Rüdiger Maas schreibt: „In den Talkshows und Leitmedien kann das Narrativ über die verlorene Jugend so gut bedient werden, weil wir einen Begriff für sie gefunden haben: „Gen Z“. Der Begriff beschreibt für 90 Prozent der Deutschen etwas Negatives.“ Man muss also gar nicht „schlechte Gen Z“ sagen, da schlecht bereits in der Bezeichnung Gen Z angelegt ist. Hat man einen negativen Begriff, mit alle etwas Negatives verbinden, wird es leichter mit negativen Zuschreibungen, und sie werden weniger hinterfragt. Denn Menschen verhalten sich entsprechend den Bedeutungen, die sie für sie haben: Ein Kind, das von einer kratzbürstigen Katze eine mitbekommen hat, verbindet mit der Katze „Gefahr“, während ein anderes Kind, das Katzen gerne streichelt, die Katze als ungefährlich einstuft. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer eines Instituts für Generationenforschung. Zuletzt erschien sein Bestseller „Generation lebensunfähig“.
Sinn
Beim Sinn werden Zusammenhänge erkennbar
Für die einen ist alles voller Sinn, während in den Augen anderer von Grund auf alles in Frage steht, „alles egal“, „alles Unsinn“ ist. Gibt es „den Sinn“ überhaupt? Was könnte damit gemeint sein. Wilhelm Schmid erläutert: „Davon, dass etwas „Sinn macht“, ist immer dann die Rede, wenn Zusammenhänge erkennbar werden, wenn also einzelne Dinge, Menschen, Begebenheiten, Erfahrungen nicht isoliert für sich stehen, sondern in irgendeiner Weise aufeinander bezogen sind.“ So lässt sich sagen: Sinn, das ist Zusammenhang, Sinnlosigkeit demzufolge Zusammenhanglosigkeit. Das gilt schon bei einem einfachen Satz: Lässt die Anordnung der Wörter einen Zusammenhang erkennen, wir auch eine Aussage formuliert, ergibt der Satz Sinn, ansonsten ist eher von einem sinnlosen Gestammel die Rede. Prof. Dr. Wilhelm Schmid lebt als freier Philosoph in Berlin und lehrte bis 2018 Philosophie an der Universität Erfurt.
Ein Glück der Fülle ist eine Kunst der Balance in aller Polarität des Lebens
Das philosophische Glück ist umfassend und dauerhaft, nicht abhängig von bloßen Zufällen und momentanen Empfindungen. Dabei handelt es sich um ein Glück der Fülle, eine Kunst der Balance in aller Polarität des Lebens, nicht unbedingt im jeweiligen Augenblick, sondern durch das Leben hindurch. Wilhelm Schmid erklärt: „Ein Lebenkönnen nicht nur mit dem Gelingen, auch mit dem Misslingen; nicht nur mit dem Erfolg, auch mit dem Misserfolg; nicht nur mit Lust, auch mit Schmerz; nicht nur an der Oberfläche, auch in der Abgründigkeit; nicht nur mit einem Tun, auch mit einem Lassen.“ Das ist eine Frage der bewusst eingenommenen geistigen Haltung, in Heiterkeit und Gelassenheit kommt sie am besten zum Ausdruck. Zu dieser Fülle gehört nicht nur das Glücklichsein, sondern auch das Unglücklichsein. Wilhelm Schmid lebt als freier Philosoph in Berlin.
Für die Existenz der Menschheit basiert auf Zufall
Charles Darwin präsentierte eine alternative Antwort auf die uralte Frage, warum die Menschen existieren. Und diese Antwort kam ganz ohne irgendein „télos“ aus. Christian Uhle erläutert: „Auf sehr überzeugende Weise erklärte er die Entstehung des Homo sapiens als eine Kette von Ursachen und Wirkungen. Das war weit mehr als eine „Kränkung“ des Egos, die Sigmund Freud diagnostiziert hatte.“ Unvorstellbares konnte man sich plötzlich sehr wohl vorstellen. Nämlich, dass es überhaupt keinen Sinn gibt, weshalb die Menschheit zu existieren begann. Warum gibt es Menschen? Charles Darwin hatte darauf eine komplett anderen Antwort als bisherige Entstehungsgeschichten. Denn er lieferte eine Erklärung der menschlichen Existenz, keine Begründung. Denn Naturwissenschaften können keine Sinnfragen beantworten. Das Anliegen des Philosophen Christian Uhle ist es, Philosophie in das persönliche Leben einzubinden.
