Im Jahr 2007 waren Teenager und viele Kinder unter dreizehn Jahren damit beschäftigt, kurze Texte in ihre Handys zu tippen. Doch das Verfassen von Textnachrichten war damals noch eine mühselige Angelegenheit – drücke viermal Taste 7, um ein „s“ zu schreiben. Jonathan Haidt ergänzt: „Die Nachrichten richteten sich größtenteils nur an eine Person, und die meisten benutzten ihre primitiven Handys, um sich mit jemanden zu verabreden, den sie persönlich treffen wollten.“ Niemand hatte Lust, drei Stunden hintereinander mit dem Texten von Nachrichten zu verbringen. Nach der Großen Neuverdrahtung wurde jedoch für Heranwachsende zur Regel, einen Großteil ihrer Wachstunden mit einem Smartphone zu interagieren. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.
Gehirn
Die Angst vor dem Tod wird von den meisten Menschen verdrängt
Tatsächlich sind gerade die Panikstörungen ein Hinweis darauf, dass die Angst vor dem Tod verdrängt wird. Heinz-Peter Röhr ergänzt: „Die plötzliche Todesangst, die gerade intensiv während des Anfalls erlebt wird, kann als deutlicher ernst zu nehmender Hinweis gesehen werden.“ Der moderne Mensch hat viele Methoden zur Verfügung, sich von dieser Urangst abzulenken, die jeweils doch nie perfekt funktionieren können: Konsum, Arbeit, Alkohol, Drogen, Hobbys, Reisen et. cetera. Der Mensch mit einer Panikstörung ist sozusagen der Symptomträger einer Gesellschaft, die mit allen Mitteln versucht, die Angst vor dem Tod zu verdrängen. Aus tiefenpsychologischer Sicht ist die Wurzel für die zunehmende Aggressivität in der westlichen Kultur hier ebenfalls zu suchen. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.
Paul Goldsmith beschreibt die optimale Nutzung des Gehirns
Anhand neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse und Fallbeispiele zeigt Paul Goldsmith in seinem Buch „Die Evolution des Gehirns“, wie wir unseren uralten Denkapparat optimal nutzen können, um ein glücklicheres und gesünderes Leben auch in unserer hochkomplexen modernen Welt zu führen. Die Welt verändert sich in überwältigendem Tempo, aber die Struktur unseres Gehirns ist weitgehend unverändert geblieben. In seinem Buch untersucht Paul Goldsmith, wie sich diese Diskrepanz zwischen alter Organisation und modernem Leben auf alles auswirkt, von unseren Emotionen und Entscheidungen über unsere Beziehungen und unsere mentale Gesundheit bis hin zu unseren Gesellschaftsstrukturen. Im Prinzip dient unser Gehirn der Persistenz: In erster Linie soll es dafür sorgen, dass wir lange genug überleben, um unsere Gene weitergeben zu können. Paul Goldsmith ist Neurowissenschaftler, Neurologe und Gastprofessor am Imperial College London.
Die Angst ist die Mutter aller vermeintlich negativen Emotionen
Die Psychologin Susan David sagt: „Unwohlsein ist der Eintrittspreis für ein bedeutungsvolles Leben.“ Um diese Aussage und die dahinterstehende Biologie besser nachvollziehen zu können, lohnst sich für Maren Urner ein Blick auf die „Mutter aller vermeintlich negativen Emotionen“: die Angst. Warum haben wir Angst? Maren Urner meint nicht die Angst, dass die Frisur nicht richtig sitzt oder ob man im richtigen Moment das Falsche sagt. Sondern existenzielle Angst. Eine Angst, die zur Panik führen kann. Die einem die Kontrolle über den eigenen Körper entzieht. Evolutionsbiologisch gefragt: Warum hat sich Angst als Verhalten durchgesetzt? Das ist nur möglich, wenn ihr eine nützliche – im Sinne von überlebensförderliche – Aufgabe zukommt. Dr. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.
Nach und nach wird die Bedeutung des Gehirns erkannt
Es gibt wichtige Meilensteine auf dem Weg zu einem wissenschaftlichen Konsensus über die Bedeutung des Gehirns. So beispielsweise in den Arbeiten des englischen Anatomen William Harvey, der als erster den Blutkreislauf dokumentierte. Vor dieser Erkenntnis herrschte der Glaube, dass der Körper das Blut ständig verbraucht. Daher muss ständig neues Blut produziert werden. Jakob Pietschnig fügt hinzu: „Nun ließ sich feststellen, dass ein und dasselbe Blut ständig durch den Körper zirkuliert und von dem Herzen als Pumpe in Bewegung gehalten wird.“ Diese neue Vorstellung vom Körper hatte Auswirkungen darauf, wie man sich die Funktionsweise des Gehirns zusammenreimte. Insbesondere der französische Philosoph und Naturwissenschaftler René Descartes (1596 – 1650) war von dieser Erkenntnis beeindruckt. Jakob Pietschnig lehrt Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Wien.
