: „Er sah die Menschen mit der Frage konfrontiert, wie eine Person sich nicht von der Flüchtigkeit der Nachrichten, dem beschleunigten Leben und dem Rasanten unseres Alltags verunsichern lässt.“ Er zeigte zudem, wie in der Gesellschaft alles in Großaufnahme und aus äußersten Steigerungsformen besteht. Menschen horten dabei ein schlechtes Gewissen, weil sie so vieles wissen müssten, was sie nicht wissen. Und schließlich bringt Disziplin und Leistungsfähigkeit auf allen Feldern viele unangenehme Grenzgänger hervor, sodass sich die Frage stellt: Was kann man dagegen tun? Hadija Haruna-Oelker lebt als Autorin, Redakteurin und Moderatorin in Frankfurt am Main. Hauptsächlich arbeitet sie für den Hessischen Rundfunk.

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Die Gelassenheit führt zu einem glücklichen Leben

Gerhard Gleißner behauptet in seinem neuen Buch „Gesund leben mit dem Stoizismus“, dass jeder, der den Stoizismus praktiziert, mit großer Wahrscheinlichkeit seelisch gesund bleibt. Ebenso ist die Aussicht geringer, körperlich zu erkranken und die Chance höher als Kranker leichter wieder zu gesunden. Zugleich zeigt und beweist der Autor, dass der Stoizismus tatsächlich eine der effektivsten Methoden darstellt, die eigene Gesundheit günstig zu beeinflussen. Gerhard Gleißner schreibt: „Die Gelassenheit oder stoische Seelenruhe (altgriechisch „ataraxia“) ist das eigentliche Ziel allen stoischen Bemühens, sie führt uns zum glücklichen Leben.“ Die „ataraxia“ ist der Lohn dafür, wenn man es schafft, das Schicksal zu akzeptieren. Wem es gelingt, alles, was kommt, gelassen zu ertragen, ist ein guter Stoiker. Dr. med. Gerhard Gleißner ist seit 2014 als Amtsarzt und Gutachter im öffentlichen Gesundheitsdienst tätig.

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Viele sehnen sich nach Einzigartigkeit

Valentin Groebners neues Buch „Bin ich das?“ ist ein Blick in den historischen Spiegel. Er beantwortet darin unter anderem die Frage, woher der Wunsch vieler Menschen nach demonstrativer Einzigartigkeit kommt. Dabei recherchiert er leichtfüßig über den großen Wunsch, jemand ganz Besonderes zu sein – und das allen anderen auch zu zeigen. Valentin Groebner schreibt: „Reden über sich selbst als öffentliche Intimität ist im 21. Jahrhundert nicht nur Merkmal von Teilhabe und Offenheit, sondern gilt als unverzichtbar für privaten und beruflichen Erfolg.“ Geht das? Um welchen Preis? Davon handelt sein Buch. Valentin Groebner lehrt als Professor für Geschichte des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Luzern. Seit 2017 ist er Mitglied in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

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Der Markt regelt Angebot und Nachfrage

Nicht nur Wirtschaftstheoretiker, sondern auch Philosophen setzen sich für den Wettbewerb ein. In der Neuzeit etwa von Montesquieu über David Hume und Condorcet bis Immanuel Kant. Montesquieu spricht im „Esprit des Lois“ (Geist der Gesetze, 1748) von der zivilisierenden Kraft des „sanften Handels“. Denn dieser löst den Krieg der Leidenschaften durch den Kompromiss zwischen divergierenden Kräften ab. Otfried Höffe ergänzt: „Und nach Kant ist der Mensch dazu bestimmt, alle seine auf den Vernunftgebrauch abzielenden Naturanlagen vollständig zu entwickeln. Das geschieht wiederum außer durch gezielte Förderung mittels eines Wettbewerbs. Denn dieser erweckt „alle Kräfte des Menschen. Er bringt ihn dahin, seinen Hang zur Faulheit zu überwinden und, getrieben durch Ehrsucht, Herrschsucht oder Habsucht, sich einen Rang unter seinen Mitgenossen zu verschaffen“.“ Otfried Höffe ist Professor für Philosophie und lehrte in Fribourg, Zürich und Tübingen, wo er die Forschungsstelle Politische Philosophie leitet.

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Das Subjekt will einzigartig sein

Die digitalen Technologien transformieren, was es heißt, ein Subjekt zu sein. Andreas Reckwitz erläutert: „Sie unterwerfen das spätmoderne Selbst einer spezifischen Form von Singularisierung, die es zugleich selbst aktiv betreibt.“ Das Subjekt arbeitet nun an sich selbst als etwas Einzigartigem. Die Außenwelt betrachtet es als potenziell Singuläres. Andreas Reckwitz unterscheidet zwei Formen der Singularisierung des Subjekts. Erstens die kulturelle Singularisierung seiner öffentlichen Darstellung, die von einem Publikum zertifiziert wird. Zweitens die maschinelle Singularisierung des Subjekts, die gewissermaßen „hinter seinem Rücken“ abläuft. In beiden Prozeduren werden Subjekte als einzigartige fabriziert, und zwar als eine modularische oder kompositorische Singularität. Diese ergibt sich dadurch, dass sie aus einzelnen unterschiedlichen Elementen – Modulen – zusammengesetzt wird. Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder.

