Die Zukunft muss den Göttern entwendet werden

Die Philosophin Hannah Arendt verortet die Idee, dass es so etwas wie dauerhaften Fortschritt geben könnte, erst so etwa ab dem 17. Jahrhundert. Petra Pinzler erklärt: „Damals wird nach und nach das zyklische Zeitverständnis des Mittelalters durch ein lineares abgelöst. Dazu man die Zeit allerdings zu einem Kontinuum werden, darf nicht mit immer neuen Herrschern immer wieder neu anfangen, an Sommertagen länger sein als an Wintertagen und in verschiedenen Königreichen unterschiedlich gemessen werden.“ Die Zukunft muss den Göttern entwendet und damit zu etwas werden, das sich nicht nur durch Säen, Ernten, Einlagern und Erntedank beeinflussen lässt. Sondern auch durch Genialität und Mut, Wettbewerb und Kooperation, durch die Fähigkeit andere zu überzeugen oder zu organisieren. Durch Unternehmertum und politisches Talent. Petra Pinzler arbeitet als Hauptstadtkorrespondentin der Wochenzeitung „Die Zeit“. Sie schreibt zudem Bücher über Wirtschaft, Umwelt und Klimaschutz.

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Amartya Sen lehnt eine pauschale Verurteilung der Globalisierung ab

Amartya Sen hält es für äußerst dringlich, sich ernsthaft mit dem Gegenstand der Globalisierung zu befassen. Obwohl eines der meistdiskutierten Themen von heute, ist die Globalisierung kein sonderlich wohldefinierter Begriff. Unter dem allgemeinen Titel der Globalisierung fasst man eine Vielzahl von globalen Interaktionen zusammen, die von der Ausweitung der grenzüberschreitenden kulturellen und wissenschaftlichen Einflüsse bis zur Erweiterung der weltweiten Wirtschafts- und Geschäftsbeziehungen reichen. Eine pauschale Ablehnung der Globalisierung würde nicht nur der globalen Wirtschaft zuwiderlaufen, sondern auch die Verbreitung von Ideen, Einsichten und Kenntnissen unterbinden, die allen Völkern der Welt, auch den am stärksten benachteiligten Mitgliedern der Weltbevölkerung helfen können. Amartya Sen ist Professor für Philosophie und Ökonomie an der Harvard Universität. Im Jahr 1998 erhielt er den Nobelpreis für Ökonomie.

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An der Theorie der Lerntypen ist erschrecken wenig dran

Die Theorie der Lerntypen erfreute sich großer Beliebtheit. Eltern waren begeistert, dass ihre Kinder in ihrer Individualität anerkannt wurden, Lehrkräfte genossen die Freiheit, ihre Methoden zu variieren und ihr Material persönlich abzustimmen. Adam Grant weiß: „Lernstile gehören heute fest zur Lehrerausbildung und zum Schülerleben dazu. Weltweit glauben 89 Prozent der Lehrkräfte, dass sie ihren Unterricht an die Lernstile der Schüler anpassen sollten.“ Da wäre nur ein klitzekleines Problem: An den Lerntypen ist nichts dran. Als ein Expertenteam eine umfassende Überprüfung jahrzehntelanger Forschungsarbeit über Lernstile vornahm, fanden sie erschreckend wenig, was diese Theorie stützte. „Die Faktenlage rechtfertigt nicht die Einbeziehung von Lerntypeneinschätzungen in die allgemeine pädagogische Praxis“, schlussfolgerten die Forschenden. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der renommierten Wharton Business School. Seine Forschungsbeiträge im Bereich Motivation und Produktivität wurden vielfach ausgezeichnet.

