Die Ministerialbürokratie ist eine geschlossene Kaste

Dass Behörden ohne externen Druck oft Missstände nicht abschaffen, ist nach der Argumentation des Politikwissenschaftlers Franz Neumann kein Wunder. Arne Semsrott erklärt: „Er beschreibt die Ministerialbürokratie als eine geschlossene Kaste, die keine Außenseiter in ihren Reihen duldet. Neumann, der von den Nazis ins Exil geflohen war, veröffentlichte Anfang der 1940er den „Behemoth“, ein Standardwerk zum Nationalsozialismus.“ An deutschen Beamten ließ er kein gutes Haar. Sie seien „extrem ehrgeizige und alles in allem leistungstüchtige Techniker, die sich um politische und soziale Werte wenig schweren“. Ihr großes Streben sei „zu bleiben, wo sie sind, oder genauer: so rasch wie möglich befördert zu werden“. Beamte seien weder für noch gegen den Nationalsozialismus, sondern befürworten lediglich die Ministerialbürokratie. Arne Semsrott ist Politikwissenschaftler und Aktivist.

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Die Paarbildung spielt sich in einem Wettbewerbsmarkt ab

Eva Illouz stellt fest: „Der Prozess der Paarbildung über Bewertungen auf den Ebenen von Visualität, Persönlichkeit und Konsum spielt sich in einem Wettbewerbsmarkt mit vielen anderen Akteuren aber und kann daher nicht ohne vergleichende Wahrnehmungen vonstattengehen.“ Der Vergleich hat sich zu einem der, wenn nicht dem wichtigsten Wahrnehmungsakt im Suchprozess entwickelt. Vergleich und Wahl hängen vom Bezugspunkt des eigenen Urteils ab, was sich wiederum tiefgreifend auf die Bewertung des Werts eines anderen auswirkt. Um in einem Markt realisiert zu werden, muss dem Wert einer Ware ein symbolischer Wert zugeschrieben werden, der seinerseits davon abhängt, wie diese Ware im Verhältnis zu anderen Waren steht. Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Außerdem ist sie Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne.

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Wache Geister lassen sich von philosophische Fragen irritieren

Barbara Bleisch erklärt: „Wache Geister brauchen keinen Sokrates, um sich von philosophischen Frage irritieren zu lassen. Vielmehr werden sie permanent von Fragen belästigt, die ihnen die Vernunft aufgibt, die diese aus eigenem Vermögen nicht zu lösen imstande ist, wie Immanuel Kant in seiner Vorrede zur „Kritik der reinen Vernunft“ schreibt.“ Freilich kann man sich den philosophischen Fragen auch verweigern und sich ein Leben lang dem dogmatischen Schlummer hingeben, von dem Immanuel Kant auch spricht. Wer aber an der Wahrheit interessiert ist, wird sich stets von Neuem aufstören lassen, ja aufstören lassen müssen, weil die inneren Fragen nicht zur Ruhe kommen. Die Philosophin und Autorin Dr. Barbara Bleisch ist Dozentin an den Universitäten Zürich und Luzern sowie Co-Intendantin des Philosophicum Lech.

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Ab Mitte der 1960er-Jahre entstanden No-Future-Bewegungen

Die ab Mitte der 1960er- bis Mitte der 1970er-Jahre Geborenen erlebten in ihrer Jugend unter anderem das Reaktorunglück von Tschernobyl, den Kalten Krieg und sein Ende, den Fall der Berliner Mauer. Rüdiger Maas erklärt: „Es entstand eine Generation, die das Weltuntergangsszenario rund um den berühmten Roten Kopf zelebrieren musste, den entweder die USA oder Russland beziehungsweise die UdSSR betätigen und damit einen Atomkrieg beginnen könnten.“ Ein Kopfdruck, und die Erde ist Geschichte. Die Vorstellung prägte viele Filme und die Popkultur. No-Future-Bewegungen entstanden. Die Antwort auf die Neue Deutsche Welle folgten die Dunkle Welle, später auch Gothic genannt. Auf die Hippies folgten die Punks, auf Pop der Schlager und Heavy Metal, später Grunge, Westcoast-Punk, Rap und Hip-Hop. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer und Leiter eines Instituts für Generationenforschung.

