Hugo Chávez trat sein Amt als Präsident Venezuelas 1998 an, nachdem er im Wahlkampf lautstark einen tiefgreifenden Wandel gefordert hatte. Anne Applebaum stellt fest: „Vierzig Jahre zuvor war die Republik Venezuela, damals der reichste Staat in Südamerika, mit dem Ende der Militärdiktatur zu einer der stärksten Demokratien geworden. Doch wie in so vielen Ölstaaten waren die traditionellen Formen von Korruption und Vetternwirtschaft weit verbreitet.“ Politiker wurden geschmiert im vergaben im Gegenzug Aufträge an ihre Freunde. Als die Ölpreise in den 1990er-Jahren fielen, wuchs der Unmut über dieses Arrangement. Hugo Chávez, der als Oberstleutnant der venezolanischen Armee 1992 einen gescheiterten Putschversuch angeführt hatte, erkannte die Wut der Bürger und nutzte sich für sich. Die Historikerin und Journalistin Anne Elizabeth Applebaum zählt zu den profiliertesten Kritikerinnen autoritärer Herrschaftssysteme und russisches Expansionspolitik.
Die Autokratien haben sich auf Streit und Kampf vorbereitet
Auf eine friedliche Weltordnung zumeist die Demokratien gesetzt, während die Autokratien sich auf das Wiederaufflammen von Streit und Kampf vorbereitet haben. Herfried Münkler ergänzt: „Die Beharrlichkeit der mit einer bestimmten geopolitischen Ordnungsvorstellung verbunden mit politischer Gegnerschaft durch ökonomische Konkurrenz zeigt sich bis heute in der Aversion vieler gegen den Begriff der Feindschaft.“ Sie verweigern sich grundsätzlich einem politischen Denken in den Kategorien von Feindschaft, selbst da, wo man es tagtäglich mit feindseligen Handlungen und Drohungen eines autokratischen Machthabers zu tun hat, und bestehen darauf, dass der Begriff dafür verantwortlich sei, wenn das von ihm so Begriffene zur Realität werde. Herfried Münkler ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Viele seiner Bücher gelten als Standardwerke, etwa „Imperien“ oder „Die Deutschen und ihre Mythen“.
Eine komplette Fixierung auf das Falsche führt letztlich zu Ängsten
Erfolgreich kämpft man nur für etwas, nicht gegen etwas. Ulrich Grober ergänzt: „Natürlich ist die Ablehnung, die Kritik an den herrschenden Missstände und der Kampf dagegen wichtig, genauso wie der Wille, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Aber eine nur-kritische Haltung zur Welt lässt sich diese auf Dauer nicht gefallen. Das macht krank.“ Eine komplette Fixierung auf das Falsche, auf ein „dagegen“ ist kontraproduktiv, schürt letztlich Ängste und Resignation. Kritik bedeutet ursprünglich das unterscheiden können von „richtig“ und „falsch“. Erst eine Vision vom Richtigen, für das es sich zu kämpfen lohnt, setzt die notwendigen positiven Energien frei. Das schlichte, etwas angestaubte Wort „Sache“ benennt diesen Zusammenhang. Es ist das, was man zu tun und zu vollbringen hat. Den Publizisten und Buchautor Ulrich Grober beschäftigt die Verknüpfung von kulturellem Erbe und Zukunftsvisionen.
Der Name Baruch de Spinoza durfte nur mit Bannflüchen genannt werden
Philipp Blom schreibt: „Innerhalb einer Bandbreite von Perspektiven wurden vier Autoren im Laufe des 17. Jahrhunderts weiterhin gelesen, häufig wieder aufgelegt und in mehrere Sprachen übersetzt. Zwei von ihnen aber – Michel de Montaigne und Bernardino Telesio – wurden irgendwann als Literatur oder wissenschaftliche Eigenbrötelei eher von Liebhabern und Historikern konsultiert.“ Die beiden anderen aber rückten ins Zentrum der Debatte, beeinflussten Generationen von Wissenschaftlern und Philosophen und wurden dementsprechend als intellektuelle Gründerväter eines neuen Zeitaltern gefeiert, in den Kanon der wichtigsten Werke aufgenommen, von Historikern hervorgehoben und an Schulen und Universitäten gelehrt. Bis ins 19. Jahrhundert hindurch hatte dieser Kanon eine Leerstelle, eine klaffende Lücke in der Geschichte des Denkens, einen Namen aus der nachfolgenden Generation, der nicht oder nur mit Bannflüchen genannt werden durfte: Baruch de Spinoza (1632 – 1677). Philipp Blom studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford. Er lebt als Schriftsteller und Historiker in Wien.
