Paul Kirchhof schreibt: „Freiheit sucht nach Autorität, findet in Autoritäten Halt. Autorität kann helfen, den Blick weiten und befreien, braucht aber neben der Autoritätsperson auch die kritischen Autoritätsbereitschaft dessen, der prüft, ob und welcher Autorität er folgen will.“ Der heute suchende Mensch ist nicht darauf angewiesen, nach Autoritäten zu denken und zu handeln. Er wird sich aber des eigenen Denkens durch Auseinandersetzung mit einer klassischen philosophischen, literarischen, religiösen und rechtlichen Überlieferung vergewissern. Darin mag das Eingeständnis eigener Schwäche liegen. Sicher ist es aber einen noch viel größere Schwäche, wenn einer sich einer solchen Selbstprüfung am Maßstab kultureller Texte nicht stellt und vorzieht, den Narren auf eigene Faust zu spielen. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg.
Denken
Ein Streit ist nie frei von Herrschaft
Wer in einen Streit verwickelt ist, erhebt die Stimme, um ihr Geltung zu verschaffen. Die Gemütslage ist erhitzt, die Gesichtsmuskeln sind angespannt. Svenja Flasspöhler ergänzt: „Die Hände liegen nicht ruhig auf dem Tisch, sondern sind Teil des Gefechts, verleihen den emotional vorgebrachten Worten zusätzlich Kraft. Kurzum: Ein Streit ist nie frei von Herrschaft.“ Hier geht es um Macht, weil Menschen, die wirklich und wahrhaft streiten, einander gerade nicht verstehen. Hier prallen grundverschiedene Seinsweisen, gar Weltbilder aufeinander. Jürgen Habermas geht davon aus, dass wir, wenn die idealen Bedingungen eines herrschaftsfreien Diskurses gegeben sind, qua Vernunft erkennen, dass wir bestimmte Werte und Normen teilen und so zu einem Konsens finden. Doch wie sich an gegenwärtigen Großkrisen zeigt, ist das längst nicht immer der Fall. Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.
An der Theorie der Lerntypen ist erschrecken wenig dran
Die Theorie der Lerntypen erfreute sich großer Beliebtheit. Eltern waren begeistert, dass ihre Kinder in ihrer Individualität anerkannt wurden, Lehrkräfte genossen die Freiheit, ihre Methoden zu variieren und ihr Material persönlich abzustimmen. Adam Grant weiß: „Lernstile gehören heute fest zur Lehrerausbildung und zum Schülerleben dazu. Weltweit glauben 89 Prozent der Lehrkräfte, dass sie ihren Unterricht an die Lernstile der Schüler anpassen sollten.“ Da wäre nur ein klitzekleines Problem: An den Lerntypen ist nichts dran. Als ein Expertenteam eine umfassende Überprüfung jahrzehntelanger Forschungsarbeit über Lernstile vornahm, fanden sie erschreckend wenig, was diese Theorie stützte. „Die Faktenlage rechtfertigt nicht die Einbeziehung von Lerntypeneinschätzungen in die allgemeine pädagogische Praxis“, schlussfolgerten die Forschenden. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der renommierten Wharton Business School. Seine Forschungsbeiträge im Bereich Motivation und Produktivität wurden vielfach ausgezeichnet.
Erstmals existierten mehr Maschinen im Netz als Bewohner der Erde
Rechnende Maschinen können heutzutage nahezu jede Aufgabe übernehmen. Stefan Klein nennt Beispiele: „Computer lenken Autos, handeln Aktien, vergeben Kredite, verkuppeln Singles auf Dating-Portalen. Sie steuern Flugzeuge über den Ozean, versorgen Menschen mit Nachrichten und Unterhaltung, lassen Industrieroboter Waren herstellen, analysieren den Kosmos und die menschlichen Gene.“ Hunderte Milliarden elektronischer Prozessoren verrichten heute weltweit ihre Dienste. Wie viele es genau sind, weiß niemand, so schnell wächst ihre Zahl. Eine vorsichtige Schätzung liefert die Menge der im Internet vergebenen Adressen. Im Jahr 1990 waren im weltweiten Netz ein paar Tausend, im Jahr 2000 an die Hundert Millionen Geräte miteinander verknüpft. Zehn Jahre später waren die Menschen schon in der Unterzahl: Erstmals existierten mehr Maschinen im Netz als Bewohner der Erde. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.
Helmut Lethen propagiert stoisches Verhalten und Denken
Helmut Lethens eigentümliche Reise mit der Stoa mit leichtem Handgepäck gipfelte 1994 mit einem Buch über „Lebensversuche zwischen den Kriegen“. Damals fand er in der heillosen Geschichte der ersten deutschen Republik ein mentales Ordnungsschema, was in unterschiedlichen politischen Strömungen wirksam war, und nannte es „Verhaltenslehren der Kälte“. Helmut Lethen begriff sie als Anweisungen zu stoischem Verhalten und Denken, mit denen man die damaligen Lebensversuche angehen sollte. Die Provokation der „Verhaltenslehren“ bestand in ihrem Angriff auf den Kult der Betroffenheit der achtziger Jahre, auf den Rückzug in eine „Vulnerabilität“, in die sich die einzelnen einigelten und ihre Verletzbarkeit ausstellten. Helmut Lethen lehrte von 1977 bis 1996 an der Universität Utrecht, anschließend übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock.
Ständige Grübelei verursacht Stress
Judith Werner schreibt: „Denken kann wehtun. Vor allem, wenn man das Gefühl hat, in einer Schleife festzustecken und die gleichen Gedanken und Sorgen immer wieder hochkommen. „Rumination“ nennen das die Fachleute. Ein Begriff, der eigentlich aus der Zoologie stammt und den Vorgang des Wiederkäuens bei Kühen beschreibt.“ Wer konstant seinen Gedanken nachhängt – zumal, wenn es sich um Sorgen und Ängste handelt – verbraucht jede Menge Energie. Die fehlt dann an anderer Stelle, vor allem, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen. „Overthinking“ macht mürbe und ist kein erstrebenswerter Zustand. Der Alltag ist von kleinen und großen Entscheidungen geprägt und wenn man dabei von der eigenen Grübelei ausgebremst wird, ist Stress vorprogrammiert. Kein Wunder also, dass Google beim Suchbegriff Overthinking jede Menge Tipps und Tricks ausspuckt, die Abhilfe schaffen sollen. Dr. Judith Werner ist Publizistin und Philosophin.
Der gesunde Menschenverstand hat in der Digitalmoderne ausgedient
Eva Menasse schreibt: „Die Welt ist wahrlich voll von unglaublichen, bizarren und oft sogar wahren Geschichten; der Zugang zu ihnen hat sich, anders als früher, vom Bildungsstand und den individuellen finanziellen Möglichkeiten völlig entkoppelt.“ Früher begaben sich hochgebildete Abenteurer, gefördert von Mäzenen, auf Expeditionen in unbekannten Erdteile und gestalteten mit ihren Trophäen, Zeichnungen und Erzählungen das Bild für die Daheimgebliebenen aus. Heute kann sich jeder von zu Hause in den Louvre und die Library of Congress hineinklicken, aber auch in jedes erdenkliche Unterholz. Das klingt schön demokratisch – und wurde von Beginn an als großer Vorteil des Netzes gefeiert –, hat aber gleichzeitig die früheren Filter außer Kraft gesetzt. Der „gesunde Menschenverstand“ den selbst Hannah Arendt noch als Maßstab anrief, ist im Zeitalter der Digitalmoderne wirkungslos geworden. Die Romane der österreichischen Schriftstellerin Eva Menasse sind vielfach ausgezeichnet worden.
