Daniel Schreiber befällt eine umfassende Desillusionierung

Daniel Schreiber erklärt: „In den vergangenen Monaten hatte sich immer häufiger eine Einsicht eingestellt, die ich fast körperlich spürte, eine Einsicht, die ich versuchte von mir fernzuhalten, obwohl mir das nur selten gelang. Sie gehörte zu jenen Dingen in meinem Leben, von denen ich eigentlich so wenig wie möglich wissen wollte.“ Auch jetzt wehrte sich Daniel Schreiber dagegen. Am besten ließ sich diese Einsicht als umfassende Desillusionierung beschreiben. Er fühlte sich in der Gesellschaft, in der er lebte, immer weniger zuhause. Die Nachrichtenlage ließ Daniel Schreiber jeden Tag von Neuem bestürzt zurück, fassungslos und traurig. Ihm war die Fähigkeit abhandengekommen, die Welt zu lieben. Und er wusste nicht, wie er den damit eingehenden Gefühlen von Ohnmacht und Lähmung begegnen konnte. Daniel Schreiber ist Schriftsteller. Mit seinen Texten hat er eine neue Form des literarischen Essays geprägt.

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Die Zukunft ist ein Menschending

Das neue Buch von Rebekka Reinhard „Zukunft ist kein Männerding“ ist ein Frauenbuch, das absolut kein Frauenbuch sein will. Es ist ein Buch für alle, die neugierig sind, wie es weitergeht. Die große Lust auf Zukunft haben – eine Zukunft, die sie nicht passiv machtbesoffenen Bros überlassen, sondern selbst entwerfen und aktiv mitgestalten wollen. Zukunft ist kein Männerding, sondern ein Menschending. Dieses Buch ist eine Einladung, alles anders zu betrachten. Und alles anders zu machen. Die herrschenden Machtdynamiken auf eine Weise außer Kraft zu setzen, wie du es noch nie versucht hast. Macht ist hochdynamisch, wandelbar in alle Richtungen. Wie das Leben. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.

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Sokrates lehrt einen neuen Umgang mit den existenziellen Fragen des Lebens

Agnes Callard bringt Sokrates in ihrem gleichnamigen Buch zurück in die Mitte unseres Lebens und zeigt, dass wir alle wie Sokrates denken können: Indem wir lernen, in sokratischer Manier Fragen zu stellen, um so einen neuen Umgang mit der Liebe, dem Tod und der Politik zu entdecken. Sokrates sah sich mit tiefgründigen Fragen konfrontiert, die er nicht beantworten konnte. Dabei kam er zu dem Schluss, dass dies nicht das Schlimmste, sondern das Beste war, was ihm je passiert war. Sokrates strebte nach Glück, indem er diesen Fragen nicht auswich oder sie beiseiteschob, sondern sich kopfüber in sie stürzte, und zwar so sehr, dass er in seinem Leben nie mehr etwas anderes tun wollte. Agnes Callard ist Professorin für Philosophie an der University of Chicago und forscht insbesondere zur antiken Philosophie und Ethik.

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Eros ist der Gott der Liebe und der Freundschaft

Albert Kitzler schreibt: „Nach Zenon von Kition, dem Begründer der stoischen Lehre, bewirkt Eros, der Gott der Liebe und der Freundschaft, das gedeihliche Zusammenleben der Menschen und den Erhalt der Städte, indem er für Eintracht sorgt.“ Es ist der Gott Eros, berichtet Platon, „der da schafft Frieden und den Menschen und reglose Glätte dem Meere, zauberisch Schweigen in Stürmen und leidlos ruhigen Schlummer. Er befreit uns von der Fremdheit; macht uns reich an Vertrautheit.“ Wir haben gesehen, dass das stärkste Bedürfnis des Menschen auf seine emotionale Verbundenheit mit anderen Menschen gerichtet ist, die von Wärme, Wohlgefühl, Geborgenheit und Sicherheit geprägt ist. Der Philosoph und Medienanwalt Dr. Albert Kitzler gründete 2010 „Maß und Mitte – Schule für antike Lebensweisheit und eröffnete ein Haus der Weisheit in Reit im Winkl.

