Otfried Höffe entwickelt in seinem neuen Buch „Die Kunst der Weisheit“ eine kleine Philosophie der Lebensklugheit. Bei der Weisheit handelt es sich um eine Höchstform des Wissens und des Könnens. Weise nennen wir Vorbilder für unser Leben oder Vorzeigepersonen sowie manchmal auf Fachleute. Nach dem stoischen Ideal ist weise, wer die Unbilden des Lebens mit Gelassenheit, sogar in Heiterkeit, wer sie mit „stoischem Gleichmut“ zu ertragen vermag. Diese Fähigkeit, selbst in den schlimmsten Widrigkeiten des Lebens seine Eigenständigkeit und Freiheit zu bewahren, wird ohne Frage auch heute noch als vorbildlich angesehen. Es braucht jedoch noch andere Vorzüge, um als Weiser zu gelten, insbesondere eine vorbildliche Beziehung zu den Mitmenschen. Otfried Höffe ist Professor em. für Philosophie an der Universität Tübingen und Leiter der dortige Forschungsstelle Politische Philosophie.
Gelassenheit
Die Gelassenheit ist das entscheidende Ziel allen stoischen Bemühens
Das bekannte deutsche Wörterbuch, der Duden, erklärt den Begriff „stoisch“ mit „unerschütterlich, gleichmütig, gelassen.“ Als Beispiel nennt das Standardwerk: „Er ertrug alles stoisch, mit stoischer Gelassenheit.“ Gerhard Gleißner fügt hinzu: „Die Gelassenheit oder stoische Seelenruhe – altgriechisch ataraxia – ist das entscheidende Ziel allen stoischen Bemühens, sie führt uns zum glücklichen Leben. Die ataraxia ist der Lohn dafür wenn wir es schaffen, das Schicksal zu akzeptieren.“ Wem es also gelingt, alles, was kommt, gelassen zu ertragen, der ist ein guter Stoiker. Die stoische Seelenruhe leitet sich ursächlich vom stoischen Weltbild ab, das wiederum vom logos gestimmt wird. Der logos ist eine vernunftbetonte, göttliche Ordnung, die das ganze Universum durchdringt und funktionieren lässt. Dr. med. Gerhard Gleißner ist seit 2014 als Amtsarzt und Gutachter im öffentlichen Gesundheitsdienst tätig.
Eine gelassenere Form des Daseins zu kultivieren ist eine Kunst
Das Thema der neuen Sonderausgabe Nr. 33 des Philosophie Magazins lautet diesmal: „Die Kunst des Nichtstuns“. Jana Glaese, Chefredakteurin der Sonderausgabe, weiß natürlich, dass ein absolutes Nichtstun unmöglich ist: „Und doch markiert der Begriff eine Sehnsucht, einen fernen Punkt am Horizont, dessen Zauber in seiner Unerreichbarkeit liegt. Nichtstun ist Grenzbegriff und Gegenentwurf in einer beschleunigten Welt.“ Eine gelassenere Form des Daseins zu kultivieren ist eine Kunst. Sie besteht unter anderem darin, aufmerksamere und langsamere Formen des Tuns zu entdecken. Im Nichtstun und seien Varianten liegt auch eine Form der Gesellschaftskritik. Der Müßiggänger, die Tagträumerin und der Meditierende sagen nicht laut Nein. Doch wo sie mehr suchen als lediglich Erholung vor der nächsten Arbeitswoche, hat ihr vermeintliches Nichtstun utopisches Potenzial. Jana Glaese vermutet: „So gesehen ebnen Untätigkeit und Kontemplation womöglich nicht nur den Weg in ein beglückenderes, sondern auch in ein besseres Leben.“
Niemand muss auf jede Form des Genusses verzichten
Das Titelthema des Philosophie Magazins 02/2024 lautet: „Was brauche ich wirklich?“ Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler schreibt: „Die Sehnsucht nach einer minimalistischen Existenz, die ganz genau zwischen Notwendigem und Überflüssigem zu unterscheiden weiß, ist gerade am Beginn des neuen Jahres groß.“ Insbesondere angesichts des Klimawandels und seiner für die Menschheit schwerwiegenden Folgen ist klar: So, wie wir leben, kann es nicht weitergehen. „Was wir wirklich brauchen“ ist eine Frage der Bedürfnisse des Menschen. Unter einem Bedürfnis versteht man einen subjektiv empfundenen Mangelzustand. Auf den ersten Blick scheint die Sache relativ einfach. Die wichtigsten und damit wirklichen Bedürfnisse sind all jene, wie wir als Menschen notwendig zum Leben brauchen. Also Nahrung, eine Behausung und etwas Warmes zum Anziehen. Heißt das, dass man auf jede Form des Genusses verzichten muss? Das wäre zu kurz gedacht. Herbert Marcuse betont in „Triebstruktur und Gesellschaft“ die befreiende Kraft der Kunst und des Genusses.
