In gegenwärtigen Online-Kulturen gibt es eine große Bereitschaft, sich mit psychiatrischen Diagnosen zu identifizieren und diese öffentlich zu zeigen. Laura Wiesböck erklärt: „Die vordergründig propagierte Absicht hinter dem Sichtbarmachen von schmerzhaften Tabus ist, ein breiteres Verständnis für und Empathie mit Erkrankten zu fördern.“ Damit finden wichtige Entstigmatisierungsprozesse statt, die bewirken können, dass sich Betroffene eher Hilfe suchen oder sich in ihrem Leid nicht sozial isoliert fühlen, sondern als Teil einer „virtuellen Community“. Personen mit schweren psychischen Erkrankungen werden dadurch ermutigt, Hoffnung zu schöpfen, sich gegenseitig zu unterstützen und persönliche Erfahrungen und Strategien zur Bewältigung von täglichen Herausforderungen des Lebens auszutauschen. Eine Studie mit jungen Erwachsenen zeigt, dass Menschen mit psychischen Belastungen eher dazu neigen, Freundschaften in sozialen Medien zu schließen und sich virtuell mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Laura Wiesböck ist promovierte Soziologin und leitet die Gruppe „Digitalisierung und soziale Transformation“ am Institut für Höhere Studien Wien.
Psychologie
Hass kann mehr oder minder anlasslos langfristig schwelen
Christoph Demmerling schreibt: „Dass sich Hass „einfressen“ und mehr oder minder anlasslos langfristig schwelen kann, sich gegenüber gegenläufigen Tendenzen abschotten kann, deutet auch darauf hin, ihn weniger als akutes Gefühl im Sinne einer zeitlich strukturierten Episode anzusehen, die einen Anfang, einen Verlauf und ein Ende hat, sondern ihn vielmehr als eine Disposition aufzufassen, die sich als latente Einstellung manifestiert.“ Hass dauert und kann sich sogar über Generationen von Individuen, Familien oder sozialen Gruppen hinweg erstrecken. Er kann bestehen bleiben, auch wenn sich die Elemente, die als feste Größen ein einer Erzählung der Rechtfertigung auftreten, längst verflüchtigt haben. Es geht Christoph Demmerling nicht darum, Hassgefühle zu verteidigen oder gar die Allgegenwart kollektiver Hassdispositionen durch einen Hinweis auf deren Verständlichkeit zu beschönigen. Univ.-Prof. Dr. Christoph Demmerling lehrt Philosophie mit dem Schwerpunkt Theoretische Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.
Spezifische Phobien können den Alltag massiv beinträchtigen
Am verbreitetsten unter den spezifischen Phobien ist die Angst vor Krabbeltieren wie Spinnen, gefolgt von Höhenangst, Angst vor Zahnbehandlungen und Angst vor Schlangen. Franca Cerutti stellt fest: „Menschen mit spezifischen Phobien werden häufig ein bisschen belächelt. Charakteristisch für diese Art von Phobien ist nun mal, dass der Auslöser bei anderen Menschen kaum Emotionen hervorruft.“ Das Ausmaß an Angst und der dringende Wunsch, die auslösenden Umstände zu vermeiden, kommt den Betroffenen selbst oft irrational und übertrieben vor. Und dennoch: Spezifische Phobien fußen auf biologischen Grundlagen und können den Alltag und die freie Entfaltung von Menschen massiv beeinträchtigen. Sie haben Krankheitswert. In ihrem Buch „Psychologie to go! Wie verrückt sind wir eigentlich?“ erklärt die Psychotherapeutin mit eigener Praxis und Podcasterin Franca Cerutti, was im Körper eines Menschen bei psychischen Erkrankungen, die oft unseren Alltag erschweren, konkret passiert.