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Unsere Wünsche entsprechen zumeist keinesfalls unseren Bedürfnissen

Michael Lehofer schreibt am Anfang seines neuen Buches „Zu viel von Allem und zu wenig vom Richtigen“: „Verwöhnung macht unglücklich. Der verwöhnte Mensch bekommt alles, was er sich in seinem wunschgetriggerten Vorstellungen jemals gewünscht hat, und möglicherweise noch darüber hinaus. Sonderbarerweise entsprechen unsere Wünsche zumeist keinesfalls unseren Bedürfnissen.“ Menschen, die alles haben, sind in der Regel frustriert. Solche Personen sind daher innerlich unruhig, manchmal geradezu aggressiv. Ihr Begehren ist nicht selten eine Ersatzhandlung für ihre eigentlichen Wünsche. Sie werden nach Verheißungen süchtig, nach dem, was ihnen eine Pseudobefriedigung beschert, aber nie nach dem, was erfüllt. Verheißungen sind dem Wesen nach meist unerfüllbare Hoffnungen. Man spricht von leeren Verheißungen. Michael Lehofer ist Philosoph, Psychiater und Psychologe und eine der bekanntesten Stimmen für persönliche Entwicklung im deutschsprachigen Raum.

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Pornographie ist durch das Internet ständig verfügbar

Peter Trawny stellt fest: „Diejenigen, die schon auf der Welt waren, als es noch kein Internet gab, können sich daran erinnern, dass es noch einer gewissen peinlichen Aktivität bedurfte, um pornographische Bilder sehen zu können.“ Entweder man musste eines dieser etwa angeschimmelten Kinos aufsuchen, in denen weniger Männer sich in den Sitzreihen verteilten, um ihren dürftigen Genuss zu frönen, oder man kaufte sich am Kiosk ein Heft, das man einigermaßen verschämt bezahlte. Seit dem weltveränderten Auftauchen des Internets ist Pornographie absolut aller „Kategorien“, wie es heißt, ständig verfügbar. Was das bedeutet ist schwer zu sagen. Hat sich die Liebe durch die Anwesenheit pornographischer Bilder verändert? Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.

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Die Eifersucht versetzt den Betroffen in einen Dauerstress

Die schmerzhafte Eifersucht tritt auf, wenn die erwartete Aufmerksamkeit, Anerkennung und Liebe von nahen Bezugspersonen nicht mehr gewährt wird beziehungsweise diese ihr Interesse und Zuneigung jemand anderem zukommen lassen. Reinhard Haller weiß: „Bei den ehemals Bevorzugten löst dies Verlustängste und Minderwertigkeitsgefühle aus. Diese Mischung von Emotionen namens Eifersucht, versetzt den Betroffenen in einen Dauerstress und kann anhaltende Depressivität hervorrufen.“ Dieser Disstress wirkt sich auch auf die organischen Funktionen des in einen andauernden Alarmzustand versetzten Organismus aus. In wissenschaftlichen Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass bei Eifersucht zwei Hirnregionen namens cingulärer Cortex und laterales Septum aktiviert werden und es zu einer vermehrten Ausschüttung der „Kampfhormone“ Cortisol und Testosteron kommt. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).

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Von der Liebe zur Welt scheint eine starke politische Kraft auszugehen

Die Nachrichtenlage ließ Daniel Schreiber jeden Tag von Neuem bestürzt zurück, fassungslos und traurig. Ihm war die Fähigkeit abhandengekommen, die Welt zu lieben. Und er wusste nicht, wie er den damit verbundenen Gefühlen von Ohnmacht und Lähmung begegnen konnte. Daniel Schreiber schreibt in seinem Buch „Liebe! Ein Aufruf“ folgendes: „Ein paar Wochen zuvor war ich bei der Lektüre von Hannah Arendts „Denktagebuch“ auf einen kurzen Eintrag gestoßen, der eine ähnliche Einsicht zum Ausdruck zu bringen schien. […] Am meisten faszinierten mich darin die wiederkehrenden Aufzeichnungen zum Wesen der Liebe und ihrer möglichen politischen Kraft.“ Von der Liebe und der Liebe zur Welt schien für Hannah Arendt eine grundlegende politische Kraft auszugehen, doch dieser Kraft begegnete sie mit großer Skepsis. Daniel Schreiber ist Schriftsteller. Mit seinen Texten hat er eine neue Form des literarischen Essays geprägt.

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Wie die Liebe ist die Wahrheit ein Versprechen

Rob Wijnberg schreibt: „Was Liebe für den Menschen ist, ist Wahrheit für die Menschheit. Wie die Liebe beschreibt die Wahrheit eine magnetische Kraft – eine Kraft, die uns anzieht und zusammenbringen kann; die Unterschiede überbrücken, Meinungen ändern und für ein tief empfundenes Verbundenheits- und Gemeinschaftsgefühl sorgen kann.“ Wie die Liebe ist auch die Wahrheit ein Rätsel – eine mysteriöse Vision, der wir nachjagen und nach der wir streben, in der Hoffnung, dass unsere Sehnsucht in ihr Erfüllung finde: eine Sehnsucht, die uns zu poetischen Worten und größten Taten inspiriert, die uns zu Mitgefühl und Veränderung bewegen kann. Und wie die Liebe ist auch die Wahrheit ein Versprechen – das Versprechen, dass sie unserem Dasein, haben wir sie einmal gefunden, Sinn und Richtung geben wird: dass sie Klarheit im Chaos schaffen und ihr Licht in der Dunkelheit leuchten lassen wird. Rob Wijnberg ist ein niederländischer Journalist sowie Autor philosophischer und medienkritischer Bücher.

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An Gleichgültigkeit in der Gesellschaft herrscht in der Gegenwart kein Mangel

In seinem neuen Buch „Stoische Gangarten“ betrachtet Helmut Lethen das stoische Denken neu. Gustave Flaubert führt uns eine stoische Gangart im 19. Jahrhundert vor. Was ist aus ihr im 20. und 21. Jahrhundert geworden? Am „nie versiegenden Vorrat an Gleichgültigkeit der Gesellschaft“, den Flaubert feststellt, herrscht in der Gegenwart kein Mangel. Helmut Lethen schreibt: „Ich empfinde nur, dass die Zukunft leer und drohend auf uns zukommt. Wir leben in einem Raum, in dem politische Paradoxe Handlungslähmung bewirken und Handlungslähmungen Paradoxe plausibel erscheinen lassen.“ Daher ist es schwer, eine Mitte zu finden. Die Erfindung einer Mitte wäre die Lösung des Rätsels, wie man heute noch Stoiker sein könnte. Helmut Lethen lehrte von 1977 bis 1996 an der Universität Utrecht, anschließend übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock.

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Über die Hoffnung gibt es unzählige Zitate

Es gibt Begriffe, die lechzen geradezu danach, sich in einem Kalenderspruch oder Sprichwort wiederzufinden. Zu diesen zählt zweifellos und prominent die Hoffnung. Wer im Internet kurz nach Zitaten zur Hoffnung sucht, wird auf Anhieb mit mehreren hundert Fundstellen beglückt. Auch Konrad Paul Liessmann beginnt deshalb mit einer alten Weisheit: „Dum spiro spero – Solange ich amte, hoffe ich. Diese Sentenz gehört wahrscheinlich zu den meistzitierten Sätzen der Antike, sie wird gemeinhin Marcus Tullius Cicero zugeschrieben.“ Recherchiert man ein wenig dazu im Internet, wird man darauf verwiesen, dass diese Formel unvollständig sei. Ergänzt wird sie durch die Sätze: „Solange ich hoffe, liebe ich. Solange ich liebe, lebe ich.“ Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.

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Durch die Linse der Wahrheit blickt die Gesellschaft auf die Wirklichkeit

In seinem Buch „Ruinen der Wahrheit“ erzählt der niederländische Philosoph Rob Wijnberg die Geschichte, die zur gegenwärtigen Krise der Wahrheit geführt hat. Für den Autor geht es bei der Wahrheit nicht nur um den Unterschied zwischen Tatsache und Fiktion, ums Besserwissen und Danebenliegen. Rob Wijnberg betont: „Wahrheit ist viel mehr, nämlich die Linse, durch die eine ganze Gesellschaft auf die Wirklichkeit blickt.“ Wahrheit ist für Kollektive eine Kraft, die eine Welt eröffnet, Differenzen überbrückt oder vertieft und Menschen verbindet oder spaltet. Was die Liebe für den Menschen ist, ist die Wahrheit für die Menschheit. Wie die Liebe beschreibt die Wahrheit eine magnetische Kraft – eine Kraft, die uns anzieht und uns zusammenbringen kann; die Unterschiede überbrücken, Meinungen ändern und für ein tief empfundenes Verbundenheits- und Gemeinschaftsgefühl sorgen kann. Rob Wijnberg ist ein niederländischer Journalist sowie Autor philosophischer und medienkritischer Bücher.