In Diskussionen jedweder Art geht es um Meinungen
Die Gegenstände des Wissens haben nichts an sich, dass nur auf einen Menschen und sein Denken verwiese. Peter Trawny erläutert: „Selbst wenn ich etwas weiß, was noch niemand weiß, ist es doch möglich, dass es alle wissen können. Daher hat die Wissenschaft das fragwürdige Pathos, stets unpersönliche Resultate hervorbringen zu wollen; als wären die Wissenschaftler lediglich spezialisierte Maschinen.“ Der Nobelpreis für Physik und Chemie spricht eine andere Sprache, weil er doch bestimmte Individuen ehrt. Dennoch bleibt richtig, dass die Leistung eines Nobelpreisträgers in der Biologie keine Meinung darstellt, sondern ein Wissen, das prinzipiell jedem Menschen zugänglich ist. Nun geht es in Diskussionen jedweder Art jedoch um Meinungen, die geäußert werden, um zu überzeugen. Peter Trawny gründete 2012 das Martin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.
Der Begriff der Geopolitik wird zunehmend populärer
Harold James stellt fest: „Die damals entwickelten Ideen – wie Technokratie, Geopolitik, Multilateralismus, Globalismus, Neoliberalismus – sollten die obsolet gewordenen Konzepte des vergangenen Jahrhunderts ablösen. Sie prägten den Rest des Jahrhunderts, auch wenn nach 1945 und dem Sieg über den europäischen Faschismus wieder Normalität und Ordnung einzukehren schienen.“ Gegen Ende des 20. Jahrhunderts war ein weiteres Buzzword aus der Taufe gehoben: Globalisierung. Es schien eine andere Beschreibung des entrückten Molochs zu sein, der die individuellen Entscheidungen veränderte und nationalpolitische Programme sowohl schwieriger als auch komplexer werden ließ. Das Konzept des Multilateralismus war ein Gegenentwurf zur Hegemonie und dem zunehmend populären Begriff der Geopolitik, der globale Politik auf Interaktionen basierend auf physische Geografie reduzierte. Harold James hat eine Lehrstuhl für Geschichte an der Princeton University inne und ist Professor für Internationale Politik an der dortigen School of Public and International Affairs.
Gesellschaftliche Bedingungen bringen das Triebleben erst hervor
Svenja Flasspöhler scheibt: „Würde Sigmund Freud also in den Genuss heutiger TV-Sendungen kommen, wäre seine Diagnose recht klar: Das Spektakel der Talkshow verdankt sich einer fundamentalen Trieb-Unwucht mit strukturell starker Thanatos-Tendenz.“ Ähnlich fiele seine Analyse digitaler Phänomene aus: Psychoanalytisch gesehen sind Shitstorms nicht anderes als das Resultat einer gelungenen Interaktion zwischen Lustmördern und deren Followern. Allerdings wäre Freud nicht Freud, würde er den Trieb einfach zur Privatsache erklären. Auch ist der Trieb nicht naturgegeben. Gesellschaftliche Bedingungen, Verbote und Imperative bringen das Triebleben in seiner konkreten Form erst hervor; öffentliche Räume und mediale Mechanismen lassen das Pendel in die eine – Eros – oder die anderen – Thanatos – Richtung ausschlagen. Elon Musks Spielwiese freier Rede etwas lebt eindeutig vom Vernichtungswunsch, der Klicks generiert, und gibt der Tötungslust ganz gezielten Raum. Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.