Die Abwesenheit von Krieg erzeugt noch keinen dauerhaften Frieden
Voraussetzung für den Wohlstand Roms und des Römischen Reiches war der Friede, den Kaiser Augustus nach dem nicht enden wollenden blutigen Bürgerkriegen gebracht hatte. Manfred Lütz betont: „Es gibt wohl keine grausameren Kriege als Bürgerkriege, die nicht nur die Eintracht der Bürger, sondern auch die der Familien und Nachbarn zerstören.“ Deswegen überschüttete man den neuen ersten Mann im Staat mit Ehrungen und Dankesbezeugungen. Doch Augustus war klar, dass dauerhafter Friede nicht nur durch die Abwesenheit von Krieg erreicht werden kann. Das Ende des Wahnsinns allein produziert noch keinen Sinn. Der allgemeine Sittenverfall, den die jahrzehntelange hemmungslose Herrschaft der Gewalt bewirkte, hatte tatsächlich zu einer tiefen Verunsicherung beigetragen. Manfred Lütz hat Medizin, Theologie und Philosophie in Bonn und Rom studiert. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Autor zahlreicher Bestseller.
Biographien schaffen die persönliche Identität
Biographien sind keine Umsetzungen eines Plans, sondern sie sind voller Überraschungen. Barbara Schmitz stellt fest: „Geschichten unseres Lebens geben uns Zusammenhalt, Kohärenz, sie schaffen unsere Identität und geben uns eine Art von angeeignetem Sinn.“ Menschen, die eine schwere Krankheit haben, oder solche, die mit einer Behinderung leben, erzählen oft davon, dass ihnen gerade die Krankheit oder Behinderung die Augen geöffnet und ihr Leben dann eine Wendung zum Guten genommen habe. Das narrative Modell kann diese Äußerung gut erklären und verständlich machen. Dabei muss nicht geleugnet werden, dass ein Krankheit oder Behinderung mit vielen schweren Erfahrungen einhergeht, dass sie Schmerzen, Trauer, Verlust, Angst beinhaltet. Barbara Schmitz ist habilitierte Philosophin. Sie lehrte und forschte an den Universitäten in Basel, Oxford, Freiburg i. Br., Tromsø und Princeton. Sie lebt als Privatdozentin, Lehrbeauftragte und Gymnasiallehrerin in Basel.
Kulturen entstehen aus Mythenbildungen
Menschliche Vergesellschaftung ist fundamental fiktional. Derjenige Zusammenhang menschlicher Gruppen, den wir als „Gesellschaft“ oder „Kultur“ anzusprechen gewohnt sind, verdankt sich historisch der Mythenbildung. Markus Gabriel erklärt: „Der Mensch ist ohne das mythologische Bewusstsein seiner Stellung im nicht-menschlichen Kosmos nicht zu verstehen.“ Yuval Noah Harari verspielt diese Einsicht freilich sogleich, indem er eine einseitig naturalistische „Geschichte“ der Menschheit erzählt. Diese wiederholt alle handelsüblichen teleologischen Muster. Diese führen von primitivem Überleben hin in die moderne, europäische Zivilisation und die in seiner Story nicht zufällig in Kalifornien kulminieren. Wie sein wahres Vorbild, Friedrich Nietzsche, bedient er sich der unvermeidlichen Narrativität des menschlichen Selbstseins. Damit will er den Übermenschen vorbereiten. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.
Es gibt eine Vielzahl von Antworten auf die Sinnfrage
Wenn es keinen vorgegebenen Sinn des Lebens gibt, kann dann nicht jeder seinen eigenen Sinn schaffen? Für Christian Uhle ist das nicht auszuschließen und könnte am Ende der Suche nach dem Sinn durchaus die Antwort sein. Aber auch eine solche Antwort wäre erklärungsbedürftig. Und sie würde die Frage aufwerfen, was genau es bedeutet, dem Leben einen eigenen Sinn zu geben. Möglich wäre auch, dass ein selbstgeschaffener Sinn letztlich nur Selbstbetrug ist. Mag sein. Doch diese Behauptung würde wiederum eine Begründung erfordern. Denn können sich Menschen in dem Gefühl, ein sinnvolles Leben zu führen, wirklich täuschen? Jeder sollte offen an das Gewirr von Fragen herangehen. Offen auch dafür, einer möglichen Sinnlosigkeit ins Auge zu sehen. Das Anliegen des Philosophen Christian Uhle ist es, Philosophie in das persönliche Leben einzubinden.