Der Mensch hat sich seine eigene Umwelt geschaffen
In seinem Buch „Mensch“ plädiert Josef H. Reichholf dafür, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind, nicht wie sie sein sollen. Dann macht man sich keine falschen Hoffnungen. Die drei Kernthesen des Buches lauten: Erstens, dass es „den“ Menschen nicht gib. Zweitens, dass die Natur der Menschen wirkmächtiger ist als ihr Geist. Und drittens, dass die Gegenwart ohne die Vergangenheit nicht zu verstehen und daher die Zukunft auf längere Sicht nicht zu planen ist. Die Menschheit hat heute eine globale Verbreitung erreicht, wie keine andere vergleichbare Art von Lebewesen, von Bakterien und Viren abgesehen. Sie nimmt keine „ökologische“ Nische ein, sondern hat sich von der natürlichen Umwelt verselbstständigt, emanzipiert und sich eine eigene geschaffen. Prof. Dr. Josef H. Reichholf ist Evolutionsbiologe und war bis 2010 Leiter der Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatsammlung München und Professor für Ökologie und Naturschutz an der Technischen Universität München.
Das Nachdenken über die Zukunft steigert das Wohlbefinden
Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass die Zukunft keine ferne Zeit ist, sondern das, was die Menschen heute über sie denken, fühlen und tun. Florence Gaub ergänzt: „Studien belegen, wie viel der Mensch über die Zukunft nachdenkt – viel –, wie weit er in die Zukunft reist – nicht sehr weit – und dass dies sein Wohlbefinden steigert.“ Es gibt sogar Studien, die zeigen, dass eine Zukunft umso wahrscheinlicher wird, je mehr man sie sich vorstellt. Das ist nicht nur Pop-Psychologie: Sobald das Gehirn auf ein Ziel fixiert ist, filtert es alles andere auf dem Weg dorthin heraus. Aber am wichtigsten ist vielleicht, dass das Gehirn keinen Unterschied zwischen der täglichen Zukunft und der des Planeten macht. Dr. Florence Gaub ist Politikwissenschaftlerin, Militärstrategin und Zukunftsforscherin. Sie leitet als Direktorin den Forschungsbereich NATO Defense College in Rom.
Das Bewusstsein ist nach wie vor ein Rätsel
Zunächst einmal erscheint es offensichtlich, dass Innen- und Außensicht nicht unabhängig voneinander existieren. Fabian Scheidler weiß zum Beispiel, dass bestimmte Empfindungs-, Wahrnehmungs- und Denkvermögen verschwinden oder erheblich beeinträchtigt sind, wenn man entsprechende Teile des Nervensystems beschädigt oder zerstört. Wenn bei einem Menschen die Nerven der Hand durchtrennt sind, kann er zwar noch Phantomschmerz empfinden, aber nicht mehr die Wärme und das Gewicht einer anderen Hand auf der seinen spüren. Verletzungen bestimmter Hirnregionen wirken sich auf die Wahrnehmungs-, Sprach- und Bewegungsfähigkeiten der Betroffenen aus. Bildgebende Verfahren haben diese Erkenntnisse in den vergangenen Jahrzehnten erheblich präzisiert. Sie haben gezeigt, dass bestimmte lokalisierbare Hirnregionen für spezialisierte Funktionen unverzichtbar sind. Angeregt von diesen Untersuchungen haben viele Biologen geglaubt, es ließe sich ein anatomisch umgrenztes Substrat des Bewusstseins finden. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.
Das menschliche Gehirn ist ein Wunder
Albert Einstein sagt: „Der intuitive Verstand ist eine heilige Gabe und der rationale Verstand ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.“ Das menschliche Gehirn mit seinen fast 100 Milliarden Neuronen und 100 Billionen Verbindungen ist ein Wunder, fein abgestimmt im Laufe von Hunderten Millionen von Jahren Evolution. Gerd Gigerenzer stellt fest: „Solche Zahlen kann unser bewusster Verstand kaum fassen. Im Vergleich zur zeitgenössischen Computertechnologie sind menschliche Gehirne auch äußerst energieeffizient.“ Die wichtigste Energiequelle des Gehirns ist Glukose. Das Gehirn beansprucht wendig Raum: Es hat die Größe zweier Fäuste und lässt sich leicht umhertragen. Gerd Gigerenzer ist ein weltweit renommierter Psychologe. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.
