Durch die Französische Revolution konnte sich Martin Luthers Freiheit des Christenmenschen zu den Menschenrechten weiterentwickeln. Francis Fukuyama erklärt: „Diese Recht waren mit der Entscheidungsfreiheit verbunden, aber entbunden von dem religiösen Rahmen, in den sie eingebettet gewesen war. Die Auswertung des Inneren gegenüber dem Äußeren wurde später auch in eine säkulare Form gegossen, ganz besonders im Werk von Jean-Jacques Rousseau.“ Nach seiner Auffassung beginnt alles menschliche Übel damit, dass sich glückliche, solitär lebende Individuen im Naturzustand zu einer Gesellschaft zusammenfinden. Jean-Jacques Rousseau drehte die biblische Geschichte um: In ihr werden Adam und Eva einer Erbsünde für schuldig befunden, die es nun zu sühnen oder abzubüßen gilt. Er argumentiert umgekehrt, Menschen wären von Natur aus gut und würden nur zu schlechten Menschen, wenn sie in eine Gesellschaft einträten und sich miteinander zu vergleichen begännen. Francis Fukuyama ist einer der bedeutendsten politischen Theoretiker der Gegenwart.
Philosophie
Die moderne Gesellschaftskritik ist Gewohnheitskritik
Dass die Gewöhnung zur Freiheit führt, ist ihre Bestimmung im griechischen Modell der Befreiung, der Befreiung als Subjektivierung. Christoph Menke stellt fest: „Dass sie knechtend ist, ist die Erfahrung, welche die Israeliten nach ihrer Freilassung durch Pharao machten: Sie ist der Kern der Gegenerfahrung der Gewohnheit, die nach den jüdischen Erzählungen das christliche Denken und von daher die moderne Gesellschaftskritik bestimmt – denn die moderne Gesellschaftskritik ist Gewohnheitskritik.“ Im Zentrum dieser – zunächst jüdischen, dann auch christlichen – Gegenerfahrung der Gewohnheit stellt die Einsicht von Augustinus, dass „wer der Gewohnheit nicht widersteht […] in den Banden einer harten Sklaverei“ liegt: er „verfällt der Notwendigkeit“. Die Gewohnheit schreibt dem Subjekt, das sie zu ihr befreit, eine Notwendigkeit ein, die es nicht zu brechen vermag – denn sie ist dasselbe wie seine Freiheit. Christoph Menke ist Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
Ein gutes Leben verlangt Gestaltungslust
Menschen erfinden Technologien – und Technologien erfinden Menschen. Rebekka Reinhard nennt Beispiele: „Die Einführung der Waschmaschine hat eine Spezies hervorgebracht, die glaubt, jeden Tag frisch gewaschene Jeans tragen zu müssen. Die Einführung des Computers hat Individuen hervorgebracht, die lieber mit cleanen Zahlen und coolen Tabellen operieren, als sich mit der Materialität der Welt selbst zu befassen.“ Wem die minimalistische Ästhetik und die hohe Rechenkompetenz von Apple-Geräten als paradigmatischer Hygienestandard gelten, für den müssen Absurditäten das Letzte sein. Aber was, wenn alle Screens schwarz werden? Wenn das Unerwartete, Unbegreifliche, Entsetzliche alle dogmatischen Gewissheiten beschmutzt und in den Abgrund zerrt? Dann zeigt sich, was vom guten Leben bleibt. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.