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Formen der Realitätsverweigerung erlebt man täglich

„Das Richtige wissen und es nicht tun ist Mangel an Mut“, soll Konfuzius gesagt haben. Milde Formen der Realitätsverweigerung erleben wir täglich. Stefan Klein nennt Beispiele: „Hier eine Bekannte, die ihren aufreibenden und dabei unbefriedigenden Job schon seit Jahren erträgt, obwohl es ihr an besseren Alternativen nicht mangelt, dort der Freund, der sich in seiner Beziehung demütigen lässt, weil er immer noch hofft, dass irgendwann die alten Tage des Verliebtseins zurückkehren könnten.“ Und wer hat sich selbst noch nicht dabei ertappt, dass man bestens begründete Empfehlungen, sein Leben zu ändern, in den Wind schlägt? Man weiß beispielsweise ganz genau, was geschieht, wenn man nicht endlich beginnt, sich mehr zu bewegen oder weniger Alkohol zu konsumieren. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.

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Die Klimakatastrophe zerstört die Lebensgrundlagen der Menschheit

Wissen und Information schützen manchmal nicht vor Realitätsverlust. Richard David Precht erklärt: „Unser Wissen um die Perspektivlosigkeit unseres Wirtschaftens und unsere alltägliche Besorgnis scheinen gleichsam auf zwei verschiedene kortikale Regionen verteilt zu sein.“ Es ist schon eine lehrreiche Betrachtung, sich vorzustellen, was wohl Bewohner eines anderen Planeten, die mit unbestechlichem Blick auf die Erde schauen, über den Geisteszustand und die Zivilisation das Homo sapiens denken müssen. Je unerbittlicher die ökologische Katastrophe voranschreitet und je lauter die Wissenschaftler warnen und ein radikales Umdenken fordern, umso sedierender wird die Politik. Ruhe und Optimismus verbreiten, scheint ihre oberste Maxime. Die alltägliche Aufregung, die in den reichsten Ländern der Welt immer heißer aufkocht, betrifft Kinkerlitzchen und Skandale um Personen. Der Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.

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Ausgesprochene Tatsachen sind politisches Dynamit

Hannah Arendt stellt fest, „dass man der Staatsräson jedes Prinzip und jede Tugend eher opfern“ könne „als gerade Wahrheit und Wahrhaftigkeit“. Das liegt für Peter Trawny auf der Hand: „Indem sich die Politik im Element des Scheins und der Täuschung bewegt, wird die Wahrheit, die Anerkennung bestimmter Tatsachen, immer unverzichtbarer.“ Selbst in demokratischen Systemen etablieren sich Öffentlichkeiten, in denen zwar das Allermeiste sagbar bleibt, doch bestimmte Aussagen gesellschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen. Wie in totalitären Systemen scheinen Männer und Frauen bereit zu sein, sich selbst zu canceln, wenn es dem großen Ganzen dient. Die Disziplinierungen in Ost und West sind verschieden, doch beide wirksam. Ausgesprochene Tatsachen sind politisches Dynamit. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.

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Durch Grenzen werden Ereignissräume abgesteckt

Fritz Breithaupt stellt fest: „Menschen machen bessere Vorhersagen innerhalb einer Episode beziehungsweise innerhalb einer Situation im Vergleich zu Vorhersagen über mehrere Situationen hinweg. Das deutet darauf hin, dass die möglichen Ereignisse innerhalb einer Episode als kohärent oder passend verstanden werden.“ Diese Vorhersehbarkeit könnte allerdings auch ein Effekt der erhöhten Aufmerksamkeit auf die Dinge in einem Ereignisraum sein und muss sich nicht unbedingt der erhöhten Kohärenz verdanken. Sie kann möglicherweise sogar umgedreht erklärt werden: Die deutlich vorhersehbaren Ereignisse gehören in einen Ereignisraum, während die weniger vorhersehbaren Ereignisse in einen anderen Ereignisraum abgeschoben werden und also durch eine Grenze markiert werden. Durch die Grenzen werden Ereignissräume abgesteckt, über die man aktuell Wissen hat, während das Ungewisse nach außen exportiert wird. Fritz Breithaupt ist Professor für Kognitionswissenschaften und Germanistik an der Indiana University in Bloomington.

