Die eigene Vorstellungswelt ist stark begrenzt

Eine effektive und nachhaltige Möglichkeit zur Überwindung der Begrenztheit der eigenen Vorstellungswelt ergibt sich aus der Begegnung mit anderen Menschen und deren fremdartigen, von den eigenen Überzeugungen abweichenden Vorstellungen. Gerald Hüther ergänzt: „Solche Begegnungen öffnen und relativieren die eigen Selbst- und Weltbilder.“ Die Erfahrungen des schmerzhaften Scheiterns bei der Verfolgung seiner eigenen Vorstellungen ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Menschheitsgeschichte. Spätestens seit dem letzten Jahrhundert zeichnet sich aber ab, dass sogar totalitäre Herrschaftssysteme längerfristig außerstande sind, ihre jeweiligen Vorstellungen auf Kosten anderer durchzusetzen. Selbst die grausamen Versuche, die von solchen Gemeinschaften entwickelten Selbst- und Weltbilder durch Kriege und die Unterwerfung Andersdenkender aufrechtzuerhalten, sind letztlich immer wieder gescheitert. Gerald Hüther zählt zu den bekanntesten Hirnforschern in Deutschland.

Der Mensch ist ein soziales Wesen

Die Begegnung von Menschen und der Austausch ihrer unterschiedlichen Vorstellungen lassen sich offenbar niemals dauerhaft unterdrücken. Damit eröffnet sich eine Perspektive, die unvermeidbar zu der entscheidenden Frage führt, was die Menschen – trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft, Erfahrungen und historischen Eingebundenheiten – miteinander verbindet. Gerald Hüther erläutert: „Auch das kann nur eine von Menschen entwickelte Vorstellung sein, aber eine, die alle Menschen nicht nur trotz, sondern aufgrund ihrer Unterschiedlichkeit miteinander teilen.“

Keine Ideologie, keine Religion, keine ethische oder moralische Wertvorstellung ist dafür geeignet. Die einzige, alle Menschen in all ihrer Verschiedenheit verbindende gemeinsame Vorstellung kann nur die von ihnen selbst gemachte Erfahrung ihrer eigenen Würde als Menschen zum Ausdruck bringen. Das zutiefst Menschliche in sich selbst zu entdecken wird somit zu einer der wichtigsten Aufgaben im 21. Jahrhundert. Gerald Hüther schreibt: „Die für unserer eigenes Selbstverständnis wichtigste Erkenntnis lautet: Wir Menschen sind soziale Wesen.“

Die soziale Organisation haben die Menschen von den Affen übernommen

Menschlichen Gesellschaften sind dabei immer individualisiere Gemeinschaften, und diese Art der sozialen Organisatin haben die Menschen offenbar schon von Anfang an von ihren äffischen Vorfahren übernommen. Sie ist das Herausstellungsmerkmal der Primaten. Um solche Gemeinschaften herausbilden zu können, bedarf es nicht nur eines hinreichend komplexen, möglichst lange lernfähigen Gehirns. Es bedarf auch der Fähigkeit zur Fokussierung der Aufmerksamkeit aller Mitglieder einer solchen Gemeinschaft auf ein von allen wahrgenommenes Geschehen.

Gemeint ist damit aber nicht nur die gemeinsame Ausrichtung der Wahrnehmungen auf besonders auffällige oder gefährliche Veränderungen in der äußeren Welt der betreffenden Gemeinschaften. Sie richten darüber hinaus ihre Aufmerksamkeit ebenso intensiv auch auf all das, was einzelne Mitglieder ihrer Gemeinschaft einfach nur anders als alle anderen machen. So etwas finden sie alle spannend. Und wenn sich einer oder eine von ihnen etwas besonders Schlaues ausgedacht hat, es den anderen vormacht, und die es ebenfalls interessant, hilfreich oder attraktiv finden, machen es alle anderen dann meist recht schnell nach. So funktioniert soziales Lernen. Quelle: „Würde“ von Gerald Hüther

Von Hans Klumbies

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