Jonathan Aldred weiß: „Ein großer Teil der Ungleichheit, den man heute in reicheren Ländern beobachtet, ist eher auf staatliche Entscheidungen als auf unumstößliche Marktkräfte zurückzuführen.“ Solche Beschlüssen kann man jedoch revidieren. Die Staaten des Westens sind in das Zeitalter der Automatisierung und künstlichen Intelligenz eingetreten. Das mache, wie manchmal zu hören ist, zunehmende Ungleichheit unvermeidlich. Das läuft im Wesentlichen daraus hinaus, dass die Computerfreaks, welche die Roboter konstruieren, und die 0,01 Prozent, denen sie gehören, unermesslich reich sein werden. Und die anderen arbeitslos. Aber nichts ist an einer so ungerechten gesellschaftlichen Entwicklung schicksalhaft vorbestimmt. Jonathan Aldred ist Direktor of Studies in Ökonomie am Emmanuel College. Außerdem lehrt er als Newton Trust Lecturer am Department of Land Economy der University of Cambridge.
Politik
Den meisten Menschen ist Sicherheit wichtiger als Freiheit
Ben Ansell stellt fest: „Vielleicht ist das grundlegendste menschliche Bedürfnis, sicher zu sein und zu überleben. Wenn wir uns auf irgendetwas einigen können, dann darauf, dass wir alle am Leben und gesund bleiben wollen.“ In weltweiten Umfragen gaben 70 Prozent der Menschen an, dass ihnen Sicherheit wichtiger sei als Freiheit, wobei der Anteil in Ländern, in denen akut Krieg herrschte, am höchsten war. Für den größten Teil der Menschheitsgeschichte gehörte kriegerische Gewalt zu den tragischen Gewissheiten des Lebens. Doch in den letzten Jahrzehnten, bis zur russischen Invasion in der Ukraine, waren Kriege zwischen Staaten selten geworden. Auch der Alltag ist sicherer geworden als früher. Über die längste Zeit der Menschheitsgeschichte hinweg wurde der Frieden durch „Selbsthilfe“ aufrechterhalten – wir fingen unsere Verbrecher selbst. Ben Ansell ist Professor für Politikwissenschaften am Nuffield College der Universität Oxford.
Rechtspopulisten stellen eine Bedrohung für die Demokratie dar
Yascha Mounk schreibt: „Der Aufstieg der illiberalen Rechten ist die erstaunlichste Entwicklung des vergangenen Jahrzehnt. In meinen letzten beiden Büchern „Der Zerfall der Demokratie“ und „Das große Experiment“, habe ich geschildert, wie breite Teile der politischen Rechte sich nach und nach eine Spielart des autoritären Populismus zu eigen gemacht haben.“ Diese Demagogen stellen heute, von Ungarn bis nach Indien und die Vereinigten Staaten, eine existenzielle Bedrohung der Demokratie dar. Lange wurde der Aufstieg der Rechtspopulisten kaum zur Kenntnis genommen. Spätestens seit 2016 ist das Thema jedoch in allen westlichen Demokratien ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerückt. In den vergangenen Jahren gab es deshalb eine wahre Flut von Arbeiten über jeden Aspekt des Populismus. Yascha Mounk ist Politikwissenschaftler und lehrt an der Johns Hopkins Universität in Baltimore.
In den USA herrscht ein schier auswegloser Sumpf
Joseph Stiglitz schreibt: „Über den schier ausweglosen politischen und wirtschaftlichen Sumpf nachzudenken, in den die Vereinigten Staaten geraten sind, kann Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Lähmung hervorrufen. Unsere Probleme sind untrennbar miteinander verflochten.“ Man weiß schlichtweg nicht, wo man ansetzen soll. Aber irgendwo müssen wir beginnen, und nicht gemessenen Schritts, sondern an allen Fronten. Zu diesem Zweck benötigen wir eine neue Politik. Unsere dysfunktionalen Abstimmungs- Repräsentationssysteme haben die Fehlfunktionen unseres politischen Systems noch verstärkt. Unser politisches System soll unsere Anschauungen, Überzeugungen und Meinungen in politische Maßnahmen umsetzen. Joseph Stiglitz war Professor für Volkswirtschaft in Yale, Princeton, Oxford und Stanford. Heute lehrt er an Columbia University in New York und ist ein weltweit geschätzter Experte zu Fragen von Ökonomie, Politik und Gesellschaft.