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Der Liberalismus erweist sich als Stehaufmännchen

Der Liberalismus scheint zu einem Stehaufmännchen der Geschichte zu werden. Nachdem er nach dem durch Imperialismus ausgelösten Ersten Weltkrieg wiederkam, und nach dem durch Faschismus ausgelösten Zweiten Weltkrieg wieder auferstand, überlebte er schließlich auch noch den Kommunismus. Markus Hengstschläger ergänzt: „Diese Stehaufmännchenqualität steht gerade aktuell wieder auf dem Prüfstand. Man denkt dabei erst gar nicht an das autoritär von der kommunistischen Partei regierte China, das viele Chinesen als Demokratie, allerdings nicht im liberalen Sinn, ansehen.“ Man denkt vielleicht an die aktuellen Entwicklungen in der „gelenkten Demokratie“ Russlands. Die liberale Demokratie steht mächtig unter Druck durch Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei oder durch Viktor Orbán in Ungarn. Professor Markus Hengstschläger ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien.

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Die österreichische Küche besticht durch ihre kulinarische Vielfalt

In dem Buch „Die echte österreichische Küche“ präsentiert Irmtraud Weishaupt die besten Rezepte aus ganz Österreich. Die österreichische Küche ist berühmt für ihre Köstlichkeiten. Jedes Bundesland hat seine eigenen Schmankerl, zum Beispiel die beliebten Kärtner Kasnudeln oder das deftige Tiroler Gröstl. Über die Grenzen Österreichs hinaus sind vor allem das Wiener Schnitzel und der Kaiserschmarren bekannt. Auch aber traditionelle österreichische Hauptgerichte wie Tafelspitz, Gulasch und Co. werden im Ausland sehr geschätzt. Dieses Österreich-Kochbuch enthält zahlreiche Rezepte zwischen traditionellen und neuen Zubereitungsarten sowie durchaus auch innovativ angepassten Gerichten. Der thematische Bogen umspannt dabei sowohl köstliche Suppen als auch weithin bekannte beziehungsweise manchmal auch fast vergessene Hauptspeisen. Auch Beilagenklassiker wie Semmelknödel oder Kroketten und Salate haben ihre Weg in dieses Österreich-Kochbuch gefunden. Irmtraud Weishaupt ist Redakteurin und Lektorin im Leopold Stocker Verlag.

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Bei einer Scheidung sind Verletzungen und Kränkungen wahrscheinlich

Jede Scheidung verläuft mit großen Belastungen für die Betroffenen, unter welchen die gegenseitigen Verletzungen und Kränkungen wahrscheinlich die gravierendsten sind. Reinhard Haller weiß: „Noch schwerer als der ohnehin mit viel Ärger und Stress verbundene formale Scheidungsprozess sind die emotionale Trennung, die oft sehr feindselige Distanzierung vom Partner und der Neuanfang zu bewältigen.“ Die psychosozialen Wissenschaften, die sich angesichts des epidemieartigen Anstiegs von Partnerschaftstrennungen und Scheidungen vermehrt mit den gesundheitlichen Problemen der Betroffenen befassen, unterscheiden im Trennungsprozess drei Phasen. Erstens die desillusionierende, durch viele Auseinandersetzungen und Kränkungen belastete Entscheidungsphase, in der es zur Zerrüttung der Ehe kommt. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).