Die Definitionen der Ekstase sind vielfältiger Art
Weil Ekstase so oft und unterschiedlich definiert wurde und wird, bringen Lexika zur Klärung dessen, was Ekstase sein soll, wenig. Racha Kirakosian erklärt: „Die Definitionen rangieren zwischen einem überwältigen Gefühl größter Freude, einem religiösen Zustand der Selbst- oder Gottestranszendenz und einer amphetaminbasierten Partydroge aus der Techno-Szene.“ Eine kurze Begriffsgeschichte führt uns indes zu den Ursprüngen des Wortes und gibt uns einmal eine Vorstellung davon, was es mit Ekstase eigentlich auf sich haben könnte. Der Begriff Ekstase findet seine erste Erwähnung in den hippokratischen Schriften, wo griechisch „ekstasin“ in der Bedeutung von „Verschiebung“ für die physische Fehlausrichtung der Hüftgelenke steht. Wörtlich heißt „ekstasis“ „Außerhalb-des-Selbst-Stehen“ oder „Aus-sich-Heraustreten“, anders gesagt: verschoben, entrückt, verrückt sein. Racha Kirakosian bekleidet eine Professur für Mediävistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
Illuminatoren zeigen großes Interesse an ihren Mitmenschen
In jeder Gruppe gibt es zwei Arten von Menschen – Diminisher, also Leute, die andere kleinmachen und Illuminatoren, die andere erleuchten. David Brooks fügt hinzu: „Diminisher vermitteln anderen das Gefühl, klein und ungesehen zu sein. Sie betrachten ihre Mitmenschen als Dinge, die sie benutzen, und nicht als Personen, mit denen sie sich anfreunden können.“ Sie sind ignorant und ordnen Menschen in Schubladen ein. Und sie sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie andere einfach nicht wahrnehmen. Illuminatoren dagegen zeigen stets großes Interesse an ihren Mitmenschen. Sie haben gelernt – oder sich selbst beigebracht –, andere zu verstehen. Sie wissen, worauf sie achten müssen und wie sie die richtigen Fragen zum richtigen Zeitpunkt stellen. Der US-amerikanische Erfolgsautor David Brooks ist Kolumnist bei der „New York Times“ sowie Kommentator bei „PBS Newshour“.
Teenager interagieren viele Stunden mit ihrem Smartphone
Im Jahr 2007 waren Teenager und viele Kinder unter dreizehn Jahren damit beschäftigt, kurze Texte in ihre Handys zu tippen. Doch das Verfassen von Textnachrichten war damals noch eine mühselige Angelegenheit – drücke viermal Taste 7, um ein „s“ zu schreiben. Jonathan Haidt ergänzt: „Die Nachrichten richteten sich größtenteils nur an eine Person, und die meisten benutzten ihre primitiven Handys, um sich mit jemanden zu verabreden, den sie persönlich treffen wollten.“ Niemand hatte Lust, drei Stunden hintereinander mit dem Texten von Nachrichten zu verbringen. Nach der Großen Neuverdrahtung wurde jedoch für Heranwachsende zur Regel, einen Großteil ihrer Wachstunden mit einem Smartphone zu interagieren. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.
Das Streiten kann auch eine konstruktive Richtung einschlagen
Wenn das Streiten nicht auf Konsens zielt, sondern vom Prinzip der Differenz und von starken Affekten durchwirkt ist – was hält streitende Beziehungspartner, streitende Freunde, streitende Bürger dann noch zusammen? Svenja Flasspöhler erklärt: „In einer ersten Annäherung ließe sich so sagen: Damit ein Streit nicht eskaliert und die Parteien unwiederbringlich auseinandertreibt, müssen die Bindungskräfte mächtiger sein als der Vernichtungsdrang.“ Nur wenn die Anziehung stärker ist als die Abstoßung, kann das Streiten eine konstruktive Richtung nehmen. Doch ist diese Bestimmung noch nicht exakt genug. Denn auch Bindungen können destruktiv wirken, etwa, wenn sie erzwungen sind. Umkehrt kann die Bereitschaft zur Vernichtung lebensrettend sein, etwa im Akt der Selbstverteidigung. Was also lässt Menschen im Streit die Verbindung halten? Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.
