Der „Allerwelts-Choleriker“, der spontan, unbeherrscht und jähzornig seine jeweils aktuelle Befindlichkeit auslebt, muss nicht zwingend schon die definierten Grenzen einer Persönlichkeitsstörung überschreiten. Heidi Kastner erklärt: „Findet er im Privaten eine ausreichende Zahl gelassener Kommunikationspartner, die sich von den vulkanartigen Ausbrüchen nicht beirren lassen, ungerührt deren Ende abwarten und dann – „so ist er eben, aber er hat auch gute Seiten“ – wieder zu Tagesordnung übergehen.“ Und zeigt er im Berufsleben mehr Fähigkeit zur Selbstkontrolle und findet einen Chef, der wegen seiner positiven Eigenschaften die vereinzelten Gewitter toleriert, so muss eine cholerische Disposition nicht unbedingt zu dauernden Konflikten und Leidenszuständen führen. Eine besondere Herausforderung stellen cholerische Chefs dar: Nicht jedem ist es gegeben, derartige Eruptionen ungerührt vorbeiziehen zu lassen, obwohl das wohl das probateste Mittel wäre, damit umzugehen. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der Forensischen Abteilung der Landesnervenklinik in Linz.
Weise pflegen eine vorbildliche Beziehung zu ihren Mitmenschen
Otfried Höffe entwickelt in seinem neuen Buch „Die Kunst der Weisheit“ eine kleine Philosophie der Lebensklugheit. Bei der Weisheit handelt es sich um eine Höchstform des Wissens und des Könnens. Weise nennen wir Vorbilder für unser Leben oder Vorzeigepersonen sowie manchmal auf Fachleute. Nach dem stoischen Ideal ist weise, wer die Unbilden des Lebens mit Gelassenheit, sogar in Heiterkeit, wer sie mit „stoischem Gleichmut“ zu ertragen vermag. Diese Fähigkeit, selbst in den schlimmsten Widrigkeiten des Lebens seine Eigenständigkeit und Freiheit zu bewahren, wird ohne Frage auch heute noch als vorbildlich angesehen. Es braucht jedoch noch andere Vorzüge, um als Weiser zu gelten, insbesondere eine vorbildliche Beziehung zu den Mitmenschen. Otfried Höffe ist Professor em. für Philosophie an der Universität Tübingen und Leiter der dortige Forschungsstelle Politische Philosophie.
Anna Katharina Schaffner betrachtet Erschöpfung als zeitloses Phänomen
Erschöpfung ist ein allgegenwärtiges und zeitloses Phänomen. Anna Katherina Schaffner nennt Beispiele: „Es steht im Zentrum einer ganzen Palette von vergangenen und gegenwärtigen Müdigkeitssyndromen, zu denen neben Burnout auch Melancholie, Trägheit – Acedia –, Neurasthenie und Depression zählen.“ Zu allen Zeiten haben Schreibende und Denkende ihre Erschöpfung beklagt und mit einer gewissen Wehmut auf vergangene Zeiten zurückgeblickt, die sie als weniger anstrengend empfanden. Reflexionen zur Begrenztheit unserer Kraft sowie über mögliche innere wie äußere Gründe für das Schwinden können bis in alte China zurückverfolgt werden. Der Kritiker Frank Kermode schreibt: „Unsere eigene Krise kommt uns herausragend vor, wir finden sie besorgniserregender und interessanter als andere Krisen. […] Es ist allgemein üblich, die jeweilige historische Situation als besonders dramatisch und außergewöhnlich anzusehen, als einen Wendepunkt im Lauf der Zeiten.“ Anna Katherina Schaffner ist Kulturhistorikerin und zertifizierter Burnout-Coach.