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Jeder Mensch kann Schönheit wahrnehmen

Die Suche nach Schönheit kennt Wege der Übung. Wer von einem Lob der Meisterschaft ausgeht, für den liegt es nahe, die buddhistische Tradition zu betrachten. Einige ihrer Aspekte haben großen Einfluss auf die Fähigkeit, Schönheit wahrzunehmen und zu schaffen. Frank Berzbach nennt ein Beispiel: „Geradezu ein Trend wurde ein isolierter Aspekt des Edlen achtfachen Pfades.“ Im Pali-Kanon findet sich der Begriff „sati“, und meist wird er mit Achtsamkeit übersetzt. Gewahrsein, Umsicht, Bewusstheit oder Wachheit bezeichnen ihn aber besser. Damit ist weder Wellness noch Entspannung gemeint. Man versteht darunter, die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit wertfrei im gegenwärtigen Moment zu halten. Zugleich darf man allerdings nicht die eigenen Gedanken, Gefühle und den Körper aus dem Blick verlieren. Dr. Frank Berzbach unterrichtet Psychologie an der ecosign Akademie für Gestaltung und Kulturpädagogik an der Technischen Hochschule Köln.

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Es gibt eine Parallelwelt der Affekte

Der Bestandteil des menschlichen Geistes, der wie es scheint, das Dasein eines Menschen beherrscht, betrifft die tatsächliche oder aus dem Gedächtnis abgerufene Welt. Sie setzt sich zusammen aus ihren menschlichen oder nichtmenschlichen Gegenständen und Ereignissen. Diese sind in den unzähligen Bildern aller Sinneskanäle repräsentiert. Häufig übersetzt man sie in verbale Sprache und strukturiert sie in Narrativen. Antonio Damasio fügt hinzu: „Und doch gibt es bemerkenswerterweise auch eine mentale Parallelwelt, die alle diese Bilder begleitet und häufig so unterschwellig ist, dass sie für sich keinerlei Aufmerksamkeit fordert. Gelegentlich wird sie aber auch so bedeutsam, dass sie den Weg des hervorstechendsten Teils unseres Geistes verändert und manchmal fesselt. Dies ist die Parallelwelt der Affekte.“ Antonio Damasio ist Professor für Neurowissenschaften, Neurologie und Psychologie an der University of Southern California und Direktor des dortigen Brain and Creative Institute.

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Um Werte finden Kulturkämpfe statt

Andreas Reckwitz ist der festen Überzeugung, dass nicht nur der Begriff der Kultur renoviert gehört. Sondern auch der Begriff des Wertes ist zu entstauben. Nur dann ist er für die zeitgenössische Soziologie und Kulturtheorie interessant: „Unter Werten versteht man nicht neukantianisch ein Wertesystem, das der Praxis vorausgeht und sie motivational anleitet. Es geht nicht darum, dass einzelne Menschen oder ein Geschlecht bestimmte Werte haben.“ Werte muss man als Teil von gesellschaftlichen Zirkulationsdynamiken interpretieren. Diese sind ergebnisoffen und häufig konflikthaft – hier finden Kulturkämpfe statt. In der Sphäre der Kultur zirkulieren nicht nur Kunstwerke, attraktive Städte und bewundernswerte Individuen. Sie bringt auch Müll hervor. Die meisten Einheiten des Sozialen, denen die Singularisierung nicht gelingt – den Dingen, die nicht einzigartig erscheinen, oder den Menschen, denen Originalität fehlt, zum Beispiel –, bleiben in der Kultursphäre unsichtbar. Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder.

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Oxytocin wirkt direkt auf die Amygdala

Bei einer Frau wird bei der Geburt ihres Kindes eine ganz bestimmte Substanz ausgelöst: Oxytocin wird im Nebenhirn kurz vor der Geburt in großen Mengen produziert. Selbst Männer kriegen eine ganze Menge davon ab. Wenn sie im Kreißsaal anwesend sind, eine etwa dreifach höhere Dosis als in der Kneipe. Matthias Horx erklärt: „Oxytocin ist eine Art „Lagerfeuer-Wirkstoff“. Der hat schon unseren Vorfahren dabei geholfen, sich gemeinsam am Feuer zu entspannen, Konflikte zu dämpfen, sich miteinander gut zu fühlen.“ Oxytocin lässt auch Tiere die Nähe ihrer Artgenossen suchen und blockiert Angst- und Fluchtreaktionen. Beim Menschen wirkt es direkt auf die Amygdala, den sogenannten „Mandelkern“. Dieser steuert die Reaktionen bei Angst und in Fluchtsituationen. Matthias Horx ist der profilierteste Zukunftsdenker im deutschsprachigen Raum.

