Menschen passen ihren Konsum ihrer sozialen Klasse an

Menschen, die wegen ihres geringen Einkommens auf Luxusgüter verzichten, passen ihren Konsum an ihre soziale Klasse an. Das ist rationales Verhalten. Wenn sie mehr Geld hätten, würden sie vielleicht anders leben. Sollten sie auf die eine oder andere Art über ihre Verhältnisse leben, würden sie irgendwann die rechtlichen Konsequenzen zu spüren bekommen. Alexander Somek stellt fest: „Sie fallen einer ungerechten sozialen Ungleichheit zum Opfer, wenn die Lage ihrer Klasse nicht zu rechtfertigen ist.“ Allerdings es fraglich, ob ihr frugaler Lebensstil auch als strukturelle Diskriminierung zu begreifen ist. Ohne Zweifel kann eine soziale Benachteiligung zu Fehleinschätzungen der eigenen Möglichkeiten führen. Soziale Strukturen wirken auf den Willen und führen zu einer letztlich selbst verhängten Benachteiligung. Alexander Somek ist seit 2015 Professor für Rechtsphilosophie und juristische Methodenlehre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

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Ohne Neid kann es überhaupt keine Gesellschaft geben

Bettina Schulte stellt fest: „Wenn der Neid ein universeller Charakterzug des Menschen ist, und zwar aller Menschen, dann sind alle Bestrebungen, eine gerechte Gesellschaft ohne Anlass zum Neid zu schaffen, ins Reich der Utopie zu verbannen.“ „Die Hoffnung auf eine vom Neid befreite Gesellschaft übersieht, dass es ohne die Fähigkeit des Neides überhaupt keine Gesellschaft geben kann“, schreibt der Soziologe Helmut Schoeck. Andererseits sieht er die Tabuisierung des Neides als notwendig an, um das soziale Gefüge nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen, schlimmstenfalls sogar zu sprengen. Hier kommt es wieder zum Vorschein, das Doppelgesicht des Neides: zerstörerisch im des eigenen Mangels bewussten Begehren nach der Fülle des anderen, antreibend und leistungssteigernd im Wetteifer, in der Konkurrenz mit den anderen. Die Kulturjournalistin Bettina Schulte promovierte über Heinrich von Kleist und war mehr als zwanzig Jahre leitende Redakteurin im Feuilleton der Badischen Zeitung.

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Verluste sind höchst komplexe Phänomene

Verluste sind immer Verlusterfahrungen – von einzelnen Subjekten oder sozialen Gruppen. Andreas Reckwitz ergänzt: „In der Erfahrung eines Verlustes wird die Tatsache, dass etwas verschwindet, negativ bewertet. Das Verschwinden wird bedauert und löst häufig heftige Emotionen aus.“ Zum Gegenstand des Verlustes kann vielerlei werden: das Leben eines Menschen oder ein zerstörtes Objekt, ein sozialer Status oder die Heimat, die Kontrolle über das eigene Leben oder eine positive Erwartung hinsichtlich der Zukunft. Es gilt jedoch in jedem Fall: Verlieren kann man nur etwas, was zuvor subjektiv oder kollektiv wertvoll erschien, was für die eigene Identität essenziell oder zumindest relevant und an das man entsprechend emotional gebunden ist. Verluste sind höchst komplexe Phänomene, nicht nur aus psychologischer, sondern auch aus soziologischer Sicht. Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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Erfolg funktioniert nur noch über genügend Zustimmung

Wer im 21. Jahrhundert was werden will, zum Beispiel Abteilungsleiter oder Bundeskanzler, sollte so unscheinbar wie möglich auftreten. Tobias Haberl erklärt: „Im Kampf um Macht sind nämlich lange schon nicht mehr Mut oder Originalität, sondern eine möglichst kleine Angriffsfläche gefragt.“ Deshalb hat es für Annalena Baerbock auch nicht fürs Kanzleramt gereicht, weil sie im Gegensatz zu Armi Laschet und Olaf Scholz in Zukunft alles anders machen wollte, weil sie nicht moderat, sondern disruptiv und kämpferisch auftrat. Das finden die meisten Deutschen zwar couragiert, aber höchstens für ein paar Wochen, dann kriegen sie kalte Füße, weil, Klimakatastrophe hin oder her, eigentlich geht es ihnen doch ganz gut. Der Literaturwissenschaftler Tobias Haberl schreibt für das „Süddeutsche Zeitung Magazin“. Sein letztes Buch „Die große Entzauberung – Vom trügerischen Glück des heutigen Menschen“ wurde ein Bestseller.

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Neue Ideen über Identität prägen die Gesellschaften des Westens

Wer sich über die Rolle sorgt, die Identität mittlerweile in den USA – und in geringerem, wenngleich schnell wachsenden Ausmaß, auch in Deutschland – spielt, der wird gern für seine ungesunde Fixierung auf den Kulturkampf, der in den sozialen Medien tobt, verlacht. Neue Ideen über Identität üben in Kanada, Großbritannien und den Vereinigten Staaten bereits enormen Einfluss aus. Yascha Mounk stellt fest: „Grundlegende Annahmen über Gerechtigkeit, den Wert von Gleichheit und die Bedeutung von Identität haben sich in tiefgreifender Weise verändert.“ Im Streit um diese Ideologie geht es um nicht mehr oder weniger als die Regeln und Prinzipien, welche die Gesellschaften des Westens in den nächsten Jahrzehnten prägen werden. Yascha Mounk ist Politikwissenschaftler und lehrt an der Johns Hopkins Universität in Baltimore.

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Die Theorie sozialer Signale wurde in den Siebzigerjahren entwickelt

Um uns in Gesellschaft zu bewegen und Entscheidungen zu treffen, benötigen wir Informationen. Hanno Sauer weiß: „Die Theorie sozialer Signale wurde in den Siebzigerjahren fast zeitgleich und unabhängig voneinander von verschiedenen Forschern in den Wirtschaftswissenschaften und der Verhaltensbiologie entwickelt.“ Der US-amerikanische Ökonom Michael Spence wollte verstehen, in welcher Situation sich Unternehmen befinden, die neue Mitarbeiter einstellen wollen. Rekrutierungsverfahren ins eine Art „Investition unter Unsicherheit“, bei der Firmen nicht nur entscheiden müssen, wer eingestellt werden soll, sondern auch zu welchem Gehalt. Aber welche potenziellen Mitarbeiter sind wie produktiv, clever, fleißig oder pünktlich? Diese Information ist ex ante – also bevor der Arbeitsvertrag unterschrieben ist – nur schwer zugänglich. In diesem Fall wäre es hilfreich, wenn dem Unternehmen auf der Suche nach neuem Personal irgendein Merkmal zur Verfügung stünde, an dem sich ablesen ließe, wer wie schlau oder motiviert ist. Hanno Sauer ist Professor für Philosophie an der Universität Utrecht.

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Viele Menschen beherrscht die Tyrannei der Gewohnheit

Stefan Klein kritisiert: „In einer Zeit, in der die Menschheit und jeder Einzelne sich der Veränderung öffnen müssen, beherrscht uns die Tyrannei der Gewohnheit.“ Nehmen wir einmal die Bewusstseinsspaltung, in die uns der Klimawandel versetzt. Wir erschrecken über Unwetter und katastrophale Überschwemmungen, und kein vernünftiger Mensch zweifelt daran, dass sie sehr bald halbe Länder in Wüsten verwandeln, wenn wir weiter Öl und Kohle verbrennen. Schon heute sterben allein an dem durch fossile Brennstoffe freigesetzten Feinstaub weltweit mehr Menschen, als die Covid-Pandemie in ihrem ganzen Verlauf umgebracht hat. Fest steht auch, dass sich durch den Klimawandel in Deutschland vermehrt Infektionskrankheiten ausbreiten werden. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.

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Statuswettbewerbe werden mit sozialen Signalen ausgetragen

Hanno Sauers These ist, dass soziale Klassenhierarchien durch Statuswettbewerbe entstehen, die mit sozialen Signalen ausgetragen werden. Denn die ästhetische, moralische und monetäre Dimension des Klassenbegriffs lassen sich nur im Rahmen einer Theorie sozialer Signale verstehen. Hanno Sauer erklärt: „Soziale Signale müssen, um ihre Funktion erfüllen zu können, fälschungssicher sein. Sogenannte „teure“ oder auch „kostspielige“ Signale sind die zentrale Währung von Statuswettbewerben, mit denen sich Gesellschaften in Klassenhierarchien stratifizieren.“ Aber soziale Signale sind intrinsisch unstabil, und ihre Logik ist dynamisch: Um als Zeichen verlässlich zu bleiben, müssen sich kostspielige Signale permanent wandeln, verkehren sich als Kontersignale in ihr Gegenteil. Sie verstecken sich als vergrabene Signale vor dem Entdeckwerden, um als vor dem Entdeckwerden Versteckte entdeckt zu werden. Hanno Sauer ist Professor für Philosophie an der Universität Utrecht.

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Die Oberklasse besitzt ein exorbitant hohes ökonomisches Kapital

Die neue, akademische Mittelklasse mit ihrem singularistischen Lebensstil ist die kulturell dominante Trägergruppe der postindustriellen Spätmoderne. Andreas Reckwitz erklärt: „Sie bildet gewissermaßen das sozialstrukturelle Korrelat zur ökonomischen, technologischen und kulturellen Form der Gesellschaft der Singularitäten.“ Die Sozialstruktur der Spätmoderne erschöpft sich jedoch nicht in der Polarität zwischen diesen neuen Mittel- und der Unterklasse. Um die gesamtgesellschaftlichen Dynamiken und Relationen zwischen den beiden sozialen Großgruppen einzuschätzen, müssen die beiden anderen Klassen zumindest ansatzweise miteinbezogen werden: die Oberklasse sowie die nichtakademische, gewissermaßen „alte“ Mittelklasse. Die Oberklasse – das äußerst schmale ein Prozent der Gesellschaft – lässt sich formal über ein exorbitant hohes ökonomisches Kapital – Einkommen und Vermögen – definieren. Die Soziologie hat ansonsten Schwierigkeiten mit einer Erfassung jenseits einkommens- und vermögensstatistischer Befunde. Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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Für ein erfülltes Leben sind unsere Talente wertvoll

Andreas Salcher schreibt: „Unbestritten ist das Recht jedes Kindes, seine Talente in der Schule maximal gefördert zu wissen. Der wichtigste Grund, warum wir uns ehrlich mit den Talenten unserer Kinder auseinandersetzten sollten, ist das persönliche Glück.“ Andreas Salchers wissenschaftlicher Mentor, der leider bereits verstorbene Glücksforscher Mihály Csíkszentimihályi, hat in vielen Studien bewiesen: Für ein erfülltes Leben brauchen wir das Gefühl, dass unsere Talente wertvoll sind und anerkannt werden. Voraussetzung dafür ist, Begabungen richtig und rechtzeitig zu identifizieren. Gute Schulen und Lehrer unterstützen Kinder dabei, herauszufinden, worin sie wirklich gut sind. Die Kluft zwischen den Möglichkeiten, wie wir heute die Begabungen unserer Kinder erkennen und fördern könnten, und wie einige Schulen tatsächlich damit umgehen, ist riesig. Dr. Andreas Salcher kämpft seit vielen Jahren für bessere Schulen und individuelle Talentförderung. Der Bestsellerautor gilt mit über 250.00 verkauften Büchern als einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren Österreichs.

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Hadija Haruna-Oelker kennt den Wert der Freiheit

Der wichtigste Wert von Hadija Haruna-Oelker ist die Freiheit: „Verstöße dagegen begehen im Extremfall Extremisten. In meinem Alltag verstoßen dagegen auch Menschen mit diskriminierendem oder menschenfeindlichem Verhalten.“ Hadija Haruna-Oelker fühlt sich mehrfachzugehörig, mehrstaatlich grenzenlos. Sie zählt zu einer Generation, die sich selbstbestimmte Namen gibt, die ein Verständnis dafür einfordert, dass noch nie alle Deutschen „weiß“ waren und „unsere Werte“ neu überdacht werden müssen. Ihre Werte sind vielfältig, interkontinental. Sie ist das Kind einer christlich-deutsch sozialisierten Mutter der Fünfziger-Nachkriegsgeneration und eines muslimisch-ghanaisch sozialisierten Vaters der Vierziger-Postkolonial-Generation. Hadija Haruna-Oelker ist das, was sie ist. Sie ist politisch Schwarz. Es ist eine Lebenserfahrung, die sie weltweit mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und kulturellen Hintergründen verbindet. Hadija Haruna-Oelker lebt als Autorin, Redakteurin und Moderatorin in Frankfurt am Main. Hauptsächlich arbeitet sie für den Hessischen Rundfunk.

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Ab Mitte der 1960er-Jahre entstanden No-Future-Bewegungen

Die ab Mitte der 1960er- bis Mitte der 1970er-Jahre Geborenen erlebten in ihrer Jugend unter anderem das Reaktorunglück von Tschernobyl, den Kalten Krieg und sein Ende, den Fall der Berliner Mauer. Rüdiger Maas erklärt: „Es entstand eine Generation, die das Weltuntergangsszenario rund um den berühmten Roten Kopf zelebrieren musste, den entweder die USA oder Russland beziehungsweise die UdSSR betätigen und damit einen Atomkrieg beginnen könnten.“ Ein Kopfdruck, und die Erde ist Geschichte. Die Vorstellung prägte viele Filme und die Popkultur. No-Future-Bewegungen entstanden. Die Antwort auf die Neue Deutsche Welle folgten die Dunkle Welle, später auch Gothic genannt. Auf die Hippies folgten die Punks, auf Pop der Schlager und Heavy Metal, später Grunge, Westcoast-Punk, Rap und Hip-Hop. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer und Leiter eines Instituts für Generationenforschung.

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Vorurteile über die Jugend sind so alt wie die Menschheit selbst

Marketingexperten übernahmen eine etwa einhundert Jahre alte Idee eines Generationenbegriffes, der auf den Soziologen und Philosophen Karl Mannheim zurückkehrt. Rüdiger Maas erklärt: „Mannheim schrieb 1928 einen Essay über die Einteilung der Generationen. Er entwarf die Theorie, dass Geburtenjahrgänge einen Einfluss haben könnten, wie Menschen ihre Kindheit und Jugend verbringen.“ Karl Mannheim hatte damals die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten vor allem um die Zeit vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg vor Augen. Er dachte dabei jedoch nur an Männer, Frauen spielten in seiner Betrachtungsweise keine Rolle. Damit war Karl Mannheim damals nicht der Einzige in der Wissenschaft. In der Medienlandschaft wird das Konstrukt von Mannheim ohne wirkliches Verständnis nun auf Menschengruppen angewendet. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer eines Instituts für Generationenforschung. Zuletzt erschien sein Bestseller „Generation lebensunfähig“.

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Der Populismus ist ein politisches Verlustunternehmertum

Die immer neuen Verlustängste vielen Menschen kommen dem Populismus gerade recht, ja, sie werden von ihm systematisch genährt. Populismus ist politisches Verlustunternehmertum. Andreas Reckwitz fügt hinzu: „Er stellt aber nur das prominentesten Beispiel eines breiten politisch-kulturellen Feldes von verlustorientierten Bewegungen der letzten Jahre dar, zu denen etwa auch die „Gelbwesten“ und die „Incels“ gehören.“ Die Relevanz von Verlusten im Feld des Politischen betrifft als Reaktion darauf jedoch auch das linkliberale Lager: Denn je stärker die Rechtspopulisten werden, umso mehr fürchten die Linksliberalen demokratische Regressionen. Die Auseinandersetzungen der Gegenwartsgesellschaft drehen sich somit häufig weniger um den Anteil der einzelnen Gruppen am gesellschaftlichen Fortschritt, sondern darum, wer verliert und wessen Verlustängste stärker die politische Agende prägen. Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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Trollfabriken produzieren als Nachrichten verkleidete Propaganda

Die angeborene Neugierde des Menschen erweist sich als vorteilhaft für Fake News. Thomas Erikson erklärt: „Sie sprechen unsere Gefühle und Einschätzungen an, um Klicks zu generieren und für Unterhaltung zu sorgen. Falschmeldungen über den Tod berühmter Persönlichkeiten oder über skandalöse Fehltritte von Politikern sorgen landauf, landab für Kontroversen.“ Egal wo man politisch steht, man kann sich felsenfest darauf verlassen, dass auch die von einem selbst unterstützte Partei die Wahrheit tendenziös darstellt. Daneben gibt es die sogenannten Trollfabriken, die stets und ständig als „Nachrichten“ verkleidete Propaganda und grobe Behauptungen mal über das eine, dann wieder über das andere produzieren. In der datenbasierten Welt werden Statistiken und wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage für viele überzeugende Argumente und Standpunkte herangezogen. Thomas Erikson ist ein schwedischer Verhaltensexperte, international gefragter Vortragsredner, Leadership-Coach und Buchautor.

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Das schlechte Gewissen prägt die politische Korrektheit

Mit der politischen Korrektheit schlug man ein neues Kapitel in der Geschichte des schlechten Gewissens auf. Alain Finkielkraut erläutert: „Es war die Scham, der Bourgeoisie zu entstammen, die einst viele Intellektuelle antrieb, in die Politik zu gehen. Weil sie mit einem silbernen Löffel im Mund geboren waren, aber sich nicht damit zufriedengeben wollten, in einer ungerechten Welt das Leben zu genießen, büßten sie für ihren Wohlstand und ihre Privilegien, indem sie sich für die Proletarier engagierten.“ Nun ist jedoch der Zeitpunkt gekommen, Scham dafür zu empfinden, ein Mann zu sein. Jetzt gilt es nicht mehr, gegen das eigene Klasseninteresse zu agieren, sondern um Vergebung zu bitten für die rohen Triebe. Alain Finkielkraut gilt als einer der einflussreichsten französischen Intellektuellen.

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Die Anhebung des Renteneintrittsalters ist brandgefährlich

Das Dilemma der alternden Gesellschaft stellt die Politik vor große Probleme. Nouriel Roubini erklärt: „Keine Lösung trifft auf allgemeine Zustimmung, und niemand kann garantieren, dass selbst drakonische Maßnahmen die Balance wieder ausgleichen. Die Interessen prallen unweigerlich aufeinander.“ Jeder Plan zur Senkung der impliziten Kosten stößt irgendeine einflussreiche Interessengruppe vor den Kopf. Es liegt auf der Hand, dass man den Rentnern nicht einfach das Altersruhegeld nehmen kann, das man ihnen zugesagt hat. Mit dem Widerstand der Rentnerverbände kann man rechnen. Auch die Anhebung des Renteneintrittsalters ist brandgefährlich. Letzteres wäre gleich in mehrfacher Hinsicht unfair. Daten zeigen, dass Angestellte eine höhere Lebenserwartung haben als Arbeiter, die im Durchschnitt vor dem zwanzigsten Lebensjahr ihr Berufsleben aufnehmen und eine Lebenserwartung von knapp über 70 Jahren haben. Nouriel Roubini ist einer der gefragtesten Wirtschaftsexperten der Gegenwart. Er leitet Roubini Global Economics, ein Unternehmen für Kapitalmarkt- und Wirtschaftsanalysen.

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Opfermerkmale machen eine Person zur Zielscheibe von Diskriminierung

Zum Opfer wird man kraft eines Merkmals, das zu tragen man nicht vermeiden kann und das eine Person zur Zielscheibe von Benachteiligung macht oder dazu führt, in den Sog systemisch-diskriminierender Prozesse hineingezogen zu werden. Alexander Somek erklärt: „Zu dem, was mit diesen Merkmalen bezeichnet wird, gehören unter anderem das Geschlecht, die Rasse, die sexuelle Orientierung oder auch das religiösen Bekenntnis.“ Merkmale dieser Art machen eine Person passiv diskriminierungsfähig. Vermöge der Intersektionalität erhöht sich diese Fähigkeit. Wer mehrere Merkmale in sich vereint, trägt ein höheres Diskriminierungsrisiko als andere. Wenn eine Frau nicht aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert wird, weil der soziale Kontext, in dem sie sich bewegt, zufällig nicht sexistisch ist, dann lässt sie sich noch immer aufgrund ihrer Rasse oder ihres sexuellen Orientierung diskriminieren. Alexander Somek ist seit 2015 Professor für Rechtsphilosophie und juristische Methodenlehre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

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Der Umgang mit Geflüchteten ist ein Beispiel für die neue Härte

Der Umgang mit Geflüchteten ist erstes Signal und gleichzeitig eindringlichstes Beispiel für die neue Härte, die befeuert wurde durch die sozialen Verwerfungen der Pandemiejahre. Judith Kohlenberger ergänzt: „Die Ökonomisierung des Sozialen, ein Gefühl von umfassendem Kontrollverlust auf persönlicher wie gesellschaftlicher Ebene und eine zunehmende Orientierungslosigkeit münden in radikale Abwendung.“ Für das hypersoziale Wesen Mensch ist diese jedoch gar nicht mal so leicht zu bewerkstelligen. Unsere Gesellschaft investiert ein immer höheres Maß an Energie, Zeit und Geld in die Produktion von Sicherheit, die sie durch Abschottung und Undurchlässigkeit zu erreichen glaubt. Dabei hat sich der Anspruch auf Sicherheit – und die Frage, wer diesen nicht stellen darf – selbst zu einem Marker der Teilhabe entwickelt. Judith Kohlenberger ist Kulturwissenschaftlerin und Migrationsforscherin am Institut für Sozialpolitik der WU Wien und dem Österreichischen Institut für Internationale Politik (oiip).

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Darstellung und Aufführung decken ein breites Spektrum an Darbietungen ab

Zweimal hat Richard Sennett versucht, die Beziehung zwischen Kunst und Gesellschaft auf soziologischer Ebene zu untersuchen – zunächst 1977 in „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“ und dann, vierzehn Jahre später, in „Civitas. Die Großstadt und die Kultur des Unterschied“. Darstellung und Aufführung decken ein breites Spektrum an Darbietungen ab. Gewöhnlich rät man jungen Autoren, über Dinge zu schreiben, die sie kennen. Das ist ein schlechter Rat. Wer jung ist, sollte seiner Fantasie freien Lauf lassen. Für ältere Autoren ist der Rat dagegen gut. Für sie ist es höchste Zeit, vor sich selbst Rechenschaft über ihr Leben abzulegen. Erinnern kann indessen auch gefährlich sein. Richard Sennett lehrt Soziologie und Geschichte an der London School of Economic und an der New York University.

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Die Unterklasse erscheint als Ort einer „schlechten“ Kultur

Andreas Reckwitz schreibt: „Die Unterklasse erscheint in der Spätmoderne als Ort einer „schlechten“ Kultur, die nicht von Wert ist, sondern problematisch oder gar riskant: des Mangels an Bildung und kulturellen Kompetenzen, der schlechten Ernährung und Gesundheit, der schlechten Erziehung, Wohnviertel, Regionen und Schulen, dazu der schwierigen Jugendlichen, der rückständigen Versionen von Männlichkeit und Weiblichkeit und schließlich der problematischen politischen Einstellungen.“ Wenn Kulturalisierung vor allem Ästhetisierung und Ethnisierung bedeutet, dann erfolgt die negative Kulturalisierung der Unterklasse zwar sicherlich auch in einem ästhetischen Register – etwa im Sinne eines nichtssagenden oder vulgären Geschmacks –, jedoch stärker noch auf der Ebene des Ethischen. Dieser Lebensform scheint es an den Merkmalen eines guten Lebens zu mangeln, sie wird zu einer Ansammlung von Eigenschaften des Schlechten, von der Ernährung über die Erziehung bis zu Politik. Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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Ohne Zukunftorientierung sind Gesellschaften nicht innovativ

Regierungen gestalten die Zukunft nicht allein. Es sind die Ideen und Vorschläge von Unternehmen und Einzelpersonen, die ganz genauso wichtig sind. Florence Gaub weiß: „Ohne eine zukunftsorientierte Bewegung sind Gesellschaften nicht innovativ, sei es in der Technologie, der Bildung oder Science-Fiction, sie stellen die Gegenwart nicht infrage und entwickeln keine Optionen, wie die Zukunft aussehen könnte.“ Andernorts ist dies bereits in vollem Gange: Die Long Now Foundation in Kalifornien fördert die Idee, uns als Wesen zu begreifen, das nicht nur die nächsten 100, sondern 10.000 Jahre beeinflusst. In Japan hat die Future-Design-Bewegung eine innovative Form der Bürgerversammlung ins Leben gerufen, bei der einige Teilnehmer Einwohner aus der Zukunft repräsentieren mussten. Dr. Florence Gaub ist Politikwissenschaftlerin, Militärstrategin und Zukunftsforscherin. Sie leitet als Direktorin den Forschungsbereich NATO Defense College in Rom.

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Manche Männer schließen sich nicht dem Zeitgeist an

Tobias Haberl schreibt: „In Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“ wird der arme Schneiderlehrling Wenzel Strapinski nur seiner edlen Kleidung wegen für eine polnischen Grafen gehalten. In der Gegenwart werden Typen nur ihrer schleimigen Tweeds wegen für Feministen, zeitgemäße oder, noch drolliger: gute Menschen gehalten.“ Im Gegenzug werden Männer, die nach reiflicher Überlegung zu dem Schluss kommen, sich dem Zeitgeist nicht in sämtlichen Punkten anzuschließen, als vormoderne Trampel diffamiert, die den Sprung in die Gegenwart verpasst haben. Heute gilt: Je temperamentloser ein Mensch, desto wahrscheinlicher wird er befördert, unterstützt, gelikt, während alle, die Vorbehalte gegen die Ödnis allgemeinen Gutmeinens äußern, zurückgepfiffen oder an die Leine genommen werden. Der Literaturwissenschaftler Tobias Haberl schreibt für das „Süddeutsche Zeitung Magazin“. Sein letztes Buch „Die große Entzauberung – Vom trügerischen Glück des heutigen Menschen“ wurde ein Bestseller.

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Die Spätmoderne bietet der neuen Mittelklasse enorme Chancen

Andreas Reckwitz betont: „Es lässt sich kaum bestreiten, dass der singularistische Lebensstil der Spätmoderne für die Subjekte insbesondere der neuen Mittelklasse enorme Chancen auf ein subjektiv als glücklich empfundenes Leben enthält.“ Diese ergeben sich vor allem aus der konsequenten Kulturalisierung und Singularisierung des Alltags, die effektive Befriedigung und anerkannten Wert versprechen. Zugleich bewahrt sich diese Lebensführung aufgrund der eingebauten Notwendigkeit zur Statusinvestition ihre pragmatische Alltagstauglichkeit. Das Ideal des spätmodernen Subjekts ist die modernisierte Synthese aus Romantik und Bürgerlichkeit. Diese übernimmt die Vorzüge beider Lebensformen und vermeidet die Nachteile. Dass diese Lebensform der erhöhten Ansprüche jedoch auch neue Spannungsfelder, Dilemmata und Zwänge hervorbringt, dürfte kaum überraschen. Die Doppelstruktur von weltzugewandter Selbstentfaltung und mitlaufender sozialer Statusinvestition ist grundsätzlich spannungsgeladen. Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder.

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Das soziale Leben ist ein Mosaik aus Darbietungen

„Die ganze Welt ist Bühne“, sagt der „melancholische Jacques in William Shakespeares „Wie es euch gefällt“. Richard Sennett weiß: „Das ist kein neuer Gedanke. Das Bild des Lebens als Bühne oder Theater lässt sich bis in die Antike zu dem römischen Dichter Juvenal zurückverfolgen.“ Bei Juvenal heißt es: „Ganz Griechenland ist eine Bühne, und alle Griechen sind Schauspieler“, wie auch vorn bis zu dem amerikanischen Soziologen Erving Goffman, der meinte, das „soziale Leben“ sei „ein Mosaik aus Darbietungen“ unterschiedlichster Art. Der Gedanke verdeckt allerdings mehr, als er enthüllt. Als Richard Sennett mit der Niederschrift eines Essays über die Gesellschaft und die darstellenden Künste begann, beherrschten diverse Demagogen die Bühne der Öffentlichkeit. Richard Sennett lehrt Soziologie und Geschichte an der London School of Economic und an der New York University.

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