Die Generation Y mischte am Ende Arbeit und Freizeit extrem intensiv

Work-Life-Fit nennt sich das Modell, nach dem viele Angehörige der Generation Y streben: Freizeit, Privates und Arbeit sollten sich wie ein Puzzle ineinanderfügen. Rüdiger Maas weiß: „Dies wussten viele Arbeitgeber schnell für sich zu nutzen: Mach ein Praktikum bei uns, such deinen Sinn und arbeite gleich bis zehn Uhr abends. Und dann lass uns noch gemeinsam ein Feierabendbier trinken.“ Latte Macchiato mit laktosefreier Biomilch wird tagsüber gestellt, dafür soll man seine E-Mail bitte auch nach Dienstschluss checken, falls einen solchen überhaupt gibt. Gehalt bekommt man dann nach dem Praktikum, falls man übernommen werden sollte. Die Generation Y mischte am Ende Arbeit und Freizeit so intensiv, dass aus Work-Life-Balance schließlich ein Work-Life-Blending wurde. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer und Leiter eines Instituts für Generationenforschung.

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Gesundheit hat auch etwas mit dem subjektiven Wohlbefinden zu tun

Wie lässt sich Gesundheit definieren? Am bekanntesten ist vermutlich die Formulierung der Weltgesundheitsorganisation (WHO): „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefinden und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ Neben dem sehr weit gefassten, über den körperlichen Aspekt hinausgehenden Verständnis von Gesundheit findet Axel Braig an dieser Formulierung vor allem bemerkenswert, dass sie den eher subjektiven Begriff des Wohlbefindens verwendet. Andererseits hatte Axel Braig Medizin studiert, um sich ein wissenschaftliches Handwerkszeug zu verschaffen, Krankheiten zu erkennen und zu heilen oder zumindest zu lindern. Tatsächlich suchen Patienten in vielen Situationen eine ganz bestimmte Leistung, bei der es darauf ankommt, dass diese den derzeit geltenden Standards entspricht. Axel Braig wandte sich nach Jahren als Orchestermusiker und Allgemeinarzt erst spät noch einem Philosophiestudium zu.

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Erfahrungen der Ekstase werden als Glücksgefühl empfunden

Racha Kirakosian schreibt: „Kontrollverlust, Entgrenzung, Ich-Verlust, Transzendenzerfahrung: Das ist nur eine kleine Auswahl von Zuständen, die Menschen nennen, wenn sie bewusstseinsüberschreitende Erlebnisse schildern. Bei wiedererlangtem vollem Bewusstsein wird das Erfahrene als Glücksgefühl bezeichnet.“ Es gibt noch ein anderes Wort für das Erlebte, das, so schwammig es zu sein scheint, erstaunlich oft zum Einsatz kommt, wenn es um die erwähnten Zustände geht: Ekstase. Ekstase ist so etwas wie ein Oberbegriff, doch verbirgt sich dahinter weit mehr als ein leeres Sammelbecken. Gerade weil Ekstase selbst erratisch und unglaubwürdig ist, unsagbar und empfindlich, bietet sich für Racha Kirakosian genau das an: den Bogen weit spannen, um zu versuchen, einem der verbreitetsten geistigen und körperlichen Phänomene der Menschheit auf die Spur zu kommen. Racha Kirakosian bekleidet eine Professur für Mediävistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

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Frauen bekommen heute viel weniger Kinder als in der Vergangenheit

Viele Menschen sind besorgt, dass die Weltbevölkerung noch immer weiter schnell wächst, dass es zu einem exponentiellen Bevölkerungswachstum kommt, das außer Kontrolle gerät. Hannah Ritchie erhebt Einspruch: „Das stimmt nicht. Die Wachstumsrate der Weltbevölkerung, also die Veränderung von einem Jahr zum nächsten, hat ihren Höhepunkt schon vor langer Zeit erreicht. In den 1960er-Jahren stieg sie um mehr als 2 Prozent jährlich. Doch seitdem hat sich die Rate mehr als halbiert, auf 0,8 Prozent im Jahr 2022.“ Für ein exponentielles Bevölkerungswachstum müsste die Wachstumsrate bi 2 Prozent jährlich bleiben. Der Rückgang ist dadurch bedingt, dass Frauen viel weniger Kinder bekommen als in der Vergangenheit. Während des größten Teils der Menschheitsgeschichte war es nicht ungewöhnlich, fünf Kinder oder mehr zu haben. Dr. Hannah Ritchie ist Senior Researcher im Programm für globale Entwicklung an der Universität Oxford.

