Teenager interagieren viele Stunden mit ihrem Smartphone

Im Jahr 2007 waren Teenager und viele Kinder unter dreizehn Jahren damit beschäftigt, kurze Texte in ihre Handys zu tippen. Doch das Verfassen von Textnachrichten war damals noch eine mühselige Angelegenheit – drücke viermal Taste 7, um ein „s“ zu schreiben. Jonathan Haidt ergänzt: „Die Nachrichten richteten sich größtenteils nur an eine Person, und die meisten benutzten ihre primitiven Handys, um sich mit jemanden zu verabreden, den sie persönlich treffen wollten.“ Niemand hatte Lust, drei Stunden hintereinander mit dem Texten von Nachrichten zu verbringen. Nach der Großen Neuverdrahtung wurde jedoch für Heranwachsende zur Regel, einen Großteil ihrer Wachstunden mit einem Smartphone zu interagieren. Jonathan Haidt ist Professor für Sozialpsychologie an der New York University. Seine Forschungsschwerpunkte sind die psychischen Grundlagen von Moral, moralische Emotionen und Moralvorstellungen in verschiedenen Kulturen.

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In Asien stehen Disziplin und Ordnung obenan

Eine der bemerkenswertesten Äußerungen einer reaktiven nicht-westlichen Identität besteht in den „asiatischen Werten“, die viele Ostasiaten vertreten. Damit reagiert man auf die Behauptung des Westens, er sei der historische Verwahrer der Ideen über Freiheit und Rechte. Amartya Sen weiß: „Verfechter der Vorzüglichkeit asiatischer Werte bestreiten das gar nicht, ganz im Gegenteil.“ Mag Europa auch die Heimat von Freiheit und individuellen Rechten gewesen sein, heißt es. Doch bei den asiatischen Werten stünden Disziplin und Ordnung obenan, und das sei, behauptet man, eine wunder3bare Priorität. Dem Westen deutet man an, er könne seine individuellen Freiheiten und Rechte behalten. Asien hingegen werde besserfahren, wenn es an ordentlichem Benehmen und disziplinierten Verhalten festhalte. Amartya Sen ist Professor für Philosophie und Ökonomie an der Harvard Universität. Im Jahr 1998 erhielt er den Nobelpreis für Ökonomie.

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Freiheit ist ein Hochwert der europäischen Kultur

Neben Demokratie ist sicher Freiheit ein Hochwert der europäischen Kultur und wurde auch erfunden im Kontext mit jener. Denn Demokratie setzt ja Wahlfreiheit voraus. Diese wiederum die Möglichkeit zur freien Wahl. Mithin ist Freiheit die Bedingung der Möglichkeit von Demokratie und Demokratie deren Erfüllung. Silvio Vietta ergänzt: „Es versteht sich, dass damit auch die anderen bisher genannten Werte: Eigenständiges Denken, Wahrheitsliebe, Kritikfähigkeit mit ins Boot gehören.“ Freiheit steht also im Kontext anderer Werte, die sie flankieren, und wiederum ist es Freiheit, die jene Werte erst möglich macht. Denn Freiheit bedeutet ja immer auch eine Entscheidung zwischen guten oder schlechten Alternativen, zwischen Wahrheit und Unwahrheit, damit kritisches, nämlich unterscheidendes Denken. Prof. em. Dr. Silvio Vietta hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt.

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Die Unterklasse erscheint als Ort einer „schlechten“ Kultur

