Die Gegenwart wird von einer Multi-Krise geprägt

Tatsächlich erinnert der zeitgenössische Moment, der oft als „Multi-Krise“ bezeichnet wird, an den Untergang des altern Roms, der sich über rund 300 Jahre erstreckte, also weit über ein Menschenleben hinaus. Kaum einer wird prognostizieren können, wohin die derzeitige Zeitenwende Europa und die Welt treibt. Ulrike Guérot erklärt: „Vier Faktoren, die gemeinhin als Auslöser für den Zerfall des Römischen Imperiums gelten: Dekadenz, äußere Bedrohung, Klima und Bürgerkrieg, lassen sich unschwer auch heute diagnostizieren, und dies entspricht mithin einer typischen Verbindung von Transformation und Katastrophe, dien phänotypischen Elementen jedes Krisengeschehens, das heute wie damals apokalyptisch daherkommt.“ Seit Herbst 2021 war Ulrike Guérot Professorin für Europapolitik der Rheinischen-Friedrichs-Wilhelms Universität Bonn. Ende Februar 2023 wurde ihr Arbeitsverhältnis wegen Verletzung wissenschaftlicher Standards durch die Universität Bonn gekündigt.

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Neue Ideen über Identität prägen die Gesellschaften des Westens

Wer sich über die Rolle sorgt, die Identität mittlerweile in den USA – und in geringerem, wenngleich schnell wachsenden Ausmaß, auch in Deutschland – spielt, der wird gern für seine ungesunde Fixierung auf den Kulturkampf, der in den sozialen Medien tobt, verlacht. Neue Ideen über Identität üben in Kanada, Großbritannien und den Vereinigten Staaten bereits enormen Einfluss aus. Yascha Mounk stellt fest: „Grundlegende Annahmen über Gerechtigkeit, den Wert von Gleichheit und die Bedeutung von Identität haben sich in tiefgreifender Weise verändert.“ Im Streit um diese Ideologie geht es um nicht mehr oder weniger als die Regeln und Prinzipien, welche die Gesellschaften des Westens in den nächsten Jahrzehnten prägen werden. Yascha Mounk ist Politikwissenschaftler und lehrt an der Johns Hopkins Universität in Baltimore.

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Rechtspopulisten stellen eine Bedrohung für die Demokratie dar

Yascha Mounk schreibt: „Der Aufstieg der illiberalen Rechten ist die erstaunlichste Entwicklung des vergangenen Jahrzehnt. In meinen letzten beiden Büchern „Der Zerfall der Demokratie“ und „Das große Experiment“, habe ich geschildert, wie breite Teile der politischen Rechte sich nach und nach eine Spielart des autoritären Populismus zu eigen gemacht haben.“ Diese Demagogen stellen heute, von Ungarn bis nach Indien und die Vereinigten Staaten, eine existenzielle Bedrohung der Demokratie dar. Lange wurde der Aufstieg der Rechtspopulisten kaum zur Kenntnis genommen. Spätestens seit 2016 ist das Thema jedoch in allen westlichen Demokratien ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerückt. In den vergangenen Jahren gab es deshalb eine wahre Flut von Arbeiten über jeden Aspekt des Populismus. Yascha Mounk ist Politikwissenschaftler und lehrt an der Johns Hopkins Universität in Baltimore.

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Das Rauschen des Informationsflusses wird immer lauter

Rebekka Reinhard schreibt: „Wir leben im Informationszeitalter, mitten im reißenden Fluss der Aktualitäten, die alle Aufmerksamkeit für sich beanspruchen: das Rauschen der Nachrichten, das Rauschen der Bilder, das Rauschen der Meinungen, das Rauschen der Widersprüche.“ Seit der Griff zum Handy, E-Mails, soziale Medien, WhatsApp und Podcasts so alltäglich wurden, seit sich öffentlich und privat, subjektiv und objektiv nicht mehr so leicht trennen lassen, wird das Rauschen des Informationsflusses immer noch lauter und schneller. Das große Rauschen ist der wichtigste Verbündet des Dauerdenkens. Es schiebt sich wie eine Barriere vor das wirkliche Leben und kann einen Menschen derart in den Bann schlagen, dass ihm die Haltung wegdriftet. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.