Hoffnung muss gelernt und weiterentwickelt werden
In seinem Buch „Philosophie der Hoffnung“ zeigt Lars Svendsen, dass sich das Hoffen zu keiner Zeit vom Handeln eines Menschen loslösen lässt. Denn Hoffnung ebnet nicht nur den Weg zu einem lebenswerten Leben, sondern ist auch die Pflicht eines Jeden gegenüber sich selbst. Das menschliche Leben ist von Hoffnung durchdrungen. Lars Svendsen schreibt: „Es ist schwer, sich einen Menschen vorzustellen, der nicht hofft, aber dennoch funktioniert. Man kann ohne Hoffnung durchaus am Leben sein, aber nicht wirklich leben.“ Hoffnung ist nichts, was plötzlich wie aus dem Nichts im Gefühlsleben eines Menschen auftaucht. Sie muss gelernt und weiterentwickelt werden. Lars Frederik Händler Svendsen ist Philosoph und Professor für Philosophie an der Universität Bergen. Seine Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet.
Viele Menschen suchen bei der Arbeit den Sinn des Lebens
Früher war der Job einfach nur zum Geldverdienen da. Heute geht es vielen Menschen bei der Arbeit um nichts weniger als den Sinn des Lebens. Sie meinen, dass sinnvolle Jobs jene sind, durch die die Welt ein bisschen besser wird. Ist die Suche nach dem Sinn bei der Arbeit nicht eigentlich die Suche nach Moral? Nämlich nach hehren Prinzipien allgemeinverbindlichen Handelns? Oder nach den unbestreitbaren und ewig gültigen Guten? Das nobelste aller Ziele wäre dann ein guter Mensch zu sein. Ingo Hamm stellt die Frage noch einmal anders: „Ist Sinn = Moral? Suchen wir insgeheim nicht nach einer sinnvollen, sondern in Wirklichkeit nach einer moralischen Aufgabe?“ Vielleicht ist das lediglich eine simple Wortverwechslung. Dr. Ingo Hamm ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Darmstadt.
Das Universum scheint ziemlich sinnlos zu sein
Der Physiknobelpreisträger Steven Weinberg schrieb: „Desto besser wir das Universum zu verstehen scheinen, desto sinnloser erscheint es auch.“ Gemeint ist damit vor allem, dass man immer mehr Phänomene rein physikalisch erklären kann. Christian Uhle ergänzt: „Verborgene Zwecke haben ausgedient. Vielen Menschen erscheint das heute völlig normal.“ Die Astronomin Margaret Geller fasst dies nüchtern zusammen: „Das Universum ist schlicht und einfach ein physikalisches System, wo soll da der Sinn liegen?“ So eine Aussage wäre von Galileo Galilei völlig undenkbar gewesen. Wenn der ganze Kosmos, die ganze Natur, jedes Blatt und jede Laus von Gott kommen, dann hat auch alles etwas zu bedeuten, deutet auf ihn hin, ist Ausdruck seines Willens. Das Anliegen des Philosophen Christian Uhle ist es, Philosophie in das persönliche Leben einzubinden.
Menschen wollen ihrem Leben Bedeutung verleihen
Gesundheit ist in einen umfassenden Kontext eingebettet und man versteht sie als Wechselwirkung mit der Umwelt. Auffällig ist, dass auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrer neuen Definition davon spricht, dass es für die Menschen darum geht, für sie „Bedeutsames“ zu tun. Barbara Schmitz ergänzt: „Das erinnert an Aaron Antonovskys Betonung der Bedeutsamkeit. Hier wie dort wird angenommen, dass es für Menschen darum geht, ihrem Leben Bedeutung zu verleihen, ihr Leben als sinnvoll zu verstehen.“ Was kann aber dies bei Krankheit heißen? Damit man genauer erfassen kann, inwiefern bei Krankheit ein lebenswertes Leben möglich ist, sollte daher die „Frage aller Fragen“ gestellt werden. Was ist der Sinn des Lebens? Barbara Schmitz ist habilitierte Philosophin. Sie lehrte und forschte an den Universitäten in Basel, Oxford, Freiburg i. Br., Tromsø und Princeton. Sie lebt als Privatdozentin, Lehrbeauftragte und Gymnasiallehrerin in Basel.
Gut zu sein macht unter allen Umständen glücklich
Rebekka glaubt nicht, dass es schwer ist, gut zu sein. Und zu bleiben. Wie das funktioniert beschreibt sie in ihrem neuen Buch „Die Kunst gut zu sein“. Gut zu sein ist ihrer Meinung nach eine Haltung, eine Entscheidung, die immer und unter allen Umständen glücklich macht. Nämlich erstens diejenigen, die das Gute empfangen und zweitens jene, die es geben. Rebekka Reinhard schreibt: „Es beginnt mit einem Lächeln, das anderen signalisiert: Da ist jemand, der mich sieht. Als Mensch sieht.“ Ihr Buch soll Mut und Lust aufs Gutsein machen. „Die Kunst gut zu sein“ ist eine Einladung zur simplen Menschlichkeit, die man zu oft vergisst, weil ständig ein Termin, ein Konflikt, eine Zerstreuung dazwischenkommt. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.
Schon Aristoteles fragte nach dem Zweck des Lebens
Eine der Varianten der Sinnfrage fragt ganz konkret nach dem Zweck der Existenz eines Menschen. Und das scheint Christian Uhle durchaus logisch, wenn es um das Thema Sinn geht: „In sehr vielen Fällen ist der Sinn einer Sache ja sein Zweck.“ Nach dem Zweck des menschlichen Lebens zu fragen hat eine lange Tradition in der Philosophiegeschichte. Vor mehr als zweitausend Jahren überlegte schon Aristoteles, was der „télos“ des Lebens sei. Der Begriff „télos“ lässt sich ungefähr mit Zweck oder Ziel übersetzen. Diesen Sinn, der als Zweck verstanden werden kann, bezeichnet Christian Uhle fortan als zweckhaften Sinn. Also, was ist der Zweck des menschlichen Daseins? Das Anliegen des Philosophen Christian Uhle ist es, Philosophie in das persönliche Leben einzubinden.
Das menschliche Denken ist ein Sinn
Das menschliche Denken ist ein Sinn. Markus Gabriel erläutert: „Unser Denksinn setzt uns in Kontakt mit einer Unendlichkeit an Möglichkeiten und Wirklichkeiten, den Sinnfeldern.“ Das Besondere am menschlichen Denksinn besteht darin, dass man mit einer beeindruckend hohen Auflösung die Tiefenstrukturen des Universums ausloten kann. Zudem kann man die Abgründe des Geistes, die Kunstgeschichte, Kreuzworträtsel und vieles Weitere erforschen. Das gelingt den Menschen deswegen, weil die Gegenstände des Denksinns insgesamt logisch strukturiert sind. Jeder Sinn hat spezifische Sinnesqualitäten, Qualia, die er direkt aufnimmt. Menschen hören Töne, sehen Farben, fühlen Wärme, denken Gedanken und so weiter. Seit 2009 hat Markus Gabriel den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.
In Krisen sind Menschen emotional verunsichert
Vielleicht basieren viele kleine und große Krisen auf völlig falschen Perspektiven. Christian Uhle fügt hinzu: „Vielleicht erkennen Menschen in solchen Situationen keine tiefere Wahrheit, sondern sind emotional verunsichert. Vielleicht ist das Leben durch und durch sinnvoll, nur manchmal sehen wir das nicht und verlieren unser Gefühl für den Sinn.“ Fakt ist, dass die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens mit Empfindungen von Sinnlosigkeit umgehen müssen. Wie kann ein Mensch solche Erfahrungen besser verstehen? Ebenso wie die Liebe zu den eigenen Eltern ganz anders ist als die stürmische Verliebtheit am Anfang einer romantischen Beziehung, so hat auch das Gefühl der Sinnlosigkeit tausend Gesichter. Wie die Liebe lässt es sich nicht präzise beschreiben, sondern nur umkreisen. Das Anliegen des Philosophen Christian Uhle ist es, Philosophie in das persönliche Leben einzubinden.
Mediale Codes sind keine Verfälschungen
Heutzutage greift bei vielen Menschen eine Entfremdung von der Wirklichkeit um sich. Diese basiert auf einer verzerrten Auffassung davon, was eigentlich geschieht, wenn sie etwas wahrnehmen. Markus Gabriel erklärt: „Diese verzerrte Auffassung hält unsere Wahrnehmungen für eine Simulation, ein Kopfkino, das bestenfalls mehr oder weniger zufällig mit der Wirklichkeit in Verbindung steht. Dieser Auffassung zufolge ist Wahrnehmung also nicht etwa eine an sich wirkliche Erfassung des Wirklichen, sondern eine Illusion.“ Die Sinnesmodalitäten der Menschen sind Medien. Ein Medium ist eine Schnittstelle, die Informationen von einem Code in einen anderen überträgt. Zu den Sinnesmodalitäten gehören das Sehen, das Hören und das Verstehen. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.
Sinnlichkeit ist der Anfang von Heimat
Die morgendliche Waschung ist mehr als eine lästige Verrichtung, bei der Wasser am Körper herabrinnt. Wilhelm Schmid erläutert: „Heimat ist dort, wo die Fülle des Sinns ist. Die Sinnlichkeit ist dafür der Anfang. Wer sich zerschlagen und niedergeschlagen fühlte, kehrt erhobenen Hauptes in die Welt zurück.“ Wer am Boden zerstört war, den durchpulst neue Lebenslust. Die eben noch schmerzenden Glieder erleben eine wundersame Verjüngung, jede Zelle wirkt wie neugeboren. Die Haut, die wie ein frisch gesprengter Rasen dufte, ruft erotische Anwandlungen wach. Nicht von ungefähr vermutete man in der Antike überall dort, wo Wasser sprudelte, Nymphen, denen Satyrn nachstellten. Die Dusche könnte der Brunnen sein, der die Fabelwesen birgt, das Badezimmer ein Tempel wohlgesinnter Götter. Wilhelm Schmid lebt als freier Philosoph in Berlin.
Thomas Nagel fragt nach dem Sinn des Lebens
Manche Menschen hatten schon einmal den Gedanken, dass in Wirklichkeit alles egal ist, da er in zweihundert Jahren sowieso tot ist. Thomas Nagel stellt fest: „Eigentlich eine komische Idee, denn es ist nicht klar, warum aus dem Umstand, dass wir in zweihundert Jahren alle tot sein werden, folgen soll, dass nichts von dem, was wir jetzt tun, wirklich von Bedeutung ist.“ Man denkt hier offenbar, dass sich die Menschen in einer Art Tretmühle befinden. Vor allem dann, wenn sie sich für ihre Ziele abstrampeln und etwas aus ihrem Leben machen wollen. Dies ist jedoch nur dann sinnvoll, wenn die menschlichen Errungenschaften von ewiger Dauer sind. Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel lehrt derzeit unter anderem an der University of California, Berkeley und an der Princeton University.
Der Leib ist das Gefängnis der Seele
Platon hielt den Leib für ein Gefängnis beziehungsweise ein Grabmal der menschlichen Seele. Markus Gabriel fügt hinzu: „Insbesondere in seinem Dialog „Phaidon“ hat er für die Unsterblichkeit der Seele argumentiert.“ Das haben dann die Kirchenväter des Christentums später aufgegriffen, womit der Platonismus und das Christentum verschmolzen sind. Die Bibel lehrt im kanonischen Text, der heute vorliegt, übrigens nirgends eindeutig die Unsterblichkeit der Seele, sondern die Auferstehung der Leiber. Einen Himmel und eine Hölle, in der völlig leiblose Seelen aufbewahrt sind, wird man im Text der Bibel vergeblich suchen. So haben die Menschen der Bibel zufolge in der Hölle auch einen Leib. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.
Alle Hochkulturen verfügen über Weisheitsliteratur
Jede Handlung, jeder Satz hat eine Bedeutung. Aber hat das Ganze auch einen Sinn im Leben eines Menschen? Warum ist etwas so und nicht anders? Warum gibt es etwas und nicht nichts? Solche und ähnliche Fragen und alle Antworten auf diese Fragen beruhen zum Teil auf Alltagserfahrungen, zum Teil auf den vorherrschenden Weltauffassungen. Ágnes Heller fügt hinzu: „Antworten auf diese und ähnliche Fragen, ob in Prosa oder Poesie, niedergeschrieben oder mündlich vermittelt, befriedigen das elementare Bedürfnis, die Welt zu erkennen.“ Alle bekannten Hochkulturen verfügen über Weisheitsliteratur, innerhalb der Religionen oder getrennt davon, die Antworten auf solche brennenden Fragen bieten. Ab 1977 lehrte Ágnes Heller als Professorin für Soziologie in Melbourne. 1986 wurde sie Nachfolgerin von Hannah Arendt auf deren Lehrstuhl für Philosophie an der New School for Social Research in New York.
Effiziente Lösungen hängen von Interessen ab
Um es zu verstehen, muss man sich den Begriff eines Problems zunächst einmal genauer anschauen. Markus Gabriel definiert: „Ein Problem ist eine Aufgabe, die ein Akteur lösen will, um ein bestimmtes Ziel, also die Lösung, zu erreichen.“ Für jedes Problem gibt es verschiedene Lösungsstrategien, die man nach ihrer Effizienz ordnen kann. Doch schon da beginnt das Problem mit den Problemen. Denn was als effizient gilt, hängt von den Interessen ab. Der schnellste Weg, eine Lösung zu erreichen, ist nicht unbedingt intelligent, sondern nur, wenn Geschwindigkeit eine Rolle spielt. Es gibt also kein absolutes Effizienzkriterium. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.
Katzen brauchen keine Philosophie
John Gray erforscht nach seinem Weltbestseller „Straw Dogs“ nun in seinem neuen Buch „Katzen und der Sinn des Lebens“ die Natur der Katzen. Sie zeigen den Menschen, wie sie besser mit dem ständigen Wandel umgehen können. John Grays Werk mündet in zehn Ratschläge, die Katzen den Menschen geben würden: „Vergessen Sie die Suche nach dem Glück, und Sie können es finden“, lautet nur einer davon. Katzen tun selten etwas, was nicht einem Zweck dient oder unmittelbar Freude bereitet, denn sie sind eingefleischte Realisten. Konfrontiert mit menschlicher Torheit, gehen sie einfach ihrer Wege. Katzen brauchen keine Philosophie. Sie gehorchen ihrer Natur und sind zufrieden mit dem Leben, das diese ihnen schenkt. John Gray lehrte Philosophie unter anderem in Oxford und Yale. Zuletzt hatte er den Lehrstuhl für Europäische Ideengeschichte an der London School of Economics inne.
Menschen sehnen sich nach Gewissheit
In Begrenzungen und Zweifeln sehen sich die meisten Menschen nach Eindeutigkeit. Sie wollen mehr Gewissheit, als ihnen möglich ist. Menschen hoffen auf eine bessere Zukunft und vertrauen ihren Mitmenschen. Sie staunen und erleben Geheimnisse. Sie suchen zu vergessen und zu vergeben. Paul Kirchhof fügt hinzu: „Ein Mensch, der nicht hoffen kann, der nicht nach dem Besseren, auch nach dem Unerreichbaren strebt, fiele in eine Leere, die den Sinn seines Lebens in Frage stellte.“ Hoffnungslosigkeit nähme seiner Freiheit einen wesentlichen Impuls und würde den Aufbruch zu Fortschritt und Erneuerung ersticken. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg. Als Richter des Bundesverfassungsgerichts hat er an zahlreichen, für die Entwicklung der Rechtskultur der Bundesrepublik Deutschland wesentlichen Entscheidungen mitgewirkt.
Das Philosophicum Lech ist extrem erfolgreich
Für Ludwig Muxel, dem Obmann des Vereins Philosophicum Lech, gehören das Philosophicum und Lech am Arlberg untrennbar zusammen. Maßgeblich für die nachhaltig erfolgreiche Entwicklung ist der wissenschaftliche Leiter Konrad Paul Liessmann. Das Konzept, das der österreichische Philosoph entwickelte, war einfach und klar; jedes Jahr ein Thema, und das wird in verschiedenen Vorträgen von Philosophen und anderen Geisteswissenschaftlern ausgeleuchtet. Das Philosophicum Lech zählt heute zu den erfolgreichsten geisteswissenschaftlichen Tagungen im deutschsprachigen Raum. Das Buch „Der Geist im Gebirge“ enthält Beiträge von Jan Assmann, Barbara Bleisch, Heinz Bude, Karin Harrasser, Lisa Herzog, Herfried Münkler, Robert Pfaller, Richard David Precht, Rüdiger Safranski, Franz Schuh, Martin Seel, Peter Sloterdijk, Cora Stepan, Wolfgang Ulrich, Lambert Wiesing u.a. Die Beiträge geben Einblick in die Geschichte einer Veranstaltungsreihe, in der sich die Konturen der vergangenen 25 Jahre spiegeln.