Die Computer-Logik besitzt eine eigene Realität

Die Computer-Logik stellt sich eine personalisierte Realität ganz nach ihrem Geschmack zusammen. Sobald sie eine „Atmosphäre der Echtheit“ identifiziert hat, taggt sie deren Inhalt mit „wahr“. Rebekka Reinhard kritisiert: „Die verblödete Vernunft setzt zwischen subjektiver Empfindung und objektiver Erkenntnis ein Gleichheitszeichen. Komplizierte Beschreibungen der Realität kann sie nicht aushalten. Wo ihr die Wirklichkeit zu undurchsichtig … Weiterlesen

Friedrich Nietzsche und Charles Baudelaire suchten die Provokation

Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, Charles Baudelaire und ihre Nachahmer – sie alle suchten die Provokation. Ihre Wegen kreuzen sich immer wieder. Jürgen Wertheimer erklärt: „Nietzsche hat, wie stets, alles geahnt und die Zusammenhänge freigelegt. Vor allem glaubte er, die schmutzigen Bande zwischen Wagner und Baudelaire erkannt zu haben.“ Ihr mittelbares Zusammentreffen in Paris, Baudelaires enthusiastische Reaktion auf den „Tannhäuser“, all das war aus Sicht Nietzsches kein Zufall. Klammert man für einen Moment Nietzsches strategisches Wüten gegen Baudelaire aus, erkennt man rasch, dass ihre Grundeinstellung dieselbe ist. Beide hassen sie die „Nützlichkeit“ über alles: nützliche Menschen, nützliche Moral, nützliche Kunst. Das Starke, Gefährliche, Satanische fasziniert, das Unnatürliche, Unschöne, Ungute. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

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Durch die Linse der Wahrheit blickt die Gesellschaft auf die Wirklichkeit

In seinem Buch „Ruinen der Wahrheit“ erzählt der niederländische Philosoph Rob Wijnberg die Geschichte, die zur gegenwärtigen Krise der Wahrheit geführt hat. Für den Autor geht es bei der Wahrheit nicht nur um den Unterschied zwischen Tatsache und Fiktion, ums Besserwissen und Danebenliegen. Rob Wijnberg betont: „Wahrheit ist viel mehr, nämlich die Linse, durch die eine ganze Gesellschaft auf die Wirklichkeit blickt.“ Wahrheit ist für Kollektive eine Kraft, die eine Welt eröffnet, Differenzen überbrückt oder vertieft und Menschen verbindet oder spaltet. Was die Liebe für den Menschen ist, ist die Wahrheit für die Menschheit. Wie die Liebe beschreibt die Wahrheit eine magnetische Kraft – eine Kraft, die uns anzieht und uns zusammenbringen kann; die Unterschiede überbrücken, Meinungen ändern und für ein tief empfundenes Verbundenheits- und Gemeinschaftsgefühl sorgen kann. Rob Wijnberg ist ein niederländischer Journalist sowie Autor philosophischer und medienkritischer Bücher.

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Wahrheit ist eine korrekte Darstellung der Wirklichkeit

Dem naiven Informationsverständnis zufolge werden Objekte im Zusammenhang mit der Suche nach Wahrheit zur Information. Ein Objekt ist dann Information, wenn jemand versucht, die Wahrheit zu ermitteln. Yuval Noah Harari erklärt: „Dieses Verständnis stellt eine Verbindung von Information und Wahrheit her und geht davon aus, dass die wesentliche Aufgabe der Information darin besteht, die Wirklichkeit darzustellen.“ Es gibt eine Wirklichkeit, und Information stellt diese Wirklichkeit dar, weshalb man sie verwenden kann, um die Wirklichkeit zu verstehen. Anders ausgedrückt: Information ist dem naiven Verständnis zufolge ein Versuch, die Wirklichkeit darzustellen, und wenn dieser Versuch gelingt, dann nennt man es Wahrheit. Yuval Noah Harari stimmt der Behauptung zu, dass Wahrheit eine korrekte Darstellung der Wirklichkeit ist. Der Historiker, Philosoph und Autor von einigen Weltbestsellern Yuval Noah Harari zählt zu den einflussreichsten Intellektuellen weltweit.