Jedes Leben besitzt eine unantastbare Würde
Jeder Mensch hat Angst. Es ist normal, Angst vor Gewalt, Krieg, Armut, Einsamkeit und Tod zu haben. Rebekka Reinhard betont: „Weniger normal sollte es sein, Angst vor den anderen zu haben, die genauso fehleranfällig und liebesbedürftig sind wie man selbst.“ Eine menschliche Gesellschaft besteht aus Individuen unterschiedlichster Haar-, Haut-, Augenfarben und Gewichtsklassen mit oft sehr widersprüchlichen Ideen und Meinungen. Jeder Mensch ist einzigartig, jedes Leben besitzt eine unantastbare Würde, inklusive das „randständigste“. Eine Gesellschaft, deren Mitglieder die Basics der Humanität vor lauter Rauschen, in dem so viel Ideologie, Angst und Panik stecken, vergessen und nach und nach verlernen, jenseits aller Unterschiede und Widersprüche im Alltag konkret und unideologisch miteinander umzugehen, verlieren ihr Herz. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.
Die besten Stunden des Tages sind am Morgen
Gute Momente fließen ineinander über. Und Shunmyo Masuno sagt es noch einmal: „Der Schlüssel zur bestmöglichen Nutzung aller Stunden des Tages ist Morgen.“ Er glaubt, dass diese Regel der Wertschätzung des Morgens für diejenigen besonders relevant ist, die kurz vor dem Ruhestand stehen oder welche die Pensionierung bereits hinter sich haben. Der Ruhestand ist ein entscheidender Einschnitt im Leben, ein Wendepunkt in der Art und Weise, wie man seine Tage verbringt. Jetzt ist es besonders wichtig, seine Zeit gut zu nutzen, damit unser Umgang mit ihr nicht zu Problemen führt. Wenn Sie sich früher immer nur in Ihre Arbeit gestürzt haben, kommt es leicht dazu, dass Sie jetzt den Antrieb verlieren und Ihr Geist erlahmt. Shunmyo Masuno ist ein japanischer Zen-Mönch, preisgekrönter Zen-Garten-Designer sowie Professor für Umweltdesign an der Tama Art University in Tokyo.
Daniel Schreiber befällt eine umfassende Desillusionierung
Daniel Schreiber erklärt: „In den vergangenen Monaten hatte sich immer häufiger eine Einsicht eingestellt, die ich fast körperlich spürte, eine Einsicht, die ich versuchte von mir fernzuhalten, obwohl mir das nur selten gelang. Sie gehörte zu jenen Dingen in meinem Leben, von denen ich eigentlich so wenig wie möglich wissen wollte.“ Auch jetzt wehrte sich Daniel Schreiber dagegen. Am besten ließ sich diese Einsicht als umfassende Desillusionierung beschreiben. Er fühlte sich in der Gesellschaft, in der er lebte, immer weniger zuhause. Die Nachrichtenlage ließ Daniel Schreiber jeden Tag von Neuem bestürzt zurück, fassungslos und traurig. Ihm war die Fähigkeit abhandengekommen, die Welt zu lieben. Und er wusste nicht, wie er den damit eingehenden Gefühlen von Ohnmacht und Lähmung begegnen konnte. Daniel Schreiber ist Schriftsteller. Mit seinen Texten hat er eine neue Form des literarischen Essays geprägt.
Wahrheit ist nicht allein ein philosophisches Thema
Keine Frage, die Philosophie hat ein besonderes Verhältnis zur Wahrheit. Nicht dass Wahrheit allein ein philosophisches Thema wäre. Im Gegenteil: Die Wahrheit und vor allem das, was sie mit den Menschen macht, geht über die Philosophie hinaus. Peter Trawny betont: „Dennoch hat die Philosophie sozusagen – immerhin – ein angeborenes Vorrecht, zu untersuchen, zu erklären, was Wahrheit ist. Denn wo sonst, wenn nicht in der Philosophie, wird gefragt, was Wahrheit sei?“ Ob sie dabei erfolgreich ist und was Erfolg an dieser Stelle heißen kann, sind andere Fragen. Dass also Philosophen immer wieder vor die Frage jenes römischen Statthalters in Jerusalem – „Was ist Wahrheit?“ – gestellt worden sind, gehört zu ihrem Beruf. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.