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Verwandlungen gibt es in Hülle und Fülle

Die Metamorphose ist außerdem eine Allegorie der Läuterung. Emanuele Coccia erklärt: „Wie die Insekten ihren alten Körper ablegen, so müssen auch die Menschen ihre alte Lebensweise ablegen, um eine neue anzunehmen.“ Dieser ziemlich radikale Vergleich lässt sich mühelos umkehren. Die Metamorphose wäre dann eine binnenweltliche Auferstehung und fände immer dann statt, wenn der Körper eines Menschen seine Gestalt verändert. Voltaire verwies darum auf die „Verwandlungen, die es auf der Erde in Hülle und Fülle gibt“, als Figuration der Seelenwanderung und der Reinkarnation. In der zeitgenössischen Entomologie wird diese Auferstehung oder Reinkarnation, die in einem einzigen Leben stattfindet, eine ganz andere Wendung nehmen. Emanuele Coccia ist Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.

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Innovationen öffnen scheinbar alle erdenkliche Türen

Moderne Gesellschaften sind besessen von Innovationen. Ende 2019 zeigte Google 3,21 Milliarden Treffer für die Suchanfrage „Innovation“ an, deutlich mehr als für „Terrorismus“ (481 Millionen), „Wirtschaftswachstum“ (rund eine Milliarde) oder „Globale Erwärmung“ (385 Millionen). Vaclav Smil schreibt: „Wir sollen glauben, dass Innovationen alle erdenklichen Türen öffnen: zu einer durchschnittlichen Lebenserwartung weit jenseits der 100 Jahre, zur Verschmelzung von menschlichem Bewusstsein mit künstlicher Intelligenz, zur kostenfreien Nutzung von Sonnenenergie.“ Ein so unkritischer Kniefall vor dem Altar der Innovation ist in zweierlei Hinsicht fehlgeleitet: Er ignoriert die Geschichte großartiger Projekte, die gescheitert sind, nachdem gigantische Summen in die Forschung investiert worden waren. Und er liefert keine Antwort auf die Frage, warum wir so oft an einer nicht optimalen Praxis festhalten, selbst wenn wir wissen, dass eine bessere Alternative existiert. Vaclav Smil ist Professor für Umweltwissenschaften an der University of Manitoba.

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Nach und nach wird die Bedeutung des Gehirns erkannt

Es gibt wichtige Meilensteine auf dem Weg zu einem wissenschaftlichen Konsensus über die Bedeutung des Gehirns. So beispielsweise in den Arbeiten des englischen Anatomen William Harvey, der als erster den Blutkreislauf dokumentierte. Vor dieser Erkenntnis herrschte der Glaube, dass der Körper das Blut ständig verbraucht. Daher muss ständig neues Blut produziert werden. Jakob Pietschnig fügt hinzu: „Nun ließ sich feststellen, dass ein und dasselbe Blut ständig durch den Körper zirkuliert und von dem Herzen als Pumpe in Bewegung gehalten wird.“ Diese neue Vorstellung vom Körper hatte Auswirkungen darauf, wie man sich die Funktionsweise des Gehirns zusammenreimte. Insbesondere der französische Philosoph und Naturwissenschaftler René Descartes (1596 – 1650) war von dieser Erkenntnis beeindruckt. Jakob Pietschnig lehrt Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Wien.