Verlusterfahrungen sind ein Grundproblem der Moderne
Das Besondere an den modernen, westlichen Gesellschaften ist das Verhältnis, in dem sie zu ihren Verlusten steht. Andreas Reckwitz formuliert das zugespitzt: „Die Moderne hat ein tiefsitzendes Problem mit Verlusterfahrungen. Verlust ein Grundproblem der Moderne.“ Was heißt das? Warum ist das so? Und was folgt daraus? Die Grundthese von Andreas Reckwitz lautet, dass die Modere ein fundamentales Problem mit Verlusterfahrungen haben muss, und zwar deswegen, weil diese dem für die Moderne konstituierten Fortschrittsglauben widersprechen. Die Moderne ist ein grundlegender Widerspruch zwischen Fortschritt und Verlust, zwischen dem Glauben an den Fortschritt und der Realität von Verlusterfahrungen eingebaut. Dieser Widerspruch lässt den Status von Verlusten prekär werden. Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Rund eine Million Juden wurden in Ausschwitz ermordet
Timothy Snyder weiß: „Edith Stein hatte nur ein einziges Mal eine Job an einer Universität, und auch nur für ein Jahr. Sie verlor ihn, als Adolf Hitler an die Macht kam.“ Im April 1933 schrieb sie eine Brief an den Papst, in dem sie in einer Sprache, die er verstehen würde, die Lage der deutschen Juden zu erklären versuchte: „Seit Wochen sehen wir in Deutschland Taten, die jeder Gerechtigkeit und Menschlichkeit – von Nächstenliebe gar nicht zu reden – Hohn sprechen.“ Das Schweigen der Kirche zur Judenverfolgung nannte sie einen „schwarzen Flecken“ in deren Geschichte. Adolf Hitlers Sicht des menschlichen Körpers stand in völligem Gegensatz zu Edith Steins Auffassung. Timothy Snyder ist Professor für Geschichte an der Yale University und Permanent Follow am Institut für die Wissenschaft vom Menschen in Wien.
Kurskorrekturen können einen weiteren Absturz Deutschlands verhindern
Daniel Stelter beschreibt in seinem neuen Buch „Absturz“ den Niedergang der Ökonomie in Deutschland. Daneben macht er konkrete Vorschläge, wie das Land eine Trendwende schaffen kann. Notwendig sind Reformwille, Prioritätensetzung und die Bereitschaft, Zielkonflikte offen zu benennen und auszutragen. Daniel Stelter stellt fest: „Die deutsche Wirtschaft gleicht einem Flugzeug, das seit Jahren immer mehr an Höhe verliert. War der Sinkflug anfangs noch langsam, beschleunigt er sich nur spürbar. Die Arbeitslosenzahl beginnt trotz demografischem Wandel zu steigen, fast täglich gibt es Meldungen über Werkschließungen und Stellenabbau. Gefordert ist deshalb ein radikales und entschlossenes Eingreifen. Vor allem die Energiepolitik muss als Hauptziel ein günstiges und im Überfluss vorhandenes Angebot haben. Nur wenn Politik und Gesellschaft zu deutlichen Kurskorrekturen bereit sind, wird Deutschland wieder durchstarten können. Der Ökonom Daniel Stelter berät Unternehmen und Investoren zu den Herausforderungen der globalen Märkte.
Die Entwicklung des Gehirns führte zum Aufstieg der Menschheit
Die Evolution des menschlichen Gehirns war zweifellos der Hauptantrieb für den einzigartigen Aufstieg der Menschheit. Nicht zuletzt, weil sie dazu beitrug, den technologischen Fortschritt anzustoßen. Also immer ausgefeiltere Wege zu finden, die natürlichen Materialien und Ressourcen zum Vorteil der Menschen zu nutzen. Oded Galor fügt hinzu: „Diese Fortschritte wiederum prägten künftige evolutionäre Prozesse und ermöglichten es den Menschen, sich erfolgreich an ihre sich verändernde Umwelt anzupassen.“ Zudem erlangten sie die Fähigkeit neue Technologien zu entwickeln und zu nutzen – ein sich wiederholender und verstärkender Mechanismus, der zu immer größeren technischen Sprüngen führte. Insbesondere geht man davon aus, dass der zunehmende virtuose Umgang mit Feuer, der die frühen Menschen in die Lage versetzte, ihre Nahrung zu kochen, ein zusätzliches Wachstum des Gehirns anregt. Der renommierte Ökonom Oded Galor untersucht in seinem neuen Buch „The Journey of Humanity“ die Entwicklungen die zu Wohlstand und Ungleichheit führten.