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Die Liebe ist die größte der drei Tugenden

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Hoffnung ist die Kleinste unter ihnen.“ Hartmut von Sass erklärt: „Selbst diejenigen unter uns, das das Neue Testament kaum mehr in die Hand nehmen – was ein großer Fehler ist –, werden bemerken, dass hier etwas nicht stimmt.“ Hatte der viel gescholtene Apostel Paulus nicht davon gesprochen, dass die Liebe die größte der drei Tugenden sei? Ganz genau so ist es – aber das bestätigt ja gerade die winzige Umformulierung jenes berühmten Satzes aus dem Ersten Brief an die Gemeinde in Korinth. Von Glauben und vor allem Liebe ist allerorten und ausführlich die Rede; nicht nur bei Paulus, der einmal der Saulus gewesen ist, sondern auch in der philosophischen Literatur. Prof. Dr. Hartmut von Sass ist Titularprofessor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie sowie Inhaber einer Heisenberg-Stelle an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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Die Arbeit ist durchdrungen von dem Streben nach Dingen

Liebe bezieht sich in den allermeisten Fällen auf den Anderen – sei es der Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter, der oder die Geliebte. Peter Trawny fügt hinzu: „Wir haben es mit lebendigen Individuen zu tun, die wir auch so behandeln. Gerade die Liebe sorgt dafür, dass wir uns für die Wünsche und Begehren, die Bedürfnisse und Erwartungen des Anderen interessieren. Niemals kämen wir auf die Idee, dass der oder die Andere – ein Ding wäre.“ Dagegen muss man einräumen, dass eine unserer ersten Tätigkeiten vor allem den Dingen gilt: das Arbeiten nämlich. Anders gesagt: Die ökonomische Sphäre unseres Lebens ist ganz und gar durchdrungen von Dingen und dem Streben nach ihnen. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.

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Das Verhältnis von Macht und Liebe ist ein schwieriges

Peter Trawny stellt sich vor, dass die Liebe das Böse und den Hass besiegt hat und die Welt beherrscht: „Die Macht der Liebe hätte sich durchgesetzt. Es gäbe nichts Schöneres als dieses globale Happy End, Wiederkehr des Paradieses, in dem Mensch und Tier in ewigem Frieden zusammenleben würden.“ Aber das Verhältnis von Macht und Liebe ist ein schwieriges, wenn nicht unmögliches. Die Politik hat nicht nur das Wohlergehen Einzelner im Blick, sondern das ganzer Gesellschaften und Völker. Die Liebe hätte sich nicht nur auf meinen Nächsten, auf die Geliebten zu beziehen, sondern auf Kollektive. Das Begehren, für den Anderen da zu sein, sich um ihn zu kümmern, gilt nun der gesamten Welt. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.

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Die eheliche Liebe ist kaum mehr als „eine zweifache Selbstsucht“

Die französische Schriftstellerin und Feministin Claire Démar schreibt Anfang des 18. Jahrhunderts: „Wenn die Ehe ungleich sei, dann sei sie auch nicht gemäß dem spirituellen und libidinösen Charakter der Menschen ausgerichtet, die von ihrem Schöpfer keineswegs für dauerhafte Vereinigungen geschaffen seien. Das ganze Arsenal der Emotionen und sittlichen Werte im Umfeld der Ehe sei die Frucht dieses Missverhältnisses zwischen Kultur und Natur.“ Die eheliche Liebe sei kaum mehr als „eine zweifache Selbstsucht“. Christopher Clark ergänzt: „Die Eifersucht, die viele Ehen vergiftet, entsteht aus einem abstoßenden Gefühl des Egoismus und der Persönlichkeit heraus.“ „Treue“, so Claire Démar, „hat so gut wie immer ausschließlich auf Angst und der Unfähigkeit basiert, es besser oder anders zu machen!“ Christopher Clark lehrt als Professor für Neuere Europäische Geschichte am St. Catharine’s College in Cambridge. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Geschichte Preußens.

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Bei der Begegnung mit der Liebe sollte man mit dem Zufall rechnen

Wer in der Überzeugung handelt, seine Wünsche der Welt aufzwingen zu können, irrt sich gewaltig: er unterschätzt den Widerstand der Wirklichkeit und vergisst, dass er sich im Hinblick auf die eigenen Wünsche irren kann. Charles Pépin rät: „Gehen wir hinaus. Handeln wir in der Welt. Nicht in der verrückten Hoffnung, unseren Willen der Wirklichkeit zu oktroyieren, sondern um auszuprobieren. Ich gehe los – und sehe.“ Dabei entdeckt man, was möglich ist; man wird sich darüber im Klaren, was man wirklich wünscht. „Liebe ohne Zufall!“ versprach vor ein paar Jahren ein Werbeslogan der Singlebörse Meetic. Ein erstaunliches Programm – und allemal trügerisch. Um der Liebe zu begegnen, sollten wir besser mit dem Zufall rechnen, mit ihm spielen, ihn herausfordern, ihn zum Verbündeten machen, statt zu versuchen, ihn abzuwenden. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

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Das Urteil eines anderen kann in der Seele brennen

Ger Groot erklärt: „Was er über mich denkt, entzieht sich meinem Zugriff, ich bin dem anderen darin ausgeliefert – mir buchstäblich entfremdet und entwendet.“ Wie tief dies das eigene Selbstverständnis berühren kann, weiß Jean-Paul Sartre. Das Urteil eines anderen kann in der Seele brennen. Jean-Paul Sartre schreibt: „Das Wesen der Beziehungen zwischen Bewusstsein ist nicht das Mitsein, sondern der Konflikt.“ Aus diesem Grund kann er am Anfang von „Der Existenzialismus ist ein Humanismus“ den Atheismus als Bedingung seiner Existenzphilosophie bezeichnen. Denn Gott ist schließlich der andere schlechthin, der den Menschen immerzu sieht, aber sich selbst niemals sehen, daher auch nicht zum Objekt machen lässt. Ger Groot lehrt Kulturphilosophie und philosophische Anthropologie an der Erasmus-Universität Rotterdam. Außerdem ist er Professor für Philosophie und Literatur an der Radboud Universität Nijmegen.

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Christus liebte sogar noch seine Henker

Eine der Meistererzählungen der Liebe, ihrer Erfahrung, ihres Verständnisses oder Unverständnisses ist die vom Bruch zweier Kulturen. Peter Trawny erklärt: „Zunächst war da Eros, dieser geflügelte Gott, der ein Begehren hervorrief, das oft nicht anders als tragisch enden konnte: Phädra-mäßig, die sich in der Scham enttäuschter Liebe selbst erhängte.“ Dann die Agape, die jesuanische Gabe, Appell zum friedlichen Miteinander: Christus am Kreuz, der noch seine Henker liebt. Dazwischen soll ein Abgrund gähnen. Vermutlich gehört diese Erzählung zum Christentum, das offenbar ein Interesse hatte, die heidnischen Ausschweifungen zu verdammen. Denn einen Abgrund gibt es zwischen der erotischen Liebe und der Nächstenliebe wohl nicht, doch sind Unterschiede deutlich vorhanden. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.

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Der Liebende ist „göttlicher“ als der Geliebte

Schon in antiken Texten zur Liebe, zumal in Platons „Symposion“, wird festgehalten, dass der Liebende „göttlicher“ sei als der Geliebte. Der Grund für diese keineswegs schon philosophische Bemerkung liegt für Peter Trawny auf der Hand: „Weil eben im Liebenden der Gott Eros sich spüren lässt – manchmal bis zum Wahnsinn –, ist der, der liebt, „göttlicher“. Weitergedacht ließe sich sagen, dass der Liebende über den Geliebten hinausgehe, weil er der Handelnde ist, der, der sich kümmert.“ Das wird bei Platon betont: In der Schlacht werde der Liebende den Geliebten niemals verlassen, denn das wäre der Gipfel einer Feigheit, deren sich kein Liebender schuldig machen will. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.

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Es gibt die Methode einer „Hermeneutik der Liebe“

Menschen fühlen sich verantwortlich, wen sie etwas im wahrsten Sinne des Wortes existenziell angeht, es sie berührt und betrifft – und eben dann handeln sie entsprechend. Dabei ist die Liebe der sicherste Grund für das, was Menschen tun oder lassen. Es gibt ein Grundgefühl, das Menschen verpflichtet, etwas zu tun, auch wenn andere Gefühle wie Angst oder Hilflosigkeit damit kollidieren und sie verunsichern können. Ina Schmidt schreibt: „Denken wir noch einmal an die Methode einer „Hermeneutik der Liebe“, an die Fähigkeit, die Klaviatur des liebevollen Zugangs zu den Dingen verstehen und spielen zu lernen. In all diesen Facetten erleben wir eines nie: absolute Sicherheit.“ Ina Schmidt ist Philosophin und Publizistin. Sie promovierte 2004 und gründete 2005 die „denkraeume“. Seitdem bietet sie Seminare, Vorträge und Gespräche zur Philosophie als eine Form der Lebenspraxis an.