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Das Wirkliche dominiert das Denken und Handeln

Die soziale Natur des Geistes gründet in seiner Fallibilität. Markus Gabriel erklärt: „Wer fallibel ist, ist korrigierbar und damit Subjekt einer Normierung. Eine Normierung ist genau dann sozial, wenn andere Subjekte sie dadurch vornehmen können, dass sie einem Subjekt einen Kurs vorschlagen.“ Soziale Gruppen sind keine bloßen Aggregate nebeneinander handelnder Subjekte, die jeweils einzeln fallibel sind. Sondern sie sind das Ergebnis einer Handlungskoordination angesichts der Herausforderungen der Wirklichkeit. Denn das Wirkliche dominiert das Denken und Handeln bereits immer dadurch, dass Menschen auf der Ebene der Wahrnehmung über Intentionalität verfügen. Die menschliche Wahrnehmung findet als etwas Wirkliches mitten im Wirklichen statt. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

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Die Romantiker wollten nicht in eine Phantasiewelt entfliehen

Das Ziel aller Romantiker war es ja, das „Mysterium“ Wirklichkeit neu zu entdecken und zu entschlüsseln. Man tut den sogenannten „Realisten“ ebenso unrecht, wenn man ihnen diesen höheren Begriff der Wirklichkeit abspricht, wie den sogenannten „Romantikern“, wenn man ihren Wirklichkeitssinn nicht anerkennt. Jürgen Wertheimer erklärt: „Ob Novalis oder Chateaubriand, Keats, Shelley, Eichendorff oder Heine – keinem von ihnen ging es darum, aus der Gegenwart in eine Phantasiewelt zu entfliehen.“ Sie wollten, im Gegenteil, die möglicherweise verborgene, aber existenziell entscheidende Seite der Wirklichkeit freilegen, „Priester“ der großen Geheimnisse, aber auch der „kleinen Dinge“ sein. Das trifft nur auf die große Ausnahmefigur Victor Hugo zu, sondern auch auf Kollegen wie Adalbert Stifter oder Gottfried Keller. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

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Die Information repräsentiert die Wirklichkeit

Menschen nehmen die Wirklichkeit heute vor allem auf Informationen hin wahr. Byung-Chul Han erklärt: „Die Informationsschicht, die sich wie eine lückenlose Membran auf die Dinge legt, schirmt die Wahrnehmung von Intensitäten ab. Die Information repräsentiert die Wirklichkeit. Ihre Dominanz erschwert die Präsenz-Erfahrung.“ Menschen konsumieren permanent Informationen. Informationen reduzieren Berührungen. Die Wahrnehmung verliert an Tiefe und Intensität, an Körper und Volumen. Sie vertieft sich nicht in die Präsenz-Schicht der Wirklichkeit. Sie streift nur deren informationelle Oberfläche. Die Informationsmasse, die sich vor die Wirklichkeit schiebt, untergräbt die dingliche Schicht der Wirklichkeit. Bereits Hugo von Hoffmannsthal stellte fest: „[…] die Worte haben sich vor die Dinge gestellt. Das Hörensagen hat die Welt verschluckt.“ Die Bücher des Philosophen Byung-Chul Han wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

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Der Vorwurf der Lüge ist weit verbreitet und oft berechtigt

Das Titelthema des neuen Philosophiemagazins 04/2025 handelt diesmal von Wahrheit und Lüge. Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler schreibt: „Der Vorwurf der Lüge ist weit verbreitet und oft berechtigt. Doch wird er auch als rhetorisches Mittel eingesetzt, um Gesprächspartner aus dem Diskursfeld zu kicken. Wer lügt, disqualifiziert sich schließlich selbst.“ Wenn unklar bleibt, was Lügen, Tatsachen oder Meinungen genau sind, und auch mit dem Begriff „Wahrheit“ am Ende alles und nichts gemeint ist, wird es schwierig bis unmöglich, noch die Basis zu definieren, auf der Debatten stattfinden können. Der Philosoph Slavoj Žižek erklärt in seinem Beitrag das sogenannte Lügenparadox. Aussagen wie „Alles was ich sage, ist falsch“ wurde vom antiken Griechenland und Indien bis hin zur Philosophie des 20. Jahrhunderts endlos diskutiert. Das Problem ist, dass, wenn diese Aussage wahr ist, sie falsch ist – nicht alles, was ich sage, ist falsch – und umgekehrt.

