Thomas Erikson fordert: „Als Großabnehmer absurd vieler Informationen müssen wir uns die Zeit und die Möglichkeit geben, die uns präsentierten Daten und Nachrichten kritisch auszuwerten. Wir müssen die Zeit investieren, Faktenchecks durchführen und Quellen zu überprüfen, übereilte und gefühlsbasierte Schlussfolgerungen vermeiden und Fake News durchleuchten.“ Aber das geht ja gar nicht, denken Sie jetzt vielleicht. Wer soll das denn alles zeitlich unter einen Hut bekommen? Eben, das ist ja gerade das Problem. Und das wissen die Absender des ganzen Schunds, der über uns ausgeschüttet wird, auch ganz genau. Also sondern sie noch mehr ab, wohl wissend, dass ein Teil davon sich tatsächlich festsetzen wird. Aber erinnern wir uns an die Behauptung von Adolf Hitlers Propagandaministers Joseph Goeppels: Eine Lüge wird keineswegs dadurch zu einer Wahrheit, dass man sie unendlich oft wiederholt. Es kommt einem nur so vor. Thomas Erikson ist ein schwedischer Verhaltensexperte, international gefragter Vortragsredner, Leadership-Coach und Buchautor.
Vertrauen
Die Grundfesten der Bundesrepublik sind zerstört
Ulrike Guérot behauptet: „Wollte man in loser Folge aufzählen, was in der Bundesrepublik in den letzten Jahren verlustig gegangen ist, ohne dass es irgendeinen größeren Aufschrei in der sogenannten bürgerlichen Mitte verursacht hätte, dann wären das: Demokratie, Rechtsstaat, Europa, Vertrauen und Sicherheit, sichere Grenzen und sozialer Zusammenhalt, also eigentlich alles, was einmal die Grundfesten der Republik ausgemacht hat.“ Dazu, auch das ist Zeitenwende, werden der „Westen“ und die Weltordnung von 1949 derzeit beerdigt und die Welt gleichsam neu verschraubt. Schlimmer wiegt, dass sich Wahrheit und Faktizität verschoben haben, dass die Vernunft aus den Angeln gehoben wurde, dass das Denken an sich, die utopische Idee und mit ihr jeder Hauch von Vernunft verlustig gegangen ist. Seit Herbst 2021 war Ulrike Guérot Professorin für Europapolitik der Rheinischen-Friedrichs-Wilhelms Universität Bonn. Ende Februar 2023 wurde ihr Arbeitsverhältnis wegen Verletzung wissenschaftlicher Standards durch die Universität Bonn gekündigt.
Unsere Kultur verbreitet drei große Mythen über den Zynismus
Jamil Zaki betont in seinem Buch „Hoffnung & Skepsis“: „Wir haben Gutes in uns, und das hat gute Auswirkungen auf uns.“ In letzter Zeit ist es jedoch schwieriger geworden , an das Gute im Menschen zu glauben. Noch stärker als ihr Vertrauen auf die Menschheit haben die Menschen ihr Vertrauen in die Institutionen verloren. Wo Vertrauen schwindet, macht sich Zynismus breit. Dabei zeigen sämtliche Studien, dass es der Zynismus ist, der an Beziehungen nagt, genau wie an Gemeinschaften, Volkswirtschaften und der Gesellschaft insgesamt. Die Frage ist, warum so viele von uns beim Zynismus landen, obwohl er uns selbst am meisten wehtut. Ein Grund besteht sicher darin, dass unsere Kultur dazu neigt, den Zynismus zu verherrlichen und seine Gefahren herunterzuspielen, indem sie drei große Mythen über ihn verbreitet. Dr. Jamil Zaki ist Professor für Psychologie an der Stanford University und Leiter des Stanford Social Neuroscience Lab.
Die KI kann keine Beziehungen zwischen Menschen herstellen
David Brooks schreibt: „Künstliche Intelligenz (KI) wird uns in den kommenden Jahrzehnten vieles abnehmen und den Menschen bei vielen Aufgaben ersetzen, aber es wird ihr niemals gelingen, zwischenmenschliche Beziehungen herzustellen.“ Um im Zeitalter der KI Erfolg zu haben, müssen Menschen außergewöhnlich gut darin werden, mit anderen in Verbindung zu treten. Andere richtig zu sehen, birgt ungeheure Schaffenskraft. Man kann seien eigene Schönheit und seine eigenen Stärken nur umfassend erkennen, wenn diese durch den Geist eines anderen Menschen gespiegelt werden. Das Gesehenwerden lässt uns wachsen. Wenn jemand das Licht seiner Aufmerksamkeit auf mich richtet, blühe ich auf. Wenn jemand in mir großes Potenzial sieht, werde ich höchstwahrscheinlich ebenfalls großes Potenzial in ihm sehen. Der US-amerikanische Erfolgsautor David Brooks ist Kolumnist bei der „New York Times“ sowie Kommentator bei „PBS Newshour“.
Ein faires politisches System sorgt für Vertrauen der Bürger
Vertrauen in die Regierung setzt die Überzeugung voraus, das politische System sei fair und die Führungspersönlichkeiten würden nicht ausschließlich für sich selbst arbeiten. Nichts zerstört Vertrauen so sehr wie Heuchelei und die Diskrepanz zwischen den Worten und Taten von Politikern. Joseph Stiglitz ergänzt: „Schon lange vor Donald Trump schufen unsere Eliten und führenden Politiker – in beiden Parteien – die Voraussetzungen für Misstrauen, indem sie auf eine Politik setzten, die nur ihnen selbst zu nützen schien.“ Die eigentlichen Gewinner der Politik, für die sie sich in den 1980er- und 1990er-Jahren einsetzen, waren die Eliten: Die Behauptung, alle würden profitieren, war nichts al ein eigennütziges Märchen. Joseph Stiglitz war Professor für Volkswirtschaft in Yale, Princeton, Oxford und Stanford. Er wurde 2001 mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet.
Menschen verfügen über drei Vertrauensressourcen
Gerald Hüther weiß: „Wir Menschen verfügen über drei Vertrauensressourcen, die uns in schwierigen Situationen helfen, wieder einen kühlen Kopf zu bekommen, also den mit einer um sich greifenden Inkohärenz verbundenen enormen Energieverrauch im Gehirn wieder zu verringern.“ Bildlich vorstellen kann man sie sich als eine dreibeinigen Hocker. Wenn da ein Bein fehlt, fällt er zusammen mit dem, der darauf sitzt, sehr leicht um. Das erste Bein ist das Vertrauen in die eigenen Kompetenzen. Wenn einem Menschen angesichts einer Bedrohung einfällt, dass er ja schon ähnliche Situationen ganz gut meistern konnte, dann macht er das, was ihm auch damals schon geholfen hatte. Und wenn es so funktioniert, verschwindet die Angst. Gerald Hüther ist Neurobiologe und Verfasser zahlreicher Sachbücher und Fachpublikationen.
Personen zu vertrauen ist riskant
Indem ein Mensch mit Geld etwas bezahlt, verwandelt er alle anderen in Zuschauer des Geldzaubers. Anders gesagt: Alle anderen Menschen versinken im Akt dieser Zahlung in eine wohltuende Neutralität. Norbert Bolz erklärt: „Denn für Verkäufer, Käufer und Zuschauer der wirtschaftlichen Transaktionen gilt, dass sie den jeweils anderen nicht mehr als „Individuum“ behandeln müssen. Das erleichtert das soziale Leben.“ Personen zu vertrauen ist zu riskant. In der modernen Welt kann man sich glücklicherweise Personenvertrauen durch Systemvertrauen ersparen. Doch das System ist undurchschaubar und unkontrollierbar. Deshalb ist das Angebot der modernen Wirtschaft unwiderstehlich, Systemvertrauen durch Geldvertrauen zu ersetzen. Geldvertrauen erspart einem Menschen das Vertrauen in andere Personen und in Informationen, die zum Verständnis des Systems nötig wäre. Univ.-Prof. Dr. Norbert Bolz lehrte bis zu seiner Emeritierung als Professor für Medienwissenschaft an der Technischen Universität Berlin.
Vertrauen und Sich-verlassen-auf unterscheiden sich
Ist es sinnvoll, zwischen Vertrauen und Sich-verlassen-auf zu unterscheiden? Martin Hartmann antwortet: „Die Philosophie macht hier oft einen Unterschied, im Englischen vor allem anhand der Begriffe „trust“ und „reliance“. Meine Antwort lautet: Ja, aber …“ Klar ist, dass die meisten Menschen im Alltag den Vertrauensbegriff breit verwenden. Sie unterscheiden nicht unbedingt zwischen Vertrauen und Sich-verlassen-auf. Oft können sie ohne Unterschied sagen, dass sie sich auf jemanden verlassen oder ihm vertrauen. Die Philosophie dagegen unterscheidet oft ganz klar zwischen Vertrauen und Sich-verlassen-auf. Jedoch ist nicht immer deutlich, was aus diesem Unterschied praktisch folgt oder ob ihm echte Unterschiede in den Einstellungen der Menschen entsprechen. Bekannt ist, dass Immanuel Kant sehr regelmäßig um 19 Uhr sein Haus verließ und einen Spaziergang machte. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.
Es gibt eine Brücke zwischen dem Wissen und dem Vertrauen ins Leben
Die wichtigste Botschaft auf der das neue Buch von Andreas Salcher „Unsere neue beste Freundin, die Zukunft“ aufbaut, lautet: „Es existiert eine Brücke zwischen dem Wissen über unsere eigenen Fähigkeiten und dem Vertrauen ins Leben.“ Menschen, die mit diesem Grundvertrauen ausgestattet sind, können sich selbstbewusst an immer neue Aufgaben heranwagen. Dabei können sie herausfinden, wo ihre tatsächlichen Begabungen liegen. In seinem Ratgeber erklärt Andreas Salcher seinen Lesern, welche neuen Denkweisen und Talente sie brauchen, um in einer sich schnell verändernden Welt erfolgreich zu sein. Schon immer birgt die Jugend aus der Sicht der Erwachsenen ein Geheimnis. Dr. Andreas Salcher ist Mitgebegründer der „Sir Karl-Popper-Schule“ für besonders begabte Kinder. Mit mehr als 250.000 verkauften Büchern gilt er als einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren Österreichs.
Gut zu sein macht unter allen Umständen glücklich
Rebekka glaubt nicht, dass es schwer ist, gut zu sein. Und zu bleiben. Wie das funktioniert beschreibt sie in ihrem neuen Buch „Die Kunst gut zu sein“. Gut zu sein ist ihrer Meinung nach eine Haltung, eine Entscheidung, die immer und unter allen Umständen glücklich macht. Nämlich erstens diejenigen, die das Gute empfangen und zweitens jene, die es geben. Rebekka Reinhard schreibt: „Es beginnt mit einem Lächeln, das anderen signalisiert: Da ist jemand, der mich sieht. Als Mensch sieht.“ Ihr Buch soll Mut und Lust aufs Gutsein machen. „Die Kunst gut zu sein“ ist eine Einladung zur simplen Menschlichkeit, die man zu oft vergisst, weil ständig ein Termin, ein Konflikt, eine Zerstreuung dazwischenkommt. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.
Vertrauen gewährt eine anerkannte Freiheit
Die Moralphilosophin Annette Baier hat einmal bündig definiert, Freiheit heiße, mit Hilfe des anderen auf sich selbst gestellt oder unbewacht sein zu können. Als Freiheitsdefinition wäre das wohl zu heikel. Denn klar ist, dass der, dem man Vertrauen schenkt, nur frei ist, weil man es ihm schenkt. Martin Hartmann fügt hinzu: „Ich könnte überwachen oder kontrollieren, aber ich tue es nicht.“ Stärkere Freiheitsbegriffe hätten mit diesem „könnte“ Probleme. Es schwebt in ihren Augen gleichsam wie ein Damoklesschwert über den Spielräumen, die man durch das Vertrauen anderer erhält. Wirklich frei wäre dann man erst, wenn anderen nicht einmal die Möglichkeit hätten, die persönlichen Spielräume einzuschränken. Etwa, weil sie es nicht dürfen oder weil sie kein Recht dazu haben. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.
Bürokraten möchten interne Sanktionen vermeiden
„Bürokratische Verlässlichkeit setzt keine Freundschaft oder Liebe voraus. Der typische Bürokrat kennt seine Klienten nicht. Er ist aber auch nicht im ökonomischen Sinne eigeninteressiert, da es in seinem Handeln nicht um Gewinnmaximierung geht. Der Regelbruch würde sich nicht im rationalen Sinne für ihn lohnen. Martin Hartmann erklärt: „Das ist der Unterschied zwischen der ökonomischen Verlässlichkeit und der bürokratischen Verlässlichkeit.“ Im ökonomischen Kontext riskiert man die Verletzung durch den anderen. Im bürokratischen Zusammenhang erleidet man sie und kann sich gegebenenfalls auf der Basis transparenter Regeln gegen sie wehren. Entsprechend unterscheiden sich die Sanktionsmechanismen. Für Marktteilnehmer ist der Verlust der Reputation oder Marktstellung relevant als Motiv der Vermeidung unlauteren Verhaltens. Für Bürokraten geht es eher darum, interne Sanktionen zu vermeiden, oder darum, nicht als inkompetent oder vorurteilsbeladen dazustehen. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.
Menschen sehnen sich nach Gewissheit
In Begrenzungen und Zweifeln sehen sich die meisten Menschen nach Eindeutigkeit. Sie wollen mehr Gewissheit, als ihnen möglich ist. Menschen hoffen auf eine bessere Zukunft und vertrauen ihren Mitmenschen. Sie staunen und erleben Geheimnisse. Sie suchen zu vergessen und zu vergeben. Paul Kirchhof fügt hinzu: „Ein Mensch, der nicht hoffen kann, der nicht nach dem Besseren, auch nach dem Unerreichbaren strebt, fiele in eine Leere, die den Sinn seines Lebens in Frage stellte.“ Hoffnungslosigkeit nähme seiner Freiheit einen wesentlichen Impuls und würde den Aufbruch zu Fortschritt und Erneuerung ersticken. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg. Als Richter des Bundesverfassungsgerichts hat er an zahlreichen, für die Entwicklung der Rechtskultur der Bundesrepublik Deutschland wesentlichen Entscheidungen mitgewirkt.
Werte gibt es nur im Doppelpack
Wer mit beiden Beinen in der realen Welt steht, der weiß: Werte gibt es nur im Doppelpack. Man kann sie nur im Mehr-oder-weniger, Sowohl-als-auch oder Mal-so-mal entscheiden. Diese „Fließgleichgewichte“ sind immer wieder neu zu justieren. Und worauf kommt es dabei an? Reinhard K. Sprenger antwortet: „Auf die Umstände. Und die sind nie stabil, erfordern eine flexible Prioritätenordnung, die man den wechselnden Sachlagen anpassen kann.“ Das Fließgleichgewicht lässt sich am Beispiel „Vertrauen“ illustrieren. Vertrauen ohne Misstrauen wäre gegenstandslos, beide wären sogar ununterscheidbar. Ein neugeborenes Kind weiß nicht, dass es vertraut. Das weiß es erst ab dem Moment, in dem sein Vertrauen unerfüllt bleibt. Von einem vorreflexiven Vertrauen träumt dann der Erwachsene. Reinhard K. Sprenger zählt zu den profiliertesten Managementberatern und wichtigsten Vordenkern der Wirtschaft in Deutschland.
Der Bürger muss dem Staat vertrauen können
Dass Staaten stark von ökonomischen Interessen dominiert werden, ist kein neues Phänomen. Im England des späten 18. Jahrhunderts bis tief ins 19. Jahrhundert war dies nicht anders. Richard David Precht stellt fest: „Neu ist allerdings, dass die mit Abstand mächtigsten Großunternehmen keine nationalen Unternehmen mehr sind.“ In einer solchen Lage stellt sich die Frage nach dem Staat und den Bürgern anders als in den vergangenen Jahrzehnten. Was halten sie in Zukunft zusammen? Wie achtet der Bürger den Staat? Und wie schützt der Staat den Bürger? Die Fragen bedingen einander, denn das entscheidende Wort heißt „Vertrauen“. Vertrauen die Menschen dem Staat, dass er sie vor skrupellosen Geschäftsinteressen schützt?“ Der Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
Das Vertrauen ist selbst in einer Krise
Vertrauen reagiert nicht auf eine Krise, indem es in Misstrauen kippt. Denn ist selbst Teil einer Krise. Martin Hartmann nennt ein Beispiel: „Wie umfassend die Zweifel an alten Gewissheiten geworden sind, können auch die Diskussionen zum Klimawandel zeigen.“ Natürlich gibt es eine ganze Menge Evidenzen, die nahelegen, dass menschliche Einflüsse das Erdklima erwärmen. Wirkliche Gewissheit gibt es aber, so behaupten manche, nicht. Das ist die Chance der Leugner und natürlich auch der Verschwörungstheoretiker. Beide leben weniger vom kalkulierbaren Risiko als von der prinzipiellen Ungewissheit, von der sie sich ernähren. Man kann Verschwörungstheorien bekanntlich nicht widerlegen, und zwar nicht nur, weil sie meist von paranoiden Charakteren getragen werden. Diese haben keinerlei Interessen an einer Belehrung. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.
Die Macht fühlt sich wie eine lebendige Kraft an
Ausbeuterisches, selbstsüchtiges und gewalttätiges Handeln vernichtet den Zusammenhalt starker Gruppen. Gruppen wissen das und kennen auch Geschichten von Menschen, die die Macht missbraucht haben und habgierig und unbeherrscht handelten. Dacher Keltner erklärt: „Gruppen verleihen daher die Macht an die, die Begeisterung verbreiten und freundlich, zielorientiert, ruhig und offen sind. Mit dem Ansehen, dass sie einer Person verleihen, zeigen sie an, dass diese fähig ist, für das Wohl der Gruppe zu handeln.“ Gruppen verlassen sich auf den Ruf, wenn es darum geht, zusammenzuarbeiten, zu kooperieren, Bündnisse zu schließen und starke Bindungen einzugehen. Sie erhöhen den Ruf derer, die bereit sind, zu teilen. Und sie schädigen mit deftigen Klatschgeschichten den Ruf derer, die selbstsüchtig sind und sich als Machiavellisten aufführen. Dacher Keltner ist Professor für Psychologie an der University of California in Berkeley und Fakultätsdirektor des UC Berkeley Greater Good Science Center.
Machtmissbrauch gehört nicht zur menschlichen Natur
Von der Liebe abgesehen, gibt es keinen anderen Bereich des sozialen Lebens, der so gründlich erforscht ist wie der Erwerb von Macht, ihr Missbrauch und schließlich ihr Verlust. Die großen Geschichten vom Missbrauch der Macht und dem darauffolgendem Verlust derselben, faszinieren Menschen seit jeher. Die Fixierung auf den Machtverlust könnte einen Menschen zu dem Glauben verleiten, der Missbrauch von Macht sei unvermeidlich. Aber das Macht-Paradox ist viel komplexer. Dacher Keltner erklärt: „Machtmissbrauch ist nicht Teil der menschlichen Natur.“ Macht bedeutet nicht nur die Möglichkeit, andere beeinflussen zu können, sie prägt auch das Selbstbewusstsein. Das Gefühl, über Macht zu verfügen, löst einen Rausch an Erwartungen aus. Dacher Keltner ist Professor für Psychologie an der University of California in Berkeley und Fakultätsdirektor des UC Berkeley Greater Good Science Center.
Lügen zerstören eine Beziehung
Martin Hartmann definiert Lüge als Behauptung, deren Inhalt der Sprecher für falsch hält. Er stellt sie aber mit der Absicht auf, andere mit Blick auf diesen Inhalt zu täuschen. Es ist relativ leicht zu erkennen, dass Lügen das Vertrauen in einer Beziehung empfindlich stören oder sogar zerstören. Deswegen sagt man oft, die Lüge, wenn sie denn bemerkt wird, markiere das eigentliche Ende des Vertrauens. In manchen Beziehungen kann es jedoch durchaus sinnvoll sein zu lügen oder unaufrichtig zu sein. Aber unter normalen Umständen gehen Menschen davon aus, dass andere die Wahrheit sagen. Martin Hartmann ergänzt: „Wenn jemand uns dauerhaft anlügt, brechen wir in der Regel das Verhältnis zu ihm ab.“ Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.
Vertrauen lässt sich nicht erzwingen
Die Frage des Vertrauens ist es, die das aktuelle Geschehen tief durchdringt. Deshalb lautet das Titelthema des neuen Philosophiemagazins 01/2021 auch: „Worauf vertrauen?“ Grundsätzlich lässt sich Vertrauen nicht erzwingen. Es kann nur geschenkt und jederzeit wieder entzogen werden. Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler schreibt im Editorial: „Wer das Vertrauen eines Menschen missbraucht, läuft Gefahr, es für immer zu verlieren.“ Das Wesen des Vertrauens liegt jedoch darin, dass es keine feste Basis hat. Es ist gerade die Freiheit, die es überhaupt erst ermöglicht und beginnt erst da, wo die eigene Verfügungsgewalt aufhört. Freiheit und Vertrauen bedingen sich also gegenseitig. Worauf vertrauen? In der Antwort offenbart sich, wer man ist und wer man sein will. Denn ohne Vertrauen in die Selbstdisziplin der anderen wären moderne Gesellschaften in ihrer extremen Komplexität undenkbar.
Ohne Wahrheit gibt es kein Vertrauen
Kann es sein, dass viele Menschen niemandem mehr vertrauen, weil sie niemandem Aufrichtigkeit unterstellen? Weil sie annehmen, fast jeder belüge sie? Martin Hartmann weiß: „Wenn es keine Wahrheit gibt, kann es kein Vertrauen geben – das ist ein häufig hergestellter Zusammenhang. Ebenso üblich ist es, einen Zusammenhang zwischen Vertrauen und Aufrichtigkeit herzustellen.“ Die meisten Menschen vertrauen denen, von denen sie glauben, dass sie aufrichtig sagen, was sie denken oder beabsichtigen. Sie vertrauen jenen nicht, die sie anlügen, täuschen oder die unwahrhaftig sind. Wenn sie doch jemandem Vertrauen schenken, der sie anlügt, kann das ein Unglück sein. All diese Zusammenhänge sind in Wirklichkeit viel komplizierter, als man es gemeinhin annimmt. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.
Das Vertrauen befindet sich weltweit in einer Krise
Jede Studie über Vertrauen fängt mit der großen Krise an. Das einflussreiche „Edelman Trust Barometer“ formuliert 2017 unumwunden: Überall auf der Welt befindet sich das Vertrauen in einer Krise. Martin Hartmann erläutert: „Ob Unternehmen, Regierungen, Nichtregierungsorganisationen oder die Medien – fast überall leiden diese Institutionen unter einem Vertrauensschwund.“ Entsprechend dramatisch und alarmistisch sind die Formulierungen: Das „System“ sei zerbrochen. Die Führungsebenen in Wirtschaft und Politik hätten an Glaubwürdigkeit verloren. Eine Welt des Misstrauens breite sich aus. Für die Daten von 2017 gilt dabei folgende Auffälligkeit: Vor allem die allgemeine Bevölkerung verliert ihr Vertrauen, während die Daten der Meinungsführer stabil bleiben oder sogar steigen. Die Diskrepanz zwischen den Eliten und der Bevölkerungsmehrheit bleibt hoch und scheint sich sogar zu vergrößern. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.
Oxytocin wirkt direkt auf die Amygdala
Bei einer Frau wird bei der Geburt ihres Kindes eine ganz bestimmte Substanz ausgelöst: Oxytocin wird im Nebenhirn kurz vor der Geburt in großen Mengen produziert. Selbst Männer kriegen eine ganze Menge davon ab. Wenn sie im Kreißsaal anwesend sind, eine etwa dreifach höhere Dosis als in der Kneipe. Matthias Horx erklärt: „Oxytocin ist eine Art „Lagerfeuer-Wirkstoff“. Der hat schon unseren Vorfahren dabei geholfen, sich gemeinsam am Feuer zu entspannen, Konflikte zu dämpfen, sich miteinander gut zu fühlen.“ Oxytocin lässt auch Tiere die Nähe ihrer Artgenossen suchen und blockiert Angst- und Fluchtreaktionen. Beim Menschen wirkt es direkt auf die Amygdala, den sogenannten „Mandelkern“. Dieser steuert die Reaktionen bei Angst und in Fluchtsituationen. Matthias Horx ist der profilierteste Zukunftsdenker im deutschsprachigen Raum.
Vertrauen ist so wichtig wie das Atmen
Das Vertrauen lebt davon, unbemerkt und so unauffällig wie nur möglich zu bleiben. All die guten Wirkungen, die Vertrauen hat, existieren, weil es unsichtbar ist und keine eigene Arbeit verlangt. Martin Hartmann schreibt in seinem neuen Buch „Vertrauen“: „Vertraue ich jemanden, dann denke ich nicht weiter nach, bin nicht misstrauisch und vorsichtig.“ Denn Nachdenken, so scheint es, zerstört Vertrauen. Das Nachdenken über das Vertrauen zeigt seine hellen und dunklen Seiten. Es trauert um seinen Verlust. Die Krise des Vertrauens besteht laut Martin Hartmann nicht darin, dass viele Menschen nicht mehr vertrauen können. Sie zeigt sich vielmehr darin, dass sie den Wert des Vertrauens kennen, aber nicht mehr in der Lage sind, Bedingungen zu schaffen, die der Ausbildung von Vertrauen zuträglich sind. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.
Friedrich Nietzsche entwickelt eine Philosophie des Fragens
Schaut man genauer hin, verbergen sich schon in Friedrich Nietzsches Werk „Menschliches, Allzumenschliches“ Aphorismen, seine Kurz- und Kürzesttexte. Sie nehmen hier in ihrer Gestalt die verschiedensten Formen an. Andreas Urs Sommer kennt sie: „Selbstgespräche gibt es ebenso wie kurze Dialoge. Sprichwörtlich pointierte Epigramme ebenso wie Experimentanleitungen. Merksätze ebenso wie Miniaturerzählungen, Prosagedichte ebenso wie Parabeln.“ Vielen dieser Texte gemeinsam ist, wenigstens dem Anspruch nach, ihr „dickes Ende“: Das in ihnen nämlich sehr viel mehr steckt, als der knappe Raum, den sie einnehmen, eigentlich zu fassen erlaubt. In seinem Nachlass schrieb Friedrich Nietzsche 1885: „In Aphorismen-Büchern gleich den meinigen stehen zwischen und hinter kurzen Aphorismen lauter verbotene lange Dinge und Gedanken-Ketten.“ Andreas Urs Sommer lehrt Philosophie an der Universität Freiburg i. B. und leitet die Forschungsstelle Nietzsche-Kommentar der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.