Das Titelthema des neuen Philosophie Magazin 03/2026 lautet: Staat, was darfst du von mir fordern? Eine Frage von höchster Brisanz. Und großem philosophischen Ernst. Auch in Deutschland wächst das Misstrauen gegenüber politischen Eliten und staatlichen Institutionen. Das Staat und das Volk, eigentlich als Union gedacht, stehen sich, so scheint es, zunehmend feindlich gegenüber. Und auch der Ton gegenüber Menschen, die gar nicht oder wenig arbeiten, wird rauer. Teile der CDU brandmarkten Teilzeit als „Lifestyle“. So dringt die Politik immer tiefer in das Leben jedes Einzelnen. Zu Recht? Oder zu Unrecht? Hat der Staat inzwischen selbst den Anspruch Souverän zu sein? Zeigt er gar Züge der Leviathans, wie Thomas Hobbes ihn entwarf? Eines allmächtigen Staates, der jenen Sicherheit garantiert, die sich ihm unterwerfen?
Politik
Von der Liebe zur Welt scheint eine starke politische Kraft auszugehen
Die Nachrichtenlage ließ Daniel Schreiber jeden Tag von Neuem bestürzt zurück, fassungslos und traurig. Ihm war die Fähigkeit abhandengekommen, die Welt zu lieben. Und er wusste nicht, wie er den damit verbundenen Gefühlen von Ohnmacht und Lähmung begegnen konnte. Daniel Schreiber schreibt in seinem Buch „Liebe! Ein Aufruf“ folgendes: „Ein paar Wochen zuvor war ich bei der Lektüre von Hannah Arendts „Denktagebuch“ auf einen kurzen Eintrag gestoßen, der eine ähnliche Einsicht zum Ausdruck zu bringen schien. […] Am meisten faszinierten mich darin die wiederkehrenden Aufzeichnungen zum Wesen der Liebe und ihrer möglichen politischen Kraft.“ Von der Liebe und der Liebe zur Welt schien für Hannah Arendt eine grundlegende politische Kraft auszugehen, doch dieser Kraft begegnete sie mit großer Skepsis. Daniel Schreiber ist Schriftsteller. Mit seinen Texten hat er eine neue Form des literarischen Essays geprägt.
Die Klimakatastrophe zerstört die Lebensgrundlagen der Menschheit
Wissen und Information schützen manchmal nicht vor Realitätsverlust. Richard David Precht erklärt: „Unser Wissen um die Perspektivlosigkeit unseres Wirtschaftens und unsere alltägliche Besorgnis scheinen gleichsam auf zwei verschiedene kortikale Regionen verteilt zu sein.“ Es ist schon eine lehrreiche Betrachtung, sich vorzustellen, was wohl Bewohner eines anderen Planeten, die mit unbestechlichem Blick auf die Erde schauen, über den Geisteszustand und die Zivilisation das Homo sapiens denken müssen. Je unerbittlicher die ökologische Katastrophe voranschreitet und je lauter die Wissenschaftler warnen und ein radikales Umdenken fordern, umso sedierender wird die Politik. Ruhe und Optimismus verbreiten, scheint ihre oberste Maxime. Die alltägliche Aufregung, die in den reichsten Ländern der Welt immer heißer aufkocht, betrifft Kinkerlitzchen und Skandale um Personen. Der Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
Zukunftsangst ist zu einem bedeutenden Phänomen geworden
Die Geschichte gleicht einer Fieberkurve: Zeiten der Euphorie wechseln mit Phasen tiefer Krisen. Inmitten allgemeiner Nervosität, hervorgerufen durch Angst, Apathie und sich zuspitzender Konflikte, zeigt das Buch „Ökonomie der Angst“ von Oliver Rathkolb, wie wichtig es ist, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Lektionen der Vergangenheit ernst zu nehmen, bevor sie sich wiederholen. Als sich Oliver Rathkolb mit den ersten Plänen für dieses Buch trug, dachte er noch, dass wir im Vergleich zur Zeit vor 1914 in einer vernünftigen und politisch kontrollierbaren neue Welt leben. Doch die Zeiten haben sich zum Schlechten hin gewendet. Es kam sogar noch schlimmer, als von Pessimisten prognostiziert. Russland hat sich zum Beispiel endgültig in eine brutale, aggressive Diktatur verwandelt. Oliver Rathkolb war langjähriger Vorstand und Professor des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien.
