In der animalischen Welt gilt Welpenschutz: Kinder können sich Grenzüberschreitungen erlauben, die unter Erwachsenen sanktioniert würden. Wolfgang Schmidbauer ergänzt: „Parallel dazu regiert ein elementares Selbstgefühl: Wer stärker ist, fürchtet Schwächere nicht, er geht entspannt mit ihnen um. Die animalische Mutter, in einer Gruppe von Kindern und Halberwachsenen sozialisiert, hat keinen Grund, sich vor ihrem Baby zu fürchten. Sie ist sich ihrer vitalen Überlegenheit sicher.“ In der zweiten Hälfte der vorigen Jahrhunderts entfaltete sich ein Streit, der in modifizierten Formen bis heute andauert. Die Pole des Streites sind auf der einen Seite die Interessen der Gesellschaft, auf der anderen die romantischen Bedürfnisse in den Familien. Damit beginnt auch die Angst vor Leistungsversagen eine unheilvolle Rolle zwischen Eltern und Kindern zu spielen. Wolfgang Schmidbauer gilt als einer der bekanntesten Psychoanalytiker Deutschlands.
Angst
Jedes Leben besitzt eine unantastbare Würde
Jeder Mensch hat Angst. Es ist normal, Angst vor Gewalt, Krieg, Armut, Einsamkeit und Tod zu haben. Rebekka Reinhard betont: „Weniger normal sollte es sein, Angst vor den anderen zu haben, die genauso fehleranfällig und liebesbedürftig sind wie man selbst.“ Eine menschliche Gesellschaft besteht aus Individuen unterschiedlichster Haar-, Haut-, Augenfarben und Gewichtsklassen mit oft sehr widersprüchlichen Ideen und Meinungen. Jeder Mensch ist einzigartig, jedes Leben besitzt eine unantastbare Würde, inklusive das „randständigste“. Eine Gesellschaft, deren Mitglieder die Basics der Humanität vor lauter Rauschen, in dem so viel Ideologie, Angst und Panik stecken, vergessen und nach und nach verlernen, jenseits aller Unterschiede und Widersprüche im Alltag konkret und unideologisch miteinander umzugehen, verlieren ihr Herz. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.
Spezifische Phobien können den Alltag massiv beinträchtigen
Am verbreitetsten unter den spezifischen Phobien ist die Angst vor Krabbeltieren wie Spinnen, gefolgt von Höhenangst, Angst vor Zahnbehandlungen und Angst vor Schlangen. Franca Cerutti stellt fest: „Menschen mit spezifischen Phobien werden häufig ein bisschen belächelt. Charakteristisch für diese Art von Phobien ist nun mal, dass der Auslöser bei anderen Menschen kaum Emotionen hervorruft.“ Das Ausmaß an Angst und der dringende Wunsch, die auslösenden Umstände zu vermeiden, kommt den Betroffenen selbst oft irrational und übertrieben vor. Und dennoch: Spezifische Phobien fußen auf biologischen Grundlagen und können den Alltag und die freie Entfaltung von Menschen massiv beeinträchtigen. Sie haben Krankheitswert. In ihrem Buch „Psychologie to go! Wie verrückt sind wir eigentlich?“ erklärt die Psychotherapeutin mit eigener Praxis und Podcasterin Franca Cerutti, was im Körper eines Menschen bei psychischen Erkrankungen, die oft unseren Alltag erschweren, konkret passiert.
Die Angst vor dem Tod wird von den meisten Menschen verdrängt
Tatsächlich sind gerade die Panikstörungen ein Hinweis darauf, dass die Angst vor dem Tod verdrängt wird. Heinz-Peter Röhr ergänzt: „Die plötzliche Todesangst, die gerade intensiv während des Anfalls erlebt wird, kann als deutlicher ernst zu nehmender Hinweis gesehen werden.“ Der moderne Mensch hat viele Methoden zur Verfügung, sich von dieser Urangst abzulenken, die jeweils doch nie perfekt funktionieren können: Konsum, Arbeit, Alkohol, Drogen, Hobbys, Reisen et. cetera. Der Mensch mit einer Panikstörung ist sozusagen der Symptomträger einer Gesellschaft, die mit allen Mitteln versucht, die Angst vor dem Tod zu verdrängen. Aus tiefenpsychologischer Sicht ist die Wurzel für die zunehmende Aggressivität in der westlichen Kultur hier ebenfalls zu suchen. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.