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Das Nachdenken über die Zukunft steigert das Wohlbefinden

Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass die Zukunft keine ferne Zeit ist, sondern das, was die Menschen heute über sie denken, fühlen und tun. Florence Gaub ergänzt: „Studien belegen, wie viel der Mensch über die Zukunft nachdenkt – viel –, wie weit er in die Zukunft reist – nicht sehr weit – und dass dies sein Wohlbefinden steigert.“ Es gibt sogar Studien, die zeigen, dass eine Zukunft umso wahrscheinlicher wird, je mehr man sie sich vorstellt. Das ist nicht nur Pop-Psychologie: Sobald das Gehirn auf ein Ziel fixiert ist, filtert es alles andere auf dem Weg dorthin heraus. Aber am wichtigsten ist vielleicht, dass das Gehirn keinen Unterschied zwischen der täglichen Zukunft und der des Planeten macht. Dr. Florence Gaub ist Politikwissenschaftlerin, Militärstrategin und Zukunftsforscherin. Sie leitet als Direktorin den Forschungsbereich NATO Defense College in Rom.

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Das Bewusstsein ist nach wie vor ein Rätsel

Zunächst einmal erscheint es offensichtlich, dass Innen- und Außensicht nicht unabhängig voneinander existieren. Fabian Scheidler weiß zum Beispiel, dass bestimmte Empfindungs-, Wahrnehmungs- und Denkvermögen verschwinden oder erheblich beeinträchtigt sind, wenn man entsprechende Teile des Nervensystems beschädigt oder zerstört. Wenn bei einem Menschen die Nerven der Hand durchtrennt sind, kann er zwar noch Phantomschmerz empfinden, aber nicht mehr die Wärme und das Gewicht einer anderen Hand auf der seinen spüren. Verletzungen bestimmter Hirnregionen wirken sich auf die Wahrnehmungs-, Sprach- und Bewegungsfähigkeiten der Betroffenen aus. Bildgebende Verfahren haben diese Erkenntnisse in den vergangenen Jahrzehnten erheblich präzisiert. Sie haben gezeigt, dass bestimmte lokalisierbare Hirnregionen für spezialisierte Funktionen unverzichtbar sind. Angeregt von diesen Untersuchungen haben viele Biologen geglaubt, es ließe sich ein anatomisch umgrenztes Substrat des Bewusstseins finden. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.

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Der Astronomie gelang eines der ersten Big Data-Projekte

Astronomie ist die Wissenschaft, die ihre Forscher jahrhundertelang zur Nachtarbeit zwang. Gerd Gigerenzer fügt hinzu: „Und sie ist die erste Wissenschaft, die eines der ersten Big Data-Projekte durchführte. „Carte du Ciel“ – Himmelskarte –, ein 1887 in Paris begonnenes Projekt, bildete zwei Millionen Sterne mithilfe von 20.000 Fotoplatten des Nachhimmels ab, dokumentiert in Hunderten von Bänden veröffentlichter Daten.“ Dieses Unterfangen verdiente wahrhaftig den modernen Begriff „Big Science“, hat es doch die begrenzten materiellen und zeitlichen Ressourcen, die den Observatoren sowie Generationen von Forschern zur Verfügung standen, fast restlos verschlungen. Diese enorme Anstrengung war nur durch internationale Zusammenarbeit und der Nutzung der Sternwarten von Helsinki über das Kap der guten Hoffnung bis Sydney möglich. Gerd Gigerenzer ist ein weltweit renommierter Psychologe. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.

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Innovationen sind wie Vorboten einer goldenen Zukunft

Neue Technologien erzeugen nicht nur eine kurze, vergängliche Euphorie, weil sie den Horizont des Bekannten übersteigen. Christian Uhle ergänzt: „Sie sind auch mit ausgesprochenen oder unausgesprochenen Versprechen eines besseren Lebens verbunden. Innovationen glänzen verheißungsvoll, sie sind wie Vorboten einer goldenen Zukunft.“ In Werbespots oder Zukunftsvisionen werden diese Versprechen unmittelbar sichtbar. An anderen Stelle schwingen sie unausgesprochen mit, narrative Tiefenstruktur des sogenannten Fortschritts. Man kann diese Entwicklung besser verstehen und bewusster gestalten, wenn man diesen Treibstoff unter die Lupe nimmt. In seinem Buch „Künstliche Intelligenz und echtes Leben“ geht Christian Uhle einigen dieser Technologieversprechen – und insbesondere solchen eines sinnerfüllten Lebens – nach. Er versucht sie einzuordnen und überlegt, ob sie realistisch sind und wir tatsächlich auf eine bessere Zukunft zusteuern oder ob es leere, trügerische Versprechen sind, die uns an der Nase herumführen. Der Philosoph Christian Uhle hat als Wissenschaftler zu gesellschaftlichen und technologischen Transformationen geforscht.

