Das Buch „Know to Know a Person“ von David Brooks soll dazu beitragen, dass es uns besser gelingt, andere zu sehen und ihnen das Gefühl zu vermitteln, gesehen, gehört und verstanden zu werden. Zu Beginn seiner Recherche zu diesem Thema hatte David Brooks keine Ahnung, welche Fähigkeiten dazu nötig sind. Aber er wusste, dass sich außergewöhnliche Menschen in vielen Fachbereichen diese Fähigkeiten selbst beigebracht hatten. Psychologen sind darin geschult, jene Mechanismen zu erkennen, mit denen sich Menschen vor ihren tiefsten Ängsten schützen. Schauspielerinnen können die wesentlichen Eigenschaften einer Figur erfassen und sich beibringen, wie sie diese Rolle verkörpern. Biografen können die Widersprüche in einer Person wahrnehmen und dennoch ihr Leben als Ganzes betrachten. Der US-amerikanische Erfolgsautor David Brooks ist Kolumnist bei der „New York Times“ sowie Kommentator bei „PBS Newshour“.
Die Arbeit nimmt im Leben des Einzelnen einen zentralen Platz ein
Die Vorstellung, dass wir uns beim Arbeiten selbst verwirklichen, ist ein entschieden modernes Phänomen. Anna Katherina Schaffner erklärt: „Heute nimmt Arbeit sowohl in unserem persönliche Leben wie auch in der kollektiven Vorstellung einen zentralen Platz ein. Wenn wir jemanden kennenlernen, ist eine der ersten Fragen meist: Was machts du? Was letztlich bedeutet: Wer bist du?“ Sowohl individuell wie auch als Gesellschaft investieren wir viel zu viel in die Arbeit. Sie ist längst nicht mehr nur Mittel zum Zweck, um unseren Lebensunterhalt zu bestreiten, und dient auch nicht mehr nur dazu, für sozialen Status zu sorgen. Vielmehr ist Arbeit aufs Engste mit anderen Kernbedürfnissen verbunden. Dazu gehören Sinn, Identität, Selbstverwirklichung und das Gefühl von Verbundenheit. Anna Katherina Schaffner ist Kulturhistorikerin und zertifizierter Burnout-Coach.
Die Staatsverschuldung ist weltweit besorgniserregend
Wir sehen heute in vielen Ländern der Welt eine besorgniserregende Staatsverschuldung. Marcel Fratzscher weiß, dass das nicht immer so war: „Von den 1950er- bis zu den 1970er-Jahren sanken die Staatsschulden zunächst relativ zur Wirtschaftsleistung: In den Industrieländern gar von durchschnittlich 120 Prozent Ende der 1940er-Jahre auf wenig mehr als 40 Prozent in den 1970er-Jahren.“ Seit den 1980er-Jahren steigen sie jedoch in fast allen Industrie- und auch in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern wieder sehr deutlich. Einer der Gründe in Europa war das Wachsen des Sozialstaats, wobei der Staat soziale Leistungen für seine Bürger erbringt. Dabei ging es meist nicht nur darum, ein besseres soziales Sicherungsnetz zur Verfügung zu stellen. Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Ein sozialer Ausschluss schwächt die Fähigkeit zur Selbstregulierung
Lars Svendsen stellt fest: „Einsamkeit scheint auch Konsequenzen für das tägliche Funktionsniveau der Betroffenen zu haben.“ Es hat gravierende Wirkungen auf Menschen, die hören, dass sie sozial ausgeschlossen wurden oder es werden würden. 1. Sie wurden aggressiver, nicht nur gegenüber Leuten, die sie gekränkt hatten, sondern auch gegenüber anderen. 2. Sie fassten mehrere Beschlüsse, die ihnen selbst schadeten. 3. Sie hatten schlechtere Ergebnisse in Tests hinsichtlich rationaler Fertigkeiten. 4. Sie gaben bei anspruchsvollen Aufgaben schneller auf. Daraus folgt, dass sozialer Ausschluss die Fähigkeit zur Selbstregulierung schwächt. Eine solche Selbstregulierung hat in unserer Beziehung zu anderen eine zentrale Stellung. Lars Frederik Händler Svendsen ist Philosoph und Professor für Philosophie an der Universität Bergen. Seine Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet.
Die Ausbreitung des Kapitalismus führt zu gewaltigen Umwälzungen
Das Buch „Kapitalismus“ von Sven Beckert lädt seine Leser dazu ein, diese gewaltigen Umwälzungen zu erkunden: die Entstehung und Ausbreitung des Kapitalismus. Erst kürzlich, während der Finanzkrise 2007/2008, waren Diskussionen über den Kapitalismus in vielen Teilen der Welt und in unterschiedlichen sozialen Milieus wieder an der Tagesordnung. In der Folge begannen sogar konservative Zeitungen, über die „Zukunft des Kapitalismus“ zu diskutieren. Für Papst Franziskus waren die Auswirkungen des Kapitalismus so gravierend, dass er sie zu einem wichtigen Anliegen seines Pontifikats machte. In New York, Berlin und Brüssel wurden dem Kapitalismus Museumsaustellungen gewidmet. Und selbst in den 2020er Jahren, als die Finanzkrise schon eine Weile zurücklag, ging die Debatte weiter. Sven Beckert ist Laird Bell Professor für Geschichte an der Harvard Universität.
Die Demokratie offenbart eine starke Verbindung mit der Anarchie
Donatella Die Cesare vertritt in ihrem Buch „Demokratie und Anarchie“ die These, dass die Demokratie eine unauflösliche Verbindung mit der Anarchie offenbart, denn die Demokratie ist in ihrem Kern anarchisch. In der Polis entsteht erstmals ein Raum für Politik: als Antithese zu allem, was privat, egoistisch, von Interessen getrieben ist. Dort ist das Politische gleichbedeutend mit dem Gemeinschaftlichen. Die Hauptrolle in dem Buch „Demokratie und Anarchie“ spielen die Frauen, deren Ausgeschlossenheit aus der Stadt Donatella Die Cesare bestreitet. Das Gespenst der Anarchie lässt sich auch in der aktuellen politischen Landschaft immer wieder kurz blicken, wenn jemand Normen in Aussicht stellt, welche die Regierbarkeit erhöhen sollen, wobei in Wahrheit autoritäre Lösungen vorgebracht werden. Donatella Die Cesare lehrt und forscht als Professorin für Theoretische Philosophie an der Universität La Sapienza in Rom.
Lesen fördert das kritische Denken
Adam Grant scheibt: „Fans der Lerntypentheorie würden behaupten, dass verbales Lernen sich gut für die einen und auditives gut für die anderen eignet. Aber beim Lernen geht es nicht immer darum, die richtige Methode für sich zu finden, sondern oft eher darum, die richtige Methode für die jeweilige Aufgabe zu entdecken.“ Obwohl Zuhören oft mehr Spaß macht, vertieft man durchs Lesen sein Verständnis und kann sich die Dinge besser merken. Während das Zuhören das intuitive Denken fördert, aktiviert Lesen eher die analytische Verarbeitung. Das gilt fürs Englische genau wie fürs Chinesische. Wenn man Probanden Quizfragen, Rätsel oder Puzzle schriftlich vorlegte, zeigten sie ein besseres logisches Denkvermögen, als wenn sie dieselben Quizfragen mündlich beantworteten. Adam Grant ist Professor für Organisationspsychologie an der renommierten Wharton Business School. Seine Forschungsbeiträge im Bereich Motivation und Produktivität wurden vielfach ausgezeichnet.
In Filterblasen und Echokammern dominiert die Bestätigungstendenz
Deutlich lässt sich die Bestätigungstendenz in den viel diskutierten Filterblasen und Echokammern im Internet sehen. Philipp Sterzer erklärt: „Mit dem Begriff Echokammer wird eine Hypothese beschrieben, der zufolge sich Menschen mit ähnlichen Überzeugungen bevorzugt in geschützten Räumen austauschen, in die anderslautende Ansichten keinen Eingang finden.“ Solche Räume können bestimmte Kanäle oder Chat-Foren im Internet sein. Wenn ich beispielsweise als sogenannter „Querdenker“ nur Seiten besuche, in denen Gleichgesinnte falsche Fakten über Coronaviren verbreiten, so werde ich meine Überzeugungen immer wieder bestätigt sehen, sodass sie sich zunehmend verfestigen. Dieser Mechanismus der Selbstbestätigung kann noch zusätzlich durch die sogenannten Filterblasen verstärkt werden. Im Jahr 2011 berief man Philipp Sterzer zum Professor für Psychiatrie und computationale Neurowissenschaften an die Charité in Berlin. 2022 wechselte er an die Universität Basel.
Der Fortschritt kann sowohl Fluch als auch Segen sein
Vieles, was gemeinhin als Fortschritt gilt, kann sich nach und nach zum Fluch entwickeln. Oder es hat unangenehme Nebenwirkungen. Petra Pinzler weiß: „Die Atomenergie beispielsweise, mit der schier unerschöpfliche Mengen an Energie produziert werden können, sorgt für Müll, der Millionen Jahre weiter gefährlich bleiben wird.“ Oder: Solarmodule produzieren Strom sauber und emissionsfrei. Ihre Produktion aber ist es nicht. In Chile heißen die Gegenden, in denen die Rohstoffe für die Solarmodule abgebaut werden, deswegen „ökologische Opferzonen“. Grün ist die Solarenergie vor allem bei uns. Die gesamte Industrialisierung kann man zugleich als Segen und als Fluch beschreiben. Sie sorgt für schnelle Autos und warme Wohnungen und dafür, dass durch Feinstaub in der Luft allein in der Europäischen Union (EU) rund 300.000 Menschen vorzeitig sterben, darunter Zehntausende in Deutschland. Petra Pinzler arbeitet als Hauptstadtkorrespondentin der Wochenzeitung „Die Zeit“. Sie schreibt zudem Bücher über Wirtschaft, Umwelt und Klimaschutz.
Der angepasste Mensch will die Erwartungen der Anderen erfüllen
Wir Menschen sind zutiefst soziale Wesen und wir können die in uns angelegte Potentiale nur in einer Sicherheit bietenden Gemeinschaft mit anderen Menschen zur Entfaltung bringen. Nichts macht uns mehr Angst, als allein gelassen und aus der Gemeinschaft mit anderen ausgeschlossen zu werden. Gerald Hüther erklärt: „Genau das geschieht aber, wenn wir wie ein Objekt behandelt werden. Wenn wir erleben müssen, dass es diesen Anderen nicht reicht, dass wir so sind, wie wir sind, dass wir – um ihre Wertschätzung und Anerkennung zu finden und dazugehören dürfen – so sein oder werden sollen, wie diese es von uns erwarten.“ Deshalb sucht jeder, das das erleben muss, nach einer Lösung. Die kann Anpassung heißen und bedeutet, dass man sich anstrengt, die Erwartungen dieser Anderen zu erfüllen. Gerald Hüther ist Neurobiologe und Verfasser zahlreicher Sachbücher und Fachpublikationen.
Der Staat hat gegenüber Konzepten des guten Lebens neutral zu sein
Die Version des Liberalismus, die den Vorrang des Rechten über das Gute behauptet, war im Amerika der 1970er Jahre zur vorherrschenden Philosophie des Öffentlichen geworden. Michael J. Sandel erklärt: „Die Vorstellung, dass der Staat gegenüber konkurrierenden Konzepten des guten Lebens neutral zu sein habe, um die Rechte der Menschen zu achten, ihre eigenen Werte und Ziele zu wählen, zeigte sich vor allem im politischen Diskurs und im Verfassungsrecht.“ Das Bild der Person als freier und unabhängiger Persönlichkeit, unbelastet durch moralische oder politische Bindungen, die sie nicht gewählt hat, kam in Politik, Ökonomie, Rechtswesen, Philosophie und der weiter gefassten öffentlichen Kultur zum Ausdruck. Michael J. Sandel ist ein politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Er zählt zu den weltweit populärsten Moralphilosophen.
Die Menschheit verschwendet Rohstoffe und zerstört Lebensräume
Lucy F. Jones schreibt: „In der Psychologie gibt es die These, dass unser Bewusstsein über unsere Sterblichkeit zum einer ambivalenten Einstellung gegenüber der Natur führen kann: Wir schrecken vor unserer Kreatürlichkeit zurück. Die Ablehnung unseres tierischen Ursprungs kann, so der amerikanische Autor und Umweltaktivist Paul Shepard, zu einer Ablehnung der Natur als Ganzes werden.“ Zum Teil liegt das in unserer jüdisch-christlich geprägten Natur begründet, die sich stark auf das westliche Gedankengut ausgewirkt hat und besagt, Gott habe den Menschen nach seinem Bild erschaffen. Wie können wir das Tiere sein? Schon im Kindesalter wird uns beigebracht, wie seinen eine andere Art Lebewesen als die Tiere. Lucy F. Jones ist Journalistin und schreibt regelmäßig zu wissenschaftlichen Themen, Gesundheit, Umwelt und Natur für die BBC, The Guardian und The Sunday Times.
Aldo Sohms Verkostungsritual ist ziemlich aufwendig
Wenn Sie einmal gelernt haben, wie man einem Wein „zuhört“, werden Sie fasziniert davon sein, was er zu erzählen hat. Aldo Sohms Verkostungsritual ist ziemlich aufwendig, deshalb konzentriert er sich in seinem Buch „Einfach Wein“ auf das Wesentliche. Neigen Sie das Glas, sodass der Wein zur Seite kippt und halten Sie ihn am besten vor einen hellen Hintergrund wie ein weißes Tischtuch oder die Rückseite der Speisekarte. Idealerweise bei Tageslicht, den in den meisten Restaurants ist das Licht zu gelblich. Wenn man roten Wein trinkt, sollte man die Farbe betrachten: je violetter, desto jünger der Wein. Weißweine, besonders eichenfassgereichte, werden mit dem Alter goldener. Der Österreicher Aldo Sohm ist einer der renommiertesten Sommeliers der Welt, eine Legende seiner Branche. Christine Muhlke ist Redakteurin des Feinschmecker-Magazins „Bon Appétit“.
Simone de Beauvoir schrieb den Weltbestseller „Das andere Geschlecht“
Die neue Sonderausgabe des Philosophie Magazins trägt den Titel „Beauvoir. Erobere deine Freiheit“. Der Klassiker „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir legt präzise und schonungslos offen, was Frauen davon abhält, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ja sich überhaupt als Subjekt zu begreifen. Jana Glaese, die Chefredakteurin der Sonderausgabe, schreibt im Editorial: „Die Frau, so zeigt Beauvoir, erlebt sich von klein auf als Untergebene, als Andere des Mannes, die keine eigenen Wünsche und Bestrebungen, kein eigenes Begehren hat.“ Das Buch „Das andere Geschlecht“ wurde weltweit rezipiert, inspirierte die neue Frauenbewegung und ihren Kampf um geschlechtliche Gleichberechtigung. Simone des Beauvoir war nicht in erster Linie Feministin oder, wie es andere sehen, Schriftstellerin, die allein die Philosophie ihres Gefährten Jean-Paul Sartre kopierte und popularisierte.
Bei der Berichterstattung haben die Medien eine große Verantwortung
Das hohe Lied auf die Pressefreiheit hat eine zweite Stimme, die oft überhört wird: die Verantwortung der Medien. Wenn sie fehlt, klingt es nicht richtig. Helene Bubrowski erklärt: „Es gibt die Regeln des Presserechts und den Pressekodex, also die ethischen Standards, die sich Journalisten selbst gesetzt haben.“ Da steht zum Beispiel drin, was Medienvertreter beim Verdacht einer Straftat zu beachten haben, etwa dass es keinen „Medien-Pranger“ geben darf. Neben den geschriebenen Regeln gibt es noch eine andere Ebene, die mit dem englischen Ausdruck „accountability“ am besten beschrieben ist: die Bereitschaft, sich seiner Verantwortung zu stellen und Rechenschaft abzulegen, das Bewusstsein der eigenen Macht und der sorgsame Umgang damit. Helene Bubrowski arbeitet als Politikkorrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Berliner Hauptstadtbüro.
Durch das Bewusstsein erlebt der Mensch seine individuelle Existenz
Das neue Buch „Natürliche Intelligenz und Bewusstsein in Zeiten von KI“ von Antonio Damasio handelt von den abenteuerlichen Wegen der Natürlichen Intelligenz. So richtig begannen sie mit der Entstehung des Lebens und ihre Fortsetzung fanden sie in der bemerkenswerten Entwicklung von Geist, Gefühlen und Bewusstsein. Das ursprüngliche Motiv dieses Buches war, überzeugend zu erklärten, wie Bewusstsein hergestellt wird und was es zu unserem Menschsein beiträgt. Was also ist Bewusstsein? In der schnellsten Beschreibung, die Antonio Damasio vorschlagen kann, ist Bewusstsein der biologische Prozess, der es uns allen ermöglicht, unser individuelles Leben zu erleben, solange wir wach sind und nicht schlafen oder uns in Narkose befinden. Mit anderen Worten: Bewusst zu bedeutet aus der Sicht von Antonio Damasio, zu spüren, dass wir existieren und dass wir am Leben sind. Antonio Damasio ist Dornsife Professor für Neurologie, Psychologie und Philosophie und Direktor des Brain and Creativity Institute an der University of Southern California.
Freiheit ist der Ausgangspunkt aller Verfassungswerte
Das Grundgesetz bindet alles staatliche Handeln an Recht und Gesetz. Der Rechtsstaat und sein Medium, das Recht, beruhen auf Grundlagen, die der Pflege und der ständigen Vergewisserung bedürfen. Hans-Jürgen Papier erläutert: „Das gilt für die Zwecke und Ziele des Rechts ebenso wie für alle seine Funktionen, die unsere Freiheit sichern, und genauso in das Vertrauen in das Recht und das Rechtsbewusstsein – und zwar auf Seiten der Bevölkerung und in den Organen des Staates.“ Freiheit ist jedoch nicht der einzige Grundwert in der Verfassung. Sie ist aber ihr Ausgangspunkt und hat entscheidende Bedeutung für den Inhalt und das Gefüge aller anderen Verfassungswerte. Um die freiheitliche Entfaltung aller zu gewährleisten, haben sich Menschen der Idee nach überhaupt erst im Staat zusammengeschlossen und sich durch Verfassungen nicht zuletzt gegen seine Übermacht abgesichert. Prof. em. Dr. Dres. h.c. Hans-Jürgen Papier war von 2002 bis 2014 Präsident des Bundesverfassungsgerichts.
John B. Watson war ein Mitbegründer des Behaviorismus
John B. Watson war einer der einflussreichsten und umstrittensten Psychologen seiner Zeit. Sina Haghiri erklärt: „Er war Mitbegründer des Behaviorismus, also der Vorstellung, dass menschliches Verhalten nicht aus Gedanken, Gefühlen oder inneren Motiven heraus verstanden werden kann, sondern rein auf das beobachtbare Verhalten reduziert werden sollte.“ Reize von außen und Reaktionen darauf, das war alles, was zählt. Der Behaviorismus trat damit auch in Konkurrenz zur gleichzeitig immer populärer werdenden Psychoanalyse, die innere Konflikte, Triebe und das Unbewusste in den Mittelpunkt rückte. Während Sigmund Freud etwa Ängste als Ausdruck innerer Spannungen, verdrängter Triebe oder ungelöster Konflikte verstand, wollte John B. Watson beweisen, dass sie ganz ohne Seelenleben erklärbar sind. Sina Haghiri arbeitet als Psychotherapeut ambulant in einer Klinik mit Patienten in Einzel-, Paar- und Gruppentherapie.
Verzicht und Selbstkontrolle sind die Ideale der eigenen Unterwerfung
Pauline Voss erklärt: „Es schmälert die Macht der Überwachung nicht, dass nicht jeder Verstoß gegen die Regeln der politischen Korrektheit geahndet, dass nur ein Bruchteil davon überhaupt entdeckt wird.“ Michel Foucault schreibt über das Panopticon: „Die Wirkung der Überwachung ist permanent, auch wenn ihre Durchführung sporadisch ist.“ Im Grunde ist es gleichgültig, ob in einem bestehenden Augenblick der Überwachungsturm besetzt ist oder nicht; allein die Tatsache, dass der Häftling überwacht werden könnte, zwingt ihn zu permanentem Gehorsam. Das heute vielfach vorgebrachte Argument, dass es, gemessen an der Menge aller öffentlichen Äußerungen, nur sehr wenige Fälle von Cancel Culture gibt, zielt daher ist Leere. Es ist gerade diese Unberechenbarkeit, die den Einzelnen dazu zwingt, permanent die eigene Einhaltung der Regeln zu kontrollieren, oder in den Worten von Michel Foucault: die Zwangsmittel der Macht gegen sich selbst auszuspielen. Pauline Voss ist seit 2023 als freie Journalistin tätig.
Seelische Vorgänge und körperliche Erscheinungen gehören zusammen
Erst im frühen 19. Jahrhundert entstand die Vorstellung eines „Unbewussten“, das damals noch nicht so benannt, aber in einem „Gangliensystem“ verortet wurde, das im Bauch beheimatet war. Heidi Kastner ergänzt: „Von dort her stammte die Lebenskraft, dort saß auch die „bewusstlose Seele“ und regierte gelegentlich, beispielsweise in dem für die damaligen Ärzte äußerst faszinierenden Phänomen der Hypnose, über das „Cerebralsystem“ im Kopf.“ Georg Groddeck, ein deutscher Psychoanalytiker, vereinnahmte körperliche Beschwerden pauschal als Symbole einer vom öffentlichen Moralempfinden verdrängten Lebenskraft, die sich mangels Anerkennung und passender Ventile nun über den Körper ausdrücken müsse. Damit folgte er Sigmund Freud, der die nicht verarbeitete, triebhafte, körperliche Erregung in einen Körperteil springen sah, wo sie sich in Erkrankung wandelte. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der Forensischen Abteilung der Landesnervenklinik in Linz.
Das Gehirn verfügt über eine ungeheure Flexibilität
Für einen Computer ist das Erkennen von Gesichtern keine andere Aufgabe als das Erkennen von Autos. Für einen Säugling ist es nicht dasselbe. Gerd Gigerenzer erklärt: „Nur zwei Tage nach der Geburt können Neugeborene bereits das Gesicht ihrer Mutter von dem Fremder unterscheiden.“ Dass sie das Gesicht ihrer Mutter erkennen, liegt offenbar daran, dass sie in ihr die erste Nahrungsquelle erkennen. Aber die Gesichtserkennung liegt bei der Geburt noch nicht in ihrer vollen Ausprägung vor. Ungefähr zehn Jahre brauchen Kinder, um Gesichter so zuverlässig wie Erwachsene zu erkennen. Das menschliche Wahrnehmungssystem ist so angelegt, dass es Objekte in wechselnden Beleuchtungen, Situationen und Kontexten wiedererkennt. Es ist in hohem Maß an ein ständig sich verändernde Welt angepasst. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gerd Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.
Erfolgreiche Herrscher müssen gute Schauspieler sein
In seiner großen Abhandlung „Der Fürst“ stellt Niccolò Machiavelli die These auf, Herrscher müssten Schauspieler sein, wenn sie überleben wollten. Richard Sennett erklärt: „Der Fürst muss politische Entscheidungen treffen – zum Beispiel Steuern erhöhen oder Bündnisse eingehen –, gegen die seine Untertanen Widerstand leisten würden, wenn er sie ihnen offen vorstellte.“ Will er die Freiheit haben, hinter den Kulissen ungehindert zu agieren, muss er vor den Kulissen unberechenbar erscheinen, sodass seine plötzlichen Volten die Untertanen von der Politik ablenken und aus dem Gleichgewicht bringen. In der einen Woche zeigt er sich wütend, um seine Untertanen in Furcht zu versetzen; in der nächsten lobt er sie wie ein liebevoller Vater. Richard Sennett lehrt Soziologie und Geschichte an der London School of Economic und an der New York University.
Alles hat seinen Preis
Morgan Housel weiß: „Alles hat seinen Preis, und der Schlüssel zu vielen finanziellen Angelegenheiten besteht darin, den Preis herauszufinden und zu entscheiden, ob man ihn zu zahlen bereit ist. Das Problem besteht darin, dass der Pries vieler Dinge nicht bekannt ist – bis er fällig wird und die Rechnung hereinflattert.“ Jeder Job wirkt einfach, wenn man nicht derjenige ist, der ihn macht, weil die Probleme, denen man gegenübersteht, für Außenstehende oft unsichtbar bleiben. Die meisten Dinge sind in der Praxis schwieriger als in der Theorie. Manchmal liegt das an unserer Selbstüberschätzung, aber meistens daran, dass wir uns den Preis des Erfolgs nicht klarmachen. Und so kommt es, dass wir ihn nicht bezahlen können. Morgan Housel ist Partner bei der Risikokapitalgesellschaft The Collaborative Fund.
Weltweit sind Millionen Menschen durch die globale Erwärmung bedroht
Matthias Glaubrecht stellt fest: „Die drei wärmsten Jahre nach Beginn der Aufzeichnung vor etwa anderthalb Jahrhunderten wurden in Europa alle nach dem Jahr 2020 verzeichnet, die zehn wärmsten seit 2007.“ Und auch das Oberflächenwasser erreichte 2023 im Nordatlantik wie im Pazifik vielfach Temperaturen auf Rekordniveau. Die Folgen in Form von Extremwettereignissen – Dürren und Waldbrände hier sowie Stürmen und Überschwemmungen dort – sind mittlerweile hinreichen bekannt und vielfach beklagt. Unübersehbar ist überdies, dass mit fortschreitender globaler Erwärmung die Lebensbedingungen auf der Erde beeinträchtig werden, wovon bereit jetzt weltweit Millionen Menschen betroffen sind. So stellt der Klimawandel nicht nur die Landwirtschaft und die Wasserwirtschaft vor große Herausforderungen, er belastet auch die Gesundheit der Menschen und die Ernährungssicherheit. Der Evolutionsbiologe und Biosystematiker Matthias Glaubrecht ist Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg.
Deutschland ist strukturell überlastet und auf Abstiegskurs
Die Verfassung der Wirtschaft in Deutschland ist besorgniserregend. Daniel Stelter stellt fest: „Die Produktivität stagniert, Bürokratie nähmt Innovation, die Bevölkerung schrumpft und altert, das Bildungssystem wird im internationalen Vergleich immer weiter nach unten durchgereicht und Rekord-Energiepreise lassen industrielle Schlüsselbranchen abwandern.“ Statt eines neunen Aufschwungs sind in vielen Bereichen Tendenzen relativen und absoluten Abstiegs zu beobachten – und die als Wachstumstreiber proklamierte „grüne Transformation“ hat bisher vor allem zu einer Verschlechterung der Standortbedingungen geführt. Die Industrieproduktion liegt unter dem Niveau von 2015, Deutschland ist Schlusslicht beim Wachstum und Investitionen werden lieber im Ausland getätigt. Deutschland ist ganz und gar nicht für kommende Stürme und Herausforderungen gerüstet, sondern strukturell überlastet und auf Abstiegskurs. Der Ökonom Daniel Stelter berät Unternehmen und Investoren zu den Herausforderungen der globalen Märkte.