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An Universitäten wird um gendersensible Wortwahl gebeten

Die heutige Sprachsensibilität lässt sich am Grad ihrer Normierung messen. Svenja Flaßpöhler stellt fest: „Gendergerechtes Sprechen ist in zahlreichen Institutionen inzwischen die Regel. Insbesondere an Universitäten wird um gendersensible Wortwahl eindringlich gebeten.“ Im September 2020 erließ der Berliner Senat einen Leitfaden für diversitysensibles Sprechen. Anstatt „Ausländer“ solle fortan „Einwohnende ohne deutsche Staatsbürgerschaft“ gesagt werden. Das Wort „Schwarzfahrer“ müsse ebenfalls vermiede und durch „Fahrende ohne gültigen Fahrschein“ ersetzt werden. Für das Verständnis der gegenwärtigen Debatten ist es notwendig, die sprachphilosophischen Wurzeln der neuen Feinfühligkeit genauer zu beleuchten. Fundamental für das Verständnis der Gegenwart ist, wissenschaftshistorisch gesehen, der sogenannte „linguistic turn“, zu Deutsch die „linguistische Wende“. Gemeint sind damit sprachwissenschaftliche und sprachphilosophische Ansätze, die bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurückreichen und sprachlichen Zeichen Realitätseffekte zuschreiben. Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des „Philosophie Magazin“.

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Das Denken verbindet das Subjekt mit dem Objekt

Das Denken ist eine wirkliche, objektiv existierende Schnittstelle, die Subjekt und Objekt verbindet. Der Mensch verfügt über einen besonders ausgebildeten Denksinn. Mittels dessen kann er sich in der Wirklichkeit der Gedanken umschauen. Denken ist selber etwas Wirkliches. Markus Gabriel stellt fest: „Weder die Flügel unserer Einbildungskraft noch unsere modernen Simulationen, die uns virtuelle Realitäten erleben lassen, reichen hin, um der Wirklichkeit wirklich zu entfliehen.“ Der Neue Realismus richtet sich gegen die heutige Entfremdung von der Wirklichkeit. Denn die Wirklichkeit ist niemals zur Science-Fiction geworden – und verschwunden ist sie schon gar nicht. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

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„Nur“ 0,5 Prozent der Weltbevölkerung sind auf der Flucht

Die von vielen Leuten vor allem in wohlhabenden Ländern gepflegte Vorstellung, die halbe Welt befinde sich irgendwie auf Wanderschaft, liegt meilenweit neben der Realität. In Wirklichkeit sind „nur“ 0,5 Prozent der Weltbevölkerung auf der Flucht. Ullrich Fichtner erläutert: „Solche Irrtümer häufen sich auch deshalb gern, weil wir Menschen mit großen Zahlen schlechter umgehen können, als wir denken. Wir meinen zwar mittlerweile, an die abstrakten Summen gewaltiger Staatsausgaben gewöhnt, mit Milliarden- und Millionenrechnungen selbstverständlich vertraut zu sein, aber das gehört in die Reihe der humanen Selbstüberschätzungen.“ Und übrigens: Die Menschen auf der Flucht wollen nicht alle nach Schweden oder Deutschland oder Großbritannien, keineswegs! Die meisten retten sich in ihre Nachbarländer, bleiben dort und hoffen auf baldige Rückkehr in die Heimat. Ullrich Fichtner ist Reporter des „Spiegel“ und gehört zu den renommiertesten Journalisten Deutschlands.

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Die Bildung prägt die Persönlichkeit eines Menschen

Auf formaler Ebene fasst man Bildung einerseits als ein Produkt, als die Ausprägung der Persönlichkeit eines Menschen, auf. Und andererseits beschreibt der Begriff „Bildung“ auch den Prozess, wie diese Persönlichkeitsausprägungen vermittelt werden. Markus Hengstschläger erklärt: „Auf inhaltlicher Ebene gilt es zu fragen, welche Persönlichkeitsausprägungen gesellschaftlich wünschenswert sind. Gerade die Ansichten darüber ändern sich aber mit der Zeit.“ Es gab Zeiten, in denen abrufbares Faktenwissen dabei im Vordergrund stand. Heute wird neben fachlichen Qualifikationen immer mehr auch auf soziokulturelle Kompetenzen Wert gelegt. Unter Kompetenzen versteht man in der Regel Fähigkeiten und Fertigkeiten, die es ermöglichen zu handeln, Situationen zu bewältigen, Aufgaben auszuführen und Probleme zu lösen. Was man unter „Wissen“ versteht, ist in der heutigen Zeit oft Inhalt unendlich erscheinender Diskussionen. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien.