Andreas Reckwitz schreibt: „Die Unterklasse erscheint in der Spätmoderne als Ort einer „schlechten“ Kultur, die nicht von Wert ist, sondern problematisch oder gar riskant: des Mangels an Bildung und kulturellen Kompetenzen, der schlechten Ernährung und Gesundheit, der schlechten Erziehung, Wohnviertel, Regionen und Schulen, dazu der schwierigen Jugendlichen, der rückständigen Versionen von Männlichkeit und Weiblichkeit und schließlich der problematischen politischen Einstellungen.“ Wenn Kulturalisierung vor allem Ästhetisierung und Ethnisierung bedeutet, dann erfolgt die negative Kulturalisierung der Unterklasse zwar sicherlich auch in einem ästhetischen Register – etwa im Sinne eines nichtssagenden oder vulgären Geschmacks –, jedoch stärker noch auf der Ebene des Ethischen. Dieser Lebensform scheint es an den Merkmalen eines guten Lebens zu mangeln, sie wird zu einer Ansammlung von Eigenschaften des Schlechten, von der Ernährung über die Erziehung bis zu Politik. Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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Viele Künstler waren Sprengkraft für ihr System

Richard Wagner, Friedrich Nietzsche und Charles Baudelaire waren – jeder auf seine Weise – Sprengstoff für ihr System, und sie wollten das auch sein. Jürgen Wertheimer fügt hinzu: „Viele anderen spürten und ahnten die Zumutungen und Lügen der etablierten Kultur und reagierten eher indirekt oder verdeckt: E.T.A. Hoffmann, der die unheimlichen Bezirke der schwarzen Romantik ergründete; Honoré de Balzac, der in der Maske des Realisten massive Gesellschaftskritik übte; Theodor Fontane, der die Leer der bürgerlichen Fassadenkultur zugleich aufdeckte und verbarg.“ Auf der weltabgesandten Seite der Wirklichkeit, hinter Marmor und Stuck, begann es seit den verlorenen Revolutionen von 1830 und 1848 zu brodeln. Noch hielt die gründerzeitliche Kulisse aus bürgerlicher Moral, Fortschrittsgläubigkeit und Kommerz. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

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Die Alchemie ist eine Geheimwissenschaft

Martin Mulsow schreibt: „Der globale Ausgriff mit seinen Unwägbarkeiten war eine Ursache des Umstand, dass neuzeitliches Wissen von fernen Welten oft fragil gewesen ist. Wissen ist im Transfer zwischen Ost und West, Nord und Süd verlorengegangen, entweder ganz buchstäblich, oder es hat sich verändert und ist zugleich attraktiv und marginal geworden.“ Wieder wurde auch die Referenz unscharf: Worum handelt es sich eigentlich? Was ist neu, was ist alt an einer Sache? Wo steckt ihre Substanz? Für die Alchemie sind solche Fragen in mehr als einem Sinne essentiell. Alchemie ist eine Geheimwissenschaft und als solche immer im Licht der Entblößung bedroht. Doch geheimes Wissen reproduziert sich nur dann, wenn es verlässlich weitergegeben wird. Martin Mulsow ist Professor für Wissenschaftskulturen an der Universität Erfurt und Direktor des Forschungszentrums Gotha.

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Die Globalisierung verknüpft alle Teile der Welt

Bei der Globalisierung handelt es sich um weltweite Verflechtungen, den Austausch zwischen Individuen, Institutionen und Staaten. Es gibt Ereignisse in einem Teil der Welt, welche die Gesellschaften in anderen Teilen der Welt berühren. Laut Hadija Haruna-Oelker gehört zur Globalisierung auch folgendes: „Wachsende Verbindungen in allen Bereichen des Lebens. Politik, Wirtschaft, Kultur, Umwelt, Kommunikation. Natürliche Grenzen von Zeit und Raum, die eine immer kleinere Rolle spielen. Vermischung von Stilen, Formen und Traditionen. Digitale Knotenpunkte, Wettbewerb, Billiglöhne, Klimawandel, Migration und Artensterben.“ Wie aufnahmefähig eine Gesellschaft ist, zeigt ihr verinnerlichtes Wissen über die Migrationsgeschichte ihrer Mitmenschen. Was für viele oft im Unsichtbaren und Unverstandenen bleibt, sind die transnationalen Netzwerke, die eingewanderte Menschen inzwischen über die Jahrzehnte aufgebaut haben. Hadija Haruna-Oelker lebt als Autorin, Redakteurin und Moderatorin in Frankfurt am Main. Hauptsächlich arbeitet sie für den Hessischen Rundfunk.