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Die Rettung des Planeten verlangt internationale Anstrengungen

Joachim Bauer schreibt: „Eine der Lehren aus der ökologischen Lage der Erde ist, dass wir eine ungeheure internationale Anstrengung unternehmen müssen, um die Rettung des Planeten ins Werk zu setzen.“ Die Ziele, zu denen der Weg der internationalen Gemeinschaft führen muss, finden sich in den Global Development Goals (GDG) der Vereinten Nationen. Das vorzugsweise von Klimaleugnern an die Wald gemalte Schreckgespenst einer Ökodiktatur wird weder vorgeschlagen noch von irgendjemandem verfolgt. Aufseiten der Wirtschaft wird die Dringlichkeit der Situation nur von ihren fortschrittlichen Vertretern erkannt. Um die Marktwirtschaft in Richtung ökologischer Werte umzuorientieren und eine an ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit orientierte Politik durchzusetzen, bedarf es des massiven politischen Drucks von unten. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.

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Durch Grenzen werden Ereignissräume abgesteckt

Fritz Breithaupt stellt fest: „Menschen machen bessere Vorhersagen innerhalb einer Episode beziehungsweise innerhalb einer Situation im Vergleich zu Vorhersagen über mehrere Situationen hinweg. Das deutet darauf hin, dass die möglichen Ereignisse innerhalb einer Episode als kohärent oder passend verstanden werden.“ Diese Vorhersehbarkeit könnte allerdings auch ein Effekt der erhöhten Aufmerksamkeit auf die Dinge in einem Ereignisraum sein und muss sich nicht unbedingt der erhöhten Kohärenz verdanken. Sie kann möglicherweise sogar umgedreht erklärt werden: Die deutlich vorhersehbaren Ereignisse gehören in einen Ereignisraum, während die weniger vorhersehbaren Ereignisse in einen anderen Ereignisraum abgeschoben werden und also durch eine Grenze markiert werden. Durch die Grenzen werden Ereignissräume abgesteckt, über die man aktuell Wissen hat, während das Ungewisse nach außen exportiert wird. Fritz Breithaupt ist Professor für Kognitionswissenschaften und Germanistik an der Indiana University in Bloomington.

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Die Evolution bringt grundsätzlich nichts Neues hervor

Fabian Scheidler weiß: „Selektion, welche Rolle sie in der Evolution auch spielen mag, bringt grundsätzlich nichts Neues hervor. Sie ist selbst nicht kreativ, sondern kann nur auswählen, was schon da ist.“ Die entscheidende Frage für das Verständnis der Evolution ist daher, wie Variation überhaupt zustande kommt. Wie entsteht Neues, und zwar auf eine Weise, welche die Entstehung der enormen Komplexität von Lebewesen erklären kann? Charles Darwin war sich schmerzhaft im Klaren darüber, dass er auf diese Frage keine Antwort hatte. Er nahm zunächst an, dass Variation ausschließlich durch zufällige Abweichungen zustande kommt, also vollkommen ungerichtet verläuft. Diese zufälligen Veränderungen würden sich gleichmäßig über die Zeit verteilen und so, in Kombination mit der Selektion, zu einem langsamen, graduellen Wandel von einer Art zur anderen führen. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.