Platons Hauptwerk sind die „Dialoge“
Platon stieß wahrscheinlich als Jugendlicher zu den Schülern von Sokrates. Und er war Ende 20, als Sokrates starb. Platon ging für mehrere Jahre nach Sizilien und lebte wohl auch an anderen Orten, bis er nach Athen zurückkehrte und seine Philosophenschule, die Akademie, gründete. Ward Farnsworth erklärt: „Sein Hauptwerk – und womöglich sein einziges Werk – sind die „Dialoge“, von denen er etwa 30 verfasst hat. Er kommt darin nie direkt vor, obgleich Sokrates in der „Apologie“ feststellt, dass Platon bei seiner Gerichtsverhandlung anwesend ist.“ Innerhalb der Forschung nimmt man oftmals an, dass Platon seine frühen Dialoge vor seinen Reisen geschrieben hat, die sein Denken noch einmal in eine andere Richtung lenkten.“ Ward Farnsworth war Dekan an der University of Texas School of Law und ist dort am John-Jeffers-Forschungslehrstuhl tätig.
Es gibt vier Tugenden gegen den Konformismus
Das neue Philosophie Magazin 06/2025 widmet sich diesmal der Frage: Muss ich da mitmachen? Nicht dabei sein zu wollen, ist allerdings noch kein nonkonformes Verhalten. Dazu braucht es Gründe, die gerade nicht in der Mehrheitsmeinung zu finden sind. Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler beruft sich in ihrem Editorial auf Emmanuel Kant: „Der Nonkonformist bedient sich – hier und jetzt – des eigenen Verstandes, ohne Leitung eines anderen. Genau darin liegt seine Freiheit.“ Das kantische Selberdenken gilt jedoch in Zeiten der Großkrisen schnell als unsolidarischer Akt oder Verschwörungsglaube. Diese gefährliche Entwicklung unterdrückt das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Es gibt laut Ralf Dahrendorf vier Tugenden gegen den Konformismus. Die erste Tugend ist der Mut zur Freiheit in Einsamkeit. Dabei geht es darum, die Freiheit des eigenen Denkens und Handelns selbst dann noch zu verteidigen, wenn alle Lager mit Ausstoß reagieren.
Die Forschung ermöglicht wirksameres Handeln
Charles Sanders Peirce bringt den Pragmatismus in Gang, indem er bei Alexander Bains Definition des Glaubens als einer Regel beziehungsweise einer Gewohnheit des Handelns ansetzt. Von dieser Definition ausgehend machten Peirce folgendes geltend. Nämlich, dass die Aufgabe der Forschung nicht in der Darstellung der Wirklichkeit liege, sondern dass sie die Möglichkeit eröffnet, wirksamer zu handeln. Richard Rorty stellt fest: „Das Bedeutet, dass man sich von der „Abbild-Theorie“ der Erkenntnis lossagt, die seit René Descartes eine die Philosophie beherrschende Rolle gespielt hat.“ Und man verzichtet insbesondere auf die Vorstellung von der Erkenntnis, die nicht durch Zeichen vermittelt ist. Charles Sanders Peirce gehört zu den ersten Philosophen, der die Fähigkeit zum Zeichengebrauch als wesentliches Merkmal des Denkens hinstellte. Richard Rorty (1931 – 2007) war einer der bedeutendsten Philosophen seiner Generation. Zuletzt lehrte er Vergleichende Literaturwissenschaft an der Stanford University.
Judith Werner bietet philosophische Hilfe bei Gedankenschleifen an
Judith Werner schreibt in ihrem Buch „Besser grübeln“: „Wer konstant seinen Gedanken nachhängt – zumal, wenn es sich um Sorgen oder Ängste handelt – verbraucht jede Menge Energie. Die fehlt dann an anderer Stelle, vor allem, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen. Overthinking macht mürbe und ist kein erstrebenswerter Zustand.“ Der Alltag ist von großen und kleinen Entscheidungen geprägt und wenn dabei von der eigenen Grübelei ausgebremst wird, ist Stress vorprogrammiert. Was jedoch gegen einen simplen Grübelstopp spricht: Er funktioniert nicht. Auf der anderen Seite kann Overthinking echten Leidensdruck ausüben. Die Bandbreite, wie sich dieser gestaltet, ist vielfältig. Gerade Ablehnung – egal in welcher Form – schmerzt. Die Bewertung durch andere ist daher ein Kernelement von vielen Overthinking-Schleifen: Habe ich etwas Falsches gesagt? Wie habe ich es gesagt? Wie ist das bei der anderen Person angekommen? Dr. Judith Werner ist Publizistin und Philosophin.
