Die Nachrichtenlage ließ Daniel Schreiber jeden Tag von Neuem bestürzt zurück, fassungslos und traurig. Ihm war die Fähigkeit abhandengekommen, die Welt zu lieben. Und er wusste nicht, wie er den damit verbundenen Gefühlen von Ohnmacht und Lähmung begegnen konnte. Daniel Schreiber schreibt in seinem Buch „Liebe! Ein Aufruf“ folgendes: „Ein paar Wochen zuvor war ich bei der Lektüre von Hannah Arendts „Denktagebuch“ auf einen kurzen Eintrag gestoßen, der eine ähnliche Einsicht zum Ausdruck zu bringen schien. […] Am meisten faszinierten mich darin die wiederkehrenden Aufzeichnungen zum Wesen der Liebe und ihrer möglichen politischen Kraft.“ Von der Liebe und der Liebe zur Welt schien für Hannah Arendt eine grundlegende politische Kraft auszugehen, doch dieser Kraft begegnete sie mit großer Skepsis. Daniel Schreiber ist Schriftsteller. Mit seinen Texten hat er eine neue Form des literarischen Essays geprägt.
Die Entfaltung des Selbst ist ein erfüllendes Erlebnis
Michaela Brohm-Badry schreibt: „Die Überbrückung der Einsamkeit, die Verbundenheit mit einzelnen Menschen oder auch großen Gruppen ist, was tiefe menschliche Beziehungen ausmacht. Bezüglich aller drei Grundbedürfnisse, also dem nach Autonomie, Kompetenzerleben und Verbundenheit, können wir festhalten, dass, wenn diese befriedigt werden, die Energie, sich zu entfalten, wächst.“ Aus philosophischer Sicht geht es dabei um eine selbstbestimmtes Leben. Die Entfaltung des Selbst ist ein erfüllendes Erlebnis. Menschen wollen wachsen. Nun stellt sich aber dann die Frage, wohin? In welche Richtung? Auf der Grundlage der humanistischen Philosophie und Psychologie sowie der Motivationspsychologie kommen wir zu ähnlichen Lebenszielen, die es lohnt, anzusteuern. Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Lernforschung. Sie war langjährige Dekanin des Fachbereichs Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Philosophie und Psychologie an der Universität Trier.
Die Digitalisierung breitete sich in immer mehr Lebensbereichen aus
Ende der 1980er-Jahre zogen die ersten PCs in die Haushalte ein. Rüdiger Maas blickt zurück: „Daten wurden auf sogenannten Floppy Disks gespeichert, die weniger Datenvolumen hatten, als ein simples Smartphone-Foto heute in Anspruch nimmt. Walkman, Discman, CDs, Spielkonsolen oder Gameboys gehörten zum Alltag – der Gameboy hatte übrigens schon eine größere Prozessorleistung als das erste Spaceshuttle.“ Das Internet wurde erfunden und die Digitalisierung nahm Fahrt auf, breitete sich auf immer mehr Lebens- und Arbeitsbereiche der Menschen aus. Erste Diskussionen über den Umgang mit Medien und Daten, vor allem aber über die Gefahren des Videospielkonsums entbrannten in den 1990ern. Sind Kriegsspiele gewaltverherrlichend? Hat es schädliche Folgen, wenn Kinder einen eigenen Computer oder ein eigenes TV-Gerat mit Spielkonsole im Zimmer haben? Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer und Leiter eines Instituts für Generationenforschung.
Ungleichheit resultiert aus staatlichen Entscheidungen
Jonathan Aldred weiß: „Ein großer Teil der Ungleichheit, den man heute in reicheren Ländern beobachtet, ist eher auf staatliche Entscheidungen als auf unumstößliche Marktkräfte zurückzuführen.“ Solche Beschlüssen kann man jedoch revidieren. Die Staaten des Westens sind in das Zeitalter der Automatisierung und künstlichen Intelligenz eingetreten. Das mache, wie manchmal zu hören ist, zunehmende Ungleichheit unvermeidlich. Das läuft im Wesentlichen daraus hinaus, dass die Computerfreaks, welche die Roboter konstruieren, und die 0,01 Prozent, denen sie gehören, unermesslich reich sein werden. Und die anderen arbeitslos. Aber nichts ist an einer so ungerechten gesellschaftlichen Entwicklung schicksalhaft vorbestimmt. Jonathan Aldred ist Direktor of Studies in Ökonomie am Emmanuel College. Außerdem lehrt er als Newton Trust Lecturer am Department of Land Economy der University of Cambridge.