Menschen können Erinnerungslücken schließen
Menschen erfinden sich täglich neu, indem sie – oft unabsichtlich – dann Personen, Dinge, Ereignisse oder Handlungen hinzu- oder wegnehmen, um Erinnerungslücken zu schließen. Rüdiger Maas ergänzt: „Um am Ende eine logische Geschichte von uns selbst zu erhalten. Oft sind wir und dann relativ sicher und meinen, es hätte all dies wirklich gegeben.“ Besonders intensiv sind die Erinnerungen an die Zeit zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr, also genau an das Alter, in dem die Generation Z beziehungsweise unsere jungen Nachwuchskräfte in die Arbeitswelt eintreten oder studieren. Diese Zeit wird Reminiscere Bump, zu Deutsch Erinnerungshügel, genannt. Der Hügel ermöglicht kognitiv-emotionales Wiedererleben persönlicher Ereignisse, die in dieser Zeitspanne stattgefunden haben. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer eines Instituts für Generationenforschung. Zuletzt erschien sein Bestseller „Generation lebensunfähig“.
Die Denksucht operiert nach Art eines Diktators
Wie jede Sucht operiert auch die Denksucht nach Art eines Diktators. Rebekka Reinhard erläutert: „Sie zwingt Ihr Gehirn in eine Montur der Gleichförmigkeit und programmiert es darauf, möglichst fantasielos zu denken, alles schon vorwegzunehmen, bei allem recht haben zu müssen und vor Dauerdenken halb wahnsinnig zu werden.“ Der Stoff, der überall verfügbar ist, hat krasse Begleiterscheinungen: Egoismus. Selbstgerechtigkeit. Seelische Versteifung. Betroffene hören auf, um die Ecke zu denken, zu zweifeln, zuzuhören. Sie kleben an gleichförmigen, vorhersehbaren kognitiven Abläufen – doch die Angst ist immer noch da. Und mit ihr die Unfreiheit. Das Gehirn reduziert die vielen Möglichkeiten, sich als Mensch in einer unsicheren Welt zu behaupten und das zu tun, was man eigentlich tun will, von vornherein auf zwei Alternativen. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.
Kevin Dutton beschreibt die natürliche Auslese
Kevin Dutton weiß: „Die natürliche Auslese ist nicht dumm.“ Sie wusste schon vor ein paar Hunderttausend Jahren ganz genau, dass die Gehirne der Menschen, wenn keine Vorkehrungen getroffen würden, keine Ruhe finden. Denn sie sammeln unablässig immer nuanciertere Daten zu jedwedem Problem. Dessen schwindende Überreste würden sich in zunehmend fraktale und bedeutungslose Gedankenbytes zergliedern. Stießen die Vorfahren der heutigen Menschen zufällig auf eine Schlange im Unterholz oder auf eine Spinne in der Ecke der Höhle … wie viele Beweise brauchte man dann, um sichergehen zu können, dass dieses Tier harmlos war oder auch nicht? Also musste die natürliche Auslese die Sache in die Hand nehmen. Sie musste sich der Herausforderung stellen. Was sie auch tat. Kevin Dutton ist Forschungspsychologe an der University of Oxford und Mitglied der British Psychological Society.
Das Gehirn des Menschen ruht selbst in „Pausen“ nicht
Es ist eine Tatsache, dass das menschliche Gehirn selbst in „Pausen“ nicht ruht. Im Gegenteil, gerade tagträumerische Pausen, und wenn man dabei auch manchmal nur aus dem Fenster auf den Himmel schaut, können die Quelle für kreatives Denken sein. Markus Hengstschläger weiß: „Das Gehirn schaltet sich nie aus, es schaltet eher um. Im Gehirn des Homo sapiens gibt es eine Gruppe von Regionen, bekannt als Default Mode Network – Ruhezustandsnetzwerk –, die beim Lösen von Aufgaben deaktiviert ist und erst beim Nichtstun aktiviert wird.“ Das unbeschäftigte Gehirn benutzt diese Regionen während des Tagträumens im Zuge von routinemäßigen, eher monotonen Tätigkeiten wie zum Beispiel Joggen oder Duschen. Seit einigen Jahren untersucht man wissenschaftlich die Rolle des Default Mode Network für die kreative Leistungsfähigkeit des Menschen. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien.