Die Klimakatastrophe zerstört die Lebensgrundlagen der Menschheit
Wissen und Information schützen manchmal nicht vor Realitätsverlust. Richard David Precht erklärt: „Unser Wissen um die Perspektivlosigkeit unseres Wirtschaftens und unsere alltägliche Besorgnis scheinen gleichsam auf zwei verschiedene kortikale Regionen verteilt zu sein.“ Es ist schon eine lehrreiche Betrachtung, sich vorzustellen, was wohl Bewohner eines anderen Planeten, die mit unbestechlichem Blick auf die Erde schauen, über den Geisteszustand und die Zivilisation das Homo sapiens denken müssen. Je unerbittlicher die ökologische Katastrophe voranschreitet und je lauter die Wissenschaftler warnen und ein radikales Umdenken fordern, umso sedierender wird die Politik. Ruhe und Optimismus verbreiten, scheint ihre oberste Maxime. Die alltägliche Aufregung, die in den reichsten Ländern der Welt immer heißer aufkocht, betrifft Kinkerlitzchen und Skandale um Personen. Der Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
Kein Land muss unter einer Autokratie leben
Anne Applebaum betont: „Autokratie ist ein politisches System, eine Methode, die Struktur der Gesellschaft zu gestalten, eine Form der Machtorganisation. Sie ist nicht erblich und wird nicht automatisch von einer bestimmten Kultur, Sprache oder Religion hervorgebracht. Kein Land ist dazu verdammt, für immer unter einem autokratischen System zu leben, genau wie in keinem Land die Demokratie für immer gesichert ist. Politische System verändern sich.“ Als Glasnost Ende der 1980er-Jahre eine öffentliche Debatte in Russland ermöglichte, waren viele Russen überzeugt, ihr Land könne sich verändern, ja, es stehe vor einem positiven historischen Umbruch, vielleicht sogar an der Schwelle zu einer freiheitlichen Demokratie. Die sowjetische Regierungszeitung „Iswestija“ verkündete: „Die lange niedergehaltenen Ideen von Demokratie und Freiheit gewinnen wieder an Dynamik.“ Die Historikerin und Journalistin Anne Elizabeth Applebaum zählt zu den profiliertesten Kritikerinnen autoritärer Herrschaftssysteme und russisches Expansionspolitik.
Die meisten Menschen denken in begrenzten Zeitdimensionen
Die meisten Menschen lokalisieren sich in größeren Zeit- und Raumdimensionen. Dabei denken sich nicht über das Leben jenseits ihrer vier Wände nach, geschweige denn jenseits der Landesgrenzen – und meist auch nicht darüber, ob gerade ein autoritäres Regime aufzieht wie Wetterleuchten am Horizont. Ulrike Guérot schreibt: „Dass die meisten Landesgrenzen früher anders gezogen waren, dass man vor wenigen Jahrzehnten nicht in einer Demokratie gelebt hat, dass es Könige gab und gibt, Freiheit und Friede keine Selbstverständlichkeiten sind, dass das Geld vor 35 Jahren noch nicht Euro hieß und das Internet, so wie wir es heute kennen, erst rund fünfundzwanzig Jahre alt ist: Das alles überdenken die meisten nicht täglich auf ihrem Weg von zuhause ins Büro.“ Ulrike Guérot ist Politikwissenschaftlerin und Publizistin.