Die ökologische Bewegung wird nicht als Avantgarde anerkannt
Ullrich Fichtner schreibt: „Im alten Paradigma der Fliegerhelden, Erfinden, Raumfahrtpioniere und Fabrikanten, sagen wir ruhig: im falschen ersten Paradigma des Anthropozäns, waren laut Bruno Latour Wohlstand, Emanzipation, Freizeit die motivierenden Werte schlechthin.“ Diese nun umgestalten zu müssen, weil es die krisenhafte Entwicklung des Klimas erfordert, löse keinerlei Begeisterung aus, sondern trage den Öko-Aktivisten und -Parteien nur den Vorwurf der Langeweile, Einschränkung und Rückwärtsgewandtheit ein. Die ökologische Bewegung wird deshalb nicht als Avantgarde anerkannt, nicht als führende Kraft auf einem „Zeitpfeil“, nicht als Vorhut der Zukunft, nicht als Agent des Fortschritts, im Gegenteil. Sie steht für trockene Vernunft, also Humorlosigkeit, Verbote, Predigten, für Verzicht. Das macht es ihren Gegnern leicht, gegen eine angeblich aufziehende „Ökodiktatur“ zu trommeln und die Umweltfreunde vorzugsweise als kleinkarierte Moralapostel vorzuführen. Ullrich Fichtner ist Reporter des „Spiegel“ und gehört zu den renommiertesten Journalisten Deutschlands.
Die Freiheit findet in Autoritäten Halt
Paul Kirchhof schreibt: „Freiheit sucht nach Autorität, findet in Autoritäten Halt. Autorität kann helfen, den Blick weiten und befreien, braucht aber neben der Autoritätsperson auch die kritischen Autoritätsbereitschaft dessen, der prüft, ob und welcher Autorität er folgen will.“ Der heute suchende Mensch ist nicht darauf angewiesen, nach Autoritäten zu denken und zu handeln. Er wird sich aber des eigenen Denkens durch Auseinandersetzung mit einer klassischen philosophischen, literarischen, religiösen und rechtlichen Überlieferung vergewissern. Darin mag das Eingeständnis eigener Schwäche liegen. Sicher ist es aber einen noch viel größere Schwäche, wenn einer sich einer solchen Selbstprüfung am Maßstab kultureller Texte nicht stellt und vorzieht, den Narren auf eigene Faust zu spielen. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg.
Das kapitalistische Weltsystem war vollkommen neu in der Geschichte
Fabian Scheidler blickt zurück: „Als sich die modernen Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert in Europa entwickelten, vollzog sich gerade ein systematischer Umbruch, der in seiner Bedeutung nur mit der neolithischen Revolution – also der Entstehung der Landwirtschaft – vor etwa 10.000 Jahren und der Formation der ersten Herrschaftsapparate und Staaten vor 5.000 Jahren zu vergleichen ist.“ Es war die Geburt dessen, was man später das moderne, kapitalistische Weltsystem genannt hat. In jahrhundertelangen Kämpfen untereinander und gegen die bäuerliche Bevölkerung hatten Handelsmagnaten, Bankiers, Landesherren, Rüstungsfabrikanten, Großgrundbesitzer und Teile der Kirche ein System hervorgebracht, das vollkommen neu in der menschlichen Geschichte war. Es sollte sich als das produktivste und dynamischste, aber auch gefährlichste und gewalttätigste Gesellschaftssystem erweisen, das Homo sapiens je geschaffen hat. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.
