Letzten Endes wird Joseph Stiglitz zeigen, dass die wahren Anhänger eines tiefen, bedeutungsvollen Freiheitsbegriffs der progressiven Bewegung sowohl in den USA als auch im Rest der Welt nahestehen. Sie und die Mitte-links-Parteien, die sie repräsentieren, müssen wieder die Kontrolle über die Freiheitsagenda übernehmen. Insbesondere von den Amerikanern verlangt dies, die Geschichte und die Gründungsmythen ihres Landes einer Neubewertung zu unterziehen. Der erste Teil von Joseph Stiglitz‘ Buch „Der Weg zur Freiheit“ besteht darin, den Freiheitsbegriff aus der Sicht der Wirtschaftswissenschaften des 21. Jahrhunderts auf eine verständliche und einfache Weise zu erklären, so wie es John Stuart Mill im der Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem klassischen Werk „Über die Freiheit“ (1859) getan hat. Joseph Stiglitz war Professor für Volkswirtschaft in Yale, Princeton, Oxford und Stanford. Heute lehrt er an Columbia University in New York und ist ein weltweit geschätzter Experte zu Fragen von Ökonomie, Politik und Gesellschaft.
Werte
In Asien stehen Disziplin und Ordnung obenan
Eine der bemerkenswertesten Äußerungen einer reaktiven nicht-westlichen Identität besteht in den „asiatischen Werten“, die viele Ostasiaten vertreten. Damit reagiert man auf die Behauptung des Westens, er sei der historische Verwahrer der Ideen über Freiheit und Rechte. Amartya Sen weiß: „Verfechter der Vorzüglichkeit asiatischer Werte bestreiten das gar nicht, ganz im Gegenteil.“ Mag Europa auch die Heimat von Freiheit und individuellen Rechten gewesen sein, heißt es. Doch bei den asiatischen Werten stünden Disziplin und Ordnung obenan, und das sei, behauptet man, eine wunder3bare Priorität. Dem Westen deutet man an, er könne seine individuellen Freiheiten und Rechte behalten. Asien hingegen werde besserfahren, wenn es an ordentlichem Benehmen und disziplinierten Verhalten festhalte. Amartya Sen ist Professor für Philosophie und Ökonomie an der Harvard Universität. Im Jahr 1998 erhielt er den Nobelpreis für Ökonomie.
Ein erneuerter Humanismus speist sich aus der Kraft des Wissens
Albert Wenger betont: „Ein entscheidendes Ziel bei der Verringerung der Aufmerksamkeitsknappheit ist die Verbesserung der Produktionsweise der „Wissensschleife“, die aus dem Erwerb, dem Entwickeln und dem Teilen von Wissen besteht. Für den menschlichen Fortschritt ist die Erlangung größeren Wissens unerlässlich.“ Die Geschichte der Menschheit ist übersät mit gescheiterten Zivilisationen, die nicht genügend Wissen hervorbringen konnten, um die ihnen gestellten Herausforderungen zu meistern. Um einen kollektiven Fortschritt durch größere individuelle Freiheiten zu erreichen, benötigen wir bestimmte Werte, welche die Schaffung von Wissen fördern. Dazu gehören kritische Nachforschung, Demokratie und Verantwortungsbewusstsein. Diese Werte stellen sicher, dass die Vorteile der Wissensschleife möglichst vielen Menschen zugutekommen und dabei auch andere Arten einschließen. Sie sind von zentraler Bedeutung für einen erneuerten Humanismus, der sich seinerseits aus der Kraft menschlichen Wissens speist. Albert Wenger ist ein weltweit beachteter Investor.
