Menschen sind von Natur aus gut

Durch die Französische Revolution konnte sich Martin Luthers Freiheit des Christenmenschen zu den Menschenrechten weiterentwickeln. Francis Fukuyama erklärt: „Diese Recht waren mit der Entscheidungsfreiheit verbunden, aber entbunden von dem religiösen Rahmen, in den sie eingebettet gewesen war. Die Auswertung des Inneren gegenüber dem Äußeren wurde später auch in eine säkulare Form gegossen, ganz besonders im Werk von Jean-Jacques Rousseau.“ Nach seiner Auffassung beginnt alles menschliche Übel damit, dass sich glückliche, solitär lebende Individuen im Naturzustand zu einer Gesellschaft zusammenfinden. Jean-Jacques Rousseau drehte die biblische Geschichte um: In ihr werden Adam und Eva einer Erbsünde für schuldig befunden, die es nun zu sühnen oder abzubüßen gilt. Er argumentiert umgekehrt, Menschen wären von Natur aus gut und würden nur zu schlechten Menschen, wenn sie in eine Gesellschaft einträten und sich miteinander zu vergleichen begännen. Francis Fukuyama ist einer der bedeutendsten politischen Theoretiker der Gegenwart.

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Die Zukunft muss den Göttern entwendet werden

Die Philosophin Hannah Arendt verortet die Idee, dass es so etwas wie dauerhaften Fortschritt geben könnte, erst so etwa ab dem 17. Jahrhundert. Petra Pinzler erklärt: „Damals wird nach und nach das zyklische Zeitverständnis des Mittelalters durch ein lineares abgelöst. Dazu man die Zeit allerdings zu einem Kontinuum werden, darf nicht mit immer neuen Herrschern immer wieder neu anfangen, an Sommertagen länger sein als an Wintertagen und in verschiedenen Königreichen unterschiedlich gemessen werden.“ Die Zukunft muss den Göttern entwendet und damit zu etwas werden, das sich nicht nur durch Säen, Ernten, Einlagern und Erntedank beeinflussen lässt. Sondern auch durch Genialität und Mut, Wettbewerb und Kooperation, durch die Fähigkeit andere zu überzeugen oder zu organisieren. Durch Unternehmertum und politisches Talent. Petra Pinzler arbeitet als Hauptstadtkorrespondentin der Wochenzeitung „Die Zeit“. Sie schreibt zudem Bücher über Wirtschaft, Umwelt und Klimaschutz.

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Der Liberalismus erweist sich als Stehaufmännchen

Der Liberalismus scheint zu einem Stehaufmännchen der Geschichte zu werden. Nachdem er nach dem durch Imperialismus ausgelösten Ersten Weltkrieg wiederkam, und nach dem durch Faschismus ausgelösten Zweiten Weltkrieg wieder auferstand, überlebte er schließlich auch noch den Kommunismus. Markus Hengstschläger ergänzt: „Diese Stehaufmännchenqualität steht gerade aktuell wieder auf dem Prüfstand. Man denkt dabei erst gar nicht an das autoritär von der kommunistischen Partei regierte China, das viele Chinesen als Demokratie, allerdings nicht im liberalen Sinn, ansehen.“ Man denkt vielleicht an die aktuellen Entwicklungen in der „gelenkten Demokratie“ Russlands. Die liberale Demokratie steht mächtig unter Druck durch Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei oder durch Viktor Orbán in Ungarn. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien.