Das schlechte Gewissen prägt die politische Korrektheit
Mit der politischen Korrektheit schlug man ein neues Kapitel in der Geschichte des schlechten Gewissens auf. Alain Finkielkraut erläutert: „Es war die Scham, der Bourgeoisie zu entstammen, die einst viele Intellektuelle antrieb, in die Politik zu gehen. Weil sie mit einem silbernen Löffel im Mund geboren waren, aber sich nicht damit zufriedengeben wollten, in einer ungerechten Welt das Leben zu genießen, büßten sie für ihren Wohlstand und ihre Privilegien, indem sie sich für die Proletarier engagierten.“ Nun ist jedoch der Zeitpunkt gekommen, Scham dafür zu empfinden, ein Mann zu sein. Jetzt gilt es nicht mehr, gegen das eigene Klasseninteresse zu agieren, sondern um Vergebung zu bitten für die rohen Triebe. Alain Finkielkraut gilt als einer der einflussreichsten französischen Intellektuellen.
Vor allem die Erwerbsarbeit ist ein kolossaler Zeitfresser
Das Titelthema des neuen Philosophie Magazins 02/2026 versucht eine Antwort auf die Frage zu finden: „Wem gehört meine Zeit?“ Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler schreibt im Editorial: „Die naheliegende Antwort lautet: Meine Zeit gehört mir. Wem sonst? Dass es aber so einfach nicht ist, zeigt sich jeden Tag, sobald Ansprüche und Notwendigkeiten an den zur Verfügung stehenden 24 Stunden nagen, bis kaum noch etwas übrig bleibt. Vor allem die Erwerbsarbeit ist ein kolossaler Zeitfresser.“ Je älter wir wird, desto stärker haben wir gesellschaftliche Leistungsimperative verinnerlicht, verwechseln sie gar mit unseren eigenen Wünschen. Die Entfremdungsprozesse, die der Mensch als funktionstüchtiges, leistungsorientiertes Gesellschaftswesen durchläuft, wurden in der Philosophie vielfach beschrieben. Etwa von Jean-Jacques Rousseau, der die vergiftenden Einflüsse der Zivilisation hervorhob und forderte, Kinder tunlichst von Konkurrenzgehabe und narzisstischer Anerkennungssucht zu schützen.
Der Stoizismus bietet als Lebensphilosophie einen festen Halt
Gerhard Gleißner schreibt: „Im Fluss des Lebens bietet uns der Stoizismus als Lebensphilosophie einen festen Halt. Er sagt uns dabei konkret, was nicht fließt: Es sind die Dinge, die in unserer Macht liegen, nämlich unsere Werte, und unsere Wünsche.“ Hier bestimmen wir, was „fließen“ soll. Wir können zum Beispiel politisch unser ganzes bisheriges Leben lang konservative Werte vertreten haben und es doch ab morgen ändern. Wir können die Dinge, die in unserer Macht liegen, also auch an dem Zeitfaktor Zukunft erkennen. Unsere Werte und vor allem die Wünsche als Ziele beziehen sich vornehmlich auf das, was erst noch passieren wird – und genau deshalb sind sie frei und unterliegen nicht den Gesetzen der Realität und der Macht des Schicksals. Dr. med. Gerhard Gleißner ist seit 2014 als Amtsarzt und Gutachter im öffentlichen Gesundheitsdienst tätig.
Der Radikale unterscheidet sich vom Extremisten durch Selbstbeherrschung
Mirjam Schaub entwickelt in ihrem Buch „Radikalität und der Riss zwischen Theorie und Praxis“ eine unerhörte Kulturgeschichte, in der sie den Formen der Radikalität von der Antiken bis zur Gegenwart beschreibt. Die Autorin erklärt: „Radial ist, wer den Riss zwischen Theorie und Praxis nicht länger erträgt und anfängt, die von Aristoteles begründete, nötige Distanz zwischen beiden Größen einzureißen.“ Wer sich gegen die Theorie-Praxis-Lücke, gegen die symbolische Ordnung und gegen die eigene Selbsterhaltungsinteressen wendet, ist damit nur noch eine Wimpernschlag vom Extremisten entfernt. Der Radiale unterscheidet sich vom Extremisten jedoch durch die Selbstbeherrschung, einer selbst auferlegten Zurückhaltung, die es ihm erlaubt, das eigene Opfer an der Grenze des eigenen Lebens enden zu lassen. Mirjam Schaub ist Professorin für Kulturphilosophie und Ästhetik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg.