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Für alle Menschen ist ungehinderter Zugang zum Wissen möglich

Einigen Menschen kam der Aufbruch in das digitale Zeitalter wie die Französische Revolution von 1789 vor, nur ohne Blut. Gerd Gigerenzer ergänzt: „Anderen wie das Jahr 1989, als die Bevölkerung der DDR ein Regime stürzte, das die Medien kontrollierte und seine Bürger überwachte. Zwanzig Jahre später, als eine Welle von Demonstrationen den Nahen Osten und Nordafrika überzog, begannen die sozialen Medien tatsächlich eine wichtige Rolle bei der Koordination der öffentlichen Proteste zu spielen.“ Der Arabische Frühling entfachte eine neue Begeisterung für die befreienden Kräfte des Internets. Jeder kann alles wissen. Geheimnis ist ein Wort, das der Vergangenheit angehört. Für alle Menschen ist ungehinderter Zugang zum Wissen möglich. Gerd Gigerenzer ist ein weltweit renommierter Psychologe. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.

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Der Wandel und der nötige Aufbruch können gelingen

Stefan Klein erklärt in seinem neuen Buch „Aufbruch“, warum Menschen auf Neues von Natur aus widerwillig reagieren und wie verbreitete Illusion über den Fortschritt sie lähmen. Und er zeigt anhand von Beispielen, nach welchen Gesetzen der Wandel funktioniert. Wie kann der heute nötige Aufbruch gelingen? Wir blockieren uns selbst. Der einzige Weg ist, dass wir und selbst und andere besser verstehen. Veränderung setzt voraus, dass wir lernen, einander zuzuhören und einander ernst zu nehmen. Täglich führen uns die Medien vor Augen, wie es um uns steht. Man müsste sich schon in eine Höhle zurückziehen und alles Sinneskanäle verschließen, um zu glauben, dass wir in einer heilen Welt leben. Die weltweite Klimakrise ist eine Notlage von einem in der Menschheitsgeschichte nie dagewesenem Ausmaß. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.

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Das Bildungssystem ist auf Mittelmaß ausgerichtet

Die Bildungsinstitutionen sind nach hieratischen Modellen der industriellen Revolution gebaut. Militär, Verwaltung, Bürokratie und Rollen/Hierarchie dienten hierfür als Blaupause. Anders Indset ergänzt: „Die Gebäude hatten ihre Vorbilder in Kasernen, Gefängnissen und Fabriken als Stukturierungsprinzip für das Handeln der Menschen. Das Bildungssystem ist auf Mittelmaß sowie Standardisierung und Nummerierung ausgerichtet.“ So werden allerdings nicht die Offenheit, die Neugier und das Interesse des Einzelnen gefördert, die grundlegend für Bildung sind. Es macht keinen Sinn, dass alle Schüler heute in der Schule mit gleicher Geschwindigkeit und auf dieselbe Art und Weise Mathematik und Sport, Musik und Kunst lernen. Doch so scheint man heute Bildung zu verstehen. Es muss doch um viel mehr gehen als um das Aneignen von Wissen. Anders Indset, gebürtiger Norweger, ist Philosoph, Publizist und erfolgreicher Unternehmer.

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Die Globalisierung beeinflusst die Kulturgeschichte

Die amerikanische Historikerin Lynn Hunt weist darauf hin, dass die Globalgeschichte Gefahr laufe, die kulturgeschichtlichen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte zu verspielen. Die kulturtheoretisch geprägte Geschichtsschreibung war in den 1970er Jahren unter anderem aus den Krisen der Modernisierungstheorie hervorgegangen. Die neuen Kulturtheorien unterminierten die Grundannahme, dass die ökonomischen und sozialen Verhältnisse die darüberliegenden kulturellen und politischen Ausdrucksweisen bestimmten. Marin Mulsow stellt fest: „Globalgeschichte ist vornehmlich „harte“ Geschichte: Wirtschaftsgeschichte, Umweltgeschichte, Sozialgeschichte.“ Und genau an diesem Punkt setzt Lynn Hunt mit ihrer Frage an: Welche Konsequenzen zeigt die Herausforderung der Globalisierung für die Kulturgeschichte? Gehen in ihr Einsichten verloren, welche die postmodernen, postkolonialen, kulturalistischen Geschichtsschreibungen schon erreicht hatten? Martin Mulsow ist Professor für Wissenschaftskulturen an der Universität Erfurt und Direktor des Forschungszentrums Gotha.