Es gibt verschiedene Formen antiwestlicher Rhetorik
In der Welt von heute gibt es einen starken Widerstand gegen die „Verwestlichung“. Amartya Sen erklärt: „Er kann in der Form auftreten, dass man Ideen meidet, die als „westlich“ gelten, obwohl sie historisch in vielen nicht-westlichen Gesellschaften florierten und Teil unserer gemeinsamen Vergangenheit sind.“ Es ist beispielsweise nichts ausschließlich „Westliches“ daran, die Freiheit zu schätzen und den öffentlichen Diskurs zu verteidigen. In anderen Gesellschaften kann man jedoch eine negative Haltung zu ihnen erzeugen, indem man sie als „westlich“ abstempelt. Das lässt sich an verschiedenen Formen antiwestlicher Rhetorik beobachten. Das fängt an bei der Befürwortung „asiatischer Werte“ und endet bei der Behauptung, „islamische Ideale“ müssten allem, wofür der Westen steht, zutiefst feindlich gesonnen sein. Amartya Sen ist Professor für Philosophie und Ökonomie an der Harvard Universität. Im Jahr 1998 erhielt er den Nobelpreis für Ökonomie.
Eine erzwungene Europäische Union kann leicht zerfallen
Einheit und Vielfalt sind Europas Yin und Yang, seine These und Antithese, die stetig auf der Suche nach ihrer schwer fassbaren Synthese sind. Timothy Garton Ash erklärt: „Drängt man zu sehr auf Einheit, beginnt die erzwungen Union zu zerfallen. Drängt man zu sehr auf Vielfalt, bekämpfen sich die Europäer am Ende gegenseitig.“ Irgendwann marschiert dann jemand ein, um das innere Chaos zu beseitigen. Das Heilige Römische Reich hielt sich gerade deshalb so lange, weil es eine tiefe, einigende Mystik mit dem kombinierte, was der Historiker Peter Wilson einen Rahmen nennt, „der lokale und besondere Freiheiten bewahrt und […] Vielfalt, Autonomie und Unterschiede respektiert“. Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University.
Die Rechten in den USA haben sich der Freiheitsrhetorik bemächtigt
Joseph Stiglitz betont: „Freiheit ist ein menschlicher Grundwert. Aber viele Freiheitsbefürworter fragen nur selten, was diese Idee eigentlich bedeutet.“ Freiheit für wen? Was geschieht, wenn die Freiheit einer Person auf Kosten derjenigen einer anderen geht? Der in Oxford lehrende Philosoph Isaiah Berlin brachte dies einmal folgendermaßen auf den Punkt: „Die Freiheit der Wölfe hat oftmals den Tod der Schafe bedeutet.“ Die politische Rechte in den Vereinigten Staaten hat sich vor einigen Jahrzehnten der Freiheitsrhetorik bemächtigt und sie für sich reklamiert, genauso wie sie Patriotismus und die amerikanische Flagge für sich reklamiert. Joseph Stiglitz war Professor für Volkswirtschaft in Yale, Princeton, Oxford und Stanford. Heute lehrt er an Columbia University in New York und ist ein weltweit geschätzter Experte zu Fragen von Ökonomie, Politik und Gesellschaft.
Freiheit ist ein Hochwert der europäischen Kultur
Neben Demokratie ist sicher Freiheit ein Hochwert der europäischen Kultur und wurde auch erfunden im Kontext mit jener. Denn Demokratie setzt ja Wahlfreiheit voraus. Diese wiederum die Möglichkeit zur freien Wahl. Mithin ist Freiheit die Bedingung der Möglichkeit von Demokratie und Demokratie deren Erfüllung. Silvio Vietta ergänzt: „Es versteht sich, dass damit auch die anderen bisher genannten Werte: Eigenständiges Denken, Wahrheitsliebe, Kritikfähigkeit mit ins Boot gehören.“ Freiheit steht also im Kontext anderer Werte, die sie flankieren, und wiederum ist es Freiheit, die jene Werte erst möglich macht. Denn Freiheit bedeutet ja immer auch eine Entscheidung zwischen guten oder schlechten Alternativen, zwischen Wahrheit und Unwahrheit, damit kritisches, nämlich unterscheidendes Denken. Prof. em. Dr. Silvio Vietta hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt.