Der Stoizismus bietet als Lebensphilosophie einen festen Halt
Gerhard Gleißner schreibt: „Im Fluss des Lebens bietet uns der Stoizismus als Lebensphilosophie einen festen Halt. Er sagt uns dabei konkret, was nicht fließt: Es sind die Dinge, die in unserer Macht liegen, nämlich unsere Werte, und unsere Wünsche.“ Hier bestimmen wir, was „fließen“ soll. Wir können zum Beispiel politisch unser ganzes bisheriges Leben lang konservative Werte vertreten haben und es doch ab morgen ändern. Wir können die Dinge, die in unserer Macht liegen, also auch an dem Zeitfaktor Zukunft erkennen. Unsere Werte und vor allem die Wünsche als Ziele beziehen sich vornehmlich auf das, was erst noch passieren wird – und genau deshalb sind sie frei und unterliegen nicht den Gesetzen der Realität und der Macht des Schicksals. Dr. med. Gerhard Gleißner ist seit 2014 als Amtsarzt und Gutachter im öffentlichen Gesundheitsdienst tätig.
Beziehungen und nicht Kulturkreise treiben den historischen Wandel voran
Josephine Quinn erzählt in ihrem Buch „Der Westen“ eine Geschichte, die nicht im griechisch-römischen Mittelmeerraum beginnt und dann im Italien der Renaissance wieder auftaucht. Sondern sie folgt den Beziehungen zurück, durch die sich das, was heute der Westen genannt wird, aus der Bronzezeit bis zum Zeitalter der Entdeckungen entwickelt hat. Gerade weil Gesellschaften miteinander in Berührung kamen, sich vermischten und bisweilen wieder auseinanderentwickelten. Allgemeiner ausgedrückt möchte Josephine Quinn dafür plädieren, dass Beziehungen und nicht Kulturkreise den historischen Wandel vorantreiben. In ihrem Buch vertritt die Autorin die These, dass es nie eine einzigartige, reine westliche oder europäische Kultur gegeben hat. Die Werte, die wir heute westlich nennen – Freiheit, Rationalität, Gerechtigkeit und Toleranz –, sind nicht allein oder ursprünglich westlich. Josephine Quinn ist Professorin für Alte Geschichte an der Universität Cambridge.
Freiheit ist ein Hochwert der europäischen Kultur
Neben Demokratie ist sicher Freiheit ein Hochwert der europäischen Kultur und wurde auch erfunden im Kontext mit jener. Denn Demokratie setzt ja Wahlfreiheit voraus. Diese wiederum die Möglichkeit zur freien Wahl. Mithin ist Freiheit die Bedingung der Möglichkeit von Demokratie und Demokratie deren Erfüllung. Silvio Vietta ergänzt: „Es versteht sich, dass damit auch die anderen bisher genannten Werte: Eigenständiges Denken, Wahrheitsliebe, Kritikfähigkeit mit ins Boot gehören.“ Freiheit steht also im Kontext anderer Werte, die sie flankieren, und wiederum ist es Freiheit, die jene Werte erst möglich macht. Denn Freiheit bedeutet ja immer auch eine Entscheidung zwischen guten oder schlechten Alternativen, zwischen Wahrheit und Unwahrheit, damit kritisches, nämlich unterscheidendes Denken. Prof. em. Dr. Silvio Vietta hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt.