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Kurznachrichten hemmen das Denken

Denken braucht Konzentration, die ihrerseits ungestörte Zeit erfordert. Wer sich dem reißenden Strom der Kurznachrichten öffnet, dessen Konzentration wird im Nu weggeschwemmt sein. Rolf Dobelli ergänzt: „News machen einen seichten Denker aus Ihnen. Aber nicht nur das. Sie beeinträchtigen Ihr Gedächtnis.“ Es gibt zwei Arten von Gedächtnis. Das Langzeitgedächtnis besitzt eine hohe Speicherkapazität, während das Arbeitsgedächtnis nur wenig aufnehmen kann. Der Weg vom Arbeits- zum Langzeitgedächtnis führt durch einen Engpass im Gehirn. Was immer ein Mensch verstehen möchte, es muss diesen Punkt passieren. Das geht bei abstrakten Informationen nur über Konzentration. Weil Kurznachrichten die Konzentration stören, schwächen sie aktiv das Verstehen. Der Bestsellerautor Rolf Dobelli ist durch seine Sachbücher „Die Kunst des klaren Denkens“ und „Die Kunst des klugen Handelns“ weltweit bekannt geworden.

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Der Populismus macht sich zum Anwalt der Beleidigten

Der Populismus bezieht sich unter anderem auf die negativen Gefühle, die beim Brüchigwerden von Einbindungen freigesetzt werden. Er bezieht sich auf Kränkungserfahrungen. Isolde Charim erläutert: „Diese sind wesentlich an die Veränderungen gebunden, die mit der Pluralisierung der Gesellschaft einhergehen.“ Früher war der Anhänger des Populismus Teil der Gruppe, die fürs Ganze stand, er war Teil jener, die vorgaben, was Normalität ist. Und nun, zurückgeworfen auf seine Einzelheit, auf sein prekarisiertes Weniger-Ich, fühlt er sich nicht gehört, vergessen, unverstanden, ausgeschlossen, entmächtigt. Die Reaktion darauf ist das grundlegende Begehren nach Anerkennung. Es geht dabei nicht darum, ob der Populismus dieses Begehren erfüllt. Es geht auch nicht darum, ob diese Kränkung berechtigt ist. Es geht darum, dass der rechte Populismus genau hier einhakt – und sich zum Advokaten der Beleidigten macht. Die Philosophin Isolde Charim arbeitet als freie Publizistin und ständige Kolumnistin der „taz“ und der „Wiener Zeitung“.

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Die Leistung der Pseudo-Elite ist praktisch nicht vorhanden

Die Leistungselite ist überall vertreten. Leiter trifft das auch auf die sogenannte Pseudo-Elite zu. Dabei handelt es sich um Menschen, die eine hohe Meinung von sich selbst haben, ihre Leistung und Kompetenz deutlich überschätzen, aber tatsächlich höchstens Durchschnittliches leisten. Es geht dabei ausdrücklich nicht um Personen, die bereits an ihrer Leistungsgrenze arbeiten – viele werden durch die Umstände der modernen Arbeit praktisch dazu gezwungen. Evi Hartmann redet auch nicht von Menschen, die nicht no zusätzliche Leistung erbringen können, weil sie keine Kapazität mehr frei haben: „Darum geht es nicht, wenn wir „Pseudo-Elite“ sagen. Es geht um Menschen, die zweifelsfrei mehr leisten könnten, die noch Spielräume haben. Doch anstatt diese produktiv zu nutzen, machen sie sich lieber einen lauen Lenz.“ Prof. Dr.-Ing. Evi Hartmann ist Inhaberin des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Supply Chain Management, an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg.

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Die meisten Menschen führen ein weitgehend vermitteltes Dasein

Die Vorstellung von menschlicher Vortrefflichkeit zielt auf einen starken, unabhängigen Geist, der seine Möglichkeiten vollkommen ausschöpft. Eine solche Unabhängigkeit erlangt ein Mensch durch disziplinierte Aufmerksamkeit, durch Handeln, das ihn mit der Welt verbindet. Diese Aufmerksamkeit ist wichtig, um das Selbst in Übereinstimmung mit seiner Umwelt zu bringen. Matthew B. Crawford erklärt: „Wir sind in einer Welt verankert, die wir nicht gemacht haben – und diese „Situiertheit“ ist grundlegend für das menschliche Wesen.“ Matthew B. Crawford streicht drei Elemente der Situiertheit heraus: die Verkörpertheit des Menschen, seine zutiefst soziale Natur und die Tatsache, und dass er in einem bestimmten historischen Moment lebt. Außerdem möchte Matthew B. Crawford „Freiheit“ als positiven Begriff einfach fallen lassen. Matthew B. Crawford ist promovierter Philosoph und gelernter Motorradmechaniker.

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Kein Mensch kann multitasken

Die Meinungen der Menschen über aktuelle Ereignisse wurden und werden zutiefst vom Internet beeinflusst. Viele Menschen lassen sich auf einen ständigen Nachrichtenstrom ein, der zweifellos beeinflusst, wie sie die Welt sehen, und auch prägt, auf welche Weise sie einander ihre Erfahrungen mit der Welt mitteilen. Julia Shaw weiß: „Soziale Medien steigern unsere Möglichkeiten, unabhängige Bestätigungen dafür zu finden, dass unsere Erinnerungen stichhaltig sind, haben aber auch das Potenzial, sie zu verfälschen und zu verzerren.“ Menschen denken über Dinge nach, die sich gerade ereignet haben, sie dokumentieren Dinge, von denen sie denken, sie würden die meisten Likes bekommen, sie filtern ihr Leben so, dass es erstrebenswert und interessant aussieht. Die Rechtspsychologin Julia Shaw lehrt und forscht an der London South Bank University.

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Fake-News sind der Versuch einer gezielten Verwirrung

Bei aller Unsicherheit ist eines sicher: Irgendwo da draußen wird gerade jetzt, in diesem Moment, ziemlich intensiv daran gearbeitet, die traditionelle Idee einer Nachricht, Inbegriff seriöser Information, nach allen Regeln der Kunst zu zersetzen. Bernhard Pörksen erläutert: „Es kursieren in den sozialen Netzwerken jede Menge frei erfundene Behauptungen, die als Nachrichten präsentiert und als solche ausgeflaggt werden.“ Die Welt der Fake-News bildet eine eigene Realitätssphäre, ein sehr spezielles, von Fieberschüben der Erregung geprägtes Sinnbiotop, in dem das Drama die neue Normalität geworden ist und die spektakuläre Enthüllung zur alltäglichen Erfahrung. Wie aber funktioniert das Geschäft mit den Falschnachrichten? Das zentrale Prinzip ist der Versuch einer gezielten Verwirrung, die letztlich die Unterscheidbarkeit von belegbaren Annahmen und bloßen, gänzlich haltlosen Gerüchten unterminiert. Prof. Dr. Bernhard Pörksen lehrt Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.

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Der Narzissmus beginnt beim Spiegelphänomen

Respektiert und ernst genommen zu werden: Dies ist es, was in einer gelingenden Entwicklung an die Stelle des kindlichen Narzissmus tritt. Allerdings erzeugt der mediale Darwinismus, in dem es primär um Aufmerksamkeit geht, eine brutale Grundsituation. Die Mängel an Aufmerksamkeit, gegenüber von Kleinkindern, zum Beispiel auf Spielplätzen, legen nahe, dass seine Majestät, das Baby, in Gefahr steht, genau das immer weniger zu sein. Georg Milzner stellt folgende Frage: „Denn was hilft es einem Kind, wenn es ständig als toll und besonders gelobt wird, ihm andererseits aber mit der Aufmerksamkeit die Grundressource des seelischen Wachstums genommen wird?“ Jene Aufmerksamkeit, die man seinen wichtigsten Bezugspersonen gibt, lässt sich als „erweiterte Selbstaufmerksamkeit“ begreifen. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.

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Der Narzissmus erzeugt ein künstliches Selbst

Der amerikanische Journalist David Brooks setzt den Narzissmus mit Egomanie gleich. Seine Abhandlung „Charakter“ stellt die Menschen und insbesondere die Jugend der Gegenwart als egoorientierte, sich selbst vermarktende, kaum mehr Werten verpflichtete Wesen dar. Georg Milzner ergänzt: „Von ihren Eltern dahingehend geprägt, sich selbst als besonders und wertvoll anzusehen, betrachten sie, so Brooks, das Leben als etwas, das ihnen Erfüllung bieten soll, anstatt sich zu fragen, was das Leben und die Erfordernisse von ihnen verlangen könnten.“ David Brooks stellt die Wertfrage auf eine Weise, die in der Betrachtung der jungen Generation vor allem zu Abwertungen führt. Indem er bedeutende amerikanische Beispiele für Mut, Opferbereitschaft und Solidarität bemüht, erscheinen die Menschen unserer Tage als gierige Selbstbefriediger, denen jegliches Gefühl für echte Werte fehlt. Georg Milzner ist Diplompsychologe und arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeut.

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