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Die Maske des Geldes verdunkelt das Netz menschlicher Beziehungen

Die verschiedenen Ebenen der Verbundenheit von Menschen werden allerdings durch zwei Faktoren, die in der Geschichte eng zusammenhängen, verschleiert: die technokratische Ideologie und die Herrschaft des Geldes Fabian Scheidler nennt ein Beispiel: „Wenn ich über genügend Geld verfüge, kann ich zum Beispiel glauben, ich sei als souveränes, unabhängiges Individuum in eine Laden gegangen und habe mir von einem anderen autonomen Wirtschaftssubjekt einen Computer gekauft.“ Doch diese Art, die Geschichte zu erzählen, blendet das große Netzwerk von Beziehungen zwischen Menschen und natürlichen Systemen aus, ohne die es weder einen Computer noch eine Laden, noch das Geld in meiner Tasche geben würde. Das Geld, das zusammen mit dem Atomismus im antiken Griechenland entstanden ist, nährt die Illusion, es gebe so etwas wie isolierte Individuen. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.

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Durch Messungen und Berechnungen lassen sich Erkenntnisse gewinnen

Das Universum ist eine Maschine, und deren Bestandteile können gemessen werden – das ist eine der Grundannahmen der mechanistischen Ideologie. Mattias Desmet weiß: „Messungen und Berechnungen sind das Fundament ihrer Art und Weise, Erkenntnisse zu gewinnen. Und dieses epistemologisches Ausgangspunkt hat Folgen für das gesellschaftliche Idealbild.“ Das ist an diese Ideologie gekoppelt und lässt sich in etwa so beschreiben: Die Gesellschaft wird idealiter von Experten-Technokraten geführt, die auf der Grundlage objektiver, zahlenmäßiger Informationen Entscheidungen treffen. Mit der Coronakrise kommen wir einer solchen Gesellschaft plötzlich sehr nahe. Diese Krise ist daher auch ein prädestinierter Fall, um das Vertrauen in Messungen und Zahlen einer kritischen Analyse zu unterwerfen. Mattias Desmet ist Professor für Klinische Psychologie an der Abteilung für Psychoanalyse und klinische Beratung der Universität Gent.

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Die Identitätssynthese ist eine gefährliche Idee

In seinem neuen Buch „Im Zeitalter der Identität“ setzt sich Yascha Mounk mit dem wachsenden Einfluss neuer Ideen von der Rolle der Identität kritisch auseinander. Yascha Mounk schreibt: „Wie ich es darstelle, haben wir in den letzten Jahren nichts weniger als die Geburt einer neuen Ideologie erlebt – einer Ideologie, die weithin als „woke“ bekannt ist, obwohl ich den Begriff der „Identitätssynthese“ für trefflicher halte.“ Die Identitätssynthese wendete sich von Anfang an ausdrücklich gegen die Werte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Sie peilt eine Gesellschaft an, in der Kategorien wie das Geschlecht, die Hautfarbe und die sexuelle Orientierung nicht etwa an Bedeutung verlieren – sondern stets bestimmen, wie sich Menschen einander wahrnehmen und behandeln. Yascha Mounk ist Politikwissenschaftler und lehrt an der Johns Hopkins Universität in Baltimore.

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Die überwiegende Mehrheit will die liberale Demokratie

Liberale Demokratien können ein Vorbild und zuweilen ein Schreckbild abgeben. Trotzdem möchte, quer durch die europäischen Mentalitäten, nur eine winzige Minderheit die demokratische Epoche beenden, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann. Roger de Weck fügt hinzu: „Die überragende Mehrheit will die wirkliche, die liberale Demokratie. Wobei viele spüren, ohne diesem Gefühl eine klare Richtung geben zu können: Wie bisher sollte es nicht weitergehen.“ Das Emporschnellen der Autoritären ist eine Warnung und bald eine ernste Gefahr, falls das Alarmzeichen übersehen wird. Die Erfahrung der Hybris und Inkompetenz von Autoritärdemokraten ist aber gleichzeitig eine Chance – ein Ansporn, sich um die Zukunft einer handlungsfähigen liberalen Demokratie zu bemühen. Kommt erst einmal noch mehr Autoritarismus? Roger de Weck ist ein Schweizer Publizist und Ökonom.

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Die Arbeit am Mythos ist niemals abzuschließen

Markus Gabriel unterscheidet in seinem Buch „Fiktionen“ zwischen Mythologie, Ideologie und Fiktion. Mythologie ist dabei die Wirksamkeit impliziter Vorbilder, was auf der Vorstellungsebene historisch in der Form eines theogonischen Bewusstseins aufscheint. In der Gegenwart besteht sie nicht zuletzt in Superheldenmythen und sonstigen Mythen des Alltags fort. Für den Philosophen Hans Blumenberg ist die Arbeit am Mythos niemals abzuschließen. Die Mythologie kann in einer Form auftreten, in der man die Wirklichkeit der Normen in eine archaische Vergangenheit verlegt. Markus Gabriel erklärt: „Dieser Vorgang macht uns potenziell zum Opfer einer Mythologie.“ Nämlich indem er ein Vorbild des Menschseins generiert, das in der Gegenwart handlungswirksam wird. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

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Es gibt viele Spielarten des Rassismus

Der Begriff „Rassismus“ ist für viele in Deutschland ein rotes Tuch für den gerne extremistische Menschen verantwortlich gemacht werden. Man redet nicht gerne darüber, weil viele ihn mit den Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus assoziieren. Hadija Haruna-Oelker weiß: „Doch finden sich rassistische Menschen, Strukturen und Sprache bis heute in unserer Mitte. Rassismus zeichnet sich durch seine Permanenz, Vielgestaltigkeit und Widersprüchlichkeit aus.“ Nach dem Soziologen Robert Miles machte man mit dem Rassismus-Begriff erstmals auf die rassistischen Vorgänge im 18. und 19. Jahrhundert aufmerksam. Das damalige Europa war das Zentrum in der Entstehung rassistischer Ideologie. Er etablierte sich als europäische Denktradition unter dem Schirm der Wissenschaft. Hadija Haruna-Oelker lebt als Autorin, Redakteurin und Moderatorin in Frankfurt am Main. Hauptsächlich arbeitet sie für den Hessischen Rundfunkt.

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Rechte Parteien verbrüdern sich

Bis vor Kurzem arbeiteten die Führungen der nationalistischen und identitäre Parteien Europas kaum zusammen. Anders als die Christdemokraten und Konservativen, die mit ihrer Zusammenarbeit die Europäische Union schufen, sind die nationalistischen Parteien in ihrer jeweils eigenen Geschichte verwurzelt. Anne Applebaum weiß: „Die französischen Rechte hat ihre fernen Ursprünge im Vichy-Regime. Die nationalistische Rechte Italiens stand lange unter dem Einfluss der geistigen Erben von Benito Mussolini.“ Darunter befand sich auch die Enkelin des Diktators. Die polnische PiS begründet sich im Flugzeugabsturz von Smolensk und ihrem eigenen historischen Wahn. Versuche der Verbrüderung scheiterten oft an alten Streitfragen. Die Beziehung zwischen der italienischen und der österreichischen Rechten ging in die Brüche, als die Rede auf die Zugehörigkeit von Südtirol kam, das früher österreichisch war. Anne Applebaum ist Historikerin und Journalistin. Sie arbeitet als Senior Fellow an der School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University.

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Die Aufklärung suchte nach Gewissheiten

Die europäische Aufklärung ist ganz durchtränkt vom Geiste der Kritik. Vor allem die aufklärerische Bibelkritik hat das kritische Denken damals sogar in die Religion getragen. Denn sie arbeitete die historischen und subjektiven Bedingungen der Entstehung von Bibeltexten heraus. Dadurch wurde der Anspruch einer direkten Gottesbotschaft durch diese Forschungen zur Historizität der Bibel stark relativiert. Silvio Vietta erläutert: „Die Aufklärung verfolgte dann auf der Grundlage der Erkenntnisse neuzeitlicher Naturwissenschaften über den Kosmos und auch Menschen das Ziel, endlich klar zwischen falschen und richtigen Urteilen über die Welt zu unterscheidenden. Sie suchte in Bezug auf die Wahrheit nach „Gewissheit“. Der Vorreiter dieser Denkbewegung war René Descartes. Prof. em. Dr. Silvio Vietta hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt.

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Die große Lüge ist auf Gewalt angewiesen

Von George Orwell bis Arthur Koestler waren europäische Autoren des 20. Jahrhunderts besessen vom Gedanken der großen Lüge. Dabei handelt es sich um das ideologische Gebäude des Kommunismus und des Faschismus. Da gab es die Plakate, die Treue gegenüber Partei und Führer verlangten, die marschierenden Braun- und Schwarzhemden, die Fackelzüge und die Geheimpolizei. Anne Applebaum weiß: „Die große Lüge war derart absurd und unmenschlich, dass sie nur mit Gewalt durchzusetzen und aufrechtzuerhalten war.“ Sie verlangte Zwangsbildung, absolute Kontrolle über die Natur und die Instrumentalisierung von Journalismus, Sport, Literatur und Kunst. Die polarisierenden politischen Bewegungen des 21. Jahrhunderts brauchen dagegen keine Massenbewegung. Anne Applebaum ist Historikerin und Journalistin. Sie arbeitet als Senior Fellow an der School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University.

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Es gibt nicht die eine deutsche Geschichte

Helmut Walser Smith beschreibt in seinem neuen Buch „Deutschland“ die Geschichte der deutschen Nation von 1500 bis in die Gegenwart. Dabei hält er die Idee des Nationalstaats und die Ideologie des Nationalismus hellsichtig auseinander. Imaginationen von Deutschland und deutsche Wirklichkeit stoßen in seinem Werk hart aufeinander. Die nationalistischen Exzesse des Dritten Reichs im 20. Jahrhundert schildert Helmut Walser Smith ebenso eindringlich wie schonungslos. Seine klugen Gedanken über Deutschland und das Erbe seiner Vergangenheit reichen bis hin zur Bundestagsrede von Navid Kermani und den aktuellen Versuchen der Alternative für Deutschland (AfD), sich der deutschen Geschichte zu bemächtigen. Für den australischen Historiker Christopher Clark ist das Buch eine Pflichtlektüre für jeden, der sich für Deutschlands Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft interessiert. Helmut Walser Smith lehrt Geschichte an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee.

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Nadav Eyal kennt die Vorboten der Revolte

Die aktuelle Globalisierung schritt schnell voran und der Einfluss globaler Beziehungen auf das Leben der Menschen nahm zu. Gleichzeitig wuchs auch die Opposition dagegen. Nadav Eyal erklärt: „Diese hat viele Gesichter: Anarchisten, Umweltschützer, Marxisten, Populisten und zahlreiche andere. Der härteste und älteste Kern der Revolte ist der Fundamentalismus.“ Manchmal kämpft er gegen die wissenschaftliche Revolution, und stets wettert er gegen die Ideen der Aufklärung und bedauert die Folgen der industriellen Revolution.“ Er schöpft seine Kraft nicht nur aus Ignoranz und Armut. Sondern er bezieht sie auch aus einem stark empfundenen Bedeutungs- und Identitätsverlust, aus der Entfremdung in der globalen Welt. Im Herbst 2008 begann die Weltwirtschaft zusammenzubrechen. Es war ein Kollaps mit lautem Getöse. Nadav Eyal ist einer der bekanntesten Journalisten Israels.

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Die Kritische Theorie ist aktueller denn je

Die „Kritische Theorie“ ist das Thema der neuen Sonderausgabe 19 des Philosophie Magazins. Die Chefredakteurin Catherine Newmark schreibt in ihrem Editorial: „Das innige Zusammenwirken von Theorie und Praxis, von Verstehen und Handeln, ist sicherlich eines der Hauptmerkmale der sogenannten „Kritischen Theorie“, auch bekannt als „Frankfurter Schule“, angefangen bei ihren Gründungsvätern Theodor W. Adorno und Max Horkheimer – und bis heute.“ Was die Überlegungen derjenigen antreibt, die sich dieser philosophischen Denkrichtung verpflichtet fühlen, ist der Stachel der Unzufriedenheit. Den Auftakt der Sonderausgabe macht ein großes Interview mit Jürgen Habermas, der zu den bedeutendsten Philosophen der Gegenwart zählt. An der aktuellen Politik kritisiert er, dass sie auf Orientierung, Gestaltungswillen und Perspektive verzichtet. Sie passt sich opportunistisch der wachsenden Komplexität der beunruhigenden Verhältnisse an – ohne noch erkennbar irgendetwas zu wollen.

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Es gibt keine absoluten Wahrheiten

Die beste Wahrheitstheorie ist für Silvio Vietta die „Theorie der Richtigkeit“. Wahr ist eine Erkenntnis oder ein Satz, wenn er dem Sachverhalt, den er beschreibt, auch entspricht. Die heutige Wissenschaft weiß, dass es bei komplexen Sachverhalten keine absoluten Wahrheiten gibt. Wohl aber gibt es Annäherungen an wahrheitsgemäße Beschreibungen. Diese bewegen sich allerdings zumeist auf einem abstrakten Niveau der Formelsprache. Der österreich-britische Philosoph Karl Popper schlägt daher vor, wissenschaftliche Theorien nur nach dem „Falsifizierbarkeits“-Kriterium zu unterscheiden. Aber gerade bei einfachen Wahrnehmungen von Tatsachen ist das Prinzip der Richtigkeit der Aussage fundamental für eine zivile Gesellschaft. Das gilt für die Bereiche Rechtsprechung, Politik, und die Öffentlichkeitsarbeit der Medien. Prof. em. Dr. Silvio Vietta hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt.

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Der Einparteienstaat wurde 1917 erfunden

Monarchie, Tyrannei, Oligarchie, Demokratie – diese Herrschaftsformen kannten schon Platon und Aristoteles vor über zwei Jahrtausenden. Doch der nicht freiheitliche Einparteienstaat wurde erst 1917 von Lenin in Russland erfunden. Heute ist er überall auf der Welt von China über Venezuela bis nach Zimbabwe zu finden. Anne Applebaum stellt fest: „Im Gegensatz zum Marxismus ist die illiberale Einparteienherrschaft keine Philosophie. Sie ist ein Mechanismus des Machterhalts und verträgt sich mit vielen Ideologien.“ Sie funktioniert, weil sie zweifelsfrei definiert, wer der Elite angehört – der politischen Elite, der kulturellen Elite, der finanziellen Elite. In den vorrevolutionären Monarchien Russlands und Frankreichs fiel das Recht zur Herrschaft der Aristokratie zu. Diese definierte sich über strenge Regeln der Heirat und der Etikette. Anne Applebaum ist Historikerin und Journalistin. Sie arbeitet als Senior Fellow an der School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University.

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Der Faschismus war totalitär

Der Aufstieg politischer Regime mit dem Anspruch, das gesamte Leben der Bürger uneingeschränkt zu bestimmen und zu kontrollieren, zählt zu den bemerkenswertesten Kennzeichen des 20. Jahrhunderts. Der italienische Faschistenführer Benito Mussolini schrieb im Jahr 1932: „Alles ist im Staat beschlossen und nichts Menschliches oder Geistiges existiert außerhalb des Staates.“ In dieser Hinsicht erklärte er, sei der Faschismus totalitär. Der faschistische Staat dominiere als die Summe und Einheit aller Werte die Gesamtheit des Lebens. Christopher Clark stellt fest: „Liberale Kritiker des italienischen Regimes erkannten schon bald die Ähnlichkeiten zwischen Mussolinis System und dem kommunistischen Regime in Russland.“ Amerikanische Politologen erkannten bei der Betrachtung der neuen europäischen Regime – seien sie stalinistisch, faschistisch oder nationalsozialistisch – eine qualitativ neue Form der Politik. Christopher Clark lehrt als Professor für Neuere Europäische Geschichte am St. Catharine`s College in Cambridge.

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Die Moderne will sich ständig selbst überwinden

Was die Moderne von anderen Epochen unterscheidet, ist zunächst ihre Ideologie. Alexander Grau erklärt: „Die Moderne ist die erste Epoche, die sich permanent selbst überwinden will. Paradoxerweise ist gerade deshalb die Moderne, die erste Epoche, die sich radikal selbst will.“ Die Antike wollte nicht antik sein, das Mittelalter nicht mittelalterlich, die Moderne aber will modern sein. Und modern sein bedeutet, fortschrittlich zu sein. Fortschritt bedeutet aber Zerstörung des Vorhandenen und Überlieferten. Exponent dieser Zerschlagung des Vorhandenen und Überlieferten ist das Bürgertum, die Bourgeoisie. Im Kommunistischen Manifest heißt es: „Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen ist, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört.“ Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist.

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Bildung sorgt für individuelles Glück

Dass sich Menschen und Gesellschaften durch Bildung verändern lassen, gehört zu den zentralen Mythen moderner Bildungsideologien. Konrad Paul Liessmann erläutert: „Vielen gilt Bildung als jenes Instrumentarium, mit dem nicht nur die Menschen ihr individuelles Glück finden, sondern mit dem man auch die sozialen, politischen und ökonomischen Probleme unserer Zeit lösen kann.“ Wer einen Menschen aus dem Netz rassistischer oder sexistischer Vorurteile befreien und zum Positiven verändern möchte, empfiehlt, ihn zu bilden. Wer eine Gesellschaft gerechter und friedlicher haben möchte, empfiehlt, damit in der Schule zu beginnen. Konrad Paul Liessmann stellt sich die Frage, ob Bildung hält, was man sich hier von ihr verspricht. Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann ist Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien und wissenschaftlicher Leiter des Philosophicum Lech.

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An der Oberfläche der Geschichte herrscht das Bewusste

Ein einfaches Modell ermöglicht eine geschichtliche Darstellung der menschlichen Gesellschaften und ihrer Veränderungen. Emmanuel Todd erläutert: „An der Oberfläche der Geschichte entdecken wir das Bewusste, die Wirtschaft der Ökonomen, die täglich in den Medien präsent ist und deren neoliberale Ideologie in einer merkwürdigen Rückbesinnung auf den Marxismus verkündet, dass sie das Ausschlaggebende sei. Zu diesem Bewussten, dem Schrillen, wie man sagen könnte, gehört natürlich auch die Politik.“ Etwas tiefer stößt man auf ein Unterbewusstes der Gesellschaft, auf die Bildung, eine Schicht, deren Bedeutung die Bürger und Kommentatoren erkennen, wenn sie an ihr reales Leben denken, während sich die orthodoxe Sicht weigert, vollauf anzuerkennen, wie entscheidend sie ist und wie stark sie auf die darüberliegende bewusste Schicht einwirkt. Emmanuel Todd ist einer der prominentesten Soziologen Frankreichs.

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Die Demokratie lebt von der Klugheit seiner Bürger

Für Silvio Vietta ist klar, dass die Demokratie als politische Verwaltungsform ein hohes Maß an Klugheit und eigener Denkarbeit seiner Bürger verlangt. Die antike Athener Demokratie ist nicht zuletzt daran zugrunde gegangen, dass ihre Bürger diese Form der politischen Klugheit nicht aufgebracht haben. Der große Kulturhistoriker Jakob Burckhardt nannte die Griechen ein „hochbegabtes Volk“. Jedoch agierte es in der Athener Demokratie auch politisch undiszipliniert und häufig geradezu chaotisch. Jakob Burckhardt beschreibt, wie sich dasjenige Volk in Athen von der ehrlichen Arbeit abwendet und an lauter Volksversammlungen und Gerichthalten gewohnt war. Dabei unterlag es einer völlig verdrehten und lüsternen Phantasie. Angetrieben durch eine Kultur der Korruption und „fake news“, verrieten die Athener schließlich sogar ihre eigenen Feldherren. Prof. em. Dr. Silvio Vietta hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt.

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Der mündige Intellektuelle ist der Aufklärung verpflichtet

Der mündige Intellektuelle verachtet Ideologien. Zumindest solche, die Gefolgschaft erfordern und die Preisgabe der intellektuellen Autonomie zum Wohle eines abgeschlossenen Weltbildes. Dieses kann in der Postmoderne auch gern widersprüchlich und torsohaft daherkommen. Ulf Poschardt fügt hinzu: „Der mündige Intellektuelle hat ein stark dynamisches und performatives Verständnis von Denken und Werk.“ Er versteht sein eigenes Reflexions- und Wissensniveau als Verpflichtung, Verantwortung zu übernehmen. Der mündige Intellektuelle ist dem Ideal des aufgeklärten Diskurses und Debatte verpflichtet. Er will nicht gefallen, sondern sortiert seine Anliegen entlang jener Anliegen, die in den entscheidenden gesellschaftlichen Debatten jeweils zu kurz kommen. Seine Differenziertheit folgt strategischen Überlegungen. Er muss seine eigene Position relativ zum Kurs des Ganzen definieren. Seit 2016 ist Ulf Poschardt Chefredakteur der „Welt-Gruppe“ (Die Welt, Welt am Sonntag, Welt TV).

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Die Gleichsetzung von Technik und Glück ist eine Ideologie

Die glücklichsten Menschen der Welt leben nicht im Silicon Valley. Sie leben in Norwegen, gefolgt von Dänemark, Island und der Schweiz. Richard David Precht stellt fest: „Für ein Land, in dem die Zukunft gemacht wird, getreu dem Google-Motto „Do the right thing“, liegen die USA mit Rang vierzehn nicht allzu gut im Rennen.“ Tendenz seit zehn Jahren fallend. Der Weltglücksbericht der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2017 bescheinigt den Vereinigten Staaten sogar eine Fehlkonditionierung. Wer nur auf Wirtschaftszahlen schaue, der mache seine Gesellschaft unsolidarisch und misstrauisch. Zudem forciert dies die Korruption, den sozialen Unfrieden und die ethischen Konflikte. Dass die Technik dem Menschen im Laufe der Zivilisation viele gute Dienste geleistet hat, werden allerdings nur wenige bestreiten. Der Philosoph, Publizist und Bestsellerautor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.

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