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Die Entfaltung des Selbst ist ein erfüllendes Erlebnis

Michaela Brohm-Badry schreibt: „Die Überbrückung der Einsamkeit, die Verbundenheit mit einzelnen Menschen oder auch großen Gruppen ist, was tiefe menschliche Beziehungen ausmacht. Bezüglich aller drei Grundbedürfnisse, also dem nach Autonomie, Kompetenzerleben und Verbundenheit, können wir festhalten, dass, wenn diese befriedigt werden, die Energie, sich zu entfalten, wächst.“ Aus philosophischer Sicht geht es dabei um eine selbstbestimmtes Leben. Die Entfaltung des Selbst ist ein erfüllendes Erlebnis. Menschen wollen wachsen. Nun stellt sich aber dann die Frage, wohin? In welche Richtung? Auf der Grundlage der humanistischen Philosophie und Psychologie sowie der Motivationspsychologie kommen wir zu ähnlichen Lebenszielen, die es lohnt, anzusteuern. Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Lernforschung. Sie war langjährige Dekanin des Fachbereichs Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Philosophie und Psychologie an der Universität Trier.

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Eine erzwungene Europäische Union kann leicht zerfallen

Einheit und Vielfalt sind Europas Yin und Yang, seine These und Antithese, die stetig auf der Suche nach ihrer schwer fassbaren Synthese sind. Timothy Garton Ash erklärt: „Drängt man zu sehr auf Einheit, beginnt die erzwungen Union zu zerfallen. Drängt man zu sehr auf Vielfalt, bekämpfen sich die Europäer am Ende gegenseitig.“ Irgendwann marschiert dann jemand ein, um das innere Chaos zu beseitigen. Das Heilige Römische Reich hielt sich gerade deshalb so lange, weil es eine tiefe, einigende Mystik mit dem kombinierte, was der Historiker Peter Wilson einen Rahmen nennt, „der lokale und besondere Freiheiten bewahrt und […] Vielfalt, Autonomie und Unterschiede respektiert“. Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University.

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Der Neoliberalismus bedrohte die liberale Demokratie

Francis Fukuyama schreibt: „Die individuelle Autonomie wurde von den liberalen Rechten auf die Spitze getrieben, die dabei allerdings vor allem die wirtschaftliche Freiheit im Auge hatte. Sie wurde aber auch von den liberalen Linken extrem überhöht, die eine ganz andere Art von Autonomie anstrebt, bei der die individuelle Selbstverwirklichung im Mittelpunkt stand.“ Während der Neoliberalismus die liberale Demokratie bedrohte, indem er übermäßige Ungleichheit und finanzielle Instabilität verursachte, entwickelte sich der linke Liberalismus zu einer modernen Identitätspolitik, die durch einige ihrer Ausprägungen allmählich die Prämissen des Liberalismus selbst unterminierte. Das Konzept der Autonomie beziehungsweise der Selbstbestimmtheit wurde auf eine Weise verabsolutiert, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdete. Und in ihrem Dienst machten sich progressive Aktivisten daran, sozialen Druck auszuüben und die Macht es Staates auszunutzen, um Stimmen zum Schweigen zu bringen, die ihnen und ihrer Agenda kritisch gegenüberstanden. Francis Fukuyama ist einer der bedeutendsten politischen Theoretiker der Gegenwart.

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Viele Individuen wollen autonom sein

Die meisten Menschen wollen auch weiterhin viele ihrer Beziehungen nicht auf die gemessenen Koordinaten ihrer Empfindungen stützen. Wilhelm Schmid betont: „Keine Digitalisierung hebt den Wert analoger Erfahrungen auf. Seelische Heimat ist die Geborgenheit in der vertrauten Konstellation einer fühlbaren Landschaft. Heimatgefühle finden sich vor allem dort, wo Wärme erfahrbar ist.“ Kälte dagegen befremdet. In den 1920er Jahren erweisen sich die Ansprüche moderner Individuen auf Autonomie als eisenhart, wenn sie in der Realität aufeinandertreffen. Je häufiger Beziehungen daran zerbrechen, desto größer werden die Hoffnungen auf eine Seelenheimat, die bei Anderen zu finden wäre. Wenn man aber eine solche Heimat erhofft, dann wäre es eine gute Idee, erst einmal selbst die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Wilhelm Schmid lebt als freier Philosoph in Berlin.