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Die Wirklichkeit korrigiert Meinungen

Wirklichkeit ist der Umstand, dass es Gegenstände und Tatsachen gibt, über die man sich täuschen kann, weil sie nicht darin aufgehen, dass man bestimmte Meinungen über sie hat. Markus Gabriel fügt hinzu: „Wirkliches korrigiert unsere Meinungen. Aufgrund der Wirklichkeit unserer Gedanken können wir uns täuschen, aber eben auch richtigliegen. Dabei ist zu beachten, dass Wirklichkeit kein Ding oder Behälter ist, in dem sich Dinge befinden.“ Bei der Wirklichkeit handelt es sich vielmehr um eine Modalkategorie. Andere Beispiele für Modalkategorien sind Notwendigkeit, Möglichkeit, Unmöglichkeit und Kontingenz. Platon und Aristoteles haben als Erste damit begonnen, Modalkategorien aufzulisten und voneinander zu unterscheiden. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

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Das Smartphone entdinglicht die Welt

Das Smartphone ist der Hauptinfomat der Gegenwart. Byung-Chul Han erklärt: „Es macht nicht nur viele Dinge überflüssig, sondern entdinglicht die Welt, indem es sie auf Informationen reduziert. Auch das Dingliche am Smartphone tritt zurück zugunsten Informationen.“ Man nimmt es nicht eigens wahr. Dem Aussehen nach unterscheiden sich Smartphones kaum voneinander. Die Menschen blicken durch sie hindurch in die Infosphäre. Eine analoge Uhr versorgt sie zwar mit zeitbezogenen Informationen, aber sie ist kein Infomat, sondern ein Ding, ja auch ein Schmuck. Das Dingliche ist ihr zentraler Bestandteil. Die von Informationen und Infomaten beherrschte Gesellschaft ist schmucklos. Schmuck bedeutet ursprünglich prächtige Kleidung. Undinge sind nackt. Charakteristisch für die Dinge ist das Dekorative, das Ornamentale. Die Bücher des Philosophen Byung-Chul Han wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

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Computer-Logik generiert scheinbar Sicherheit

Rebekka Reinhard behauptet: „Wer die verblödete Vernunft über die Welt stülpt, sieht alles gestochen scharf.“ Sämtliche Widersprüche sind bereinigt. „Schlecht“ und „falsch“ stecken akkurat zusammengefaltet im dafür vorgesehenen Kästchen, „echt“ und „wahr“ im Kästchen gegenüber. Und das sind noch zwei für „männlich“ und „weiblich“. Alles klar. Computer-Logik macht glücklich und kennt keine Angst. Angst haben nur Leute, die sich von inneren Zuständen leiten lassen. Computer-Logik weiß, wie man Sicherheit generiert. Katastrophen sind wie Krisen: einfach irre Neuigkeiten, die zum Alltag gehören wie die neueste Dramaserie. So schlimm kann eine Kernschmelze nicht sein, wenn man Tschernobyl jetzt streamen kann. Oder? Solange sie entweder nicht mehr oder noch nicht da ist, ist Zeit für weitere Serienerlebnisse. Die Philosophin Rebekka Reinhard ist seit 2019 stellvertretende Chefredakteurin des Magazins „Hohe Luft“.

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Manchmal entsprechen die eigenen Vorstellungen nicht der Realität

Es kommt vor, dass Dinge den Vorstellungen nicht entsprechen, die Menschen sich von ihnen machen. Eine davon abweichende Realität zu akzeptieren, kann schwerfallen, auch wenn sie nicht zu leugnen ist. Wilhelm Schmid nennt ein Beispiel: „Im Privaten kann beispielsweise ein Ärger, der gemäß der Vorstellung von einer harmonischen Beziehung nicht vorkommen sollte, aus diesem Grund auch nicht bewältigt werden.“ Den verengten Blick etwas zu erweitern, sodass mehr Realität darin Platz hat, könnte Beziehungen alltagstauglicher machen. Schließlich ist eine Verengung möglich, weil Dinge den eigenen Interessen nicht entsprechen. Zwar liegt es nahe, den täglichen Strom von Informationen zügig nach dem Prinzip zu kanalisieren: „Das geht mich etwas an, jenes nicht.“ Beziehungen jeder Art sind jedoch darauf angewiesen, Informationen über die Interessen anderer an sich herankommen zu lassen. Wilhelm Schmid lebt als freier Philosoph in Berlin.