Die öffentliche Sicherheit ist für alle da
Menschen wollen einfach, dass die Straßen sicher sind und sie sich frei auf ihnen bewegen können. Ned O ´ Gorman erklärt: „Öffentliche Sicherheit ist ein gutes Beispiel für ein Gemeingut, weil sie durch Kooperation verwirklicht werden kann und für alle da ist.“ Natürlich basieren sie auf einer Infrastruktur anderer Gemeingüter: gute Gehwege, ausreichende Straßenbeleuchtung, Ampeln, saubere Luft, nicht zu viel Lärm, freundliche Menschen, angemessene, aber nicht übertriebene Polizeipräsenz und die Freiheit von Rassismus oder anderen Formen der Belästigung. In Städten mit diesen Eigenschaften kann Politik die Kunst sein, durch die Bündnisse zum Erreichen dieser Ziele geformt wurden. In Städten, die diese Eigenschaften nicht haben, ist Politik die Kunst, durch die sie erreicht werden könnten. Ned O ´ Gorman ist Professor für Kommunikationswissenschaften an der University of Illinois.
Eigeninteresse ist für alle die wichtigste Motivation
Ray Dalio schreibt: „Eigeninteresse ist zwar für die meisten Menschen, Organisationen und Regierungen die wichtigste Motivation, doch dabei kommt es in erster Linie darauf an, welches Eigeninteresse hier die größte Rolle spielt – das des Einzelnen, der Familie, des Stammes – also der Gruppe –, der Regionen, des Landes, des Imperiums, der Menschen, aller Lebewesen oder des Universums?“ Das wichtigste Eigeninteresse eines Menschen ist dasjenige, welches er nach Kräften schützt und woran er sein Verhalten ausrichtet. Sind beispielsweise Menschen bereit, für ihr Land zu sterben, so dürfte dieses Land vermutlich besser geschützt sein, als wenn das Eigeninteresse des Einzelnen wichtiger genommen wird, denn dann würden diese Einzelnen für ihr Land kaum ihr Lebens aufs Spiel setzen. Ray Dalio ist Gründer von Bridgewater Associates, dem weltgrößten Hedgefonds. Er gehört mit zu den einflussreichsten Menschen der Welt.
Das sinnlose Sterben ist heutzutage weit verbreitet
Wir leben in einer Zeit zahlloser Gräueltaten und sinnlosen Sterbens, weshalb eine der großen ethischen und politischen Fragen heute lautet: Mit welchen Repräsentationsformen lässt sich diese Gewalt fassen? Judith Butler erklärt: „Für manche sind globale und regionale Behörden gehalten, verletzliche Gruppen zu identifizieren und zu schützen. Ich bin nicht gegen die zunehmende Feststellung von Gefährdungslagen in sogenannten Vulnerability Papers, die einer großen Zahl von Migranten Grenzübertritte ermöglichen, aber ich frage mich, ob man mit diesem Diskurs- und Machtinstrument wirklich zum Kern des Problems vorstößt.“ Die Kritik, nach der die Diskussion über „gefährdete Gruppen“ paternalistische Macht nur reproduziert und Behörden mit ihren eigenen Interessen und Einschränkungen Entscheidungsbefugnisse überträgt, ist inzwischen weithin bekannt. Judith Butler ist Maxine Elliot Professor für Komparatistik und kritische Theorie an der University of California, Berkeley.
Die Erderwärmung lässt sich nicht an nationalen Grenzen aufhalten
Der russische Angriff auf die Ukraine hat dazu geführt, dass endlich über eine gemeinsame europäische Sicherheitsarchitektur diskutiert wird. Immerhin diskutiert. Die Idee, Robert Menasse möchte sagen: die Einsicht in die Notwendigkeit, gibt es seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, al der französiche Ministerpräsident René Pleven vorschlug, eine europäische Armee und ein europäisches Verteidigungsministerium zu schaffen. Robert Menasse ergänzt: „Seither gab es für diesen Plan regelmäßig Umbenennungen, aber keinen signifikanten Fortschritt in der Umsetzung, der Plan wurde höchsten von einem Regal in der Abstellkammer in ein anderes Regal gelegt.“ Und die Nato-Beitritte von EU-Mitgliedsstaaten schienen auch jede weitere Diskussion obsolet zu machen. Es ist nüchtern betrachtet, schwer zu verstehen, dass sich europäische Staaten lieber unter US-Oberbefehl begeben, als ein souveränes europäisches Sicherheits- und Verteidigungssystem aufzubauen. Seit 1988 lebt der Romancier und kulturkritische Essayist Robert Menasse hauptsächlich in Wien.
Der Krieg ist unvorhergesehen nach Europa zurückgekehrt
Herfried Münkler schreibt: „Nur an die unvorhergesehene Rückkehr des Krieges nach Europa, und zwar des großen Krieges zwischen Staaten, können und wollen sich die meisten Deutschen nicht gewöhnen: die einen, weil sie nicht wollen, dass ein das Völkerrecht missachtender Krieg erfolgreich ist; die anderen, weil der zwischenstaatliche Krieg die Gefahr einer weiteren, womöglich nuklearen Eskalation in sich trägt und bei seiner Fortdauer eine räumliche Ausweitung zu befürchten ist.“ Einige von ihnen fordern, den Krieg möglichst umgehend durch Verhandlungen zu beenden, andere wollen dies sogar durch die Einstellung der deutschen Waffen- und Munitionslieferungen an die Ukraine erzwingen, wobei sie darauf setzen, dass die Ukraine innerhalb kürzester Zeit kapitulieren müsse. Herfried Münkler ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Viele seiner Bücher gelten als Standardwerke, etwa „Imperien“ oder „Die Deutschen und ihre Mythen“.
Die Selbstbestimmung verbindet den Liberalismus mit der Demokratie
Ein großer Konkurrent für den Liberalismus war der Kommunismus. Der Schutz der individuellen Selbstbestimmung gehört zu den wichtigsten Grundsätzen des Liberalismus und verbindet ihn mit der Demokratie. Denn dieser Schutz beinhaltet die Gleichheit vor dem Gesetz und das allgemeine Recht auf politische Mitwirkung sowie das Wahlrecht. Seit der Französischen Revolution bestehen starke Spannungen zwischen den Liberalen, die sich dem Schutz der Eigentumsrechte verpflichtet sehen, und einer Linken, die eine Umverteilung von Wohlstand und Einkommen durch einen starken Staat anstrebt. Francis Fukuyama nennt Beispiele: „In demokratischen Ländern wurden diese Zielsetzungen durch sozialistische oder sozialdemokratische Parteien vertreten, die sich auf die aufstrebende Arbeiterbewegung stützten, zum Beispiel die Labour Party in Großbritannien oder die SPD in Deutschland.“ Francis Fukuyama ist einer der bedeutendsten politischen Theoretiker der Gegenwart.
Russland und China wollen den Gang der Geschichte beeinflussen
Eine neue bi- oder tripolare Welt dürfte von einer stärkeren Partnerschaft zwischen Russland und China geprägt sein. Hans-Jürgen Jakobs stellt fest: „Beide Rohstoff-Monopolmächte verfolgen ihre eigenen Welteroberungsstrategien, beide stehen fest im Widerstand gegen die „regelbasierten Systeme“ des Westens mit unabhängiger Rechtsprechung, demokratischer Teilhabe und starken Institutionen, die in einem Gleichgewicht von „checks und balances“ nach Lösungen suchen.“ Solche Gewaltenteilung passt nicht zu den eigenen autokratischen Vorstellungen. Sie laufen im Falle von Russland auf einen Oligarchen-Kapitalismus hinaus, im Falle von China auf einen Daten- und Fortschritts-Kommunitarismus. Beide Länder nutzen dabei ihre strategischen Monopole, um den Gang der Geschichte zu beeinflussen – und zeigen wenig Skrupel, Wirtschaftspolitik als Machtpolitik und als Außenpolitik einzusetzen. Hans-Jürgen Jakobs ist Volkswirt und einer der renommiertesten Wirtschaftsjournalisten Deutschlands.
Ausgesprochene Tatsachen sind politisches Dynamit
Hannah Arendt stellt fest, „dass man der Staatsräson jedes Prinzip und jede Tugend eher opfern“ könne „als gerade Wahrheit und Wahrhaftigkeit“. Das liegt für Peter Trawny auf der Hand: „Indem sich die Politik im Element des Scheins und der Täuschung bewegt, wird die Wahrheit, die Anerkennung bestimmter Tatsachen, immer unverzichtbarer.“ Selbst in demokratischen Systemen etablieren sich Öffentlichkeiten, in denen zwar das Allermeiste sagbar bleibt, doch bestimmte Aussagen gesellschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen. Wie in totalitären Systemen scheinen Männer und Frauen bereit zu sein, sich selbst zu canceln, wenn es dem großen Ganzen dient. Die Disziplinierungen in Ost und West sind verschieden, doch beide wirksam. Ausgesprochene Tatsachen sind politisches Dynamit. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.
Die Vereinten Nationen verfügen über keine eigenen Ressoucen
Die Schlüsselfrage einer jeden unipolaren Ordnung lautet: Wer ist der „Herr“ und „Hüter“? Die Vorstellung einer globalen Ordnung mit den Vereinten Nationen an der Spitze funktionierte nicht, da die Weltorganisation über keine eigenen Ressourcen verfügt und darauf angewiesen ist, dass alles was sie zum Tätigwerden braucht, von den Mitgliedsstaaten zur Verfügung gestellt wird. Herfried Münkler weiß: „Diese sind dazu aber nur dann bereit, wenn das ihren eigenen Zielen und Interessen entspricht. Ist das nicht der Fall, üben sie sich in Zurückhaltung oder stellen gar die Zahlungen an die Vereinten Nationen oder ihre Unterorganisationen ein, zumindest drohen sie damit.“ Herfried Münkler ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Viele seiner Bücher gelten als Standardwerke, etwa „Imperien“ oder „Die Deutschen und ihre Mythen“.
In der Politik gilt das Recht des Stärkeren
Politik wird oft als Kampf beschrieben. Und es stimmt ja: In der Politik geht es um Macht, darum, was das Sagen hat. Helene Bubrowski fügt hinzu: „Und da alle Politiker ehrgeizig sind – das gehört zur Grundausstattung für diesen Beruf –, können Machtfragen in aller Regel nicht im kollektiven Gespräch entschieden werden. Es geht da nicht gerecht zu, es gilt das Recht des Stärkeren.“ Eigene Fehler kann da niemand gebrauchen. Deshalb gehen viele Politiker mit ehren Fehlern ähnlich um wie Andreas Scheuer: abstreiten, zum Gegenangriff ansetzen. Es sind eingeübte Muster, abgeguckt bei politischer Urvätern, auch deren große Zeit lange zurück liegt. Für CSU-Politiker ist Franz Josef Strauß immer noch ein Vorbild. Helene Bubrowski arbeitet als Politikkorrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Berliner Hauptstadtbüro.
Institutionen operieren nicht im luftleeren Raum
Vermittelnde Institutionen erfüllen ihre Aufgaben nicht automatisch von selbst. Und offensichtlich operieren sie nicht im luftleeren Raum. Jan-Werner Müller erklärt: „Sie sind vielmehr Teil von Systemen: Parteien bilden Parteiensysteme, Medien bilden Mediensysteme. Deren Struktur kann sich von Land zu Land beträchtlich unterscheiden.“ Welche Art von System jeweils entsteht, hängt ganz wesentlich von dem ab, was der US-amerikanische Soziologe Paul Starr „konstitutive Entscheidungen“ genannt hat. Konstitutive Entscheidungen sind niemals neutral. Sie sind nicht notwendig irreversibel, aber sie verfestigen sich. Und all jene, die von den bestehenden Regeln profitieren, versuchen ihnen neue Legitimation zu verschaffen, falls sie unter Druck geraten. Nicht nur das Parteiensystem, sondern auch das Mediensystem ist gleichfalls von konstitutiven Entscheidungen geprägt. Jan-Werner Müller ist Roger Williams Straus Professor für Sozialwissenschaften an der Princeton University.
Vor zwanzig Jahren hatten die Grenzen an Bedeutung verloren
Herfried Münkler schreibt: „Vor wenigen Jahren noch hätte man ein Buch über die Rolle Deutschlands in Europa und der Welt mitsamt den politischen Herausforderungen, denen sich die Deutschen stellen müssen, kaum mit einem Widerstreit der großen Mächte oder einem Umbruch der Macht in Verbindung gebracht.“ In einer vor zehn oder zwanzig Jahren verfassten Darstellung hätte das Thema des Bedeutungsverlusts von Grenzen und Grenzregimen dominiert, des Weiteren der ständig wachsende Austausch von Gütern und Wissen im globalen Rahmen. In der Darstellung hätte auch nicht die Vorbildfunktion von Schwellenländern bei der Überwindung von Armut und Rückständigkeit gefehlt, und das alles wäre obendrein von der Vorstellung des Fortschritts als analytischer Leitidee durchdrungen gewesen. Herfried Münkler ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Viele seiner Bücher gelten als Standardwerke, etwa „Imperien“ oder „Die Deutschen und ihre Mythen“.
Erziehung soll Tugenden vermitteln
Die wachsenden Zweifel an den Aussichten der Bürgertugend in den 1780er Jahren lösten zweierlei Reaktionen aus – die eine formativ, die andere prozedural. Michael J. Sandel erläutert: „Die erste war bestrebt, durch Erziehung und andere Mittel die Tugenden nachdrücklicher zu vermitteln. Die andere wollte Tugenden mit Hilfe von Verfassungsänderungen weniger notwendig machen.“ In seinem Vorschlag für öffentliche Schulen in Pennsylvania verlieh Benjamin Rush dem formativen Impuls starken Ausdruck. Er erklärte 1786, die einer Republik angemessene Erziehungsweise vermittle vorrangige Gefolgschaft für das Gemeinwohl: „Man möge unseren Schüler lehren, dass er sich nicht selbst gehört, sondern öffentliches Eigentum ist. Man lehre ihn, seine Familie zu lieben, doch man lehre ihn gleichzeitig, dass er sie aufgeben und sogar vergessen muss, wenn das Wohlergehen seines Landes dies erfordert.“ Michael J. Sandel ist ein politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Er zählt zu den weltweit populärsten Moralphilosophen.
Deutschland war oftmals zwischen Osten und Westen gespalten
Fast könnte man meinen, es handele sich bei der latenten politischen wie kulturellen Spaltung Deutschlands zwischen Osten und Westen um ein geopolitisches „Schicksal“. Herfried Münkler weiß: „Denn in der Weimarer Republik, einem durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg aus einer starken in eine schwache Mitte verwandelten Deutschland, trat diese Aufspaltung in Ost- und Westorientierung sofort wieder hervor.“ Während die Reichswehrführung unbeschadet ihrer politisch konservativen Einstellung insgeheim mit der Sowjetunion kooperierte, suchten die Außenpolitiker der Republik einen Ausgleich mit den Westmächten, vor allem mit Frankreich. Das Land schwankte zwischen einer Rapallo-Politik, die schließlich zum Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 führte, und einer vor allem in West- und Süddeutschland präferierten Aussöhnung mit Frankreich mitsamt der Wiedereingliederung Deutschlands in den westlichen, den westeuropäisch-ozeanischen Wirtschaftskreislauf. Herfried Münkler ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Viele seiner Bücher gelten als Standardwerke, etwa „Imperien“ oder „Die Deutschen und ihre Mythen“.