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Die analoge Welt existiert noch

Ohne Zweifel gibt es die analoge Welt noch. Es gibt echten Zufall, spontane Liebe, unaufgeklärte Verbrechen, Mutationen und Geheimnisse. Eva Menasse fügt hinzu: „Und es gibt typisch menschliches Verhalten, darunter Ängste, die sich in Jahrmillionen körperlich eingeschrieben haben und weitervererbt werden. Menschen fürchten sich intuitiv immer noch vor Skorpionen und Schlangen statt vor Autos.“ So bestürzend langsam ist dieses Säugetier, einerseits. Seine durchschnittliche Lebenserwartung mag sich, zumindest für die in Industriestaaten lebenden Exemplare, binnen zweihundert Jahren mehr als verdoppelt haben. Im Vergleich zu der Zeit, die seine Reaktions- und Verhaltensmuster gebraucht haben, um sich auszubilden, ist das nicht einmal ein Wimpernschlag. Andererseits verheddert sich das hochmütige, himmelstürmende Säugetier augenscheinlich immer häufiger in seinen eigenen Erfindungen. Die Romane der österreichischen Schriftstellerin Eva Menasse sind vielfach ausgezeichnet worden.

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Das Zeitalter des Wissens hat begonnen

Albert Wenger fordert in seinem Buch „Die Welt nach den Kapital“ ein bedingungsloses Grundeinkommen. Dabei handelt es sich um die ökonomische Freiheit, die Menschen von ihren existenziellen Zwängen befreit. Nur so können sie frei über ihre Aufmerksamkeit verfügen und diese in Freundschaften und Familie, in die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen sowie in die Schaffung von Innovationen investieren. Die Informationsfreiheit gewährleistet einen ungehinderten Zugang zu Wissen und damit dessen Weiterentwicklung. Sie erfordert ein Recht auf programmatische Interaktion mit Informationssystemen. Die psychologische Freiheit befähigt Menschen, in einer von Informationsüberflutung und algorithmischer Manipulation geprägten Welt rational zu denken und zu handeln. Diese drei Freiheiten verstärken sich gegenseitig. Und sie ermöglichen ein Wissenszeitalter, in dem nicht mehr das Kapital, sondern Aufmerksamkeit die wichtigste Ressource darstellt. Albert Wenger ist ein weltweit beachteter Investor.

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Die Philosophie ist aus dem Willen zur Störung geboren

Die Philosophin Barbara Bleich gibt zu: „Nicht alle stören sich am selben.“ Wobei gewisse Störelemente wohl ungeteilt alle zur Weißglut bringen. Die Fahrleitungsstörung zum Beispiel, die uns alle zum Ausharren im stillstehenden Zug verdammt; die Warteschlange, die stagniert; viel zu langsames W-Lan oder – besonders unbeliebt – die surrende Stechmücke bei Nacht. Eine Störung wird umso ätzender, als sie nicht nachlässt, sondern immer wieder belästigt, plagt und triezt, bis der Geduldfaden reißt und man dem Quälgeist mit Maximaleinsatz beizukommen versucht. Wer allerdings an der Wahrheit interessiert ist, wird sich stets von Neuem aufstören lassen, ja aufstören lassen müssen, weil die inneren Fragen nicht zur Ruhe kommen. Die Philosophie ist, so könne man sagen, aus dem Willen zur Störung geboren – eine Störung freilich, die nicht bei der Dekonstruktion stehen bleibt, sondern stets die Konstruktion im Blick hat: den Aufbau einer gerechteren Gesellschaft und die Erkenntnis von Wahrheit.