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Der Klimawandel ist ein Symptom der globalen Krise der Ungleichheit

Wer Extremwetterereignisse erforscht, schaut wie durch ein Brennglas auf Gesellschaften und beobachtet, wie das Zusammenspiel von Wetter, Klima, Geografie, Information, Kommunikation, Regierungsstrukturen und sozioökonomischen Gegebenheiten zu Katastrophen führt – und vor allem für wen. Friederike Otto stellt fest: „Was mich Extremwetterereignisse also vor allem gelehrt haben, ist, dass die Klimakrise eine Krise ist, die hauptsächlich durch Ungleichheit und die nach wie vor unangefochtene Vorherrschaft patriarchaler und kolonialer Strukturen geprägt ist, die zudem verhindern, dass ernsthaft Klimaschutz betrieben wird.“ Physikalische Veränderungen wie stärkere Regenfälle und trockenere Böden wirken sich nur mittelbar aus. Kurz: Der Klimawandel ist ein Symptom dieser globalen Krise der Ungleichheit und Ungerechtigkeit, nicht ihre Ursache. Friederike Otto forscht am Grantham Institute for Climate Chance zu Extremwetter und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Sie hat das neue Feld der Zuordnungswissenschaft – Attribution Science – mitentwickelt.

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Ein faires politisches System sorgt für Vertrauen der Bürger

Vertrauen in die Regierung setzt die Überzeugung voraus, das politische System sei fair und die Führungspersönlichkeiten würden nicht ausschließlich für sich selbst arbeiten. Nichts zerstört Vertrauen so sehr wie Heuchelei und die Diskrepanz zwischen den Worten und Taten von Politikern. Joseph Stiglitz ergänzt: „Schon lange vor Donald Trump schufen unsere Eliten und führenden Politiker – in beiden Parteien – die Voraussetzungen für Misstrauen, indem sie auf eine Politik setzten, die nur ihnen selbst zu nützen schien.“ Die eigentlichen Gewinner der Politik, für die sie sich in den 1980er- und 1990er-Jahren einsetzen, waren die Eliten: Die Behauptung, alle würden profitieren, war nichts al ein eigennütziges Märchen. Joseph Stiglitz war Professor für Volkswirtschaft in Yale, Princeton, Oxford und Stanford. Er wurde 2001 mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet.

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Seit Ende 2022 ist die Künstliche Intelligenz plötzlich in aller Munde

In den ersten Jahrzehnten der KI-Forschung lag der Schwerpunkt auf grundlegenden Algorithmen, auf symbolischer Logik und Expertensystemen. Andrea Römmele ergänzt: „Mit dem Aufkommen leistungsstarker Computer und der digitalen Verfügbarkeit großer Datenmengen begann die KI-Forschung, von datengetriebenen Ansätzen zu profitieren.“ Maschinelles Lernen, insbesondere Deep-Learning, ermöglichte es algorithmischen Systemen, Muster und komplexe Zusammenhänge in großen Datensätzen zu erkennen und von diesen zu lernen, um Vorhersagen zu treffen oder um ähnliche Daten, Bilder oder Texte zu generieren. Seit Ende 2022 ist KI plötzlich in aller Munde. So wie das iPhone die Digitalisierung und Vernetzung der Welt auf einen Schlag „sichtbar“ machte und den Übergang vom Web 1.0 zum Web 2.0 markierte, brachte ChatGPT eine breiten Öffentlichkeit Künstliche Intelligenz (KI) näher. Andrea Römmele ist Professorin für Politische Kommunikation und Vizepräsidentin an der Hertie School in Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Demokratie, Wahlen und politische Parteien.

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Neue Technologien sorgen für mehr Komfort und Bequemlichkeit

Christian Uhle stellt fest: „Die Hoffnung, durch neue Technologien mehr Komfort, Bequemlichkeit und Freizeit zu gewinnen, ist nicht erst durch die Digitalisierung in die Welt gekommen. Im Gegenteil, seit jeher sind die meisten Technologien mit dieser Hoffnung verbunden: Egal ob Auto, Gaszeitung oder Pürierstab – immer geht es darum, effizienter, bequemer und schneller zum Ziel zu kommen.“ Allein durch die Waschmaschine sparen wir irrsinnig viel Zeit und Aufwand. Während bei einem Haushalt von vier Personen wöchentlich circa fünf Stunden für die Handwäsche benötigt werden, sind es mit einer Waschmaschine nur eine Stunde. Damit werden etwa 220 Stunden im Jahr gespart. Hinzu kommen all die weiteren Haushaltsgeräte. Wenn wir über Digitalisierung und Künstliche Intelligenz nachdenken, dann ist es hilfreich, sich diese grundlegenden Eigenschaften von Technik bewusst zu machen. Der Philosoph Christian Uhle hat als Wissenschaftler zu gesellschaftlichen und technologischen Transformationen geforscht.

