Finanzieller Wohlstand besitzt keinen Substanzwert

Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, will Ray Dalio Wohlstand als Kaufkraft bezeichnen – im Unterschied zu Geld und Kredit. Diese Unterscheidung ist wesentlich, weil sich der Welt von Geld und Kredit verändert. Werden beispielsweise viel Geld und Kredit geschaffen, sinkt deren Wert. Wer mehr Geld hat, besitzt daher nicht unbedingt mehr Wohlstand oder Kaufkraft. Unter Realvermögen versteh Ray Dalio die Dinge, die Menschen erwerben, weil sie sie haben wollen und nutzen – wie ein Haus, ein Auto, einen Video-Streaming-Dienst und so weiter. Realvermögen hat also einen Substanzwert. Finanzieller Wohlstand dagegen setzt sich aus finanziellen Vermögenwerten zusammen, die gehalten werden, um künftig laufende Erträge zu erwirtschaften und/oder künftig veräußert zu werden, um sich Geld zu beschaffen und damit die Realwerte zu kaufen, welche die Menschen haben wollen. Finanzieller Wohlstand besitzt keinen Substanzwert. Ray Dalio ist Gründer von Bridgewater Associates, dem weltgrößten Hedgefonds. Er gehört mit zu den einflussreichsten Menschen der Welt.

Weiterlesen

Die Zukunft ist ein Menschending

Das neue Buch von Rebekka Reinhard „Zukunft ist kein Männerding“ ist ein Frauenbuch, das absolut kein Frauenbuch sein will. Es ist ein Buch für alle, die neugierig sind, wie es weitergeht. Die große Lust auf Zukunft haben – eine Zukunft, die sie nicht passiv machtbesoffenen Bros überlassen, sondern selbst entwerfen und aktiv mitgestalten wollen. Zukunft ist kein Männerding, sondern ein Menschending. Dieses Buch ist eine Einladung, alles anders zu betrachten. Und alles anders zu machen. Die herrschenden Machtdynamiken auf eine Weise außer Kraft zu setzen, wie du es noch nie versucht hast. Macht ist hochdynamisch, wandelbar in alle Richtungen. Wie das Leben. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.

Weiterlesen

Joseph Stiglitz erklärt den Freiheitsbegriff auf verständliche Weise

Letzten Endes wird Joseph Stiglitz zeigen, dass die wahren Anhänger eines tiefen, bedeutungsvollen Freiheitsbegriffs der progressiven Bewegung sowohl in den USA als auch im Rest der Welt nahestehen. Sie und die Mitte-links-Parteien, die sie repräsentieren, müssen wieder die Kontrolle über die Freiheitsagenda übernehmen. Insbesondere von den Amerikanern verlangt dies, die Geschichte und die Gründungsmythen ihres Landes einer Neubewertung zu unterziehen. Der erste Teil von Joseph Stiglitz‘ Buch „Der Weg zur Freiheit“ besteht darin, den Freiheitsbegriff aus der Sicht der Wirtschaftswissenschaften des 21. Jahrhunderts auf eine verständliche und einfache Weise zu erklären, so wie es John Stuart Mill im der Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem klassischen Werk „Über die Freiheit“ (1859) getan hat. Joseph Stiglitz war Professor für Volkswirtschaft in Yale, Princeton, Oxford und Stanford. Heute lehrt er an Columbia University in New York und ist ein weltweit geschätzter Experte zu Fragen von Ökonomie, Politik und Gesellschaft.

Weiterlesen

Erfolg funktioniert nur noch über genügend Zustimmung

Wer im 21. Jahrhundert was werden will, zum Beispiel Abteilungsleiter oder Bundeskanzler, sollte so unscheinbar wie möglich auftreten. Tobias Haberl erklärt: „Im Kampf um Macht sind nämlich lange schon nicht mehr Mut oder Originalität, sondern eine möglichst kleine Angriffsfläche gefragt.“ Deshalb hat es für Annalena Baerbock auch nicht fürs Kanzleramt gereicht, weil sie im Gegensatz zu Armi Laschet und Olaf Scholz in Zukunft alles anders machen wollte, weil sie nicht moderat, sondern disruptiv und kämpferisch auftrat. Das finden die meisten Deutschen zwar couragiert, aber höchstens für ein paar Wochen, dann kriegen sie kalte Füße, weil, Klimakatastrophe hin oder her, eigentlich geht es ihnen doch ganz gut. Der Literaturwissenschaftler Tobias Haberl schreibt für das „Süddeutsche Zeitung Magazin“. Sein letztes Buch „Die große Entzauberung – Vom trügerischen Glück des heutigen Menschen“ wurde ein Bestseller.

Weiterlesen

Ein Tyrann schüchtert seine Untertanen mit Grausamkeit ein

Zu Senecas rhetorischer Strategie gehört auch, dass sie kontrafaktisch vorgeht. Wolfgang Müller-Funk erklärt: „So preist der Philosoph des beginnenden Neronischen Zeitalters die vorgebliche Milde des neuen Cäsaren, wohl wissend, dass dieser mit der Ermordung des Bruders und rechtmäßigen Thronnachfolgers Britannicus seine Gewaltbereitschaft bereits bewiesen hatte.“ Von Anfang an operiert Senecas Buch über die „clementia“ mit klaren Gegenüberstellungen, etwa in § 1.2, wenn der tyrannische Machthaber zur Sprache kommt, der durch gezielte Grausamkeit seine Untertanen einschüchtern und damit seine Herrschaft sichern will. Immerhin wird dabei auf einen so gängigen wie verstohlenen Herrschaftsdiskurs verwiesen. Wolfgang Müller-Funk war Professor für Kulturwissenschaften in Wien und Birmingham und u.a. Fellow an der New School for Social Research in New York und am IWM in Wien.

Weiterlesen

Ein Streit ist nie frei von Herrschaft

Wer in einen Streit verwickelt ist, erhebt die Stimme, um ihr Geltung zu verschaffen. Die Gemütslage ist erhitzt, die Gesichtsmuskeln sind angespannt. Svenja Flasspöhler ergänzt: „Die Hände liegen nicht ruhig auf dem Tisch, sondern sind Teil des Gefechts, verleihen den emotional vorgebrachten Worten zusätzlich Kraft. Kurzum: Ein Streit ist nie frei von Herrschaft.“ Hier geht es um Macht, weil Menschen, die wirklich und wahrhaft streiten, einander gerade nicht verstehen. Hier prallen grundverschiedene Seinsweisen, gar Weltbilder aufeinander. Jürgen Habermas geht davon aus, dass wir, wenn die idealen Bedingungen eines herrschaftsfreien Diskurses gegeben sind, qua Vernunft erkennen, dass wir bestimmte Werte und Normen teilen und so zu einem Konsens finden. Doch wie sich an gegenwärtigen Großkrisen zeigt, ist das längst nicht immer der Fall. Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.

Weiterlesen

Bei öffentlichen Äußerungen gibt sehr viele Fälle von Cancel Culture

Pauline Voss stellt fest: „Es schmälert die Macht der Überwachung nicht, dass nicht jeder Verstoß gegen die Regeln der politischen Korrektheit geahndet, dass nur ein Bruchteil davon überhaupt entdeckt wird.“ Michel Foucault schreibt über das Panopticon: „Die Wirkung der Überwachung ist permanent, auch wenn ihre Durchführung sporadisch ist.“ Im Grunde ist es gleichgültig, ob in einem bestimmten Augenblick der Überwachungsturm besetzt ist oder nicht; allein die Tatsache, dass der Häftling überwacht werden könnte, zwingt ihn zu permanentem Gehorsam. Das heute vielfach vorgebrachte Argument, dass es, gemessen an der Menge aller öffentlichen Äußerungen, nur sehr wenige Fälle von Cancel Culture gebe, zielt darum ins Leere. Es ist gerade diese Unberechenbarkeit, die den Einzelnen dazu zwingt, permanent die eigene Einhaltung der Regeln zu kontrollieren, oder in den Worten von Michel Foucault: die Zwangsmittel der Macht gegen sich selbst auszuspielen. Pauline Voss ist seit 2023 als freie Journalistin tätig.

Weiterlesen

Kein Land muss unter einer Autokratie leben

Anne Applebaum betont: „Autokratie ist ein politisches System, eine Methode, die Struktur der Gesellschaft zu gestalten, eine Form der Machtorganisation. Sie ist nicht erblich und wird nicht automatisch von einer bestimmten Kultur, Sprache oder Religion hervorgebracht. Kein Land ist dazu verdammt, für immer unter einem autokratischen System zu leben, genau wie in keinem Land die Demokratie für immer gesichert ist. Politische System verändern sich.“ Als Glasnost Ende der 1980er-Jahre eine öffentliche Debatte in Russland ermöglichte, waren viele Russen überzeugt, ihr Land könne sich verändern, ja, es stehe vor einem positiven historischen Umbruch, vielleicht sogar an der Schwelle zu einer freiheitlichen Demokratie. Die sowjetische Regierungszeitung „Iswestija“ verkündete: „Die lange niedergehaltenen Ideen von Demokratie und Freiheit gewinnen wieder an Dynamik.“ Die Historikerin und Journalistin Anne Elizabeth Applebaum zählt zu den profiliertesten Kritikerinnen autoritärer Herrschaftssysteme und russisches Expansionspolitik.

Weiterlesen

In der Politik gilt das Recht des Stärkeren

Politik wird oft als Kampf beschrieben. Und es stimmt ja: In der Politik geht es um Macht, darum, was das Sagen hat. Helene Bubrowski fügt hinzu: „Und da alle Politiker ehrgeizig sind – das gehört zur Grundausstattung für diesen Beruf –, können Machtfragen in aller Regel nicht im kollektiven Gespräch entschieden werden. Es geht da nicht gerecht zu, es gilt das Recht des Stärkeren.“ Eigene Fehler kann da niemand gebrauchen. Deshalb gehen viele Politiker mit ehren Fehlern ähnlich um wie Andreas Scheuer: abstreiten, zum Gegenangriff ansetzen. Es sind eingeübte Muster, abgeguckt bei politischer Urvätern, auch deren große Zeit lange zurück liegt. Für CSU-Politiker ist Franz Josef Strauß immer noch ein Vorbild. Helene Bubrowski arbeitet als Politikkorrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Berliner Hauptstadtbüro.

Weiterlesen

Erziehung soll Tugenden vermitteln

Die wachsenden Zweifel an den Aussichten der Bürgertugend in den 1780er Jahren lösten zweierlei Reaktionen aus – die eine formativ, die andere prozedural. Michael J. Sandel erläutert: „Die erste war bestrebt, durch Erziehung und andere Mittel die Tugenden nachdrücklicher zu vermitteln. Die andere wollte Tugenden mit Hilfe von Verfassungsänderungen weniger notwendig machen.“ In seinem Vorschlag für öffentliche Schulen in Pennsylvania verlieh Benjamin Rush dem formativen Impuls starken Ausdruck. Er erklärte 1786, die einer Republik angemessene Erziehungsweise vermittle vorrangige Gefolgschaft für das Gemeinwohl: „Man möge unseren Schüler lehren, dass er sich nicht selbst gehört, sondern öffentliches Eigentum ist. Man lehre ihn, seine Familie zu lieben, doch man lehre ihn gleichzeitig, dass er sie aufgeben und sogar vergessen muss, wenn das Wohlergehen seines Landes dies erfordert.“ Michael J. Sandel ist ein politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Er zählt zu den weltweit populärsten Moralphilosophen.

Weiterlesen

In Amerika gibt es eine starke Verflechtung von Geld und Politik

Die wachsende Macht des Geldes ist die vielleicht größte Schwäche des amerikanischen politischen Systems, sodass es sich eher mit dem Schlagwort „ein Dollar, eine Stimme“ als mit „eine Person, eine Stimme“ beschreiben lässt. Joseph Stiglitz schreibt: „Wir alle kennen die Komponenten dieser Verflechtung von Geld und Politik: Lobbyisten, Wahlkampfspenden, „Drehtüren“ zwischen Politik und Wirtschaft und von den Reichen kontrollierte Medien.“ Wohlhabende Privatpersonen und reiche Konzerne nutzen ihre Finanzkraft, um sich politische Macht zu kaufen und ihre Ideen zu verbreiten, manchmal sogar mit „Fake News“. Fox News ist zum Symbol dafür geworden, und seine Macht ist mittlerweile gut dokumentiert. Joseph Stiglitz war Professor für Volkswirtschaft in Yale, Princeton, Oxford und Stanford. Heute lehrt er an Columbia University in New York und ist ein weltweit geschätzter Experte zu Fragen von Ökonomie, Politik und Gesellschaft.

Weiterlesen

Das Internet gleicht einer Zone des sozial erzwungenen Konformismus

Die Weiten des Internets verwandeln sich seit geraumer Zeit von einer Spielwiese für Individualisten in eine Zone des sozial erzwungenen Konformismus. Die digitale Öffentlichkeit wirkt immer öfter wie eine spießige Ansammlung von Gardinenspähern. Pauline Voss zieht für dieses Phänomen einen Vergleich heran: „Michel Foucault bezeichnete diese sozialen Dynamiken als „Panoptismus“. Er orientierte sich dabei am britischen Philosophen Jeremy Bentham, der im 18. Jahrhundert das sogenannte Panopticon als ideales Gefängnis entwarf.“ Ein Überwachungsturm in der Mitte eines ringförmigen Gebäudes ermöglicht den Wärtern Einsicht in alle Zellen. Die Gefangenen jedoch haben keine Einsicht in den Turm der Wärter. Jeremy Bentham, schreibt Michel Foucault in seinem Buch „Überwachen und Strafen“, habe „das Prinzip aufgestellt, dass die Macht sichtbar, aber uneinsehbar sein muss“. Pauline Voss ist seit 2023 als freie Journalistin tätig.

Weiterlesen

Das Verhältnis von Macht und Liebe ist ein schwieriges

Peter Trawny stellt sich vor, dass die Liebe das Böse und den Hass besiegt hat und die Welt beherrscht: „Die Macht der Liebe hätte sich durchgesetzt. Es gäbe nichts Schöneres als dieses globale Happy End, Wiederkehr des Paradieses, in dem Mensch und Tier in ewigem Frieden zusammenleben würden.“ Aber das Verhältnis von Macht und Liebe ist ein schwieriges, wenn nicht unmögliches. Die Politik hat nicht nur das Wohlergehen Einzelner im Blick, sondern das ganzer Gesellschaften und Völker. Die Liebe hätte sich nicht nur auf meinen Nächsten, auf die Geliebten zu beziehen, sondern auf Kollektive. Das Begehren, für den Anderen da zu sein, sich um ihn zu kümmern, gilt nun der gesamten Welt. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.

Weiterlesen

Den Liberalismus prägt die voluntaristische Vorstellung von Freiheit

Abgesehen von der Prämie der amerikanischen Macht hatte das Versprechen der Vorherrschaft in den Nachkriegsjahren noch eine tiefere Quelle – in der Philosophie des Öffentlichen im zeitgenössischen Liberalismus. Michael J. Sandel erklärt: „Dieser Liberalismus machte den Vorrang des Rechts vor dem Guten geltend; der Staat sollte gegenüber konkurrierenden Vorstellungen des Lebens neutral sein.“ Damit würde er die Menschen als freie und unabhängige Persönlichkeiten respektieren, die in der Lage seien, ihre eigenen Ziele zu wählen. Die voluntaristische Vorstellung von Freiheit, die diesen Liberalismus beflügelt, bietet eine befreiende Vision, das Versprechen einer Handlungsmacht, die scheinbar auch unter den Bedingungen konzentrierter Macht zu verwirklichen war. Michael J. Sandel ist ein politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Er zählt zu den weltweit populärsten Moralphilosophen.

Weiterlesen

Die Macht der Männer über die Frauen blieb unangetastet

Die Pariser Journalistin Claire Démar schrieb im Jahr 1833: „Die Macht des Vaters ist in ihrem Ausmaß und ihrer Tiefe einzigartig, weil sie in die Prozesse verwoben ist, durch die Menschen in der Kindheit und Jugend sozialisiert und diszipliniert werden.“ Christopher Clark ergänzt: „Es sei die Macht, durch die Väter ihre Söhne deformierten, indem sie deren geschundene Gliedmaßen schlügen, um sie zur Unterordnung zu zwingen.“ Es sei die Macht, die Männer und Frauen ausübten, sobald sie die Kontrolle über deren Besitz übernahmen, sexuelle Befriedigung forderten oder sie ungestraft misshandelten und entehrten. Es sei schwer, sich eine Welt ohne die Herrschaft dieser Macht vorzustellen, weil ihre Auswirkungen so allgegenwärtig seine. Christopher Clark lehrt als Professor für Neuere Europäische Geschichte am St. Catharine’s College in Cambridge. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Geschichte Preußens.

Weiterlesen

Eine geopolitische Mittellage hat einen großen Nachteil

Herfried Münkler erklärt: „Im Verlauf des 16. und 17. Jahrhunderts bildete sich für die Deutschen eine geopolitische Lage in der Mitte des Kontinents heraus, mit der sie sich nicht leichttaten.“ Denn die geopolitische Mittellage hat einen großen Nachteil. Denn die aus der Mitte heraus zur Hegemonie über einen Großraum strebende Macht hat es auf mindestens zwei Seiten mit Konkurrenten zu tun, die diesen Aufstieg verhindern wollen. Eine der geopolitischen Beobachtungen besagt darum, dass Aufstiege aus einer Mittellage selten gelingen und, wenn sie doch einmal gelungen sind, stets prekär und bedroht bleiben. Deswegen, so die daraus abgeleitete geopolitische Direktive, ist es ratsam, sich in eine periphere Position zu manövrieren, wenn man als raumbeherrschenden Akteur agieren will. Herfried Münkler ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Viele seiner Bücher gelten als Standardwerke, etwa „Imperien“ oder „Die Deutschen und ihre Mythen“.

Weiterlesen

Die Kunst der Darstellung formt unsere Zivilisation

Die Kunst der Darstellung ist eine Ausdrucksform, die seit jeher alles Bereiche des menschlichen Lebens prägt. Richard Sennett spannt in seinem neuen Buch „Der darstellende Mensch“ einen weiten Bogen von der Antike bis zur Gegenwart, wodurch das Bild einer doppelbödigen Kunstform entsteht, die unsere Zivilisation formt, aber auch zerstören kann. Tatsächlich ist Darstellung einer der Künste, allerdings eine unreine Kunst. Richard Sennett schreibt: „Wir sollten die Kunst in ihrer ganzen Unreinheit verstehen wollen. Doch genauso sollten wir auch Kunst schaffen wollen, die moralisch gut ist, und zwar ohne jede Unterdrückung.“ In seiner ganzen schriftstellerischen Arbeit hat Richard Sennett nach dem gesucht, was die Menschen über Räume und Zeiten hinweg miteinander verbindet. Die Unterschiede, die es gibt, können Möglichkeiten des Lebens oder Ausdrucks offenlegen, die untergegangen oder durch Macht erstickt worden sind. Die Vergangenheit ist Kritik an der Gegenwart. Richard Sennett lehrt Soziologie und Geschichte an der London School of Economic und an der New York University.

Weiterlesen

Veränderungen der politischen Welt weisen bestimmte Muster auf

In der Retrospektive werden die Veränderungen des 5. und 6. Jahrhunderts als ein Wandel der politischen Welt Westeuropas beschrieben, der von einer unipolaren zu einer multipolaren Ordnung führte. Herfried Münkler ergänzt: „Diese multipolare Ordnung veränderte sich schneller als zuvor das unipolare System, wies dabei jedoch strukturbildende Dynamiken und Muster auf und kann insofern durchaus als politische Ordnung beschrieben werden.“ Die politischen Großräume kontrollierenden Reiche befanden sich entweder an den Schnittstellen der Wirtschaftskreisläufe, von deren Überlappungen sie profitierten, wie etwa das Osmanische Reich, oder sie lagen, wie Spanien, Frankreich und England, am geographischen Rand der von ihnen in Gang gesetzten Wirtschaftskreisläufe. Herfried Münkler ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Viele seiner Bücher gelten als Standardwerke, etwa „Imperien“ oder „Die Deutschen und ihre Mythen“.

Weiterlesen

Die Anhänger politischer Korrektheit verleugnen das Wirken soziale Zwänge

Auch heute ist die Freiheit des Einzelnen innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges zentral. Pauline Voss erklärt: „Die Anhänger der politischen Korrektheit beharren darauf, dass sie deren Regeln freiwillig befolgten, dass es ihnen sogar eine Freude sei, durch eine inklusive Sprache und rücksichtsvolles Verhalten Diskriminierung zu verringern.“ Die Mechanismen der Cancel Culture empfinden sie als normale und keineswegs repressive Vorgänge innerhalb kontroverser Debatten. Beschwerden über einen verengten öffentlichen „Meinungskorridor“, der definiere, was gesagt werden dürfe und worüber geschwiegen werden müsse, haten sie für übertrieben. Schließlich herrsche im Westen Meinungsfreiheit: Kein Gesetz verpflichtet zu einer politisch korrekten Haltung oder Sprache. Diese Argumentation erstaunt: Ausrechnet jene, die durch die Dekonstruktion der Diskurse die Verhältnisse verändern wollen, die also das Durchbrechen sozialer Zwänge als ultimatives Machtinstrument propagieren, verleugnen – wenn ihr eigenes Verhalten hinterfragt wird – das Wirken sozialer Zwänge. Pauline Voss ist seit 2023 als freie Journalistin tätig.

Weiterlesen

Niccolò Machiavelli erringt europäischen Ruhm

Es gibt ein glanzvolles Beispiel für den auf das Politische bezogen kalten Realismus, der sich der Vereinzelung verdankt. Niccolò Machiavelli (1469 – 1527) ist zu klug, um Moral und Religion zu ihrem Nennwert zu nehmen. Er war ein umfassend gebildeter Geist, der zwischen 1498 und 1512 hohe Ämter in Florenz bekleidet. Rüdiger Safranski fügt hinzu: „Das war zu der Zeit, als die Herrschaft der Medici unterbrochen war. Mit der Rückkehr der Medici fiel er in Ungnade und wurde der Mitwirkung an einer Verschwörung gegen sie beschuldigt.“ Er kam für mehrere Monate in Haft. Dort folterte man ihn und ließ ihn schließlich wieder frei. Rüdiger Safranski arbeitet seit 1986 als freier Autor. Sein Werk wurde in 26 Sprachen übersetzt und mit vielen Preisen ausgezeichnet.

Weiterlesen

In einem Streit geht es immer um die Ausübung von Macht

In ihrem neuen Buch „Streiten“ stellt Svenja Flasspöhler zunächst einmal fest, dass es sich beim Streit um keinen Diskurs handelt, denn ein Streit ist niemals harmlos. Svenja Flasspöhler schreibt: „Wer in einen Streit verwickelt ist, erhebt die Stimme, um ihr Geltung zu verschaffen. Die Gemütslage ist erhitzt, die Gesichtsmuskeln sind angespannt.“ Zudem ist ein Streit nie frei von Herrschaft. Hier geht es um Macht, weil Menschen, die wirklich und wahrhaftig streiten, einander gerade nicht verstehen. Hier prallen grundverschiedene Seinsweisen, gar Weltbilder aufeinander. Zu streiten heißt somit im Kern dies: dass man seine persönliche Perspektive gegen eine andere stellt. Um zu streiten, muss man jemandem ins Gesicht sagen können: „Ich habe recht und du nicht.“ Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.

Weiterlesen

Friedrich Nietzsche postuliert den „Tod Gottes“

Friedrich Nietzsche glaubte tatsächlich, das Schwergewicht der Verantwortung zu ahnen, das nach dem von ihm postulierten „Tod Gottes“ auf allen Menschen laste. „Verantwortlichkeit“ nennt es das „Privilegium“ des „souveränen Individuums“. Friedrich Nietzsche braucht Charles Darwin nicht, um über den Menschen hinauszudenken. Volker Gerhardt ergänzt: „Unstrittig sollte auch sein, dass dem Menschen nicht verboten werden kann, in geschichtlicher Perspektive über sich hinauszudenken.“ Dennoch hat sie die Rede vom „Übermenschen“, ebenso wie die vom „Willen zur Macht“, als leichtfertig erwiesen. Sie ist schon bald zur Parole der politischen Inhumanität geworden. Diese hatte nur eine Neuauflage aller Herrschaftsmodelle zu Ziel – mit effektivierter Manipulation und unter Verhöhnung des Menschenrechts. Volker Gerhardt war bis zu seiner Emeritierung 2014 Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin.

Weiterlesen

Freiheit verlangt die Macht der Selbstbeherrschung

Die These, dass die Befreiung zur demokratisch-freien Subjektivität durch die Arbeit erfolgt ist, ist selbst eine demokratische These. Christoph Menke erklärt: „Es ist das Selbstverständnis der demokratisch Freien, dass sie sich ihre Freiheit selbst erarbeitet haben. Ihre aristokratischen Kritiker bestreiten das. Deren Gegenthese lautet, dass es vielmehr ohne Herrschaft – Herrschaft, nicht Arbeit – gar keine Freiheit gibt.“ Man muss daher Herrschaft über sich selbst ausüben können, um wahrhaft frei zu sein. Subjektivität wird durch Herrschaft konstituiert – in Friedrich Nietzsches Reformulierung dieses antidemokratischen Arguments: „Bei allem Wollen handelt es sich schlechterdings um Befehlen und Gehorchen.“ Wenn die Demokraten glauben, sich durch die Arbeit selbst befreit zu haben, dann verdrängen sie demnach die entscheidende Wahrheit, dass die Freiheit die Macht der Selbstbeherrschung verlangt, ja dass sie diese Macht ist. Christoph Menke ist Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Weiterlesen

Der Krieg ist eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln

Carl von Clausewitz, Generalmajor, Heeresreformer und Militärwissenschaftler, prägte im 19. Jahrhundert den Ausspruch: „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“ Er meinte damit – durchaus überzeugende, dass ein Krieg, der nicht endlos sein soll, irgendein politisches oder diplomatisches Ziel benötigt. Doch die Maxime von Carl von Clausewitz wurde im Laufe der Zeit zu der Vorstellung verkehrt, Politik sei eine Form der Kriegsführung mit dem Ziel, den „Feind“ zu besiegen oder gar zu zerstören, selbst wenn dieser nur ein paar Häuser weiter lebt. Ned O’ Gorman weiß: „Der bekannte US-Politikberater Steve Bannon prahlte einmal damit, während der Leitung von Trumps Wahlkampf nie im Fernsehen aufgetreten zu sein.“ Warum? „Weil Politik Krieg ist“, so Steve Bannon gegenüber dem „Wall Street Journal“. Ned O’ Gorman ist Professor für Kommunikationswissenschaften an der University of Illinois.

Weiterlesen

Aufstrebende Großmächte können die Weltordnung verändern

Erst wenn die Kräfte, die für innenpolitische Unordnung und Instabilität sorgen, mit einer außenpolitischen Herausforderung einhergehen, kann das die ganze Weltordnung verändern. Ray Dalio erklärt: „Außenpolitisch wächst die Gefahr eines großen internationalen Konflikts, wenn es eine aufstrebende Großmacht gibt, die in der Lage ist, die bisherige Großmacht und Weltordnung herauszufordern.“ Das gilt umso mehr, wenn die bisherige Großmacht innenpolitischen Konflikte austrägt. Der im Aufstieg begriffene internationale Gegenspieler wird in aller Regel versuchen, diese innere Schwäche auszunutzen. Besonders groß ist die Gefahr, wenn die aufstrebende ausländische Macht bereits über vergleichbare Streitkräfte verfügt. Sich gegen ausländische Rivalen zu verteidigen, erfordert hohe Militärausgaben, die gerade dann anfallen, wenn sich die Wirtschaftslage im eigenen Land verschlechtert und es sich die amtierende Großmacht am wenigsten leisten kann. Ray Dalio ist Gründer von Bridgewater Associates, dem weltgrößten Hedgefonds. Er gehört mit zu den einflussreichsten Menschen der Welt.

Weiterlesen