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Die Renaissance verband das Denken und das Handeln

Die Renaissance war das Zeitalter des „uomo universale“, der die Welt des Denkens und Handelns miteinander verband. Das darauffolgende Zeitalter entsprach eher einem akademischen Ideal, nämlich das des universalen Gelehrten. Der Niederländer Hermann Boerhaave, selbst ein Universalgelehrter, bezeichnete es als „Monster der Gelehrsamkeit“. Peter Burke blickt zurück: „Aus heutiger Sicht betrachtet scheint das 17. Jahrhundert das goldene Zeitalter der vielseitigen Gelehrten gewesen zu sein. Selbst wenn Gelehrte dieser Art sich offenbar nicht – anders als einige ihrer Vorgänger in der Renaissance – im Fechten, Singen, Tanzen, in der Reitkunst oder der Athletik hervortaten.“ Sechzehn Jahre lehrte Peter Burke an der School of European Studies der University of Sussex. Im Jahr 1978 wechselte er als Professor für Kulturgeschichte nach Cambridge ans Emmanuel College.

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Big Data begreift seine Ergebnisse nicht

Big Data stellt ein rudimentäres Wissen zur Verfügung. Es bleibt auf Korrelationen und Mustererkennungen beschränkt, in denen jedoch nichts begriffen wird. Der Begriff bildet eine Ganzheit, die ihre Momente in sich einschließt und einbegreift. Byung-Chul Han erklärt: „Die Ganzheit ist eine Schlussform. Der Begriff ist ein Schluss. Alles Vernünftige ist ein Schluss. Big Data ist additiv. Das Additive bildet keine Ganzheit, keinen Schluss. Ihm fehlt der Begriff, nämlich der Griff, der Teile zu einer Ganzheit zusammenschließt.“ Künstliche Intelligenz erreicht nie die Begriffsebene des Wissens. Sie begreift nicht die Ergebnisse, die sich berechnet. Das Rechnen unterscheidet sich vom Denken dadurch, dass es sich keine Begriffe bildet und nicht von einem Schluss zum nächsten voranschreitet. Die Bücher des Philosophen Byung-Chul Han wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

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Die Geschichte läuft nicht auf ein Happy End zu

In all seinen Schriften zeigte sich Theodor W. Adorno skeptisch gegenüber Philosophien, die harmonische Versöhnung anbieten. Stuart Jeffries erklärt: „So bezweifelte er beispielsweise die Vision des jungen Lukács von einer epischen Ganzheit im antiken Griechenland, Heideggers Vorstellung eines vollendeten Seins, das mittlerweile tragisch in Vergessenheit geraten ist, und Benjamins Glauben an eine vor dem Sündenfall existierende Einheit von Name und Sache.“ In der „Negativen Dialektik“ geht es ihm allerdings nicht hauptsächlich um die Dekonstruktion solcher regressiven Phantasien, sondern um Widerspruch gegen die Vorstellung, dass dialektische historische Prozesse unbedingt ein Ziel haben müssen. Vor allem verwirft er die Idee, dass das geschichtliche Narrativ notwendigerweise auf ein Happy End zulaufe. Stuart Jeffries arbeitete zwanzig Jahre für den „Guardian“, die „Financial Times“ und „Psychologies“.

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Neugier und Offenheit charakterisieren einen gebildeten Menschen

In einer Wissensgesellschaft, in der das eigene Wissen für Bildung gehalten und absolut gesetzt wird, ist die Unbildung der einzige Weg zur Bildung. Anders Indset erklärt: „Wenn wir Wissen mit Bildung gleichsetzen, kommen wir nicht darum herum, alle in uns den Ungebildeten zu aktivieren. Die Geistes- und Werthaltung des Ungebildeten zeichnet den Gebildeten in der heutigen Wissensgesellschaft aus.“ Das Bedürfnis zu wachsen, der kritische Umgang mit dem Bestehenden und die Neugier und Offenheit für das Andere sind die Attribute, die einen gebildeten Menschen charakterisieren. Doch diese Attribute haben in der Wissensgesellschaft, in der das eigene Wissen absolut gesetzt wird, an Bedeutung verloren. Das Wissen zu fetischisieren, kennzeichnet Theodor W. Adorno, einer der Hauptvertreter der Kritischen Theorie – auch unter Frankfurter Schule bekannt – den sogenannten halbgebildeten Menschen. Anders Indset, gebürtiger Norweger, ist Philosoph, Publizist und erfolgreicher Unternehmer.