Ein Streit ist nie frei von Herrschaft
Wer in einen Streit verwickelt ist, erhebt die Stimme, um ihr Geltung zu verschaffen. Die Gemütslage ist erhitzt, die Gesichtsmuskeln sind angespannt. Svenja Flasspöhler ergänzt: „Die Hände liegen nicht ruhig auf dem Tisch, sondern sind Teil des Gefechts, verleihen den emotional vorgebrachten Worten zusätzlich Kraft. Kurzum: Ein Streit ist nie frei von Herrschaft.“ Hier geht es um Macht, weil Menschen, die wirklich und wahrhaft streiten, einander gerade nicht verstehen. Hier prallen grundverschiedene Seinsweisen, gar Weltbilder aufeinander. Jürgen Habermas geht davon aus, dass wir, wenn die idealen Bedingungen eines herrschaftsfreien Diskurses gegeben sind, qua Vernunft erkennen, dass wir bestimmte Werte und Normen teilen und so zu einem Konsens finden. Doch wie sich an gegenwärtigen Großkrisen zeigt, ist das längst nicht immer der Fall. Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.
Die vergeistigte Rache attackiert mit Worten und Schablonen
Georg Wilhelm Friedrich Hegels moralpsychologische Diagnosen sind bedrückend aktuell. Alexander Somek erklärt: „Sie sind es vor allem, wenn man an jene denkt, die gern sozialen Fortschritt sähen, aber nicht wissen, wie man ihn hervorbring und daher auch nicht aktiv werden, um ihn zu bewirken.“ Menschen dieses Schlags entdecken dann im Feuilleton oder in der Blog-Sphäre ihres Balkons, von dem aus sie gemeinsam oder in Auseinandersetzung mit anderen schönen Seelen die Muppet Show eines politischen Aktionismus aufführen, in dessen Kontext Aufrufe, dass etwas getan werden müsse, schon für Handeln gehalten werden. Woran es mangelt, hat Michael Walzer einmal so treffend in kritischer Auseinandersetzung mit dem deliberativen Demokratiemodell skizziert: Flugblätter verteilen, Plakate malen, Zusammentreffen organisieren, gemeinsame Stellungnahmen erarbeiten und so weiter. Alexander Somek ist seit 2015 Professor für Rechtsphilosophie und juristische Methodenlehre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.
Der überversorgende Wohlstand ist eine gefährliche Droge
Joachim Bauer betont: „Eine Lebensweise, welche die Grenzen der ökologischen Vernunft beachtet, bedeutet Gewinn, nicht Verlust. Persönliches Wohlergehen und das Schicksal unseres Planeten sind miteinander verknüpft. Gute Selbstfürsorge und Fürsorge für die Globus sind ein und dasselbe.“ Entfremdung von der Natur ist Selbst-Entfremdung. Wenn wir nicht fühlen, was die Welt fühlt, wenn wir unser Leben nicht ändern und den Klimawandel nicht stoppen, werden wir in naher Zukunft kein lebenswertes Leben mehr führen können. Der überversorgende Wohlstand, in dem wir derzeit noch leben, ist eine überaus gefährliche Droge: Bildlich gesprochen, sieht Joachim Bauer uns mit dem Handy in der Hand, mit unsere Aufmerksamkeit suchtartig an die digitalen Medien gefesselt, an einem reich gedeckten Esstisch verharren, während draußen der Waldbrand dabei ist, das Haus zu umzingeln. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Amartya Sen lehnt eine pauschale Verurteilung der Globalisierung ab
Amartya Sen hält es für äußerst dringlich, sich ernsthaft mit dem Gegenstand der Globalisierung zu befassen. Obwohl eines der meistdiskutierten Themen von heute, ist die Globalisierung kein sonderlich wohldefinierter Begriff. Unter dem allgemeinen Titel der Globalisierung fasst man eine Vielzahl von globalen Interaktionen zusammen, die von der Ausweitung der grenzüberschreitenden kulturellen und wissenschaftlichen Einflüsse bis zur Erweiterung der weltweiten Wirtschafts- und Geschäftsbeziehungen reichen. Eine pauschale Ablehnung der Globalisierung würde nicht nur der globalen Wirtschaft zuwiderlaufen, sondern auch die Verbreitung von Ideen, Einsichten und Kenntnissen unterbinden, die allen Völkern der Welt, auch den am stärksten benachteiligten Mitgliedern der Weltbevölkerung helfen können. Amartya Sen ist Professor für Philosophie und Ökonomie an der Harvard Universität. Im Jahr 1998 erhielt er den Nobelpreis für Ökonomie.