Die Aufmerksamkeit stiftet eine Verbindung zwischen uns und der Welt
Das Titelthema des neuen Philosophie Magazins 05/2026 lautet: „Aufmerksam sein. Wie wir uns mit der Welt verbinden.“ Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler schreibt in ihrem Editorial: „Wer mit der Welt wahrhaft in Kontakt steht, richtet die eigenen Sinne auf das, was jetzt und hier geschieht; tritt ein in Wechselspiel von aktiver Wahrnehmung und passiver Verführung durch dieses oder jenes Detail; öffnet sich für unverhoffte Schönheit.“ An unseren Aufmerksamkeitsmustern lässt sich ablesen, wer wir sind und welche Ausschnitte der Welt wir wahrnehmen. In ihnen zeigt sich erstens, was für uns als Gattungswesen von Bedeutung ist. Zweitens zeigen sich in ihnen die Werte und Vorstellungen unserer Kultur. Drittens offenbart sich in den Aufmerksamkeitsmustern des Einzelnen auch etwas Individuelles und Unvorhergesehenes. Vor allem aber stiftet unsere Aufmerksamkeit eine Verbindung zwischen uns und der Welt. Denn wir richten unsere Aufmerksamkeit auf Aspekte, die uns wichtig sind, und öffnen uns zugleich für das, was uns entgegenkommt, uns berührt und bewegt.
Fortschritt scheint mit Glück und Lebensqualität verbunden zu sein
Der Psychologe Steven Pinker schreibt: „Glück ist besser als Leid. Gelegenheiten, Familie, Freunde, Kultur und Natur zu genießen, sind besser als Schufterei und Monotonie.“ Gebe es von all diesen Errungenschaften mehr, also mehr Wissen, Glück und Lebensqualität, dann sei das Fortschritt. Petra Pinzler hat daran ihre Zweifel: „Klingt überzeugend. Nur, so recht der Mann mit seiner Aufzählung hat, so geschickt umschifft er doch die Untiefen und drückt sich vor den entscheidenden Fragen: Wie müssen die Menschen mit der Welt umgehen, damit diese Ziele noch erreicht werden können? Welche Bedingungen müssen geschaffen werden, damit sie auch dauerhaft existieren? Und wie will man das Ganze eigentlich messen, um Erfolge oder Misserfolge zu dokumentieren?“ Petra Pinzler arbeitet als Hauptstadtkorrespondentin der Wochenzeitung „Die Zeit“. Sie schreibt zudem Bücher über Wirtschaft, Umwelt und Klimaschutz.
Gute Freude sollten widersprechen
Ward Farnsworth fasst die sokratische Methode in aller Kürze zusammen. „Wenn jemand eine Behauptung dazu aufstellt, was richtig und falsch oder gut oder schlecht ist, so hinterfrage sie. Frage, was dein Gesprächspartner mit der Aussage meint, erkundige dich nach anderen Überlegungen, die dein Gegenüber hegt, und suche nach Widersprüchen und Spannungen zwischen diesen Äußerungen. Mache durch deine Fragen deutlich, dass die Behauptung für denjenigen, der sie aufgestellt hat, zumindest stellenweise unbefriedigend gewesen sein muss.“ Tatsächlich widerspricht du deinem Gesprächspartner jedoch so geschickt, dass nicht der Eindruck eines Streits entsteht. Dein Gegenüber wird seine Behauptung anpassen, und auch die neue Äußerung wird von dir hinterfragt. Ward Farnsworth war Dekan an der University of Texas School of Law und ist dort am John-Jeffers-Forschungslehrstuhl tätig.
Die Anfänge der Philosophie entwickeln sich in Griechenland
Freiheit und Gleichheit bedingen sich gegenseitig. Volker Gerhardt erläutert: „Erst im Bewusstsein der Gleichbehandlung durch das Gesetz, auf das jeder entweder so oder anders reagieren kann, kommt die Freiheit der eigenen Entscheidung eines politisch eingebundenen Einzelnen zu Bewusstsein.“ Herodot, so viel ist sicher, nimmt die Anfänge der Philosophie in Griechenland aufmerksam wahr und ist auch mit dem Abstraktionsgewinn der ionischen Denker vertraut. Xenophanes, Heraklit und Anaxagoras führen vor Augen, wie sicher sie bereits mit Begriffen wie Gott, Natur, Mensch und Geist umzugehen verstehen. Sie denken die Individualität der Dinge und Menschen als zugehörige Momente der Universalität des Kosmos und können somit auch die Freiheit der Einzelnen mit dem allgemeinen Gesetz des Staates zusammendenken. Volker Gerhardt lehrte bis 2012 als Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin. Dort ist er auch weiterhin als Seniorprofessor tätig.
Jean-Jacques Rousseau war schon zu Lebzeiten ein Mythos
Jean-Jacques Rousseau schreibt in seinen „Träumereien“: Ich unternehme dasselbe, was Montaigne unternahm, aber mit einem ganz entgegengesetzten Zweck, denn er schrieb seine „Essais“ nur für andere, und ich schreibe meine Träume nur für mich.“ Rousseau schrieb dies im Jahr 1776, zwei Jahre vor seinem Tod. Rüdiger Safranski weiß: „Er musste vorsichtig sein, denn noch immer galt formell der Haftbefehl von 1762. Damals ergangen wegen des Erziehungsromans „Emile“ und der Abhandlung über den „Gesellschaftsvertrag“. Rousseau hatte es inzwischen aufgegeben, sich direkt an die Öffentlichkeit zu wenden.“ Zu diesem Zeitpunkt war Jean-Jacques Rousseau der berühmteste und meistgelesene Schriftsteller Europas. Seine Lebensgeschichte war bereits zum Mythos geworden. Rüdiger Safranski arbeitet seit 1986 als freier Autor. Sein Werk wurde in 26 Sprachen übersetzt und mit vielen Preisen ausgezeichnet.
Die Zukunft braucht den Menschen nicht
Rebekka Reinhard schreibt: „Niemand weiß, was kommt. Die Zukunft braucht den Menschen nicht. Aber der Mensch braucht die Zukunft. Ohne sie kann er nicht leben, auch wenn er vielleicht zu dumpf, zu schwach, zu verletzlich für sie ist.“ Dann braucht er sie erst recht, weil nur so die Chance so immer neuen Einkehr- und Umkehrmomenten besten, die ihn bestenfalls klüger und humaner machen. Wir stehen nicht am Ende der Zeiten, sondern immer an einem Anfang. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ – ein guter Zeitpunkt, um diesen Satz des Sokrates aus der Mottenkiste zu holen. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.
Verantwortung ist nicht mit Gleichgültigkeit vereinbar
Verantwortung bedeutet, nicht gleichgültig sein zu wollen und sich dem zu widmen, was zu tun ist. Aus einer Position heraus, die viele Menschen eint: die der Menschlichkeit. Aber was heißt das ganz konkret? Ina Schmidt erläutert: „Der australische Philosoph Peter Singer beschreibt in einem seiner Aufsätze ein Gedankenexperiment, das er „Das Kind im Teich“ nennt. Drohe vor unseren Augen ein Kind in einem Teich zu ertrinken, so könnten wir gar nicht anders, als ihm zu helfen. Es gäbe keinen Zweifel daran, dass dies die richtige Tat wäre.“ Selbst wenn noch andere Menschen am Ufer wären oder man nicht schwimmen könnte, würde man sich aufgerufen fühlen, für Hilfe zu sorgen. Ina Schmidt ist Philosophin und Publizistin. Sie promovierte 2004 und gründete 2005 die „denkraeume“. Seitdem bietet sie Seminare, Vorträge und Gespräche zur Philosophie als eine Form der Lebenspraxis an.