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Humanisten betrachteten das Mittelalter als dunkles Zeitalter

Peter Burke weiß: „Im Arabischen heißt die vorislamische Epoche das „Zeitalter der Unwissenheit“. In der Renaissance bezeichneten die Humanisten das von ihnen erstmals als solches abgegrenzte Mittelalter als dunkles Zeitalter.“ Im 17. Jahrhundert nannte Lord Clarendon, der Historiker des englischen Bürgerkrieges, die Kirchenväter „helle Lichter, die in sehr dunklen Zeiten aufschienen, Zeiten voller Barbarei und Unwissenheit“. In der Aufklärung wurde Unwissenheit als Stütze des Despotismus, Fanatismus und Aberglaubens angeführt, die in einem Zeitalter des Wissens und der Vernunft allesamt hinweggefegt würden. George Washington meinte zum Beispiel, „die Fundamente unseres Reiches“ seinen „nicht im düsteren Zeitalter der Unwissenheit und des Aberglaubens gelegt worden“. Sechzehn Jahre lehrte Peter Burke an der School of European Studies der University of Sussex. Im Jahr 1978 wechselte er als Professor für Kulturgeschichte nach Cambridge ans Emmanuel College und ist inzwischen emeritiert.

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Annette Kehnel entdeckt zeitlos gültiges Menschheitswissen

Was ist die Todsünde des 21. Jahrhunderts? fragt Annette Kehnel in ihrem Buch „Die sieben Todsünden“. Sie folgt dabei der Spur einer alten Lehre und fragt, wie man in vergangenen Jahrhunderten mit der dunklen Seite der menschlichen Natur umging. Dabei entdeckt sie zeitlos gültiges Menschheitswissen, das den heute lebenden Menschen, im Zeitalter der Polykrise, neue Orientierung geben kann. Erfahrungswissen kann Leben retten. Diese Einsicht sorgt gegenwärtig dafür, dass sich die Arbeitsweisen der Wissenschaften verändern. Das betrifft beispielsweise die Erdbebenforschung, die Klimaforschung, die Resilienzforschung sowie sämtliche Zweige der Zukunftsforschung. Die Zeiten, in denen traditionelles Wissen belächelt wurde, sind vorbei. Annette Kehnel betont allerdings auch: „Zugleich ist Vorsicht geboten von einem blinden „run“ auf verschollene Weisheiten und Wissenstraditionen sogenannter Naturvölker, vor falschen Hoffnungen, romantischer Verklärung und gefährlichen Heilsversprechen.“ Annette Kehnel ist Inhaberin des Lehrstuhls für Mittelterliche Geschichte an der Universität Mannheim.

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Die Arten von Unwissenheit sind zahlreich und vielfältig

Die Zeit scheint gekommen für einen Überblick über die Rolle der Unwissenheit – einschließlich des bewussten Ignorierens – in der Vergangenheit. Peter Burke ist zu der Ansicht gelangt, dass diese Rolle bisher unterschätzt worden ist, was zu Missverständnissen, Fehlurteilen und anderen Arten von Fehlern geführt hat, oft mit schlimmen Folgen. Das wird besonders zum jetzigen Zeitpunkt deutlich, da die Regierungen zu wenig und zu spät auf den Klimawandel reagieren. In seinem neuen Buch „Die kürzeste Weltgeschichte der Unwissenheit“ zeigt Peter Burke, sind sowohl die Arten von Unwissenheit wie auch die daraus folgenden Katastrophen zahlreich und vielfältig sind. Sechzehn Jahre lehrte Peter Burke an der School of European Studies der University of Sussex. Im Jahr 1978 wechselte er als Professor für Kulturgeschichte nach Cambridge ans Emmanuel College und ist inzwischen emeritiert.

