Langeweile ist ein mächtiger Stimulator für die Fantasie

Eine der interessantesten Phasen der Kreativität ist für Holger Volland das Nichtstun, die sogenannte Reifungsphase. Denn die scheinbare Untätigkeit wird mit überraschenden Ergebnissen belohnt: „Wir kreieren neue Ideen, indem wir damit aufhören, unserem Gehirn weiteren Input zu geben. Es hilft in dieser Phase enorm, das Gehirn auf „Wanderschaft“ zu schicken, was uns aber immer schwerer fällt.“ Die Erziehungswissenschaftler Howard Gardner und Katie Davis erklären das so: „Menschen erzeugen neue Ideen, indem sie die Welt reflektieren, die sie umgibt. Reflexionen erfordern Aufmerksamkeit und Zeit, zwei Dinge, die in der heutigen mediengesättigten Welt schwer zu erreichen sind.“ Überraschenderweise gilt deshalb Langeweile seit Langem schon als mächtiger Stimulator für die Fantasie. Der Informationswissenschaftler Holger Volland lehrte an der Hochschule Wismar Gestaltung und kuratierte große Ausstellungen der Gegenwartskunst in Argentinien und Deutschland.

Kreativität braucht Zeit und Abwechslung

Wenn Holger Volland ehrlich ist, kann er sich aber gar nicht mehr daran erinnern, wann er sich zuletzt gelangweilt hätte. Langeweile gilt nicht wirklich als akzeptabel in der gegenwärtigen Gesellschaft. In potentiell langweiligen Situationen greifen viele Menschen automatisch in die Tasche zum Smartphone und lesen Nachrichten oder bearbeiten schnell in Bild auf Instagram. Wenn die Forscher recht haben, wären aber genau das die Momente, die einem Menschen dabei helfen könnten, kreative Ideen zu entwickeln, indem er sein Gehirn von der Ablenkung konkreter neuer Aufgaben befreit.

Kreativität braucht Zeit und die Abwechslung unterschiedlicher Phasen. Sie ist ein Prozess, an dessen Anfang der Wunsch nach einer Lösung eines Problems steht und an dessen Ende ein sorgsam bewertetes Ergebnis. Dazwischen liegen Schweiß, gedankenloses Faulenzen, Reflexion über das Gemachte und das Verwerfen vieler Zwischenergebnisse. Sucht man dagegen eine Lösung mit smarten Werkzeugen, ist der Arbeitsprozess in jedem Fall ein anderer. Denn der Fokus solcher Software liegt immer auf dem Ergebnis, nie auf dem Prozess.

Instagram sorgt für Depressionen und Ängste

Die Loslösung des Ergebnisses vom kreativen Prozess durch eine smarte Software raubt einem Menschen das Erfolgserlebnis und sorgt dafür, dass er sich der Kreation gegenüber weniger verbunden fühlt. Holger Volland stellt fest: „Wir müssen immer häufiger mit den Ergebnissen von Maschinen konkurrieren und uns an ihrer Perfektion messen lassen. Diese Erlebnisse werden uns tendenziell eher unglücklich zurücklassen.“ Einen kleinen Vorgeschmack darauf geben Untersuchungen, wie sich soziale Medien auf die Psyche intensiver Nutzer auswirken.

Die Forschung zeigt: „Die perfekten Bildwelten und visuellen Geschichten machen viele unglücklich, da sie vermeintlich nicht mit dem Leben der anderen konkurrieren können.“ Die Royal Society for Public Health in Großbritannien etwa fand heraus, dass Instagram unter allen sozialen Medien die negativsten psychischen Auswirkungen hatte. Vor allem Depressionen, Ängste und Probleme mit dem eigenen Körper spielten demnach eine wichtige Rolle. Die Verfasser der Studie schlugen sogar vor, dass Instagram digitale Manipulationen an Bildern kenntlich machen sollte. Quelle: „Die kreative Macht der Maschinen“ von Holger Volland

Von Hans Klumbies

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