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Auch im Traum gelten logische Gesetze

In der Erkenntnistheorie gibt es den Begriff des skeptischen Arguments. Dieses soll beweisen, dass man etwas Bestimmtes nicht wissen kann. Markus Gabriel nennt ein Beispiel: „Das berühmteste skeptische Argument ist das Traumargument, das man übrigens von Ost bis West und Nord bis Süd in vielen Kulturen finden kann.“ In Europa machte es René Descartes berühmt, der es in seine „Meditationen über die erste Philosophie“ von 1641 überzeugend entkräfte. René Descartes zeigt nämlich, dass man auch dann noch viel über die Wirklichkeit wissen kann, wenn man träumt. Denn im Traum gelten immer noch logische und mathematische Gesetze. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

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Freiheit ist zunächst einmal eine Fiktion

Freiheit ist vorab nichts anderes als eine Idee, eine Fiktion, eine Unterstellung. Konrad Paul Liessmann erläutert: „Es mag nun Wesen geben, denen diese Idee gefällt und die gerne danach handeln. In diesem Moment sind sie tatsächlich frei. Es ist genau so, als ob die Freiheit ihres Willens überzeugend nachgewiesen worden wäre. Oder, sehr verkürzt, aber treffend: Wir sind genau dann frei, wenn wir so tun, als wenn wir frei wären.“ Immanuel Kants Moralphilosophie und sein Kategorischer Imperativ beruhen auf diesem „Als ob“, gründen in der Fiktion der Freiheit. Alle damit zusammenhängenden Annahmen haben dieses „Als ob“, die Fiktion zur Voraussetzung. Konrad Paul Liessmann ist Professor für Philosophie an der Universität Wien. Zudem arbeitet er als Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist. Im Zsolnay-Verlag gibt er die Reihe „Philosophicum Lech“ heraus.

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Dem Menschen ist seine Autonomie sehr wichtig

Die Freiheit wird auch heute noch immer hochgeschätzt. Immanuel Kant schrieb einst, dass man von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlich Gebrauch machen sollte. Aber um welche Freiheit geht es? Der amerikanische Informatiker und Künstler Jaron Lanier vergleicht moderne Menschen mit Wölfen. Wie kann das sein? Rebekka Reinhard antwortet: „Eigentlich ist der moderne, aus dem soliden Umfeld der Tradition gerissene Mensch doch ein unvergleichliches Individuum, eine Singularität. Dieser Mensch möchte kein skinnerisches Versuchstier sein. Autonomie ist ihm sehr wichtig.“ Die Computer-Logik dagegen übersetzt Vieldeutigkeit in Eindeutigkeit und kennt nur zwei Zustände: Entweder – Oder. So blitzschnell, dass sie wie aus Versehen ein Gleichheitszeichen zwischen „subjektiv“ und „objektiv“ setzt. Die Philosophin Rebekka Reinhard war, bis zur Einstellung der Zeitschrift, stellvertretende Chefredakteurin des Magazins „Hohe Luft“.

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Das Denken entspricht einem Feldsinn

Es gibt keine sinnlosen Gegenstände. Markus Gabriel erklärt: „Sinnlose Gegenstände wären Gegenstände, die in keinem Medium erscheinen, die in keinem Sinn Träger von Informationen wären.“ Einen Zusammenhang von Gegenständen in einem oder mehreren Medien nennt Markus Gabriel ein Sinnfeld. Wenn man so will, könnte man das menschliche Denken entsprechend als einen Feldsinn auffassen. Menschen befinden sich in Sinnfeldern und sind imstande, diese zu erkennen. Die philosophische Theorie, die sich mit der Existenz von Sinnfeldern befasst – also die von Markus Gabriel –, heißt entsprechend die Sinnfeldontologie. Dieser Theorie zufolge gibt es keine nackten Gegenstände, die isoliert vorkommen. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

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Edmund Husserl erschafft die Phänomenologie

Fast unmittelbar nach Immanuel Kant versuchen Philosophen Denken und Wirklichkeit wieder zusammenzubringen. Sei es nun durch eine „Phänomenologie des Geistes“ wie bei Hegel oder durch eine „Philosophie des Willens“ wie bei Arthur Schopenhauer. Ger Groot weiß: „Am Ende dieses Jahrhunderts gibt der Mathematiker und Philosoph Edmund Husserl dem Denken Immanuel Kants eine bedeutende Wendung. Auch Husserl geht davon aus, dass die primäre Gegebenheit unserer Erkenntnis darin besteht, dass uns die Dinge erscheinen.“ Sie sind Phänomene – daher der Name der philosophischen Schule, die er ins Leben ruft: Phänomenologie. Auf Basis dieser Feststellung geht er, ebenso wie Immanuel Kant, auf die Möglichkeitsbedingungen der Phänomene zurück. Ger Groot lehrt Kulturphilosophie und philosophische Anthropologie an der Erasmus-Universität Rotterdam. Außerdem ist er Professor für Philosophie und Literatur an der Radboud Universität Nijmegen.

