Die Evolution des menschlichen Gehirns war zweifellos der Hauptantrieb für den einzigartigen Aufstieg der Menschheit. Nicht zuletzt, weil sie dazu beitrug, den technologischen Fortschritt anzustoßen. Also immer ausgefeiltere Wege zu finden, die natürlichen Materialien und Ressourcen zum Vorteil der Menschen zu nutzen. Oded Galor fügt hinzu: „Diese Fortschritte wiederum prägten künftige evolutionäre Prozesse und ermöglichten es den Menschen, sich erfolgreich an ihre sich verändernde Umwelt anzupassen.“ Zudem erlangten sie die Fähigkeit neue Technologien zu entwickeln und zu nutzen – ein sich wiederholender und verstärkender Mechanismus, der zu immer größeren technischen Sprüngen führte. Insbesondere geht man davon aus, dass der zunehmende virtuose Umgang mit Feuer, der die frühen Menschen in die Lage versetzte, ihre Nahrung zu kochen, ein zusätzliches Wachstum des Gehirns anregt. Der renommierte Ökonom Oded Galor untersucht in seinem neuen Buch „The Journey of Humanity“ die Entwicklungen die zu Wohlstand und Ungleichheit führten.
Wissenschaft
Zu den Seuchenbeschleunigern gehören die sozialen Medien
Eine der größten Errungenschaften der Menschheit ist die Seuchenbekämpfung durch präventive, kontrollierte Immunisierung, vergleichbar nur mit der Entdeckung der Antibiotika. Eva Menasse ergänzt: „Impfung und Antibiotika gemeinsam halfen, viel mehr Erreger zurückzudrängen und auszurotten, viel mehr Epidemien zu verhindern, als neue ausbrechen konnten. Auch daher die jahrzehntelange Ruhe und vermeintliche Sicherheit, auch daher die große Überraschung im Jahr 2020, dass es so etwas wie einen globalen Krankheitsausbruch überhaupt noch geben kann.“ In einem Gastkommentar, der eigentlich von den dramatischen Zuständen auf deutschen Intensivstationen handelte, versteckte der Münchner Intensivmediziner Matthias Baumgärtel eine bedeutsame These: „Zu den Seuchenbeschleunigern gehören die sogenannten sozialen Medien.“ Hätte es in den 60er und 70er Jahren schon das Internet gegeben, wäre es wahrscheinlich nicht gelungen, die Pocken auszurotten. Die Romane der österreichischen Schriftstellerin Eva Menasse sind vielfach ausgezeichnet worden.
Der Hintergrund der Wirklichkeit ist geistiger Art
Der US-amerikanische Denker und Linguist Noam Chomsky weist darauf hin, dass die Menschheit mit dem Zusammenbruch des mechanistischen Weltbildes einen greifbaren Begriff der Materie verloren hat. Aus dem klassischen cartesischen Dualismus von Geist und Materie ist keinesfalls der Geist verschwunden, sondern die Materie. Fabian Scheidler ergänzt: „Das Rätsel vom „Gespenst in der Maschine“ hat sich aufgelöst, weil es die Maschine gar nicht gibt.“ Es habe, so Noam Chomsky, daher auch keinen Sinn mehr, vom „Leib-Seele-“ oder „Körper-Geist-Problem zu sprechen. Denn die Rede von physikalischen Körpern hat ihren einstigen Gehalt verloren. Der deutsche Physiker Hans-Peter Dürr formuliert dies so: „Der eigentliche Hintergrund der Wirklichkeit ist nicht materieller Art, sondern geistiger Art. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.
Die Menschen waren in das lebendige Netz der Natur eingebettet
Selbst wenn Forscher nicht so unmittelbar in die kapitalistische Expansion verstrickt waren wie etwa Robert Boyle oder Francis Bacon, so atmeten sie doch die Weltanschauung der Schicht, in der sie verkehrten und von der sie bezahlt wurden, täglich mit ein. Fabian Scheidler ergänzt: „Und diese Geisteshaltung war stark von einer Kultur der Berechnung geprägt. Die Welt war zu einem Spielfeld aus Ressourcen und Risiken geworden, auf dem es galt, sich durch geschicktes Kalkül möglichst viel anzueignen.“ Die Natur wurde so von einem lebendigen Netz, in das die Menschen eingebettet waren, Schritt für Schritt zu einem Objekt, das ihnen gegenüberstand. Die Epoche der Renaissance, in der sich das neue System formierte, war geprägt von diesem fundamentalen kosmologischen Umbruch. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.