Narzisstische Menschen nutzen andere gerne aus
Menschen mit verdecktem Narzissmus scheinen fürsorglich zu sein – aber oft fühlt es sich nicht so an. Turid Müller erklärt: „Wir bekommen nicht das, was wir brauchen, oder wir bekommen als Dreingabe ein schlechtes Gewissen, die Verpflichtung zu ewiger Dankbarkeit oder jahrzehntelanger Vorhaltungen.“ Gerne kommt auch der Vorwurf, dass wir das Gegenüber ausnutzen würden. Das ist mal wieder Projektion. Denn tatsächlich haben narzisstische Menschen eine Tendenz, andere auszunutzen. Beziehungen sind für sie Transaktionen – oft zu unseren Lasten. Ausgelaugt zu sein ist in solchen Verbindungen ein typisches Gefühl. Wenn man zusammenwohnt, wird das eher als generelle Erschöpfung erlebt, weil es bei dauerhaftem Kontakt schwer ist, die Grundstimmung auf einzelne Begebenheiten zurückzuführen. Wenn es sich um einzelne Treffen handelt, ist teilweise beobachtbar, wie ausgelutscht man sich beim oder nach dem Kontakt mit toxischen Menschen fühlt. Turid Müller ist Diplom-Psychologin und ausgebildete Schauspielerin.
Unsere Erwartungen beeinflussen unsere Gesundheit und unser Glück
Es ist allein die Heilserwartung, die uns besser fühlen lässt. Man vermutet, dass dabei Aktivierungsfunktionen unseres Immunsystems eine Rolle spielen. Oder körpereigene Schmerzhemmer, die durch Erwartungskaskaden ausgelöst werden. Matthias Horx ergänzt: „Auch Nocebo-Effekte lassen sich so erklären: Wenn in Experimenten Patienten Pillen zur Verfügung gestellt werden, die starke Nebenwirkungen haben sollen – Übelkeit, Kopfweh, Schwindel, Ausschläge –, dann entwickeln die Probanden solche Symptome, auch wenn sich nur um Zuckerkügelchen handelt.“ In der sich selbsterfüllenden Prophezeiung wirkt die Erwartung auf uns selbst zurück. Die antizipierte Zukunft überschreibt den Gegenwartsstatus, sie „greift“ sozusagen von der Zukunft ins mentale Jetzt. Das erklärt den zähen Glauben an Homöopathie ebenso wie die enorme und bisweilen verstörende Wirksamkeit religiöser Weltbilder. Matthias Horx zählt zu den einflussreichsten Trend- und Zukunftsforschern des deutschsprachigen Raums.
Die Angst vor dem Tod wird von den meisten Menschen verdrängt
Tatsächlich sind gerade die Panikstörungen ein Hinweis darauf, dass die Angst vor dem Tod verdrängt wird. Heinz-Peter Röhr ergänzt: „Die plötzliche Todesangst, die gerade intensiv während des Anfalls erlebt wird, kann als deutlicher ernst zu nehmender Hinweis gesehen werden.“ Der moderne Mensch hat viele Methoden zur Verfügung, sich von dieser Urangst abzulenken, die jeweils doch nie perfekt funktionieren können: Konsum, Arbeit, Alkohol, Drogen, Hobbys, Reisen et. cetera. Der Mensch mit einer Panikstörung ist sozusagen der Symptomträger einer Gesellschaft, die mit allen Mitteln versucht, die Angst vor dem Tod zu verdrängen. Aus tiefenpsychologischer Sicht ist die Wurzel für die zunehmende Aggressivität in der westlichen Kultur hier ebenfalls zu suchen. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.