Menschen sind von Natur aus gut
Durch die Französische Revolution konnte sich Martin Luthers Freiheit des Christenmenschen zu den Menschenrechten weiterentwickeln. Francis Fukuyama erklärt: „Diese Recht waren mit der Entscheidungsfreiheit verbunden, aber entbunden von dem religiösen Rahmen, in den sie eingebettet gewesen war. Die Auswertung des Inneren gegenüber dem Äußeren wurde später auch in eine säkulare Form gegossen, ganz besonders im Werk von Jean-Jacques Rousseau.“ Nach seiner Auffassung beginnt alles menschliche Übel damit, dass sich glückliche, solitär lebende Individuen im Naturzustand zu einer Gesellschaft zusammenfinden. Jean-Jacques Rousseau drehte die biblische Geschichte um: In ihr werden Adam und Eva einer Erbsünde für schuldig befunden, die es nun zu sühnen oder abzubüßen gilt. Er argumentiert umgekehrt, Menschen wären von Natur aus gut und würden nur zu schlechten Menschen, wenn sie in eine Gesellschaft einträten und sich miteinander zu vergleichen begännen. Francis Fukuyama ist einer der bedeutendsten politischen Theoretiker der Gegenwart.
Die Oberschicht kann sich in der Realität voll entfalten
Da die Oberschicht in der realen Welt zu den Gewinnern zählt, besteht für sie wenig Anlass, sich in maschinelle Träume zu flüchten. Ille C. Gebeshuber stellt fest: „Sie haben den Raum und die Möglichkeiten, sich in der Realität zu entfalten. Darum wird dem Reisen und dem Sehen mit den eigenen Augen große Bedeutung zukommen. In dieser globalen Gesellschaft werden persönliche Beziehungen sowie Kunst und Kultur im Mittelpunkt stehen.“ Zur Elite zu gehören, bedeutet auch, zur eigenen Körperlichkeit und intensiver körperlicher Betätigung zu stehen, die von früher Jugend an Teil des Alltags sein wird. Das sorgenfreie Leben von edlen Menschen in zeitlos jungen Körpern könnte aus der Perspektive der anderen Schichten langweilig und leer erscheinen, aber die Herkunft und Ausbildung der neuen Elite erzeugt auch andere Bedürfnisse. Ille C. Gebeshuber ist Professorin für Physik an der Technischen Universität Wien.
Die Evolution hat Menschen mit einer ausgedehnten Kindheit ausgestattet
Wenn Kinder neue Erfahrungen suche und sich eine Reihe von Fertigkeiten aneignen, werden nur selten genutzte Neuronen und Synapsen abgebaut, während häufig benutzte Verbindungen gestärkt werden und besser funktionieren. Jonathan Haidt formuliert diesen Sachverhalt mit anderen Worten: „Die Evolution hat Menschen mit einer ausgedehnten Kindheit ausgestattet, damit sie Zeit genug haben, um das angesammelte Wissen ihrer Gemeinschaft zu erlernen – die Adoleszenz als eine Art kultureller Lehrzeit, bevor man als Erwachsener angesehen und gehandelt wird.“ Aber die Evolution hat nicht nur die Kindheit verlängert, um Lernen möglich zu machen. Sie hat auch drei starke Beweggründe installiert, Dinge zu tun, die Lernen leicht und angenehm machen: Motivationen für freies Spiel, Aufeinander-Eingehen und soziales Lernen. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.