Die Idee einer schrittweisen Veränderung von Lebewesen ist uralt
In allen Kulturen gibt es Erzählungen davon, wie Leben entstanden ist und sich entwickelt hat. Fabian Scheidler weiß: „Dabei ist die Idee einer schrittweisen Veränderung von Lebewesen keineswegs erst von europäischen Forschern zu Zeit Charles Darwins aufgebracht worden.“ Der chinesische Daoismus etwa kannte schon vor mehr als 2000 Jahren die Vorstellung, dass sich Arten fortwährend verändern. Anaximander, ein griechischer Philosoph des 6. Jahrhunderts v. Chr., ging ebenfalls von fortlaufenden Metamorphosen der Lebewesen aus. Er nahm außerdem an, dass das Leben im Wasser entstanden ist. Der arabisch-andalusische Philosoph Ibn Chaldun aus Tunis vertrat im 14. Jahrhundert die Ansicht, dass sich Menschen aus Affen entwickelt haben könnten. Im Gegensatz dazu steht die Vorstellung, dass die Tier- und Pflanzenarten sowie der Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrer jetzigen Form geschaffen wurden und sich nicht wesentlich verändern. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.
Die Menschheit muss die Begrenztheit der Erde akzeptieren
Fortschritt hat viele Facetten, und das schon seit vielen Jahrhunderten. Petra Pinzler betont: „Eines aber ist heute wichtiger als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte: Modere Fortschrittskonzepte dürfen die Planeten nicht mehr als etwas betrachten, das man einfach ausbeuten kann.“ Die Begrenztheit der Erde zu akzeptieren und als Rahmen zu begreifen, muss die Grundlage jeder modernen Konzeption von Fortschritt sein. Ist das nicht der Fall, trägt die Innovation früher oder später zum Untergang bei. Oder konkreter formuliert: Es ist kein Fortschritt, wenn in ein paar Jahrzehnten einige wenige Menschen 200 Jahre alt werden, viele Hunderte Millionen aber vor Hitze, Dürren und Überflutungen flüchten müssen. Petra Pinzler arbeitet als Hauptstadtkorrespondentin der Wochenzeitung „Die Zeit“. Sie schreibt zudem Bücher über Wirtschaft, Umwelt und Klimaschutz.
Manipulationen von Daten kommen in der Forschung immer wieder vor
Armin Falk glaubt, die Spannung zwischen Moral und Ehrgeiz ist vielen von uns vertraut, und oft können wir der Versuchung zu brillieren nicht widerstehen: „Etwa in der Wissenschaft immer dann, wenn Forschung mit potenziell schädlichen Folgen betrieben wird oder derartige Folgen ausgeblendet werden.“ Oder nehmen wir die vielen Fälle, wo Manipulationen der Daten oder die Verletzung wissenschaftlicher Standards erfolgten mit dem Ziel, ruhmreiche Publikationen vorzuweisen und Karrieren zu begründen. Ein eindrucksvolles Beispiel ist der Fall des niederländischen Sozialpsychologen Diederik Stapel. Im Zuge seiner steilen wissenschaftlichen Karriere nahm er 2006 eine Professur an der Universität Tilburg an, baute dort sein eigenes Labor auf und wurde schließlich Dekan der dortigen School of Social und Behavioral Sciences. Armin Falk leitet das Institut für Verhaltensökonomik und Ungleichheit (briq). Außerdem ist er Direktor des Labors für Experimentelle Wirtschaftsforschung sowie Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn.