Den meisten Menschen ist Sicherheit wichtiger als Freiheit
Ben Ansell stellt fest: „Vielleicht ist das grundlegendste menschliche Bedürfnis, sicher zu sein und zu überleben. Wenn wir uns auf irgendetwas einigen können, dann darauf, dass wir alle am Leben und gesund bleiben wollen.“ In weltweiten Umfragen gaben 70 Prozent der Menschen an, dass ihnen Sicherheit wichtiger sei als Freiheit, wobei der Anteil in Ländern, in denen akut Krieg herrschte, am höchsten war. Für den größten Teil der Menschheitsgeschichte gehörte kriegerische Gewalt zu den tragischen Gewissheiten des Lebens. Doch in den letzten Jahrzehnten, bis zur russischen Invasion in der Ukraine, waren Kriege zwischen Staaten selten geworden. Auch der Alltag ist sicherer geworden als früher. Über die längste Zeit der Menschheitsgeschichte hinweg wurde der Frieden durch „Selbsthilfe“ aufrechterhalten – wir fingen unsere Verbrecher selbst. Ben Ansell ist Professor für Politikwissenschaften am Nuffield College der Universität Oxford.
Den Deutschen wird ein Mangel an Gehorsam attestiert
Lange Zeit galten die Deutschen anderen und sich selbst gegenüber als ungehorsam. Martin Wagner blickt zurück: „In Germania“, dem 1496 gedruckten humanistischen Brieftraktat des Renaissance-Gelehrten und Kardinals Silvio Piccolomini, wird den Deutschen, die als solche in diesem Buch erstmals nach Tacitus´ gleichnamiger antiker Schrift aus dem Jahr 98 wieder ausführlich beschrieben werden, ein Mangel an Gehorsam attestiert.“ Die Fähigkeit der Deutschen, ihrem Kaiser zu folgen, sei äußerst mäßig: „Ihr gehorcht ihm nur, soweit ihr wollt, und ihr wollt so wenig wie möglich.“ Dieser mangelnde Gehorsam gegenüber dem Kaiser werde dabei jedenfalls bei einem Teil der Deutschen, so Piccolomini, vom Ungehorsam gegenüber dem Papst flankiert. Piccolominis Beschreibung entspricht derjenigen der freiheitsliebenden Germanen in Tacitus´ „Germania“ anderthalb Jahrtausende zuvor. Martin Wagner ist Professor of German an der University of Calgary (Kanada).
An der Theorie der Lerntypen ist erschrecken wenig dran
Die Theorie der Lerntypen erfreute sich großer Beliebtheit. Eltern waren begeistert, dass ihre Kinder in ihrer Individualität anerkannt wurden, Lehrkräfte genossen die Freiheit, ihre Methoden zu variieren und ihr Material persönlich abzustimmen. Adam Grant weiß: „Lernstile gehören heute fest zur Lehrerausbildung und zum Schülerleben dazu. Weltweit glauben 89 Prozent der Lehrkräfte, dass sie ihren Unterricht an die Lernstile der Schüler anpassen sollten.“ Da wäre nur ein klitzekleines Problem: An den Lerntypen ist nichts dran. Als ein Expertenteam eine umfassende Überprüfung jahrzehntelanger Forschungsarbeit über Lernstile vornahm, fanden sie erschreckend wenig, was diese Theorie stützte. „Die Faktenlage rechtfertigt nicht die Einbeziehung von Lerntypeneinschätzungen in die allgemeine pädagogische Praxis“, schlussfolgerten die Forschenden. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der renommierten Wharton Business School. Seine Forschungsbeiträge im Bereich Motivation und Produktivität wurden vielfach ausgezeichnet.