Die Unterklasse erscheint als Ort einer „schlechten“ Kultur
Andreas Reckwitz schreibt: „Die Unterklasse erscheint in der Spätmoderne als Ort einer „schlechten“ Kultur, die nicht von Wert ist, sondern problematisch oder gar riskant: des Mangels an Bildung und kulturellen Kompetenzen, der schlechten Ernährung und Gesundheit, der schlechten Erziehung, Wohnviertel, Regionen und Schulen, dazu der schwierigen Jugendlichen, der rückständigen Versionen von Männlichkeit und Weiblichkeit und schließlich der problematischen politischen Einstellungen.“ Wenn Kulturalisierung vor allem Ästhetisierung und Ethnisierung bedeutet, dann erfolgt die negative Kulturalisierung der Unterklasse zwar sicherlich auch in einem ästhetischen Register – etwa im Sinne eines nichtssagenden oder vulgären Geschmacks –, jedoch stärker noch auf der Ebene des Ethischen. Dieser Lebensform scheint es an den Merkmalen eines guten Lebens zu mangeln, sie wird zu einer Ansammlung von Eigenschaften des Schlechten, von der Ernährung über die Erziehung bis zu Politik. Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Die Digitalisierung betrifft uns alle
Christian Uhle betont: „Längst wird deutlich: Digitalisierung ist kein Thema allein für Computerfreaks, sondern betrifft uns alle – ob wir wollen oder nicht. Es ist eine Entwicklung, die unser aller Zukunft prägen wird Ein so weitreichender Prozess sollte wohlüberlegt, gemeinsam und demokratisch gestaltet werden.“ Das Buch „Künstliche Intelligenz“ von Christian Uhle möchte Anregungen geben, wie über Digitalisierung und Künstliche Intelligenz nachgedacht werden kann. Darauf folgt aber nicht unmittelbar, was genau zu tun ist – das muss jeder Mensch selbst entscheiden. Aber wenn man das eigene Leben in der Welt, seine Rolle darin und die Entwicklungen in der Gesellschaft besser versteht, kann dies auch bei der Orientierung im Alltag helfen. Der Philosoph Christian Uhle hat als Wissenschaftler zu gesellschaftlichen und technologischen Transformationen geforscht.
Der Wandel und der nötige Aufbruch können gelingen
Stefan Klein erklärt in seinem neuen Buch „Aufbruch“, warum Menschen auf Neues von Natur aus widerwillig reagieren und wie verbreitete Illusion über den Fortschritt sie lähmen. Und er zeigt anhand von Beispielen, nach welchen Gesetzen der Wandel funktioniert. Wie kann der heute nötige Aufbruch gelingen? Wir blockieren uns selbst. Der einzige Weg ist, dass wir und selbst und andere besser verstehen. Veränderung setzt voraus, dass wir lernen, einander zuzuhören und einander ernst zu nehmen. Täglich führen uns die Medien vor Augen, wie es um uns steht. Man müsste sich schon in eine Höhle zurückziehen und alles Sinneskanäle verschließen, um zu glauben, dass wir in einer heilen Welt leben. Die weltweite Klimakrise ist eine Notlage von einem in der Menschheitsgeschichte nie dagewesenem Ausmaß. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.
Timothy Snyder stellt die fünf Formen der Freiheit vor
Wie manifestiert sich die Freiheit im Leben der Menschen? Die Verbindungen zwischen der Freiheit als Prinzip und der Freiheit als Praxis bilden die fünf Formen der Freiheit. Timothy Snyder erläutert: „Diese Formen schaffen eine Welt, in der die Menschen auf der Grundlage von Werten handeln können. Das sind keine Regeln oder Anweisungen. Sie sind das logische, moralische und politische Bindeglied zwischen gemeinsamem Handeln und der Ausbildung freier Individuen.“ Diese Formen lösen einige scheinbare Rätsel: Ein freier Mensch ist ein Individuum; aber niemand wird allein zu einem Individuum; Freiheit wird während eines einzigen Lebens empfunden, muss aber das Werk von Generationen sein. Timothy Snyder ist Professor für Geschichte an der Yale University und Permanent Follow am Institut für die Wissenschaft vom Menschen in Wien.