Die soziale Umwelt formt das menschliche Gehirn
Es gibt einen besonders starken, nachhaltigen und wissenschaftlich zweifelsfrei nachgewiesenen Einfluss auf das Gehirn. Dabei handelt es sich um das, was ein Mensch in seinem sozialen Umfeld erlebt und tut. Manche Kinder fühlen sich in ihren Familien geborgen. Denn dort bekommen sie viele Anregungen und werden sportlich und musikalisch gefördert. Dabei kommt es im Gehirn zur Aktivierung von Genen, die Wachstumsfaktoren der Nerven herstellen, die dann ihrerseits für eine gute Entwicklung des Gehirns sorgen. Joachim Bauer fügt hinzu: „Kinder, die vernachlässig wurden oder Gewalt erlebt haben, zeigen im Vergleich dazu eine bis zu dreißigprozentige Verminderung ihrer grauen Substanz.“ Dass die soziale Umwelt das menschliche Gehirn formt, ist heute alles andere als eine gewagte Außenseiterhypothese, sondern Stand der modernen Neurowissenschaften. Joachim Bauer ist Arzt, Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Bestsellerautor von Sachbüchern.
Im Gehirn finden Prozesse der Selbstorganisation statt
Das menschliche Gehirn strukturiert sich primär anhand der während der frühen Phasen der Hirnentwicklung aus dem eigenen Körper zum Gehirn weitergeleiteten Signalmuster. Gerald Hüther ergänzt: „Es sind also eigenen Körpererfahrungen, die die Organisation synaptischer Verschaltungsmuster in den älteren, tiefer liegenden Bereich lenken.“ Und die primäre Aufgabe dieser bereits vor der Geburt und während der frühen Kindheit herausgeformten Hirnbereiche ist die Integration, Koordination und Harmonisierung der im Körper ablaufenden Prozesse. Dabei geht es um die Lenkung und Steuerung motorischer Leistungen beim sich Bewegen, beim Singen, Tanzen, und später auch beim Sprechen. Erst danach werden auf der Grundlage dieses Fundaments die in der Beziehung des Kindes zur Außenwelt, insbesondere zu seinen Bezugspersonen gemachten Beziehungserfahrungen zur wichtigsten strukturierenden Kraft für die sich in den ausreifenden Hirnstrukturen herausbildenden neuronalen Verschaltungsmuster. Gerald Hüther ist Neurobiologe und Verfasser zahlreicher Sachbücher und Fachpublikationen.
Das Denken ist kostenlos
Der Intellekt wird in den Gesellschaften des Westens hoch geschätzt. Deshalb ist nicht nur der Bedarf an Gutem, sondern auch der Denkbedarf gigantisch. Rebekka Reinhard erklärt: „Riesige Mengen kognitiver Inhalte werden täglich produziert und freigesetzt. Denken ist ein globaler Markt, der keine Lieferengpässe kennt. Das Tolle am Denken ist: Es ist kostenlos.“ Jeder Mensch mit verstandes- und vernunftmäßiger Ausstattung kann so viel denken, wie er will. Man kann sich sein Gehirn vorstellen wie einen inneren Streaming-Dienst, der alle Themen, Info-Formate, Filme und Serien inkludiert – und damit nicht alle guten und schlechten Gedanken, sondern auch sämtliche positive und negative Emotionen. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.
Glauben und Faktenwissen sind nicht dasselbe
Es gibt zahlreiche Fakten und Erkenntnisse, die man sicher oder sehr sicher sagen kann, häufig aufgrund wissenschaftlichen Fortschritts. Eine Irrung besteht aber darin, das Recht auf eine eigene Meinung mit dem Recht auf eigene Fakten zu verwechseln. Maren Urner erklärt: „Sie besteht darin, dass Menschen annehmen, sie könnten „glauben“, was ihnen in den Sinn kommt. Dieser falsch verstandene Skeptizismus treibt vor allem in sogenannten alternativen Nachrichten- und Informationsquellen, in bestimmten Chatprogrammen und sozialen Netzwerken sein Unwesen.“ Dies kann man täglich live und in Farbe beobachten und entweder darüber oder daran verzweifeln. Denn während solches Geschrei in analogen Zeiten auf dem Dorfplatz verhallte, reist es im digitalen Zeitalter in Sekundenschnelle um den Erdball und auf die Bildschirme. Dr. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.