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Die 1880er Jahre waren die Blütezeit des menschlichen Erfindergeists

Nach Überzeugung der Leute, die fest an die Segnungen der elektronischen Welt glauben, haben uns die letzten Jahrzehnte des 20. und die ersten beiden Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts eine beispiellose Zahl epochaler Erfindungen beschert. Vaclav Smil sieht das anders: „Das ist freilich ein kategorialer Fehlschluss, handelt es sich doch bei den meisten technischen Neuerungen der letzten Jahrzehnte um Variationen zweier älterer grundlegender Erfindungen: des Mikroprozessors und der Funk- oder Radiowellen, die Teil des elektromagnetischen Spektrums sind.“ Immer leistungsfähigere und spezialisierte Mikrochips steuern heutzutage alles, vom Industrieroboter über den Autopiloten eines Passagierflugzeugs bis zu Küchenherden und Digitalkameras, und die weltweit populärste Marke für mobile Kommunikation nutzt ultrahochfrequente Funkwellen. Tatsächlich waren die vielleicht produktivste Blütezeit des menschlichen Erfindergeists die 1880er Jahre. Vaclav Smil ist Professor für Umweltwissenschaften an der University of Manitoba.

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Die Kooperation scheint intrinsisch angelegt zu sein

Würden Sie nicht auch dichthalten und sich weigern, Ihren Komplizen zu verpfeifen? Ist das nicht eine Frage der Ehre? Hanno Sauer erklärt: „Selbst Diebe kennen Regeln, soll Cicero gesagt haben, und auch Studenten weigern sich fast immer, die Logik zweckrationalen Handelns anzuerkennen; sie müssen regelrecht dazu erzogen werden, die Vorteile nicht-kooperativen Verhaltens einzusehen.“ Wenn es Ihnen genauso geht, zeigt das, das Ihr moralischer Kompass funktioniert. Es bestätigt auch die These, dass kooperative Instinkte wahrscheinlich angeboren sind. Die Tatsache, dass Sie das gemeinschaftliche Handeln intuitiv attraktiv finden und gegenüber Trittbrettfahrern sogar Wut und Empörung verspüren, zeigt, dass die Evolution bei uns Menschen im Verlauf eines viele Millionen Jahre andauernden Lernprozess soziale Präferenzen installiert hat, die uns Kooperation als intrinsisch geboten erscheinen lassen. Hanno Sauer ist Associate Professor of Philosophy und lehrt Ethik an der Universität Utrecht in den Niederlanden.

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Kreativität der zweiten Stufe verändert unsere Vorstellung von der Welt

Kreativität erster und zweiter Stufe beruhen auf ähnlichen geistigen Vorgängen. Stefan Klein erklärt: „Der große Unterschied ist, dass Kreativität zweiter Stufe sich um Lösungen auf einer höheren Ebene bemüht. Kreativität erster Stufe will die Antwort auf eine Frage auf möglichst direkten Weg entdecken, Transformation dagegen spielt über Bande. Sie ringt um Konzepte, sucht also nach Werkzeugen für den Verstand. Kreativität zweiter Stufe verändert unsere Vorstellung von der Welt.“ Die Revolution der Physik im vorigen Jahrhundert bietet eines der besten Beispiele dafür, wie Kreativität zweiter Stufe, Transformation, vorgeht und wirkt. Man kann die Folgen des neuen Denkens, das sich von 1900 bis 1935 entwickelte, kaum überschätzen. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.

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In einem Jahr werden 98 Prozent der Atome im Körper ausgetauscht

Indem Menschen atmen, essen, trinken und ausscheiden, wechseln sie die Stoffe, aus denen sie bestehen, permanent aus. Innerhalb eines Jahres werden 98 Prozent aller Atome im menschlichen Körper ausgetauscht. Fabian Scheidler erklärt: „Wenn wir diese Vorgänge quantenphysikalisch betrachten, zeigen sich die scheinbar soliden und statischen Atome darüber hinaus als eine ununterbrochene Fluktuation von energetischen Beziehung, die alles mit allem verbinden.“ Menschen sind keine abgeschlossenen Objekte und auch keine souveränen Herrscher über eine außer ihnen stehende Natur, sondern Austauschwesen, Durchgangsorte, Transformationen. Der Stoff, aus dem Menschen bestehen, ist nicht nur mysteriöser und weit weniger materiell, als man glaubt, sondern auch permanent im Fluss. Dieser Fluss spielt sich auf mindestens zwei ineinander verschränkten Ebenen ab. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.