Die moderne Gesellschaftskritik ist Gewohnheitskritik
Dass die Gewöhnung zur Freiheit führt, ist ihre Bestimmung im griechischen Modell der Befreiung, der Befreiung als Subjektivierung. Christoph Menke stellt fest: „Dass sie knechtend ist, ist die Erfahrung, welche die Israeliten nach ihrer Freilassung durch Pharao machten: Sie ist der Kern der Gegenerfahrung der Gewohnheit, die nach den jüdischen Erzählungen das christliche Denken und von daher die moderne Gesellschaftskritik bestimmt – denn die moderne Gesellschaftskritik ist Gewohnheitskritik.“ Im Zentrum dieser – zunächst jüdischen, dann auch christlichen – Gegenerfahrung der Gewohnheit stellt die Einsicht von Augustinus, dass „wer der Gewohnheit nicht widersteht […] in den Banden einer harten Sklaverei“ liegt: er „verfällt der Notwendigkeit“. Die Gewohnheit schreibt dem Subjekt, das sie zu ihr befreit, eine Notwendigkeit ein, die es nicht zu brechen vermag – denn sie ist dasselbe wie seine Freiheit. Christoph Menke ist Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
Der Begriff Ekstase ist negativ mit der Einnahme von Drogen verbunden
Der Grund für das Vorherrschen negativer Vorstellungen bim Stichwort Ekstase ist die Assoziation mit Drogen. Racha Kirakosian stellt fest: „Der Konsum von bewusstseinsverändernden Substanzen wird erst einmal grundsätzlich als verwerflich angesehen – wenn man vom Alkoholgenuss absieht, der in vielen Kulturkreisen salonfähig ist –, und nicht selten wird er in einem Atemzug mit Kriminaldelikten anderer Art wie Waffen- und Sexualverbrechen genannt.“ Der Sozialwissenschaftler Aldo Legnaro erklärt diese Tendenz damit, dass im industriellen Europa – im Gegensatz zum vorindustriellen Zeitalter – der Rausch nicht mehr mit dem modernen, getakteten und auf Arbeitseffizienz ausgerichteten Leben vereinbar gewesen sei, sodass er als deviant abgestempelt wurde. Diese eurozentrische These, welche die Selbstkontrolle des Individuums hervorhebt, verfolgt eine nicht ganz unproblematische Grundannahme, nämlich die, dass in der Vormoderne das Leben nicht effizient und strukturiert abgelaufen sei und deswegen Rauschmittel damals präsenter gewesen seien. Racha Kirakosian bekleidet eine Professur für Mediävistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
Ein gutes Leben verlangt Gestaltungslust
Menschen erfinden Technologien – und Technologien erfinden Menschen. Rebekka Reinhard nennt Beispiele: „Die Einführung der Waschmaschine hat eine Spezies hervorgebracht, die glaubt, jeden Tag frisch gewaschene Jeans tragen zu müssen. Die Einführung des Computers hat Individuen hervorgebracht, die lieber mit cleanen Zahlen und coolen Tabellen operieren, als sich mit der Materialität der Welt selbst zu befassen.“ Wem die minimalistische Ästhetik und die hohe Rechenkompetenz von Apple-Geräten als paradigmatischer Hygienestandard gelten, für den müssen Absurditäten das Letzte sein. Aber was, wenn alle Screens schwarz werden? Wenn das Unerwartete, Unbegreifliche, Entsetzliche alle dogmatischen Gewissheiten beschmutzt und in den Abgrund zerrt? Dann zeigt sich, was vom guten Leben bleibt. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.
Neue Technologien ermöglichen ein gutes Leben ohne Umweltschäden
Unter dem Begriff „Degrowth“ versteht man eine Wachstumsrücknahme in der Wirtschaft. Hannah Ritchie ergänzt: „Dieser Ansatz basiert darauf, dass in der Vergangenheit Wirtschaftswachstum mit einem ressourcenintensiven Lebensstil verbunden war. Wir wurden wohlhabender und verwendeten mehr fossile Energieträger, unser CO2-Abdruck wurde größer, und wir nutzen mehr Land und aßen mehr Fleisch.“ Und ja, in einer Welt ohne technologischen Wandel werden wir auf weiterhin auf fossiler Energie, Benzinautos und ineffizienten Eigenheimen sitzen bleiben. Aber neue Technologien ermöglichen es uns inzwischen, ein gutes und angenehmes Leben zu führen, das nicht umweltschädlich sein muss. In reichen Ländern nehmen die CO2-Emissionen ab, ebenso der Energieverbrauch, die Entwaldung, der Düngereinsatz, die Überfischung, die Plastik- und Wasserverschmutzung – und gleichzeitig hören die Länder nicht auf, immer reicher zu werden. Dr. Hannah Ritchie ist Senior Researcher im Programm für globale Entwicklung an der Universität Oxford.
Die Indus-Zivilisation ging durch eine Klimakatastrophe zugrunde
Viele Hochkulturen sind an Umständen gescheitert, die sie selbst zu verantworten hatten. In keiner dieser Gesellschaften erkannte man die Zusammenhänge. Stefan Klein nennt bei Beispiel: „Die Indus-Zivilisation im heutigen Pakistan etwa gehörte zu den drei frühesten Hochkulturen überhaupt. Sie war wohl auch die erste Zivilisation, die durch eine selbstverschuldete Umweltkatastrophe zugrunde ging. Das geschah um die Wende zum zweiten Jahrtausend vor Christus.“ Die Gelehrten in den prächtigen Städten am Indus, wo die Häuser sogar wassergespülte Toiletten hatten, ahnten nicht, warum die Ernten ausblieben. Die Gründe ähnelten, wie man heute weiß, denen, die auch den Niedergang der Maya bewirkten. Zu intensiver Ackerbau erodierte die Böden, Rodung der Wälder verringerte die Niederschläge. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.
Die Gegenwart wird von einer Multi-Krise geprägt
Tatsächlich erinnert der zeitgenössische Moment, der oft als „Multi-Krise“ bezeichnet wird, an den Untergang des altern Roms, der sich über rund 300 Jahre erstreckte, also weit über ein Menschenleben hinaus. Kaum einer wird prognostizieren können, wohin die derzeitige Zeitenwende Europa und die Welt treibt. Ulrike Guérot erklärt: „Vier Faktoren, die gemeinhin als Auslöser für den Zerfall des Römischen Imperiums gelten: Dekadenz, äußere Bedrohung, Klima und Bürgerkrieg, lassen sich unschwer auch heute diagnostizieren, und dies entspricht mithin einer typischen Verbindung von Transformation und Katastrophe, dien phänotypischen Elementen jedes Krisengeschehens, das heute wie damals apokalyptisch daherkommt.“ Seit Herbst 2021 war Ulrike Guérot Professorin für Europapolitik der Rheinischen-Friedrichs-Wilhelms Universität Bonn. Ende Februar 2023 wurde ihr Arbeitsverhältnis wegen Verletzung wissenschaftlicher Standards durch die Universität Bonn gekündigt.
Gegenseitiger Respekt bildet die Basis einer gerechten Gesellschaft
Byung-Chul Han betont in seinem Essay „Ohne Respekt“: „Der gegenseitige Respekt bildet das Fundamente einer gerechten Gesellschaft.“ Der Respekt für andere setzt die Fähigkeit voraus, die Lage anderer von ihrem Standpunkt, aus der Sicht ihrer Vorstellung vom Guten zu sehen. Daneben ist die Aufmerksamkeit für den Anderen konstitutiv für den Respekt. Allerdings vereinzelt das neoliberale Regime die Menschen. Es macht aus ihnen Einzelkämpfer, die in seinem Jargon „Unternehmer seiner selbst“ heißen. Die Leistungsgesellschaft zerstört das soziale Umfeld, in dem wir uns geschätzt und geschützt fühlen. In ihr ist der Respekt nichts wert. Er ist vielmehr das Ergebnis einer individuellen Leistung. So wird um ihn unerbittlich gekämpft. Der Kampf um Respekt findet als Kampf um Status statt. Statusverlust ist identisch mit Respektverlust.