Krankmachende Vorstellungen behindern die Selbstheilungskräfte
Am Beispiel des Nocebo-Effektes lässt sich die krankmachende Wirkung krankmachender Vorstellungen am leichtesten verstehbar machen. Gerald Hüther weiß: „Der menschliche Organismus verfügt über Selbstheilungskräfte, die ihre Wirkung insbesondere über die im gesamten Organismus ausgebreiteten integrativen Systeme entfalten: das autonome Nervensystem, das Hormonsystem, das kardiovaskuläre System und das Immunsystem.“ Gesteuert und koordiniert wird deren Aktivität im Gehirn nicht von der Hirnrinde, sondern von neuronalen Netzwerken, die in entwicklungsgeschichtlich älteren und tiefer im Hirn gelegenen Bereiche lokalisiert sind. Diese Netzwerke dienen der Regulation der im Körper ablaufenden Prozesse. Sie sind nicht daran beteiligt, wenn sich ein Mensch etwas vorstellt oder ausdenkt. Deshalb gibt es diese Netzwerke auch schon bei den Krokodilen. Solange sie in ihren Aktivitäten und ihrem Zusammenwirken durch nichts gestört werden, ist alles gut. Gerald Hüther ist Neurobiologe und Verfasser zahlreicher Sachbücher und Fachpublikationen.
Das Gehirn negiert nicht zuträgliche Informationen
Jonathan Rauch stellt fest: „Wenn Ihr gesellschaftliches Ansehen und Ihre Gruppenidentität davon abhängen, dass Sie etwas glauben, dann werden Sie auch einen Weg finden, es zu glauben. Tatsächlich wird Ihnen Ihr Gehirn dabei sogar helfen, indem es Informationen, die diesem Vorhaben zuträglich sind, bereitwillig akzeptiert und sich an sie erinnert, während es nicht zuträgliche Informationen vergräbt und ignoriert.“ Das ist der Grund dafür, dass Intelligenz keinen Schutz vor falschen Überzeugungen bietet. Sie macht Menschen im Gegenteil sogar noch besser im Rationalisieren. Wie Jonathan Haidt in „The Righteous Mind“ schreibt, sind extrem kluge Menschen besser als andere dazu in der Lage, Argumente zur Untermauerung ihrer eigenen Ansichten zu finden. Jonathan Rauch studierte an der Yale University. Als Journalist schrieb der Politologe unter anderem für das National Journal, für The Economist und für The Atlantic.
Der Organismus ist auf Energiesparen getrimmt
Da der Homo sapiens in den Grundfunktionen noch wie ein Steinzeitmensch funktioniert, ist sein Organismus auf Energiesparen getrimmt. Franc Cerutti weiß: „Unser Gehirn will faul sein. Daher nutzt es bereits existierende Nervenverbindungen viel lieber, als sich energieaufwendig neue schaffen zu müssen.“ Vertrautes, gewohntes und alltägliches Denken gleicht dem Fahren auf einer vierspurigen Autobahn. Neues, unvertrautes und daher noch unverknüpftes Denken gleicht dahingegen eher der mühsamen Bahnung eines neuen Trampelpfads durch unwegsames Gelände. Das kostet Kraft. Das menschliche Gehirn vermeidet es lieber. Und genau das kann im Leben eines Menschen zu ausgewachsenen Problemen führen. Fast jeder kennt zum Beispiel diesen Konflikt: Man reagiert angsterfüllt, obwohl man weiß, dass es nichts zum Fürchten gibt. Franca Cerutti ist Psychotherapeutin mit eigener Praxis und Podcasterin.
Die Psyche und das Gehirn sind eng verbunden
Wenn man über die Psyche spricht, spricht man auch über das Gehirn. Genauer: über das gesamte Nervensystem. Franca Cerutti weiß: „Die Trennung zwischen Psyche und Körper und die Vorstellung, als sei die Psyche etwas, was den Körper „bewohnt“, ist schlicht und einfach falsch. Wir haben keinen Körper, wir sind ein Körper.“ Menschen sind Chemie und Strom, sie sind Botenstoffe und Hormone. Gleichzeitig sind sie, wie Aristoteles schon sagte, als Ganzes mehr als die Summe ihrer Teile. Menschen sind die Magie, die sich aus dem gesamten komplexen, verzahnten Geschehen ergibt. Und wie könnte dieses ganze System stets und ständig bei jedem „normal“ laufen? Das menschliche Gehirn ist wohl das komplizierteste Organ, das sich im Laufe der Evolution entwickelt hat. Franca Cerutti ist Psychotherapeutin mit eigener Praxis und Podcasterin.