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Vorurteile über die Jugend sind so alt wie die Menschheit selbst

Marketingexperten übernahmen eine etwa einhundert Jahre alte Idee eines Generationenbegriffes, der auf den Soziologen und Philosophen Karl Mannheim zurückkehrt. Rüdiger Maas erklärt: „Mannheim schrieb 1928 einen Essay über die Einteilung der Generationen. Er entwarf die Theorie, dass Geburtenjahrgänge einen Einfluss haben könnten, wie Menschen ihre Kindheit und Jugend verbringen.“ Karl Mannheim hatte damals die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten vor allem um die Zeit vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg vor Augen. Er dachte dabei jedoch nur an Männer, Frauen spielten in seiner Betrachtungsweise keine Rolle. Damit war Karl Mannheim damals nicht der Einzige in der Wissenschaft. In der Medienlandschaft wird das Konstrukt von Mannheim ohne wirkliches Verständnis nun auf Menschengruppen angewendet. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer eines Instituts für Generationenforschung. Zuletzt erschien sein Bestseller „Generation lebensunfähig“.

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Erfahrungen der Ekstase werden als Glücksgefühl empfunden

Racha Kirakosian schreibt: „Kontrollverlust, Entgrenzung, Ich-Verlust, Transzendenzerfahrung: Das ist nur eine kleine Auswahl von Zuständen, die Menschen nennen, wenn sie bewusstseinsüberschreitende Erlebnisse schildern. Bei wiedererlangtem vollem Bewusstsein wird das Erfahrene als Glücksgefühl bezeichnet.“ Es gibt noch ein anderes Wort für das Erlebte, das, so schwammig es zu sein scheint, erstaunlich oft zum Einsatz kommt, wenn es um die erwähnten Zustände geht: Ekstase. Ekstase ist so etwas wie ein Oberbegriff, doch verbirgt sich dahinter weit mehr als ein leeres Sammelbecken. Gerade weil Ekstase selbst erratisch und unglaubwürdig ist, unsagbar und empfindlich, bietet sich für Racha Kirakosian genau das an: den Bogen weit spannen, um zu versuchen, einem der verbreitetsten geistigen und körperlichen Phänomene der Menschheit auf die Spur zu kommen. Racha Kirakosian bekleidet eine Professur für Mediävistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

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Der Populismus ist ein politisches Verlustunternehmertum

Die immer neuen Verlustängste vielen Menschen kommen dem Populismus gerade recht, ja, sie werden von ihm systematisch genährt. Populismus ist politisches Verlustunternehmertum. Andreas Reckwitz fügt hinzu: „Er stellt aber nur das prominentesten Beispiel eines breiten politisch-kulturellen Feldes von verlustorientierten Bewegungen der letzten Jahre dar, zu denen etwa auch die „Gelbwesten“ und die „Incels“ gehören.“ Die Relevanz von Verlusten im Feld des Politischen betrifft als Reaktion darauf jedoch auch das linkliberale Lager: Denn je stärker die Rechtspopulisten werden, umso mehr fürchten die Linksliberalen demokratische Regressionen. Die Auseinandersetzungen der Gegenwartsgesellschaft drehen sich somit häufig weniger um den Anteil der einzelnen Gruppen am gesellschaftlichen Fortschritt, sondern darum, wer verliert und wessen Verlustängste stärker die politische Agende prägen. Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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Trollfabriken produzieren als Nachrichten verkleidete Propaganda