Kein Land muss unter einer Autokratie leben
Anne Applebaum betont: „Autokratie ist ein politisches System, eine Methode, die Struktur der Gesellschaft zu gestalten, eine Form der Machtorganisation. Sie ist nicht erblich und wird nicht automatisch von einer bestimmten Kultur, Sprache oder Religion hervorgebracht. Kein Land ist dazu verdammt, für immer unter einem autokratischen System zu leben, genau wie in keinem Land die Demokratie für immer gesichert ist. Politische System verändern sich.“ Als Glasnost Ende der 1980er-Jahre eine öffentliche Debatte in Russland ermöglichte, waren viele Russen überzeugt, ihr Land könne sich verändern, ja, es stehe vor einem positiven historischen Umbruch, vielleicht sogar an der Schwelle zu einer freiheitlichen Demokratie. Die sowjetische Regierungszeitung „Iswestija“ verkündete: „Die lange niedergehaltenen Ideen von Demokratie und Freiheit gewinnen wieder an Dynamik.“ Die Historikerin und Journalistin Anne Elizabeth Applebaum zählt zu den profiliertesten Kritikerinnen autoritärer Herrschaftssysteme und russisches Expansionspolitik.
Innovationen öffnen scheinbar alle erdenkliche Türen
Moderne Gesellschaften sind besessen von Innovationen. Ende 2019 zeigte Google 3,21 Milliarden Treffer für die Suchanfrage „Innovation“ an, deutlich mehr als für „Terrorismus“ (481 Millionen), „Wirtschaftswachstum“ (rund eine Milliarde) oder „Globale Erwärmung“ (385 Millionen). Vaclav Smil schreibt: „Wir sollen glauben, dass Innovationen alle erdenklichen Türen öffnen: zu einer durchschnittlichen Lebenserwartung weit jenseits der 100 Jahre, zur Verschmelzung von menschlichem Bewusstsein mit künstlicher Intelligenz, zur kostenfreien Nutzung von Sonnenenergie.“ Ein so unkritischer Kniefall vor dem Altar der Innovation ist in zweierlei Hinsicht fehlgeleitet: Er ignoriert die Geschichte großartiger Projekte, die gescheitert sind, nachdem gigantische Summen in die Forschung investiert worden waren. Und er liefert keine Antwort auf die Frage, warum wir so oft an einer nicht optimalen Praxis festhalten, selbst wenn wir wissen, dass eine bessere Alternative existiert. Vaclav Smil ist Professor für Umweltwissenschaften an der University of Manitoba.
Moderne Hellseher setzen subtile psychologische Manipulationen ein
Kit Yates weiß: „Die subtilen psychologischen Manipulationen, die moderne Hellseher und Wahrsagerinnen benutzen, um ihre Opfer zu umgarnen, sind dieselben Tricks, die Orakeldeuter und Seher überall auf der Welt schon früher benutzt haben.“ Als der lydische König Krösus das Orakel von Delphi befragte, ob er sich gegen die wachsende Macht des Persischen Reichs in seinem Geburtsland Anatolien zur Wehr setzen solle, erhielt er die Antwort: „Wenn du den Fluss überquerst, wirst du ein großes Reich zerstören.“ Da er die Prophezeiung als gutes Omen ansah, begann er 547 v. Chr. einen Feldzug gegen die Perser, und ein großes Reich wurde zerstört – sein eigenes. Kit Yates lehrt an der Fakultät für mathematische Wissenschaften und is Co-Direktor des Zentrums für mathematische Biologie der University of Bath.
Wie die Liebe ist die Wahrheit ein Versprechen
Rob Wijnberg schreibt: „Was Liebe für den Menschen ist, ist Wahrheit für die Menschheit. Wie die Liebe beschreibt die Wahrheit eine magnetische Kraft – eine Kraft, die uns anzieht und zusammenbringen kann; die Unterschiede überbrücken, Meinungen ändern und für ein tief empfundenes Verbundenheits- und Gemeinschaftsgefühl sorgen kann.“ Wie die Liebe ist auch die Wahrheit ein Rätsel – eine mysteriöse Vision, der wir nachjagen und nach der wir streben, in der Hoffnung, dass unsere Sehnsucht in ihr Erfüllung finde: eine Sehnsucht, die uns zu poetischen Worten und größten Taten inspiriert, die uns zu Mitgefühl und Veränderung bewegen kann. Und wie die Liebe ist auch die Wahrheit ein Versprechen – das Versprechen, dass sie unserem Dasein, haben wir sie einmal gefunden, Sinn und Richtung geben wird: dass sie Klarheit im Chaos schaffen und ihr Licht in der Dunkelheit leuchten lassen wird. Rob Wijnberg ist ein niederländischer Journalist sowie Autor philosophischer und medienkritischer Bücher.
Nach der Machtübernahme der NSDAP herrschte öffentliche Apathie
In seiner „Geschichte eines Deutschen“ beschrieb der Historiker Sebastian Haffner 1939 die öffentliche Apathie in den Wochen und Monaten der NSDAP-Machtübernahme. Arne Semsrott weiß: „Die Nazis waren sechs Jahre zuvor, am 30. Januar 1933 an die Macht gekommen – nicht durch eine Putsch oder eine Alleinregierung, sondern als Teil einer rechten Regierungskoalition.“ Adolf Hitler wurde zum Reichskanzler ernannt, zwei weitere Personen im Reichskabinett gehörten wie er der NSDAP an. Die weiteren elf Kabinettsmitglieder waren Teil der nationalkonservativen DNVP oder anderer nationalistischer und konservativer Strömungen. Sebastian Haffner fängt in seinem Tagebuch die zu dieser Zeit vorherrschende Stimmung innerhalb der Bevölkerung ein. Er schreibt, insgesamt habe man den Eindruck gehabt, die bürgerliche Rechte hätte die Nazis durch die Regierungsbeteiligung „eingefangen“. Arne Semsrott ist Politikwissenschaftler und Aktivist.
Ludwig Wittgenstein hat die Sprache verstanden
Ludwig Wittgenstein hat durch seine Spätphilosophie in den „Philosophischen Untersuchungen“ sehr zum Verständnis der Sprache beigetragen. Er zerstörte die Illusion, dass sich die Sprache so weit perfektionieren lasse, dass sie die Welt vollkommen „wahrhaft“ abbilde. Axel Braig erläutert: „Gleichzeitig kritisierte er die Fixierung vieler Philosophen auf die Aspekte Logik und Wahrheit bei der Beurteilung von Sprache.“ Diese hatte er auch selbst noch in seinem Erstlingswerk „Tractatus logico-philosophicus“ vertreten. So ist es durchaus als Selbstkritik zu verstehen, wen Ludwig Wittgenstein in seinem Spätwerk schreibt: „Es ist interessant, die Mannigfaltigkeit der Werkzeuge der Sprache und ihrer Verwendungsweisen, die Mannigfaltigkeit der Wort- und Satzarten, mit dem zu vergleichen, was Logiker über den Bau der Sprache gesagt haben.“ Axel Braig wandte sich nach Jahren als Orchestermusiker und Allgemeinarzt erst spät noch einem Philosophiestudium zu.
Heidi Kastner kennt den Ursprung des Begriffs der Feigheit
Das deutsche Wort „feige“ stammt aus dem achten Jahrhundert und bedeutet ursprünglich „dem Tod geweiht“. In den nordischen Sprachen wurde es zum Synonym für „verrückt“, im Mittelhochdeutschen bekam es die Bedeutung von „vor dem Tode oder der Gefahr zurückstreckend“, „ängstlich“, „gottlos“ und auch „verhasst“, war aber noch unscharf definiert. Heidi Kastner ergänzt: „Feigheit oder auch Memmenhaftigkeit – abgeleitet von „mamma“, dem lateinischen Wort für Mutterbrust – als ein Wesenszug furchtsamer, verweichlichter Menschen, die eben zu lange an der Mutterbrust gehangen und nie gelernt hatten, für sich oder für andere einzustehen, wurden immer negativ bewertet und mit mangelndem Ehr- und Schamgefühl verbunden.“ Heidi Kastner ist Psychiaterin und Primärärztin für forensische Psychiatrie und leitet am Neuromed Campus des Kepler Universitätsklinikums die Abteilung für Forensische Psychiatrie.
Die Computer-Logik besitzt eine eigene Realität
Die Computer-Logik stellt sich eine personalisierte Realität ganz nach ihrem Geschmack zusammen. Sobald sie eine „Atmosphäre der Echtheit“ identifiziert hat, taggt sie deren Inhalt mit „wahr“. Rebekka Reinhard kritisiert: „Die verblödete Vernunft setzt zwischen subjektiver Empfindung und objektiver Erkenntnis ein Gleichheitszeichen. Komplizierte Beschreibungen der Realität kann sie nicht aushalten. Wo ihr die Wirklichkeit zu undurchsichtig … Weiterlesen
Zukunftsangst ist zu einem bedeutenden Phänomen geworden
Die Geschichte gleicht einer Fieberkurve: Zeiten der Euphorie wechseln mit Phasen tiefer Krisen. Inmitten allgemeiner Nervosität, hervorgerufen durch Angst, Apathie und sich zuspitzender Konflikte, zeigt das Buch „Ökonomie der Angst“ von Oliver Rathkolb, wie wichtig es ist, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Lektionen der Vergangenheit ernst zu nehmen, bevor sie sich wiederholen. Als sich Oliver Rathkolb mit den ersten Plänen für dieses Buch trug, dachte er noch, dass wir im Vergleich zur Zeit vor 1914 in einer vernünftigen und politisch kontrollierbaren neue Welt leben. Doch die Zeiten haben sich zum Schlechten hin gewendet. Es kam sogar noch schlimmer, als von Pessimisten prognostiziert. Russland hat sich zum Beispiel endgültig in eine brutale, aggressive Diktatur verwandelt. Oliver Rathkolb war langjähriger Vorstand und Professor des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien.
Im Arche Literaturkalender 2026 geht es um das Thema „Herz und Verstand“
Der Arche Literaturkalender ist ein Klassiker. Auch 2026 ist er der unverzichtbare Begleiter durch das literarische Jahr. Herausgeberin Angela Volknant versammelt unter dem Thema „Herz und Verstand“ bekannte Autorinnen und Autoren aus aller Welt, aber auch solche, die es noch zu entdecken gilt. Zu den weltberühmten Autoren zählt ohne Zweifel James Joyce. „Sein Herz tanzte auf ihren Bewegungen wie ein Korken auf einer Welle. Er hörte, was ihre Augen unter dem Schal zu ihm sagten, und wusste, dass er in irgendeiner dunklen Vergangenheit, sei es im Leben oder in der Träumerei, ihre Geschichte schon einmal gehört hatte.“ Schon der Debütroman „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ von James Joyce lässt erahnen, dass hier ein Schriftsteller großen Formats die Bühne betritt.
Nach und nach wird die Bedeutung des Gehirns erkannt
Es gibt wichtige Meilensteine auf dem Weg zu einem wissenschaftlichen Konsensus über die Bedeutung des Gehirns. So beispielsweise in den Arbeiten des englischen Anatomen William Harvey, der als erster den Blutkreislauf dokumentierte. Vor dieser Erkenntnis herrschte der Glaube, dass der Körper das Blut ständig verbraucht. Daher muss ständig neues Blut produziert werden. Jakob Pietschnig fügt hinzu: „Nun ließ sich feststellen, dass ein und dasselbe Blut ständig durch den Körper zirkuliert und von dem Herzen als Pumpe in Bewegung gehalten wird.“ Diese neue Vorstellung vom Körper hatte Auswirkungen darauf, wie man sich die Funktionsweise des Gehirns zusammenreimte. Insbesondere der französische Philosoph und Naturwissenschaftler René Descartes (1596 – 1650) war von dieser Erkenntnis beeindruckt. Jakob Pietschnig lehrt Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Wien.
Jürgen Habermas kritisiert die Kurzsichtigkeit der europäischen Politik
Die Sonderausgabe der Philosophiemagazins „Impulse für 2026“ enthält wie jedes Jahr ausgesuchte Essays und Gespräche zu den großen Fragen unserer Zeit. Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas warnt in seinem Beitrag vor einer Rhetorik der Verfeindung und tritt für die Freundschaft mit unseren Nachbarn ein. Gleichzeitig kritisiert er die Kurzsichtigkeit der europäische Politik. Es ist für Jürgen Habermas schwer zu verstehen, warum die führenden Politiker Europas, insbesondere der Bundesrepublik, nicht vorausgesehen haben ober mindestens: warum sie sich blind gestellt haben gegenüber einer in den USA schon seit Längeren angebahnten Erschütterung des demokratischen Systems. Ebenso irritierend war die öffentliche Unempfindlichkeit für den Ausbruch militärischer Gewalt in Europa. Verschwunden schien jedes Gefühl für die abschreckende Gewalt von Kriegen und für die Tatsache, dass Kriege leicht entstehen, aber schwer zu beenden sind.
Viele Menschen sind in den letzten Jahren mitfühlender geworden
Was war zuerst da: die Sensibilität oder die Begriffserweiterung? Philipp Hübl erklärt: „Vermutlich bedingen sich die Faktoren gegenseitig. Eine erhöhte Sensibilität führt dazu, dass wir aufmerksamer werden, die Begriffe erweitern, mehr Fälle entdecken und daher auch mehr darüber sprechen.“ Umgekehrt führen die erhöhte Frequenz und die Erweiterung moralischer Begriffe dazu, dass wir uns mehr mit den Themen beschäftigen, die Aufmerksamkeit stärker auf Grenzfälle lenken und uns so für mehr Fälle sensibilisieren. Bisher ist noch nicht abschließend geklärt, warum seit etwa zehn Jahren Begriffserweiterung und Begriffsfrequenz so stark zugenommen haben. In der Forschung werden verschiedene Faktoren diskutiert. Erstens könnte es sein, dass Menschen in den letzten Jahren sowohl mitfühlender als auch emotional fragiler geworden sind. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).
Das Smartphone veränderte jedes Leben
Jonathan Haidt stellt fest: „Das Smartphone, das 2007 auf den Markt kam, veränderte unser aller Leben. Wie zuvor Radio und Fernsehen eroberte es die Nation und die Welt im Sturm.“ Die Internet-Ära kam in zwei Wellen. In den 1990er-Jahren stieg sowohl die Zahl der PCs als auch die Zahl der Internetanschlüsse – damals noch mit Modem – stark an; ab 2001 waren die meisten Haushalte damit ausgestattet. Im Lauf des folgenden Jahrzehnt verschlechterte sich die psychische Gesundheit von Teenagern nicht. Teenager der Millennium-Generation, in diese ersten Welle spielend aufwuchsen, waren im Schnitt etwas glücklicher, als es Teenager der Generation X gewesen waren. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.
Für Aldo Sohn bedeutet Wein Lebensfreude
Aldo Sohm und Christine Muhlke erklären in dem Buch „Einfach Wein“ unter anderem wie man Wein schmeckt – Tipp: Es fängt nicht mit der Zunge an –, einkauft, bestellt, serviert und lagert. Aldo Sohm hat Wein auf vielen Ebenen zu seinen Lebensinhalt gemacht: „Fünf Tage pro Woche, mittags und abends, beobachte ich, wie Menschen ihm begegnen und ihn erleben – als Genießer oder Abenteurer, als Statustrinker oder Kenner.“ Für Aldo Sohm persönlich bedeutet Wein Lebensfreude. Seine besondere Gabe ist, Menschen zusammenzubringen. Er regt Unterhaltung an wie nichts sonst. Er setzt Dinge in Gang und bezieht alles mit ein, ob man nun mit Freunden eine Flasche Champagner öffnet oder für sich alleine ein Glas an der Bar trinkt. Der Österreicher Aldo Sohm ist einer der renommiertesten Sommeliers der Welt, eine Legende seiner Branche. Christine Muhlke ist Redakteurin des Feinschmecker-Magazins „Bon Appétit“.
Die meisten Menschen denken in begrenzten Zeitdimensionen
Die meisten Menschen lokalisieren sich in größeren Zeit- und Raumdimensionen. Dabei denken sich nicht über das Leben jenseits ihrer vier Wände nach, geschweige denn jenseits der Landesgrenzen – und meist auch nicht darüber, ob gerade ein autoritäres Regime aufzieht wie Wetterleuchten am Horizont. Ulrike Guérot schreibt: „Dass die meisten Landesgrenzen früher anders gezogen waren, dass man vor wenigen Jahrzehnten nicht in einer Demokratie gelebt hat, dass es Könige gab und gibt, Freiheit und Friede keine Selbstverständlichkeiten sind, dass das Geld vor 35 Jahren noch nicht Euro hieß und das Internet, so wie wir es heute kennen, erst rund fünfundzwanzig Jahre alt ist: Das alles überdenken die meisten nicht täglich auf ihrem Weg von zuhause ins Büro.“ Ulrike Guérot ist Politikwissenschaftlerin und Publizistin.
In Deutschland herrscht ein geringes Vertrauen in die Meinungsfreiheit
Richard David Precht beantwortet in seinem neuen Buch „Angstzustand“ unter anderem die Frage, wie es sein kann, dass die Meinungsfreiheit in liberalen Gesellschaften, wie jener in Deutschland, schwindet. Im Jahr 2019 waren nur noch 45 Prozent, weniger als die Hälft der deutschen Bevölkerung, der Ansicht, ihre Meinung frei äußern zu können. Diese Zahl sank zuletzt weiter: im Jahr 2023 auf gerade einmal 40 Prozent. Ein derart geringes Vertrauen in die Meinungsfreiheit ist ein alarmierender Wert für eine liberale Demokratie. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass es so selten öffentlich als Problem herausgestellt wird. Völlig grundlos kann dieser Vertrauensverlust auf keinen Fall sein. Die Dynamik dieser Entwicklung kommt aus den liberalen Gesellschaften selbst. Das ist das Bestürzende. Richard David Precht ist Philosoph, Publizist und Autor. Er zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
Rache ist die letzte Zuflucht der Hilflosen
Reinhard Haller schreibt: „Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass Rache zumindest im Augenblick guttut. Allerdings kommen rasch Zweifel auf, ob dieses als positiv erlebte Gefühl der Genugtuung von Dauer ist, ob die eigene Welt durch die Rache tatsächlich wieder kontrollierbarer ist und ob das Selbstwertgefühl anhaltend gestärkt werden konnte.“ Für Rachegedanken muss man sich immer gleichsam auch vor den eigenen Gefühlen rechtfertigen, das sie ja immer destruktive Gefühle beinhalten, auf die Schädigung eines Mitmenschen abzielen und möglicherweise auch bezüglich des eigenen Gerechtigkeitsgefühls zweifelhaft bleiben. Der innere Kampf um all jenes, was den moralischen Ansprüchen genügt und über die reine Befriedigung aggressiver Begierden hinausgeht, zeigt die ganze Ambivalenz unseres Umgangs mit der Rache. Prof. Dr. med. Reinhard Haller war als Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe über viele Jahre Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik. Heute führt er eine fachärztliche Praxis in Feldkirch (Österreich).
Im Jahr 2017 hatte die Hälfte der Menschheit einen Online-Zugang
Im Jahr 1993 wurde das World Wide Web (WWW) öffentlich zugänglich gemacht. Andrea Römmele stellt fest: „In den darauffolgenden Jahren stieg die Zahl der Nutzer global rasant an – 2005 nutzten bereits eine Milliarde Menschen weltweit das Internet. 2017 hatte die Hälfte der Menschheit einen Online-Zugang.“ Allerdings unterschieden sich die jeweiligen Weltregionen bis heute stark, wenn es um die Anzahl von Menschen mit und ohne Internetzugang geht. Noch 2022 hatten laut Statistischem Bundesamt immer noch 34 Prozent der Weltbevölkerung keinen Zugang zum Internet, was rund 2,7 Milliarden Menschen entspricht. Schaut man sich die Verteilung nach unterschiedlichen Ländern an, so werden große Unterschiede sichtbar. Andrea Römmele ist Professorin für Politische Kommunikation und Vizepräsidentin an der Hertie School in Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Demokratie, Wahlen und politische Parteien.
Die Grausamkeit ist ein gängiges Thema in der Literatur
Für die subjektive Dimension der Diskursgeschichte der Grausamkeit stellt Robert Musils Kurzroman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ ein besonders anschauliches Exemplar dar. Die Annäherung an dieses frühe Meisterwerk erfolgt jedoch auf einem Umweg, bei dem einige Autoren vor Musil zur Sprache kommen. Ausgegangen wird von Stendhals Roman „Rot und Schwarz“, der während der Restaurationsperiode zwischen 1815 und 1830 spielt. Wolfgang Müller-Funk erklärt: „Der Held der Geschichte, der gesellschaftliche Emporkömmling Julien, streitet sich in einer Szene in einem Salon mit dem italienischen Grafen Altamira über den französischen Revolutionär Danton, aber eigentlich dreht sich das Gespräch um Selbstbehauptung, Stolz des männlichen Geschlechts, sozialen Status und nicht zuletzt auch um Grausamkeit.“ Wolfgang Müller-Funk war Professor für Kulturwissenschaften in Wien und Birmingham und u.a. Fellow an der New School for Social Research in New York und am IWM in Wien.
Täglich sterben Hunderte von Organismen aus
Was mit der Vielfalt des Lebens auf diesem Planeten passiert und wie rapide sich dieser Zusammenbruch vollzieht, ist fürchterlich. Philipp Blom ergänzt: „Nicht nur, dass täglich Hunderte von Organismen aussterben, noch bevor sie jemals von Menschen identifiziert wurden. Die rapide Veränderung und Verschlechterung von Lebensräumen führt dazu, dass Schlüsselarten verschwinden, auf denen ganze Ökosysteme aufbauen.“ In manchen Gegenden Europas sind jetzt schon durch Pestizide und Monokulturen achtzig Prozent der Insekten verschwunden. Die Verödung ganzer Landschaften oder Meeresregionen lässt sich in vielen Fällen gar nicht mehr oder nur sehr langsam wieder rückgängig machen. Mikroplastik hat inzwischen nicht nur den tiefsten Grund der Ozeane erreicht, sondern ist auch in menschlichen Hirnen und in Muttermilch gefunden worden. Jede Minute verschwinden dreißig Fußballfelder Regenwald und eine Million Tonnen arktisches Eis. Philipp Blom studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford. Er lebt als Schriftsteller und Historiker in Wien.
Die Unausweichlichkeit erweist sich meistens als falsche Prophezeiung
Die Ausrufung von Unausweichlichkeit ist meistens eine falsche Prophezeiung. Rebecca Solnit schreibt: „Hoffnung ist in diesem Sinn schlicht die Erkenntnis, dass die Ungewissheit eventuell Raum dafür lässt, sich zu den besten Möglichkeiten hin- und von den schlechtesten wegzubewegen, dass die Zukunft, anders, als ihr oft angedichtet wird, eben kein bereits existierender Ort ist, zu dem wir uns hinschleppen, sondern einer, den wir mit unseren Handlungen – oder auch unserem Nichtstun – in der Gegenwart erst erschaffen.“ Genauer gesagt besteht Hoffnung aus dieser Erkenntnis sowie der Bereitschaft, auf die besseren Möglichkeiten innerhalb des Spielraum des Ungewissen, des noch nicht Geschaffenen hinzuarbeiten. Rebecca Solnit ist eine der bedeutendsten Essayistinnen und Aktivistinnen der USA. Sie ist Mitherausgeberin des Magazins „Harper´s“ und schreibt regelmäßig Essays für den „Guardian“.