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Freiheit kann ein Irrglaube sein

Laut Isaiah Berlin fühlt ein Mensch sich eben in dem Maße frei, in dem er glaubt, er sei seiner selbst bewusst, kontrolliere den eigenen Willen und sein handlungsfähig. Katia Henriette Backhaus erklärt: „Berlins These nach handelt es sich bei diesen Annahmen um einen Irrglauben. Freiheit wird nur vorgetäuscht. Weil Selbstbestimmung im Endeffekt nichts anderes ist als nur wieder eine Form der Herrschaft über das Selbst ist.“ Das dominierende Selbst, welches das Moment im Inneren beherrscht, ist für Isaiah Berlin das zentrale Problem. Es setzt eine Spaltung der Persönlichkeit in einen transzendenten, dominierenden Kontrolleur einerseits und das empirische Bündel von Wünschen und Leidenschaften andererseits voraus. Katia Henriette Backhaus hat an der Universität Frankfurt am Main promoviert. Sie lebt in Bremen und arbeitet als Journalistin.

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Alles könnte auch anders sein

Nichts, buchstäblich nichts, ist mit absoluter Notwendigkeit so, wie es gerade ist. Daraus lässt sich ableiten, dass alles auch anders sein könnte. Armin Nassehi erklärt: „Der Fachbegriff dafür ist Kontingenz. Er meint: nichts ist notwendigerweise so, wie es ist, aber eben auch nichts ist zufällig so, wie es ist.“ Das sozialwissenschaftliche Denken beginnt also mit einer doppelten Erfahrung. Einerseits weiß man am besten von allen, wie arbiträr, bisweilen sogar fragil, in jedem Fall aber historisch relativ und damit konstruiert das Meiste ist. Andererseits weiß man mit am genauesten, wie wirkmächtig gesellschaftliche Muster sind und wie stark das menschliche Verhalten strukturiert ist. Das individuelle Verhalten wie auch der Zustand sozialer Aggregate sind sehr berechenbar. Armin Nassehi ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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Autonomie beruht auf Grundfreiheiten

Der Schutz politischer Freiheit verlangt nicht bloß die Gewährung des Rechts zu wählen, ein Amt zu bekleiden oder als Geschworener zu fungieren. Dazu gehören auch Vereinigungsfreiheit und freie Meinungsäußerung, die politische Partizipation erst möglich machen. Danielle Allen erklärt: „Letztere Rechte bilden natürlich auch eine wertvolle Grundlage für die Äußerungen von privater und nicht bloß von öffentlicher Autonomie.“ Die Dynamik des Sozialen und Ökonomischen darf dabei die gleichen Grundfreiheiten, einschließlich der politischen Freiheiten, nicht untergraben. In Bezug auf diesen Punkt setzt sich Danielle Allen ganz entschieden von John Rawls ab. Dieser behauptet immerhin, dass die Grundfreiheiten, auf denen private Autonomie beruht, niemals dem materiellen Wohlstand geopfert werden dürfe. Die Politikwissenschaftlerin und Altphilologin Danielle Allen lehrt als Professorin an der Harvard University. Zugleich ist sie Direktorin des Edmond J. Safra Center for Ethics in Harvard.

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Isaiah Berlin prägte den Freiheitsbegriff

Isaiah Berlins Diskussion des Freiheitsbegriffs ist von zwei zentralen Konfliktlinien geprägt. Einerseits geht es um den Konflikt von individueller und kollektiver Freiheit, andererseits um den Widerstreit zwischen Herrschaft und Freiheit. Katia Henriette Backhaus ergänzt: „Zudem unterscheidet sich der Anspruch der sogenannten negativen und positiven Freiheit mit Blick auf die Spezifikation.“ Oder, anders gesagt, die Offenheit der jeweiligen Spielräume und Konsequenzen der Freiheit. In diesem Sinne handelt es sich also tatsächlich um Argumente für die Differenzierung zweier grundverschiedener, unvereinbarer Einstellungen zu den Zielen des Lebens. Im Zentrum steht dabei ein vom Staat potentiell bedrängtes, seiner Natur und seinem Wesen nach einem privaten Raum bedürftigen, Individuum. Katia Henriette Backhaus hat an der Universität Frankfurt am Main promoviert. Sie lebt in Bremen und arbeitet als Journalistin.

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Eine Differenz ohne Herrschaft ist möglich

In der Welt der Ökonomie liegt der Schwerpunkt der politischen Entscheidungsfindung im Allgemeinen nicht auf Grund und Boden, sondern auf Arbeitskraft und Kapital. Danielle Allen stellt sich dabei die Frage, wie eine Ökonomie aussehen muss, die für Differenz ohne Herrschaft sorgt. Und wie man die gleichen Grundfreiheiten schützen könnte. Das Streben nach Differenz ohne Herrschaft macht ihrer Meinung nach auch in der Welt der Ökonomie nicht zwangsläufig die Schaffung von neuen politischen Programmen und oder Maßnahmen notwendig. Viele der gegenwärtigen wirtschaftspolitischen Ansätze sind nach Maßgabe eines Bildes von Gerechtigkeit strukturiert, das sein Augenmerk in erster Linie auf die Verteilung materieller Güter richtet. Die Politikwissenschaftlerin und Altphilologin Danielle Allen lehrt als Professorin an der Harvard University. Zugleich ist sie Direktorin des Edmond J. Safra Center for Ethics in Harvard.

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Der Mensch beansprucht Autonomie

Die Rechtsgarantien von Freiheit, Gleichheit und Sicherheit wirken miteinander und gegeneinander. Man muss sie deshalb aufeinander abstimmen und gemeinsam zur Geltung bringen. Paul Kirchhof erklärt: „Der Mensch ist nicht frei, sondern freiheitsberechtigt. Er beansprucht in Bindungen an Staat und Recht, in Familie und Gesellschaft, in Natur und Technik ein Stück selbstbestimmter Autonomie.“ Der Mensch ist nicht gleich, sondern gleichberechtigt. Alle Menschen sind in ihrer Individualität verschieden, dürfen in Freiheit ihre Verschiedenheit mehren. Sie sollen also nicht gleich sein, sondern maßvoll angeglichene Lebensverhältnisse vorfinden. Deshalb behauptet die Verfassung nicht, alle Menschen seien gleich, sondern stellt sie „vor dem Gesetz“, dem Instrument rechtlicher Entscheidungen, gleich. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg.

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Es gibt zwei Phänomene der Identität

Die Französische Revolution hatte weltweit immense Auswirkungen auf das Verständnis von Identität. Obwohl der Begriff damals noch nicht Verwendung fand, lassen sich doch fortan deutlich zwei Phänomene der Identität unterscheiden. Diese gehen von unterschiedlichen Prämissen aus. Francis Fukuyama erklärt: „Eine Gruppierung verlangte die Anerkennung der Würde von Individuen, während die andere die Anerkennung der Würde von Kollektiven in den Vordergrund rückte.“ Die erste, individualistische Fraktion ging von der Voraussetzung aus, dass alle Menschen frei geboren und in ihrem Streben nach Freiheit gleichwertig sind. Die Schaffung politischer Institutionen sollte allein dem Ziel dienen, so viel wie möglich jener natürlichen Freiheit zu erhalten, soweit sie im Einklang mit der Notwendigkeit eines gemeinsamen Gesellschaftslebens stand. Francis Fukuyama ist einer der bedeutendsten politischen Theoretiker der Gegenwart. Sein Bestseller „Das Ende der Geschichte“ machte ihn international bekannt.

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Viele sehnen sich nach Einzigartigkeit

Valentin Groebners neues Buch „Bin ich das?“ ist ein Blick in den historischen Spiegel. Er beantwortet darin unter anderem die Frage, woher der Wunsch vieler Menschen nach demonstrativer Einzigartigkeit kommt. Dabei recherchiert er leichtfüßig über den großen Wunsch, jemand ganz Besonderes zu sein – und das allen anderen auch zu zeigen. Valentin Groebner schreibt: „Reden über sich selbst als öffentliche Intimität ist im 21. Jahrhundert nicht nur Merkmal von Teilhabe und Offenheit, sondern gilt als unverzichtbar für privaten und beruflichen Erfolg.“ Geht das? Um welchen Preis? Davon handelt sein Buch. Valentin Groebner lehrt als Professor für Geschichte des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Luzern. Seit 2017 ist er Mitglied in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

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In einer idealen Demokratie sind alle gleich

In der öffentlichen Debatte machen sich Bedenken in Bezug auf Ungleichheit oder Gleichheit zumeist an einer Reihe sozialer und ökonomischer Fragen fest. In einer idealen Demokratie besteht die Bevölkerung aus freien und gleichen Bürgern. Deren Gleichheit muss zuallererst als eine Frage sowohl von politischer Gleichheit in Bezug auf die private Autonomie konstituierenden Rechte verstanden werden. Denn diese beiden Rechtsinstitute sind noch in weiteren Hinsichten gleichursprünglich. Danielle Allen stellt fest: „Das Vereinigungsrecht ist nämlich nicht bloß ein auf private Autonomie bezogenes Recht, das zu den heiligen Rechten der Moderne gehört. Im Gegenteil: Seine ersten historischen Auftritte zeigen, dass es untrennbar mit Bemühungen verknüpft ist, die Rechte öffentlicher Autonomie zu gewährleisten.“ Die Politikwissenschaftlerin und Altphilologin Danielle Allen lehrt als Professorin an der Harvard University. Zugleich ist sie Direktorin des Edmond J. Safra Center for Ethics in Harvard.

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Die Resilienz ist die Schwester der Sensibilität

Geschichtlich steht die Sensibilisierung für Fortschritt. Viele Menschen schützen sich wechselseitig in ihrer Verletzlichkeit und werden empfänglicher für eigene und fremde Gefühle. Sie lernen sich in andere Schicksale hineinzuversetzen. Svenja Flaßpöhler weist in ihrem neuen Buch „Sensibel“ jedoch darauf hin, dass diese Entwicklung auch eine Kehrseite hat: „Anstatt uns zu verbinden, zersplittert die Sensibilität die Gesellschaft.“ Die Autorin erzählt die Geschichte des sensiblen Selbst aus einer philosophischen Perspektive. Dabei beleuchtet sie die zentralen Streitfragen der Zeit und arbeitet den Grund für die prekäre Schieflage heraus. Weil die Widerstandskraft bis heute mit kalter Verpanzerung assoziiert wird, gilt sie als Feindin der Sensibilität. Svenja Flaßpöhler durchleuchtet die Sensibilität dialektisch und kommt zu dem Schluss: „Die Resilienz ist die Schwester der Sensibilität. Die Zukunft meistern können wir nur gemeinsam.“ Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des „Philosophie Magazin“.

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Viele Menschen wollen ihr eigener Herr sein

Jonathan Aldred weiß: „Echte Freiheit erfordert mehr als die oberflächliche Möglichkeit, sich entscheiden zu können.“ Der Philosoph Isaiah Berlin hat eine klassische moderne Analyse von Freiheit verfasst. Er wies unter anderem darauf hin, wie totalitäre Regime Freiheit mit einer vorgetäuschten Entscheidungsfreiheit gleichsetzen. Er argumentierte: „Ich kann nicht frei handeln, wenn ich in einem totalitären Staat unter der Androhung von Folter einen Freund verrate.“ Aber natürlich hat der Bedrohte eine Entscheidung getroffen. Also reicht die bloße Existenz von Alternativen nicht aus, um sein Verhalten wirklich frei zu machen. Die „positive“ Bedeutung des Wortes „Freiheit“ leitet sich für Isaiah Berlin aus dem Wunsch des Individuums ab, sein eigener Herr zu sein. Jonathan Aldred ist Direktor of Studies in Ökonomie am Emmanuel College. Außerdem lehrt er als Newton Trust Lecturer am Department of Land Economy der University of Cambridge.

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Ohne Mündigkeit droht die Entmenschlichung

Ulf Poschardt klagt an: „In der Erziehung kommt der mündige Einzelne zu kurz.“ Auch das versteht Theodor W. Adorno als etwas sehr Deutsches. In der Bildung scheinen Autonomie und Mündigkeit oft das Ideal zu sein. Aber zu oft sind Autorität und Bindung die Realität. Mündigkeit durch Bildung lässt sich nur in einer freien Gesellschaft vermitteln. Theodor W. Adorno versteht Bildung auch als eine Art Immunisierung gegen den Drang zum Kollektiv. Denn beim Aufgehen in einem Kollektiv kommt es zum Verlust der Mündigkeit und Autonomie. Theodor W. Adorno schreibt: „Menschen, die blind in Kollektive sich einordnen, machen sich selbst schon zu etwas mit Material, löschen sich als selbstbestimmte Wesen aus.“ Ohne Mündigkeit droht die Entmenschlichung. Für Ayn Rand war das Individuum „the smallest minority on earth“. Seit 2016 ist Ulf Poschardt Chefredakteur der „Welt-Gruppe“ (Die Welt, Welt am Sonntag, Welt TV).

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Weise Menschen achten nicht auf Äußerlichkeiten

Einen wichtigen Aspekt hat Michael R. Levenson in die Erforschung der Weisheit eingebracht. Er betrachtet die Selbsttranszendenz als das zentrale Charakteristikum von Weisheit. Judith Glück erklärt: „Weise Menschen haben sich intensiv und kritisch mit sich selbst auseinandergesetzt. Und sie sind in der Lage, sich selbst mit allen ihren Stärken und Schwächen so zu akzeptieren, wie sie sind.“ Sie sind so weit mit sich selbst im Reinen, dass sie es nicht mehr nötig haben, nach Selbstbestätigung zu suchen. Dadurch sind im Kern ihres Wesens unabhängig von äußeren Dingen, die den meisten anderen Menschen wichtig sind. Dazu zählen etwa Statussymbole oder die Bestätigung durch andere. Die meisten anderen Menschen sind noch nicht ganz so weit. Judith Glück ist seit 2007 Professorin für Entwicklungspsychologie an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

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Der Kapitalismus hat seine Wuzeln im Protestantismus

Geld bedeutet heute eigentlich nichts, außer man glaubt daran. Ursprünglich waren die Menschen der Ansicht, ein Silber- oder Goldstück enthalte eine geeichte Menge Silber oder Gold. Später glaubten sie, ein Geldschein könne in Gold eingetauscht werden, weil jedes Land in seiner Staatsbank genügend Goldvorräte habe. Paul Verhaeghe ergänzt: „Heute geht es um den Glauben, dass Banken, Staaten und Institutionen ihre Schulden zurückzahlen können.“ Die Macht des Geldes liegt wie diejenige der Autorität auf dem Glauben an eine externe Grundlage. Früher war das eine greifbare Garantie, nämlich die nationale Goldreserve. Heute basiert sie auf Kreditwürdigkeit. Der Glaubensaspekt beschränkt sich nicht nur auf das Geld, sondern betrifft die gesamte Ökonomie des freien Marktes an sich. Paul Verhaeghe lehrt als klinischer Psychologe und Psychoanalytiker an der Universität Gent.

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Ein Verbrechen muss nicht verziehen werden

Die Philosophin Hannah Arendt schrieb 1953 in ihrem Aufsatz „Verstehen und Politik“: „Verstehen ist eine nicht endende Tätigkeit. Durch diese begreifen wir Wirklichkeit. In ständigem Abwandeln und Verändern, begreifen und versöhnen uns mit ihr. Das heißt, durch die wir versuchen, in der Welt zuhause zu sein.“ Manche Menschen versuchen die Bedingungen eines Verbrechens oder einer unmoralischen Handlung nachzuvollziehen. Dadurch bekommen sie wie Svenja Flaßpöhler salopp formuliert, wieder Boden unter ihre Füße. Zuerst schien die Welt gänzlich aus den Fugen geraten zu sein. Jetzt steht ihnen nicht mehr fremd, gar teuflisch gegenüber. Sondern sie ist jetzt der Rationalität zugänglich. Svenja Flaßpöhler erklärt: „Verstehen heißt, Zusammenhänge herzustellen, Kausalketten zu erkennen.“ Doch, so ergänzt Hannah Arendt, ein solches Verstehen zieht nicht notwendigerweise ein Verzeihen nach sich. Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und stellvertretende Chefredakteurin des „Philosophie Magazin“.

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Danielle Allen entwickelt eine Theorie der Gerechtigkeit

Danielle Allen entwickelt in ihrem Buch ein neues Verständnis von politischer Gleichheit für Gesellschaften großer sozialer und kultureller Vielfalt. Ausgangspunkt ihrer scharfsinnigen Analyse ist das Verhältnis zwischen negativen und positiven Rechten. Sie plädiert dafür, beiden die gleiche Wertigkeit einzuräumen. Auf diese Weise gelangt sie zu einer Theorie der Gerechtigkeit, die auf dem Prinzip „Differenz ohne Herrschaft“ basiert. Danielle Allen vertritt die These, dass sich echte politische Gleichheit nur in demokratischen Gesellschaften mit starken sozialen Bindungen verwirklichen lässt. Dazu gilt es, Differenzen auszuhalten und neue Kulturen der Interaktion aufzubauen. Und es braucht dazu eine Politik, die genau dies etwa durch sozial- und wirtschaftspolitische Maßnahmen fördert. Die Politikwissenschaftlerin und Altphilologin Danielle Allen lehrt als Professorin an der Harvard University. Zugleich ist sie Direktorin des Edmond J. Safra Center for Ethics in Harvard.

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Die Menschheit ist zu moralischem Fortschritt fähig

Markus Gabriel, Deutschlands weltweit bekanntester Gegenwartsphilosoph möchte durch sein neues Buch „Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten“ den Menschen Mut machen. Er vertritt darin die These, dass die Menschheit zu moralischem Fortschritt fähig ist. Er zeigt, warum es nicht verhandelbare, universale Grundwerte gibt, die für alle Menschen gelten. Sie müssen zur Basis des menschlichen Verhaltens gemacht werden, um allen ein gutes Leben zu ermöglichen. Markus Gabriel hat ein philosophisches Handbuch geschrieben, das einen Entwurf der Aufklärung gegen den Wertenihilismus der Gegenwart artikuliert. Die Menschheit braucht dringend eine innovative Form der Kooperation von Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Seit 2009 hat Markus Gabriel den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne und ist dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

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Die sexuelle Befreiung räumt den Frauen mehr Autonomie ein

Die sexuelle Befreiung war von gesetzlichen Veränderungen begleitet. Diese räumten Frauen mehr Rechte und ihren Körpern mehr Autonomie und Handlungsmacht ein. Diese rechtliche und politische Revolution wurde von einer ökonomischen gestützt. In deren Zug infiltrierte und umgestaltete der Konsumentenmarkt weite Bereiche der Identität und des Selbst. Der Verbrauchermarkt und die Therapiekultur konnten den durch die negative Freiheit eröffneten leeren Raum mit etwas kolonialisieren. Dies bezeichnet Axel Honneth als „reflektive Freiheit“. Reflexive Freiheit erfordert von den Akteuren die Reflexion darüber, was sie wollen, und hält sie zu einer Hinterfragung ihres Willens an. In ihrem Mittelpunkt stehen die Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung der eigenen Wünsche und Subjektivität. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem sowie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.

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