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Neue Arten sind sprunghaft mit sehr hoher Rate entstanden

Waldbrände, Pandemien und Erdbeben sind zugegebenermaßen recht katastrophale Ereignisse. Aber auch das Leben selbst scheint auf fundamentale Art und Weise ein kritisches Phänomen zu sein. Dirk Brockmann erläutert: „Erdgeschichtlich sind immer wieder neue Arten entstanden und andere ausgestorben. Charles Darwin hat für diese Evolutionsprozesse die wissenschaftliche Theorie geliefert. Zufällige genetische Mutationen etwa führen zu neuen Varianten, werden selektiert und setzen sich durch, weil sie besser an die Umgebung angepasst sind.“ Charles Darwins Theorie beschreibt den Evolutionsprozess als graduelle, stetige Veränderung in kleinen Schritten, obwohl die paläontologischen Befunde eher darauf hindeuteten, dass neue Arten sprunghaft mit sehr hoher Rate in vergleichsweise kurzen Zeiträumen entstanden sind. So haben vor rund 500 Millionen Jahren – zu Beginn des Kambriums – praktisch alle heute vertretenen Tierstämme in dem geologisch winzigen Zeitraum von für bis zehn Millionen Jahren das Licht der Welt erblickt. Der Komplexitätswissenschaftler Dirk Brockmann ist Professor am Institut für Biologie der Berliner Humboldt-Universität.

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Durch Messungen und Berechnungen lassen sich Erkenntnisse gewinnen

Das Universum ist eine Maschine, und deren Bestandteile können gemessen werden – das ist eine der Grundannahmen der mechanistischen Ideologie. Mattias Desmet weiß: „Messungen und Berechnungen sind das Fundament ihrer Art und Weise, Erkenntnisse zu gewinnen. Und dieses epistemologisches Ausgangspunkt hat Folgen für das gesellschaftliche Idealbild.“ Das ist an diese Ideologie gekoppelt und lässt sich in etwa so beschreiben: Die Gesellschaft wird idealiter von Experten-Technokraten geführt, die auf der Grundlage objektiver, zahlenmäßiger Informationen Entscheidungen treffen. Mit der Coronakrise kommen wir einer solchen Gesellschaft plötzlich sehr nahe. Diese Krise ist daher auch ein prädestinierter Fall, um das Vertrauen in Messungen und Zahlen einer kritischen Analyse zu unterwerfen. Mattias Desmet ist Professor für Klinische Psychologie an der Abteilung für Psychoanalyse und klinische Beratung der Universität Gent.

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Typisch für viele Ökosysteme sind sogenannte Schlüsselarten

In den letzten Jahrzehnten haben sich viele Wissenschaftler mit Fragen zur Multistabilität beschäftigt. Dirk Brockmann kennt die Fragen: „Warum ist ein Ökosystem stabil? Unter welchen Bedingungen? Und: Gibt es vielleicht wie bei den Genregulationsnetzwerken verschiedene stabile Zustände?“ Um sie zu beantworten, wurden viele Modelle entwickelt. Einfache Ökosystem-Modelle beschreiben x-verschiedene Arten, die auf irgendeine Weise miteinander wechselwirken. Manche Arten beeinflussen sich gegenseitig positiv – Mutualismus – oder negativ – Konkurrenz. Bei anderen ist der Einfluss positiv in die eine und negativ in die andere Richtung. Wendet man diese Konzepte auf die Dynamik eines Modell-Ökosystems an, zeigt sich, dass verschiedene stabile Endzustände existieren können, es halten jeweils verschiedene Arten das Gleichgewicht. Der Zustand beschreibt die Häufigkeiten der verschiedenen Arten im Gleichgewicht. Der Komplexitätswissenschaftler Dirk Brockmann ist Professor am Institut für Biologie der Berliner Humboldt-Universität.