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Gesetzmäßigkeiten findet der Mensch in der Natur

Wenn sich Lebensweise, Erwartungen, Werte verändern, Wissenschaft und Technik neue Bedingungen des Lebens schaffen, versucht der Mensch die neuen Gesetzmäßigkeiten zu verstehen. Zudem versucht er sie mit den ihm vertrauten Gesetzen in Einklang zu bringen. Paul Kirchhof erläutert: „Er braucht Leitgedanken für sein Leben, Maßstäbe für sein Entscheiden, Methoden für sein Erkennen und Ziele für sein Wollen. Diese Gesetzmäßigkeiten findet er in der Natur und in der Menschlichkeit.“ Die Natur erschließt er sich vor allem durch Beobachten und Experimentieren, die Menschlichkeit durch Verständnis, Erfahrung, Einsehen und Beurteilen. Der Mensch bildet bewusst Regeln für das Zusammenleben, erprobt Verfahren der Willensbildung und Verständigung. Die Gesetze sind seit langem gewachsene, angeborene, in der Natur des Menschen von jeher angelegte Stützen menschlicher Freiheit. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg.

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Die heutigen Textgeneratoren können fast alles

Warum sollen Journalisten noch über das Fußballspiel am Wochenende berichten? Bereits heute sammelt man nahezu alle verfügbaren Daten. Subjektive Nuancen mögen eine persönliche Note geben. Aber mit den raffinierten heutigen Textgeneratoren lässt sich alles erstellen. Anders Indset erklärt: „Bots, Maschinen, Algorithmen, wie auch immer wir sie nennen wollen, besitzen bereits ein nahezu perfektes Wissen über jedes Spiel. Über Sportart und Regeln ebenso.“ Eine Berichterstattung eines Reporters über ein Sportereignis vom selben Tag setzt Jahre, wenn nicht Jahrzehnte Training und Erfahrung voraus. Bei der Maschine sieht es aber anders aus. Wenn das letzte Update eingespielt ist, kommen Text und Fakten zusammen. Sofort nach Spielende entsteht der erste dynamische Bericht, den man fortlaufend verbessern kann. Anders Indset, gebürtiger Norweger, ist Philosoph, Publizist und erfolgreicher Unternehmer.

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Alte Menschen verurteilen neue Ideen oft sehr schnell

In den Niederlanden gibt es offene Entscheidungsträger, die schauen sich ein revolutionäres Konzept vorurteilsbefreit an und denken nicht gleich: „Kenne ich das schon oder wie alt ist die Person, die das gerade vorschlägt?“, sondern sie fragen vorurteilsfrei: „Ist das eine gute Idee? Hat das Potenzial?“ Sie verwenden ihr Wissen, um wirklich genau zu schauen, bevor sie bewerten. In Österreich dagegen hat Andreas Salcher oft erlebt, dass die Wahrscheinlichkeit höher ist, auf Leute vor allem aus der älteren Generation zu treffen, die gleich am Anfang sagen: „Nein das kann ja nie funktionieren.“ Solange keine zwei Doktortitel vor dem Namen einer Person stehen, hat sie für diese Menschen keine Glaubwürdigkeit. Dr. Andreas Salcher ist Mitgebegründer der „Sir Karl-Popper-Schule“ für besonders begabte Kinder. Mit mehr als 250.000 verkauften Büchern gilt er als einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren Österreichs.

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Viele Menschen propagieren ihre eigene Wahrheit

In der Kakophonie einer schreienden Welt ist es schier unmöglich, eine Wahrheit von der anderen zu unterscheiden. Ille C. Gebeshuber erläutert: „Viel zu viele propagieren ihre eigene Wahrheit, ihre eigene Meinung. Von der erzkonservativen Kurzsichtigkeit bis hin zu fantastischen Verschwörungstheorien.“ Und diese vielen Wahrheitswelten betreffen nicht nur die Bereiche, die man sieht, sondern vor allem jene, die man überhaupt nicht sehen kann, weil man dazu verleitet wird, in die falsche Richtung zu blicken. Zur Inflation der Wahrheiten kommt noch das Informationsparadox des Informationssturms. Obwohl die Menge an Informationen immer weiter zunimmt, nimmt der Anteil an spezifischen Informationen ab. Die Einspeisung von Inhalten in die Informationskanäle und Datenspeicher durchläuft einen Filter. Dadurch ist der Zugang zu bestimmten Informationen eingeschränkt. Ille C. Gebeshuber ist Professorin für Physik an der Technischen Universität Wien.

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