Die angeborene Neugierde des Menschen erweist sich als vorteilhaft für Fake News. Thomas Erikson erklärt: „Sie sprechen unsere Gefühle und Einschätzungen an, um Klicks zu generieren und für Unterhaltung zu sorgen. Falschmeldungen über den Tod berühmter Persönlichkeiten oder über skandalöse Fehltritte von Politikern sorgen landauf, landab für Kontroversen.“ Egal wo man politisch steht, man kann sich felsenfest darauf verlassen, dass auch die von einem selbst unterstützte Partei die Wahrheit tendenziös darstellt. Daneben gibt es die sogenannten Trollfabriken, die stets und ständig als „Nachrichten“ verkleidete Propaganda und grobe Behauptungen mal über das eine, dann wieder über das andere produzieren. In der datenbasierten Welt werden Statistiken und wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage für viele überzeugende Argumente und Standpunkte herangezogen. Thomas Erikson ist ein schwedischer Verhaltensexperte, international gefragter Vortragsredner, Leadership-Coach und Buchautor.

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Der Autopilot ist für Routinetätigkeiten zuständig

Wenn man weiß, wie man etwas macht, schaltet man leicht um auf seine Autopiloten. Andreas Salcher rät: „Verlangsamen Sie sich und nehmen Sie sich Zeit, um jeden Aspekt einer Aufgabe neu zu entdecken, anstatt automatisch die gleichen Schritte zu tun. Seien Sie sich bewusst, was Sie tun und was Sie erleben. Ertappen Sie sich dabei, wie Sie sich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten, versuchen Sie beim nächsten Mal einen anderen Ansatz.“ Man weiß nie, was man entdecken könnte. Eine einfache Übung ist, ganz langsam durch einen Wald oder eine Wiese zu gehen und vor jeder Pflanze oder jedem Lebewesen stehen zu bleiben und sie so zu betrachten, als ob es das erste Mal wäre. Dr. Andreas Salcher ist Mitgebegründer der „Sir Karl-Popper-Schule“ für besonders begabte Kinder. Mit mehr als 250.000 verkauften Büchern gilt er als einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren Österreichs.

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Von der Liebe zur Welt scheint eine starke politische Kraft auszugehen

Die Nachrichtenlage ließ Daniel Schreiber jeden Tag von Neuem bestürzt zurück, fassungslos und traurig. Ihm war die Fähigkeit abhandengekommen, die Welt zu lieben. Und er wusste nicht, wie er den damit verbundenen Gefühlen von Ohnmacht und Lähmung begegnen konnte. Daniel Schreiber schreibt in seinem Buch „Liebe! Ein Aufruf“ folgendes: „Ein paar Wochen zuvor war ich bei der Lektüre von Hannah Arendts „Denktagebuch“ auf einen kurzen Eintrag gestoßen, der eine ähnliche Einsicht zum Ausdruck zu bringen schien. […] Am meisten faszinierten mich darin die wiederkehrenden Aufzeichnungen zum Wesen der Liebe und ihrer möglichen politischen Kraft.“ Von der Liebe und der Liebe zur Welt schien für Hannah Arendt eine grundlegende politische Kraft auszugehen, doch dieser Kraft begegnete sie mit großer Skepsis. Daniel Schreiber ist Schriftsteller. Mit seinen Texten hat er eine neue Form des literarischen Essays geprägt.

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Die Entfaltung des Selbst ist ein erfüllendes Erlebnis

Michaela Brohm-Badry schreibt: „Die Überbrückung der Einsamkeit, die Verbundenheit mit einzelnen Menschen oder auch großen Gruppen ist, was tiefe menschliche Beziehungen ausmacht. Bezüglich aller drei Grundbedürfnisse, also dem nach Autonomie, Kompetenzerleben und Verbundenheit, können wir festhalten, dass, wenn diese befriedigt werden, die Energie, sich zu entfalten, wächst.“ Aus philosophischer Sicht geht es dabei um eine selbstbestimmtes Leben. Die Entfaltung des Selbst ist ein erfüllendes Erlebnis. Menschen wollen wachsen. Nun stellt sich aber dann die Frage, wohin? In welche Richtung? Auf der Grundlage der humanistischen Philosophie und Psychologie sowie der Motivationspsychologie kommen wir zu ähnlichen Lebenszielen, die es lohnt, anzusteuern. Prof. Dr. Michaela Brohm-Badry ist Professorin für Lernforschung. Sie war langjährige Dekanin des Fachbereichs Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Philosophie und Psychologie an der Universität Trier.

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Die Digitalisierung breitete sich in immer mehr Lebensbereichen aus

Ende der 1980er-Jahre zogen die ersten PCs in die Haushalte ein. Rüdiger Maas blickt zurück: „Daten wurden auf sogenannten Floppy Disks gespeichert, die weniger Datenvolumen hatten, als ein simples Smartphone-Foto heute in Anspruch nimmt. Walkman, Discman, CDs, Spielkonsolen oder Gameboys gehörten zum Alltag – der Gameboy hatte übrigens schon eine größere Prozessorleistung als das erste Spaceshuttle.“ Das Internet wurde erfunden und die Digitalisierung nahm Fahrt auf, breitete sich auf immer mehr Lebens- und Arbeitsbereiche der Menschen aus. Erste Diskussionen über den Umgang mit Medien und Daten, vor allem aber über die Gefahren des Videospielkonsums entbrannten in den 1990ern. Sind Kriegsspiele gewaltverherrlichend? Hat es schädliche Folgen, wenn Kinder einen eigenen Computer oder ein eigenes TV-Gerat mit Spielkonsole im Zimmer haben? Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer und Leiter eines Instituts für Generationenforschung.

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Ungleichheit resultiert aus staatlichen Entscheidungen

Jonathan Aldred weiß: „Ein großer Teil der Ungleichheit, den man heute in reicheren Ländern beobachtet, ist eher auf staatliche Entscheidungen als auf unumstößliche Marktkräfte zurückzuführen.“ Solche Beschlüssen kann man jedoch revidieren. Die Staaten des Westens sind in das Zeitalter der Automatisierung und künstlichen Intelligenz eingetreten. Das mache, wie manchmal zu hören ist, zunehmende Ungleichheit unvermeidlich. Das läuft im Wesentlichen daraus hinaus, dass die Computerfreaks, welche die Roboter konstruieren, und die 0,01 Prozent, denen sie gehören, unermesslich reich sein werden. Und die anderen arbeitslos. Aber nichts ist an einer so ungerechten gesellschaftlichen Entwicklung schicksalhaft vorbestimmt. Jonathan Aldred ist Direktor of Studies in Ökonomie am Emmanuel College. Außerdem lehrt er als Newton Trust Lecturer am Department of Land Economy der University of Cambridge.

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Die ökologische Bewegung wird nicht als Avantgarde anerkannt

Ullrich Fichtner schreibt: „Im alten Paradigma der Fliegerhelden, Erfinden, Raumfahrtpioniere und Fabrikanten, sagen wir ruhig: im falschen ersten Paradigma des Anthropozäns, waren laut Bruno Latour Wohlstand, Emanzipation, Freizeit die motivierenden Werte schlechthin.“ Diese nun umgestalten zu müssen, weil es die krisenhafte Entwicklung des Klimas erfordert, löse keinerlei Begeisterung aus, sondern trage den Öko-Aktivisten und -Parteien nur den Vorwurf der Langeweile, Einschränkung und Rückwärtsgewandtheit ein. Die ökologische Bewegung wird deshalb nicht als Avantgarde anerkannt, nicht als führende Kraft auf einem „Zeitpfeil“, nicht als Vorhut der Zukunft, nicht als Agent des Fortschritts, im Gegenteil. Sie steht für trockene Vernunft, also Humorlosigkeit, Verbote, Predigten, für Verzicht. Das macht es ihren Gegnern leicht, gegen eine angeblich aufziehende „Ökodiktatur“ zu trommeln und die Umweltfreunde vorzugsweise als kleinkarierte Moralapostel vorzuführen. Ullrich Fichtner ist Reporter des „Spiegel“ und gehört zu den renommiertesten Journalisten Deutschlands.