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Das menschliche Gehirn ist ein Wunder

Albert Einstein sagt: „Der intuitive Verstand ist eine heilige Gabe und der rationale Verstand ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.“ Das menschliche Gehirn mit seinen fast 100 Milliarden Neuronen und 100 Billionen Verbindungen ist ein Wunder, fein abgestimmt im Laufe von Hunderten Millionen von Jahren Evolution. Gerd Gigerenzer stellt fest: „Solche Zahlen kann unser bewusster Verstand kaum fassen. Im Vergleich zur zeitgenössischen Computertechnologie sind menschliche Gehirne auch äußerst energieeffizient.“ Die wichtigste Energiequelle des Gehirns ist Glukose. Das Gehirn beansprucht wendig Raum: Es hat die Größe zweier Fäuste und lässt sich leicht umhertragen. Gerd Gigerenzer ist ein weltweit renommierter Psychologe. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.

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Menschen können Erinnerungslücken schließen

Menschen erfinden sich täglich neu, indem sie – oft unabsichtlich – dann Personen, Dinge, Ereignisse oder Handlungen hinzu- oder wegnehmen, um Erinnerungslücken zu schließen. Rüdiger Maas ergänzt: „Um am Ende eine logische Geschichte von uns selbst zu erhalten. Oft sind wir und dann relativ sicher und meinen, es hätte all dies wirklich gegeben.“ Besonders intensiv sind die Erinnerungen an die Zeit zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr, also genau an das Alter, in dem die Generation Z beziehungsweise unsere jungen Nachwuchskräfte in die Arbeitswelt eintreten oder studieren. Diese Zeit wird Reminiscere Bump, zu Deutsch Erinnerungshügel, genannt. Der Hügel ermöglicht kognitiv-emotionales Wiedererleben persönlicher Ereignisse, die in dieser Zeitspanne stattgefunden haben. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer eines Instituts für Generationenforschung. Zuletzt erschien sein Bestseller „Generation lebensunfähig“.

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Emanuele Coccia beschreibt die Metamorphose der Pflanzen

Emanuele Coccia weiß: „Die Metamorphose ist nicht nur ein Vorgang, der die Körpergestalt insgesamt betrifft. Sie ist auch das Verhältnis, das zwischen den Körperteilen untereinander entsteht und diese jeweils befähigt, einer Lebenslinie zu folgen und sich im Lauf ihrer Entwicklung zu entfalten.“ Sie ist auch das Äquivalenzprinzip aller Teile im Inneren eines Körpers. In Wirklichkeit ist der ganze Körper eines Menschen das Ergebnis der Verwandlung einer extrem reduzierten Portion Materie, die schritt- und etappenweise die unterschiedlichen Formen hervorbringen musste, die er entfalten kann. Die Metamorphose ist demnach nicht nur ein historischer Prozess, der die Konstitution des Lebendigen auf einer Linie differenzierter Stadien vorbestimmt. Emanuele Coccia ist Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.

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Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen wird noch lange andauern

Vaclav Smil schreibt: „Während der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts – angesichts eines sich verlangsamenden globalen Bevölkerungswachstum und stagnierender oder sogar abnehmender Einwohnerzahlen in vielen wohlhabenden Ländern – dürfte es den Volkswirtschaften nicht schwer fallen, die Nachfrage nach Stahl, Zement, Ammoniak und Kunststoffen zu bewältigen, namentlich wenn man die Recyclingquoten erhöhen kann.“ Sehr unwahrscheinlich ist jedoch, dass sich alle diese Branchen bis 2050 aus ihrer Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen befreien und aufhören werden, einen beträchtlichen Beitrag zu den globalen CO2-Emisssionen zu leisten. Die geringste Wahrscheinlichkeit dafür besteht in den einkommensschwachen, auf dem Weg der Modernisierung befindlichen Ländern, deren enormer Nachholbedarf an Infrastrukturen und Konsumgütern starke Steigerungen bei der Versorgung mit den genannten Stoffgruppen nach sich ziehen wird. Vaclav Smil ist Professor Emeritus für Umweltwissenschaften an der University of Manitoba. Er hat unter anderem das Grundlagenwerk „Energy and Civilization“ geschrieben.

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