John Locke kennt keine Tabus
Kategorien wie Gerechtigkeit, Treue, Schuld, Sünde, Gewissen, alles, woran sich Menschen zu orientieren pflegen, sind nur temporäre Vereinbarungen, Verhandlungssache. John Locke behauptet das nicht einfach, sondern belegt seine These mit reichem empirischem Material. Jürgen Wertheimer erläutert: „Eine Art Gehirnforschung aus dem Geist der anthropologischen Expertise, eine Ethnophilosophie ohne Tabus und Grenzen der Schicklichkeit.“ Es beginnt ein Großreinemachen im Augiasstall der Gewohnheiten, der Vorurteile und mentalen Restbestände aller Couleur. Wenn Menschen das, woran sie zu glauben gewohnt sind, für unumstößliche Wahrheiten halten, benehmen sie sich nicht anders als Kinder, die man blindem Gehorsam lehrte. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass letztlich Gott und die Welt auf dem Spiel stehen. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.
Menschliche Säuglinge sind hilflos
Das Gehirn von Menschenbabys ist bei der Geburt „unausgereift“. Es benötigt Jahre der Feinabstimmung, um zur Reife zu gelangen. Deshalb sind menschliche Säuglinge hilflos. Menschen benötigen einige Jahre, bevor sie ohne Hilfe und sicher gehen, und noch viele weitere Jahre, bis sie sich materiell selbst versorgen können. Oded Galor stellt fest: „Doch ungeachtet dieser Nachteile stellt sich die Frage, was überhaupt zur Entwicklung des menschlichen Gehirns geführt hat. Forschern zufolge könnten verschiedene Kräfte gemeinsam zu diesem Prozess beigetragen haben.“ Der „ökologischen Hypothese“ nach ist die Entwicklung des menschlichen Gehirns darauf zurückzuführen, dass der Homo sapiens bestimmten Herausforderungen durch die Umwelt ausgesetzt war. Der renommierte Ökonom Oded Galor untersucht in seinem neuen Buch „The Journey of Humanity“ die Entwicklungen die zu Wohlstand und Ungleichheit führten.
Das Gehirn besitzt 86 Milliarden Nervenzellen
Es mag naheliegen, die Vergrößerung seines Gehirns mit er Lebensweise des Menschen und seinen besonderen Fertigkeiten und Fähigkeiten zu verknüpfen. Und so ist auch vielfach ein Zusammenhang insbesondere mit der Ernährung, mit der Handfertigkeit, mit Werkzeuggebrauch, Sprache, Kultur und Kunst vermutet worden. Matthias Glaubrecht betont: „Und doch ist bislang nicht überzeugend geklärt, was wirklich das Gehirn zu einem solch besonderen Organ beim Menschen gemacht hat.“ Zugleich gehört es zweifelsohne zu den erstaunlichsten Paradoxien in der Natur, dass ausgerechnet Menschen als an sich anderweitig unspezialisierte Generalisten ein sehr spezielles Organ spazieren tragen. Da es in energetischer Hinsicht alles andere als verbrauchsneutral kam, muss das menschliche Gehirn einen hohen Auslesewert gehabt haben. Immerhin dienen in ihm heute 86 Milliarden Nervenzellen der Weiterleitung und Verarbeitung von Reizen. Matthias Glaubrecht ist Evolutionsbiologe, Systematiker und Wissenschaftshistoriker.
Der Verstand kann Großartiges leisten
„Die Akte des weißen Entdeckers“ nennt der amerikanische Anthropologe Joseph Henrich seine gesammelten Geschichten von Menschen, die sich weitab aller Zivilisation durchschlagen mussten. Meist handelte es sich dabei um europäische Schiffbrüchige. Diese strandeten in einer fremden Umgebung und mussten dort ohne Aussicht auf Rettung ausharren. Stefan Klein fügt hinzu: „Manche fanden sich allein in ihrer Notlage, andere in Gemeinschaft von Leidensgenossen. Aber jede Hilfe war fern. Jetzt hing das Überleben nur noch vom Glück ab – und von guten Einfällen.“ Das Ringen der Verschollenen zeigt, was der Verstand eines Menschen leisten kann. Vor allem, wenn er ohne jede Unterstützung und Anregung von außen eine unbekannte Situation bewältigen muss. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.