Jürgen Habermas glaubte vor allem an die Kraft der Vernunft
Die neue Sonderausgabe des Philosophie Magazins trägt die Titel: „Habermas. Sein Leben. Sein Denken. Sein Erbe.“ Jürgen Habermas hatte zuerst die Bundesrepublik und später das wiedervereinigte Deutschland stets aufmerksam im Blick – mit seinen Schattenseiten, seinen Hoffnungen, seinen Zeitenwenden. Zeitlebens trieb ihn die Sorge um, dass Gesellschaften, besonders die deutsche, erneut dem Nationalismus verfallen könnten. Chefredakteurin Jana Glaese schreibt in ihrem Editorial: „Er war der Denker des „Nie wieder“. Er wandte sich gegen die geistige Enge der jungen Bonner Republik und gegen den Versuch, das singuläre Verbrechen der Shoa kleinzureden. Er warb für eine geeintes Europa, eine Welt mit geteilten Werten und Normen – und vor allem für die Kraft der Vernunft.“ Jürgen Habermas glaube an die Anstrengung des Arguments und daran, dass Gesellschaften sich mittels der Diskussion auf gemeinsame Prinzipien einigen können.
Technik ist eine Grundstruktur unserer Gesellschaften
Ein technisches Zeitalter ist nicht bloß durch den äußerlich sichtbaren Umstand gekennzeichnet, dass Menschen viele technologische Gegenstände benutzen. Christian Uhle betont: „Vielmehr prägt Technik auch die Weise, durch das Leben zu gehen und soziale Beziehungen zu gestalten.“ In der phänomenologischen Philosophie wurde das besonders herausgearbeitet. Hier wurde immer wieder die grundsätzliche Frage gestellt: Was ist Technik? Technik ist nicht nur etwas, das ich sehen kann. Technik ist eine innere Einstellung, eine Grundhaltung gegenüber der eigenen Welt, die darauf abzielt, Dinge unter Kontrolle zu bringen, sie sich anzueignen und nach den eigenen Vorstellungen zu formen. Technik ist eine Grundstruktur unserer Gesellschaften. Diese Struktur hat große Parallelen zu dem, was der Philosoph und Psychoanalytiker Erich Fromm als „das Haben“ bezeichnet hat. Der Philosoph Christian Uhle hat als Wissenschaftler zu gesellschaftlichen und technologischen Transformationen geforscht.
Im 18. Jahrhundert verwandelten sich Todsünden zu Tugenden
Nachdem die Laster alias Todsünden über Jahrhunderte hinweg als Feinde des guten Lebens bekämpft wurden, entdeckte man im 18. Jahrhundert ihren Nutzen für die Allgemeinheit. Annette Kehnel erklärt: „Im Grunde fand hier der bedeutendste Paradigmenwechsel im Wissenssystem des Westens statt: Aus Lastern wurden Tugenden.“ Auch in der Antike und im Mittelalter wurden die Vorteile einzelner Laster diskutiert, doch im 18. Jahrhundert schlug die Stimmung um. Kaum jemand hat diesen Umschwung so prägnant zum Ausdruck gebracht wie Bernard Mandeville (1670 bis 1733) in seiner berühmt gewordenen „Bienenfabel“. Mandeville hatte Medizin und Philosophie in Leuven studiert und war in jungen Jahre nach England ausgewandert, wo er als Arzt arbeitete und seine staatsphilosophischen Studien vorantrieb. Annette Kehnel ist Inhaberin des Lehrstuhls für Mittelterliche Geschichte an der Universität Mannheim.
Viele Menschen sehen Deutschland am Abgrund stehen
Nichts geht mehr auf der Schiene, auch nicht im ganzen Land, weil die Straßen löchrig sind, die Brücken brüchig und die Verwaltung ineffizient. Dirk Steffens ergänzt: „Die Schulden wachsen, die Wirtschaft lahmt, die Politik dreht frei, in den Schulen fehlt Klopapier, Welt und Land stehen am Abgrund. So empfinden es derzeit viele Menschen.“ Ein Schnauze-voll-Gefühl schreit nach Reformen, die, statt schonend mit chirurgischen Besteck, radikal mit der Kettensäge herausschneiden, was uns lähmt. Ganz offensichtlich fragen sich viele Menschen quer durch alle Parteien gerade, was in unserem schönen Vorzeigeland passiert ist, warum gefühlt nichts mehr klappt. „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Wenn die Hoffnung schwindet, taucht ständig dieses leidige Zitat von Heinrich Heine auf in Gesprächen auf. Dirk Steffens ist einer der bekanntesten und renommiertesten Wissenschaftsjournalisten Deutschlands, spezialisiert auf Umwelt- und Naturthemen.
Krisen erscheinen als Störung oder als Zusammenbruch
Konrad Paul Liessmann erklärt: „Im ökonomischen, politischen und sozialen Bereich stellen Krisen die kurzfristige Störung oder den Zusammenbruch bisher funktionierender Ordnungen dar, aus denen nach einer mitunter chaotischen Phase eine neue, im Idealfall stabilere Ordnung entsteht.“ In der Nachfolge einer marxistisch inspirierten Geschichtsphilosophie war dies eine gängige Lesart der Krise. Bei Antonio Gramsci heißt es: „Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: In diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen.“ Im Gegensatz zu Hippokrates bedingt in dieser Deutung nicht die Krankheit die Krise, sondern die Krise führt zu einer Phase der Unsicherheit. Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.
Das vernünftige Ich bestimmt zunächst den Kreis seiner inneren Freiheit
Helmut Lethen schreibt: „Das Schicksal der „stoischen Gangarten“ ist auch die Erzählung einer Enttäuschung. Wenn mich die Architektur des staatlichen Apparats der Gewalt, des „Leviathan“ in rechter und linker Theorie früher fasziniert hat, so überlasse ich das große Tier jetzt der Gleichgültigkeit der Natur.“ Wenn sich bei diesem Gang hin und wieder Züge der Depression einstellen, rührt das vom Verlust der Fähigkeit, Verzweiflung in Melancholie – Lieblingsstimmung meiner Generation –, Erschöpfung in Zorn und Selbstzweifel – Schwundstufe der Empörung – zu verwandeln. Zufällige Ereignisse könnten die Wende des Denkens zur Schwermut hin verursacht haben. Friedrich Nietzsche schrieb einst: „Entwickelung will nicht Glück, sondern Entwickelung und weiter nichts.“ Helmut Lethen lehrte von 1977 bis 1996 an der Universität Utrecht, anschließend übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock.
Die Zukunft ist heutzutage völlig unvorhersehbar
Was ist die Zukunft? Auf den ersten Blick erscheint die Antwort auf diese Frage einfach. Florence Gaub erklärt: „Die Zukunft ist etwas, was noch nicht da ist, was jeder Einzelne von uns hat, und wenn man dem Mainstream Glauben schenkt, ist sie heutzutage völlig unvorhersehbar.“ Doch bei genauerem Hinsehen ist die Zukunft alles andere als einfach: Wir alle können sie uns zwar vorstellen, aber manche können es besser als andere. Für manche liegt sie räumlich vor uns, für andere dagegen hinter uns, weil man sie nicht sehen kann. Für die einen ist sie der Stoff, aus dem Filme und Serien sind, für die anderen ist sie die Zeit, an die sie nie denken wollen. Dr. Florence Gaub ist Politikwissenschaftlerin, Militärstrategin und Zukunftsforscherin. Sie leitet als Direktorin den Forschungsbereich am NATO Defense College in Rom.
Eros ist der Gott der Liebe und der Freundschaft
Albert Kitzler schreibt: „Nach Zenon von Kition, dem Begründer der stoischen Lehre, bewirkt Eros, der Gott der Liebe und der Freundschaft, das gedeihliche Zusammenleben der Menschen und den Erhalt der Städte, indem er für Eintracht sorgt.“ Es ist der Gott Eros, berichtet Platon, „der da schafft Frieden und den Menschen und reglose Glätte dem Meere, zauberisch Schweigen in Stürmen und leidlos ruhigen Schlummer. Er befreit uns von der Fremdheit; macht uns reich an Vertrautheit.“ Wir haben gesehen, dass das stärkste Bedürfnis des Menschen auf seine emotionale Verbundenheit mit anderen Menschen gerichtet ist, die von Wärme, Wohlgefühl, Geborgenheit und Sicherheit geprägt ist. Der Philosoph und Medienanwalt Dr. Albert Kitzler gründete 2010 „Maß und Mitte – Schule für antike Lebensweisheit und eröffnete ein Haus der Weisheit in Reit im Winkl.
Die erste Form der Freiheit ist die Souveränität
Die deutsche Philosophin Edith Stein brachte während des Ersten Weltkriegs ihren eigenen Körper ein. Timothy Snyder erklärt: „Als Doktorandin ließ sie sich beurlauben, um sich freiwillig als Krankenschwester zu melden. Als sie wieder zu ihrer Doktorarbeit zurückkehrte, bestimmte die Erfahrung mit den Verwundeten ihre Abhandlung für die Einfühlung.“ „Ist nicht“, so fragte sie, „die Vermittlung des Leibes notwendig, um uns der Existenz eines anderen zu versichern.“ Statt vom „Körper“ sprach Edith Stein vom „Leib“. Die erste Form der Freiheit ist, wie Timothy Snyder zeigen möchte, die Souveränität. Eine souveräne Person kennt sich und die Welt in ausreichendem Maße, um Urteile über Werte abzugeben und diese Urteile verwirklichen zu können. Timothy Snyder ist Professor für Geschichte an der Yale University und Permanent Follow am Institut für die Wissenschaft vom Menschen in Wien.
Zum ersten Mal sind heute die globalen Lebensgrundlagen bedroht
Das Buch „Aufbruch“ von Stefan Klein nimmt den Widerstand gegen Veränderung ernst. Es betrachtet ihn weniger als eine Folge besonderer Umstände, sondern vielmehr unserer zutiefst widersprüchlichen Natur. Stefan Klein ergänzt: „Einerseits ist Neugier einer der stärksten Antriebe des Menschen, andererseits lehnen wir Neues instinktiv ab. Einerseits sehen wir uns nach einem besseren Leben, andererseits wollen wir unsere private Welt bewahren.“ Es ist keine Besonderheit unserer Zeit, dass Menschen keine Veränderung wollen. Auch frühere Generationen standen Neuem ablehnend, allenfalls zwiespältig gegenüber. Doch zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sind die globalen Lebensgrundlagen bedroht. Die Frage, wie viel Veränderung uns angenehm wäre, stellt sich nicht mehr. Sie kommt so oder so. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.
Hoffnung ist manchmal mit Risiken verbunden
Gerade wenn man sich fragt, ob es möglich ist zu hoffen, darf man nicht von falschen Voraussetzungen oder frommen Illusionen ausgehen, sondern muss klar sehen, wo wir stehen und was auf uns zukommt, in welcher Welt man auf diese Hoffnung zurückgreifen wird. Ist Hoffnung deswegen unmöglich? Philipp Blom schreibt: „Sagen wir es so: Wenn du dich auf die Suche nach einer klugen Form der Hoffnung begeben willst, einer Möglichkeit einer solchen Hoffnung, wird es wichtig sein zu verstehen, wo du stehst, und zu erkennen, dass Hoffnung auch bedeutet, Risiken einzugehen, und dass diese Risiken verwundbar machen.“ Zu diesen Risiken gehört, dass man im Voraus nicht wissen kann, ob sich der Einsatz lohnen wird und ob die Hoffnung nicht zertrampelt oder bis zur Unkenntlichkeit entstellt wird. Philipp Blom studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford. Er lebt als Schriftsteller und Historiker in Wien.