Eine Diagnose kann einen Patienten auch entlasten
In der Regel gehen Menschen zu Therapeutinnen, Coaches, Lebensberaterinnen und so weiter, weil sie fühlen, dass etwas nicht stimmt, sie etwas quält. Diana Pflichthofer ergänzt: „Aber sie haben für dieses Etwas keinen Namen. Dann ist es womöglich hilfreich, wenn es einen Namen bekommt, auch wenn es ein nicht zutreffender ist.“ Eine Diagnose kann auch entlasten, und dies umso mehr, als sie mit der Riesenwelle der Kognitiven Verhaltenstherapie annehmbare Angebote dafür gemacht werden, warum man X hat. Irgendwie hat man die Erkrankung „geerbt“, in den „Genen“, damit also von Geburt an. Das wird – missverstanden – so aufgenommen, dass die individuellen und gesellschaftlichen Lebensumstände nichts damit zu tun haben. Oder es handelt sich um eine Art „Fehlprogrammierung“. Dr. Diana Pflichthofer ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytikerin und Gruppenanalytikerin.
Die Angst ist die Mutter aller vermeintlich negativen Emotionen
Die Psychologin Susan David sagt: „Unwohlsein ist der Eintrittspreis für ein bedeutungsvolles Leben.“ Um diese Aussage und die dahinterstehende Biologie besser nachvollziehen zu können, lohnst sich für Maren Urner ein Blick auf die „Mutter aller vermeintlich negativen Emotionen“: die Angst. Warum haben wir Angst? Maren Urner meint nicht die Angst, dass die Frisur nicht richtig sitzt oder ob man im richtigen Moment das Falsche sagt. Sondern existenzielle Angst. Eine Angst, die zur Panik führen kann. Die einem die Kontrolle über den eigenen Körper entzieht. Evolutionsbiologisch gefragt: Warum hat sich Angst als Verhalten durchgesetzt? Das ist nur möglich, wenn ihr eine nützliche – im Sinne von überlebensförderliche – Aufgabe zukommt. Dr. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.
Die Mär von der „alternden Gesellschaft“ begleitet uns schon lange
Das neue Buch „Die erfundene Bedrohung“ von Andreas Hoffmann will nicht belehren, sondern eine Geschichte erzählen ohne surrenden Alarmton. Der Autor schreibt: „Sie werden sehen, wie leicht sich Angst einreden lässt, Sie werden sehen, dass die Angst oft überflüssig ist, und vielleicht sehen sie die Welt danach etwas positiver.“ Die Mär von der „alternden Gesellschaft“ begleitet uns schon lange – seit dem Zeitpunkt, zu dem die Wissenschaft unsere Lebenszeit verlängert hat. Wir leben länger, arbeiten kürzer, zeugen weniger Kinder und haben mehr Alte. Wir tun seit über 100 Jahren exakt das, was uns scheinbar bald in Verderben stürzen wird. Kein ein Thema zieht die Massen so an wie die Idee, dass wir die Dinge in Zukunft nicht geregelt bekommen. Andreas Hoffmann ist Journalist. Als diplomierter Volkswirt schreibt er über Sozial-, Gesundheits- und Wirtschaftspolitik.
