Zynismus ist durchaus keine radikale Weltanschauung, sondern vielmehr ein Werkzeug des Status quo. Jamil Zaki erklärt: „Es nützt vor allem den Eliten, und das von Propagandisten gesäte Misstrauen dient vor allem dazu, die Menschen besser kontrollieren zu können. Korrupte Politiker verstecken sich vor ihrem Wählern, indem sie sie davon überzeugen, dass ohnehin alle korrupt sind.“ Und das, womit Medienunternehmer am meisten Geld verdienen, sind Verurteilung und Empörung. Ihr Produkt ist unser Zynismus, und das Geschäft floriert. Unsere Überzeugungen haben Einfluss darauf, wie wir andere Menschen behandeln, was wiederum deren Verhalten beeinflusst. Gedanken verändern die Welt, und der Zyniker macht sie schäbiger, trauriger und kränker. Dr. Jamil Zaki ist Professor für Psychologie an der Stanford University und Leiter des Stanford Social Neuroscience Lab.
Die Zeit ist ein rätselhaftes Phänomen
Augustinus sagt: „Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich`s, will ich`s aber einem Fragenden erklären, weiß ich`s nicht.“ An diesem Satz lässt sich sehr gut die immer noch aktuelle Brisanz des in der Philosophiegeschichte als Universalienstreit bekannten Konfliktes erklären. Dieser hat sein Ausgang des Mittelalters Generationen von Philosophen beschäftigt. Axel Braig erläutert: „Auf der einen Seite standen, in der Tradition Platons, die sogenannten Realisten. Sie waren der Meinung, dass es Aufgabe der Philosophen sei, die Realität zu ergründen, die hinter abstrakten Begriffen wie Zeit, Seele oder Wahrheit steht.“ Diese Realisten neigten zum Beispiel dazu, scharfsinnige Texte über das Wesen der Zeit zu verfassen. Axel Braig wandte sich nach Jahren als Orchestermusiker und Allgemeinarzt erst spät noch einem Philosophiestudium zu.
Die Natur vermittelt Vertrautheit und Geborgenheit
Wilhelm Schmid schreibt: „Mehr als aus theoretischer Einsicht lernen Menschen aus praktischer Erfahrung, wie sich beispielsweise eine Klimaveränderung im eigenen Alltag anfühlt. Dann geht alles ganz schnell. Mit der entschiedenen Nutzung erneuerbarer Energien lassen sich die Folgen eindämmen, und da auch ärmere Länder in reichem Maße über Solar- und Windenergie verfügen, sind sie mit deren Einsatz in der Lage, ihren Bewohnern heimische Lebensperspektiven zu eröffnen.“ Zugleich entdecken immer mehr Menschen die Vorzüge der Natur, die ihnen Vertrautheit und Geborgenheit vermittelt sowie endlich den Sinn, der ihnen im Leben fehlte. Die Erfahrung ist so nachhaltig, wie die Naturferne groß war, in der sie modernetrunken zu lange zu leben versuchten. Das Zurück zur Natur gibt Menschen ihre eigentliche Heimat zurück. Wilhelm Schmid lebt als freier Philosoph in Berlin.
Eine unendlich oft wiederholte Lüge wird trotzdem nicht zur Wahrheit
Thomas Erikson fordert: „Als Großabnehmer absurd vieler Informationen müssen wir uns die Zeit und die Möglichkeit geben, die uns präsentierten Daten und Nachrichten kritisch auszuwerten. Wir müssen die Zeit investieren, Faktenchecks durchführen und Quellen zu überprüfen, übereilte und gefühlsbasierte Schlussfolgerungen vermeiden und Fake News durchleuchten.“ Aber das geht ja gar nicht, denken Sie jetzt vielleicht. Wer soll das denn alles zeitlich unter einen Hut bekommen? Eben, das ist ja gerade das Problem. Und das wissen die Absender des ganzen Schunds, der über uns ausgeschüttet wird, auch ganz genau. Also sondern sie noch mehr ab, wohl wissend, dass ein Teil davon sich tatsächlich festsetzen wird. Aber erinnern wir uns an die Behauptung von Adolf Hitlers Propagandaministers Joseph Goeppels: Eine Lüge wird keineswegs dadurch zu einer Wahrheit, dass man sie unendlich oft wiederholt. Es kommt einem nur so vor. Thomas Erikson ist ein schwedischer Verhaltensexperte, international gefragter Vortragsredner, Leadership-Coach und Buchautor.
Kompetenz und Aufrichtigkeit prägen die epistemische Vertrauenswürdigkeit
Epistemische Vertrauenswürdigkeit zeichnet sich durch zwei wesentliche Komponenten aus: Kompetenz und Aufrichtigkeit. Miranda Fricker stellt fest: „Bei Zeugnisungerechtigkeit ist es oft so, dass beide Komponenten durch die Voreingenommenheit des Zuhörers infrage gestellt werden. Die Erfahrung der Ungerechtigkeit hat dann in gewisser Weise einen zusammengesetzten Charakter.“ Genauso gibt es aber auch Fälle, in denen das Vorurteil nur auf eine der beiden Komponenten abzielt. In solchen Fällen kann sich die Ungerechtigkeit sehr unterschiedlich anfühlen, je nachdem, ob die eigene Kompetenz oder die eigene Aufrichtigkeit untergraben wird. Elisabeth Young-Bruehl beschreibt drei unterschiedliche Arten von Vorurteilen, von denen zwei für uns von Bedeutung sind: obsessive und hysterische. Miranda Fricker ist Professorin für Philosophie an der New York University, Co-Direktorin des New York Institute für Philosophy und Honorarprofessorin an der University of Sheffield.
Nichts fürchtet der Staat so sehr wie die Freiheit des Bürgers
Mancher der heutigen Staaten will eine bessere Welt schaffen. Er will eine Welt schaffen, die zu den Idealen der Staatslenker passt, nicht zu den Idealen der Bürger. Reinhard K. Sprenger erklärt: „Deshalb muss er dem Bürger möglichst viele Entscheidungen abnehmen und sie auf allen Wegen lenken und leiten. Der sich abzeichnende Staat lebt daher vom Entzug von Bürgersouveränität, es ist ein Staat des volkspädagogischen Katheders. Nichts scheint so unerträglich wie die Freiheit des Bürgers. Seit Jahrhunderten verläuft die Konfliktlinie zwischen Bürger und Staat. Viele Gesetze wurden erlassen, um den Bürger vor einem wuchernden und übergriffigen Staat zu schützen. Sogar die Unkündbarkeit des Beamtenrechts hat hier seine Ursprung. Gegenüber dem Staat waren die Bürger untereinander solidarisch. Reinhard K. Sprenger, promovierter Philosoph, ist einer der profiliertesten Führungsexperten Deutschlands.
Demokratie ist undenkbar ohne politische Grundrechte
Die Politologin Judith Shklar schreibt: „Ein Volk ist nicht nur einfach ein politisches Gebilde, wie man einst hoffte. Parteien, organisierte Wahlkämpfe und Anführer bilden die Realität.“ Demokratie ist undenkbar ohne politische Grundrechte wie Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und Vereinigungsfreiheit. Der Wert dieser Rechte erhöht sich entscheidend, wenn ihr Gebrauch von Organisationen erleichtert wird. Also dem, was man oft als „vermittelnde Organisationen“ bezeichnet. Jan-Werner Müller betont: „Politische Gleichheit lässt sich am besten begreifen als Gleichheit der Chancen auf politische Partizipation. Konkret setzt das einen einigermaßen leichten Zugang zu intermediären Mächten voraus sowie nicht völlig illusorische Möglichkeiten, neue Instanzen dieser Art zu schaffen.“ Natürlich hat nicht jeder ein so rosiges Bild der Rolle von Vermittlung in der Demokratie. Jan-Werner Müller ist Roger Williams Straus Professor für Sozialwissenschaften an der Princeton University.
Das Tyrannenkind ist ein vernachlässigtes Kind
Die Kinderpsychiaterin Martina Leibovici-Mühlberger beschreibt in ihrem Buch „Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden“ eine Generation, die nie wirklich gefordert, der alles abgenommen wurde, die sich nie durchbeißen musste. Andreas Salcher erklärt: „Das Tyrannenkind ist das vernachlässigte Kind, das alles bekommen soll, bei dem in frühesten Jahren eine verheerende Fahndung nach einzigartigen Talenten einsetzt, bevor Talent überhaupt entwickelt und erkennbar sein können.“ Sie erhalten keine Orientierung und erleben eine Erziehungsverweigerung der Eltern. Die Frage „Was willst den du?“ kommt in einer viel zu frühen Phase, um sich nicht den Unmut der Kinder zuzuziehen und sich der Illusion der gelungenen Elternschaft hingeben zu können. Dr. Andreas Salcher ist Mitgebegründer der „Sir Karl-Popper-Schule“ für besonders begabte Kinder. Mit mehr als 250.000 verkauften Büchern gilt er als einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren Österreichs.
Die Demokratie spricht dem Volk die Macht zu
„Hat das Volk immer Recht?“ Dieser Frage und den möglichen Antworten darauf widmet sich das Titelthema des neuen Philosophie Magazins 06/2026. Es geht dabei um den verfassungsrechtlichen Kern der Demokratie, die dem Volk die Macht zuspricht und genau deshalb von vielen Philosophen der Geschichte mit größter Skepsis betrachtet wurde. „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ Doch wer genau ist eigentlich dieses „Volk“, von dem die Geschicke des Landes wie auch jedes Einzelnen abhängen sollen. Zunächst einmal ist ein Volk nicht mehr und nicht weniger als eine heterogene Masse an Menschen, zusammengeschlossen zu einem Kollektiv qua Staatszugehörigkeit. Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler stellt fest: „Dass diese Masse aus sich selbst heraus vernünftig agiert und das Beste für das Land will – was auch immer das konkret heißen will –, ist eine Annahme, die erst einmal wenig Plausibilität besitzt.“
Intelligenztests entscheiden über private Lebensläufe
Wieso ist Intelligenz plötzlich allgegenwärtig? Woher kommt es, dass in westlichen Gesellschaften viele ihr eigenes Leben und zwischenmenschlichen Beziehungen unter dem Vorzeichen von Intelligenz betrachten? Diesen und anderen Fragen und den Antworten darauf widmet Gisela Schmalz ihr Buch „Fetisch Intelligenz“. Es handelt von Schulkindern und ihren Eltern, von rechtsgerichteten Influencern, die behaupten, Intelligenz sei das erbliche Schicksal Einzelner und ganzer Bevölkerungsgruppen, sowie von Pionieren der künstlichen Intelligenz und der Embryoselektion. Die Autorin hält das Sujet für dringend untersuchungsbedürftig. Denn schließlich entscheiden Intelligenz sowie Einordnungen und Ordnungen auf der Basis bestimmter Intelligenzvorstellungen über private Lebensläufe und ganze Gesellschaftsstrukturen. Als Professorin für Digital Business ist Gisela Schmalz an einer internationalen Hochschule tätig und leitet bei der Deutschen Gesellschaft für Philosophie die „Fokusgruppe Künstliche Intelligenz“.
Zuwanderung kann das Problem der Alterung teilweise lösen
Tatsächlich kann Zuwanderung das Problem der Alterung in Industrienationen zumindest teilweise lösen, immer vorausgesetzt, das Wachstum ist stabil, und es gibt reichlich Arbeit. Nouriel Roubini erklärt: „Mehr junge Arbeitnehmer zahlen in die Sozial- und Krankenversicherung ein, mehr Verbraucher kurbeln die Nachfrage an und steigern die Steuereinnahmen des Staats, mit denen dieser die aktuelle und implizite Schuldenlast erleichtern kann.“ In den Vereinigten Staaten strömten Zuwanderer früher in die Industrie und in Dienstleistungssektoren, wo gut ausgebildete und motivierte Arbeitnehmer gebraucht wurden. Die Freiheitsstatue begrüßte die Massen der Beladenen und Armen der Welt, die sich nach Freiheit sehnten. Wie sich die Zeiten doch geändert haben. Nouriel Roubini ist einer der gefragtesten Wirtschaftsexperten der Gegenwart. Er leitet Roubini Global Economics, ein Unternehmen für Kapitalmarkt- und Wirtschaftsanalysen.
Die Lebensangst ist die Mutter aller Ängste
Michael Lehofer schreibt: „Wir alle sehnen uns nach einem Ja zu unserer Person. Das Ja ist eine existenzielle Bestätigung, die wir auch dann gebrauchen können, wenn wir durch unsere bisherigen Lebenserfahrungen viel Ja gespeichert haben.“ Nichtsdestotrotz sollten wir immer für eine Zufuhr von neuem Ja sorgen. Denn das Ja gibt uns jene Sicherheit, die uns vor der Lebensangst bewahrt. Die Lebensangst ist die Mutter aller Ängste. Wenn Menschen sich mit verschiedensten Ängsten im Leben herumplagen, lassen sich diese letztlich immer auf ein schwaches Fundament zurückführen. Man nennt diesen Boden, auf dem wir alle stehen, Urvertrauen. Wir können Leben schenken, indem wir den anderen bejahen. Univ.-Prof. Dr. med. Dr. phil. Michael Lehofer ist ärztlicher Direktor und Leiter der einer Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Landeskrankenhaus Graz II.
Die kommerzielle Erzeugung von Atomstrom begann 1956
Vaclav Smil blickt zurück: „Das Zeitalter der kommerziellen Erzeugung von Atomstrom begann am 17. Oktober 1956, als Queen Elisabeth II. mit dem Kippen eines Schalters das Kraftwerk Calder Hall an der Nordwestküste Englands in Betrieb nahm.“ Sechzig Jahre ist lange genug, um ein vorläufiges Urteil über die Technik zu fällen, und Vaclav Smil sieht sich nach wie vor nicht in der Lage, seine vor über einem Jahrzehnt abgegebene Bewertung zu revidieren: ein „erfolgreicher Fehlschlag“. Der „erfolgreiche“ Teil ist gründlich dokumentiert. Nach einem langsamen Anlaufen begann der Bau von Atomreaktoren in den späten 1960er Jahren Fahrt aufzunehmen, und 1977 kamen in den USA schon mehr als zehn Prozent des elektrischen Stroms aus Kernkraftwerken; 1991 waren es zwanzig Prozent. Vaclav Smil ist Professor für Umweltwissenschaften an der University of Manitoba.
Die Gesellschaft scheidet das Alte vom Modernen
Wie der Dichter und Denker Octavio Paz feststellt: „Jede Gesellschaft gründet sich auf einen Namen, ihren wahren Grundstein.“ Der Name teilt die Welt in zwei Hälften: Christen/Heiden; Muslime/Ungläubige; Wir und die Anderen. Alain Finkielkraut erklärt: „Unsere Gesellschaft macht da keine Ausnahme. Sie scheidet das Alte vom Modernen. Das ist das Gleiche, aber auch etwas ganz anderes. Wir sind die Ersten, die sich statt eines nicht zeitgebundenen Prinzips die Zeit und ihre Veränderungen als Universalideal ausgesucht haben.“ Unsere Zivilisation ist nicht statisch, sondern dynamisch. Sie steht nicht fest, sie geht voran, sie ist in Bewegung. Um es mit Ernest Renans Worten zu sagen: „Sie betrachtet alles unter der Kategorie des Werdens.“ Alain Finkielkraut gilt als einer der einflussreichsten französischen Intellektuellen.
Für die Demokratie muss man mit Verstand und Herz eintreten
Sokrates vertritt einen menschheitlichen, einen humanen Grundsatz, welcher der Politik generell zugrunde liegt. Volker Gerhardt erklärt: „Das Beispiel des Sokrates vertieft dieses Verständnis und macht klar, dass die Demokratie immer auch eine Gemeinschaft selbstbewusster Einzelner ist, die nicht nur mit ihrem Verstand und ihrer Urteilskraft, sondern auch mit ihrem Herzen dabei sein müssen und immer auch bereit sein müssen, mutig für die gemeinsame Sache einzutreten.“ Im Prozess gegen ihn zeigt Sokrates nicht nur die Unerschrockenheit vor dem Urteil der Menge, das sich die Richter zu eigen gemacht haben, sondern er gibt ein Beispiel für die persönliche Freiheit, die er ohne Rücksicht auf den Ausgang des Verfahrens für sich in Anspruch nimmt. Volker Gerhardt lehrte bis 2012 als Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin. Dort ist er auch weiterhin als Seniorprofessor tätig.
Die globalen Märkte verlangten eine Neuordnung von Raum und Zeit
Die Schaffung nationaler, kontinentaler und globaler Märkte verlangte eine Neuordnung von Raum und Zeit. Dazu war ein kühner Plan nötig. Jeremy Rifkin erklärt: „Die Zeit musste vom konkreten Ort gelöst und durch einheitliche Zeitzonen ersetzt werden, die auf der ganzen Welt Gültigkeit hatten.“ Großbritannien und die Vereinigten Staaten waren die ersten, die ihr Land in standardisierte Zeitzonen einteilten, um den Eisenbahnverkehr zu erleichtern. In den 1880ern riefen auch andere Nationen nach der Einführung einer Weltzeit. Im Oktober 1884 legte die Internationale Meridian-Konferenz den Londoner Vorort Greenwich als Nullpunkt des universellen Zeitsystems fest. Die französiche Regierung widersetzte sich und verlangte, das Observatorium von Paris zum Referenzpunkt zu erklären. Jeremy Rifkin ist einer der bekanntesten gesellschaftlichen Vordenker. Er ist Gründer und Vorsitzender der Foundation on Economic Trends in Washington.
Die Erfolge der Technik sind Quellen gegenwärtiger Freiheit
Die existenzielle Idee von Freiheit und Frieden braucht Menschen, die unsere Welt erkennen und anerkennen, den Menschen ergründen und verstehen. Paul Kirchhof schreibt: „Wenn der Mensch Güter produziert, menschliche Verhaltensweisen lenkt oder experimentell überprüfbare Wirkungsabläufe der Natur erkennt, verbessert er Lebensbedingungen, gibt sinnvolle Verhaltensempfehlungen, mehr das Wissen über den Menschen, seine Natur und seine Umwelt.“ Organisation und Verfahren der Politik, die Gesetzmäßigkeiten des Martes, die Ergebnisse gegenständlich-empirischer Forschung und die Erfolge der Technik sind Quellen gegenwärtiger Freiheit, ohne die wir aus heutiger Sicht in eine Unfreiheit zurückfallen würden. Doch wir brauchen auch Quellen für die Fähigkeit, den Sinn des menschlichen Lebens zu ergründen und zu erhellen. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg.
Die Freiheit der Rede ist in der Demokratie ein hohes Gut
Man muss sich nur ausmalen, was es mit den Bürgern eines Landes macht, wenn sie glauben, sich nicht mehr frei äußern zu können. Richard David Precht erklärt: „Man überlegt sich lange und genau, was man sagt und was nicht. Der Konformitätsdruck sorgt für eine Schere in vielen Köpfen und erst recht bei Meinungsäußerungen. Das aber widerspricht ohne Zweifel dem Gedanken unserer liberalen Demokratien. Die Freiheit der Rede ist ihnen ein hohes Gut.“ Denn was liegt der liberalen Demokratie anderes zugrunde als das Konzept, dass über gesellschaftliche Themen breit und kontrovers diskutiert werden soll? Ihrem Ideal nach ist die Demokratie der Sieg der besten Ideen im fairen und ungezwungenen Wettstreit um das beste Argument. Richard David Precht ist Philosoph, Publizist und Autor. Er zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
Johann Wolfgang von Goethe lädt Friedrich Schiller nach Weimar ein
Wenige Wochen nach dem Treffen in Jena lud Johann Wolfgang von Goethe Friedrich Schiller für vierzehn Tage nach Weimar ein. Andrea Wulf weiß: „Schiller und Johann Goethe redeten offen über ihre Ideen, Überzeugungen, Methoden und Theorien, sprachen aber auch unverhohlen über ihre Schwierigkeiten und stagnierenden Projekte.“ Schiller fühlte sich so wohl, dass er sogar gut schlief, und Goethe schrieb einem Freund, sein Besucher habe „meine oft stockenden Ideen“ belebt. Johann Wolfgang von Goethe stellte seine naturkundlichen Erkenntnisse vor und hörte aufmerksam zu, als Friedrich Schiller davon sprach, wie eine Erziehung zu Schönheit und Ästhetik eine Freiheit schaffen könne, die stärker sei als jede politische Revolution. Als Autorin wurde Andrea Wulf mit einer Vielzahl von Preisen ausgezeichnet, vor allem für ihren Weltbestseller „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ 2016, der in 27 Sprachen übersetzt wurde.
Gene und Umwelt prägen die Intelligenz
Die Psychologie als Wissenschaft beschäftigt sich mit dem Erleben und dem Verhalten von Menschen. Jakob Pietschnig ergänzt: „Die Frage, ob in diesem Erleben oder Verhalten systematische Unterschiede den Einflüssen der Umwelt oder vielmehr der Anlage selbst geschuldet sind, versucht die Differenzielle Psychologie zu beantworten. Zu ihren wichtigsten Untersuchungsthemen gehört unter anderem die Intelligenzforschung.“ Die Ausprägung der Intelligenz – so wie jedes andere psychische und physische Merkmal hängt ausschließlich von zwei Ursachen ab: von den Genen – also der Anlage – und der Umwelt. Beide Komponenten gibt es natürlich in vielen Varianten. Zum Beispiel als dominant-rezessive oder intermediäre Vererbungsprozesse im Fall der Anlage beziehungsweise der elterlichen Unterstützung, Schule, Wohnsituation oder Interessen der engsten Freunde im Fall der Umwelt. Jakob Pietschnig lehrt Differenzielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Wien.
Glück ist nicht naturgegeben
Menschen sind Fremde ihres eigenen Glücks, denn es wäre illusorisch, anzunehmen, dass es in ihnen ist. Emanuele Coccia erläutert: „Unser Glück ist nicht naturgegeben. Im Gegenteil, das Streben nach Glück bedeutet, an sich selbst zu arbeiten und das zu verfeinern, was wir „Kultur“ nennen.“ Man muss nicht erst das Haus verlassen und die Stadt betreten, damit sich das Glück zu etwas Kulturellem und Künstlichem verwandelt. Es ist die Ethik, also das Glück, das einen Menschen zu einem kulturellen Wesen macht. Und es verpflichtet ihn zu einem Leben, in der er sich selbst und die Welt verändert, um Vollkommenheit zu erlangen. Alle Menschen sind Fremde, und doch gelingt es ihnen immer wieder, ein Zuhause, mithin eine Form des Glücks zu erschaffen. Emanuele Coccia ist Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.
Der Mensch hat eine Sonderstellung gegenüber der Natur
Zuallererst gilt für Katia Henriette Backhaus: „Nachhaltige Freiheit ist bedingt.“ Denn die ökologische Krise und die durch diese geprägte Forderung der Nachhaltigkeit stellen eine Herausforderung für die Freiheit dar, weil sie die ökologisch-materiellen Grundlagen der Freiheit zur Sprache bringen. Die Vereinbarkeit von Freiheit und Nachhaltigkeit in einem Begriff nachhaltiger Freiheit muss also zunächst bei den Bedingungen der Möglichkeit von Freiheit ansetzen. Auch das Verhältnis von Mensch und Natur spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Die menschliche Sonderstellung in und gegenüber der Natur ermöglicht, dass die Menschen gleichermaßen als naturzerstörerische wie als naturschützende Kraft auftreten können. Die Menschen sind ein Teil der Natur, können diese aber auch transzendieren. Katia Henriette Backhaus hat an der Universität Frankfurt am Main promoviert. Sie lebt in Bremen und arbeitet als Journalistin.
Kinder können sich Grenzüberschreitungen erlauben
In der animalischen Welt gilt Welpenschutz: Kinder können sich Grenzüberschreitungen erlauben, die unter Erwachsenen sanktioniert würden. Wolfgang Schmidbauer ergänzt: „Parallel dazu regiert ein elementares Selbstgefühl: Wer stärker ist, fürchtet Schwächere nicht, er geht entspannt mit ihnen um. Die animalische Mutter, in einer Gruppe von Kindern und Halberwachsenen sozialisiert, hat keinen Grund, sich vor ihrem Baby zu fürchten. Sie ist sich ihrer vitalen Überlegenheit sicher.“ In der zweiten Hälfte der vorigen Jahrhunderts entfaltete sich ein Streit, der in modifizierten Formen bis heute andauert. Die Pole des Streites sind auf der einen Seite die Interessen der Gesellschaft, auf der anderen die romantischen Bedürfnisse in den Familien. Damit beginnt auch die Angst vor Leistungsversagen eine unheilvolle Rolle zwischen Eltern und Kindern zu spielen. Wolfgang Schmidbauer gilt als einer der bekanntesten Psychoanalytiker Deutschlands.
Krisen schmerzen und erzeugen ein Gefühl von Ohnmacht
Wir erleben Krisen in erster Linie aus Ausbruch von Dysfunktionalitäten. Dinge, deren Ablauf geregelt schien, geraten außer Tritt. Konrad Paul Liessmann nennt Beispiele: „Der Körper funktioniert nicht mehr, das Bildungssystem funktioniert nicht mehr, die Wirtschaft funktioniert nicht mehr, der Staat funktioniert nicht mehr.“ Wer sich wegen einer Erkrankung vor Schmerzen krümmt, nach einer Trennung dem Alkohol verfällt, als Lehrperson angesichts chaotischer Zustände nicht mehr unterrichten kann, wer glaubt, nur noch durch Korruption bei Behörden Gehör zu finden, und zusehen muss, wie die Inflation seine Ersparnisse auffrisst, erlebt sich in einem Krisenmodus. Die Krise ist unerwünscht, sie schmerzt, und sie erzeugt das Gefühl von Ohnmacht. Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.
Die Moralität hat die Zivilisation erst möglich gemacht
In Jonathan Haidts Buch „Die Macht der Moral“ geht es um die Frage, warum es uns so schwerfällt, miteinander auszukommen. Der Autor beschäftigt sich mit Moralpsychologie, und er möchte darlegen, dass Moralität eine außergewöhnliche menschliche Fähigkeit ist, die Zivilisation erst möglich gemacht hat. Jonathan Haidt schreibt: „Meine Hoffnung ist, dass dieses Buch Gespräche über Moralität, Politik und Religion häufiger und zudem zivilisierter und amüsanter macht, selbst in gemischter Gesellschaft. Ich hoffe, es hilft uns, besser miteinander auszukommen.“ Das Buch hat drei Teile, das man als separate Bücher betrachten kann – abgesehen davon, dass jeder Teil auf den vorangegangenen aufbaut. Darin wird jeweils ein wichtiger Teil der Moralpsychologie vorgestellt. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.