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Die Freiheit findet in Autoritäten Halt

Paul Kirchhof schreibt: „Freiheit sucht nach Autorität, findet in Autoritäten Halt. Autorität kann helfen, den Blick weiten und befreien, braucht aber neben der Autoritätsperson auch die kritischen Autoritätsbereitschaft dessen, der prüft, ob und welcher Autorität er folgen will.“ Der heute suchende Mensch ist nicht darauf angewiesen, nach Autoritäten zu denken und zu handeln. Er wird sich aber des eigenen Denkens durch Auseinandersetzung mit einer klassischen philosophischen, literarischen, religiösen und rechtlichen Überlieferung vergewissern. Darin mag das Eingeständnis eigener Schwäche liegen. Sicher ist es aber einen noch viel größere Schwäche, wenn einer sich einer solchen Selbstprüfung am Maßstab kultureller Texte nicht stellt und vorzieht, den Narren auf eigene Faust zu spielen. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg.

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Das kapitalistische Weltsystem war vollkommen neu in der Geschichte

Fabian Scheidler blickt zurück: „Als sich die modernen Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert in Europa entwickelten, vollzog sich gerade ein systematischer Umbruch, der in seiner Bedeutung nur mit der neolithischen Revolution – also der Entstehung der Landwirtschaft – vor etwa 10.000 Jahren und der Formation der ersten Herrschaftsapparate und Staaten vor 5.000 Jahren zu vergleichen ist.“ Es war die Geburt dessen, was man später das moderne, kapitalistische Weltsystem genannt hat. In jahrhundertelangen Kämpfen untereinander und gegen die bäuerliche Bevölkerung hatten Handelsmagnaten, Bankiers, Landesherren, Rüstungsfabrikanten, Großgrundbesitzer und Teile der Kirche ein System hervorgebracht, das vollkommen neu in der menschlichen Geschichte war. Es sollte sich als das produktivste und dynamischste, aber auch gefährlichste und gewalttätigste Gesellschaftssystem erweisen, das Homo sapiens je geschaffen hat. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.

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Das schlechte Gewissen prägt die politische Korrektheit

Mit der politischen Korrektheit schlug man ein neues Kapitel in der Geschichte des schlechten Gewissens auf. Alain Finkielkraut erläutert: „Es war die Scham, der Bourgeoisie zu entstammen, die einst viele Intellektuelle antrieb, in die Politik zu gehen. Weil sie mit einem silbernen Löffel im Mund geboren waren, aber sich nicht damit zufriedengeben wollten, in einer ungerechten Welt das Leben zu genießen, büßten sie für ihren Wohlstand und ihre Privilegien, indem sie sich für die Proletarier engagierten.“ Nun ist jedoch der Zeitpunkt gekommen, Scham dafür zu empfinden, ein Mann zu sein. Jetzt gilt es nicht mehr, gegen das eigene Klasseninteresse zu agieren, sondern um Vergebung zu bitten für die rohen Triebe. Alain Finkielkraut gilt als einer der einflussreichsten französischen Intellektuellen.

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Vor allem die Erwerbsarbeit ist ein kolossaler Zeitfresser

Das Titelthema des neuen Philosophie Magazins 02/2026 versucht eine Antwort auf die Frage zu finden: „Wem gehört meine Zeit?“ Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler schreibt im Editorial: „Die naheliegende Antwort lautet: Meine Zeit gehört mir. Wem sonst? Dass es aber so einfach nicht ist, zeigt sich jeden Tag, sobald Ansprüche und Notwendigkeiten an den zur Verfügung stehenden 24 Stunden nagen, bis kaum noch etwas übrig bleibt. Vor allem die Erwerbsarbeit ist ein kolossaler Zeitfresser.“ Je älter wir wird, desto stärker haben wir gesellschaftliche Leistungsimperative verinnerlicht, verwechseln sie gar mit unseren eigenen Wünschen. Die Entfremdungsprozesse, die der Mensch als funktionstüchtiges, leistungsorientiertes Gesellschaftswesen durchläuft, wurden in der Philosophie vielfach beschrieben. Etwa von Jean-Jacques Rousseau, der die vergiftenden Einflüsse der Zivilisation hervorhob und forderte, Kinder tunlichst von Konkurrenzgehabe und narzisstischer Anerkennungssucht zu schützen.

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