Jürgen Habermas kritisiert die Kurzsichtigkeit der europäischen Politik
Die Sonderausgabe der Philosophiemagazins „Impulse für 2026“ enthält wie jedes Jahr ausgesuchte Essays und Gespräche zu den großen Fragen unserer Zeit. Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas warnt in seinem Beitrag vor einer Rhetorik der Verfeindung und tritt für die Freundschaft mit unseren Nachbarn ein. Gleichzeitig kritisiert er die Kurzsichtigkeit der europäische Politik. Es ist für Jürgen Habermas schwer zu verstehen, warum die führenden Politiker Europas, insbesondere der Bundesrepublik, nicht vorausgesehen haben ober mindestens: warum sie sich blind gestellt haben gegenüber einer in den USA schon seit Längeren angebahnten Erschütterung des demokratischen Systems. Ebenso irritierend war die öffentliche Unempfindlichkeit für den Ausbruch militärischer Gewalt in Europa. Verschwunden schien jedes Gefühl für die abschreckende Gewalt von Kriegen und für die Tatsache, dass Kriege leicht entstehen, aber schwer zu beenden sind.
Die Anhebung des Renteneintrittsalters ist brandgefährlich
Das Dilemma der alternden Gesellschaft stellt die Politik vor große Probleme. Nouriel Roubini erklärt: „Keine Lösung trifft auf allgemeine Zustimmung, und niemand kann garantieren, dass selbst drakonische Maßnahmen die Balance wieder ausgleichen. Die Interessen prallen unweigerlich aufeinander.“ Jeder Plan zur Senkung der impliziten Kosten stößt irgendeine einflussreiche Interessengruppe vor den Kopf. Es liegt auf der Hand, dass man den Rentnern nicht einfach das Altersruhegeld nehmen kann, das man ihnen zugesagt hat. Mit dem Widerstand der Rentnerverbände kann man rechnen. Auch die Anhebung des Renteneintrittsalters ist brandgefährlich. Letzteres wäre gleich in mehrfacher Hinsicht unfair. Daten zeigen, dass Angestellte eine höhere Lebenserwartung haben als Arbeiter, die im Durchschnitt vor dem zwanzigsten Lebensjahr ihr Berufsleben aufnehmen und eine Lebenserwartung von knapp über 70 Jahren haben. Nouriel Roubini ist einer der gefragtesten Wirtschaftsexperten der Gegenwart. Er leitet Roubini Global Economics, ein Unternehmen für Kapitalmarkt- und Wirtschaftsanalysen.
Die Rettung des Planeten verlangt internationale Anstrengungen
Joachim Bauer schreibt: „Eine der Lehren aus der ökologischen Lage der Erde ist, dass wir eine ungeheure internationale Anstrengung unternehmen müssen, um die Rettung des Planeten ins Werk zu setzen.“ Die Ziele, zu denen der Weg der internationalen Gemeinschaft führen muss, finden sich in den Global Development Goals (GDG) der Vereinten Nationen. Das vorzugsweise von Klimaleugnern an die Wald gemalte Schreckgespenst einer Ökodiktatur wird weder vorgeschlagen noch von irgendjemandem verfolgt. Aufseiten der Wirtschaft wird die Dringlichkeit der Situation nur von ihren fortschrittlichen Vertretern erkannt. Um die Marktwirtschaft in Richtung ökologischer Werte umzuorientieren und eine an ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit orientierte Politik durchzusetzen, bedarf es des massiven politischen Drucks von unten. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Der Umwelt- und Klimaschutz müssen in der Politik an erster Stelle stehen
Gegenüber den großen Themen der Umwelt- und damit Lebenszerstörung wirken alle anderen politischen Herausforderungen, so wichtig sie sind, deutlich kleiner. Richard David Precht nennt Beispiele: „Die Schuldenkrise in Ländern wie Griechenland, Argentinien oder Venezuela schafft es gerade mal auf Platz neun des Weltwirtschaftsforums-Rankings, die wachsenden geopolitischen Spannungen zwischen den USA und China sowie Russlands Krieg gegen die Ukraine auf Platz zehn.“ Die Folgerungen, die sich daraus für die Politik wie für die Außenpolitik ableiten, lassen an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig: Oberstes Primat aller politischen Anstrengungen hat der Umwelt- und Klimaschutz. Die Treibhausgasemissionen müssen, gemäß des Klimaabkommens von Paris, im Jahr 2030 auf die Hälfte dessen reduziert werden, was 2010 ausgestoßen wurde. Der Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
Die Lüge gilt immer als erlaubtes Mittel in der Politik
Laut Hannah Arendt zählt die Wahrhaftigkeit niemals zu den politischen Tugenden, denn die Lüge gilt immer als erlaubtes Mittel in der Politik. Nicht alle haben dies so offen ausgesprochen wie Niccolò Machiavelli, der die Lüge für legitim hielt, wenn sie dem Machterhalt – das ist die böse Variante – oder dem Wohl des Volkes – das ist die gute Variante – diente. Konrad Paul Liessmann stellt fest: „Dass mit der Wahrheit in der Politik, in der es um Machtansprüche, um den Kampf zwischen Meinungen und Ideologien geht, wenig zu erreichen ist, mag ein Gemeinplatz sein. Dennoch überrascht es stets aufs Neue, mit welcher Verve ausgerechnet in diesem Feld Ehrlichkeit eingefordert und die Lüge als der große Sündenfall gebrandmarkt wird.“ Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.
Das Verhältnis von Macht und Liebe ist ein schwieriges
Peter Trawny stellt sich vor, dass die Liebe das Böse und den Hass besiegt hat und die Welt beherrscht: „Die Macht der Liebe hätte sich durchgesetzt. Es gäbe nichts Schöneres als dieses globale Happy End, Wiederkehr des Paradieses, in dem Mensch und Tier in ewigem Frieden zusammenleben würden.“ Aber das Verhältnis von Macht und Liebe ist ein schwieriges, wenn nicht unmögliches. Die Politik hat nicht nur das Wohlergehen Einzelner im Blick, sondern das ganzer Gesellschaften und Völker. Die Liebe hätte sich nicht nur auf meinen Nächsten, auf die Geliebten zu beziehen, sondern auf Kollektive. Das Begehren, für den Anderen da zu sein, sich um ihn zu kümmern, gilt nun der gesamten Welt. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.
Die Kunst der Darstellung formt unsere Zivilisation
Die Kunst der Darstellung ist eine Ausdrucksform, die seit jeher alles Bereiche des menschlichen Lebens prägt. Richard Sennett spannt in seinem neuen Buch „Der darstellende Mensch“ einen weiten Bogen von der Antike bis zur Gegenwart, wodurch das Bild einer doppelbödigen Kunstform entsteht, die unsere Zivilisation formt, aber auch zerstören kann. Tatsächlich ist Darstellung einer der Künste, allerdings eine unreine Kunst. Richard Sennett schreibt: „Wir sollten die Kunst in ihrer ganzen Unreinheit verstehen wollen. Doch genauso sollten wir auch Kunst schaffen wollen, die moralisch gut ist, und zwar ohne jede Unterdrückung.“ In seiner ganzen schriftstellerischen Arbeit hat Richard Sennett nach dem gesucht, was die Menschen über Räume und Zeiten hinweg miteinander verbindet. Die Unterschiede, die es gibt, können Möglichkeiten des Lebens oder Ausdrucks offenlegen, die untergegangen oder durch Macht erstickt worden sind. Die Vergangenheit ist Kritik an der Gegenwart. Richard Sennett lehrt Soziologie und Geschichte an der London School of Economic und an der New York University.
Andrea Römmele fordert mehr Zukunftsmut
In einer Demokratie können die Bürger die Zukunft mitgestalten. Denn in der Regel kündigen sich große politische, ökonomische oder gesellschaftliche Veränderungen an. Sie vollziehen sich prozesshaft und langsam. Viele akute Krisen und disruptive Ereignisse sind nur die sichtbare Folge eines schon lang andauernden Trends, den die Wissenschaft schon früh vorgezeichnet hat. Diese Trends gilt es zu verstehen, zu durchdenken und mögliche Konsequenzen daraus abzuleiten. Das ist der Ausgangspunkt des neuen Buchs „Demokratie neu denken“ von Andrea Römmele. Deutschland, Europa und die Welt stehen an der Schwelle zu einer neuen Ära. Das Zeitalter westlicher Vorherrschaft geht zu Ende. Rechtspopulistische Parteien fordern die Demokratien heraus. Andrea Römmele ist Professorin für Politische Kommunikation und Vizepräsidentin an. der Hertie School in Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Demokratie, Wahlen und politische Parteien.
Das Stereotyp „Alle Politiker lügen“ ist weit verbreitet
Hannah Arendt betonte, dass „Lügen zum Handwerk nicht nur der Demagogen, sondern auch des Politikers oder sogar des Staatsmannes“ gehöre. Das ist ein bemerkenswerter und beunruhigender Tatbestand. Peter Trawny stellt fest: „Keine Frage, dass die Philosophin an ein weitverbreitetes Urteil oder Vorurteil erinnert.“ Gerade in Deutschland scheint das Stereotyp „Alle Politiker lügen“ weit verbreitet zu sein. So verbreitet sogar, dass der wahrscheinlich mächtigste Politiker, der Deutschland jemals regierte, ja über es herrschte, beim Volk so erfolgreich war, weil er alles andere als Politiker sein wollte. Das Thema ist alt. Es ist Sokrates, der in Platons großem Dialog über die beste Verfassung für die Stadt von einer edlen oder vornehmen Täuschung spricht, mit der man die Befehlenden oder sogar die ganze Stadt zu ihrem Vorteil überreden könne. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.
Erfolgreiche Politik funktioniert nur ohne Egoismus
In seinem neuen Buch „Warum Politik so oft versagt“ erklärt Ben Ansell auf welche Weise Institutionen und Normen dafür sorgen, ob Politik erfolgreich ist oder ob sie scheitert. Politik ist ein heikler Begriff. Manche Menschen verbinden damit abstoßende, korrupte Machenschaften von Politikern. Für andere beschwört er Chancen herauf, was niemand allein bewerkstelligen kann. Vielleicht stimmt ja beides. Ben Ansell erläutert: „Politik bedeutet zunächst einmal die Art, wie wir kollektive Entscheidungen treffen. Die Art, wie wir in einer unsicheren Welt gegenseitige Verpflichtungen eingehen. Und Politik ist für die Lösung unserer Dilemmata von Klimawandel bis Bürgerkrieg, von globaler Armut bis zur Corona-Pandemie von wesentlicher Bedeutung.“ Doch Politik ist ein zweischneidiges Schwert: Sie verspricht nicht nur, die Probleme der Menschen zu lösen, sie schafft auch neue. Ben Ansell ist Professor für Politikwissenschaften am Nuffield College der Universität Oxford.
Wohlstand verringert das Bevölkerungswachstum
Mit die beste Nachricht ist: Wenn in armen Ländern der Wohlstand steigt, und je gleichberechtigter und besser gebildet die Frauen sind, desto deutlicher sinkt die Zahl der Kinder, die geboren werden. Tatsächlich sind die Geburtenziffern nur noch in einem guten Dutzend Länder besorgniserregend. Ullrich Fichtner erklärt: „Ja, es gibt noch Weltregionen – im Tschad, in Somalia, in Niger – in denen Frauen sechs Kinder und mehr gebären; aber es gibt deren nicht mehr viele. Die Fantastereien über kommende Bevölkerungsexplosionen entbehren jeder Grundlage. Das ist der Forschungsstand. In vielen einst überbevölkerten Ländern ist die Kinderzahl pro Frau auf ein gutes Maß gesunken, und die meisten Regierungen, auch in Afrika und Südasien, setzen heute eine Politik ins Werk, die günstige demografische Effekte hat. Ullrich Fichtner ist Reporter des „Spiegel“ und gehört zu den renommiertesten Journalisten Deutschlands.
Die Staaten der Welt stehen vor gigantischen Herausforderungen
In seinem neuen Buch „Das Jahrhundert der Toleranz“ beschreibt Richard David Precht die großen Herausforderungen, die auf die Staaten der Welt im 21. Jahrhundert zukommen. Außerdem fragt er, wie ein halbwegs friedliches Miteinander möglich sein könnte und wie es sich vermeiden lässt, dauerhaft in alte Muster der Feindschaft und Konfrontation zurückzufallen. Dabei nimmt er eine philosophische Perspektive ein und bietet seinen Lesern daher keine schnellen Lösungen. Denn in der Gesellschaft, in Politik und Kultur werden Herausforderungen und Krisen nicht durch Lösungen aus der Welt geschafft. Richard David Precht erläutert: „Für welche Maßnahmen man auch immer sich entscheidet, stets werden Schwierigkeiten verlagert, überformt, in den Hintergrund gestellt oder durch andere Schwierigkeiten ersetzt.“ Der Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
Politik ist immer emotional
In ihrem neuen Buch „Radikal emotional“ beschreibt die Neurowissenschaftlerin Maren Urner wie Gefühle Politik machen. Sie vertritt dabei unter anderem die These, dass nicht nur die großen Zusammenhänge, sondern auch vermeintlich „rein private“ Alltagsentscheidungen immer politisch sind. Gefühle sind für die Autorin nichts „Privates“, dass man von der professionellen und politischen Ebene trennen kann. Maren Urner schreibt: „Die Ansicht, Emotionen hätten in der Politik nichts zu suchen, ist sogar – Achtung! – irrational. Denn Politik ist nichts anderes als ein Aushandlungsprozess über unterschiedliche Gefühle und damit verbundene Werte und Ideen innerhalb einer Gruppe von Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt.“ In diesen Aushandlungsprozess sind alle Menschen involviert. Dr. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.
Die meisten Gemeinschaften sind exklusivistisch orientiert
Richard Rorty schreibt: „Die Frage, ob es Überzeugungen und Wünsche gibt, die allen Menschen gemeinsam sind, ist ziemlich uninteressant, wenn man nicht von der Vorstellung einer utopischen, inklusivistischen Menschengemeinschaft ausgeht, die nicht mit der Entschiedenheit, mit der sie Fremde ausschließt, stolz ist, sondern auf die Verschiedenheit der Arten von Menschen, die sie willkommen heißt.“ Die meisten menschlichen Gemeinschaften sind jedoch exklusivistisch orientiert. Ihr Identitätsgefühl und das Selbstbild ihrer Angehörigen beruhen auf ihrem Stolz darauf, bestimmten Arten von Menschen nicht anzugehören. Nämlich denen, die den falschen Gott verehren, die falschen Nahrungsmittel essen oder irgendwelche anderen abwegigen, abstoßende Überzeugungen oder Wünsche haben. Richard Rorty (1931 – 2007) war einer der bedeutendsten Philosophen seiner Generation. Zuletzt lehrte er Vergleichende Literaturwissenschaft an der Stanford University.
In der Politik wurde immer schon gelogen
Bei der Gegenwart, so kann man lesen, handelt es sich um ein postfaktisches Zeitalter. Konrad Paul Liessmann stellt fest: „Ungeniert können Populisten Lügen verbreiten, ihre Anhänger wissen das und jubeln trotzdem oder vielleicht gerade deshalb.“ Dem Wahrheitsfreund graut, zumal er ja, so muss man den erschütterten Kommentaren zur „post-truth politics“ entnehmen. Denn er ist in einer Zeit groß geworden, in der Wahrheit in der Politik noch eine entscheidende Kategorie war und sich die Wähler an den besseren und faktengetreuen Argumenten orientierten. Natürlich stimmt diese in die Vergangenheit projizierte Idylle nicht. In der Politik wurde immer schon gelogen und immer schon haben die Anhänger diese Politik das augenzwinkernd akklamiert. Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.
Freiheit und Gleichheit gehören zu den Grundrechten
Immanuel Kants kleine Schrift „Zum ewigen Frieden“ hat spätestens mit der durch sie angeregten Gründung des Völkerbunds 1919 einen weltpolitischen Rang erhalten. In ihr werden im ersten Definitionsartikel, der die Staaten auf eine republikanische Verfassung verpflichtet, drei Prinzipien genannt. Diese seien unbedingt zu beachten. Volker Gerhardt stellt fest: „Zwei der Prinzipien, nämlich die Freiheit und die Gleichheit der Bürger, sind uns aus den Grundrechtskatalogen bekannt.“ Aber das zwischen ihnen stehende dritte Prinzip der Abhängigkeit aller Bürger „von einer einzigen gemeinsamen Gesetzgebung“ ist erklärungsbedürftig. Denn in einer offenen Welt, in der man seinen Wohnort selbst bestimmen kann, wirkt die Bindung an die Gesetzgebung eines einzigen Staates befremdlich. Volker Gerhardt war bis zu seiner Emeritierung 2014 Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin.
Der „europäische Geist“ erlebte eine Krise
War man um die Mitte des 17. Jahrhunderts durch die zermürbende Erfahrung des Krieges klüger geworden? ES kann jedenfalls kein Zufall sein, dass mehr oder weniger simultan europaweit Tendenzen zu beobachten sind, an allem, was mit überkommenen Machtstrukturen zu tun hat, Kritik zu üben. Jürgen Wertheimer weiß: „Das betrifft Regierungsformen wie Denkstile. England unter der republikanischen Diktatur Oliver Cromwells oder die Revolte der Niederlande gegen die spanische Hegemonie sind nur zwei Beispiele für die beginnende Korrosion traditioneller Herrschaftsgefüge.“ Weit deutlicher jedoch als im Bereich der Politik zeigen sich die Zeichen eines generellen Umbruchs im Bereich der Künste und Wissenschaften. Denn der „europäische Geist“ erlebte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine massive Krise. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.
Geschmack ist die weibliche Form des Genius
Geschmack bezeichnete F. Scott Fitzgerald – ganz Gentleman der alten Schule – als die weibliche Form des Genius. In diesem Sinne wäre die Boutiquisierung der Kultur – folgte man dem Machismo Fitzgeralds – auch ein Erfolg der weiblichen Emanzipation. Ulf Poschardt erklärt: „Die Kultur wird metrosexuell. Vielleicht überlebt das Buch am Ende nur am Coffeetable und das Tanztheater nur in Modeschauen.“ Die Organisation und Reproduktion von Lebensstilen verlangen als Mündigkeitsanstrengung vor allem „kulturelles Kapital“, wie das Pierre Bourdieu vermutet. Kurz vor dem Eintritt in die Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts hat der Postmaterialismus die Mündigwerdung reidealisiert und dabei auch die Rollenbilder verschoben. Die Klimabewegung Fridays for Future trat 2019 als eine extrem weibliche Protestbewegung hervor. Seit 2016 ist Ulf Poschardt Chefredakteur der „Welt-Gruppe“ (Die Welt, Welt am Sonntag, Welt TV).
Das eilige Meinen richtet tagtäglich Verseuchungen an
Aus Wolfgang Hildesheimers „Mitteilungen an Max“ stammt das Zitat, das Reinhard K. Sprenger zum Titel seiner Aufsatzsammlung „Gehirnwäsche trage ich nicht“ wählte. Es verweist auf die Verseuchungen, welche die Pathosformeln und das eilige Meinen tagtäglich anrichten. Versammelt sind in seinem neuen Buch vorrangig Texte, die er in der NZZ – „Neue Zürcher Zeitung“ publizierte. Seit Angedenken übt sich der Mensch, den Zufall zu bändigen, die Fülle der Möglichkeiten zu begrenzen, seine Welt zu ordnen und festzulegen. Und je mehr ihm das gelingt, desto mehr leidet er unter dem Restrisiko. Desto mehr artikuliert sich das Bedürfnis, den Zufall möglichst vollständig aus dem Leben zu verbannen. Man will kontrollieren, alles, irgendwie, auch den eigenen Körper. Reinhard K. Sprenger, promovierter Philosoph, ist einer der profiliertesten Führungsexperten Deutschlands.
Die Kluft zwischen arm und reich steigt
Extreme Ungleichheit ist kein Naturgesetz. Sie ist die Folge einer Politik, die Profite vor Menschen stellt. Um Ungleichheit zu reduzieren, müssen Regierungen für eine faire Besteuerung sorgen. Zudem müssen sie in öffentliche soziale Dienste investieren und die Benachteiligung von Frauen beseitigen. Klaus Peter Hufer weiß: „Die Kluft zwischen Arm und Reich steigt nicht nur weltweit, sondern auch innerhalb der reichen Länder des Westens und des Nordens.“ Im Jahr 2018 verfügten 26 Personen über ebenso viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Das sind 3,8 Milliarden Menschen. Der britische Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier stellt fest: „Der Kapitalismus löst sein wichtigstes Versprechen – einen ständig steigenden Lebensstandard für alle – immer weniger ein. Einige profitieren weiterhin, aber andere wurden abgehängt.“ Klaus-Peter Hufer promovierte 1984 in Politikwissenschaften, 2001 folgte die Habilitation in Erziehungswissenschaften. Danach lehrte er als außerplanmäßiger Professor an der Uni Duisburg-Essen.
In Europa gab es lange keine Demokratie
Es ist für Silvio Vietta eigentlich unfassbar, wie lange nach der römischen Republik und deren Zusammenbruch dann die Demokratie in Europa ruht. Es war eine Art Grabesruhe für Jahrhunderte. Im Mittelalter gab es zaghafte Neuansätze in den sich bildenden Stadtkulturen. Die Schweiz macht sich nach dem erfolgreichen Kampf gegen die Habsburger Vorherrschaft in der Schlacht von Sempach 1386 frei von deren Vorherrschaft. Das kleine Land in Mitteleuropa beschritt damit einen Weg hin zu einer halb-direkten Demokratie. Silvio Vietta fügt hinzu: „Ansätze zu einer parlamentarischen Demokratie gab es vor allem in England, wo ab dem 13. Jahrhundert der Monarchie ein Parlament gegenübertrat.“ Prof. em. Dr. Silvio Vietta hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt.