Der kollektive politische Körper ist frei, nicht aber der Einzelne. Und deshalb muss es, so Jean-Jacques Rousseau im Schlusskapitel des „Gesellschaftsvertrags“, ein verpflichtendes zivilreligiöses Glaubensbekenntnis geben. Rüdiger Safranski erklärt: „Der Mensch muss mit seiner ganzen geistigen Existenz vergesellschaftet werden. Diese Zivilreligion sollte den Staatsbürger dazu anhalten, eine gesellschaftlichen und politischen Pflichten liebzugewinnen.“ Es handelt sich dabei um eine Religion der sozialen Daseinserfüllung. Sie sollte das öffentliche Wohl an die Spitze aller Zwecke stellen, sollte verpflichten zum Glauben an die Existenz einer weisen und wohltätigen Gottheit, einer umfassenden Vorsehung, eines zukünftigen Lebens mit der Belohnung der Gerechten und der Bestrafung der Gottlosen. Rüdiger Safranski arbeitet seit 1986 als freier Autor. Sein Werk wurde in 26 Sprachen übersetzt und mit vielen Preisen ausgezeichnet.
Freiheit
Amerika sollte der zeitlose Maßstab für Freiheit sein
In den frühen 1990er Jahren geschahen unerwartete Dinge: gewalttätige Rassenunruhen in Los Angeles, über die Timothy Snyder in polnischen Zeitungen las, als ich die Sprache an der Ostseeküste lernte; die erste Bewerbung des Milliardärs Ross Perot um das Präsidentenamt, der für Timothy Snyder auf einer BBC-Wahlkarte in einem Gemeinschaftsraum in Oxford real wurde; die Jugoslawien-Kriege, die Flüchtlinge nach Wien trieben, wo sich Timothy Snyder mit einigen von ihnen anfreundete. Doch in dieser Stimmung schien jede Krise etwas Besonderes und jede Herausforderung etwas Technisches zu sein. Geschichte war nicht etwas, das man lernte, sondern das man verantwortlich machte – die ethnischen Säuberungen auf dem Balkan waren angeblich eine Folge „uralten Hasses“, Amerika sollte der zeitlose Maßstab für Freiheit sein. Timothy Snyder ist Professor für Geschichte an der Yale University und Permanent Follow am Institut für die Wissenschaft vom Menschen in Wien.
Carl von Clausewitz beschrieb die Deutschen als besonders unabhängig
Martin Wagner schreibt: „Die Frage des relativen deutschen Gehorsams oder Ungehorsams wurde fester Bestandteil der Debatten darüber, was typisch deutsch sei – Debatten über den eigenen Nationalcharakter also, wie sie die Deutschen, so hat Friedrich Nietzsche im 19. und so hat Norbert Elisas im 20. Jahrhundert gesagt, mehr als jede andere europäische Nationen auszeichnen.“ Noch ganz im Geiste der Idee „germanischer Freiheit“ beschrieb der junge Carl von Clausewitz die Deutschen 1807 als besonders unabhängig. Er kontrastiert sie mit den Franzosen, in denen der Sonnenkönig Ludwig XIV. ebenso wie später Napoleon „gehorsame Untertanen“ gefunden habe. Ähnlich beharrt auch Johann Gottlieb Fichte in seinen berühmten „Reden an die deutsche Nation“ (1806/07) auf dem Freiheitsinn als einem wesentlichen Charakteristikum der Deutschen. Martin Wagner ist Professor of German an der University of Calgary (Kanada).
Weise Menschen nennt man Vorbilder für das eigene Leben
Von einem Philosophen erwartet man, einleitend seinen Gegenstand zu bestimmen. Otfried Höffe betont: „Die Erwartung ist umso berechtigter, wo der Gegenstand, hier die Weisheit, hochgeschätzt wird, aber unklar bleibt, was genau denn so schätzenswert sei.“ Hilfsweise kann man fragen, welche Menschen wir denn für weise halten. Je nach persönlicher Vorliebe wird man auf den Dalai Lama, aus Mahatma Gandhi oder Nelson Mandela, vielleicht auch auf Papst Franziskus hinweisen. Weise nennen wir nämlich Vorbilder für unser Leben oder Vorzeigepersonen, gelegentlich freilich nur die kundigen Mitglieder eines wirtschaftspolitischen Beratungsgremiums, den man den Beinamen der Fünf Weisen gegeben hat. Auch wenn letztere Bezeichnung zu schmeichelhaft klingt, ist sie, prinzipiell betrachtet nicht unzulässig. Otfried Höffe ist Professor em. für Philosophie an der Universität Tübingen und Leiter der dortige Forschungsstelle Politische Philosophie.
Hadija Haruna-Oelker kennt den Wert der Freiheit
Der wichtigste Wert von Hadija Haruna-Oelker ist die Freiheit: „Verstöße dagegen begehen im Extremfall Extremisten. In meinem Alltag verstoßen dagegen auch Menschen mit diskriminierendem oder menschenfeindlichem Verhalten.“ Hadija Haruna-Oelker fühlt sich mehrfachzugehörig, mehrstaatlich grenzenlos. Sie zählt zu einer Generation, die sich selbstbestimmte Namen gibt, die ein Verständnis dafür einfordert, dass noch nie alle Deutschen „weiß“ waren und „unsere Werte“ neu überdacht werden müssen. Ihre Werte sind vielfältig, interkontinental. Sie ist das Kind einer christlich-deutsch sozialisierten Mutter der Fünfziger-Nachkriegsgeneration und eines muslimisch-ghanaisch sozialisierten Vaters der Vierziger-Postkolonial-Generation. Hadija Haruna-Oelker ist das, was sie ist. Sie ist politisch Schwarz. Es ist eine Lebenserfahrung, die sie weltweit mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und kulturellen Hintergründen verbindet. Hadija Haruna-Oelker lebt als Autorin, Redakteurin und Moderatorin in Frankfurt am Main. Hauptsächlich arbeitet sie für den Hessischen Rundfunk.
Die Zukunft muss den Göttern entwendet werden
Die Philosophin Hannah Arendt verortet die Idee, dass es so etwas wie dauerhaften Fortschritt geben könnte, erst so etwa ab dem 17. Jahrhundert. Petra Pinzler erklärt: „Damals wird nach und nach das zyklische Zeitverständnis des Mittelalters durch ein lineares abgelöst. Dazu man die Zeit allerdings zu einem Kontinuum werden, darf nicht mit immer neuen Herrschern immer wieder neu anfangen, an Sommertagen länger sein als an Wintertagen und in verschiedenen Königreichen unterschiedlich gemessen werden.“ Die Zukunft muss den Göttern entwendet und damit zu etwas werden, das sich nicht nur durch Säen, Ernten, Einlagern und Erntedank beeinflussen lässt. Sondern auch durch Genialität und Mut, Wettbewerb und Kooperation, durch die Fähigkeit andere zu überzeugen oder zu organisieren. Durch Unternehmertum und politisches Talent. Petra Pinzler arbeitet als Hauptstadtkorrespondentin der Wochenzeitung „Die Zeit“. Sie schreibt zudem Bücher über Wirtschaft, Umwelt und Klimaschutz.
Die Freiheit findet in Autoritäten Halt
Paul Kirchhof schreibt: „Freiheit sucht nach Autorität, findet in Autoritäten Halt. Autorität kann helfen, den Blick weiten und befreien, braucht aber neben der Autoritätsperson auch die kritischen Autoritätsbereitschaft dessen, der prüft, ob und welcher Autorität er folgen will.“ Der heute suchende Mensch ist nicht darauf angewiesen, nach Autoritäten zu denken und zu handeln. Er wird sich aber des eigenen Denkens durch Auseinandersetzung mit einer klassischen philosophischen, literarischen, religiösen und rechtlichen Überlieferung vergewissern. Darin mag das Eingeständnis eigener Schwäche liegen. Sicher ist es aber einen noch viel größere Schwäche, wenn einer sich einer solchen Selbstprüfung am Maßstab kultureller Texte nicht stellt und vorzieht, den Narren auf eigene Faust zu spielen. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg.
Den meisten Menschen ist Sicherheit wichtiger als Freiheit
Ben Ansell stellt fest: „Vielleicht ist das grundlegendste menschliche Bedürfnis, sicher zu sein und zu überleben. Wenn wir uns auf irgendetwas einigen können, dann darauf, dass wir alle am Leben und gesund bleiben wollen.“ In weltweiten Umfragen gaben 70 Prozent der Menschen an, dass ihnen Sicherheit wichtiger sei als Freiheit, wobei der Anteil in Ländern, in denen akut Krieg herrschte, am höchsten war. Für den größten Teil der Menschheitsgeschichte gehörte kriegerische Gewalt zu den tragischen Gewissheiten des Lebens. Doch in den letzten Jahrzehnten, bis zur russischen Invasion in der Ukraine, waren Kriege zwischen Staaten selten geworden. Auch der Alltag ist sicherer geworden als früher. Über die längste Zeit der Menschheitsgeschichte hinweg wurde der Frieden durch „Selbsthilfe“ aufrechterhalten – wir fingen unsere Verbrecher selbst. Ben Ansell ist Professor für Politikwissenschaften am Nuffield College der Universität Oxford.
Es gibt verschiedene Formen antiwestlicher Rhetorik
In der Welt von heute gibt es einen starken Widerstand gegen die „Verwestlichung“. Amartya Sen erklärt: „Er kann in der Form auftreten, dass man Ideen meidet, die als „westlich“ gelten, obwohl sie historisch in vielen nicht-westlichen Gesellschaften florierten und Teil unserer gemeinsamen Vergangenheit sind.“ Es ist beispielsweise nichts ausschließlich „Westliches“ daran, die Freiheit zu schätzen und den öffentlichen Diskurs zu verteidigen. In anderen Gesellschaften kann man jedoch eine negative Haltung zu ihnen erzeugen, indem man sie als „westlich“ abstempelt. Das lässt sich an verschiedenen Formen antiwestlicher Rhetorik beobachten. Das fängt an bei der Befürwortung „asiatischer Werte“ und endet bei der Behauptung, „islamische Ideale“ müssten allem, wofür der Westen steht, zutiefst feindlich gesonnen sein. Amartya Sen ist Professor für Philosophie und Ökonomie an der Harvard Universität. Im Jahr 1998 erhielt er den Nobelpreis für Ökonomie.
Die Rechten in den USA haben sich der Freiheitsrhetorik bemächtigt
Joseph Stiglitz betont: „Freiheit ist ein menschlicher Grundwert. Aber viele Freiheitsbefürworter fragen nur selten, was diese Idee eigentlich bedeutet.“ Freiheit für wen? Was geschieht, wenn die Freiheit einer Person auf Kosten derjenigen einer anderen geht? Der in Oxford lehrende Philosoph Isaiah Berlin brachte dies einmal folgendermaßen auf den Punkt: „Die Freiheit der Wölfe hat oftmals den Tod der Schafe bedeutet.“ Die politische Rechte in den Vereinigten Staaten hat sich vor einigen Jahrzehnten der Freiheitsrhetorik bemächtigt und sie für sich reklamiert, genauso wie sie Patriotismus und die amerikanische Flagge für sich reklamiert. Joseph Stiglitz war Professor für Volkswirtschaft in Yale, Princeton, Oxford und Stanford. Heute lehrt er an Columbia University in New York und ist ein weltweit geschätzter Experte zu Fragen von Ökonomie, Politik und Gesellschaft.
Freiheit ist ein Hochwert der europäischen Kultur
Neben Demokratie ist sicher Freiheit ein Hochwert der europäischen Kultur und wurde auch erfunden im Kontext mit jener. Denn Demokratie setzt ja Wahlfreiheit voraus. Diese wiederum die Möglichkeit zur freien Wahl. Mithin ist Freiheit die Bedingung der Möglichkeit von Demokratie und Demokratie deren Erfüllung. Silvio Vietta ergänzt: „Es versteht sich, dass damit auch die anderen bisher genannten Werte: Eigenständiges Denken, Wahrheitsliebe, Kritikfähigkeit mit ins Boot gehören.“ Freiheit steht also im Kontext anderer Werte, die sie flankieren, und wiederum ist es Freiheit, die jene Werte erst möglich macht. Denn Freiheit bedeutet ja immer auch eine Entscheidung zwischen guten oder schlechten Alternativen, zwischen Wahrheit und Unwahrheit, damit kritisches, nämlich unterscheidendes Denken. Prof. em. Dr. Silvio Vietta hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt.
Es gibt vier Tugenden gegen den Konformismus
Das neue Philosophie Magazin 06/2025 widmet sich diesmal der Frage: Muss ich da mitmachen? Nicht dabei sein zu wollen, ist allerdings noch kein nonkonformes Verhalten. Dazu braucht es Gründe, die gerade nicht in der Mehrheitsmeinung zu finden sind. Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler beruft sich in ihrem Editorial auf Emmanuel Kant: „Der Nonkonformist bedient sich – hier und jetzt – des eigenen Verstandes, ohne Leitung eines anderen. Genau darin liegt seine Freiheit.“ Das kantische Selberdenken gilt jedoch in Zeiten der Großkrisen schnell als unsolidarischer Akt oder Verschwörungsglaube. Diese gefährliche Entwicklung unterdrückt das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Es gibt laut Ralf Dahrendorf vier Tugenden gegen den Konformismus. Die erste Tugend ist der Mut zur Freiheit in Einsamkeit. Dabei geht es darum, die Freiheit des eigenen Denkens und Handelns selbst dann noch zu verteidigen, wenn alle Lager mit Ausstoß reagieren.
Der Mensch ist zur Freiheit seiner Selbstwahl verurteilt
Im September 1945 kündigt Jean-Paul Sartre einen öffentlichen Vortrag an, dessen Titel „Der Existenzialismus und der Humanismus“ lautet. Dem größeren Publikum war er bis dahin eher als Schriftsteller des Romans „Der Ekel“ bekannt. Wolfram Eilenberger schreibt: „Bereits eine Stunde vor Beginn platzt der Saal aus allen Nähten. Nur mühsam bahnt Sartre sich einen Weg bis zum Podium. Vorbereitet hat er eine flammende Verteidigung seiner neuen Philosophie der Handlung – gegen deren weltanschauliche Kritiker von rechts wie links, also Katholiken und Kommunisten.“ Zugegeben bestand der Kern seines „Existenzialismus“ darin, jedes Subjekt als ein Wesen zu begreifen, das zur Freiheit seiner Selbstwahl verurteilt war. In seinem neuen „Geister der Gegenwart“ entwirft Wolfram Eilenberger ein großes Ideenpanorama der westlichen Nachkriegszeit. Dazu begibt er sich auf die Spuren von Theodor W. Adorno, Susan Sonntag, Michel Foucault und Paul K. Feyerabend.
Das moderne Verfassungsrecht garantiert Sicherheit und Freiheit
Staatsvorstellungen und staatliche Maßstäbe überwinden ein nur „natürliches“ Leben, inspirieren den Menschen im Recht und schützen ihn vor den Bedrängnissen der Natur. Sie werden von alters her durch gemeinsame Wertvorstellungen und aktuellen Mehrheitsentscheidungen bestimmt. Paul Kirchhof ergänzt: „Die Menschen leben in einer überkommenen, selbstverständlichen Ordnung, sehren den Zusammenhalt dieser Gemeinschaft in übereinstimmenden Wahrheiten und Wertungen.“ Sie brauchen aber für konkrete politische Entscheidungen Verfahren, in denen eine Mehrheit mit Verbindlichkeit auch für eine Minderheit entscheidet. Das moderne Verfassungsrecht schafft eherne Regeln, die Sicherheit und Frieden gewährleisten, Freiheit und Gleichheit garantieren, universale Menschenrechte und globale Verantwortlichkeiten für alle Menschen fordern. Dieser Auftrag errichtet, legitimiert und erhält den demokratischen sozialen Rechtsstaat. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg.
Die Französische Revolution war einzigartig
Jürgen Wertheimer schreibt: „14. Juli – Sturm auf die Bastille – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – Terror – Guillotine! Kaum ein historisches Ereignis hat sich derart fest in das kulturelle Gedächtnis Europas, da, der Welt, eingebrannt, wie das der Französischen Revolution.“ Für Viele ist sie bis heute Synonym für das Phänomen „Revolution“ schlechthin. Im Guten wie im Schlechten. Diese Revolution stand nicht einfach für Revolte, wilden Aufstand, Putsch. Sie war zwingende Konsequenz eines langwierigen gedanklichen Entwicklungsprozesses. Der 14. Juli wäre ohne diesen gewaltigen ideellen Überbau wirkungslos verpufft oder kurzerhand zusammengeschossen worden. Dies hatte man bei unzähligen Hungerrevolten seit je getan. Es gibt diverse Theorien klimakundlicher, ökonomischer und soziologischer Art, die das Phänomen dieser Revolution auf Ernteausfälle oder eine massive Finanzkrise zurückzuführen versuchen. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.
Die Rechte des Einzelnen haben Vorrang vor dem Gemeinwohl
Michael J. Sandel schreibt: „Ihren umfassendsten philosophischen Ausdruck fand die Version des Liberalismus, die Amerikas politische und verfassungsrechtliche Debatte in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmte, in den 1970er Jahren.“ Besonders in „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ von John Rawls. Gegen die utilitaristischen Annahmen, die weite Bereiche der angloamerikanischen Philosophie des 20. Jahrhundert beherrschten, brachte John Rawls vor, bestimmte Rechte des Einzelnen seien so wichtig, dass sie Vorrang vor Erwägungen zum Gemeinwohl oder zum Mehrheitswillen hätten. Somit seien „die auf der Gerechtigkeit beruhenden Rechte kein Gegenstand politischer Verhandlungen oder sozialer Interessenabwägungen“. Die Vorstellung, dass gewisse individuelle Rechte Vorrang vor utilitaristischen Erwägungen haben, ist natürlich nicht allein dem Liberalismus der prozeduralen Republik eigen. Michael J. Sandel ist ein politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Er zählt zu den weltweit populärsten Moralphilosophen.
Das Zeitalter des Wissens hat begonnen
Albert Wenger fordert in seinem Buch „Die Welt nach den Kapital“ ein bedingungsloses Grundeinkommen. Dabei handelt es sich um die ökonomische Freiheit, die Menschen von ihren existenziellen Zwängen befreit. Nur so können sie frei über ihre Aufmerksamkeit verfügen und diese in Freundschaften und Familie, in die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen sowie in die Schaffung von Innovationen investieren. Die Informationsfreiheit gewährleistet einen ungehinderten Zugang zu Wissen und damit dessen Weiterentwicklung. Sie erfordert ein Recht auf programmatische Interaktion mit Informationssystemen. Die psychologische Freiheit befähigt Menschen, in einer von Informationsüberflutung und algorithmischer Manipulation geprägten Welt rational zu denken und zu handeln. Diese drei Freiheiten verstärken sich gegenseitig. Und sie ermöglichen ein Wissenszeitalter, in dem nicht mehr das Kapital, sondern Aufmerksamkeit die wichtigste Ressource darstellt. Albert Wenger ist ein weltweit beachteter Investor.
In der Demokratie besteht eine Balance zwischen Freiheit und Gleichheit
Demokratie ist eine Frage des Augenmaßes. Ihre Qualität hängt vom möglichst klugen, aber nie ganz stimmigen Justieren der Machtbalance ab. Roger de Weck fügt hinzu: „Obendrein muss sie laufend auch ihre zwei wichtigsten herkömmlichen Ideale austarieren, die sich reiben: so viel Freiheit wie möglich, damit das Individuum gedeiht; so viel Gleichheit beziehungsweise solidarische Umverteilung wie nötig, damit das Gemeinwesen und seine benachteiligten Mitglieder vorankommen.“ Inzwischen ist dieser Ausgleich noch anspruchsvoller geworden, nämlich seit der epochalen Studie über „Die Grenzen des Wachstums“ die ihre Mitautoren Donella und Dennis Meadows 1972 am St. Galler Symposium vorstellten. Der Umweltgedanke hat sich seither durchgesetzt und das dritte Ideal der Französischen Revolution mit neuem Leben erfüllt: Der „fraternité“ verleiht die grüne Bewegung eine zeitgemäße Bedeutung. Roger de Weck ist ein Schweizer Publizist und Ökonom.
Der Neoliberalismus bedrohte die liberale Demokratie
Francis Fukuyama schreibt: „Die individuelle Autonomie wurde von den liberalen Rechten auf die Spitze getrieben, die dabei allerdings vor allem die wirtschaftliche Freiheit im Auge hatte. Sie wurde aber auch von den liberalen Linken extrem überhöht, die eine ganz andere Art von Autonomie anstrebt, bei der die individuelle Selbstverwirklichung im Mittelpunkt stand.“ Während der Neoliberalismus die liberale Demokratie bedrohte, indem er übermäßige Ungleichheit und finanzielle Instabilität verursachte, entwickelte sich der linke Liberalismus zu einer modernen Identitätspolitik, die durch einige ihrer Ausprägungen allmählich die Prämissen des Liberalismus selbst unterminierte. Das Konzept der Autonomie beziehungsweise der Selbstbestimmtheit wurde auf eine Weise verabsolutiert, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdete. Und in ihrem Dienst machten sich progressive Aktivisten daran, sozialen Druck auszuüben und die Macht es Staates auszunutzen, um Stimmen zum Schweigen zu bringen, die ihnen und ihrer Agenda kritisch gegenüberstanden. Francis Fukuyama ist einer der bedeutendsten politischen Theoretiker der Gegenwart.
Die Natur ist der Kultur entgegengesetzt
Anstatt Homo sapiens als Herrn der Schöpfung zu begreifen, ist es auch möglich, ihn als in alle möglichen Zusammenhänge verstricktes Tier zu sehen. Nämlich als Knotenpunkt in einem unendlich komplexen Geflecht aus auch changierenden Zuständen. Also als ein Wesen mit weniger Macht und Willensfreiheit, als es sich schmeichelnd zuspricht. Philipp Blom erklärt: „Den passiven Part bei all diesem Nachdenken über das Verhältnis zwischen Mensch und Natur spielt Letztere, die ich weiterhin so bezeichnen möchte, obwohl sich beide Begriffe im Laufe der Überlegungen auflösen werden.“ Die Schwierigkeit des Nachdenkens liegt schon in diesem Wort „Natur“ beschlossen. Obwohl man meinen sollte, dass sofort klar ist, was gemeint ist. Philipp Blom studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford. Er lebt als Schriftsteller und Historiker in Wien.
Der Exodus bindet die Befreiung an die Erfahrung
In der westlichen Kultur gibt es eine Verbindung von Freiheit und Selbstbewusstsein. Durch diese Bindung der Freiheit an das Freiheitsbewusstsein schlägt die griechisch-westliche Konzeption der Befreiung in neue Herrschaft um. Christoph Menke erklärt: „Sie reproduziert die Knechtschaft, gegen die sie sich richtet, in anderer, neuer Gestalt. In der Gestalt des Subjekts, das diese Befreiung hervorbringt.“ In dieser Sichtweise bleibt die Befreiung kraftlos, reproduziert sie die Knechtschaft, ja, ist die Befreiung nichts anderes als ein Mechanismus der Knechtschaft. Man muss sie daher von einer anderen Erzählung her weiterdenken und radikalisieren. Eine dieser anderen Erzählungen ist die jüdische Szene und Erfahrung: die Befreiung des Exodus. Der Exodus bindet die Befreiung nicht an das Bewusstsein, sondern an die Erfahrung. Christoph Menke ist Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
Den Liberalismus prägt die voluntaristische Vorstellung von Freiheit
Abgesehen von der Prämie der amerikanischen Macht hatte das Versprechen der Vorherrschaft in den Nachkriegsjahren noch eine tiefere Quelle – in der Philosophie des Öffentlichen im zeitgenössischen Liberalismus. Michael J. Sandel erklärt: „Dieser Liberalismus machte den Vorrang des Rechts vor dem Guten geltend; der Staat sollte gegenüber konkurrierenden Vorstellungen des Lebens neutral sein.“ Damit würde er die Menschen als freie und unabhängige Persönlichkeiten respektieren, die in der Lage seien, ihre eigenen Ziele zu wählen. Die voluntaristische Vorstellung von Freiheit, die diesen Liberalismus beflügelt, bietet eine befreiende Vision, das Versprechen einer Handlungsmacht, die scheinbar auch unter den Bedingungen konzentrierter Macht zu verwirklichen war. Michael J. Sandel ist ein politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Er zählt zu den weltweit populärsten Moralphilosophen.
Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt
Seiner Freiheit kann der Mensch nicht entrinnen. „Wir sind zu ihr verurteilt“, sagt Jean-Paul Sartre. Wenn man sie verleugnet und behauptet, dass man etwas nun einmal tun müsse oder nicht anders konnte, als dieses oder jenes zu tun, dann verleugnet man sich selbst. Ger Groot ergänzt: „Wir machen unser Handeln von etwas anderem abhängig, das uns dazu zwingt und machen uns selbst zu einem Ding.“ Nämlich zu einer Billardkugel, die willenlos fortrollt, wenn sie von einer anderen Billardkugel angestoßen wird. Diese Verleugnung der Freiheit ist unter der Würde des Menschen. Sie ist, sagt Jean-Paul Sartre: „Unaufrichtigkeit.“ Ger Groot lehrt Kulturphilosophie und philosophische Anthropologie an der Erasmus-Universität Rotterdam. Außerdem ist er Professor für Philosophie und Literatur an der Radboud Universität Nijmegen.
Epiktet hat sogar die moderne Psychotherapie beeinflusst
Epiktet lebte sehr bescheiden und verschrieb sich gänzlich seiner Philosophie. Er setzte den Weg seines Vorgängers Seneca als wichtigster Vertreter der jüngeren Stoa fort. Gerhard Gleißner weiß: „Wie Seneca übernahm er die von Sokrates vorgezeichnete Technik des Hinterfragens der Ereignisse und gab seinen Schülern dafür konkrete und einprägsame Beispiele an die Hand.“ Teilweise ergänzte er dabei Seneca, brachte aber andererseits sehr viele neue Aspekte mit ein. So formulierte er das wahrscheinlich bedeutendste stoische Prinzip, das die moderne Psychotherapie am stärksten beeinflusst hat und damit auch die größte Auswirkung auf unsere seelische und körperliche Gesundheit hat. Gerhard Gleißner bezeichnet diese Methode mit seinen eigenen Worten als „Vorstellungs- und Machtprüfung“. Dr. med. Gerhard Gleißner ist seit 2014 als Amtsarzt und Gutachter im öffentlichen Gesundheitsdienst tätig.
Demagogen werfen dem Establishment Volksferne vor
Liberale Demokratien müssen sich auf neue Aufgaben einstellen. Polarisierung? Roger de Weck stellt fest: „Angesagt und vonnöten ist das diametrale Gegenteil, um den Anforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen zu sein. Polarisierende und radikalisierende Politik taugt zum Machtgewinn, sonst zu gar nichts.“ Demagogen werfen dem Establishment Volksferne vor. Doch verrät ihre Faktenferne bis hin zu Faktenfreiheit, dass ausgerechnet die vorgeblich rechte „Realpolitik“ meilenweit von der Realität entfernt ist. Auf postfaktische Weise lässt sich die Gesellschaft radikalisieren, aber kein Ziel erreichen. Und das Reiseziel der Politik heißt jetzt in jeder Hinsicht: Einbezug. Die Ökologie ist ins Gefüge der demokratischen Institutionen einzubeziehen. Das Prinzip der Nachhaltigkeit ist in den republikanischen Dreiklang Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit einzuweben. Roger de Weck ist ein Schweizer Publizist und Ökonom.