Wissenschaft führt zu enormen Fortschritten
Für einen Wissenschaftler ist es ein fundamentaler Bestandteil seines Berufs, Dinge neu zu durchdenken. Er wird dafür bezahlt, sich ständig der Grenzen seiner Erkenntnis bewusst zu sein. Man erwartet von ihm, das anzuzweifeln, was er weiß, neugierig auf das zu sein, was er nicht weiß, und seine Ansichten auf der Basis neuer Daten zu aktualisieren. Adam Grant stellt fest: „Allein im letzten Jahrhundert hat die Anwendung wissenschaftlicher Prinzipien zu enormen Fortschritten geführt. Biowissenschaftler haben Penicillin entdeckt. Raketenwissenschaftler uns zum Mond geschickt. Computerwissenschaftler das Internet geschaffen.“ Wissenschaftler zu sein ist jedoch nicht einfach nur ein Beruf. Es ist eine Geisteshaltung – eine Denkweise, die sich vom Predigen, vom Anklagen und vom politischen Aktionismus unterscheiden. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der Wharton Business School. Er ist Autor mehrerer internationaler Bestseller, die in 35 Sprachen übersetzt wurden.
Die Aufklärung ist nicht frei von Widersprüchen
Wie die Aufklärung selbst, ist auch die Person Isaac Newtons nicht frei von scheinbaren Widersprüchen. So studierte beispielsweise derselbe Newton, welcher der Kirche suspekt war und im Ruf des Ketzers stand, intensiv die Bibel. Er hinterließ theologische Manuskripte, die an Umfang alle seine wissenschaftlichen Werke übertreffen. Jürgen Wertheimer stellt fest: „So war der größte Naturwissenschaftler dieses Zeitalters zugleich ein Mystiker.“ Isaac Newton verfasste einen Kommentar zur Apokalypse und behauptete, der darin angekündigte Antichrist sei der römische Papst. Newtons Geist war eine Mischung aus Galileo Galileis Mechanik und Johannes Keplers kosmischen Gesetzen und Jacob Böhmes Gottesglauben. Er wurde nach einer von Staatsmännern, Edelleuten und Gelehrten gehaltenen Trauerfeier auf einer von Herzögen und Earls begleiteten Bahre in der Westminster Abtei zu Grabe getragen. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.
Die Generation Y mischte am Ende Arbeit und Freizeit extrem intensiv
Work-Life-Fit nennt sich das Modell, nach dem viele Angehörige der Generation Y streben: Freizeit, Privates und Arbeit sollten sich wie ein Puzzle ineinanderfügen. Rüdiger Maas weiß: „Dies wussten viele Arbeitgeber schnell für sich zu nutzen: Mach ein Praktikum bei uns, such deinen Sinn und arbeite gleich bis zehn Uhr abends. Und dann lass uns noch gemeinsam ein Feierabendbier trinken.“ Latte Macchiato mit laktosefreier Biomilch wird tagsüber gestellt, dafür soll man seine E-Mail bitte auch nach Dienstschluss checken, falls einen solchen überhaupt gibt. Gehalt bekommt man dann nach dem Praktikum, falls man übernommen werden sollte. Die Generation Y mischte am Ende Arbeit und Freizeit so intensiv, dass aus Work-Life-Balance schließlich ein Work-Life-Blending wurde. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer und Leiter eines Instituts für Generationenforschung.
Gesundheit hat auch etwas mit dem subjektiven Wohlbefinden zu tun
Wie lässt sich Gesundheit definieren? Am bekanntesten ist vermutlich die Formulierung der Weltgesundheitsorganisation (WHO): „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefinden und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ Neben dem sehr weit gefassten, über den körperlichen Aspekt hinausgehenden Verständnis von Gesundheit findet Axel Braig an dieser Formulierung vor allem bemerkenswert, dass sie den eher subjektiven Begriff des Wohlbefindens verwendet. Andererseits hatte Axel Braig Medizin studiert, um sich ein wissenschaftliches Handwerkszeug zu verschaffen, Krankheiten zu erkennen und zu heilen oder zumindest zu lindern. Tatsächlich suchen Patienten in vielen Situationen eine ganz bestimmte Leistung, bei der es darauf ankommt, dass diese den derzeit geltenden Standards entspricht. Axel Braig wandte sich nach Jahren als Orchestermusiker und Allgemeinarzt erst spät noch einem Philosophiestudium zu.