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Die Stimme des Gewissens gibt selten eindeutige Ratschläge

Doch auch wenn man der eigenen Stimme des Gewissens gut zuhört, muss man weiterhin darauf achten, warum sie sagt, was sie sagt. Ina Schmidt erläutert: „Denn die Stimme des Gewissens hat selten eindeutige Ratschläge.“ Die Stimme des Gewissens ruft meist zunächst dazu auf, die Gründe des eigenen Handelns zu überprüfen. Die Unterscheidung zwischen einer Gesinnungs- und einer Verantwortungsethik geht auf den Soziologen Max Weber zurück. Sie ist in vielen ethischen Fragen noch immer maßgeblich. Die Entscheidung, Verantwortung übernehmen zu wollen, mag dabei helfen, einem Gefühl des Unbehagens und der Verunsicherung entgegenzutreten. Ina Schmidt ist Philosophin und Publizistin. Sie promovierte 2004 und gründete 2005 die „denkraeume“. Seitdem bietet sie Seminare, Vorträge und Gespräche zur Philosophie als eine Form der Lebenspraxis an.

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Die Liebe findet in Debatten kaum Berücksichtigung

Emanuele Coccia weiß: „Es ist kein Zufall, dass alle großen moralischen Revolutionen, die unserer Vorstellung von Fortschritt entsprechen, mit einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen und einer größeren Freiheit der Liebe einhergingen.“ Dennoch findet die Liebe in den öffentlichen und akademischen Debatten nach wie vor kaum Berücksichtigung. Zwar beschäftigen sich Teilbereiche der Soziologie und des Feminismus mit der Liebe und ihren Erscheinungsformen. Doch insgesamt erachtet man sie als wenig lohnendes Forschungsobjekt, das eher in Boulevardblätter gehört. Die Liebe, so meint man, fällt eher ins Fachgebiet von Priestern, Katecheten und Psychoanalytiker. Dieses Ungleichgewicht in der Betrachtung von Liebe und Arbeit ist der eigentliche Grund dafür, dass es einfach nicht gelingen will, das Projekt Moderne vollständig zu verwirklichen. Emanuele Coccia ist Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.

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Das Christentum hat dem Eros Gift zu trinken gegeben

Friedrich Nietzsche klagt, das Christentum habe „dem Eros Gift zu trinken“ gegeben. Er sei zwar nicht daran gestorben, „aber entartet, zum Laster“. Peter Trawny weiß: „Nietzsche kannte die dunkle, schmerzhafte Seite des Erotischen sehr genau: Dionysos war sein philosophisches Debut, der Gott des Rausches und der Ekstase. Das Christentum hat keinen Ort für diesen Rausch. Der Liebe der Körper wird misstraut, ja in der Sünde wird sie stigmatisiert.“ Zunächst scheint Friedrich Nietzsche recht zu haben. Über Jahrtausende hinweg sprach man der Sexualität ein eigenes Existenzrecht ab. Das Christentum gab und gibt der Liebe einen deutlich asexuellen Sinn: Nächstenliebe. In ihr spielt es keine Rolle, ob man sich vom Anderen angezogen oder abgestoßen fühlt. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.

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Die Liebe ist das schwarze Loch aller moralischen Überlegungen

Emanuele Coccia weiß: „Dass es so schwer ist, über die Liebe – und damit über das Zuhause – nachzudenken, liegt allerdings nicht nur an der Zerbrechlichkeit und moralischen Blindheit unserer Kultur. Vielmehr ist die Liebe schon aufgrund ihrer Beschaffenheit das schwarze Loch aller moralischen Überlegungen.“ Denn sie ist der ethische Raum, in dem sich das Leben nicht auf Vorschriften, Gesetze oder Gewissheiten stützen kann. Der Grund dafür ist jedoch nicht ihr vermeintlich anarchisches Wesen, denn in Wahrheit gibt es nichts Strukturierteres als die Erfahrung der Liebe. Aber es ist eine besondere Struktur. In der Antike bezeichnete man moralische Kategorien wie diese üblicherweise als „Mysterien“, als Bereiche der Existenz also, in denen man sich nicht auf Wissen oder Gesetzmäßigkeiten verlassen kann, sondern in die man eingeweiht werden muss. Emanuele Coccia ist Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.

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