Angst und Depressionen nehmen bei Jugendlichen stark zu
Jonathan Haidt stellt fest: „Der Anstieg von Angst und Depressionen bei Heranwachsenden lässt sich auf kein wirtschaftliches Ereignis und keinen politischen Trend zurückführen, das oder mir bekannt wäre. Zudem ist kaum einzusehen, warum eine Wirtschaftskrise Mädchen stärker treffen sollte als Jungen und Mädchen unter dreizehn stärker als irgendjemanden sonst.“ Eine andere oft gehörte Erklärung ist, die Generation Z sei deshalb so ängstlich und depressiv, weil sie sich wegen des Klimawandels sorgen, der ihr Leben stärker beeinflussen wird als das der älteren Generationen. Jonathan Haidt bestreitet nicht, dass sie sich zu Recht sorgen, doch er möchte darauf hinweisen, dass die einer Nation oder einer Generation drohenden Gefahren historisch gesehen nicht zu einer Zunahme psychischer Erkrankungen führen. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.
Zukunftsangst ist zu einem bedeutenden Phänomen geworden
Die Geschichte gleicht einer Fieberkurve: Zeiten der Euphorie wechseln mit Phasen tiefer Krisen. Inmitten allgemeiner Nervosität, hervorgerufen durch Angst, Apathie und sich zuspitzender Konflikte, zeigt das Buch „Ökonomie der Angst“ von Oliver Rathkolb, wie wichtig es ist, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Lektionen der Vergangenheit ernst zu nehmen, bevor sie sich wiederholen. Als sich Oliver Rathkolb mit den ersten Plänen für dieses Buch trug, dachte er noch, dass wir im Vergleich zur Zeit vor 1914 in einer vernünftigen und politisch kontrollierbaren neue Welt leben. Doch die Zeiten haben sich zum Schlechten hin gewendet. Es kam sogar noch schlimmer, als von Pessimisten prognostiziert. Russland hat sich zum Beispiel endgültig in eine brutale, aggressive Diktatur verwandelt. Oliver Rathkolb war langjähriger Vorstand und Professor des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien.
Das Rauschen des Informationsflusses wird immer lauter
Rebekka Reinhard schreibt: „Wir leben im Informationszeitalter, mitten im reißenden Fluss der Aktualitäten, die alle Aufmerksamkeit für sich beanspruchen: das Rauschen der Nachrichten, das Rauschen der Bilder, das Rauschen der Meinungen, das Rauschen der Widersprüche.“ Seit der Griff zum Handy, E-Mails, soziale Medien, WhatsApp und Podcasts so alltäglich wurden, seit sich öffentlich und privat, subjektiv und objektiv nicht mehr so leicht trennen lassen, wird das Rauschen des Informationsflusses immer noch lauter und schneller. Das große Rauschen ist der wichtigste Verbündet des Dauerdenkens. Es schiebt sich wie eine Barriere vor das wirkliche Leben und kann einen Menschen derart in den Bann schlagen, dass ihm die Haltung wegdriftet. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.
Jeder Mensch kennt negative Emotionen persönlich
Angst, Wut, Trauer und Hass gehören zu den klassischen Kandidaten für die Kategorie negativer Emotionen, die jeder Mensch in unterschiedlicher Form und Ausprägung sehr wahrscheinlich alle persönlich kennt, aber kein besonderes Verhältnis zu ihnen hat. Maren Urner fügt hinzu: „Stärker noch: Wir verwenden häufig einen großen Teil unserer Lebenszeit darauf, uns nicht zu intensiv mit ihnen zu beschäftigen zu müssen, geschweige denn, sie zu spüren.“ Wir bauen Häuser, ziehen Grenzen und schließen Verträge, um der Angst vor Kälte, Fremden und Verlusten zu begegnen. Wir geben uns zwei bis drei Tage, um zu trauern, wissen nicht so richtig, wohin mit Schmerz, Wut und Langeweile, und betäuben sie mit den unterschiedlichsten Formen der Unterhaltung und Ablenkung. Dr. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.
Feigheit ist eine umfassende und vielschichtige Erscheinung
Das neue Buch von Heidi Kastner ist als ein Essay über die Feigheit zu verstehen beziehungsweise über diejenigen Aspekte dieses Phänomens, die bei der Autorin wiederkehrend Unbehagen auslösen. Feigheit ist eine umfassende und vielschichtige Erscheinung, welche die Menschheit vermutlich seit Anbeginn begleitet und durchgängig negativ bewertet wurde. Feigheit kann als Persönlichkeitseigenschaft oder als Phänomen verstanden werden, das sich nur in spezifischen Situationen manifestiert, und bezeichnet ein Verhalten, das aus einer Kombination von Emotionen und kognitiver Bewertung resultiert. Eine besonders negative und sanktionsintensive Bewertung der Feigheit findet sich immer dort, wo in einer Gesellschaft gemeinsame Moralvorstellungen herrschen und feiges Verhalten andere gefährdet oder einer Bedrohung aussetzt, die durch gemeinsame Anstrengung abgewehrt werden muss. Die Psychiaterin und Primärärztin für forensische Psychiatrie leitet am Neuromed Campus des Kepler Universitätsklinikums die Abteilung für Forensische Psychiatrie.
Von der Zukunft erwarten die meisten Deutschen nicht viel
Vierundachtzig Prozent der Deutschen blicken 2022 pessimistisch in die Zukunft. Andreas Reckwitz fügt hinzu: „Dies ist das Ergebnis einer Studie der Universität Bonn, die außerdem zeigt, dass der Anteil derjenigen, die erwarten, dass es künftigen Generationen schlechter gehen wir, in den letzten Jahren beständig gewachsen ist.“ Auch wenn Meinungsumfragen mit Vorsicht zu genießen sind: Es ist bemerkenswert, wie stark sich negative gesellschaftliche Zukunftserwartungen seit den 2010er Jahren in vielen westlichen Ländern verfestigt haben. Auch bezogen auf die Problemlösungskompetenz liberaler Demokratien haben sich die Erwartungen flächendeckend eingetrübt: Einer Studie des an der Universität Cambridge angesiedelten Centre for the Future of Democracy zufolge ist bei der Mehrheit der Menschen in den westlichen Gesellschaften ein politischer Vertrauensverlust zu verzeichnen. Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Die Freiheit erschafft die Welt und ist unberechenbar
Wie kein anderer Philosoph vor ihm und nach ihm erst wieder Hannah Arendt hat Jean-Jacques Rousseau das Anfangenkönnen als die schlechthin belebende Kraft der Freiheit verstanden. Rüdiger Safranski erklärt: „Das ruhige Daseinsgefühl empfängt die Welt, die Freiheit aber erschafft sie. Freiheit bedeutet handeln und das Sein wachsen lassen, im Guten wie im Bösen. Durch Freiheit gewinnt man ein Selbstsein, das nicht in sich verschlossen bleibt, sondern aus sich herauskommt.“ Freiheit ist das schlechthin Überraschende. Freiheit macht es sogar möglich, sich selbst zu überraschen. Freiheit ist unberechenbar. Weil nun Jean-Jacques Rousseau so intim vertraut war mit der inneren Unabsehbarkeit und Unbestimmtheit der inneren Freiheit, konnte ihm nicht verborgen bleiben, dass es draußen die vielen Freiheiten der Anderen gibt und dass sich deshalb dort ungeheure Unbestimmtheiten auftun. Rüdiger Safranski arbeitet seit 1986 als freier Autor. Sein Werk wurde in 26 Sprachen übersetzt und mit vielen Preisen ausgezeichnet.
Ängste lassen sich in Freiheit verwandeln
Das neue Philosophie Magazin 03/2025 erforscht in seinem Titelthema das mächtige Gefühl der Angst. Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler schreibt: „Wer sich ängstigt, merkt, wie die Optionen schwinden. Handlungsmacht geht in Ohnmacht über. Viele Menschen werden ohne realen Anlass von extremer Angst übermannt.“ In Deutschland sind circa 10 bis 14 Prozent von einer Angststörung betroffen. In der existenziellen Philosophie indes hat die Angst eine andere Funktion. Sie ist keine Enge, sondern ein Schwindel, der einen Menschen angesichts seiner Freiheit erfasst. Existenziell ist der Mensch, weil nur er selbst seinem Dasein eine Sinn geben kann. Nichts und niemand kann ihm diese Last abnehmen. Wie große eine Bedrohung auch sein mag: Jeder Mensch hat immer die Freiheit, seine Angst zu überwinden, sich nicht durch sie bestimmen zu lassen. Das neue Philosophie Magazin zeigt daher Wege auf, Angst in Freiheit zu verwandeln.
Die Liebe ist das schwarze Loch aller moralischen Überlegungen
Emanuele Coccia weiß: „Dass es so schwer ist, über die Liebe – und damit über das Zuhause – nachzudenken, liegt allerdings nicht nur an der Zerbrechlichkeit und moralischen Blindheit unserer Kultur. Vielmehr ist die Liebe schon aufgrund ihrer Beschaffenheit das schwarze Loch aller moralischen Überlegungen.“ Denn sie ist der ethische Raum, in dem sich das Leben nicht auf Vorschriften, Gesetze oder Gewissheiten stützen kann. Der Grund dafür ist jedoch nicht ihr vermeintlich anarchisches Wesen, denn in Wahrheit gibt es nichts Strukturierteres als die Erfahrung der Liebe. Aber es ist eine besondere Struktur. In der Antike bezeichnete man moralische Kategorien wie diese üblicherweise als „Mysterien“, als Bereiche der Existenz also, in denen man sich nicht auf Wissen oder Gesetzmäßigkeiten verlassen kann, sondern in die man eingeweiht werden muss. Emanuele Coccia ist Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.
Ein offener Geist fördert die mentale Stärke und Gesundheit
„Kopf hoch!“ ist ein Sachbuch mit Ratgeberfunktion, in dem Volker Busch versucht, ausgehend von einer knappen gesellschaftlichen „Zeitdiagnose“ Möglichkeiten für einen besseren Umgang mit den psychischen Belastungen des Alltags zu beschreiben. Dabei konzentriert er sich auf die mentale Stärkung und die Stabilisierung. Hauptbestandteile dieses Buches sind Geist und Gehirn. „Kopf hoch!“ umfasst unter anderem einfach aufbereitete neurowissenschaftliche Fakten und therapeutisches Erfahrungswissen. Dieses Buch hat Volker Busch für Leser geschrieben, die angesichts ihrer aktuellen Lebensumstände in irgendeiner Weise belastet sind, ohne psychisch manifest krank zu sein. Er spricht diejenigen an, die im Laufe der letzten Zeit empfindsamer und weniger belastbar geworden sind, am Abend angespannt und gestresst sind, dünnhäutiger und reizbarer reagieren und schneller aus der Haut fahren als früher, nachdenklich geworden sind und viel grübeln oder ihre Leichtigkeit und Lockerheit im Leben vermissen. Prof. Dr. Volker Busch ist seit circa zwanzig Jahren als Arzt, Wissenschaftler, Autor und mehrfach ausgezeichneter Vortragsredner tätig.
Die Zukunft ist so real wie die Gegenwart
Florence Gaub vertritt in ihrem Buch „Zukunft“ die These, dass die Zukunft in den Gehirnen der Menschen so real ist wie die Gegenwart. Die Autorin schreibt: „Sie ist also nicht eine Zeit, die noch kommt, sondern ein individueller, kreativer, imaginärer und sinnlicher Prozess, bei dem eine zukünftige Realität erzeugt wird.“ Diese Fähigkeit bildet die Basis für Erwartungen, Entscheidungen und den freien Willen. Daher sind Menschen nicht nur Wesen, die durch ihre Fähigkeit zur Vernunft definiert sind. Sondern sie können gedanklich auch in die Zukunft reisen. Für Florence Gaub ist die Zukunft keine ferne Zeit, sondern etwas, das alle Menschen ständig erzeugen. Obwohl man das Wort Zukunft in der Regel in der Einzahl benutzt, ist sie eigentlich immer eine Vielzahl. Die Zukunft ist zudem alles, was sich Menschen über sie vorstellen können. Dr. Florence Gaub ist Politikwissenschaftlerin, Militärstrategin und Zukunftsforscherin. Sie leitet als Direktorin den Forschungsbereich NATO Defense College in Rom.
Angst ist in der Politik ein Tabu
Wenn Politiker über ihre Fehler sprechen, ist es ein bisschen so, wie wenn man Kandidaten im Bewerbungsgespräch nach ihren Schwächen fragt. Sie sagen irgendetwas, das so klingt wie eine Schwäche, aber in Wahrheit eine Stärke ist. Helene Bubrowski nennt Beispiele: „Ungeduld ist ein Klassiker oder: Ich bin so streng mit mir.“ Beliebt ist auch die Ausflucht in Koketterie. Angst ist in der Politik ein Tabu. Jeder Politiker trägt sie mit sich herum, aber man versteckt sie in der Handtasche, dem Aktenkoffer, Jutebeutel oder Rucksack. Wer würde schon einen Angsthasen wählen? Die meisten Politikberater geben die übliche Empfehlung, sich möglichst unangreifbar zu geben. Das hat auch einen Preis, den man nicht übersehen darf: Die Sprache wirkt seelenlos, sie kommt nicht mehr bei den Leuten an. Helene Bubrowski arbeitet als Politikkorrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Berliner Hauptstadtbüro.
Einst war Gott für das Schicksal verantwortlich
Wer hätte nicht schon mal versucht, dem Masterplan des Lebens auf die Spur zu kommen, dem Schicksal, dem Nicht-Wählbaren, dem Kontingenten? Fragen zu klären wie: Warum geschieht gerade dies mir, uns, ihnen? Der Mensch ist ein Warum-Wesen. Reinhard K. Sprenger erläutert: „Er sucht für jedes Phänomen eine Erklärung, eine Ordnung. Eine Ur-Sache. Und wenn er sie nicht findet, er-findet er eine.“ Früher war diese Ursache einsilbig: Gott. Wenn die Ernte ausblieb – Gott will uns strafen. Starb jemand zu früh – Gottes Wille. Hatte man Glück – Gott hat Gnade walten lassen. Den Extremfall etikettierte man als „Jüngsten Tag“. Man verbeuge sich vor dem Göttlichen, dem Unabänderlichen, was ein Mensch ist und wie ihm geschieht. Reinhard K. Sprenger, promovierter Philosoph, ist einer der profiliertesten Führungsexperten Deutschlands.
Der Tod ist noch immer mit einem Tabu belegt
Die meisten Menschen verdrängen und tabuisieren den Tod. Sofern es um den eigenen Tod geht und nicht um den Tod an sich. Michael Wolffsohn weiß: „Zur Kulturgeschichte der Menschheit gehört die Angst vor dem eigenen Tod ebenso wie vor dem Tod des oder der geliebten Menschen. Im Banne dieser Ängste lebt der Mensch heute, lebte er immer.“ Die „Angst vor dem Partnerverlust“ ist eine menschliche Urangst. Die Menschen sind von Natur aus gesellig und vertragen Einsamkeit in der Regel nicht sehr lange. Auch der Tod zerschneidet Bindungen und bringt für die Überlebenden die Gefahr der Vereinsamung. Hiergegen steuert die Kultur des Totengedenkens, auch natürlich die Zeremonie der Bestattung, kurz Trauer und Trauerrituale an sich. Prof. Dr. Michael Wolffsohn war von 1981 bis 2012 Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München.
Auf sprachliche Eskalation folgt wütender Protest
Als Manuel Macron zu Jahresbeginn 2022 davon gesprochen hat, Ungeimpften „auf die Nerven zu gehen“, hat er sprachliche oder strukturelle Gewalt gegen seine Staatsbürger angewendet. Als die Beschimpften sich mit Straßenprotesten dagegen wehrten, unterband man den Protest. Man verwies dabei auf die Gefährdung der öffentlichen Ordnung. Ulrike Guérot stellt fest: „Die – bewusste oder entglittene? – sprachliche Eskalation generiert also wütenden Protest, der dann der Vorwand ist, um staatlicherseits zu prügeln.“ Die Polizei wird zum Anwalt eines Systems, das sich im Recht glaubt. Ein Teufelskreis. Ein System, das strukturelle Gewalt anwendet, gewinnt immer. Zuvor war über Monate die Kommunikation zwischen Maßnahmenbefürworter und Gegner längst gerissen. Die einen haben eine scheinbare Mehrheit, die Wahrheit und die Moral sowieso. Seit Herbst 2021 ist Ulrike Guérot Professorin für Europapolitik der Rheinischen-Friedrichs-Wilhelms Universität Bonn.
Das Publikum der Tragödie erlebt eine Katharsis
Doch was ist mit den Tragödien? Sind sie Manifestationen des anthropologischen Universums des Weinens? Oder sind sie Ausdruck einer anderen „tragischen universellen Erfahrung? Identifizieren Tragödien einen Menschen mit sich selbst, wurzeln sie in Selbstmitleid? Ágnes Heller antwortet: „Es ist leicht zu erkennen, dass das Gegenteil der Fall ist. Auch in diesem Punkt war Aristoteles das Genie, das das Offensichtliche erfand. Das Publikum, Zielgruppe einer Tragödie, erlebt eine „Katharsis“. Katharsis ist die Befreiung von unseren eigenen Ängsten und unserem Selbstmitleid, die „Reinigung unserer Seele“ von der Identifikation mit uns selbst.“ Ágnes Heller, Jahrgang 1929, war Schülerin von Georg Lukács. Ab 1977 lehrte sie als Professorin für Soziologie in Melbourne. 1986 wurde sie Nachfolgerin von Hannah Arendt auf deren Lehrstuhl für Philosophie an der New School for Social Research in New York. Ágnes Heller starb am 19. Juli 2019 in Ungarn.
Der Tod flößt stets Angst ein
Oft begegnet man dem Tod als Strafe, besonders als Gottesstrafe. Michael Wolffsohn fügt hinzu: „Nie ist der Tod gewünscht oder erwünscht oder gar Erlösung. Bestenfalls „bitter“ ist der Tod. Stets flößt er Angst ein, auch wenn er nicht als Strafe gedacht ist.“ Besonders beängstigend war schon immer die Tatsache, dass auch die ganz Starken unter den Lebenden dem Tod nicht entrinnen können. Kurzfristig jedoch kann der Mensch sehr wohl dem Tod entrinnen, nicht jedoch langfristig. Alle sterben. Nicht nur der Tod ängstigt, das Sterben mindestens ebenso. Die Auferstehung der Toten ist die große Ausnahme und eben nicht menschenmöglich, sondern gottgewollt. Prof. Dr. Michael Wolffsohn war von 1981 bis 2012 Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München.
Es gibt verschiedene Formen der Freiheit
Die Freiheit zur Selbstgestaltung des eigenen Lebens hat je nach Lebenssituation und persönlichen Zielsetzungen einen unterschiedlichen Inhalt. Paul Kirchhof nennt ein Beispiel: „Als die Deutschen 1945 hungerten, nicht wussten, ob sie den nächsten Winter überleben und ob Krankheiten und Seuchen sie vernichten werden, begehrten die Befreiung aus existenzieller Not. Sie kämpften für die Normalität einer Mahlzeit, eines Mantels, einem Dach über dem Kopf.“ Vorher waren sie ständig von der Geheimen Staatspolizei und von Bombenangriffen bedroht. Jetzt sehnten sie sich nach einer Freiheit von Angst. Sind diese elementaren Bedürfnisse befriedigt, beginnt der Kampf um politische Freiheiten. Dieser wendet sich gegen Tyrannei und Sklaverei. Zudem fordert er eine Freiheit von Unterdrückung. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg. Als Richter des Bundesverfassungsgerichts hat er an zahlreichen, für die Entwicklung der Rechtskultur der Bundesrepublik Deutschland wesentlichen Entscheidungen mitgewirkt.