Rechtspopulisten stellen eine Bedrohung für die Demokratie dar
Yascha Mounk schreibt: „Der Aufstieg der illiberalen Rechten ist die erstaunlichste Entwicklung des vergangenen Jahrzehnt. In meinen letzten beiden Büchern „Der Zerfall der Demokratie“ und „Das große Experiment“, habe ich geschildert, wie breite Teile der politischen Rechte sich nach und nach eine Spielart des autoritären Populismus zu eigen gemacht haben.“ Diese Demagogen stellen heute, von Ungarn bis nach Indien und die Vereinigten Staaten, eine existenzielle Bedrohung der Demokratie dar. Lange wurde der Aufstieg der Rechtspopulisten kaum zur Kenntnis genommen. Spätestens seit 2016 ist das Thema jedoch in allen westlichen Demokratien ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerückt. In den vergangenen Jahren gab es deshalb eine wahre Flut von Arbeiten über jeden Aspekt des Populismus. Yascha Mounk ist Politikwissenschaftler und lehrt an der Johns Hopkins Universität in Baltimore.
Bei öffentlichen Äußerungen gibt sehr viele Fälle von Cancel Culture
Pauline Voss stellt fest: „Es schmälert die Macht der Überwachung nicht, dass nicht jeder Verstoß gegen die Regeln der politischen Korrektheit geahndet, dass nur ein Bruchteil davon überhaupt entdeckt wird.“ Michel Foucault schreibt über das Panopticon: „Die Wirkung der Überwachung ist permanent, auch wenn ihre Durchführung sporadisch ist.“ Im Grunde ist es gleichgültig, ob in einem bestimmten Augenblick der Überwachungsturm besetzt ist oder nicht; allein die Tatsache, dass der Häftling überwacht werden könnte, zwingt ihn zu permanentem Gehorsam. Das heute vielfach vorgebrachte Argument, dass es, gemessen an der Menge aller öffentlichen Äußerungen, nur sehr wenige Fälle von Cancel Culture gebe, zielt darum ins Leere. Es ist gerade diese Unberechenbarkeit, die den Einzelnen dazu zwingt, permanent die eigene Einhaltung der Regeln zu kontrollieren, oder in den Worten von Michel Foucault: die Zwangsmittel der Macht gegen sich selbst auszuspielen. Pauline Voss ist seit 2023 als freie Journalistin tätig.
Erstmals existierten mehr Maschinen im Netz als Bewohner der Erde
Rechnende Maschinen können heutzutage nahezu jede Aufgabe übernehmen. Stefan Klein nennt Beispiele: „Computer lenken Autos, handeln Aktien, vergeben Kredite, verkuppeln Singles auf Dating-Portalen. Sie steuern Flugzeuge über den Ozean, versorgen Menschen mit Nachrichten und Unterhaltung, lassen Industrieroboter Waren herstellen, analysieren den Kosmos und die menschlichen Gene.“ Hunderte Milliarden elektronischer Prozessoren verrichten heute weltweit ihre Dienste. Wie viele es genau sind, weiß niemand, so schnell wächst ihre Zahl. Eine vorsichtige Schätzung liefert die Menge der im Internet vergebenen Adressen. Im Jahr 1990 waren im weltweiten Netz ein paar Tausend, im Jahr 2000 an die Hundert Millionen Geräte miteinander verknüpft. Zehn Jahre später waren die Menschen schon in der Unterzahl: Erstmals existierten mehr Maschinen im Netz als Bewohner der Erde. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.