Das Wirkliche dominiert das Denken und Handeln
Die soziale Natur des Geistes gründet in seiner Fallibilität. Markus Gabriel erklärt: „Wer fallibel ist, ist korrigierbar und damit Subjekt einer Normierung. Eine Normierung ist genau dann sozial, wenn andere Subjekte sie dadurch vornehmen können, dass sie einem Subjekt einen Kurs vorschlagen.“ Soziale Gruppen sind keine bloßen Aggregate nebeneinander handelnder Subjekte, die jeweils einzeln fallibel sind. Sondern sie sind das Ergebnis einer Handlungskoordination angesichts der Herausforderungen der Wirklichkeit. Denn das Wirkliche dominiert das Denken und Handeln bereits immer dadurch, dass Menschen auf der Ebene der Wahrnehmung über Intentionalität verfügen. Die menschliche Wahrnehmung findet als etwas Wirkliches mitten im Wirklichen statt. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.
Die modernen Massenmedien verfügen über manipulative Instrumente
„Die Gedanken sind frei!“, das ist, seit sich Axel Braig erinnern kann, eines seiner Lieblingslieder. Aber natürlich weiß er auch, dass dieses Lied unter Naivitätsverdacht steht, und zwar von mindestens zwei Seiten. Auf der einen Seite stehen Kulturphilosophen, die auf die manipulativen Instrumente der modernen Massenmedien hinweisen, die das Denken der Menschen so beeinflussen, dass es immer einförmiger zu werden droht. Schon Herbert Marcuse hat in seinem legendären Buch vor dem „eindimensionalen Menschen“ als Endprodukt der Bewusstseinsindustrie gewarnt. Und mit Sicherheit ist im Internetzeitalter das Instrumentarium, um Menschen zu manipulieren, noch einmal dramatisch gewachsen. Argumentatives Geschütz ganz anderer Art wird von Hirnforschern aufgefahren, die der Meinung sind, dass das Denken und Handeln der Menschen ohnehin vollkommen determiniert sei. Axel Braig wandte sich nach Jahren als Orchestermusiker und Allgemeinarzt erst spät noch einem Philosophiestudium zu.
Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung
Der französische Soziologe Bruno Latour hat vor drei Jahrzehnten den Gedanken der Hybridität zu einem neuen, ökologischen Weltverständnis ausgeweitet. Roger de Weck erklärt: „Kultur und Natur, Lebewesen und Dinge, die Gesellschaft und ihre Gegenstände stünden nicht nur in ständiger Wechselbeziehung zueinander, sie seien darüber hinaus als hybride Kollektive zu begreifen.“ Darin liegt gedankliche Subversion der radikalen Art. Bruno Latour relativierte die uralte Ordnung, in welcher der Mensch die Krone der Schöpfung ist. „Macht euch die Erde untertan“? Latour stellte letztlich auf die gleiche Stufe, was zuvor als völlig ungleich und unvergleichbar galt: den Menschen, das Tier, die Dinge. Diese neue Weltanschauung verdankt vieles dem postkolonialen Denken. Die Befreiung und allmähliche Emanzipation der Kolonien kündigen eine Ära an, in der sich der Westen nicht länger die Erde untertan machen kann, weder politisch noch ökonomisch noch ökologisch. Roger de Weck ist ein Schweizer Publizist und Ökonom.
Die Menschheit lebt gerade in einer außergewöhnlichen Epoche
Der Gedanke, dass man Einfluss auf die weit entfernte Zukunft nehmen könnte und dabei so viel auf dem Spiel steht, könnte vielen Lesern verrückt vorkommen. So ging es zumindest William MacAskill. Doch die Verrücktheit des langfristigen Denkens hat nichts mit seinem moralischen Ausgangspunkt zu tun, sondern damit, dass wir in einer außergewöhnlichen historischen Epoche leben. Wir leben in einer Ära ungewöhnlicher Umwälzungen. Dazu muss man sich nur das weltweite Wirtschaftswachstum ansehen, das in den letzten Jahrzehnten bei durchschnittlich 3 Prozent im Jahr lag. Das ist historisch ohne jedes Beispiel. Während der ersten 290.000 Jahre der Menschheitsgeschichte war das globale Wirtschaftswachstum pro Jahr nahe null, im Zeitalter der Landwirtschaft stieg es auf 0,1 Prozent, und erst seit Beginn der industriellen Revolution hat e an Fahrt aufgenommen. William MacAskill ist außerordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Oxford.
Das menschliche Gehirn ist ein Wunder
Albert Einstein sagt: „Der intuitive Verstand ist eine heilige Gabe und der rationale Verstand ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.“ Das menschliche Gehirn mit seinen fast 100 Milliarden Neuronen und 100 Billionen Verbindungen ist ein Wunder, fein abgestimmt im Laufe von Hunderten Millionen von Jahren Evolution. Gerd Gigerenzer stellt fest: „Solche Zahlen kann unser bewusster Verstand kaum fassen. Im Vergleich zur zeitgenössischen Computertechnologie sind menschliche Gehirne auch äußerst energieeffizient.“ Die wichtigste Energiequelle des Gehirns ist Glukose. Das Gehirn beansprucht wendig Raum: Es hat die Größe zweier Fäuste und lässt sich leicht umhertragen. Gerd Gigerenzer ist ein weltweit renommierter Psychologe. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.
Ein neuer Humanismus muss das Lebendige vor der Maschine schützen
Die wichtigste Aufgabe eines neuen – mancherorts nennt man ihn schon digitalen – Humanismus muss sein, nicht nur das Lebendige vor der Maschine zu schützen, sondern auch zu erkennen, was das menschliche Tier der Maschine überlegen macht. Lisz Hirn erklärt: „Die Arbeitsleistung ist es jedenfalls nicht. Viel eher werden wir das Recht auf Arbeit künftig durch ein Gebot zu Faulheit ersetzen müssen, wenn wir der unbarmherzigen Barbarei unseres Konsumkapitalismus oder dem gnadenlosen Wettbewerb mit den Gerätschaften maschinellen Denkens entkommen wollen.“ Diese Erkenntnis ist aus mindestens zwei Gründen wichtig: zum einen, weil sich die Menschheit mittels ihrer maschinellen Erfindungen, wie der Atombombe, selbst vernichten könnte, wie man seit Mitte des 20. Jahrhunderts schmerzlich weiß. Lisz Hirn arbeitet als Publizistin und Philosophin in der Jugend- und Erwachsenenbildung, unter anderem am Universitätslehrgang „Philosophische Praxis“.
Die Denksucht operiert nach Art eines Diktators
Wie jede Sucht operiert auch die Denksucht nach Art eines Diktators. Rebekka Reinhard erläutert: „Sie zwingt Ihr Gehirn in eine Montur der Gleichförmigkeit und programmiert es darauf, möglichst fantasielos zu denken, alles schon vorwegzunehmen, bei allem recht haben zu müssen und vor Dauerdenken halb wahnsinnig zu werden.“ Der Stoff, der überall verfügbar ist, hat krasse Begleiterscheinungen: Egoismus. Selbstgerechtigkeit. Seelische Versteifung. Betroffene hören auf, um die Ecke zu denken, zu zweifeln, zuzuhören. Sie kleben an gleichförmigen, vorhersehbaren kognitiven Abläufen – doch die Angst ist immer noch da. Und mit ihr die Unfreiheit. Das Gehirn reduziert die vielen Möglichkeiten, sich als Mensch in einer unsicheren Welt zu behaupten und das zu tun, was man eigentlich tun will, von vornherein auf zwei Alternativen. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.
Bei der Reflexion muss der Geist einen Augenblick stillstehen
Wilhelm von Humboldt schreibt in seinem kurzen Text „Über Denken und Sprechen“: „Das Wesen des Denkens besteht im Reflektieren, das heißt im Unterscheiden des Denkenden von dem Gedachten.“ Diese Entzweiung reflektierenden Bewusstseins führt in einen Zwischenzustand. Wilhelm von Humboldt fährt fort: „Um zu reflektieren, muss der Geist in seiner fortschreitenden Tätigkeit eine Augenblick still stehen, das eben Vorgestellte in einen Einheit fassen, und auf diese Weise, als Gegenstand, sich selbst entgegenstellen.“ Hans Rudi Fischer erläutert: „Die Einheiten, von denen Humboldt spricht, sind begrifflich gefasste Vorstellungen. Im Intervallum des Stillstehens bezieht das Subjekt die als Gegenstand gesetzte Vorstellung auf sich selbst als entgegengesetztes Subjekt zurück. Hans Rudi Fischer ist Philosoph und Psychologe. Seit 30 Jahren arbeitet er als Lehrender Therapeut, Coach und Organisationsberater.
Big Data begreift seine Ergebnisse nicht
Big Data stellt ein rudimentäres Wissen zur Verfügung. Es bleibt auf Korrelationen und Mustererkennungen beschränkt, in denen jedoch nichts begriffen wird. Der Begriff bildet eine Ganzheit, die ihre Momente in sich einschließt und einbegreift. Byung-Chul Han erklärt: „Die Ganzheit ist eine Schlussform. Der Begriff ist ein Schluss. Alles Vernünftige ist ein Schluss. Big Data ist additiv. Das Additive bildet keine Ganzheit, keinen Schluss. Ihm fehlt der Begriff, nämlich der Griff, der Teile zu einer Ganzheit zusammenschließt.“ Künstliche Intelligenz erreicht nie die Begriffsebene des Wissens. Sie begreift nicht die Ergebnisse, die sich berechnet. Das Rechnen unterscheidet sich vom Denken dadurch, dass es sich keine Begriffe bildet und nicht von einem Schluss zum nächsten voranschreitet. Die Bücher des Philosophen Byung-Chul Han wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Das Gehirn des Menschen ruht selbst in „Pausen“ nicht
Es ist eine Tatsache, dass das menschliche Gehirn selbst in „Pausen“ nicht ruht. Im Gegenteil, gerade tagträumerische Pausen, und wenn man dabei auch manchmal nur aus dem Fenster auf den Himmel schaut, können die Quelle für kreatives Denken sein. Markus Hengstschläger weiß: „Das Gehirn schaltet sich nie aus, es schaltet eher um. Im Gehirn des Homo sapiens gibt es eine Gruppe von Regionen, bekannt als Default Mode Network – Ruhezustandsnetzwerk –, die beim Lösen von Aufgaben deaktiviert ist und erst beim Nichtstun aktiviert wird.“ Das unbeschäftigte Gehirn benutzt diese Regionen während des Tagträumens im Zuge von routinemäßigen, eher monotonen Tätigkeiten wie zum Beispiel Joggen oder Duschen. Seit einigen Jahren untersucht man wissenschaftlich die Rolle des Default Mode Network für die kreative Leistungsfähigkeit des Menschen. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien.
Demagogen werfen dem Establishment Volksferne vor
Liberale Demokratien müssen sich auf neue Aufgaben einstellen. Polarisierung? Roger de Weck stellt fest: „Angesagt und vonnöten ist das diametrale Gegenteil, um den Anforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen zu sein. Polarisierende und radikalisierende Politik taugt zum Machtgewinn, sonst zu gar nichts.“ Demagogen werfen dem Establishment Volksferne vor. Doch verrät ihre Faktenferne bis hin zu Faktenfreiheit, dass ausgerechnet die vorgeblich rechte „Realpolitik“ meilenweit von der Realität entfernt ist. Auf postfaktische Weise lässt sich die Gesellschaft radikalisieren, aber kein Ziel erreichen. Und das Reiseziel der Politik heißt jetzt in jeder Hinsicht: Einbezug. Die Ökologie ist ins Gefüge der demokratischen Institutionen einzubeziehen. Das Prinzip der Nachhaltigkeit ist in den republikanischen Dreiklang Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit einzuweben. Roger de Weck ist ein Schweizer Publizist und Ökonom.
Die Geschichte läuft nicht auf ein Happy End zu
In all seinen Schriften zeigte sich Theodor W. Adorno skeptisch gegenüber Philosophien, die harmonische Versöhnung anbieten. Stuart Jeffries erklärt: „So bezweifelte er beispielsweise die Vision des jungen Lukács von einer epischen Ganzheit im antiken Griechenland, Heideggers Vorstellung eines vollendeten Seins, das mittlerweile tragisch in Vergessenheit geraten ist, und Benjamins Glauben an eine vor dem Sündenfall existierende Einheit von Name und Sache.“ In der „Negativen Dialektik“ geht es ihm allerdings nicht hauptsächlich um die Dekonstruktion solcher regressiven Phantasien, sondern um Widerspruch gegen die Vorstellung, dass dialektische historische Prozesse unbedingt ein Ziel haben müssen. Vor allem verwirft er die Idee, dass das geschichtliche Narrativ notwendigerweise auf ein Happy End zulaufe. Stuart Jeffries arbeitete zwanzig Jahre für den „Guardian“, die „Financial Times“ und „Psychologies“.
Die soziale Imagination enthält allerlei Stereotype
Die soziale Vorstellungskraft ist eine wichtige Triebfeder gesellschaftlicher Veränderungen, was vor allem daran liegt, dass sie das Denken unmittelbar beeinflussen kann, und zwar unabhängig von Überzeugungen, die möglicherweise von aktuellen Vorurteilen geprägt sind. Miranda Fricker ergänzt: „Wenn aber die Bilder vorurteilsbeladen sind, kann eben diese Fähigkeit – die Fähigkeit, das Urteilsvermögen direkt und ohne, dass sich das Subjekt dessen bewusst ist, zu beeinflussen – aus der sozialen Imagination eine ethische und epistemische Bürde werden lassen.“ Die kollektive soziale Imagination enthält unweigerlich allerlei Stereotype, und das ist das soziale Klima, in dem die Zuhörer ihren Gesprächspartnern gegenübertreten. Kein Wunder also, dass mitunter die vorurteilsbehafteten Aspekte der sozialen Vorstellungskraft die eigenen Glaubwürdigkeitsurteile beeinflussen, ohne dass man dem zustimmt. Miranda Fricker ist Professorin für Philosophie an der New York University, Co-Direktorin des New York Institute für Philosophy und Honorarprofessorin an der University of Sheffield.
Leon Battista Alberti war ein Allroundgenie
Dass Leon Battista Alberti unterschiedlichste Fähigkeiten miteinander zu verbinden wusste, wurde von Jacob Burckhardt ausführlich erläutert. Eine von einem anonymen Autor verfasste Autobiographie beschrieb ihn als einen ungeheuer vielseitigen Menschen. Leon Battista Alberti beherrschte alle schönen Künste und tat sich daneben mit Reiten, Springen und Speerwerfen auch sportlich hervor. Einige seiner Zeitgenossen waren von seiner intellektuellen Vielseitigkeit beeindruckt. Peter Burke weiß: „Auf jeden Fall sind einige Leistungen Albertis bis heute sichtbar vorhanden. Die Bauwerke, die er entwarf, seine Abhandlungen über Malerei und Architektur, sein Dialog über die Familie, sein Büchlein über mathematische Spiele und sein Selbstporträt auf einem bronzenen Medaillon. Sechzehn Jahre lehrte Peter Burke an der School of European Studies der University of Sussex. Im Jahr 1978 wechselte er als Professor für Kulturgeschichte nach Cambridge ans Emmanuel College.