Den Liberalismus prägt die voluntaristische Vorstellung von Freiheit
Abgesehen von der Prämie der amerikanischen Macht hatte das Versprechen der Vorherrschaft in den Nachkriegsjahren noch eine tiefere Quelle – in der Philosophie des Öffentlichen im zeitgenössischen Liberalismus. Michael J. Sandel erklärt: „Dieser Liberalismus machte den Vorrang des Rechts vor dem Guten geltend; der Staat sollte gegenüber konkurrierenden Vorstellungen des Lebens neutral sein.“ Damit würde er die Menschen als freie und unabhängige Persönlichkeiten respektieren, die in der Lage seien, ihre eigenen Ziele zu wählen. Die voluntaristische Vorstellung von Freiheit, die diesen Liberalismus beflügelt, bietet eine befreiende Vision, das Versprechen einer Handlungsmacht, die scheinbar auch unter den Bedingungen konzentrierter Macht zu verwirklichen war. Michael J. Sandel ist ein politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Er zählt zu den weltweit populärsten Moralphilosophen.
Neue Werte übernehmen die Vorherrschaft
Die Umbruchzeit der Digitalisierung dürfte Opfer kosten. Diese sind weit größer als das, was die Bürger der DDR in der Umbruchzeit der deutschen Vereinigung erlebt haben. Richard David Precht kennt die Zukunft auch nicht: „Ob es mit der Moral in Deutschland alles in allem bergab oder vielleicht doch bergauf geht, ist eine heiß umstrittene Frage.“ Auf der einen Seite steht das Gefühl jener Generation, dass Pflichtgefühl, Treue, Gemeinsinn, Arbeitsmoral, Sitte und Anstand kontinuierlich nach unten gingen. Erstaunlich nur, dass es sie, so oft totgesagt, heute irgendwie immer noch gibt. Was seit über hundert Jahren zur Neige geht, müsste eigentlich irgendwann einmal erloschen sein. Kulturpessimismus scheint oft mehr mit dem Lebensalter und den persönlichen Zukunftserwartungen zu tun zu haben als mit dem Zeitalter und den gesellschaftlichen Ausblicken auf die Zukunft. Der Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht einer der profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
Die Demokratie sollte direkt-partizipatorisch sein
Andreas Urs Sommer stellt fest: „Wir sind zu divers geworden. Jedenfalls für die traditionelle repräsentative Demokratie. Unsere Diversität ist zu groß, als dass wir noch repräsentiert werden könnten.“ Und überdies sind die Bürger durchaus entscheidungsmächtig und entscheidungsfähig. Sie alle. Also sollte laut Andreas Urs Sommer die Demokratie direkt-partizipatorisch sein. Aber wie soll eine solche Demokratie funktionieren? Dank gemeinsamer Werte, sagen womöglich viele Menschen. Geteilte Werte kann man allerdings in einer direkt-partizipatorischen Demokratie nicht voraussetzen. Oder doch nur den Wert, andere Werte anderer Menschen gelten zu lassen. Hans Kelsen, einer der bedeutendsten Rechtswissenschaftler des 20. Jahrhunderts, hat seine „relativistische Wertelehre“ auf „das Prinzip der Toleranz“ gründen wollen. Univ.-Prof. Dr. Andreas Urs Sommer ist unter anderem Professor für Philosophie mit Schwerpunkt Kulturphilosophie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
Eine wunderbare Zukunft ist kein leerer Traum
Die Zukunft könnte immens sein. Sie könnte auch sehr gut sein – oder aber sehr schlecht. William MacAskill erklärt: „Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie gut, sollten wir uns ansehen, welche Fortschritte die Menschheit in den vergangenen Jahrhunderten gemacht hat.“ Vor 200 Jahren betrug die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen weniger als dreißig Jahre, heut sind es 73. Damals lebten mehr als 80 Prozent der Menschen in extremer Armut; heute sind es weniger als zehn Prozent. Damals konnten nur 10 Prozent der Erwachsenen lesen, heute sind es 85 Prozent. Gemeinsam hat die Menschheit die Fähigkeit, diese positiven Entwicklungen fortzusetzen und etwas gegen negative Entwicklungen wie die massiven Treibhausemmissionen und das Leid der Massentierhaltung zu unternehmen. William MacAskill ist außerordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Oxford.
Jeder Mensch kann Großes vollbringen
In jedem Menschen steckt ein verborgenes Potenzial. In seinem neuen Buch „Hidden Potential“ bietet Adam Grant eine Anleitung, wie man es freisetzen kann. Man muss kein Wunderkind sein, um Spitzenleistungen zu erbringen. Der Autor ist davon überzeugt, dass alle Menschen Großartiges vollbringen können. Adam Grant schreibt: „Wenn wir unser Potenzial einschätzen, begehen wir den Kardinalfehler, uns auf Ausgangspunkte zu beschränken, also die Fähigkeiten, die unmittelbar sichtbar sind.“ Anhand des Ausgangspunkts einer Perons, lässt sich jedoch nicht prognostizieren, was sie einmal leisten wird. Wenn man die entsprechenden Chancen und die Motivation zum Lernen hat, kann jeder Großes vollbringen. Es geht beim Potenzial nicht darum, wo man anfängt, sondern darum, wie weit man kommt. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der renommierten Wharton Business School. Seine Forschungsbeiträge im Bereich Motivation und Produktivität wurden vielfach ausgezeichnet.
Das Moralspektakel verändert das Handeln der Menschen
Philipp Hübls neues Buch „Moralspektakel“ besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil geht es um die Frage, wie das Moralspektakel entstehen konnte und wie es das Handeln der Menschen und der Gesellschaft verändert. Der Autor erklärt, wie das moralische Statusspiel gespielt wird und warum man moralisches Prestige als Kapital ansehen kann, das man vermehren, investieren, aber auch inflationär verwenden und fälschen kann. Dieser Teil analysiert die aktuelle Situation und daher ein Projekt der deskriptiven Ethik. Anhand der empirischen Forschung beschreibt und erklärt Philipp Hübl, wie Menschen tatsächlich moralisch handeln. Der zweite, kritische Teil gehört zum Bereich der normativen Ethik, ist also wertend und nicht nur beschreibend. Darin geht es um die negativen Seiten des Moralspektakels. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).
Jeder Mensch hat seinen Preis
In der Lebenswelt hat alles seinen Preis, nicht nur die natürlichen Ressourcen und die Dinge, sondern auch die Menschen. Annemarie Pieper erklärt: „Zwar läuft niemand mit einem angehefteten Preisetikett durch die Gegend, aber wir taxieren andere automatisch: anhand ihres Aussehens, ihrer Kleidung, der Art, wie sie sich bewegen, sprechen, sich verhalten.“ In lange zurückliegenden Zeiten mag die blitzschnelle Einschätzung, insbesondere von Fremden, überlebenswichtig gewesen sein: Freund oder Feind? Besser, man bemächtigt sich seines Skalps als Trophäe für die eigene Überlegenheit, als die Konfrontation mit dem Leben zu bezahlen. Die heutigen Kopfjäger hingegen, die sogenannten Headhunter, bemessen den Wert einer Person an den Spitzengehältern, die der freie Markt für die Fähigkeiten ihres Kopfes zu zahlen bereit ist. Prof. Dr. Annemarie Pieper lehrte von 1981 bis 2004 Philosophie an der Universität Basel.
Das Grundgesetz hat Deutschland ganz wesentlich geeint
Pluralistische Gesellschaften, wie die deutsche, werden nicht mehr vorrangig durch gemeinsame Tradition, Religion oder Kultur zusammengehalten. Hans-Jürgen Papier weiß: „Sie finden stattdessen in der Anerkennung der Verfassung, ihrer Werteordnung und des demokratisch gesetzten Rechts ihre verbindende Grundlage. Auf sie kann sich die Mehrheit der Bevölkerung beziehen, genau wie es die Minderheiten können.“ Für die Bundesrepublik Deutschland lässt sich sagen, dass das Grundgesetz die deutsche Gesellschaft über die Jahrzehnte ganz wesentlich geeint hat. Es hat die Freiheiten definiert und Verfahrensweisen vorgegeben, die es Politik und Gesetzgebung ermöglichen, den sozialen Konsens im Abgleich mit den zivilgesellschaftlichen Diskursen weitgehend offen zu gestalten. Auch heute noch erweist sich die deutsche Verfassung als tragfähiges Gebäude mit den Grundrechten als stützende Pfeiler. Prof. em. Dr. Dres. h.c. Hans-Jürgen Papier war von 2002 bis 2014 Präsident des Bundesverfassungsgerichts.
Die Politik muss für das Wohlgefühl der Bürger sorgen
Das Potenzial, mithilfe abstrakter Vorstellungen gemeinsame Ziele und Perspektiven zu entwickeln und dadurch Verbundenheit und Identität zu fördern, besitzt auch die Politik. Hans-Otto Thomashoff kritisiert: „Aber sie lässt es bei uns seit Jahrzehnten weitgehend ungenutzt.“ Dabei kann Politik Hoffnungen wecken, Visionen, für die die Menschen bereit sind, sich einzubringen. Was als Idee beginnt, kann, einmal entfacht, zu einer Neugestaltung gesellschaftlichen Miteinanders werden, zu einer Revolution – im Guten wie im Schlechten. Eine zukunftsorientierte Politik sollte bewusst und gezielt an der Weiterentwicklung der Gesellschaft arbeiten. Hierzu muss sie Anstoß geben zum Fantasieren, zum Diskutieren und zum konkreten Umsetzen. Sie sollte berücksichtigen, was Menschen brauchen, um sich im Leben wohlzufühlen. Und das ist eben mehr als nur die Absicherung der wirtschaftlichen Existenz. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.
Die Kunst orientierte sich einst an der Nachahmung
Die Kunst zählt zu den großen Werten der europäischen Kultur. Dabei nimmt sie selbst an dem Wertekanon der Gesamtkultur Anteil. Silvio Vietta sagt: „Solange die Wahrnehmung der Welt in der europäischen Denkgeschichte als eine Art Abdruck der Dinge im Bewusstsein des Menschen begriffen wurde, orientierte sich auch die Kunst an dem Begriff der Nachahmung bzw. Mimesis.“ In seiner Poetik definiert Aristoteles das Drama als eine Form der „Mimesis der Handlung“ des Mythos. Die europäische Kunst und auch Literatur begriffen sich selbst dann im Weiteren als „Nachahmung der Natur“. Diese Vorstellung dominierte bis weit ins 18. Jahrhundert hinein. Und dieser Auffassung entsprach auch eine Praxis des Zeichnens und Malens „nach der Natur“. Prof. em. Dr. Silvio Vietta hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt.
Werte beeinflussen die Wirtschaft
Der Drohung mit einem Handelskrieg liegen einige grobe Missverständnisse im Welthandelssystem zugrunde. Diese betreffen nicht nur diejenigen, die aufgrund der Art und Weise wie man es managte, Wohlstandseinbußen erlitten. Joseph Stiglitz stellt fest: „Viele Verfechter der Globalisierung nahmen an, einem Freihandelssystem könnten Länder mit völlig unterschiedlichen Wertesystemen angehören. Werte beeinflussen unsere Wirtschaft – und unseren komparativen Vorteil – in tiefgreifender Weise.“ Es kann sein, dass eine weniger freie Gesellschaft auf einem bedeutenden Gebiet, etwa Künstliche Intelligenz, überlegen ist. Big Data ist hier sehr wichtig, und China hat weniger Hemmungen, Daten zu sammeln und zu nutzen. Als die USA und Europa vor rund 25 Jahren ihren Handel mit China ständig ausweiteten, hoffte man, dass dadurch der Prozess der Demokratisierung beschleunigt würde. Joseph Stiglitz war Professor für Volkswirtschaft in Yale, Princeton, Oxford und Stanford. Er wurde 2001 mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet.
Menschen haben verschiedene Identitäten
Es ist keine neue Erkenntnis, dass die Menschen verschiedene Identitäten haben können und tatsächlich auch haben. Diese sind an verschiedene wichtige Gruppen geknüpft, denen sie gleichzeitig angehören. Amartya Sen fügt hinzu: „Im normalen Leben sehen wir uns als Mitglieder einer Vielzahl von Gruppen, denen wir allen angehören.“ Jedes dieser Kollektive, denen allen der Betreffende angehört, verleiht ihm eine potentielle Identität, die je nach Kontext sehr wichtig sein kann. Die Darstellung Indien in Samuel P. Huntigtons Buch „Der Kampf der Kulturen“ als einer hinduistischen Kultur ist für Amartya Sen ein grober Fehler. Grobheit der einen oder anderen Art findet man dort auch in der Charakterisierung anderer Kulturen. Amartya Sen ist Professor für Philosophie und Ökonomie an der Harvard Universität. Im Jahr 1998 erhielt er den Nobelpreis für Ökonomie.
Es gibt einen moralischen Kompass
Wie Menschen eine Sachlage beurteilen und wie sie sich in einer gegebenen Situation fühlen, gehört zum moralischen Nachdenken. Markus Gabriel erläutert: „Die universalen Werte nehmen uns unsere konkreten Entscheidungen nicht ab. Der moralische Kompass zeigt uns auf, in welche Richtung wir gehen sollen. Die einzelnen Schritte müssen aber immer noch wir als immer auch irrtumsanfällige Individuen gehen.“ Ansonsten wäre man nicht frei, denn das eigene Handeln wäre sozusagen durch die moralischen Kräfte der universalen Werte vorbestimmt. Die Grundthese des moralischen Realismus besagt in diesem Zusammenhang, dass Wertvorstellungen wahr oder falsch sein können. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.
Der Kapitalismus schafft Wohlstand
Der moderne Kapitalismus ist in zweierlei Hinsicht unschlagbar: Indem er Wohlstand schafft und indem er Neid erweckt. Vielleicht gehört beides sogar zusammen. Morgan Housel vermutet: „Möglicherweise treibt uns erst der Wunsch, andere zu übertreffen, zu besonderen Leistungen an.“ Aber wenn man nie genug bekommt, macht das Leben überhaupt keinen Spaß. Wie Morgan Housel sagt: „Glück ist Erfolg minus Erwartungen.“ Wer sich mit „genug“ zufriedengibt, hat erkannt, dass das Gegenteil – das unersättliche Streben nach immer mehr – letztlich nur unzufrieden macht. Viele Menschen hören erst dann auf, nach mehr zu gieren, wenn sie gegen eine Mauer laufen und gezwungen sind, aufzuhören. Sei es nun aus ganz harmlosen Gründen, weil sie einen Burn-out erleben oder eine riskante Anlageposition nicht länger halten können. Morgan Housel ist Partner bei der Risikokapitalgesellschaft The Collaborative Fund.
Der Neue Moralische Realismus klärt auf
Markus Gabriel stellt die ethischen Grundbegriffe der neuen Aufklärung vor, die sich aus einigen Kernthesen ergeben. Die Kernthesen des Neuen Moralischen Realismus lauten wie folgt. Erstens gibt es von den Privat- und Gruppenmeinungen unabhängige moralische Tatsachen. Diese bestehen objektiv. Zweitens sind die objektiv bestehenden moralischen Tatsachen durch den Menschen erkennbar, also geistabhängig. Sie richten sich an Menschen und stellen einen Moralkompass dessen dar, was man tun soll, tun darf oder verhindern muss. Sie sind in ihrem Kernbestand offensichtlich und werden in dunklen Zeiten durch Ideologie, Propaganda, Manipulation und psychologische Mechanismen verdeckt. Seit 2009 hat Markus Gabriel den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.