Peter Trawny stellt fest: „Diejenigen, die schon auf der Welt waren, als es noch kein Internet gab, können sich daran erinnern, dass es noch einer gewissen peinlichen Aktivität bedurfte, um pornographische Bilder sehen zu können.“ Entweder man musste eines dieser etwa angeschimmelten Kinos aufsuchen, in denen weniger Männer sich in den Sitzreihen verteilten, um ihren dürftigen Genuss zu frönen, oder man kaufte sich am Kiosk ein Heft, das man einigermaßen verschämt bezahlte. Seit dem weltveränderten Auftauchen des Internets ist Pornographie absolut aller „Kategorien“, wie es heißt, ständig verfügbar. Was das bedeutet ist schwer zu sagen. Hat sich die Liebe durch die Anwesenheit pornographischer Bilder verändert? Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.
Reaktionäre träumen von einer homogenen Volksgemeinschaft
Etliche demokratische Demokratiekritiker setzen in diese Staatsform Erwartungen, die sie nicht einlösen kann – und die jede andere Staatsform erst recht enttäuschen würde. Roger de Weck erklärt: „Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie den Volkswillen überhöhen. Im Grund gibt es nur im Ausnahmefall einen kohärenten, konsistenten Volksillen und ebenso wenig jene homogene Volksgemeinschaft, von der die Reaktionäre träumen.“ Europäer leben im Paradox der Polarisierung einerseits, die ebendiese Rechtspopulisten betreiben, und der Differenzierung andererseits: Immer mehr Wähler sind keinen Lager zuzuordnen. Beispielsweise sind sie in der Gesellschaftspolitik „links“, in der Wirtschaftspolitik „liberal“ und vielleicht in der Europapolitik „rechts“. Der Volkswille, er kann zwiespältig sein, meistens ist er vielschichtig. Darum ist die Debatte vor einem Entscheid des Parlaments beziehungsweise der Wähler mindestens so wichtig wie der Entscheid selbst. Roger de Weck ist ein Schweizer Publizist und Ökonom.
Europa strebte nach größerer Unabhängigkeit von den USA
Im Verlauf der 1970er-Jahre hatten die USA unter den Präsidenten Gerald Ford und Jimmy Carter an politischem und wirtschaftlichen Gewicht in der Welt verloren. Das motivierte die europäischen Staaten nach größerer Unabhängigkeit von den USA zu streben. Thomas Mayer erklärt: „Das, und der Wunsch, ein politisch instabiles Italien, das großes Interesse am Kommunismus zeigte, fester in die europäischen Strukturen einzubinden, veranlassten die deutschen Kanzler Helmut Schmidt und den französischen Präsidenten Valéry Giscard d´Estaing zu einem erneuten Vorstoß in Richtung europäischer Währungsintegration.“ Auf der Grundlage eines Planes, den die Europäische Kommission unter Leitung von Roy Jenkins erarbeitet hatte, beschloss der Europäische Rat auf seiner Tagung in Bremen, ein Europäisches Währungssystem (EWS) zu schaffen, das offiziell im März 1979 in Kraft trat. Thomas Mayer ist promovierter Ökonom und ausgewiesener Finanzexperte. Seit 2014 ist er Leiter der Denkfabrik Flossbach von Storch Research Institute.
Ein gutes moralisches Urteil zeugt von Unparteilichkeit
Zur boshaften Moral gehört aber auch das Gegenteil dessen, was ein gutes moralisches Urteil sein sollte, nämlich die Unparteilichkeit. Alexander Somek ergänzt: „Sie zieht den Verdacht der Parteilichkeit auf sich. Er begleitet sie wie ein Schatten. Diesem Verdacht lässt sich indes die Spitze nehmen, indem am die Unparteilichkeit nicht nur als illusionär, sondern als totalitär desavouiert.“ Das Ideal der Unparteilichkeit verlange doch, die Partikularität zu einer Einheit zusammenzuziehen und damit die Pluralität der moralischen Subjekte auf eine homogene Subjektivität zu reduzieren. Die daraus resultierende Einheit eines gesamtgesellschaftlichen Subjekts könne in Wahrheit nichts anderes sein als der Abdruck des Wissens und Wollens der dominierenden Gruppe. Alexander Somek ist seit 2015 Professor für Rechtsphilosophie und juristische Methodenlehre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.
Die Angst vor dem Tod wird von den meisten Menschen verdrängt
Tatsächlich sind gerade die Panikstörungen ein Hinweis darauf, dass die Angst vor dem Tod verdrängt wird. Heinz-Peter Röhr ergänzt: „Die plötzliche Todesangst, die gerade intensiv während des Anfalls erlebt wird, kann als deutlicher ernst zu nehmender Hinweis gesehen werden.“ Der moderne Mensch hat viele Methoden zur Verfügung, sich von dieser Urangst abzulenken, die jeweils doch nie perfekt funktionieren können: Konsum, Arbeit, Alkohol, Drogen, Hobbys, Reisen et. cetera. Der Mensch mit einer Panikstörung ist sozusagen der Symptomträger einer Gesellschaft, die mit allen Mitteln versucht, die Angst vor dem Tod zu verdrängen. Aus tiefenpsychologischer Sicht ist die Wurzel für die zunehmende Aggressivität in der westlichen Kultur hier ebenfalls zu suchen. Heinz-Peter Röhr ist Pädagoge und war über dreißig Jahre lang in der Fachklinik Fredeburg/Sauerland für Suchtmittelabhängige psychotherapeutisch tätig.
Der Überwachungskapitalismus sammelt persönliche Daten
Google, Facebook und andere Plattformen sammeln Daten über ihre Nutzer und legen Profile an, die ihren Werbekunden ermöglichen, ihre Nutzer gezielt anzusprechen, die am ehesten geneigt sind, die Anzeige anzuklicken und schließlich einen Kauf zu tätigen. Gerd Gigerenzer erklärt: „Der Werbekunde bezahlt die Plattform für jeden Klick, Seitenaufruf oder Kaufabschluss eines Nutzers. Dieses Geschäftsmodell kann nur funktionieren, wenn man insgeheim in die Privatsphäre der Menschen eindringt, wobei dies umso besser gelingt, je rücksichtsloser das Eindringen ist.“ Anders als der Industriekapitalismus, der physische Güter herstellt und vertreibt, sammelt und analysiert der Überwachungskapitalismus persönliche Daten. Dabei müssen wir unbedingt verstehen, dass der Überwachungskapitalismus keine unvermeidliche Konsequenz einer smarten Welt ist. Gerd Gigerenzer ist ein weltweit renommierter Psychologe. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.
Über die Wirtschaft kann man unterschiedlich nachdenken
Michael J. Sandel erläutert: „Der Kontrast zwischen der liberalen und der republikanischen Vorstellung von Freiheit legt zwei unterschiedliche Möglichkeiten nahe, über die Wirtschaft nachzudenken.“ Zwei Antworten auf die Frage: „Wozu ist die Wirtschaft da?“ Die liberale Antwort legte Adam Smith in „Der Wohlstand der Nationen“ vor, wo er schrieb, dass „Ziel und Zweck aller Produktion … der Verbrauch [ist].“ John Maynard Keynes wiederholte diese Antwort im 20. Jahrhundert: „Um noch einmal das Offensichtliche festzuhalten: allein Konsum ist Ziel und Zweck aller wirtschaftlichen Tätigkeit.“ Dem würden die meisten zeitgenössischen Ökonomen zustimmen. Doch das, was John Maynard Keynes offensichtlich erschien, ist nicht die einzige Möglichkeit, den Zweck der Wirtschaft zu erfassen. Michael J. Sandel ist ein politischer Philosoph. Er studierte in Oxford und lehrt seit 1980 in Harvard. Er zählt zu den weltweit populärsten Moralphilosophen.
Burnout ist sowohl individuell als auch kulturell geprägt
Für den Autor Jonathan Malesic ist Burnout nicht so sehr ein individuellen Problem, sondern eher kulturell bedingt. Anna Katherina Schaffners Überzeugung nach, trifft beides zu: „Die Wurzeln unserer Erschöpfung sind oft in tiefliegenden kulturellen Überzeugungen verankert, die ihrerseits unsere individuellen Verhaltensweisen prägen.“ Die heilende Kraft philosophischer Reflexionen und historisch-soziologischer Einsichten ist viel zu lange unterschätzt worden. Beim Versuch, unsere allgegenwärtige Erschöpfung zu überwinden, sind Vorschläge aus diesen Bereichen unerlässlich, nicht zuletzt weil sie uns helfen, den Blick auf unsere Probleme zu verändern. Perspektivwechsel, egal ob klein oder groß, können uns aus unserer Lähmung befreien und uns in Handeln bringen. Nicht alles ist unsere persönliche Verantwortung, und wir sind nicht allein mit den Zwickmühlen, in denen wir festzustecken glauben. Anna Katherina Schaffner ist Kulturhistorikerin und zertifizierter Burnout-Coach.
Die Aufklärung ist nicht frei von Widersprüchen
Wie die Aufklärung selbst, ist auch die Person Isaac Newtons nicht frei von scheinbaren Widersprüchen. So studierte beispielsweise derselbe Newton, welcher der Kirche suspekt war und im Ruf des Ketzers stand, intensiv die Bibel. Er hinterließ theologische Manuskripte, die an Umfang alle seine wissenschaftlichen Werke übertreffen. Jürgen Wertheimer stellt fest: „So war der größte Naturwissenschaftler dieses Zeitalters zugleich ein Mystiker.“ Isaac Newton verfasste einen Kommentar zur Apokalypse und behauptete, der darin angekündigte Antichrist sei der römische Papst. Newtons Geist war eine Mischung aus Galileo Galileis Mechanik und Johannes Keplers kosmischen Gesetzen und Jacob Böhmes Gottesglauben. Er wurde nach einer von Staatsmännern, Edelleuten und Gelehrten gehaltenen Trauerfeier auf einer von Herzögen und Earls begleiteten Bahre in der Westminster Abtei zu Grabe getragen. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.
Eine Diagnose kann einen Patienten auch entlasten
In der Regel gehen Menschen zu Therapeutinnen, Coaches, Lebensberaterinnen und so weiter, weil sie fühlen, dass etwas nicht stimmt, sie etwas quält. Diana Pflichthofer ergänzt: „Aber sie haben für dieses Etwas keinen Namen. Dann ist es womöglich hilfreich, wenn es einen Namen bekommt, auch wenn es ein nicht zutreffender ist.“ Eine Diagnose kann auch entlasten, und dies umso mehr, als sie mit der Riesenwelle der Kognitiven Verhaltenstherapie annehmbare Angebote dafür gemacht werden, warum man X hat. Irgendwie hat man die Erkrankung „geerbt“, in den „Genen“, damit also von Geburt an. Das wird – missverstanden – so aufgenommen, dass die individuellen und gesellschaftlichen Lebensumstände nichts damit zu tun haben. Oder es handelt sich um eine Art „Fehlprogrammierung“. Dr. Diana Pflichthofer ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytikerin und Gruppenanalytikerin.
Das Absolute ist eine außerordentlich listige Denkfigur
Was die Postmoderne hätte sein können umfasst ein Denken, das auch dasjenige der Postmoderne ist, die man heute kennt, das aber darüber hinausgeht. Es greift zugleich weiter aus, versteht seine Protagonisten als Leser von Texten einer früheren Epoche. Daniel-Pascal Zorn ergänzt: „Die Postmoderne erbt von der Moderne die Frage nach einer Alternative zu dem, was mit der Französischen Revolution und der Überwindung des Absolutismus erledigt schien: das Absolute.“ Dieses Absolute ist eine außerordentlich listige Denkfigur. Die Wissenschaft des Absoluten und die Rückkehr des Absoluten werden verbunden durch eine Zeit, die eine Krise des Absoluten markiert. Diese Zeit ist die Postmoderne. Daniel-Pascal Zorn studierte Philosophie, Geschichte und Komparatistik. Seit 2021 ist er Geschäftsführer des Zentrums für Prinzipienforschung an der Bergischen Universität Wuppertal.
Länder orientieren sich außenpolitisch an ihren nationalen Interessen
In der Außenpolitik dominieren oft kurzsichtige nationale Interessen in einem solchen Ausmaß, dass die großen Probleme der Welt dahinter verblassen. Richard David Precht nennt ein Beispiel: „So etwa rückt der afrikanische Kontinent gegenwärtig nicht deshalb in den Fokus, weil die Klimakatastrophe dort Fürchterliches anrichtet, das unseren Humanismus erfordert. Vielmehr wird Afrika heute deshalb „wichtig“, weil der Kontinent über die von den Industrieländern dringend benötige Rohstoffe verfügt, die nicht in die Hand Chinas fallen sollen, sondern in ehe der USA und Europas.“ Wohlgemerkt: Dass Länder sich außenpolitisch an ihren nationalen Interessen orientieren, ist weder befremdlich noch verwerflich. Bedrückend ist etwas anderes, nämlich, dass diese verständlichen nationalen Interessen nicht im Kontext des großen Ganzen gesehen werden. Der Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
Soziale Bindungen führen meistens zu einem glücklichen Leben
Warum suchen wir uns einen Partner? Wir erwarten, wichtige existentielle Bedürfnisse stillen zu können. In früheren Zeiten war der Lebenskampf zweifellos so hart, dass es günstig und sogar notwendig war, Teil einer Familie zu sein. Michael Lehofer ergänzt: „In der jetzigen Zeit ist es manchmal nach wie vor günstig, aber so klar ist die Sache scheinbar doch nicht. Sonst gäbe es hierzulande nicht so viele Singles.“ In Entwicklungsländern kommen die Menschen nicht auf die Idee allein zu leben. Immerhin ist laut der wissenschaftlichen Glücksforschung soziale Bindung einer der Hauptfaktoren, um im Leben glücklich zu werden. Das gilt interessanterweise überall auf der Welt, nicht nur in den ärmeren Ländern. Univ.-Prof. Dr. med. Dr. phil. Michael Lehofer ist ärztlicher Direktor und Leiter der einer Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Landeskrankenhaus Graz II.
Körperliche Beschwerden haben oft seelische Ursachen
Sabine Viktoria Schneider beschreibt in ihrem Buch „Wenn der Arzt nicht mehr weiter weiss“ seelische Ursachen und ganzheitliche Lösungen für 200 Beschwerden. Dabei ist es ein erster wichtiger Schritt, die Zusammenhänge zwischen Körper und Seele zu verstehen. Die moderne Medizin behandelt, was sie messen, abbilden und belegen kann. Unsere Medizin entwickelt sich immer weiter, von Jahr zu Jahr werden die Therapiemöglichkeiten besser. Doch das, was uns innerlich bewegt, was wir fühlen, was uns verletzt oder überfordert, und all das, was wir seit vielen Jahren mit uns herumtragen, findet in diesem Fortschritt kaum Platz. Dabei ist genau das oft die eigentlichen Ursache für körperliche Beschwerden. Das Zusammenspiel aus Körper und Seele. Dr. Sabine Viktoria Schneider ist Psychologin, Doktorin für Public Health (Dr.P.H.) und Buchautorin. Sie ist spezialisiert auf die Bereiche Psychodynamik, Schematherapie und Psychosomatik.
Erinnerungen sind lebendig und in Bewegung
Das Handeln eines Menschen aktiviert nur einen winzigen Teil seiner verfügbaren Erinnerungen. Charles Pépin ergänzt: „Diesseits des Handelns bildet unser Gedächtnis ein großes Ganzes aus Erinnerungen, die Henri Bergson als lebendig und in Bewegung beschreibt.“ Wollen wir wissen wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen, müssen wir in die Flut der Überbleibsel der Vergangenheit eintauchen. Wir müssen diesen begegnen, um unsere Komplexität, unsere Subjektivität und jene Geschichte zu erfassen, die für uns konstitutiv ist und unaufhörlich fortgeschrieben wird. Wenn wir aufhören, zu handeln und dadurch eine Auswahl zu treffen, und unsere Erinnerungen freien Lauf haben, beginnen sie zu „tanzen“. Unsere Erinnerungen bilden den plastischen, vielgestaltigen, aktiven Stoff unserer Träume. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Pestizide und Herbizide töten viele Insekten
Die Menschheit hat ein Insektensterben historischen Ausmaßes entfacht, jener Helfer der Natur, die mehr als Dreiviertel der Nutzpflanzen bestäuben. Richard David Precht erläutert: „Man hat dieser Grundlage der Welternährung mit Pestiziden und Herbiziden bis zum Verschwinden oder bis zur Resistenz zugesetzt.“ Menschen haben zudem die Wälder abgeholzt und die Meere überfischt und die natürlichen Biotope auf dem Planeten Erde zerstört. Fast alle weiteren Risiken, die das Ranking des World Economic Forum auflistet, sind mehr oder weniger die Folgen der ersten drei. Dass weltweit die Spaltung von Arm und Reich zunimmt, wir mehr und mehr mit Klimaveränderungen zu tun haben, welche die Ärmsten der Armen südlich der Sahara unverhältnismäßig mehr treffen als Schweden oder Japan. Der Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
Die Werbung schlägt eine Brücke zwischen Emotion und Kognition
Hadija Haruna-Oelker weiß: „Es ist neurobiologisch erwiesen, dass sogar unsere Körperhaltung Auswirkungen auf unser Befinden, unser Denken und Verhalten hat. Unser Körper ist Zugang und Brennglas verdeckter innerer Muster und zugleich der Schlüssel für Lösungen, wenn wir in Krisen stecken.“ Gefühle sind überall. Nicht ohne Grund wird in der Werbung auf den Dreiklang gesetzt: über Emotionen die Neugier wecken und über die Neugier die Kenntnis. Damit wird die Brücke zwischen Emotion und Kognition geschlagen. Emotion ist ein Begriff, bei dem die meisten sicher an Gefühle wie Angst, Wut, Freude, Trauer und Liebe denken. In der Wissenschaft gibt es aber mehrere Erklärungen dafür: zum Beispiel, dass Gefühle Wahrnehmungen von Emotionen beziehungsweise von Körperzustandsveränderungen sind. Hadija Haruna-Oelker lebt als Autorin, Redakteurin und Moderatorin in Frankfurt am Main. Hauptsächlich arbeitet sie für den Hessischen Rundfunk.
Die Beziehungsebene dominiert immer die Sachebene
Für das Verstehen sozialer Konflikte ist die Unterscheidung zwischen Sachebene und Beziehungsebene fundamental. Reinhard K. Sprenger geht davon aus, dass seinen Lesern diese bekannt ist. Deshalb beschränkt er sich auf das Wesentliche: „Die Beziehungsebene dominiert immer die Sachebene! Wenn Sie auf der Beziehungsebene – nonverbale Signale, Wortwahl, Kontaktzeit et cetera – nicht mindestens neutral bis positiv sind, haben Sie auf der Sachebene nicht den Schatten einer Chance, verzerrungsfrei rüberzukommen.“ Es mag dann sein, dass Sie etwas schon hundertmal gesagt haben – der andere hat es auch hundertmal nicht gehört. Bis zu diesem Punkt ist noch nichts über das Gelingen von Kommunikation ausgesagt, noch nichts über das Verstehen, schon gar nicht über das Einverstandensein. Reinhard K. Sprenger, promovierter Philosoph, ist einer der profiliertesten Führungsexperten Deutschlands.
Den Konservatismus zeichnet eine große Vielgestaltigkeit aus
Die neue Sonderausgabe des Philosophie Magazins trägt den Titel: „Konservatismus. Eine bewahrenswerte Haltung?“ Chefredakteur Jana Glaese schreibt im Editorial: „Anstatt jeden Trend mitzumachen, lässt sich der Konservative nicht so leicht beeindrucken. Sobald Skepsis und die Sehnsucht nach dem Alten alles Neue unterdrücken, läuft diese Grundhaltung allerdings Gefahr, ins Reaktionäre zu kippen.“ Umso dringlicher stellt sich die Frage, was eine demokratische Gesellschaft von Konservatismus erwarten kann. Ein Konservatismus in Bestform vermag es, Vergangenheit und Zukunft, Tradition und Fortschritt zu verschränken. Denn: Nur wer das Alte kennt, kann virtuos Neues schaffen. Und nur wer sieht, was sich ändern muss, kann sich Bewährtes zunutze machen. Tradition und Transformation sind nicht notwendig Gegensätze. Im festen Fall gehen sie Hand in Hand. Diese Ausgabe widmet sich deshalb der konservativen Denkströmung in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit.
Man kann in Deutschland sehr wohl frei seine Meinung äußern
Seit über siebzig Jahren stellt das Institut für Demoskopie Allensbach den Menschen in Deutschland jedes Jahr die Frage: „Kann man heute in Deutschland noch frei seine Meinung äußern oder sollte man besser vorsichtig sein?“ Das Ergebnis war über Jahrzehnte so konstant wie verständlich. Richard David Precht weiß: „Stets war der weitaus größte Teil der deutschen Bevölkerung der Ansicht, dass man sehr wohl in Deutschland frei seine Meinung äußern könne.“ Seit Anfang der Siebzigerjahre bewegte sich dieser Wert lange um die 83 Prozent. Doch im Laufe der Neunzigerjahre begann sich die Zahl abzuschwächen bis hin zu einer beschleunigten Talfahrt in den 2000er-Jahren und einem ganz hefigen Absturz zur Zeit der Covid-19-Pandemie. Richard David Precht ist Philosoph, Publizist und Autor. Er zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
Weltweit verschwinden massenhaft Tier- und Pflanzenformen
Als Wissenschaftler beschäftigt sich Matthias Glaubrecht seit dreißig Jahren vornehmlich mit der Evolution und Biosystematik, und das – ausgerechnet – am Beispiel tropischer Süßwasserschnecken. In seiner Arbeitsgruppe, zunächst in Berlin am Naturkundemuseum, dann am Zoologischen Museum in Hamburg, haben sie dahin unbekannte Arten und ihre Vorkommen vor allem in Südostasien und Australien beschrieben und das alte Mysterium Charles Darwins untersucht, wie neue Arten entstehen und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. So kurios das im ersten Moment erscheinen mag, an Schnecken lassen sich solche grundsätzlichen Fragen der Biologie ideal erforschen. Und daher sind etwa die Hochlandseen der indonesischen Insel Sulawesi, die Bäche in Thailand un die Flüsse im Norden des australischen Outback jene Orte, die Matthias Glaubrecht aus eigenen Erleben am besten kennt. Der Evolutionsbiologe und Biosystematiker Matthias Glaubrecht ist Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg.
Choleriker sind in der Regel nicht zu fürchten
Neurotizismus bezeichnet die Neigung zur Nervosität, Ängstlichkeit und Besorgtheit. Heidi Kastner ergänzt: „Menschen mit ausgeprägtem Neurotizismus reagieren oft heftig auf äußere Stimuli, solche mit einem geringen Wert auf der Neurotizismus-Skala sind eher gelassen und in sich selbst ruhend.“ Der Choleriker in Reinform wäre demnach eine Mischung der Faktoren Extraversion und emotionale Instabilität, wobei Letzteres die rasche Auslenkbarkeit der Stimmung und ersteres die Hemmungslosigkeit benennt, mit der die jeweilige Stimmung auch an anderen ausgelebt wird. Ohne weitere charakterliche Beimischung mögen Choleriker zwar unangenehm sein, zu fürchten sind sie in der Regel nicht. Ungünstiger Weise kann aber ein jähzorniges Temperament mit anderen Charaktereigenschaften auftreten, was die Sache wesentlich problematischer macht. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der Forensischen Abteilung der Landesnervenklinik in Linz.
Das Trauer-Kaddisch ist ein zentraler Bestandteil des Begräbnisses
Zum ersten Mal nachgedacht hat Richard Sennett über die lebendige Gegenwart des Rituals im Zusammenhang mit Trostritualen im Judentum, seiner eigenen Religion. Die Tröstung im Judentum erfolgt nach dem Tod. Das Trauer-Kaddisch ist ein zentraler Bestandteil des Begräbnisses. Es wird am Grab gesprochen und dann zu Hause beim Tod eines Elternteils elf Monate lang, nach dem Tod eines Ehepartners oder Kindes dreißig Tage lang wiederholt. Dem Tod zum Trotz bekräftigen die Trauernden ihren Glauben an Gott. Das Kaddisch versichert, dass die Getöteten, ebenso wie die eines natürlich Todes Gestorbenen von den anderen niemals vergessen werden. Über die Jahrtausende, die das Judentum nun besteht, haben sich die korrekten Worte und Gesten des Kaddisch verändert, und sie variieren auch zwischen den verschiedenen Zweigen des Judentums. Richard Sennett lehrt Soziologie und Geschichte an der London School of Economic und an der New York University.
In Europa darf es keine Rückkehr zum Nationalstaat geben
Robert Menasse schreibt: „Wir sollten niemals vergessen, dass das Vorkriegseuropa und der zweite Dreißigjährige Krieg (1914 – 1945) die europäische Bildung der Generationen darstellte, die danach das Fundament des europäischen Friedensprojekts legten, weil sie die Ursachen der Zerstörung verstanden hatten.“ Sie sind nicht mehr unter uns. Sie haben uns ihre Leistungen vererbt, aber leider nicht die Einsicht, dass es keine Rückkehr in den Nationalstaat als Grundlage der politischen Organisation Europas geben darf. Der Europäische Rat beansprucht nun eine Funktion, die ihm in den Verträgen, konkret Artikel 15(1) Vertrag über die Europäischen Union (EUV), untersagt ist: die eines Supergesetzgebers, wobei dieser Supergesetzgeber zu einer Form der Blockade oder Verzögerung geworden ist, weil es sich darauf fixiert, nationale Interessen zu prüfen und zu vergleichen. Seit 1988 lebt der Romancier und kulturkritische Essayist Robert Menasse hauptsächlich in Wien.
Unsere Kultur verbreitet drei große Mythen über den Zynismus
Jamil Zaki betont in seinem Buch „Hoffnung & Skepsis“: „Wir haben Gutes in uns, und das hat gute Auswirkungen auf uns.“ In letzter Zeit ist es jedoch schwieriger geworden , an das Gute im Menschen zu glauben. Noch stärker als ihr Vertrauen auf die Menschheit haben die Menschen ihr Vertrauen in die Institutionen verloren. Wo Vertrauen schwindet, macht sich Zynismus breit. Dabei zeigen sämtliche Studien, dass es der Zynismus ist, der an Beziehungen nagt, genau wie an Gemeinschaften, Volkswirtschaften und der Gesellschaft insgesamt. Die Frage ist, warum so viele von uns beim Zynismus landen, obwohl er uns selbst am meisten wehtut. Ein Grund besteht sicher darin, dass unsere Kultur dazu neigt, den Zynismus zu verherrlichen und seine Gefahren herunterzuspielen, indem sie drei große Mythen über ihn verbreitet. Dr. Jamil Zaki ist Professor für Psychologie an der Stanford University und Leiter des Stanford Social Neuroscience Lab.