Wenn wir die vielen Länder auf der Erde betrachten, sehen wir nur in wenigen Staaten ausgedehnte Flächenreserven für die Menschheit. Ille C. Gebeshuber stellt fest: „In den meisten ist die Natur bereits von der menschlichen Außengrenze umgeben und wird so durch Straßen und Zäune systematisch eingeschnürt und oft auch durchschnitten.“ Viele werden meinen, das sei kein großes Problem, aber auch die Natur braucht zum Überleben eine Mindestfläche. Wenn zum Beispiel Straßen oder andere Barrieren Populationen in kleinen Räumen einschließen, führt dies dazu, dass die einzelnen Tierarten nicht ausreichend genetisch-fremde Partner finden. Inzucht stellt sich ein, die sich über mehrere Generationen so verstärkt, dass mit dem Aussterben von Arten gerechnet werden muss. Ille C. Gebeshuber ist Professorin für Physik an der Technischen Universität Wien.
Der Staat und das Volk stehen sich zunehmend feindlich gegenüber
Das Titelthema des neuen Philosophie Magazin 03/2026 lautet: Staat, was darfst du von mir fordern? Eine Frage von höchster Brisanz. Und großem philosophischen Ernst. Auch in Deutschland wächst das Misstrauen gegenüber politischen Eliten und staatlichen Institutionen. Das Staat und das Volk, eigentlich als Union gedacht, stehen sich, so scheint es, zunehmend feindlich gegenüber. Und auch der Ton gegenüber Menschen, die gar nicht oder wenig arbeiten, wird rauer. Teile der CDU brandmarkten Teilzeit als „Lifestyle“. So dringt die Politik immer tiefer in das Leben jedes Einzelnen. Zu Recht? Oder zu Unrecht? Hat der Staat inzwischen selbst den Anspruch Souverän zu sein? Zeigt er gar Züge der Leviathans, wie Thomas Hobbes ihn entwarf? Eines allmächtigen Staates, der jenen Sicherheit garantiert, die sich ihm unterwerfen?
Die Generation Y mischte am Ende Arbeit und Freizeit extrem intensiv
Work-Life-Fit nennt sich das Modell, nach dem viele Angehörige der Generation Y streben: Freizeit, Privates und Arbeit sollten sich wie ein Puzzle ineinanderfügen. Rüdiger Maas weiß: „Dies wussten viele Arbeitgeber schnell für sich zu nutzen: Mach ein Praktikum bei uns, such deinen Sinn und arbeite gleich bis zehn Uhr abends. Und dann lass uns noch gemeinsam ein Feierabendbier trinken.“ Latte Macchiato mit laktosefreier Biomilch wird tagsüber gestellt, dafür soll man seine E-Mail bitte auch nach Dienstschluss checken, falls einen solchen überhaupt gibt. Gehalt bekommt man dann nach dem Praktikum, falls man übernommen werden sollte. Die Generation Y mischte am Ende Arbeit und Freizeit so intensiv, dass aus Work-Life-Balance schließlich ein Work-Life-Blending wurde. Rüdiger Maas studierte in Deutschland und Japan Psychologie. Er ist Gründer und Leiter eines Instituts für Generationenforschung.
Der berühmteste philosophische Dialog handelt vom Liebesgott Eros
Hans Rudi Fischer schreibt: „Fragt man nach dem Wo des Denkenden über sich selbst, geraten wir in jene abwesende Anwesenheit, jenen Nicht-Ort, den die Griechen als die Lebensform des Philosophen bestimmt haben.“ Aristoteles sah im betrachtenden Leben des Philosophen die höchste Lebensform. Platon lässt im Symposion – Gastmahl – seinen Lehrer Sokrates als den Prototypus des ortlosen Philosophen auftreten. Der wohl berühmteste Dialog der Weltliteratur handelt von dem Liebesgott Eros. Strukturell ist die Erzählung, von der man nicht weiß, ob sie Story oder History ist, wie das Verhältnis von Ich und Welt aufgebaut. Apollodoros erzählt die Geschichte vom Symposion zu Ehren des Tragödiendichters Agathon, die im Jahre davor erzählt worden sei. Hans Rudi Fischer ist Philosoph und Psychologe. Seit 30 Jahren arbeitet er als Lehrender Therapeut, Coach und Organisationsberater.
Die Angst ist die Mutter aller vermeintlich negativen Emotionen
Die Psychologin Susan David sagt: „Unwohlsein ist der Eintrittspreis für ein bedeutungsvolles Leben.“ Um diese Aussage und die dahinterstehende Biologie besser nachvollziehen zu können, lohnst sich für Maren Urner ein Blick auf die „Mutter aller vermeintlich negativen Emotionen“: die Angst. Warum haben wir Angst? Maren Urner meint nicht die Angst, dass die Frisur nicht richtig sitzt oder ob man im richtigen Moment das Falsche sagt. Sondern existenzielle Angst. Eine Angst, die zur Panik führen kann. Die einem die Kontrolle über den eigenen Körper entzieht. Evolutionsbiologisch gefragt: Warum hat sich Angst als Verhalten durchgesetzt? Das ist nur möglich, wenn ihr eine nützliche – im Sinne von überlebensförderliche – Aufgabe zukommt. Dr. Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln.
Jeder kennt die Schlüsselbegriffe der politischen Moderne
Im frühen 19. Jahrhundert erblickten die Schlüsselbegriffe der politischen Moderne das Licht der Welt. Harold James kennt sie: „Neben Nation und Nationalismus auch Konservatismus, Liberalismus, Sozialismus, Kapitalismus und Demokratie.“ Der letzte Begriff, Demokratie, ist natürlich viel älter, doch der Begriff wurde damals auf neue Weise im Kontext einer anderen Organisationsform – großanlegte Wahlen anstelle von Losverfahren für die Vergabe politischer Ämter – wiederentdeckt. Daher hatten die demokratischen Debatten kaum noch etwas mit dem antiken Athen oder den spätmittelalterlichen Stadtstaaten Italiens zu tun. Wir denken auch heute noch in Ismen und aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte sind diese Begriffe auf ebenso seltsame wie komplexe Weise miteinander verflochten und voneinander abhängig. Sie atmen diese intellektuelle Luft. Harold James hat eine Lehrstuhl für Geschichte an der Princeton University inne und ist Professor für Internationale Politik an der dortigen School of Public and International Affairs.
Die Mär von der „alternden Gesellschaft“ begleitet uns schon lange
Das neue Buch „Die erfundene Bedrohung“ von Andreas Hoffmann will nicht belehren, sondern eine Geschichte erzählen ohne surrenden Alarmton. Der Autor schreibt: „Sie werden sehen, wie leicht sich Angst einreden lässt, Sie werden sehen, dass die Angst oft überflüssig ist, und vielleicht sehen sie die Welt danach etwas positiver.“ Die Mär von der „alternden Gesellschaft“ begleitet uns schon lange – seit dem Zeitpunkt, zu dem die Wissenschaft unsere Lebenszeit verlängert hat. Wir leben länger, arbeiten kürzer, zeugen weniger Kinder und haben mehr Alte. Wir tun seit über 100 Jahren exakt das, was uns scheinbar bald in Verderben stürzen wird. Kein ein Thema zieht die Massen so an wie die Idee, dass wir die Dinge in Zukunft nicht geregelt bekommen. Andreas Hoffmann ist Journalist. Als diplomierter Volkswirt schreibt er über Sozial-, Gesundheits- und Wirtschaftspolitik.
Wladimir Putin wollte von Anfang an ein autokratisches Regime errichten
Anne Applebaum schreibt: „Nachdem Wladimir Putin Präsident geworden war, bewegte er das Land tatsächlich in eine neue Richtung. Wie die liberalen Reformer wollte er die sowjetische Wirtschaft umbauen und hoffte, dass Russland reich werden würde.“ Doch er hegte ein Nostalgie für das Sowjetreich, dessen Zusammenbruch er als „geopolitische Katastrophe“ bezeichnete. An einer Regeneration der sowjetischen Gesellschaft auf einer neuen moralischen Grundlage hatte er kein Interesse. Die amerikanische Politikwissenschaftlerin Karen Dawisha erklärt: „Von Beginn an ging es Putin und seinem Kreis darum, ein autokratisches, von einem kleinen Klüngel beherrschtes Regime zu errichten. […] Demokratie war nicht das Ziel, sondern nur die Tarnung.“ Der Staat, der sich in der Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts herausformte, was keine Supermacht mehr. Die Historikerin und Journalistin Anne Elizabeth Applebaum zählt zu den profiliertesten Kritikerinnen autoritärer Herrschaftssysteme und russisches Expansionspolitik.
Kritik darf nie den Wert einer Person selbst in Mitleidenschaft ziehen
Helga Kernstock-Redl weiß nicht, ob Schuldgefühle ein Erkennungsmerkmal von „guten“ Menschen ist. Doch mit Sicherheit machen sie deutlich: Da folgt jemand persönlichen moralischen Gesetzen oder sozialen Spielregeln. Grundsätzlich ist es wichtig, schon Kindern entspannt und doch ernsthaft vorzuleben, dass es richtig ist, echte Schuld zu übernehmen und dass man die unangenehmen Schuldgefühle aktiv wieder loswerden kann. Im Alltag gelingt das, wenn sich Kritik immer nur auf ein Verhalten richtet und nie den Wert der Person selbst in Mitleidenschaft zieht. Auch unter Erwachsenen soll sich bitte niemand vor existenzieller Vernichtung oder vor Beschämung nach Fehlern oder Gesetzesbrüchen fürchten müssen, bei aller, vielleicht gerechtfertigten Strafe, Kritik oder Beschuldigung. Helga Kernstock-Redl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Psychologie der Gefühlswelt.
Einsamkeit kann das Risiko psychischer Leiden dramatisch erhöhen
Den sozialen Hunger zu spüren, der Einsamkeit ausmacht, ist an sich ebenso wenig ein Krankheitssymptom wie physisch Hunger zu verspüren, weil man nichts gegessen hat. Lars Svendsen ergänzt: „Jedoch kann sich die Einsamkeit in einer Weise entwickeln, dass das Risiko für psychische wie auch physische Leiden dramatisch erhöht wird. Einsame haben einen höheren Verbrauch an Gesundheitsdienstleistungen als Nicht-Einsame.“ Studien zeigen, dass Einsamkeit ein starker Prädikator für Mortalität war, selbst wenn man sich aus methodologischen Gründen entschieden hatte, durch Selbstmord verursachte Todesfälle dabei außer Acht zu lassen. Die Wirkung kann mit dem täglichen Rauchen von 10 bis 15 Zigaretten verglichen werden und ist stärker als der Effekt von Fettleibigkeit und physischer Inaktivität. Lars Frederik Händler Svendsen ist Philosoph und Professor für Philosophie an der Universität Bergen. Seine Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet.
Die Ostsee ist das das dreckigste Meer der Welt
Dirk Steffens und Fritz Habekuss blicken zurück: „Historische Transformationen wie die Abschaffung der Sklaverei oder die Installation einer hygienischen Wasserversorgung mussten verschiedene Phasen durchlaufen, bis sie zu ihrem Ziel gelangten.“ Der Prozess kann an vielen Stellen im System unterschiedlich schnell ablaufen und auch jederzeit wieder in eine frühere Phase kippen. Zu verschiedenen Zeitpunkten spielen jeweils andere Akteure die entscheidenden Rollen. Allein in Europa, so schätzt das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, gehen jährlich rund 25.000 Netze verloren, die dann als tödlicher Müll viele Jahre lang durch die Meere treiben. In ihrem Buch „Über Leben“ erzählen der Moderator der Dokumentationsreihe „Terra X“ Dirk Steffens und Fritz Habekuss, der als Redakteur bei der „ZEIT“ arbeitet, von der Vielfalt der Natur und der Schönheit der Erde.
Carl von Clausewitz beschrieb die Deutschen als besonders unabhängig
Martin Wagner schreibt: „Die Frage des relativen deutschen Gehorsams oder Ungehorsams wurde fester Bestandteil der Debatten darüber, was typisch deutsch sei – Debatten über den eigenen Nationalcharakter also, wie sie die Deutschen, so hat Friedrich Nietzsche im 19. und so hat Norbert Elisas im 20. Jahrhundert gesagt, mehr als jede andere europäische Nationen auszeichnen.“ Noch ganz im Geiste der Idee „germanischer Freiheit“ beschrieb der junge Carl von Clausewitz die Deutschen 1807 als besonders unabhängig. Er kontrastiert sie mit den Franzosen, in denen der Sonnenkönig Ludwig XIV. ebenso wie später Napoleon „gehorsame Untertanen“ gefunden habe. Ähnlich beharrt auch Johann Gottlieb Fichte in seinen berühmten „Reden an die deutsche Nation“ (1806/07) auf dem Freiheitsinn als einem wesentlichen Charakteristikum der Deutschen. Martin Wagner ist Professor of German an der University of Calgary (Kanada).
Weise Menschen nennt man Vorbilder für das eigene Leben
Von einem Philosophen erwartet man, einleitend seinen Gegenstand zu bestimmen. Otfried Höffe betont: „Die Erwartung ist umso berechtigter, wo der Gegenstand, hier die Weisheit, hochgeschätzt wird, aber unklar bleibt, was genau denn so schätzenswert sei.“ Hilfsweise kann man fragen, welche Menschen wir denn für weise halten. Je nach persönlicher Vorliebe wird man auf den Dalai Lama, aus Mahatma Gandhi oder Nelson Mandela, vielleicht auch auf Papst Franziskus hinweisen. Weise nennen wir nämlich Vorbilder für unser Leben oder Vorzeigepersonen, gelegentlich freilich nur die kundigen Mitglieder eines wirtschaftspolitischen Beratungsgremiums, den man den Beinamen der Fünf Weisen gegeben hat. Auch wenn letztere Bezeichnung zu schmeichelhaft klingt, ist sie, prinzipiell betrachtet nicht unzulässig. Otfried Höffe ist Professor em. für Philosophie an der Universität Tübingen und Leiter der dortige Forschungsstelle Politische Philosophie.
Für Protagoras ist Bildung eine elementare Angelegenheit
Sarah Bakewell erläutert: „Um neue Schüler zu gewinnen, erzählte Protagoras eine Geschichte, die zeigen sollte, warum Bildung elementar ist. Am Anfang, so sagte er, besaßen die Menschen keine besonderen Fähigkeiten.“ Das änderte sich, als die Titanen Prometheus und Epimetheus den Göttern das Feuer stahlen. Die Menschen lernten die Kunst des Ackerbaus, des Nähens, der Sprachfertigkeit und sogar der Religionsausübung. Der Mythos des Diebstahls des Feuers durch Prometheus und seine Bestrafung wurde oft erzählt. Aber die Version von Protagoras enthält eine neue Wendung. Als Zeus sieht, was geschehen ist, fügt er ein zusätzliches Geschenk hinzu. Nämlich die Fähigkeit, Freundschaften zu schließen und andere soziale Bindungen zu knüpfen. Sarah Bakewell lebt als Schriftstellerin in London, wo sie Creative Writing an der City University lehrt und für den National Trust seltene Bücher katalogisiert.
Der Umgang mit manischen Patienten immer eine Gratwanderung
Manfred Lütz weiß: „Der Umgang mit Manikern setzt viel menschliches Fingerspitzengefühl voraus. Einerseits können Maniker hinreißend witzig sein, und dann verdienen sie das ehrliche Lachen des zuhörenden Therapeuten. Andererseits muss man sich vor Augen halten, dass sich ein Mensch hier oftmals bis über die Grenze der Peinlichkeit exhibitioniert.“ Später wird er sich an all das erinnern, auch gegebenenfalls an das hämische Lachen des ungehobelten Behandlers. So ist der Umgang mit manischen Patienten immer eine Gratwanderung, bei der man versucht, eine wertschätzende Beziehung zum Patienten zu halten und zugleich die Würde des Patienten zu achten. Da ist dann die Bereitschaft zum Kompromiss gefragt. Manfred Lütz hat Medizin, Theologie und Philosophie in Bonn und Rom studiert. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Autor zahlreicher Bestseller.
Besonnenheit und ein entspanntes Nachdenken sind segensreich
Dirk Steffens schreibt in seinem Buch „Hoffnungslos optimistisch“: „Wer an Lösungen glaubt, hat bessere Chancen auch tatsächlich welch zu finden. Wenn wir die Zukunft eher als Chance und weniger als Bedrohung sehen, ist das bereit der erste Schritt in die richtige Richtung.“ Besonnenheit, ein bisschen entspannten Nachdenken sind segensreich, damit wir auf der Flucht vor unseren Sorgen nicht aus Versehen Richtung Abgrund losrennen. Die gesamte Menschheitsgeschichte ist schließlich gespickt von Momenten, in denen disruptive Änderungswünsche über die Vernunft gesiegt haben. Verzweiflung trieb Suchende immer wieder in die Arme wirrer Propheten, brutaler Diktatoren, gewissenloser Populisten oder naiver Weltverbesserer. Aber den Untergang als unumkehrbare Sache zu betrachten, ist in Deutschland, in dem wir so frei, so gesund und so wohlhabend wie niemals zuvor leben, dann doch ziemlich idiotisch. Dirk Steffens ist einer der bekanntesten und renommiertesten Wissenschaftsjournalisten Deutschlands, spezialisiert auf Umwelt- und Naturthemen.
Viele Menschen beherrscht die Tyrannei der Gewohnheit
Stefan Klein kritisiert: „In einer Zeit, in der die Menschheit und jeder Einzelne sich der Veränderung öffnen müssen, beherrscht uns die Tyrannei der Gewohnheit.“ Nehmen wir einmal die Bewusstseinsspaltung, in die uns der Klimawandel versetzt. Wir erschrecken über Unwetter und katastrophale Überschwemmungen, und kein vernünftiger Mensch zweifelt daran, dass sie sehr bald halbe Länder in Wüsten verwandeln, wenn wir weiter Öl und Kohle verbrennen. Schon heute sterben allein an dem durch fossile Brennstoffe freigesetzten Feinstaub weltweit mehr Menschen, als die Covid-Pandemie in ihrem ganzen Verlauf umgebracht hat. Fest steht auch, dass sich durch den Klimawandel in Deutschland vermehrt Infektionskrankheiten ausbreiten werden. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.
Niemand wird die zentrale Rolle der Bibel leugnen
Wenn wir Information als gesellschaftliche Verbindung begreifen, verstehen wir mit einem Mal viele Aspekte der menschlichen Gesellschaft, die dem naiven Verständnis von Information als Darstellung der Wirklichkeit Rätsel aufgeben. Yuval Noah Harari erklärt: „Auf diese Weise lässt sich nicht nur der historische Erfolg der Astrologie erklären, sondern auch der von viel wichtigeren Dingen, zum Beispiel der Bibel.“ Astrologie mag man als Kuriosum abtun, doch niemand wird die zentrale Rolle der Bibel leugnen. Wenn die Hauptaufgabe von Information in der korrekten Darstellung der Wirklichkeit bestünde, wäre es schwer zu erklären, wie die Bibel zu einem der einflussreichsten Teste in der Geschichte werden konnte. Denn der Bibel unterlaufen gravierende Fehler bei der Darstellung menschlicher Angelegenheiten und natürlicher Prozesse. Der Historiker, Philosoph und Autor von einigen Weltbestsellern Yuval Noah Harari zählt zu den einflussreichsten Intellektuellen weltweit.
Statuswettbewerbe werden mit sozialen Signalen ausgetragen
Hanno Sauers These ist, dass soziale Klassenhierarchien durch Statuswettbewerbe entstehen, die mit sozialen Signalen ausgetragen werden. Denn die ästhetische, moralische und monetäre Dimension des Klassenbegriffs lassen sich nur im Rahmen einer Theorie sozialer Signale verstehen. Hanno Sauer erklärt: „Soziale Signale müssen, um ihre Funktion erfüllen zu können, fälschungssicher sein. Sogenannte „teure“ oder auch „kostspielige“ Signale sind die zentrale Währung von Statuswettbewerben, mit denen sich Gesellschaften in Klassenhierarchien stratifizieren.“ Aber soziale Signale sind intrinsisch unstabil, und ihre Logik ist dynamisch: Um als Zeichen verlässlich zu bleiben, müssen sich kostspielige Signale permanent wandeln, verkehren sich als Kontersignale in ihr Gegenteil. Sie verstecken sich als vergrabene Signale vor dem Entdeckwerden, um als vor dem Entdeckwerden Versteckte entdeckt zu werden. Hanno Sauer ist Professor für Philosophie an der Universität Utrecht.
Die Oberklasse besitzt ein exorbitant hohes ökonomisches Kapital
Die neue, akademische Mittelklasse mit ihrem singularistischen Lebensstil ist die kulturell dominante Trägergruppe der postindustriellen Spätmoderne. Andreas Reckwitz erklärt: „Sie bildet gewissermaßen das sozialstrukturelle Korrelat zur ökonomischen, technologischen und kulturellen Form der Gesellschaft der Singularitäten.“ Die Sozialstruktur der Spätmoderne erschöpft sich jedoch nicht in der Polarität zwischen diesen neuen Mittel- und der Unterklasse. Um die gesamtgesellschaftlichen Dynamiken und Relationen zwischen den beiden sozialen Großgruppen einzuschätzen, müssen die beiden anderen Klassen zumindest ansatzweise miteinbezogen werden: die Oberklasse sowie die nichtakademische, gewissermaßen „alte“ Mittelklasse. Die Oberklasse – das äußerst schmale ein Prozent der Gesellschaft – lässt sich formal über ein exorbitant hohes ökonomisches Kapital – Einkommen und Vermögen – definieren. Die Soziologie hat ansonsten Schwierigkeiten mit einer Erfassung jenseits einkommens- und vermögensstatistischer Befunde. Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Ohne Aggression lässt sich schlicht nicht streiten
Svenja Flaßpöhler schreibt: „Wer streitet, darf nicht von vornherein an sich beziehungsweise der eigenen Sichtweise zweifeln, nicht etwaige Gegeneinwände immer schon mitbedenken, nicht insgeheim glauben, dass der andere vielleicht doch im Recht sein könnte.“ Vielmehr ist die notwendige Voraussetzung eines Streits eine affektive Unmittelbarkeit, die Zweifel überhaupt nicht aufkommen lässt. Der Affekt ist es, der einen Menschen in die Lage versetzt, die eigene Gewissheit in einem bestimmten Augenblick gegen eine andere entschieden in Stellung zu bringen. Anders gesagt: Was man braucht, um zu streiten, ist die nötige aggressive Energie. Verstanden in dem Sinne, wie die Psychoanalyse sie deutet: Nämlich als eine affektive Kraft, die zunächst einmal weder gut noch schlecht ist, sondern gebraucht wird, um sich zu behaupten. Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.
Die turbulente Weltlage ähnelt einem Science-Fiction-Roman
Rebecca Solnit schreibt: „In der Welt, in der wir leben, geht es so turbulent zu, wie es sich kaum ein Science-Fiction-Roman erdenken konnte. Ich teile mittlerweile Howard Zinns Sichtweise, wonach die Zukunft zwar ungewiss ist, die Vergangenheit aber erkennen lässt, dass ganz normale Leute weltverändernde Kampagnen gestartet haben, von denen viele unvorhersehbar gewesen waren.“ Die zunächst unscheinbar wirkenden Bewegungen, die 1989 die autoritären Regime in Osteuropa stürzten, überraschen sogar die Beteiligten selbst. Niemand sah im vergangenen Jahrtausend voraus, dass indigene Völker auf dem amerikanischen Kontinent Einfluss und Sichtbarkeit zurückgewinnen, ihre Rechte und die Geltung ihrer Weltbilder weitgehend anerkannt würden. Rebecca Solnit ist eine der bedeutendsten Essayistinnen und Aktivistinnen der USA. Sie ist Mitherausgeberin des Magazins „Harper´s“ und schreibt regelmäßig Essays für den „Guardian“.
Gesundheit hat auch etwas mit dem subjektiven Wohlbefinden zu tun
Wie lässt sich Gesundheit definieren? Am bekanntesten ist vermutlich die Formulierung der Weltgesundheitsorganisation (WHO): „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefinden und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ Neben dem sehr weit gefassten, über den körperlichen Aspekt hinausgehenden Verständnis von Gesundheit findet Axel Braig an dieser Formulierung vor allem bemerkenswert, dass sie den eher subjektiven Begriff des Wohlbefindens verwendet. Andererseits hatte Axel Braig Medizin studiert, um sich ein wissenschaftliches Handwerkszeug zu verschaffen, Krankheiten zu erkennen und zu heilen oder zumindest zu lindern. Tatsächlich suchen Patienten in vielen Situationen eine ganz bestimmte Leistung, bei der es darauf ankommt, dass diese den derzeit geltenden Standards entspricht. Axel Braig wandte sich nach Jahren als Orchestermusiker und Allgemeinarzt erst spät noch einem Philosophiestudium zu.
Der Hochmut ist die Top-Sünde des feudalen Mittelalters
Ulla Steuernagel schreibt: „Das lateinische Kunstwort „Saligia“ wurde zum Inbegriff des Lasters und enthielt das gesamte Sündenregister. Saligia stellte den Hochmut an die erste Stelle. Er ist die Top-Sünde des feudalen Zeitalters.“ „Superbia“, dieser lateinische Begriff, fällt humanistischen Gebildeten ein, wenn sie das Wort Hochmut hören. Und wer an extreme, gar globale Auswirkungen menschlichen Hochmuts denkt, dem liegt das griechische Wort „Hybris“ auf der Zunge. Schon eine Zufallsbefragung zeigt, welch unterschiedliche Assoziationen und Meinungen der Begriff Hochmut hervorlockt. Es gibt so viele Synonyme für diese Eigenschaft, und mit den Jahrhunderten kamen immer mehr dazu: Stolz, Selbstgerechtigkeit, Arroganz, Hoffart, Dünkel, Eitelkeit, Größenwahn, Intoleranz, Narzissmus, aber auch die kollektiven Formen wie Rassismus, Kolonialismus, Patriarchat, Sexismus, Klassizismus. Ulla Steuernagel studierte Empirische Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte und Pädagogik.
Für ein erfülltes Leben sind unsere Talente wertvoll
Andreas Salcher schreibt: „Unbestritten ist das Recht jedes Kindes, seine Talente in der Schule maximal gefördert zu wissen. Der wichtigste Grund, warum wir uns ehrlich mit den Talenten unserer Kinder auseinandersetzten sollten, ist das persönliche Glück.“ Andreas Salchers wissenschaftlicher Mentor, der leider bereits verstorbene Glücksforscher Mihály Csíkszentimihályi, hat in vielen Studien bewiesen: Für ein erfülltes Leben brauchen wir das Gefühl, dass unsere Talente wertvoll sind und anerkannt werden. Voraussetzung dafür ist, Begabungen richtig und rechtzeitig zu identifizieren. Gute Schulen und Lehrer unterstützen Kinder dabei, herauszufinden, worin sie wirklich gut sind. Die Kluft zwischen den Möglichkeiten, wie wir heute die Begabungen unserer Kinder erkennen und fördern könnten, und wie einige Schulen tatsächlich damit umgehen, ist riesig. Dr. Andreas Salcher kämpft seit vielen Jahren für bessere Schulen und individuelle Talentförderung. Der Bestsellerautor gilt mit über 250.00 verkauften Büchern als einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren Österreichs.