Den Konservatismus zeichnet eine große Vielgestaltigkeit aus

Die neue Sonderausgabe des Philosophie Magazins trägt den Titel: „Konservatismus. Eine bewahrenswerte Haltung?“ Chefredakteur Jana Glaese schreibt im Editorial: „Anstatt jeden Trend mitzumachen, lässt sich der Konservative nicht so leicht beeindrucken. Sobald Skepsis und die Sehnsucht nach dem Alten alles Neue unterdrücken, läuft diese Grundhaltung allerdings Gefahr, ins Reaktionäre zu kippen.“ Umso dringlicher stellt sich die Frage, was eine demokratische Gesellschaft von Konservatismus erwarten kann. Ein Konservatismus in Bestform vermag es, Vergangenheit und Zukunft, Tradition und Fortschritt zu verschränken. Denn: Nur wer das Alte kennt, kann virtuos Neues schaffen. Und nur wer sieht, was sich ändern muss, kann sich Bewährtes zunutze machen. Tradition und Transformation sind nicht notwendig Gegensätze. Im festen Fall gehen sie Hand in Hand. Diese Ausgabe widmet sich deshalb der konservativen Denkströmung in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit.

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Viele der Aussagen von Donald Trump sind Lügen

Joseph Stiglitz glaubt, dass es nichts bringt, an einem demokratischen politischen System herumzubasteln, wenn die ökonomische Spaltung zu groß ist. Ungeachtet öffentlicher Rundfunk- und Fernsehsender sowie öffentlicher Subventionen für Zeitungen kann ein reicher Unternehmer wie Rupert Murdoch sein Geld dazu nutzen, zumindest eine Nische des Markts zu beherrschen und so eine „sektenartige Gemeinschaft“ mit abstruser Gedankenwelt zu gründen. Bei den Gebildeten können Systeme der Faktenüberprüfung sehr wirksam sein. Niemand unter den 65 bis 70 Prozent der Amerikaner, die nicht seine treuen Anhänger sind, nimmt eine Donald Trump-Äußerung ernst, bevor sie überprüft wurde, da viele seiner Aussagen Lügen sind und ein Großteil des Rests Halbwahrheiten. Joseph Stiglitz war Professor für Volkswirtschaft in Yale, Princeton, Oxford und Stanford. Heute lehrt er an Columbia University in New York und ist ein weltweit geschätzter Experte zu Fragen von Ökonomie, Politik und Gesellschaft.

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Die Zukunft muss den Göttern entwendet werden

Die Philosophin Hannah Arendt verortet die Idee, dass es so etwas wie dauerhaften Fortschritt geben könnte, erst so etwa ab dem 17. Jahrhundert. Petra Pinzler erklärt: „Damals wird nach und nach das zyklische Zeitverständnis des Mittelalters durch ein lineares abgelöst. Dazu man die Zeit allerdings zu einem Kontinuum werden, darf nicht mit immer neuen Herrschern immer wieder neu anfangen, an Sommertagen länger sein als an Wintertagen und in verschiedenen Königreichen unterschiedlich gemessen werden.“ Die Zukunft muss den Göttern entwendet und damit zu etwas werden, das sich nicht nur durch Säen, Ernten, Einlagern und Erntedank beeinflussen lässt. Sondern auch durch Genialität und Mut, Wettbewerb und Kooperation, durch die Fähigkeit andere zu überzeugen oder zu organisieren. Durch Unternehmertum und politisches Talent. Petra Pinzler arbeitet als Hauptstadtkorrespondentin der Wochenzeitung „Die Zeit“. Sie schreibt zudem Bücher über Wirtschaft, Umwelt und Klimaschutz.

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Wache Geister lassen sich von philosophische Fragen irritieren

Barbara Bleisch erklärt: „Wache Geister brauchen keinen Sokrates, um sich von philosophischen Frage irritieren zu lassen. Vielmehr werden sie permanent von Fragen belästigt, die ihnen die Vernunft aufgibt, die diese aus eigenem Vermögen nicht zu lösen imstande ist, wie Immanuel Kant in seiner Vorrede zur „Kritik der reinen Vernunft“ schreibt.“ Freilich kann man sich den philosophischen Fragen auch verweigern und sich ein Leben lang dem dogmatischen Schlummer hingeben, von dem Immanuel Kant auch spricht. Wer aber an der Wahrheit interessiert ist, wird sich stets von Neuem aufstören lassen, ja aufstören lassen müssen, weil die inneren Fragen nicht zur Ruhe kommen. Die Philosophin und Autorin Dr. Barbara Bleisch ist Dozentin an den Universitäten Zürich und Luzern sowie Co-Intendantin des Philosophicum Lech.

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Die Freiheit findet in Autoritäten Halt

Paul Kirchhof schreibt: „Freiheit sucht nach Autorität, findet in Autoritäten Halt. Autorität kann helfen, den Blick weiten und befreien, braucht aber neben der Autoritätsperson auch die kritischen Autoritätsbereitschaft dessen, der prüft, ob und welcher Autorität er folgen will.“ Der heute suchende Mensch ist nicht darauf angewiesen, nach Autoritäten zu denken und zu handeln. Er wird sich aber des eigenen Denkens durch Auseinandersetzung mit einer klassischen philosophischen, literarischen, religiösen und rechtlichen Überlieferung vergewissern. Darin mag das Eingeständnis eigener Schwäche liegen. Sicher ist es aber einen noch viel größere Schwäche, wenn einer sich einer solchen Selbstprüfung am Maßstab kultureller Texte nicht stellt und vorzieht, den Narren auf eigene Faust zu spielen. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg.

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Wie die Liebe ist die Wahrheit ein Versprechen

Rob Wijnberg schreibt: „Was Liebe für den Menschen ist, ist Wahrheit für die Menschheit. Wie die Liebe beschreibt die Wahrheit eine magnetische Kraft – eine Kraft, die uns anzieht und zusammenbringen kann; die Unterschiede überbrücken, Meinungen ändern und für ein tief empfundenes Verbundenheits- und Gemeinschaftsgefühl sorgen kann.“ Wie die Liebe ist auch die Wahrheit ein Rätsel – eine mysteriöse Vision, der wir nachjagen und nach der wir streben, in der Hoffnung, dass unsere Sehnsucht in ihr Erfüllung finde: eine Sehnsucht, die uns zu poetischen Worten und größten Taten inspiriert, die uns zu Mitgefühl und Veränderung bewegen kann. Und wie die Liebe ist auch die Wahrheit ein Versprechen – das Versprechen, dass sie unserem Dasein, haben wir sie einmal gefunden, Sinn und Richtung geben wird: dass sie Klarheit im Chaos schaffen und ihr Licht in der Dunkelheit leuchten lassen wird. Rob Wijnberg ist ein niederländischer Journalist sowie Autor philosophischer und medienkritischer Bücher.

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Die Computer-Logik besitzt eine eigene Realität

Die Computer-Logik stellt sich eine personalisierte Realität ganz nach ihrem Geschmack zusammen. Sobald sie eine „Atmosphäre der Echtheit“ identifiziert hat, taggt sie deren Inhalt mit „wahr“. Rebekka Reinhard kritisiert: „Die verblödete Vernunft setzt zwischen subjektiver Empfindung und objektiver Erkenntnis ein Gleichheitszeichen. Komplizierte Beschreibungen der Realität kann sie nicht aushalten. Wo ihr die Wirklichkeit zu undurchsichtig … Weiterlesen

Freiheit ist ein Hochwert der europäischen Kultur

Neben Demokratie ist sicher Freiheit ein Hochwert der europäischen Kultur und wurde auch erfunden im Kontext mit jener. Denn Demokratie setzt ja Wahlfreiheit voraus. Diese wiederum die Möglichkeit zur freien Wahl. Mithin ist Freiheit die Bedingung der Möglichkeit von Demokratie und Demokratie deren Erfüllung. Silvio Vietta ergänzt: „Es versteht sich, dass damit auch die anderen bisher genannten Werte: Eigenständiges Denken, Wahrheitsliebe, Kritikfähigkeit mit ins Boot gehören.“ Freiheit steht also im Kontext anderer Werte, die sie flankieren, und wiederum ist es Freiheit, die jene Werte erst möglich macht. Denn Freiheit bedeutet ja immer auch eine Entscheidung zwischen guten oder schlechten Alternativen, zwischen Wahrheit und Unwahrheit, damit kritisches, nämlich unterscheidendes Denken. Prof. em. Dr. Silvio Vietta hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt.

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Hannah Arendt ist die politische Instanz der Gegenwart

Das Titelthema des neuen Philosophie Magazin 01/2026 ist der Philosophin Hannah Arendt gewidmet, deren Todestag sich am 4. Dezember zum 50. Mal jährt. Svenja Flaßpöhler schreibt im Editorial: „Arendt Denken war immer riskant, und zwar gerade weil sie konsequent eigener Handlungsmacht festhielt.“ Dabei verlor sie nie die Zuversicht. Stattdessen schuf sie eine Philosophie des Handelns und forderte von Bürgern Mut, geistige Autonomie und die Fähigkeit politischer Urteilskraft. Dadurch ist Hannah Arendt die politische Instanz unserer Gegenwart. Das liegt sicher daran, das sie Themen behandelt, die liberale Gesellschaften umtreiben: Frei sein, Rechte haben, handeln können, der Diktatur widerstehen. Hannah Arendts Ideal des politisch engagierten Lebens liest sich wie ein Vorschlag zur Belebung kriselnder Institutionen von Parteien, Staat und Öffentlichkeit. Ihr Bruch im dem Monotheismus der Wahrheit macht ernst mit dem pluralistischen Anspruch von Demokratien.

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Der Umgang mit Geflüchteten ist ein Beispiel für die neue Härte

Der Umgang mit Geflüchteten ist erstes Signal und gleichzeitig eindringlichstes Beispiel für die neue Härte, die befeuert wurde durch die sozialen Verwerfungen der Pandemiejahre. Judith Kohlenberger ergänzt: „Die Ökonomisierung des Sozialen, ein Gefühl von umfassendem Kontrollverlust auf persönlicher wie gesellschaftlicher Ebene und eine zunehmende Orientierungslosigkeit münden in radikale Abwendung.“ Für das hypersoziale Wesen Mensch ist diese jedoch gar nicht mal so leicht zu bewerkstelligen. Unsere Gesellschaft investiert ein immer höheres Maß an Energie, Zeit und Geld in die Produktion von Sicherheit, die sie durch Abschottung und Undurchlässigkeit zu erreichen glaubt. Dabei hat sich der Anspruch auf Sicherheit – und die Frage, wer diesen nicht stellen darf – selbst zu einem Marker der Teilhabe entwickelt. Judith Kohlenberger ist Kulturwissenschaftlerin und Migrationsforscherin am Institut für Sozialpolitik der WU Wien und dem Österreichischen Institut für Internationale Politik (oiip).

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Ausgesprochene Tatsachen sind politisches Dynamit

Hannah Arendt stellt fest, „dass man der Staatsräson jedes Prinzip und jede Tugend eher opfern“ könne „als gerade Wahrheit und Wahrhaftigkeit“. Das liegt für Peter Trawny auf der Hand: „Indem sich die Politik im Element des Scheins und der Täuschung bewegt, wird die Wahrheit, die Anerkennung bestimmter Tatsachen, immer unverzichtbarer.“ Selbst in demokratischen Systemen etablieren sich Öffentlichkeiten, in denen zwar das Allermeiste sagbar bleibt, doch bestimmte Aussagen gesellschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen. Wie in totalitären Systemen scheinen Männer und Frauen bereit zu sein, sich selbst zu canceln, wenn es dem großen Ganzen dient. Die Disziplinierungen in Ost und West sind verschieden, doch beide wirksam. Ausgesprochene Tatsachen sind politisches Dynamit. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.

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Alle Lügen ziehen früher oder später Konsequenzen nach sich

Manchmal wird man seinen innersten Gedanken und Gefühlen gefragt und schafft es einfach nicht die Wahrheit zu sagen. Thomas Erikson erklärt: „Es tut zu sehr weh, manche Dinge einzugestehen, also bluffen wir und hoffen, dass wir damit durchkommen.“ Lügen sind zweischneidige Schwerter. Manchmal werden sie vorgebracht, um zu schützen und vorübergehende Zuflucht vor der möglicherweise brutalen Wahrheit zu suchen. Doch in anderen Fällen entspringen sie Gewinnstreben, Eifersucht oder der Absicht zu manipulieren. Die meisten Lügen werden zugegebenermaßen nicht aus Böswilligkeit geboren, doch alle Lügen ziehen früher oder später Konsequenzen nach sich. Es gab einmal eine Zeit, da verließ man sich im Allgemeinen auf das, was in der Zeitung stand – doch das ist lange her. Thomas Erikson ist ein schwedischer Verhaltensexperte, international gefragter Vortragsredner, Leadership-Coach und Buchautor.

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Es gibt immer mehrere Wahrheiten

Aus scheinbar demselben Blickwinkel entstehen je nach Stimmung, Erwartung oder Vorerfahrung ganz andere Bilder. Pablo Picasso hat dieses Phänomen einmal in genialer Kürze auf den Punkt gebracht: „Wenn es nur eine Wahrheit gäbe, könnte ich nur ein Bild malen.“ Das Wort Wahrheit in den Plural zu setzen, erschein vielen Menschen ein Gräuel. Axel Braig empfindet dagegen umgekehrt den Versuch, die eine Wahrheit, etwa über eine Blume, etablieren zu wollen als engstirnig und tyrannisch. Und er wehrt sich gegen den Versuch, eine bestimmte Beschreibung mit der Behauptung zu privilegieren. Nämlich dass die Blume „in Wirklichkeit“ oder „eigentlich“ so oder so sei. Stattdessen ist Axel Braig daran interessiert, möglichst viele Sichtweisen kennen zu lernen. Axel Braig wandte sich nach Jahren als Orchestermusiker und Allgemeinarzt erst spät noch einem Philosophiestudium zu.

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Die Wahrheit ist abhängig von der Realität

Die Wahrheit ist abhängig vom eigentlichen Wesen der Realität. Die Moral dagegen ist eine Sache der Übereinstimmung mit dem Willen eines göttlichen Wesens. Die pragmatische Erklärung der Wahrheit begreift Richard Rorty als Protest gegen die Idee, die Menschen müssten vor etwas Nichtmenschlichen zu Kreuze kriechen. John Dewey war davon überzeugt, dass die romantische Geschichte von der Demokratie eine radikalste Lesart des Säkularismus verlangt. Mehr als jene, zu der der Aufklärungsrationalismus oder der Positivismus des neunzehnten Jahrhunderts gelangt war. Demnach wird von den Menschen verlangt, jede Autorität links liegenzulassen außer der Autorität des mitmenschlichen Konsenses. Das Paradebeispiel der Unterwerfung unter eine solche Autorität ist die Überzeugung, dass man sich in einem Zustand der Sünde befindet. Richard Rorty (1931 – 2007) war einer der bedeutendsten Philosophen seiner Generation. Zuletzt lehrte er Vergleichende Literaturwissenschaft an der Stanford University.

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Durch die Linse der Wahrheit blickt die Gesellschaft auf die Wirklichkeit

In seinem Buch „Ruinen der Wahrheit“ erzählt der niederländische Philosoph Rob Wijnberg die Geschichte, die zur gegenwärtigen Krise der Wahrheit geführt hat. Für den Autor geht es bei der Wahrheit nicht nur um den Unterschied zwischen Tatsache und Fiktion, ums Besserwissen und Danebenliegen. Rob Wijnberg betont: „Wahrheit ist viel mehr, nämlich die Linse, durch die eine ganze Gesellschaft auf die Wirklichkeit blickt.“ Wahrheit ist für Kollektive eine Kraft, die eine Welt eröffnet, Differenzen überbrückt oder vertieft und Menschen verbindet oder spaltet. Was die Liebe für den Menschen ist, ist die Wahrheit für die Menschheit. Wie die Liebe beschreibt die Wahrheit eine magnetische Kraft – eine Kraft, die uns anzieht und uns zusammenbringen kann; die Unterschiede überbrücken, Meinungen ändern und für ein tief empfundenes Verbundenheits- und Gemeinschaftsgefühl sorgen kann. Rob Wijnberg ist ein niederländischer Journalist sowie Autor philosophischer und medienkritischer Bücher.

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Wahrheit ist eine korrekte Darstellung der Wirklichkeit

Dem naiven Informationsverständnis zufolge werden Objekte im Zusammenhang mit der Suche nach Wahrheit zur Information. Ein Objekt ist dann Information, wenn jemand versucht, die Wahrheit zu ermitteln. Yuval Noah Harari erklärt: „Dieses Verständnis stellt eine Verbindung von Information und Wahrheit her und geht davon aus, dass die wesentliche Aufgabe der Information darin besteht, die Wirklichkeit darzustellen.“ Es gibt eine Wirklichkeit, und Information stellt diese Wirklichkeit dar, weshalb man sie verwenden kann, um die Wirklichkeit zu verstehen. Anders ausgedrückt: Information ist dem naiven Verständnis zufolge ein Versuch, die Wirklichkeit darzustellen, und wenn dieser Versuch gelingt, dann nennt man es Wahrheit. Yuval Noah Harari stimmt der Behauptung zu, dass Wahrheit eine korrekte Darstellung der Wirklichkeit ist. Der Historiker, Philosoph und Autor von einigen Weltbestsellern Yuval Noah Harari zählt zu den einflussreichsten Intellektuellen weltweit.

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Die Lüge gilt immer als erlaubtes Mittel in der Politik

Laut Hannah Arendt zählt die Wahrhaftigkeit niemals zu den politischen Tugenden, denn die Lüge gilt immer als erlaubtes Mittel in der Politik. Nicht alle haben dies so offen ausgesprochen wie Niccolò Machiavelli, der die Lüge für legitim hielt, wenn sie dem Machterhalt – das ist die böse Variante – oder dem Wohl des Volkes – das ist die gute Variante – diente. Konrad Paul Liessmann stellt fest: „Dass mit der Wahrheit in der Politik, in der es um Machtansprüche, um den Kampf zwischen Meinungen und Ideologien geht, wenig zu erreichen ist, mag ein Gemeinplatz sein. Dennoch überrascht es stets aufs Neue, mit welcher Verve ausgerechnet in diesem Feld Ehrlichkeit eingefordert und die Lüge als der große Sündenfall gebrandmarkt wird.“ Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.

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Ohne Täuschung geht es nicht

Die Täuschung ist als gesellschaftliches Phänomen auch deshalb so erfolgreich und akzeptiert, weil es ohne sie nicht geht. Ille C. Gebeshuber erläutert: „Es gibt Themen, die von unserer Gesellschaft großräumig tabuisiert werden. Gewisse Wahrheiten sind nicht erwünscht und werden nicht gerne behandelt.“ Die damit verbundene Verzerrung der Realität bevölkern dann Ersatzinhalte, die Menschen zu ihrem eigenen Schutz täuschen sollen. So reflektiert die Sucht der Menschen nach Superhelden nur ihre eigene Schwäche. Und der Erfolg jener, die vermeintlich eine Antwort auf alle Probleme haben, erhellt nur die eigene Ratlosigkeit in allen Lebenslagen. Hier nennt Ille C. Gebeshuber als Exempel den Umgang mit dem Tod. Dieser war noch vor einigen Jahrzehnten Teil des Lebens und der Umgang mit dieser Thematik völlig natürlich. Ille C. Gebeshuber ist Professorin für Physik an der Technischen Universität Wien.

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Die Philosophie ist aus dem Willen zur Störung geboren

Die Philosophin Barbara Bleich gibt zu: „Nicht alle stören sich am selben.“ Wobei gewisse Störelemente wohl ungeteilt alle zur Weißglut bringen. Die Fahrleitungsstörung zum Beispiel, die uns alle zum Ausharren im stillstehenden Zug verdammt; die Warteschlange, die stagniert; viel zu langsames W-Lan oder – besonders unbeliebt – die surrende Stechmücke bei Nacht. Eine Störung wird umso ätzender, als sie nicht nachlässt, sondern immer wieder belästigt, plagt und triezt, bis der Geduldfaden reißt und man dem Quälgeist mit Maximaleinsatz beizukommen versucht. Wer allerdings an der Wahrheit interessiert ist, wird sich stets von Neuem aufstören lassen, ja aufstören lassen müssen, weil die inneren Fragen nicht zur Ruhe kommen. Die Philosophie ist, so könne man sagen, aus dem Willen zur Störung geboren – eine Störung freilich, die nicht bei der Dekonstruktion stehen bleibt, sondern stets die Konstruktion im Blick hat: den Aufbau einer gerechteren Gesellschaft und die Erkenntnis von Wahrheit.

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Der Vorwurf der Lüge ist weit verbreitet und oft berechtigt

Das Titelthema des neuen Philosophiemagazins 04/2025 handelt diesmal von Wahrheit und Lüge. Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler schreibt: „Der Vorwurf der Lüge ist weit verbreitet und oft berechtigt. Doch wird er auch als rhetorisches Mittel eingesetzt, um Gesprächspartner aus dem Diskursfeld zu kicken. Wer lügt, disqualifiziert sich schließlich selbst.“ Wenn unklar bleibt, was Lügen, Tatsachen oder Meinungen genau sind, und auch mit dem Begriff „Wahrheit“ am Ende alles und nichts gemeint ist, wird es schwierig bis unmöglich, noch die Basis zu definieren, auf der Debatten stattfinden können. Der Philosoph Slavoj Žižek erklärt in seinem Beitrag das sogenannte Lügenparadox. Aussagen wie „Alles was ich sage, ist falsch“ wurde vom antiken Griechenland und Indien bis hin zur Philosophie des 20. Jahrhunderts endlos diskutiert. Das Problem ist, dass, wenn diese Aussage wahr ist, sie falsch ist – nicht alles, was ich sage, ist falsch – und umgekehrt.

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Pyrrhon von Ellis begründet die Skepsis

Ludwig Marcuse schreibt: „Die Angst vor dem Wechsel, im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft, trieb die Philosophen zur Erfindung des Ewigen.“ Pyrrhon von Ellis lebte etwas 300 vor Christus und war der legendäre Begründer der Skepsis. Axel Braig hat begonnen, seiner Umwelt mitzuteilen, dass er auf die Vorstellung der einen großen Wahrheit verzichten möchte. Erfahrungen und Wahrnehmungen des Lebens haben sich zu einem für neue Erfahrungen offenen, aber ansonsten durchaus stabilen Netz von Überzeugungen zusammengefügt. Axel Braig erklärt: „Dieses Netz bildet eine meist brauchbare Grundlage für viele Entscheidungen. Diese treffe ich täglich und meistens ganz ohne nachzudenken. So komme ich auch ohne die gefühlte Sicherheit einer angeblich absoluten Wahrheit durchs Leben.“ Axel Braig wandte sich nach Jahren als Orchestermusiker und Allgemeinarzt erst spät noch einem Philosophiestudium zu.

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Niemand möchte wirklich immer die Wahrheit hören

Mit seinem Buch „Alles Lügner!?“ gibt Thomas Erikson seinen Lesern alle Werkzeuge dafür in die Hand, einen Lügner zu erkennen – ob es nun ein guter Freund oder ein Kollege ist, ein Cousin oder der Chef. Der Autor beschreibt zudem einige Taktiken, mit denen man eine Lüge aufdecken kann. Das ist wichtig. Denn wer will sich schon hereinlegen lassen. Die Mittel, die Thomas Erikson beschreibt, kann man in allen Interaktionen mit anderen anwenden. Der Autor betont: „Und nicht weniger wichtig – viele wenden dieselben in ihren Interaktionen mit Ihnen an.“ Das Eigenartigste an Lügen ist, dass alle sie hinnehmen. In unterschiedlichem Maße, gewiss, aber Thomas Erikson ist noch niemandem begegnet, der wirklich immer die Wahrheit hören möchte. Thomas Erikson ist ein schwedischer Verhaltensexperte, international gefragter Vortragsredner, Leadership-Coach und Buchautor.

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Die eine Wahrheit gibt es nicht

Richard Rorty weist einen Gedanken zurück, nämlich den Gedanken der Annäherung an die eine Wahrheit. Anstatt geltend zu machen, dass die Realität eine und die Wahrheit Übereinstimmung mit dieser Realität ist, behaupten die Anhänger von Charles Sanders Peirce, dass die Idee der Annäherung in die Voraussetzungen des Diskurses eingebaut sind. Sie alle sind einhellig der Meinung, dass der Hauptgrund, weshalb die Vernunft nicht naturalisiert werden kann, darin liegt, dass die Vernunft normativ ist und Normen nicht naturalisiert werden können. Allerdings kann man, wie sie sagen, dem Normativen Platz schaffen, ohne zu der herkömmlichen Vorstellung von einer Pflicht zurückzukehren, die dem intrinsischen Wesen der einen Realität entsprechen soll. Richard Rorty (1931 – 2007) war einer der bedeutendsten Philosophen seiner Generation. Zuletzt lehrte er Vergleichende Literaturwissenschaft an der Stanford University.

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Jeder möchte eine angenehme Wahrheit erzeugen

Die Differenz zwischen innerer und äußerer Rechtmäßigkeit ist ein typisch menschlicher Spannungszustand, der alle Bereiche des Alltags bestimmt. Ille C. Gebeshuber ergänzt: „Wir wollen gut sein und in diesem Zusammenhang für uns und die Mitmenschen eine Wahrheit erzeugen, die für alle angenehm und akzeptabel ist.“ Inwieweit sich Menschen dadurch von der Wirklichkeit entfernen, ist ihnen oft nicht bewusst. Die Psychoanalyse hat in diesem Bereich viele für den Homo sapiens unangenehme Entdeckungen gemacht. Aber das wird oft verdrängt, denn wer lässt sich schon gerne einen Spiegel vorhalten? Auf jeden Fall gilt: Eine Halbwahrheit, die einem das Gefühl gibt, im Recht zu sein, ist viel angenehmer als eine unangenehme Wahrheit, die eigentlich zutrifft. Aber recht zu behalten und das Richtige zu tun, ist nicht immer das Gleiche. Ille C. Gebeshuber ist Professorin für Physik an der Technischen Universität Wien.

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Konsumenten selektieren ihre Medien

Die Realität umgibt die Menschen mit Sachzwängen und zwingt sie so, ihre kindliche Seite in die hintersten Winkel ihres Geistes zu verbannen. Ille C. Gebeshuber fügt hinzu: „Dabei hören wir nicht auf, Kind zu sein, nur die Spielregeln ändern sich. Die eigene Weltsicht wird solide und der Platz in der Gesellschaft akzeptiert. Die Informationen, denen die Erwachsenen nun ausgesetzt sind, haben privaten, beruflichen oder gesellschaftlichen Charakter.“ Gesellschaftlich relevante Informationen begleiten alle Menschen auf Schritt und Tritt. Heute haben sich Medien zu einem Informationssturm entwickelt, der dem Konsumenten einiges an selektivem Geschick abverlangt. Das hat seine Vorteile, aber auch seine Nachteile. Vor allem fällt es dem Konsumenten leicht, die verschiedenen Informationsquellen derart zu selektieren, dass sie seinen Neigungen und Interessen entsprechen. Ille C. Gebeshuber ist Professorin für Physik an der Technischen Universität Wien.

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