Burnout ist sowohl individuell als auch kulturell geprägt
Für den Autor Jonathan Malesic ist Burnout nicht so sehr ein individuellen Problem, sondern eher kulturell bedingt. Anna Katherina Schaffners Überzeugung nach, trifft beides zu: „Die Wurzeln unserer Erschöpfung sind oft in tiefliegenden kulturellen Überzeugungen verankert, die ihrerseits unsere individuellen Verhaltensweisen prägen.“ Die heilende Kraft philosophischer Reflexionen und historisch-soziologischer Einsichten ist viel zu lange unterschätzt worden. Beim Versuch, unsere allgegenwärtige Erschöpfung zu überwinden, sind Vorschläge aus diesen Bereichen unerlässlich, nicht zuletzt weil sie uns helfen, den Blick auf unsere Probleme zu verändern. Perspektivwechsel, egal ob klein oder groß, können uns aus unserer Lähmung befreien und uns in Handeln bringen. Nicht alles ist unsere persönliche Verantwortung, und wir sind nicht allein mit den Zwickmühlen, in denen wir festzustecken glauben. Anna Katherina Schaffner ist Kulturhistorikerin und zertifizierter Burnout-Coach.
Eine Diagnose kann einen Patienten auch entlasten
In der Regel gehen Menschen zu Therapeutinnen, Coaches, Lebensberaterinnen und so weiter, weil sie fühlen, dass etwas nicht stimmt, sie etwas quält. Diana Pflichthofer ergänzt: „Aber sie haben für dieses Etwas keinen Namen. Dann ist es womöglich hilfreich, wenn es einen Namen bekommt, auch wenn es ein nicht zutreffender ist.“ Eine Diagnose kann auch entlasten, und dies umso mehr, als sie mit der Riesenwelle der Kognitiven Verhaltenstherapie annehmbare Angebote dafür gemacht werden, warum man X hat. Irgendwie hat man die Erkrankung „geerbt“, in den „Genen“, damit also von Geburt an. Das wird – missverstanden – so aufgenommen, dass die individuellen und gesellschaftlichen Lebensumstände nichts damit zu tun haben. Oder es handelt sich um eine Art „Fehlprogrammierung“. Dr. Diana Pflichthofer ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytikerin und Gruppenanalytikerin.
Erinnerungen sind lebendig und in Bewegung
Das Handeln eines Menschen aktiviert nur einen winzigen Teil seiner verfügbaren Erinnerungen. Charles Pépin ergänzt: „Diesseits des Handelns bildet unser Gedächtnis ein großes Ganzes aus Erinnerungen, die Henri Bergson als lebendig und in Bewegung beschreibt.“ Wollen wir wissen wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen, müssen wir in die Flut der Überbleibsel der Vergangenheit eintauchen. Wir müssen diesen begegnen, um unsere Komplexität, unsere Subjektivität und jene Geschichte zu erfassen, die für uns konstitutiv ist und unaufhörlich fortgeschrieben wird. Wenn wir aufhören, zu handeln und dadurch eine Auswahl zu treffen, und unsere Erinnerungen freien Lauf haben, beginnen sie zu „tanzen“. Unsere Erinnerungen bilden den plastischen, vielgestaltigen, aktiven Stoff unserer Träume. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Die Werbung schlägt eine Brücke zwischen Emotion und Kognition
Hadija Haruna-Oelker weiß: „Es ist neurobiologisch erwiesen, dass sogar unsere Körperhaltung Auswirkungen auf unser Befinden, unser Denken und Verhalten hat. Unser Körper ist Zugang und Brennglas verdeckter innerer Muster und zugleich der Schlüssel für Lösungen, wenn wir in Krisen stecken.“ Gefühle sind überall. Nicht ohne Grund wird in der Werbung auf den Dreiklang gesetzt: über Emotionen die Neugier wecken und über die Neugier die Kenntnis. Damit wird die Brücke zwischen Emotion und Kognition geschlagen. Emotion ist ein Begriff, bei dem die meisten sicher an Gefühle wie Angst, Wut, Freude, Trauer und Liebe denken. In der Wissenschaft gibt es aber mehrere Erklärungen dafür: zum Beispiel, dass Gefühle Wahrnehmungen von Emotionen beziehungsweise von Körperzustandsveränderungen sind. Hadija Haruna-Oelker lebt als Autorin, Redakteurin und Moderatorin in Frankfurt am Main. Hauptsächlich arbeitet sie für den Hessischen Rundfunk.
Die Beziehungsebene dominiert immer die Sachebene
Für das Verstehen sozialer Konflikte ist die Unterscheidung zwischen Sachebene und Beziehungsebene fundamental. Reinhard K. Sprenger geht davon aus, dass seinen Lesern diese bekannt ist. Deshalb beschränkt er sich auf das Wesentliche: „Die Beziehungsebene dominiert immer die Sachebene! Wenn Sie auf der Beziehungsebene – nonverbale Signale, Wortwahl, Kontaktzeit et cetera – nicht mindestens neutral bis positiv sind, haben Sie auf der Sachebene nicht den Schatten einer Chance, verzerrungsfrei rüberzukommen.“ Es mag dann sein, dass Sie etwas schon hundertmal gesagt haben – der andere hat es auch hundertmal nicht gehört. Bis zu diesem Punkt ist noch nichts über das Gelingen von Kommunikation ausgesagt, noch nichts über das Verstehen, schon gar nicht über das Einverstandensein. Reinhard K. Sprenger, promovierter Philosoph, ist einer der profiliertesten Führungsexperten Deutschlands.
Choleriker sind in der Regel nicht zu fürchten
Neurotizismus bezeichnet die Neigung zur Nervosität, Ängstlichkeit und Besorgtheit. Heidi Kastner ergänzt: „Menschen mit ausgeprägtem Neurotizismus reagieren oft heftig auf äußere Stimuli, solche mit einem geringen Wert auf der Neurotizismus-Skala sind eher gelassen und in sich selbst ruhend.“ Der Choleriker in Reinform wäre demnach eine Mischung der Faktoren Extraversion und emotionale Instabilität, wobei Letzteres die rasche Auslenkbarkeit der Stimmung und ersteres die Hemmungslosigkeit benennt, mit der die jeweilige Stimmung auch an anderen ausgelebt wird. Ohne weitere charakterliche Beimischung mögen Choleriker zwar unangenehm sein, zu fürchten sind sie in der Regel nicht. Ungünstiger Weise kann aber ein jähzorniges Temperament mit anderen Charaktereigenschaften auftreten, was die Sache wesentlich problematischer macht. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der Forensischen Abteilung der Landesnervenklinik in Linz.
Die KI kann keine Beziehungen zwischen Menschen herstellen
David Brooks schreibt: „Künstliche Intelligenz (KI) wird uns in den kommenden Jahrzehnten vieles abnehmen und den Menschen bei vielen Aufgaben ersetzen, aber es wird ihr niemals gelingen, zwischenmenschliche Beziehungen herzustellen.“ Um im Zeitalter der KI Erfolg zu haben, müssen Menschen außergewöhnlich gut darin werden, mit anderen in Verbindung zu treten. Andere richtig zu sehen, birgt ungeheure Schaffenskraft. Man kann seien eigene Schönheit und seine eigenen Stärken nur umfassend erkennen, wenn diese durch den Geist eines anderen Menschen gespiegelt werden. Das Gesehenwerden lässt uns wachsen. Wenn jemand das Licht seiner Aufmerksamkeit auf mich richtet, blühe ich auf. Wenn jemand in mir großes Potenzial sieht, werde ich höchstwahrscheinlich ebenfalls großes Potenzial in ihm sehen. Der US-amerikanische Erfolgsautor David Brooks ist Kolumnist bei der „New York Times“ sowie Kommentator bei „PBS Newshour“.
Die Eifersucht versetzt den Betroffen in einen Dauerstress
Die schmerzhafte Eifersucht tritt auf, wenn die erwartete Aufmerksamkeit, Anerkennung und Liebe von nahen Bezugspersonen nicht mehr gewährt wird beziehungsweise diese ihr Interesse und Zuneigung jemand anderem zukommen lassen. Reinhard Haller weiß: „Bei den ehemals Bevorzugten löst dies Verlustängste und Minderwertigkeitsgefühle aus. Diese Mischung von Emotionen namens Eifersucht, versetzt den Betroffenen in einen Dauerstress und kann anhaltende Depressivität hervorrufen.“ Dieser Disstress wirkt sich auch auf die organischen Funktionen des in einen andauernden Alarmzustand versetzten Organismus aus. In wissenschaftlichen Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass bei Eifersucht zwei Hirnregionen namens cingulärer Cortex und laterales Septum aktiviert werden und es zu einer vermehrten Ausschüttung der „Kampfhormone“ Cortisol und Testosteron kommt. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).
Die christliche Moral entsteht für Friedrich Nietzsche aus einer Rachsucht
Bettina Schulte erklärt: „Bis in heutige Studien über den Neid gilt die Unterscheidung zwischen einem „gutartigen“ und „bösartigen“ Neid: zwischen einer Antriebskraft, die den Neider dem Beneideten nacheifern lässt, und einer krebsartig wuchernden allmählichen Zerstörung des anderen, dessen Besitz, Schönheit, Gesundheit, Intelligenz, Ausstrahlung, Energie, Liebes- und/oder Familienglück man an seiner Statt begehrt.“ Der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) hat in seiner Schrift „Genealogie der Moral“ aus dem bösartigen Neid gleich eine ganze Philosophie des „Ressentiments“ entwickelt: Die christliche Moral entsteht für ihn „aus einer Rachsucht, die jene befällt, die glauben, unverdient in einer schlechten Lage zu sein, denen gegenüber, die sich als stark, erfolgreich und mächtig präsentieren.“ Die Kulturjournalistin Bettina Schulte promovierte über Heinrich von Kleist und war mehr als zwanzig Jahre leitende Redakteurin im Feuilleton der Badischen Zeitung.
Die Angst ist die Mutter aller vermeintlich negativen Emotionen
Die Psychologin Susan David sagt: „Unwohlsein ist der Eintrittspreis für ein bedeutungsvolles Leben.“ Um diese Aussage und die dahinterstehende Biologie besser nachvollziehen zu können, lohnst sich für Maren Urner ein Blick auf die „Mutter aller vermeintlich negativen Emotionen“: die Angst. Warum haben wir Angst? Maren Urner meint nicht die Angst, dass die Frisur nicht richtig sitzt oder ob man im richtigen Moment das Falsche sagt. Sondern existenzielle Angst. Eine Angst, die zur Panik führen kann. Die einem die Kontrolle über den eigenen Körper entzieht. Evolutionsbiologisch gefragt: Warum hat sich Angst als Verhalten durchgesetzt? Das ist nur möglich, wenn ihr eine nützliche – im Sinne von überlebensförderliche – Aufgabe zukommt. Dr. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.
Kritik darf nie den Wert einer Person selbst in Mitleidenschaft ziehen
Helga Kernstock-Redl weiß nicht, ob Schuldgefühle ein Erkennungsmerkmal von „guten“ Menschen ist. Doch mit Sicherheit machen sie deutlich: Da folgt jemand persönlichen moralischen Gesetzen oder sozialen Spielregeln. Grundsätzlich ist es wichtig, schon Kindern entspannt und doch ernsthaft vorzuleben, dass es richtig ist, echte Schuld zu übernehmen und dass man die unangenehmen Schuldgefühle aktiv wieder loswerden kann. Im Alltag gelingt das, wenn sich Kritik immer nur auf ein Verhalten richtet und nie den Wert der Person selbst in Mitleidenschaft zieht. Auch unter Erwachsenen soll sich bitte niemand vor existenzieller Vernichtung oder vor Beschämung nach Fehlern oder Gesetzesbrüchen fürchten müssen, bei aller, vielleicht gerechtfertigten Strafe, Kritik oder Beschuldigung. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Einsamkeit kann das Risiko psychischer Leiden dramatisch erhöhen
Den sozialen Hunger zu spüren, der Einsamkeit ausmacht, ist an sich ebenso wenig ein Krankheitssymptom wie physisch Hunger zu verspüren, weil man nichts gegessen hat. Lars Svendsen ergänzt: „Jedoch kann sich die Einsamkeit in einer Weise entwickeln, dass das Risiko für psychische wie auch physische Leiden dramatisch erhöht wird. Einsame haben einen höheren Verbrauch an Gesundheitsdienstleistungen als Nicht-Einsame.“ Studien zeigen, dass Einsamkeit ein starker Prädikator für Mortalität war, selbst wenn man sich aus methodologischen Gründen entschieden hatte, durch Selbstmord verursachte Todesfälle dabei außer Acht zu lassen. Die Wirkung kann mit dem täglichen Rauchen von 10 bis 15 Zigaretten verglichen werden und ist stärker als der Effekt von Fettleibigkeit und physischer Inaktivität. Lars Frederik Händler Svendsen ist Philosoph und Professor für Philosophie an der Universität Bergen. Seine Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet.
Der Umgang mit manischen Patienten immer eine Gratwanderung
Manfred Lütz weiß: „Der Umgang mit Manikern setzt viel menschliches Fingerspitzengefühl voraus. Einerseits können Maniker hinreißend witzig sein, und dann verdienen sie das ehrliche Lachen des zuhörenden Therapeuten. Andererseits muss man sich vor Augen halten, dass sich ein Mensch hier oftmals bis über die Grenze der Peinlichkeit exhibitioniert.“ Später wird er sich an all das erinnern, auch gegebenenfalls an das hämische Lachen des ungehobelten Behandlers. So ist der Umgang mit manischen Patienten immer eine Gratwanderung, bei der man versucht, eine wertschätzende Beziehung zum Patienten zu halten und zugleich die Würde des Patienten zu achten. Da ist dann die Bereitschaft zum Kompromiss gefragt. Manfred Lütz hat Medizin, Theologie und Philosophie in Bonn und Rom studiert. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Autor zahlreicher Bestseller.
Ohne Aggression lässt sich schlicht nicht streiten
Svenja Flaßpöhler schreibt: „Wer streitet, darf nicht von vornherein an sich beziehungsweise der eigenen Sichtweise zweifeln, nicht etwaige Gegeneinwände immer schon mitbedenken, nicht insgeheim glauben, dass der andere vielleicht doch im Recht sein könnte.“ Vielmehr ist die notwendige Voraussetzung eines Streits eine affektive Unmittelbarkeit, die Zweifel überhaupt nicht aufkommen lässt. Der Affekt ist es, der einen Menschen in die Lage versetzt, die eigene Gewissheit in einem bestimmten Augenblick gegen eine andere entschieden in Stellung zu bringen. Anders gesagt: Was man braucht, um zu streiten, ist die nötige aggressive Energie. Verstanden in dem Sinne, wie die Psychoanalyse sie deutet: Nämlich als eine affektive Kraft, die zunächst einmal weder gut noch schlecht ist, sondern gebraucht wird, um sich zu behaupten. Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.
Angst und Depressionen nehmen bei Jugendlichen stark zu
Jonathan Haidt stellt fest: „Der Anstieg von Angst und Depressionen bei Heranwachsenden lässt sich auf kein wirtschaftliches Ereignis und keinen politischen Trend zurückführen, das oder mir bekannt wäre. Zudem ist kaum einzusehen, warum eine Wirtschaftskrise Mädchen stärker treffen sollte als Jungen und Mädchen unter dreizehn stärker als irgendjemanden sonst.“ Eine andere oft gehörte Erklärung ist, die Generation Z sei deshalb so ängstlich und depressiv, weil sie sich wegen des Klimawandels sorgen, der ihr Leben stärker beeinflussen wird als das der älteren Generationen. Jonathan Haidt bestreitet nicht, dass sie sich zu Recht sorgen, doch er möchte darauf hinweisen, dass die einer Nation oder einer Generation drohenden Gefahren historisch gesehen nicht zu einer Zunahme psychischer Erkrankungen führen. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.