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Konrad Paul Liessmann kennt die Kraft der Fiktion

Alle Formen der Höflichkeit beruhen auf einer Fiktion, auf einem „So tun als ob“. Konrad Paul Liessmann erklärt: „Wir tun so, als ob es uns interessierte, wie es einem anderen geht, wie dessen Urlaub war, was seine Kinder machen. Täten wir nicht so als ob, hätten wir einander entweder nichts oder viel zu viel zu sagen.“ Dass man so tut als ob, und dass dabei alle mitspielen, ist die Vorbedingung dafür, dass Menschen in eine produktive Interaktion treten können. Man muss einander ein wechselseitiges Interesse unterstellen, damit man seine tatsächlichen Interessen zur Sprache bringen kann. Konrad Paul Liessmann ist Professor für Philosophie an der Universität Wien. Zudem arbeitet er als Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist. Im Zsolnay-Verlag gibt er die Reihe „Philosophicum Lech“ heraus.

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Mediale Codes sind keine Verfälschungen

Heutzutage greift bei vielen Menschen eine Entfremdung von der Wirklichkeit um sich. Diese basiert auf einer verzerrten Auffassung davon, was eigentlich geschieht, wenn sie etwas wahrnehmen. Markus Gabriel erklärt: „Diese verzerrte Auffassung hält unsere Wahrnehmungen für eine Simulation, ein Kopfkino, das bestenfalls mehr oder weniger zufällig mit der Wirklichkeit in Verbindung steht. Dieser Auffassung zufolge ist Wahrnehmung also nicht etwa eine an sich wirkliche Erfassung des Wirklichen, sondern eine Illusion.“ Die Sinnesmodalitäten der Menschen sind Medien. Ein Medium ist eine Schnittstelle, die Informationen von einem Code in einen anderen überträgt. Zu den Sinnesmodalitäten gehören das Sehen, das Hören und das Verstehen. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

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Es gibt nicht nur eine Wahrheit

Eine Definition der Wahrheit ist, dass sie die möglichst hohe Übereinstimmung einer Information über einen Sachverhalt mit der Wirklichkeit, also der objektiven Realität, beschreibt. Leider begegnet der Mensch in seinem Alltag nicht nur Wahrheiten. Sondern er trifft auf eine Vielzahl von Informationen unterschiedlicher Qualität. Der Verstand des Empfängers nimmt dieses Sammelsurium von Informationen auf und bewertet sie hinsichtlich Relevanz und Wahrheitsgehalt. Ille C. Gebeshuber ergänzt: „Und hier spielt das Glauben an den Wert der Information beziehungsweise an deren Quelle eine wichtige Rolle. Die subjektive Wahrheit und somit unser ganzes Wissen ergibt sich aus Informationen, an die wir glauben.“ Die Tugend der Ehrlichkeit verliert hier an Wert, denn meist stehen die Vermittler von Informationen in einer Vertrauenskette. Ille C. Gebeshuber ist Professorin für Physik an der Technischen Universität Wien.

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Symbolisches Denken führt zu Kunstwerken

Jeder schöpferische Akt ist eine Auflehnung gegen die Wirklichkeit, die den Menschen vertraut ist. Stefan Klein erläutert: „Wer die Welt verändern will, muss imstande sein zu sehen, was nicht ist, aber sein könnte. Als unsere Vorfahren vor drei Millionen Jahren die ersten Werkzeuge herstellten, hatten sie verstanden, dass Dinge nicht zwangsläufig die Gestalt haben, in der sie uns begegnen.“ Ein Feuersteinbrocken vermag in geschickten Händen die Form eines Faustkeils anzunehmen. Doch das geschieht nur, wenn der Verwandlung eine Vorstellung des künftigen Zustandes vorausgeht. Nur mit ihrer Vorstellungskraft konnten Menschen später symbolisches Denken entwickeln und die ersten Kunstwerke schaffen. Sie sprachen Kerbhölzern, Muscheln und verzierten Steinen Bedeutungen zu. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.

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