Die langen Revolutionen unserer Zeit verliefen alle in kleinen Schritten
Die Faszination für das Revolutionäre ist getragen von der Vorstellung, über Nacht könnte alles anders werden. Doch war es jemals sinnvoll zu glauben, ein Regime Chance werde alles verändern? Rebecca Solnit weiß: „Die langen Revolutionen unserer Zeit, sei es hinsichtlich Gender, Umweltbewusstsein oder Kampf gegen Rassismus, verliefen alle in kleine Schritten und spielten sich weitgehend auf kultureller Ebene ab, auch wenn sie sich dann als konkrete Veränderungen In Gesetzgebung, Politik oder Finanzierung auswirken.“ Vielleicht liegt das Problem in einer Gleichsetzung von „Nachrichten“ und „Neuigkeiten“. Nichts ist wirklich neu, alles hat eine Geschichte. Rebecca Solnit war immer wieder Zeugin von Wandel, manchmal auch als Mitwirkende. Rebecca Solnit ist eine der bedeutendsten Essayistinnen und Aktivistinnen der USA. Sie ist Mitherausgeberin des Magazins „Harper´s“ und schreibt regelmäßig Essays für den „Guardian“.
Die optimale Schule für alle gibt es nicht
„Können Sie mir eine gute Schule empfehlen?“ Diese Frage hat Andreas Salcher in den letzten Jahren Tausende Male gehört. Es gibt sogar Übereifrige, die sich schon nach dem ersten Ultraschallbild ihres noch ungeborenen Kindes im passenden Kindergarten anmelden wollen. Bei den meisten Eltern hat inzwischen ein Umdenken stattgefunden. Während sie früher ihre Kinder oft einfach in die nächstgelegene Schule schickten, ist Eltern heute bewusst, dass die Wahl der richtigen Schule zu den wichtigsten Zukunftsentscheidungen für die Kinder zählt. Andreas Salcher antwortet Eltern immer, dass es die optimale Schule für alle nicht gibt, sehr wohl aber die richtige für ihr Kind. Dr. Andreas Salcher kämpft seit vielen Jahren für bessere Schulen und individuelle Talentförderung. Der Bestsellerautor gilt mit über 250.00 verkauften Büchern als einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren Österreichs.
Jedes Leben besitzt eine unantastbare Würde
Jeder Mensch hat Angst. Es ist normal, Angst vor Gewalt, Krieg, Armut, Einsamkeit und Tod zu haben. Rebekka Reinhard betont: „Weniger normal sollte es sein, Angst vor den anderen zu haben, die genauso fehleranfällig und liebesbedürftig sind wie man selbst.“ Eine menschliche Gesellschaft besteht aus Individuen unterschiedlichster Haar-, Haut-, Augenfarben und Gewichtsklassen mit oft sehr widersprüchlichen Ideen und Meinungen. Jeder Mensch ist einzigartig, jedes Leben besitzt eine unantastbare Würde, inklusive das „randständigste“. Eine Gesellschaft, deren Mitglieder die Basics der Humanität vor lauter Rauschen, in dem so viel Ideologie, Angst und Panik stecken, vergessen und nach und nach verlernen, jenseits aller Unterschiede und Widersprüche im Alltag konkret und unideologisch miteinander umzugehen, verlieren ihr Herz. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.
Lebensführung als Kultur ist ein eigener Stil
Für den singularistischen Lebensstil der neuen Mittelklasse sind einige Komplexe von Praktiken von herausgehobener, gewissenmaßen stilbildender Bedeutung. Nämlich das Essen und die Ernährung, das Wohnen und die Wohnung, das Reisen, die Bewegungskulturen des Körpers, schließlich die Erziehung und die Schulbildung. Andreas Reckwitz erläutert: „Es sind diese Praktiken, denen man hier typischerweise intensives Interesse widmet und aus denen man Identität und affektive Befriedigung bezieht.“ Trotz ihrer Verschiedenartigkeit werden alle diese Bereiche zu bevorzugten Gegenständen der Kulturalisierung und kategorischen Singularisierung. In der „Lebensführung als Kultur“ formt man sie zu Kulturpraktiken um. Diese gehen über den bloßen funktionalen Nutzen hinaus. Sie beanspruchen einen eigenen Wert, von denen man auch einen solchen Wert erwartet. Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder.