Ein gutes Leben verlangt Gestaltungslust

Menschen erfinden Technologien – und Technologien erfinden Menschen. Rebekka Reinhard nennt Beispiele: „Die Einführung der Waschmaschine hat eine Spezies hervorgebracht, die glaubt, jeden Tag frisch gewaschene Jeans tragen zu müssen. Die Einführung des Computers hat Individuen hervorgebracht, die lieber mit cleanen Zahlen und coolen Tabellen operieren, als sich mit der Materialität der Welt selbst zu befassen.“ Wem die minimalistische Ästhetik und die hohe Rechenkompetenz von Apple-Geräten als paradigmatischer Hygienestandard gelten, für den müssen Absurditäten das Letzte sein. Aber was, wenn alle Screens schwarz werden? Wenn das Unerwartete, Unbegreifliche, Entsetzliche alle dogmatischen Gewissheiten beschmutzt und in den Abgrund zerrt? Dann zeigt sich, was vom guten Leben bleibt. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.

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Mit der Druckerpresse verbreitete sich das Wissen

Die moderne Welt zu denken entstand im Lauf einer Reihe von Krisen, die ab dem Jahr 1500 Europa erschütterten und sich später über die ganze Welt ausbreiteten. Stefan Klein blickt zurück: „Viele Konflikte dieser Zeit erinnern an die Auseinandersetzungen, die unsere Gesellschaften heute aus dem Gleichgewicht bringen. Globalisierung und die explosive Verbreitung neuer Medien stellten auch damals die soziale Ordnung in Frage.“ Technischer Fortschritt wurde entscheidend für wirtschaftlichen Erfolg, und die Gewissheiten der Religion gelten nicht mehr. So gut wie alle Lebensbereiche verändern sich. Vor allem der Buchdruck revolutionierte die Verbreitung von Büchern und Schriften. Um das Jahr 1500 waren bereits mehr als 20 Millionen, um das Jahr 1600 mehr als 200 Millionen Bücher gedruckt. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.

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Drei ist eine magische Zahl

Man kann sich auf die Suche nach den prähistorischen Ursprüngen des Schwarz-Weiß-Denkens machen, indem man in der Evolutionsgeschichte weit zurückgeht. Dabei stellt man fest, dass drei die magische Zahl ist, wenn es darum geht, Meinungen zu prägen, Meinungen zu ändern und andere auf seine Seite zu ziehen. Kevin Dutton erklärt: „Tief im Nebel unserer dunklen, darwinistischen Vergangenheit decken wir eine geheime goldene Triade dyadischer Superkategorien auf.“ Diese haben bis heute einen tiefgreifenden, mächtigen Einfluss auf die leicht zu beeinflussenden menschlichen Gehirne. Menschen, die einen anderen von etwas überzeugen wollen, müssen diese Superkategorien nur strategisch nutzen, um einen auf ihre Seite zu ziehen. Dabei geht es um Kampf versus Flucht, wir versus sie und richtig versus falsch. Kevin Dutton ist Forschungspsychologe an der University of Oxford und Mitglied der British Psychological Society.

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Sokrates lehrt einen neuen Umgang mit den existenziellen Fragen des Lebens

Agnes Callard bringt Sokrates in ihrem gleichnamigen Buch zurück in die Mitte unseres Lebens und zeigt, dass wir alle wie Sokrates denken können: Indem wir lernen, in sokratischer Manier Fragen zu stellen, um so einen neuen Umgang mit der Liebe, dem Tod und der Politik zu entdecken. Sokrates sah sich mit tiefgründigen Fragen konfrontiert, die er nicht beantworten konnte. Dabei kam er zu dem Schluss, dass dies nicht das Schlimmste, sondern das Beste war, was ihm je passiert war. Sokrates strebte nach Glück, indem er diesen Fragen nicht auswich oder sie beiseiteschob, sondern sich kopfüber in sie stürzte, und zwar so sehr, dass er in seinem Leben nie mehr etwas anderes tun wollte. Agnes Callard ist Professorin für Philosophie an der University of Chicago und forscht insbesondere zur antiken Philosophie und Ethik.

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Die Furchtlosigkeit hat in unserer Kultur tiefe Wurzeln

Angst und bange – die beiden Wörter hängen auch etymologisch zusammen. Die Brüder Grimm führen in ihrem Wörterbuch beide auf die Wurzel „eng“ zurück. Ulrich Grober erläutert: „Die Rede ist also von einem Gefühl der Beengung und Beklemmung. Es ist etwas, was sich auch körperlich ausdrückt, einem die Brust zuschnürt, das Blut in den Adern gerinnen lässt, den Blick zum Tunnelblick verengt – den Blick auf das eine angstbesetzte Phänomen.“ Im Extremfall fühlt man sich in die Enge getrieben wie das Kaninchen, das auf die Schlange starrt. Man gerät in Panik. Doch auch das Ideal der Furchtlosigkeit hat in unserer Kultur tiefe Wurzeln. So gut wie alle Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm handeln davon. Den Publizisten und Buchautor Ulrich Grober beschäftigt die Verknüpfung von kulturellem Erbe und Zukunftsvisionen.

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Das vernünftige Ich bestimmt zunächst den Kreis seiner inneren Freiheit

Helmut Lethen schreibt: „Das Schicksal der „stoischen Gangarten“ ist auch die Erzählung einer Enttäuschung. Wenn mich die Architektur des staatlichen Apparats der Gewalt, des „Leviathan“ in rechter und linker Theorie früher fasziniert hat, so überlasse ich das große Tier jetzt der Gleichgültigkeit der Natur.“ Wenn sich bei diesem Gang hin und wieder Züge der Depression einstellen, rührt das vom Verlust der Fähigkeit, Verzweiflung in Melancholie – Lieblingsstimmung meiner Generation –, Erschöpfung in Zorn und Selbstzweifel – Schwundstufe der Empörung – zu verwandeln. Zufällige Ereignisse könnten die Wende des Denkens zur Schwermut hin verursacht haben. Friedrich Nietzsche schrieb einst: „Entwickelung will nicht Glück, sondern Entwickelung und weiter nichts.“ Helmut Lethen lehrte von 1977 bis 1996 an der Universität Utrecht, anschließend übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock.

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Die Handlungen mancher Menschen haben Einfluss auf die Zukunft

John Adams, der zweite Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, schrieb: „Die Institutionen, die wir heute in Amerika ins Leben rufen, werden auch in tausenden von Jahren nicht ganz verschwunden sein. Es ist daher von äußerster Wichtigkeit, es richtig anzugehen. Wenn wir einen falschen Anfang machen, dann werden sie nie mehr, oder nur durch einen Glücksfall, auf den rechten Weg zurückfinden.“ William MacAskill weiß: „Die Gründerväter der Vereinigten Staaten bedienten sich bei Ideen, die fast zwei Jahrtausende zuvor formuliert worden waren.“ Der Gedanke der Gewaltenteilung ging auf John Locke und Baron de Montesquieu zurück. Die heute lebenden Menschen müssen gar nicht so einflussreich sein wie Thukydides oder Benjamin Franklin, um mit ihren Handlungen Einfluss auf die Zukunft zu nehmen. William MacAskill ist außerordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Oxford.

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Wissenschaft führt zu enormen Fortschritten

Für einen Wissenschaftler ist es ein fundamentaler Bestandteil seines Berufs, Dinge neu zu durchdenken. Er wird dafür bezahlt, sich ständig der Grenzen seiner Erkenntnis bewusst zu sein. Man erwartet von ihm, das anzuzweifeln, was er weiß, neugierig auf das zu sein, was er nicht weiß, und seine Ansichten auf der Basis neuer Daten zu aktualisieren. Adam Grant stellt fest: „Allein im letzten Jahrhundert hat die Anwendung wissenschaftlicher Prinzipien zu enormen Fortschritten geführt. Biowissenschaftler haben Penicillin entdeckt. Raketenwissenschaftler uns zum Mond geschickt. Computerwissenschaftler das Internet geschaffen.“ Wissenschaftler zu sein ist jedoch nicht einfach nur ein Beruf. Es ist eine Geisteshaltung – eine Denkweise, die sich vom Predigen, vom Anklagen und vom politischen Aktionismus unterscheiden. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der Wharton Business School. Er ist Autor mehrerer internationaler Bestseller, die in 35 Sprachen übersetzt wurden.

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Das Absolute ist eine außerordentlich listige Denkfigur

Was die Postmoderne hätte sein können umfasst ein Denken, das auch dasjenige der Postmoderne ist, die man heute kennt, das aber darüber hinausgeht. Es greift zugleich weiter aus, versteht seine Protagonisten als Leser von Texten einer früheren Epoche. Daniel-Pascal Zorn ergänzt: „Die Postmoderne erbt von der Moderne die Frage nach einer Alternative zu dem, was mit der Französischen Revolution und der Überwindung des Absolutismus erledigt schien: das Absolute.“ Dieses Absolute ist eine außerordentlich listige Denkfigur. Die Wissenschaft des Absoluten und die Rückkehr des Absoluten werden verbunden durch eine Zeit, die eine Krise des Absoluten markiert. Diese Zeit ist die Postmoderne. Daniel-Pascal Zorn studierte Philosophie, Geschichte und Komparatistik. Seit 2021 ist er Geschäftsführer des Zentrums für Prinzipienforschung an der Bergischen Universität Wuppertal.

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Paul Goldsmith beschreibt die optimale Nutzung des Gehirns

Anhand neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse und Fallbeispiele zeigt Paul Goldsmith in seinem Buch „Die Evolution des Gehirns“, wie wir unseren uralten Denkapparat optimal nutzen können, um ein glücklicheres und gesünderes Leben auch in unserer hochkomplexen modernen Welt zu führen. Die Welt verändert sich in überwältigendem Tempo, aber die Struktur unseres Gehirns ist weitgehend unverändert geblieben. In seinem Buch untersucht Paul Goldsmith, wie sich diese Diskrepanz zwischen alter Organisation und modernem Leben auf alles auswirkt, von unseren Emotionen und Entscheidungen über unsere Beziehungen und unsere mentale Gesundheit bis hin zu unseren Gesellschaftsstrukturen. Im Prinzip dient unser Gehirn der Persistenz: In erster Linie soll es dafür sorgen, dass wir lange genug überleben, um unsere Gene weitergeben zu können. Paul Goldsmith ist Neurowissenschaftler, Neurologe und Gastprofessor am Imperial College London.

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Die Freiheit findet in Autoritäten Halt

Paul Kirchhof schreibt: „Freiheit sucht nach Autorität, findet in Autoritäten Halt. Autorität kann helfen, den Blick weiten und befreien, braucht aber neben der Autoritätsperson auch die kritischen Autoritätsbereitschaft dessen, der prüft, ob und welcher Autorität er folgen will.“ Der heute suchende Mensch ist nicht darauf angewiesen, nach Autoritäten zu denken und zu handeln. Er wird sich aber des eigenen Denkens durch Auseinandersetzung mit einer klassischen philosophischen, literarischen, religiösen und rechtlichen Überlieferung vergewissern. Darin mag das Eingeständnis eigener Schwäche liegen. Sicher ist es aber einen noch viel größere Schwäche, wenn einer sich einer solchen Selbstprüfung am Maßstab kultureller Texte nicht stellt und vorzieht, den Narren auf eigene Faust zu spielen. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg.

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Ein Streit ist nie frei von Herrschaft

Wer in einen Streit verwickelt ist, erhebt die Stimme, um ihr Geltung zu verschaffen. Die Gemütslage ist erhitzt, die Gesichtsmuskeln sind angespannt. Svenja Flasspöhler ergänzt: „Die Hände liegen nicht ruhig auf dem Tisch, sondern sind Teil des Gefechts, verleihen den emotional vorgebrachten Worten zusätzlich Kraft. Kurzum: Ein Streit ist nie frei von Herrschaft.“ Hier geht es um Macht, weil Menschen, die wirklich und wahrhaft streiten, einander gerade nicht verstehen. Hier prallen grundverschiedene Seinsweisen, gar Weltbilder aufeinander. Jürgen Habermas geht davon aus, dass wir, wenn die idealen Bedingungen eines herrschaftsfreien Diskurses gegeben sind, qua Vernunft erkennen, dass wir bestimmte Werte und Normen teilen und so zu einem Konsens finden. Doch wie sich an gegenwärtigen Großkrisen zeigt, ist das längst nicht immer der Fall. Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.

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An der Theorie der Lerntypen ist erschrecken wenig dran

Die Theorie der Lerntypen erfreute sich großer Beliebtheit. Eltern waren begeistert, dass ihre Kinder in ihrer Individualität anerkannt wurden, Lehrkräfte genossen die Freiheit, ihre Methoden zu variieren und ihr Material persönlich abzustimmen. Adam Grant weiß: „Lernstile gehören heute fest zur Lehrerausbildung und zum Schülerleben dazu. Weltweit glauben 89 Prozent der Lehrkräfte, dass sie ihren Unterricht an die Lernstile der Schüler anpassen sollten.“ Da wäre nur ein klitzekleines Problem: An den Lerntypen ist nichts dran. Als ein Expertenteam eine umfassende Überprüfung jahrzehntelanger Forschungsarbeit über Lernstile vornahm, fanden sie erschreckend wenig, was diese Theorie stützte. „Die Faktenlage rechtfertigt nicht die Einbeziehung von Lerntypeneinschätzungen in die allgemeine pädagogische Praxis“, schlussfolgerten die Forschenden. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der renommierten Wharton Business School. Seine Forschungsbeiträge im Bereich Motivation und Produktivität wurden vielfach ausgezeichnet.

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Erstmals existierten mehr Maschinen im Netz als Bewohner der Erde

Rechnende Maschinen können heutzutage nahezu jede Aufgabe übernehmen. Stefan Klein nennt Beispiele: „Computer lenken Autos, handeln Aktien, vergeben Kredite, verkuppeln Singles auf Dating-Portalen. Sie steuern Flugzeuge über den Ozean, versorgen Menschen mit Nachrichten und Unterhaltung, lassen Industrieroboter Waren herstellen, analysieren den Kosmos und die menschlichen Gene.“ Hunderte Milliarden elektronischer Prozessoren verrichten heute weltweit ihre Dienste. Wie viele es genau sind, weiß niemand, so schnell wächst ihre Zahl. Eine vorsichtige Schätzung liefert die Menge der im Internet vergebenen Adressen. Im Jahr 1990 waren im weltweiten Netz ein paar Tausend, im Jahr 2000 an die Hundert Millionen Geräte miteinander verknüpft. Zehn Jahre später waren die Menschen schon in der Unterzahl: Erstmals existierten mehr Maschinen im Netz als Bewohner der Erde. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.

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Helmut Lethen propagiert stoisches Verhalten und Denken

Helmut Lethens eigentümliche Reise mit der Stoa mit leichtem Handgepäck gipfelte 1994 mit einem Buch über „Lebensversuche zwischen den Kriegen“. Damals fand er in der heillosen Geschichte der ersten deutschen Republik ein mentales Ordnungsschema, was in unterschiedlichen politischen Strömungen wirksam war, und nannte es „Verhaltenslehren der Kälte“. Helmut Lethen begriff sie als Anweisungen zu stoischem Verhalten und Denken, mit denen man die damaligen Lebensversuche angehen sollte. Die Provokation der „Verhaltenslehren“ bestand in ihrem Angriff auf den Kult der Betroffenheit der achtziger Jahre, auf den Rückzug in eine „Vulnerabilität“, in die sich die einzelnen einigelten und ihre Verletzbarkeit ausstellten. Helmut Lethen lehrte von 1977 bis 1996 an der Universität Utrecht, anschließend übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock.

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Ständige Grübelei verursacht Stress

Judith Werner schreibt: „Denken kann wehtun. Vor allem, wenn man das Gefühl hat, in einer Schleife festzustecken und die gleichen Gedanken und Sorgen immer wieder hochkommen. „Rumination“ nennen das die Fachleute. Ein Begriff, der eigentlich aus der Zoologie stammt und den Vorgang des Wiederkäuens bei Kühen beschreibt.“ Wer konstant seinen Gedanken nachhängt – zumal, wenn es sich um Sorgen und Ängste handelt – verbraucht jede Menge Energie. Die fehlt dann an anderer Stelle, vor allem, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen. „Overthinking“ macht mürbe und ist kein erstrebenswerter Zustand. Der Alltag ist von kleinen und großen Entscheidungen geprägt und wenn man dabei von der eigenen Grübelei ausgebremst wird, ist Stress vorprogrammiert. Kein Wunder also, dass Google beim Suchbegriff Overthinking jede Menge Tipps und Tricks ausspuckt, die Abhilfe schaffen sollen. Dr. Judith Werner ist Publizistin und Philosophin.

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Der gesunde Menschenverstand hat in der Digitalmoderne ausgedient

Eva Menasse schreibt: „Die Welt ist wahrlich voll von unglaublichen, bizarren und oft sogar wahren Geschichten; der Zugang zu ihnen hat sich, anders als früher, vom Bildungsstand und den individuellen finanziellen Möglichkeiten völlig entkoppelt.“ Früher begaben sich hochgebildete Abenteurer, gefördert von Mäzenen, auf Expeditionen in unbekannten Erdteile und gestalteten mit ihren Trophäen, Zeichnungen und Erzählungen das Bild für die Daheimgebliebenen aus. Heute kann sich jeder von zu Hause in den Louvre und die Library of Congress hineinklicken, aber auch in jedes erdenkliche Unterholz. Das klingt schön demokratisch – und wurde von Beginn an als großer Vorteil des Netzes gefeiert –, hat aber gleichzeitig die früheren Filter außer Kraft gesetzt. Der „gesunde Menschenverstand“ den selbst Hannah Arendt noch als Maßstab anrief, ist im Zeitalter der Digitalmoderne wirkungslos geworden. Die Romane der österreichischen Schriftstellerin Eva Menasse sind vielfach ausgezeichnet worden.

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Platons Hauptwerk sind die „Dialoge“

Platon stieß wahrscheinlich als Jugendlicher zu den Schülern von Sokrates. Und er war Ende 20, als Sokrates starb. Platon ging für mehrere Jahre nach Sizilien und lebte wohl auch an anderen Orten, bis er nach Athen zurückkehrte und seine Philosophenschule, die Akademie, gründete. Ward Farnsworth erklärt: „Sein Hauptwerk – und womöglich sein einziges Werk – sind die „Dialoge“, von denen er etwa 30 verfasst hat. Er kommt darin nie direkt vor, obgleich Sokrates in der „Apologie“ feststellt, dass Platon bei seiner Gerichtsverhandlung anwesend ist.“ Innerhalb der Forschung nimmt man oftmals an, dass Platon seine frühen Dialoge vor seinen Reisen geschrieben hat, die sein Denken noch einmal in eine andere Richtung lenkten.“ Ward Farnsworth war Dekan an der University of Texas School of Law und ist dort am John-Jeffers-Forschungslehrstuhl tätig.

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Es gibt vier Tugenden gegen den Konformismus

Das neue Philosophie Magazin 06/2025 widmet sich diesmal der Frage: Muss ich da mitmachen? Nicht dabei sein zu wollen, ist allerdings noch kein nonkonformes Verhalten. Dazu braucht es Gründe, die gerade nicht in der Mehrheitsmeinung zu finden sind. Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler beruft sich in ihrem Editorial auf Emmanuel Kant: „Der Nonkonformist bedient sich – hier und jetzt – des eigenen Verstandes, ohne Leitung eines anderen. Genau darin liegt seine Freiheit.“ Das kantische Selberdenken gilt jedoch in Zeiten der Großkrisen schnell als unsolidarischer Akt oder Verschwörungsglaube. Diese gefährliche Entwicklung unterdrückt das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Es gibt laut Ralf Dahrendorf vier Tugenden gegen den Konformismus. Die erste Tugend ist der Mut zur Freiheit in Einsamkeit. Dabei geht es darum, die Freiheit des eigenen Denkens und Handelns selbst dann noch zu verteidigen, wenn alle Lager mit Ausstoß reagieren.

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Die Forschung ermöglicht wirksameres Handeln

Charles Sanders Peirce bringt den Pragmatismus in Gang, indem er bei Alexander Bains Definition des Glaubens als einer Regel beziehungsweise einer Gewohnheit des Handelns ansetzt. Von dieser Definition ausgehend machten Peirce folgendes geltend. Nämlich, dass die Aufgabe der Forschung nicht in der Darstellung der Wirklichkeit liege, sondern dass sie die Möglichkeit eröffnet, wirksamer zu handeln. Richard Rorty stellt fest: „Das Bedeutet, dass man sich von der „Abbild-Theorie“ der Erkenntnis lossagt, die seit René Descartes eine die Philosophie beherrschende Rolle gespielt hat.“ Und man verzichtet insbesondere auf die Vorstellung von der Erkenntnis, die nicht durch Zeichen vermittelt ist. Charles Sanders Peirce gehört zu den ersten Philosophen, der die Fähigkeit zum Zeichengebrauch als wesentliches Merkmal des Denkens hinstellte. Richard Rorty (1931 – 2007) war einer der bedeutendsten Philosophen seiner Generation. Zuletzt lehrte er Vergleichende Literaturwissenschaft an der Stanford University.

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Judith Werner bietet philosophische Hilfe bei Gedankenschleifen an

Judith Werner schreibt in ihrem Buch „Besser grübeln“: „Wer konstant seinen Gedanken nachhängt – zumal, wenn es sich um Sorgen oder Ängste handelt – verbraucht jede Menge Energie. Die fehlt dann an anderer Stelle, vor allem, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen. Overthinking macht mürbe und ist kein erstrebenswerter Zustand.“ Der Alltag ist von großen und kleinen Entscheidungen geprägt und wenn dabei von der eigenen Grübelei ausgebremst wird, ist Stress vorprogrammiert. Was jedoch gegen einen simplen Grübelstopp spricht: Er funktioniert nicht. Auf der anderen Seite kann Overthinking echten Leidensdruck ausüben. Die Bandbreite, wie sich dieser gestaltet, ist vielfältig. Gerade Ablehnung – egal in welcher Form – schmerzt. Die Bewertung durch andere ist daher ein Kernelement von vielen Overthinking-Schleifen: Habe ich etwas Falsches gesagt? Wie habe ich es gesagt? Wie ist das bei der anderen Person angekommen? Dr. Judith Werner ist Publizistin und Philosophin.

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Das Wirkliche dominiert das Denken und Handeln

Die soziale Natur des Geistes gründet in seiner Fallibilität. Markus Gabriel erklärt: „Wer fallibel ist, ist korrigierbar und damit Subjekt einer Normierung. Eine Normierung ist genau dann sozial, wenn andere Subjekte sie dadurch vornehmen können, dass sie einem Subjekt einen Kurs vorschlagen.“ Soziale Gruppen sind keine bloßen Aggregate nebeneinander handelnder Subjekte, die jeweils einzeln fallibel sind. Sondern sie sind das Ergebnis einer Handlungskoordination angesichts der Herausforderungen der Wirklichkeit. Denn das Wirkliche dominiert das Denken und Handeln bereits immer dadurch, dass Menschen auf der Ebene der Wahrnehmung über Intentionalität verfügen. Die menschliche Wahrnehmung findet als etwas Wirkliches mitten im Wirklichen statt. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

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Die modernen Massenmedien verfügen über manipulative Instrumente

„Die Gedanken sind frei!“, das ist, seit sich Axel Braig erinnern kann, eines seiner Lieblingslieder. Aber natürlich weiß er auch, dass dieses Lied unter Naivitätsverdacht steht, und zwar von mindestens zwei Seiten. Auf der einen Seite stehen Kulturphilosophen, die auf die manipulativen Instrumente der modernen Massenmedien hinweisen, die das Denken der Menschen so beeinflussen, dass es immer einförmiger zu werden droht. Schon Herbert Marcuse hat in seinem legendären Buch vor dem „eindimensionalen Menschen“ als Endprodukt der Bewusstseinsindustrie gewarnt. Und mit Sicherheit ist im Internetzeitalter das Instrumentarium, um Menschen zu manipulieren, noch einmal dramatisch gewachsen. Argumentatives Geschütz ganz anderer Art wird von Hirnforschern aufgefahren, die der Meinung sind, dass das Denken und Handeln der Menschen ohnehin vollkommen determiniert sei. Axel Braig wandte sich nach Jahren als Orchestermusiker und Allgemeinarzt erst spät noch einem Philosophiestudium zu.

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Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung

Der französische Soziologe Bruno Latour hat vor drei Jahrzehnten den Gedanken der Hybridität zu einem neuen, ökologischen Weltverständnis ausgeweitet. Roger de Weck erklärt: „Kultur und Natur, Lebewesen und Dinge, die Gesellschaft und ihre Gegenstände stünden nicht nur in ständiger Wechselbeziehung zueinander, sie seien darüber hinaus als hybride Kollektive zu begreifen.“ Darin liegt gedankliche Subversion der radikalen Art. Bruno Latour relativierte die uralte Ordnung, in welcher der Mensch die Krone der Schöpfung ist. „Macht euch die Erde untertan“? Latour stellte letztlich auf die gleiche Stufe, was zuvor als völlig ungleich und unvergleichbar galt: den Menschen, das Tier, die Dinge. Diese neue Weltanschauung verdankt vieles dem postkolonialen Denken. Die Befreiung und allmähliche Emanzipation der Kolonien kündigen eine Ära an, in der sich der Westen nicht länger die Erde untertan machen kann, weder politisch noch ökonomisch noch ökologisch. Roger de Weck ist ein Schweizer Publizist und Ökonom.

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Die Menschheit lebt gerade in einer außergewöhnlichen Epoche

Der Gedanke, dass man Einfluss auf die weit entfernte Zukunft nehmen könnte und dabei so viel auf dem Spiel steht, könnte vielen Lesern verrückt vorkommen. So ging es zumindest William MacAskill. Doch die Verrücktheit des langfristigen Denkens hat nichts mit seinem moralischen Ausgangspunkt zu tun, sondern damit, dass wir in einer außergewöhnlichen historischen Epoche leben. Wir leben in einer Ära ungewöhnlicher Umwälzungen. Dazu muss man sich nur das weltweite Wirtschaftswachstum ansehen, das in den letzten Jahrzehnten bei durchschnittlich 3 Prozent im Jahr lag. Das ist historisch ohne jedes Beispiel. Während der ersten 290.000 Jahre der Menschheitsgeschichte war das globale Wirtschaftswachstum pro Jahr nahe null, im Zeitalter der Landwirtschaft stieg es auf 0,1 Prozent, und erst seit Beginn der industriellen Revolution hat e an Fahrt aufgenommen. William MacAskill ist außerordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Oxford.

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