Die Gelassenheit führt zu einem glücklichen Leben
Gerhard Gleißner behauptet in seinem neuen Buch „Gesund leben mit dem Stoizismus“, dass jeder, der den Stoizismus praktiziert, mit großer Wahrscheinlichkeit seelisch gesund bleibt. Ebenso ist die Aussicht geringer, körperlich zu erkranken und die Chance höher als Kranker leichter wieder zu gesunden. Zugleich zeigt und beweist der Autor, dass der Stoizismus tatsächlich eine der effektivsten Methoden darstellt, die eigene Gesundheit günstig zu beeinflussen. Gerhard Gleißner schreibt: „Die Gelassenheit oder stoische Seelenruhe (altgriechisch „ataraxia“) ist das eigentliche Ziel allen stoischen Bemühens, sie führt uns zum glücklichen Leben.“ Die „ataraxia“ ist der Lohn dafür, wenn man es schafft, das Schicksal zu akzeptieren. Wem es gelingt, alles, was kommt, gelassen zu ertragen, ist ein guter Stoiker. Dr. med. Gerhard Gleißner ist seit 2014 als Amtsarzt und Gutachter im öffentlichen Gesundheitsdienst tätig.
Paul Kirchhof kennt die Freiheitsrechte
Die Verfassung gewährleistet nicht Freiheit, sondern ein Freiheitsrecht, das definiert, begrenzt, auf die Freiheiten anderer und das Gemeinwohl abgestimmt ist. Paul Kirchhof betont: „Im Mittelpunkt des Rechtsstaates steht die Freiheit.“ Die Menschen wehren sich gegen Sklaverei, gegen willkürliche Verhaftung, gegen Entrechtung und Verachtung bestimmter Gruppe und Einzelpersonen. Im Kern weist das Freiheitsanliegen die Obrigkeit in Distanz und unterbindet deren Willkür durch Recht. Ist dieses Freiheitsziel erreicht, beginnt der Aufbau einer vorbereitenden Freiheitsordnung. Diese verhindert zukünftige Freiheitsverletzungen und fördert den Freiheitsberechtigten in der Freiheitswahrnehmung und der Mitgestaltung des Gemeinwesens. Der Gesetzgeber erlässt ein Bürgerliches Gesetzbuch, gibt damit der Eigentümer- und Berufsfreiheit die Möglichkeit verbindlichen Gestaltens. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg.
Jeder sollte seiner inneren Bestimmung folgen
Glück und Erfüllung wird in der altindischen „Bhagavadgita“ darin gesehen, dass ein Mensch seiner inneren Bestimmung folgt. Dabei lässt er sich nicht davon beirren, ob sich ein äußerer Erfolg einstellt oder nicht. Andreas Kitzler erklärt: „Das Entscheidende ist, dass er sich selbst treu bleibt, auf sein Inneres hört, aufrichtig und authentisch ist und danach handelt. Dann wird er die innere Seelenruhe besitzen, selbst Misserfolge heiter und gelassen hinzunehmen.“ Er ruht in der Geborgenheit seines Innern und bezieht daraus all sein Glück und seine Freude. Das ist seine unversiegbare Kraftquelle. Sie garantiert, dass er alles in seiner Macht Stehende auf die beste Weise ins Werk setzt. Dadurch wird er nur selten Misserfolg bei seinen äußeren Unternehmungen haben. Der Philosoph und Jurist Dr. Albert Kitzler ist Gründer und Leiter von „MASS UND MITTE“ – Schule für antike Lebensweisheit.
Menschen sehnen sich nach Gewissheit
In Begrenzungen und Zweifeln sehen sich die meisten Menschen nach Eindeutigkeit. Sie wollen mehr Gewissheit, als ihnen möglich ist. Menschen hoffen auf eine bessere Zukunft und vertrauen ihren Mitmenschen. Sie staunen und erleben Geheimnisse. Sie suchen zu vergessen und zu vergeben. Paul Kirchhof fügt hinzu: „Ein Mensch, der nicht hoffen kann, der nicht nach dem Besseren, auch nach dem Unerreichbaren strebt, fiele in eine Leere, die den Sinn seines Lebens in Frage stellte.“ Hoffnungslosigkeit nähme seiner Freiheit einen wesentlichen Impuls und würde den Aufbruch zu Fortschritt und Erneuerung ersticken. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg. Als Richter des Bundesverfassungsgerichts hat er an zahlreichen, für die Entwicklung der Rechtskultur der Bundesrepublik Deutschland wesentlichen Entscheidungen mitgewirkt.
Freiheit braucht beherzte Gelassenheit
Freiheit ist für Paul Kirchhof stets ein Wagnis. Denn die freie Entscheidung ist nicht immer richtig. Sie folgt ohnehin selten den Kategorien Richtig oder Falsch, entspricht aber dem Willen des Entscheidenden. Paul Kirchhof ergänzt: „Würde er sein Leben der grüblerischen Selbstvergewisserung über den gewählten Lebensweg widmen, tauschte er Freiheitsmut gegen Freiheitsängstlichkeit, Entschlossenheit gegen Zögerlichkeit, Selbstgewissheit gegen Unsicherheit, Freiheit gegen Antriebslosigkeit.“ Die Freiheit würde den Menschen überfordern, wenn er nicht Entschiedenes als Vergangenes hinter sich lässt, Gegenwärtigem selbstbewusst begegnet, Zukünftiges erhofft, aber nicht mit verlässlicher Gewissheit voraussehen will. Freiheit braucht beherzte Gelassenheit. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg. Als Richter des Bundesverfassungsgerichts hat er an zahlreichen, für die Entwicklung der Rechtskultur der Bundesrepublik Deutschland wesentlichen Entscheidungen mitgewirkt.
Seelische Ausgeglichenheit führt zum Glück
Epikur sieht das höchste für den Menschen erreichbare Glück in der Lust, das größte Übel im Schmerz. Paul Kirchhof erklärt: „Lust meint dabei nicht Ungehemmtheit, nicht Prassen und Völlerei, sondern Schmerzlosigkeit, den Zustand vollkommener seelischer Ausgeglichenheit.“ Diese wird nicht in der Abgeschiedenheit, sondern in der Gemeinschaft des philosophischen Gesprächs erreicht. Epikur schreibt: „Philosophie ist die Tätigkeit, die durch Argumentation und Diskussion das glückselige Leben schafft.“ Der Gelassene führt ein maßvolles, asketisches Leben mit Freunden und gewinnt so Geborgenheit und Sicherheit sowie innere Ruhe. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg. Als Richter des Bundesverfassungsgerichts hat er an zahlreichen, für die Entwicklung der Rechtskultur der Bundesrepublik Deutschland wesentlichen Entscheidungen mitgewirkt.
Wilhelm Schmid erweitert den Heimatbegriff
In seinem neuen Buch „Heimat finden“ vertritt Wilhelm Schmid die These, dass Heimat eine große Zukunft hat. Allerdings nicht als ein Modell der Vergangenheit. Seiner Meinung nach ist eine Erweiterung des Heimatbegriffs nötig, den Heimat ist für ihn mehr als nur ein Ort: „Sie kann als Basislager des Lebens gelten, von dem aus Erkundigungen ins Ungewisse möglich sind.“ Dabei gibt es zahlreiche Möglichkeiten Heimat zu finden. So ist es auch die Vielfalt der Heimat, die im Zentrum dieses Buches steht. Das Wesentliche, das allen Heimaten eigen ist, dürfte die Bedeutung sein, die ein Mensch allem und jedem geben kann. Was nichts bedeutet, kann folglich keine Heimat sein. Daher ist Heimat nur das, was nicht egal ist. Wilhelm Schmid lebt als freier Philosoph in Berlin.
Die Philosophie der Stoiker ist aktueller denn je
Die neue Sonderausgabe des Philosophie Magazins handelt von den Stoikern und ihren Wegen zur Gelassenheit. Bis heute geht von den Stoikern eine starke Faszination aus. Chefredakteurin Catherine Newmark meint: „Vielleicht auch, weil sie mehr als sonst in der westlichen Philosophie üblich über konkrete Techniken der Einübung von guten Gewohnheiten und über Lebenskunst nachgedacht haben.“ Zenon von Kiton gründete die Stoische Schule. Die sogenannte „Alte Stoa“ bestand etwa von 300 – 150 v. Chr. Die stoische Philosophie übt auch nach ihrer Hochphase auf zahlreiche Denker eine beträchtliche Wirkung aus. Angefangen beim Kirchenvater Augustinus über den Neustoizismus des 15. und 16. Jahrhunderts zum Existenzialismus des 20. Jahrhunderts. Der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid erklärt im Gespräch mit dem Philosophie Magazin, was die Menschen heute von den Stoikern lernen können. Und warum es wichtig ist, die stoische Philosophie der heutigen Lebenswelt anzupassen.
Die Aufklärung zielt auf den Bruch mit der Vergangenheit
Frei ist, wer in Wechselfällen und Umbrüchen des Lebens unerschütterlich und unaufgeregt bleibt. Frei sind auch diejenigen, die sich ihrer Maßstäbe sicher sind und selbstbewusst Erneuerungskraft und Reformfreude entfalten. Paul Kirchhof erläutert: „Gelassenheit wehrt sich nicht gegen das Neue, sondern vergleicht den Istzustand mit dem Reformvorhaben. Im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit soll die antike Welt wieder aufleben und auf die neue Welt der Renaissance einwirken.“ Das Mittelalter geht in das hellere Zeitalter der Aufklärung über. Die Renaissance sucht eine weltliche Kultur auszubilden. Die Reformation will das Verhältnis des einzelnen Menschen zu Gott zurückformen und erneuern. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg. Als Richter des Bundesverfassungsgerichts hat er an zahlreichen, für die Entwicklung der Rechtskultur der Bundesrepublik Deutschland wesentlichen Entscheidungen mitgewirkt.
Frank Berzbach kennt die Welt des Tees
Einen Raum zwischen stark religiöser Prägung, Heiligkeit und Alltag eröffnet die magische Welt des Tees. Der Teetrinker gilt in Asien als eine an der Weisheit interessierte Person, suchend und sensibel und auf die Gastfreundschaft bezogen. Und vor allem nimmt er die Ereignisse nicht zu ernst, verzweifelt nicht an der Vergänglichkeit. Frank Berzbach ergänzt: „Orte, an denen Tee getrunken wird, werden mit Schönheit infiziert oder sind von ihr geprägt. Nun lässt sich in Europa, gemessen an dieser Ästhetik der Teeräume, nichts Ähnliches finden.“ Die Teeliteratur bildet in Ostasien eine eigene literarische Gattung. Beschrieben werden daoistische und zen-buddhistische Praktiken, die auf deren Ästhetik und zugleich auf den Alltag bezogen sind. Dr. Frank Berzbach unterrichtet Psychologie an der ecosign Akademie für Gestaltung und Kulturpädagogik an der Technischen Hochschule Köln.
In der Stille kommt das Denken und Wollen zur Ruhe
„Schaffe Leere bis zum Höchsten! Wahre die Stille bis zum Völligsten.“ Diese Worte sind Teil einer berühmten Stelle aus dem Daodejing (Tao Te King) des Laotse. Albert Kitzler weist auf eine bedeutenden Kulturhistoriker hin, der über dieses Zitat sagte: „Es gibt vielleicht keine weisere Stelle in der ganzen Weltliteratur.“ „Stille“ ist hier das zur Ruhe kommen des unaufhörlichen Denkens und Wollens. Es geht dabei um den ruhigen Fluss des Lebens und das Zurückkommen zu sich selbst. Wichtig dabei ist die Erkenntnis und Annahme des natürlichen Kreislaufs alles Lebendigen, einschließlich des persönlichen Schicksals. Man kann sagen, es handelt sich dabei um den Inbegriff aller Gelassenheit. Der Philosoph und Jurist Dr. Albert Kitzler ist Gründer und Leiter von „MASS UND MITTE“ – Schule für antike Lebensweisheit.
In der Muße sammelt sich Gelassenheit
„Muße ist der Zustand des Menschen, in dem sich Gelassenheit sammelt“, so Paul Kirchhof. Im antiken Griechenland war die Muße – im Gegensatz zur politischen, militärischen und wirtschaftlichen Praxis – eine Voraussetzung für erfolgreiches staatspolitisches Handeln. Der freie Bürger und die Aristokratie entwarfen Handlungspläne und Strategien für ihr zukünftiges Handeln. Sie gingen dank ihrer Mußestunden wohl vorbereitet, abwägend und überzeugend an ihre jeweiligen Aufgaben. Später war für den Adel die Muße Einstimmung auf militärische und politische Aufgaben. Der Klerus suchte einen Ausgleich zwischen der absichts- und eigenschaftslosen Muße und dem Dienst an Gott und den Menschen. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg. Als Richter des Bundesverfassungsgerichts hat er an zahlreichen, für die Entwicklung der Rechtskultur der Bundesrepublik Deutschland wesentlichen Entscheidungen mitgewirkt.
Gelassenheit zeichnet sich durch Augenblicke der Unaufgeregtheit aus
Die mittelalterliche Gelassenheit ist eng mit der Steigerung der inneren Gelöstheit verbunden. Der Mensch sollte dabei geistig aus seiner Zeit heraustreten und auch jede Gebundenheit in einem Ort verlassen. Er sollte jedes eigene Wollen, jedes eigene Anliegen, jeden Zweck seines Wirkens hinter sich lassen. Paul Kirchhof erläutert: „Aber auch die mittelalterliche Ortlosigkeit, Abgeschiedenheit, nimmt den Menschen nicht fiktiv aus jedem geografischen Raum heraus, sondern meint die Haltung, stets aufmerksam für seine Bestimmung zu sein.“ Diese Wegweisung weist nicht alles Irdische von sich. Sie sieht den innerlich freien Menschen durchaus im Rahmen der sich entwickelnden Städte. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg. Als Richter des Bundesverfassungsgerichts hat er an zahlreichen, für die Entwicklung der Rechtskultur der Bundesrepublik Deutschland wesentlichen Entscheidungen mitgewirkt.
Die Fähigkeit zur Gelassenheit wächst mit zunehmenden Alter
Die Zeit der Gelassenheit scheint mit dem Älterwerden verbunden zu sein. Das Kind sucht noch durch Beobachten und Nachahmen seinen Platz in der Familie und in seiner Gruppe. Der Jugendliche will seiner Generation zugehören, mittendrin im Geschehen sein. Paul Kirchhof erklärt: „Er entdeckt die wachsenden Fähigkeiten seines Denkens und Verstehens, seiner Körperkraft, seiner Argumentations- und Überzeugungskunst, seiner Chance, in seiner Gruppe aufzurücken.“ So bleibt er im Rudel, beginnt aber auch, sich innerlich zu entfernen. Er fängt an, Vorstufen der Gelassenheit zu üben. Wenn der Mensch dann in die Phase der beruflichen und studentischen Qualifikationen kommt, mehr er seine Fähigkeiten, findet seinen Platz in Weltlichkeit und Gesellschaft. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg. Als Richter des Bundesverfassungsgerichts hat er an zahlreichen, für die Entwicklung der Rechtskultur der Bundesrepublik Deutschland wesentlichen Entscheidungen mitgewirkt.
Alle Menschen streben nach Glück
Die Frage nach dem Glück steht im Zentrum aller großen Weisheitslehren der Menschheit. Schon Epikur erinnerte daran, dass alle Menschen nach Glück streben, egal wie es dann im Einzelnen aussehen mag. Frédéric Lenoir weiß: „Allerdings machen wir auch die Erfahrung, dass es so wenig greifbar ist wie Wasser oder Luft. Sobald man denkt, man habe es in der Hand, entwischt es einem wieder.“ Wenn man versucht es festzuhalten, läuft es davon. Manchmal entzieht es sich da, wo man es erhofft, und kommt in dem Augenblick wieder, in dem man es am wenigsten erwartet. Das große Paradoxon des Glücks ist, dass es ebenso widerspenstig wie zähmbar ist. Es hängt gleichermaßen vom Schicksal und von günstigen Zufällen ab wie von einem vernünftigen und willentlichen Handeln. Frédéric Lenoir ist Philosoph, Religionswissenschaftler, Soziologe und Schriftsteller.
Gelassenheit fördert die Suche nach dem Sinn des Lebens
Gelassenheit ist die Fähigkeit, ausgeglichen die Menschen und die Welt zu beobachten, in Freiheit maßvoll zu entscheiden, in seinen Erwartungen und Hoffnungen hochgemut zu denken. Der Gelassene tritt bedacht und zeitbewusst in eine Welt, in der er auch einmal von sich selbst und allen Dingen lassen, eigene Interessen preisgeben, „ohne Warum“ denken und handeln kann. Paul Kirchhof weiß: „Diese Gelassenheit entzieht sich dem Sog des Alltäglichen, beantwortet Überfluss mit Askese, distanziert sich von medialem Lärm und von politischer Aufgeregtheit.“ Gelassenheit öffnet den Menschen für die Suche nach dem Sinn des Lebens. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg. Als Richter des Bundesverfassungsgerichts hat er an zahlreichen, für die Entwicklung der Rechtskultur der Bundesrepublik Deutschland wesentlichen Entscheidungen mitgewirkt.
Epiktet ist von der Freiheit des Willens überzeugt
Epiktet vertritt die These, dass der Mensch einen Willen besitzt, der von Natur aus ohne Zwang und ungehindert ist. Er beweist dies in Bezug auf die Zustimmung. Denn niemand kann einen Menschen daran hindern, einer Wahrheit zuzustimmen und niemand kann ihn zwingen, das Falsche zu akzeptieren. Zudem ist Epiktet davon überzeugt, dass dies auch auf dem Gebiet des Wollens, des Antriebs und der Motivation zutreffend ist. Denn einen Wunsch oder eine Abneigung kann nur ein anderer Wunsch oder eine andere Abneigung überwinden. Auch die Angst vor einer Bedrohung mit dem Tod, lässt Epiktet nicht als Zwang gelten: „Was dich zwingt, ist nicht die Drohung, sondern deine Entscheidung, dass es besser ist, etwas anderes zu tun als zu sterben. Epiktet war ein antiker Philosoph. Er zählt zu den einflussreichsten Vertretern der späten Stoa.
Optimisten machen das Beste aus ihrem Leben
Jens Weidner unterscheidet fünf Typen bei den Optimisten: den Zweckoptimisten, den naiven Optimisten, den heimlichen Optimisten, den altruistischen Optimisten und den Best-of-Optimisten. Einen Zweckoptimisten definiert er wie folgt: „Zweckoptimisten sind feine Menschen mit einem sehr langem Atem, wenn es darum geht, sich auf die positiven Aspekte einer schwierigen beruflichen Aufgabe zu konzentrieren.“ Zweckoptimismus ist besonders in sozialen Berufen oder auch in Veränderungsprozessen gefragt, wenn es notwendig wird, dem Unangenehmen positive Seiten abzugewinnen, selbst wenn die Umstände kaum veränderbar sind, weil sie durch Krankheiten oder Alterungsprozesse ausgelöst sind. Zweckoptimisten demonstrieren Durchhaltevermögen und wünschen sich heimlich, dafür auch etwas Bewunderung zu ernten. Sie sind kämpferisch, auch bei eher geringen Erfolgsaussichten, weil sie Unveränderbares akzeptieren können und sich trotzdem engagieren. Jens Weidner ist Professor für Erziehungswissenschaften und Kriminologie.
Die Freiheit ist etwas Wunderbares
Für Epiktet ist derjenige Mensch frei, dem nichts geschieht, was im Gegensatz zu seinem Willen steht, und wenn niemand ihn behindern kann. Die Freiheit ist seiner Meinung nach etwas Geläutertes und Wunderbares. Unbekümmert im Hinblick auf die eigenen Wünsche zu sein, dass man jede Laune erfüllt sehen will, ist gleichbedeutend mit dem Gegenteil von geläutert – in der Tat ist es zutiefst schändlich. Wenn beispielsweise das Wissen jedermanns individuellen Launen angepasst würde, hätte es ja schließlich gar keinen Zweck, überhaupt irgendetwas zu lernen. Epiktet fügt hinzu: „Denn Bildung bedeutet genaugenommen zu lernen, dass alle einzelnen Dinge genau auf die Weise geschehen, wie sie geschehen. Und wie geschehen sie? Auf jene Weise, wie derjenige, der sie angeordnet hat, sie bestimmt hat.“ Epiktet war ein antiker Philosoph. Er zählt zu den einflussreichsten Vertretern der späten Stoa.
Nur der Mensch kann die Herrschaft über sich selbst und die Welt gewinnen
Der Mensch beobachtet, wie die Vögel fliegen, mit Leichtigkeit in den Himmel aufsteigen und sich wieder herabfallen lassen. Er bewundert diese Kunst. Er staunt. Doch dann macht er sich bewusst, dass er die Welt zwar nicht von oben herab sehen, wohl aber in seinem Denken an die Vergangenheit erinnern und aus Erfahrung in die Zukunft voraussehen kann. Paul Kirchhof fügt hinzu: „Er kann sprechen und die Welt in Begriffen begreifen. Er kann Gesetzmäßigkeiten der Natur und Gesetze menschlichen Verhaltens erkennen und so die Herrschaft über sich selbst und die Welt gewinnen.“ Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg. Als Richter des Bundesverfassungsgerichts hat er an zahlreichen, für die Entwicklung der Rechtskultur der Bundesrepublik Deutschland wesentlichen Entscheidungen mitgewirkt.
Die Gelassenheit zählt zu den vier Kardinaltugenden
Das, was viele Menschen suchen, um genügend Spielraum für ihre Handlungen zu gewinnen, die mehr sein sollen als reine Reaktionen auf Stressmomente, ist offenbar nicht der Zustand der Entspannung, sondern eher eine innere Haltung, die Ina Schmidt mit dem Begriff „Gelassenheit“ definiert: „Die Gelassenheit beschreibt eine Tugend, die schon in der Antike mit dem Begriff der Seelenruhe beschrieben wurde, nicht weil sie all das, was zu tun ist, loslässt, sondern weil sie uns befähigt, auch in emotionalen Stürmen den Blick für das Wesentliche nicht zu verlieren und handlungsfähig zu bleiben.“ In der platonischen Schule gehört die Gelassenheit zu den vier Kardinaltugenden für ein gelingendes Leben – neben der Weisheit, der Tapferkeit und der Gerechtigkeit. Ina Schmidt gründete 2005 die „denkraeume“, eine Initiative, in der sie in Vorträgen, Workshops und Seminaren philosophische Themen und Begriffe für die heutige Lebenswelt verständlich macht.