Erfahrungen der Ekstase werden als Glücksgefühl empfunden
Racha Kirakosian schreibt: „Kontrollverlust, Entgrenzung, Ich-Verlust, Transzendenzerfahrung: Das ist nur eine kleine Auswahl von Zuständen, die Menschen nennen, wenn sie bewusstseinsüberschreitende Erlebnisse schildern. Bei wiedererlangtem vollem Bewusstsein wird das Erfahrene als Glücksgefühl bezeichnet.“ Es gibt noch ein anderes Wort für das Erlebte, das, so schwammig es zu sein scheint, erstaunlich oft zum Einsatz kommt, wenn es um die erwähnten Zustände geht: Ekstase. Ekstase ist so etwas wie ein Oberbegriff, doch verbirgt sich dahinter weit mehr als ein leeres Sammelbecken. Gerade weil Ekstase selbst erratisch und unglaubwürdig ist, unsagbar und empfindlich, bietet sich für Racha Kirakosian genau das an: den Bogen weit spannen, um zu versuchen, einem der verbreitetsten geistigen und körperlichen Phänomene der Menschheit auf die Spur zu kommen. Racha Kirakosian bekleidet eine Professur für Mediävistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
Frauen bekommen heute viel weniger Kinder als in der Vergangenheit
Viele Menschen sind besorgt, dass die Weltbevölkerung noch immer weiter schnell wächst, dass es zu einem exponentiellen Bevölkerungswachstum kommt, das außer Kontrolle gerät. Hannah Ritchie erhebt Einspruch: „Das stimmt nicht. Die Wachstumsrate der Weltbevölkerung, also die Veränderung von einem Jahr zum nächsten, hat ihren Höhepunkt schon vor langer Zeit erreicht. In den 1960er-Jahren stieg sie um mehr als 2 Prozent jährlich. Doch seitdem hat sich die Rate mehr als halbiert, auf 0,8 Prozent im Jahr 2022.“ Für ein exponentielles Bevölkerungswachstum müsste die Wachstumsrate bi 2 Prozent jährlich bleiben. Der Rückgang ist dadurch bedingt, dass Frauen viel weniger Kinder bekommen als in der Vergangenheit. Während des größten Teils der Menschheitsgeschichte war es nicht ungewöhnlich, fünf Kinder oder mehr zu haben. Dr. Hannah Ritchie ist Senior Researcher im Programm für globale Entwicklung an der Universität Oxford.
Verwandlungen gibt es in Hülle und Fülle
Die Metamorphose ist außerdem eine Allegorie der Läuterung. Emanuele Coccia erklärt: „Wie die Insekten ihren alten Körper ablegen, so müssen auch die Menschen ihre alte Lebensweise ablegen, um eine neue anzunehmen.“ Dieser ziemlich radikale Vergleich lässt sich mühelos umkehren. Die Metamorphose wäre dann eine binnenweltliche Auferstehung und fände immer dann statt, wenn der Körper eines Menschen seine Gestalt verändert. Voltaire verwies darum auf die „Verwandlungen, die es auf der Erde in Hülle und Fülle gibt“, als Figuration der Seelenwanderung und der Reinkarnation. In der zeitgenössischen Entomologie wird diese Auferstehung oder Reinkarnation, die in einem einzigen Leben stattfindet, eine ganz andere Wendung nehmen. Emanuele Coccia ist Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.
Innovationen öffnen scheinbar alle erdenkliche Türen
Moderne Gesellschaften sind besessen von Innovationen. Ende 2019 zeigte Google 3,21 Milliarden Treffer für die Suchanfrage „Innovation“ an, deutlich mehr als für „Terrorismus“ (481 Millionen), „Wirtschaftswachstum“ (rund eine Milliarde) oder „Globale Erwärmung“ (385 Millionen). Vaclav Smil schreibt: „Wir sollen glauben, dass Innovationen alle erdenklichen Türen öffnen: zu einer durchschnittlichen Lebenserwartung weit jenseits der 100 Jahre, zur Verschmelzung von menschlichem Bewusstsein mit künstlicher Intelligenz, zur kostenfreien Nutzung von Sonnenenergie.“ Ein so unkritischer Kniefall vor dem Altar der Innovation ist in zweierlei Hinsicht fehlgeleitet: Er ignoriert die Geschichte großartiger Projekte, die gescheitert sind, nachdem gigantische Summen in die Forschung investiert worden waren. Und er liefert keine Antwort auf die Frage, warum wir so oft an einer nicht optimalen Praxis festhalten, selbst wenn wir wissen, dass eine bessere Alternative existiert. Vaclav Smil ist Professor für Umweltwissenschaften an der University of Manitoba.
Nach und nach wird die Bedeutung des Gehirns erkannt
Es gibt wichtige Meilensteine auf dem Weg zu einem wissenschaftlichen Konsensus über die Bedeutung des Gehirns. So beispielsweise in den Arbeiten des englischen Anatomen William Harvey, der als erster den Blutkreislauf dokumentierte. Vor dieser Erkenntnis herrschte der Glaube, dass der Körper das Blut ständig verbraucht. Daher muss ständig neues Blut produziert werden. Jakob Pietschnig fügt hinzu: „Nun ließ sich feststellen, dass ein und dasselbe Blut ständig durch den Körper zirkuliert und von dem Herzen als Pumpe in Bewegung gehalten wird.“ Diese neue Vorstellung vom Körper hatte Auswirkungen darauf, wie man sich die Funktionsweise des Gehirns zusammenreimte. Insbesondere der französische Philosoph und Naturwissenschaftler René Descartes (1596 – 1650) war von dieser Erkenntnis beeindruckt. Jakob Pietschnig lehrt Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Wien.
Das Nachdenken über die Zukunft steigert das Wohlbefinden
Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass die Zukunft keine ferne Zeit ist, sondern das, was die Menschen heute über sie denken, fühlen und tun. Florence Gaub ergänzt: „Studien belegen, wie viel der Mensch über die Zukunft nachdenkt – viel –, wie weit er in die Zukunft reist – nicht sehr weit – und dass dies sein Wohlbefinden steigert.“ Es gibt sogar Studien, die zeigen, dass eine Zukunft umso wahrscheinlicher wird, je mehr man sie sich vorstellt. Das ist nicht nur Pop-Psychologie: Sobald das Gehirn auf ein Ziel fixiert ist, filtert es alles andere auf dem Weg dorthin heraus. Aber am wichtigsten ist vielleicht, dass das Gehirn keinen Unterschied zwischen der täglichen Zukunft und der des Planeten macht. Dr. Florence Gaub ist Politikwissenschaftlerin, Militärstrategin und Zukunftsforscherin. Sie leitet als Direktorin den Forschungsbereich NATO Defense College in Rom.
Das Bewusstsein ist nach wie vor ein Rätsel
Zunächst einmal erscheint es offensichtlich, dass Innen- und Außensicht nicht unabhängig voneinander existieren. Fabian Scheidler weiß zum Beispiel, dass bestimmte Empfindungs-, Wahrnehmungs- und Denkvermögen verschwinden oder erheblich beeinträchtigt sind, wenn man entsprechende Teile des Nervensystems beschädigt oder zerstört. Wenn bei einem Menschen die Nerven der Hand durchtrennt sind, kann er zwar noch Phantomschmerz empfinden, aber nicht mehr die Wärme und das Gewicht einer anderen Hand auf der seinen spüren. Verletzungen bestimmter Hirnregionen wirken sich auf die Wahrnehmungs-, Sprach- und Bewegungsfähigkeiten der Betroffenen aus. Bildgebende Verfahren haben diese Erkenntnisse in den vergangenen Jahrzehnten erheblich präzisiert. Sie haben gezeigt, dass bestimmte lokalisierbare Hirnregionen für spezialisierte Funktionen unverzichtbar sind. Angeregt von diesen Untersuchungen haben viele Biologen geglaubt, es ließe sich ein anatomisch umgrenztes Substrat des Bewusstseins finden. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.
Der Astronomie gelang eines der ersten Big Data-Projekte
Astronomie ist die Wissenschaft, die ihre Forscher jahrhundertelang zur Nachtarbeit zwang. Gerd Gigerenzer fügt hinzu: „Und sie ist die erste Wissenschaft, die eines der ersten Big Data-Projekte durchführte. „Carte du Ciel“ – Himmelskarte –, ein 1887 in Paris begonnenes Projekt, bildete zwei Millionen Sterne mithilfe von 20.000 Fotoplatten des Nachhimmels ab, dokumentiert in Hunderten von Bänden veröffentlichter Daten.“ Dieses Unterfangen verdiente wahrhaftig den modernen Begriff „Big Science“, hat es doch die begrenzten materiellen und zeitlichen Ressourcen, die den Observatoren sowie Generationen von Forschern zur Verfügung standen, fast restlos verschlungen. Diese enorme Anstrengung war nur durch internationale Zusammenarbeit und der Nutzung der Sternwarten von Helsinki über das Kap der guten Hoffnung bis Sydney möglich. Gerd Gigerenzer ist ein weltweit renommierter Psychologe. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.
Innovationen sind wie Vorboten einer goldenen Zukunft
Neue Technologien erzeugen nicht nur eine kurze, vergängliche Euphorie, weil sie den Horizont des Bekannten übersteigen. Christian Uhle ergänzt: „Sie sind auch mit ausgesprochenen oder unausgesprochenen Versprechen eines besseren Lebens verbunden. Innovationen glänzen verheißungsvoll, sie sind wie Vorboten einer goldenen Zukunft.“ In Werbespots oder Zukunftsvisionen werden diese Versprechen unmittelbar sichtbar. An anderen Stelle schwingen sie unausgesprochen mit, narrative Tiefenstruktur des sogenannten Fortschritts. Man kann diese Entwicklung besser verstehen und bewusster gestalten, wenn man diesen Treibstoff unter die Lupe nimmt. In seinem Buch „Künstliche Intelligenz und echtes Leben“ geht Christian Uhle einigen dieser Technologieversprechen – und insbesondere solchen eines sinnerfüllten Lebens – nach. Er versucht sie einzuordnen und überlegt, ob sie realistisch sind und wir tatsächlich auf eine bessere Zukunft zusteuern oder ob es leere, trügerische Versprechen sind, die uns an der Nase herumführen. Der Philosoph Christian Uhle hat als Wissenschaftler zu gesellschaftlichen und technologischen Transformationen geforscht.
Die Rettung des Planeten verlangt internationale Anstrengungen
Joachim Bauer schreibt: „Eine der Lehren aus der ökologischen Lage der Erde ist, dass wir eine ungeheure internationale Anstrengung unternehmen müssen, um die Rettung des Planeten ins Werk zu setzen.“ Die Ziele, zu denen der Weg der internationalen Gemeinschaft führen muss, finden sich in den Global Development Goals (GDG) der Vereinten Nationen. Das vorzugsweise von Klimaleugnern an die Wald gemalte Schreckgespenst einer Ökodiktatur wird weder vorgeschlagen noch von irgendjemandem verfolgt. Aufseiten der Wirtschaft wird die Dringlichkeit der Situation nur von ihren fortschrittlichen Vertretern erkannt. Um die Marktwirtschaft in Richtung ökologischer Werte umzuorientieren und eine an ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit orientierte Politik durchzusetzen, bedarf es des massiven politischen Drucks von unten. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Durch Grenzen werden Ereignissräume abgesteckt
Fritz Breithaupt stellt fest: „Menschen machen bessere Vorhersagen innerhalb einer Episode beziehungsweise innerhalb einer Situation im Vergleich zu Vorhersagen über mehrere Situationen hinweg. Das deutet darauf hin, dass die möglichen Ereignisse innerhalb einer Episode als kohärent oder passend verstanden werden.“ Diese Vorhersehbarkeit könnte allerdings auch ein Effekt der erhöhten Aufmerksamkeit auf die Dinge in einem Ereignisraum sein und muss sich nicht unbedingt der erhöhten Kohärenz verdanken. Sie kann möglicherweise sogar umgedreht erklärt werden: Die deutlich vorhersehbaren Ereignisse gehören in einen Ereignisraum, während die weniger vorhersehbaren Ereignisse in einen anderen Ereignisraum abgeschoben werden und also durch eine Grenze markiert werden. Durch die Grenzen werden Ereignissräume abgesteckt, über die man aktuell Wissen hat, während das Ungewisse nach außen exportiert wird. Fritz Breithaupt ist Professor für Kognitionswissenschaften und Germanistik an der Indiana University in Bloomington.
Die Evolution bringt grundsätzlich nichts Neues hervor
Fabian Scheidler weiß: „Selektion, welche Rolle sie in der Evolution auch spielen mag, bringt grundsätzlich nichts Neues hervor. Sie ist selbst nicht kreativ, sondern kann nur auswählen, was schon da ist.“ Die entscheidende Frage für das Verständnis der Evolution ist daher, wie Variation überhaupt zustande kommt. Wie entsteht Neues, und zwar auf eine Weise, welche die Entstehung der enormen Komplexität von Lebewesen erklären kann? Charles Darwin war sich schmerzhaft im Klaren darüber, dass er auf diese Frage keine Antwort hatte. Er nahm zunächst an, dass Variation ausschließlich durch zufällige Abweichungen zustande kommt, also vollkommen ungerichtet verläuft. Diese zufälligen Veränderungen würden sich gleichmäßig über die Zeit verteilen und so, in Kombination mit der Selektion, zu einem langsamen, graduellen Wandel von einer Art zur anderen führen. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.
Die 1880er Jahre waren die Blütezeit des menschlichen Erfindergeists
Nach Überzeugung der Leute, die fest an die Segnungen der elektronischen Welt glauben, haben uns die letzten Jahrzehnte des 20. und die ersten beiden Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts eine beispiellose Zahl epochaler Erfindungen beschert. Vaclav Smil sieht das anders: „Das ist freilich ein kategorialer Fehlschluss, handelt es sich doch bei den meisten technischen Neuerungen der letzten Jahrzehnte um Variationen zweier älterer grundlegender Erfindungen: des Mikroprozessors und der Funk- oder Radiowellen, die Teil des elektromagnetischen Spektrums sind.“ Immer leistungsfähigere und spezialisierte Mikrochips steuern heutzutage alles, vom Industrieroboter über den Autopiloten eines Passagierflugzeugs bis zu Küchenherden und Digitalkameras, und die weltweit populärste Marke für mobile Kommunikation nutzt ultrahochfrequente Funkwellen. Tatsächlich waren die vielleicht produktivste Blütezeit des menschlichen Erfindergeists die 1880er Jahre. Vaclav Smil ist Professor für Umweltwissenschaften an der University of Manitoba.
Die Kooperation scheint intrinsisch angelegt zu sein
Würden Sie nicht auch dichthalten und sich weigern, Ihren Komplizen zu verpfeifen? Ist das nicht eine Frage der Ehre? Hanno Sauer erklärt: „Selbst Diebe kennen Regeln, soll Cicero gesagt haben, und auch Studenten weigern sich fast immer, die Logik zweckrationalen Handelns anzuerkennen; sie müssen regelrecht dazu erzogen werden, die Vorteile nicht-kooperativen Verhaltens einzusehen.“ Wenn es Ihnen genauso geht, zeigt das, das Ihr moralischer Kompass funktioniert. Es bestätigt auch die These, dass kooperative Instinkte wahrscheinlich angeboren sind. Die Tatsache, dass Sie das gemeinschaftliche Handeln intuitiv attraktiv finden und gegenüber Trittbrettfahrern sogar Wut und Empörung verspüren, zeigt, dass die Evolution bei uns Menschen im Verlauf eines viele Millionen Jahre andauernden Lernprozess soziale Präferenzen installiert hat, die uns Kooperation als intrinsisch geboten erscheinen lassen. Hanno Sauer ist Associate Professor of Philosophy und lehrt Ethik an der Universität Utrecht in den Niederlanden.