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Die Natur ist der Kultur entgegengesetzt

Anstatt Homo sapiens als Herrn der Schöpfung zu begreifen, ist es auch möglich, ihn als in alle möglichen Zusammenhänge verstricktes Tier zu sehen. Nämlich als Knotenpunkt in einem unendlich komplexen Geflecht aus auch changierenden Zuständen. Also als ein Wesen mit weniger Macht und Willensfreiheit, als es sich schmeichelnd zuspricht. Philipp Blom erklärt: „Den passiven Part bei all diesem Nachdenken über das Verhältnis zwischen Mensch und Natur spielt Letztere, die ich weiterhin so bezeichnen möchte, obwohl sich beide Begriffe im Laufe der Überlegungen auflösen werden.“ Die Schwierigkeit des Nachdenkens liegt schon in diesem Wort „Natur“ beschlossen. Obwohl man meinen sollte, dass sofort klar ist, was gemeint ist. Philipp Blom studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford. Er lebt als Schriftsteller und Historiker in Wien.

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Jeder Mensch ist einzigartig

Die drei Begriffe Individuum, Personalität und Subjektivität gehören eng zusammen und bezeichnen – wenn auch aus unterschiedlichen Perspektiven – dasselbe. Nämlich den Menschen in seiner Einzigartigkeit, Würde seiner Erscheinung, Selbststeuerung – als Hochwerte der abendländischen Kulturgeschichte. Silvio Vietta ergänzt: „Keine andere Kultur hat dem Einzelmenschen eine solche Hochschätzung widerfahren lassen wie die abendländische. Die asiatischen und die meisten indigenen Kulturen ordnen vielmehr den Einzelmenschen dem Kollektiv unter.“ Ihm kommt dort nicht ein solcher Hochwert zu, wie in der abendländischen Kultur, und dies aus unterschiedlichen Begriffstraditionen heraus. In den drei Begriffen mischen sich bereits Elemente der rationalen Kultur mit denen der christlichen. Insbesondere der Begriff der „Persönlichkeit“ kommt aus der römischen Theatertradition, wird dann christlich-theologisch überformt und schließlich auch durch die rationale Philosophie starkgemacht. Prof. em. Dr. Silvio Vietta hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt.

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Die soziale Umwelt formt das menschliche Gehirn

Es gibt einen besonders starken, nachhaltigen und wissenschaftlich zweifelsfrei nachgewiesenen Einfluss auf das Gehirn. Dabei handelt es sich um das, was ein Mensch in seinem sozialen Umfeld erlebt und tut. Manche Kinder fühlen sich in ihren Familien geborgen. Denn dort bekommen sie viele Anregungen und werden sportlich und musikalisch gefördert. Dabei kommt es im Gehirn zur Aktivierung von Genen, die Wachstumsfaktoren der Nerven herstellen, die dann ihrerseits für eine gute Entwicklung des Gehirns sorgen. Joachim Bauer fügt hinzu: „Kinder, die vernachlässig wurden oder Gewalt erlebt haben, zeigen im Vergleich dazu eine bis zu dreißigprozentige Verminderung ihrer grauen Substanz.“ Dass die soziale Umwelt das menschliche Gehirn formt, ist heute alles andere als eine gewagte Außenseiterhypothese, sondern Stand der modernen Neurowissenschaften. Joachim Bauer ist Arzt, Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Bestsellerautor von Sachbüchern.

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An den Fürstenhöfen Italiens entfaltete sich eine erotische Kultur

Katholische Sexualmoral gilt weltweit als verklemmt. Doch das war nicht immer so. Papst Alexander VI. (1492 – 1503) hatte mehr als ein Dutzend leibliche Nachkommen; den letzten zeugte er siebzigjährig während seines Pontifikats. Volker Reinhard erklärt: „Zu dieses Zeit lebten viele Kardinäle mit ihren Mätressen in eheähnlichen Gemeinschaften zusammen. Für diejenigen, die mehr Abwechslung liebten, standen in den größeren Städten Kurtisanen mit einem breiten Spektrum an Dienstleistungen bereit.“ In diesem Klima konnte sich an den Fürstenhöfen Italiens eine erotische Kultur entfalten, die mit der Katholischen Reform ab etwa 1550 zurückgedrängt und überdeckt wurde. Ihre eindrucksvollsten Zeugnisse haben sich im Palazzo del Tè erhalten, den der große Allroundkünstler Giulio Romano ab 1525 für den Marktgrafen von Mantua errichtete und mit Fresken verzierte. Volker Reinhardt ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Fribourg. Er gehört international zu den führenden Italien-Historikern.

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Kulturelle Vielfalt vergrößert die individuelle Freiheit

Amartya Sen stellt fest: „Die Freiheit, an der eigenen ethnischen Lebensweise festzuhalten, etwa was die Nahrungsgewohnheiten oder die Musik angeht, kann gerade infolge der Ausübung kultureller Freiheit die kulturelle Vielfalt einer Gesellschaft erhöhen.“ Die kulturelle Vielfalt ergibt sich in diesem Fall als unmittelbare Konsequenz aus der Wertschätzung der kulturellen Freiheit. Vielfalt kann auch für die nicht direkte Betroffenen eine positive Rolle spielen, indem sie deren Freiheit vergrößert. Eine kulturell vielfältige Gesellschaft kann für andere in dem Sinne vorteilhaft sein, dass sie aus einer großen Vielfalt von Erfahrungen schöpfen kann. Wenn es jedoch allein um die Freiheit – einschließlich der kulturellen Freiheit – geht, kann der kulturellen Vielfalt keine unbedingte Bedeutung zukommen. Amartya Sen ist Professor für Philosophie und Ökonomie an der Harvard Universität. Im Jahr 1998 erhielt er den Nobelpreis für Ökonomie.

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Menschen sehen sich nach der Ursprünglichkeit der Natur

Die Natur steht für das Beharrliche, das wertvoller wird, wenn Veränderungen das Leben dominieren. Wilhelm Schmid ergänzt: „Sie ist das Nichttechnische, Ursprüngliche, nach dem Menschen sich sehnen, je mehr die jeweils neueste Technik das Leben bestimmt. In den ungreifbaren, unsinnlichen Welten der Virtualität wächst erst recht das Bedürfnis nach der greifbaren, sinnlichen Erfahrbarkeit einer Realität, die lange vor den Menschen da war und lange nach ihnen noch da sein wird.“ Die Natur ist das Basislager, von der das Menschsein ausgeht. Sie wird wieder zur Heimat, die sie immer war, auch als sie nur noch das war, was draußen ist, wenn das Autofenster geöffnet wird. Heimat heilt, und in besonderem Maße gilt das für die Heimat in der Natur. Wilhelm Schmid lebt als freier Philosoph in Berlin.

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Kulturen entstehen aus Mythenbildungen

Menschliche Vergesellschaftung ist fundamental fiktional. Derjenige Zusammenhang menschlicher Gruppen, den wir als „Gesellschaft“ oder „Kultur“ anzusprechen gewohnt sind, verdankt sich historisch der Mythenbildung. Markus Gabriel erklärt: „Der Mensch ist ohne das mythologische Bewusstsein seiner Stellung im nicht-menschlichen Kosmos nicht zu verstehen.“ Yuval Noah Harari verspielt diese Einsicht freilich sogleich, indem er eine einseitig naturalistische „Geschichte“ der Menschheit erzählt. Diese wiederholt alle handelsüblichen teleologischen Muster. Diese führen von primitivem Überleben hin in die moderne, europäische Zivilisation und die in seiner Story nicht zufällig in Kalifornien kulminieren. Wie sein wahres Vorbild, Friedrich Nietzsche, bedient er sich der unvermeidlichen Narrativität des menschlichen Selbstseins. Damit will er den Übermenschen vorbereiten. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

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Gärten changieren zwischen Wildnis und Zähmung

Die Philosophie der Gärten füllt Bibliotheken zwischen Japan und England. Sie stellt von Anfang an die Frage, ob es neben der Unterwerfung nicht auch ein kollaboratives Formen und Weiterdenken von Möglichkeiten natürlicher Gestaltung geben könne. Philipp Blom stellt fest: „Im Garten war immer schon die Spannung zwischen Wildnis und Zähmung präsent.“ Im europäischen Mittelalter entstand daraus der „Hortus conclusus“. Nämlich der umhegte Ort, an dem die Jungfrau und das Einhorn in mystischer Eintracht leben. Es handelt sich dabei um einen organisierten Raum, der allegorisch alle Ordnungen der Schöpfung abbilden soll und dessen Pflanzen eine eigene symbolische Sprache sprechen. Der Gegensatz von Natur und Kultur fand seinen Ausdruck in dieser Praxis. Philipp Blom studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford. Er lebt als Schriftsteller und Historiker in Wien.

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Die Liebe ist das schwarze Loch aller moralischen Überlegungen

Emanuele Coccia weiß: „Dass es so schwer ist, über die Liebe – und damit über das Zuhause – nachzudenken, liegt allerdings nicht nur an der Zerbrechlichkeit und moralischen Blindheit unserer Kultur. Vielmehr ist die Liebe schon aufgrund ihrer Beschaffenheit das schwarze Loch aller moralischen Überlegungen.“ Denn sie ist der ethische Raum, in dem sich das Leben nicht auf Vorschriften, Gesetze oder Gewissheiten stützen kann. Der Grund dafür ist jedoch nicht ihr vermeintlich anarchisches Wesen, denn in Wahrheit gibt es nichts Strukturierteres als die Erfahrung der Liebe. Aber es ist eine besondere Struktur. In der Antike bezeichnete man moralische Kategorien wie diese üblicherweise als „Mysterien“, als Bereiche der Existenz also, in denen man sich nicht auf Wissen oder Gesetzmäßigkeiten verlassen kann, sondern in die man eingeweiht werden muss. Emanuele Coccia ist Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.

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Die junge Generation kann mit Mehrdeutigkeit leben

Konservative Menschen hegen einen Wunsch nach Struktur und Klarheit und sie wollen deutlich zwischen Gut und Böse unterscheiden. Die junge Generation hingegen kann nicht nur besser als ihre Eltern und Großeltern mit Fremdheit, Mehrdeutigkeit und Vagheit leben. Sie findet das sogar ästhetisch ansprechend. Philipp Hübl weiß: „Daher sind Komplexität und Ambivalenz ein neues und dominierendes Merkmal der Unterhaltungsindustrie.“ Die großen Narrative der Gegenwart, also Fernsehserien und Computerspiele, die besonders bei jungen Menschen beliebt sind, setzen weder auf eindeutige Rollenverteilungen noch auf eine abgeschlossene Handlungsführung. Selbst der von Daniel Craig gespielte James Bond ist nicht mehr der unbesiegbare Gentleman-Spion. Sondern er ist ein traumatisierter Alkoholiker und, trotz maskuliner Statur, verletzlicher Mann. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).

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Die Politik muss für das Wohlgefühl der Bürger sorgen

Das Potenzial, mithilfe abstrakter Vorstellungen gemeinsame Ziele und Perspektiven zu entwickeln und dadurch Verbundenheit und Identität zu fördern, besitzt auch die Politik. Hans-Otto Thomashoff kritisiert: „Aber sie lässt es bei uns seit Jahrzehnten weitgehend ungenutzt.“ Dabei kann Politik Hoffnungen wecken, Visionen, für die die Menschen bereit sind, sich einzubringen. Was als Idee beginnt, kann, einmal entfacht, zu einer Neugestaltung gesellschaftlichen Miteinanders werden, zu einer Revolution – im Guten wie im Schlechten. Eine zukunftsorientierte Politik sollte bewusst und gezielt an der Weiterentwicklung der Gesellschaft arbeiten. Hierzu muss sie Anstoß geben zum Fantasieren, zum Diskutieren und zum konkreten Umsetzen. Sie sollte berücksichtigen, was Menschen brauchen, um sich im Leben wohlzufühlen. Und das ist eben mehr als nur die Absicherung der wirtschaftlichen Existenz. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.

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Die Kunst orientierte sich einst an der Nachahmung

Die Kunst zählt zu den großen Werten der europäischen Kultur. Dabei nimmt sie selbst an dem Wertekanon der Gesamtkultur Anteil. Silvio Vietta sagt: „Solange die Wahrnehmung der Welt in der europäischen Denkgeschichte als eine Art Abdruck der Dinge im Bewusstsein des Menschen begriffen wurde, orientierte sich auch die Kunst an dem Begriff der Nachahmung bzw. Mimesis.“ In seiner Poetik definiert Aristoteles das Drama als eine Form der „Mimesis der Handlung“ des Mythos. Die europäische Kunst und auch Literatur begriffen sich selbst dann im Weiteren als „Nachahmung der Natur“. Diese Vorstellung dominierte bis weit ins 18. Jahrhundert hinein. Und dieser Auffassung entsprach auch eine Praxis des Zeichnens und Malens „nach der Natur“. Prof. em. Dr. Silvio Vietta hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt.

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Es gibt universelle moralische Prinzipien

Der amerikanische Psychologe Jonathan Haidt und andere Forscher neigen zu einem Relativismus, der zugespitzt lautet: Jede Kultur hat ihre eigene Moral. Philipp Hübl erläutert: „Wenn die Moral den Gefühlen gehorchen muss, kanns sie als Sklavin der Leidenschaften schwerlich universell sein.“ Im Westen ist moralischer Relativismus heute oft aus Minderheitenschutz heraus, also aus Fürsorge und Fairness motiviert. Denn es besteht die Angst, in der Moral kolonialistisch oder „ethnozentrisch“ zu verfahren. Doch universelle moralische Prinzipien sind nicht „westlich“, nur weil einige von ihnen zuerst im Westen formuliert wurden. Genauso wenig ist das Prinzip des gewaltlosen Widerstands gegen Unterdrücker „indisch“, nur weil es Mahatma Gandhi als Erster erfolgreich gegen die britischen Besatzer eingesetzt hat. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).

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Im natürlichen Zustand gibt es nur Stärke und Schwäche

Im natürlichen Zustand gibt es weder Freiheit noch Unfreiheit, sondern nur Stärke und Schwäche. Und die Beherrschung der Schwachen durch die Starken. Christoph Menke erklärt: „Die Hervorbringung der Freiheit beginnt damit, dass dieser Zustand aufhört natürlich zu sein – oder natürlich zu scheinen – und die Abwesenheit der Freiheit als Unfreiheit erfahren wird.“ Nämlich als Negation der Freiheit, als Knechtschaft. Das macht diesen Zustand zu einem nichtnatürlichen; zu einem Zustand, in dem nicht frei zu sein heißt, der Freiheit beraubt zu sein. Mit dieser Erfahrung befinden sich die Menschen zum ersten Mal – in der Gesellschaft. Die erste wahrhafte Erfahrung eines nichtnatürlichen Verhältnisses, ist die Erfahrung der Unfreiheit. Christoph Menke ist Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

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Die Kultur bringt die Emanzipation hervor

Es ist, alles in allem, die Kultur, die dem Menschen die Chancen eröffnet, sich durch eigene Anstrengung von vorgegebenen Konditionen zu emanzipieren. Volker Gerhardt erklärt: „In der Regel ermöglicht man das auf diese Weise Erreichte durch Konventionen, durch sprachliche Variation oder durch das Recht, auf alternative Weise zu leben.“ Die unzähligen neuen Techniken, die der Mensch im Lauf seiner viertausendjährigen Entwicklung auf den Weg gebracht hat, sind auch Gegenstand seiner institutionellen Einordnung geworden. Im Gang der kulturellen Entwicklung ist es dabei immer wieder zu mehr oder weniger tiefgreifenden Einteilung der Menschen nach Ständen, Kasten oder Klassen gekommen. Dominierende Eroberer, Gottkönige und ihre Adlaten haben Menschen unterworfen, ausgebeutet und nicht selten wie bloße Waren behandelt. Volker Gerhardt war bis zu seiner Emeritierung 2014 Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin.

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Cancel Culture zieht sich durch die Kulturgeschichte der Menschheit

Cancel Culture ist ein uraltes Phänomen, das sich durch die Kulturgeschichte der Menschheit zieht. Dazu zählen Praktiken, um diejenigen zum Schweigen zu bringen, deren Auffassungen von den eigenen in störender Weise abweichen. Julian Nida-Rümelin stellt fest: „Manchmal sind diese Praktiken todbringend, wie in den Ketzerprozessen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Neben der Androhung oder Vollstreckung des physischen Todes gibt es die Praxis des sozialen Todes, des nachhaltigen Ausschlusses aus der Gemeinschaft.“ Im Römischen Imperium war die Verbannung neben der Ermordung ein bei Kaisern und anderen Potentaten beliebtes Instrument der Cancel Culture. Auch das Scherbengericht in den griechischen Stadtstaaten zählt dazu. Es zwang beispielsweise Alkibiades, den Feldherren und lange Zeit Liebling der Athener, mitten im Krieg gegen Syrakus zum Abbruch seiner militärischen Mission und zur Rückkehr nach Athen. Dort musste er sich vor einem Tribunal verantworten. Julian Nida-Rümelin gehört zu den renommiertesten deutschen Philosophen und „public intellectuals“.

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Stammesmentalität hindert oft beim klaren Denken

Menschen denken in Gruppen und drehen in Gruppen durch. Doch um wieder zu Sinnen zu kommen, ist jeder auf sich gestellt. Philipp Hübl weiß: „Unsere Stammesmentalität hindert uns oft am klaren Denken.“ Mit der progressiven Revolution legen viele Menschen insgesamt weniger Wert auf Autorität und Loyalität und sind dadurch weltweit weniger kollektivistisch. Doch gerade im Internet kann man eine „Retribalisierung“ beobachten, nämlich die Ausbildung moderner Stämme und die Radikalisierung der Etablierten. Es kämpfen neue Rechte gegen alte Linke, Veganer gegen Fleischesser, Fahrradfahrer gegen Autofahrer, Impfgegner gegen Naturwissenschaftler, Gläubige gegen Atheisten. Denn wer aus dem Blickwinkel seiner Stammesidentität lange genug hinschaut, entdeckt immer irgendwo Nachteile für die eigene Gruppe und moralische Verstöße bei den anderen Gruppen. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).

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Menschen haben verschiedene Identitäten

Es ist keine neue Erkenntnis, dass die Menschen verschiedene Identitäten haben können und tatsächlich auch haben. Diese sind an verschiedene wichtige Gruppen geknüpft, denen sie gleichzeitig angehören. Amartya Sen fügt hinzu: „Im normalen Leben sehen wir uns als Mitglieder einer Vielzahl von Gruppen, denen wir allen angehören.“ Jedes dieser Kollektive, denen allen der Betreffende angehört, verleiht ihm eine potentielle Identität, die je nach Kontext sehr wichtig sein kann. Die Darstellung Indien in Samuel P. Huntigtons Buch „Der Kampf der Kulturen“ als einer hinduistischen Kultur ist für Amartya Sen ein grober Fehler. Grobheit der einen oder anderen Art findet man dort auch in der Charakterisierung anderer Kulturen. Amartya Sen ist Professor für Philosophie und Ökonomie an der Harvard Universität. Im Jahr 1998 erhielt er den Nobelpreis für Ökonomie.

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