Beziehungen und nicht Kulturkreise treiben den historischen Wandel voran
Josephine Quinn erzählt in ihrem Buch „Der Westen“ eine Geschichte, die nicht im griechisch-römischen Mittelmeerraum beginnt und dann im Italien der Renaissance wieder auftaucht. Sondern sie folgt den Beziehungen zurück, durch die sich das, was heute der Westen genannt wird, aus der Bronzezeit bis zum Zeitalter der Entdeckungen entwickelt hat. Gerade weil Gesellschaften miteinander in Berührung kamen, sich vermischten und bisweilen wieder auseinanderentwickelten. Allgemeiner ausgedrückt möchte Josephine Quinn dafür plädieren, dass Beziehungen und nicht Kulturkreise den historischen Wandel vorantreiben. In ihrem Buch vertritt die Autorin die These, dass es nie eine einzigartige, reine westliche oder europäische Kultur gegeben hat. Die Werte, die wir heute westlich nennen – Freiheit, Rationalität, Gerechtigkeit und Toleranz –, sind nicht allein oder ursprünglich westlich. Josephine Quinn ist Professorin für Alte Geschichte an der Universität Cambridge.
Jeder Mensch braucht Anerkennung
Die verschiedensten Fähigkeiten, die ein Mensch besitzt, gehen auf ein grundlegende Befähigung zurück: die Fähigkeit, zu verstehen, was ein anderer Mensch erlebt. David Brooks erläutert: „Es ist eine ganz bestimmte Fähigkeit, die das Herzstück aller gesunden Menschen, Familien, Schulen, Gemeinschaften oder Gesellschaften bildet: die Fähigkeit, einen anderen Menschen wirklich zu sehen und ihm das Gefühl zu vermitteln, dass er gesehen wird – einen anderen Menschen grundlegend zu erkennen und ihm das Gefühl zu vermitteln, wertgeschätzt, gehört und verstanden zu werden.“ Genau das bildet den Kern eines guten Menschen und ist gleichzeitig das größte Geschenk, das man anderen und sich selbst machen kann. Denn der Mensch braucht Anerkennung so dringend wie Nahrung und Wasser. Der US-amerikanische Erfolgsautor David Brooks ist Kolumnist bei der „New York Times“ sowie Kommentator bei „PBS Newshour“.
Bei einer Diskussion sollte der Fokus auf dem Verstehen und Lernen liegen
Wenn man in einer Debatte an seine Grenzen stößt, braucht man das Reden dennoch nicht vollkommen einzustellen. „Einigen wir uns also darauf, dass wir uns uneinig sind“, sollte eine Diskussion nicht beenden. Adam Grant rät: „Vielmehr sollten wir eine neue Unterhaltung beginnen, bei der der Fokus auf dem Verstehen und Lernen statt auf dem Argumentieren und Überzeugen liegt.“ Im Wissenschaftlermodus würden wir Folgendes tun: vorausschauen und fragen, wie wir die Debatte effektiver hätten führen können. Das hilft uns vielleicht, dieselben Argumente einer anderen Person auf bessere Art und Weise vorzutragen – oder derselben Person an einem anderen Tag andere Argumente zu liefern. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der Wharton Business School. Er ist Autor mehrerer internationaler Bestseller, die in 35 Sprachen übersetzt wurden.
Das Web 2.0 ermöglicht seinen Nutzern eine aktive dynamische Teilhabe
Andrea Römmele schreibt: „Die technischen Möglichkeiten entwickelten sich weiter und so wurde aus dem Web 1.0 das Web 2.0. Erstmalig wurde dieser Begriff 2004 von Dale Dougherty von O´Reilly Media auf einer Konferenz in San Francisco verwendet.“ Er wurde schnell zu einem geflügelten Wort, das die gesamte zweite Generation des World Wide Web beschreibt, die sich durch interaktive und kollaborative Online-Plattformen auszeichnet. Im Vergleich zum eher statischen Charakter des Web 1.0 ermöglicht das Web 2.0 seinen Nutzern eine aktive dynamische Teilhabe. Sie können selbstständig Beiträge erstellen und posten, Beiträge anderer teilen oder kommentieren. Die Nutzer werden so zu „Prosumern“: Der Begriff meint das gleichzeitige Produzieren und Konsumieren von Nachrichten und ist aus Teilen beider Worte zusammengesetzt. Andrea Römmele ist Professorin für Politische Kommunikation und Vizepräsidentin an der Hertie School in Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Demokratie, Wahlen und politische Parteien.