Digitale Technologien erweitern den Raum des Möglichen dramatisch

Zwei besondere Eigenschaften der digitalen Technologie erklären, warum diese den Raum des Möglichen für die Menschheit dramatisch erweitert und deutlich über alles bisher Mögliche hinausgeht: Null-Grenzkosten und universelle Programmierbarkeit. Albert Wenger erläutert: „Sobald eine Information im Netz vorhanden ist, kann sie überall im Netz ohne zusätzliche Kosten abgerufen werden. Und da immer mehr Menschen auf der ganzen Welt Internetzugriff haben, bedeutet überall im Netz zunehmend überall auf der Welt.“ Die Server, Netzwerkverbindungen und Endgeräte sind ohnehin in Betrieb. Es kostet also nichts, eine zusätzliche digitale Kopie der Informationen anzufertigen und sie über das Netz zu übertragen. In den Wirtschaftswissenschaften spricht man in diesem Fall von Null-Grenzkosten. Das bedeutet nicht, dass man nicht versuchen wird, für diese Informationen Geld zu erlangen und es in vielen Fällen auch tut. Aber auch hier spielt nur der Preis, nicht die Kosten, eine Rolle. Albert Wenger ist ein weltweit beachteter Investor.

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Jedes Leben besitzt eine unantastbare Würde

Jeder Mensch hat Angst. Es ist normal, Angst vor Gewalt, Krieg, Armut, Einsamkeit und Tod zu haben. Rebekka Reinhard betont: „Weniger normal sollte es sein, Angst vor den anderen zu haben, die genauso fehleranfällig und liebesbedürftig sind wie man selbst.“ Eine menschliche Gesellschaft besteht aus Individuen unterschiedlichster Haar-, Haut-, Augenfarben und Gewichtsklassen mit oft sehr widersprüchlichen Ideen und Meinungen. Jeder Mensch ist einzigartig, jedes Leben besitzt eine unantastbare Würde, inklusive das „randständigste“. Eine Gesellschaft, deren Mitglieder die Basics der Humanität vor lauter Rauschen, in dem so viel Ideologie, Angst und Panik stecken, vergessen und nach und nach verlernen, jenseits aller Unterschiede und Widersprüche im Alltag konkret und unideologisch miteinander umzugehen, verlieren ihr Herz. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.

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Daniel Schreiber befällt eine umfassende Desillusionierung

Daniel Schreiber erklärt: „In den vergangenen Monaten hatte sich immer häufiger eine Einsicht eingestellt, die ich fast körperlich spürte, eine Einsicht, die ich versuchte von mir fernzuhalten, obwohl mir das nur selten gelang. Sie gehörte zu jenen Dingen in meinem Leben, von denen ich eigentlich so wenig wie möglich wissen wollte.“ Auch jetzt wehrte sich Daniel Schreiber dagegen. Am besten ließ sich diese Einsicht als umfassende Desillusionierung beschreiben. Er fühlte sich in der Gesellschaft, in der er lebte, immer weniger zuhause. Die Nachrichtenlage ließ Daniel Schreiber jeden Tag von Neuem bestürzt zurück, fassungslos und traurig. Ihm war die Fähigkeit abhandengekommen, die Welt zu lieben. Und er wusste nicht, wie er den damit eingehenden Gefühlen von Ohnmacht und Lähmung begegnen konnte. Daniel Schreiber ist Schriftsteller. Mit seinen Texten hat er eine neue Form des literarischen Essays geprägt.

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Weltweit sinken die Geburtenraten

Andreas Hoffmann stellt fest: „Die Deutschen beschwören seit über 100 Jahren, dass sie ein Land der Faltigen und Weißhaarigen werden, dass die Rentenkasse kollabiert, und es ist immer kurz vor knapp. Die Katastrophe aber will und will nicht eintreten.“ Die Zukunft ist scheinbar dennoch ein Gruselkabinett, jede Statistik, jede Grafik ein Anlass zum Fürchten. Ein Drehbuch zur Apokalypse. Das ist nicht nur in Deutschland so. Die Alarmsirenen heulen überall. Weltweit sinken die Geburtenraten. Im Jahr 2100 sollen nur noch sechs Länder übrig sein, in denen die Bevölkerung nicht schrumpfen wird. Das gelingt nur, wenn jede Frau im Schnitt 2,1 Kinder zur Welt bringt. Die Länder, die dieses Kunststück schaffen sollten, heißen Samoa, Tonga, Somalia, Niger, Tschad und Tadschikistan. Andreas Hoffmann ist Journalist. Als diplomierter Volkswirt schreibt er über Sozial-, Gesundheits- und Wirtschaftspolitik.

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Wahrheit ist nicht allein ein philosophisches Thema

Keine Frage, die Philosophie hat ein besonderes Verhältnis zur Wahrheit. Nicht dass Wahrheit allein ein philosophisches Thema wäre. Im Gegenteil: Die Wahrheit und vor allem das, was sie mit den Menschen macht, geht über die Philosophie hinaus. Peter Trawny betont: „Dennoch hat die Philosophie sozusagen – immerhin – ein angeborenes Vorrecht, zu untersuchen, zu erklären, was Wahrheit ist. Denn wo sonst, wenn nicht in der Philosophie, wird gefragt, was Wahrheit sei?“ Ob sie dabei erfolgreich ist und was Erfolg an dieser Stelle heißen kann, sind andere Fragen. Dass also Philosophen immer wieder vor die Frage jenes römischen Statthalters in Jerusalem – „Was ist Wahrheit?“ – gestellt worden sind, gehört zu ihrem Beruf. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.

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Erschöpfung ist ein Warnsignal

Anna Katherina Schaffner schreibt: „Wenn wir vor lauter Erschöpfung immer langsamer und schwächer werden, ist der erste Schritt zu akzeptieren, dass es so nicht weitergeht. Erschöpfung ist ein Warnsignal, egal ob körperlich oder mental. Sie fordert uns auf, innezuhalten und Ruhe zu suchen.“ Wer vollkommen ausgebrannt ist, kann sich nicht mehr konzentrieren und fühlt sich außerstande, auch nur die einfachsten Arbeitsaufgaben zu erledigen. Der Körper sagt nein und weigert sich zu funktionieren, solange die tieferliegenden Themen nicht angegangen werden. Durch den Zusammenbruch versucht er uns vor weiterem Schaden zu schützen und uns etwas mitzuteilen. Aber was genau will uns diese tiefgreifende Erschöpfung sagen? Gut möglich, dass es unangenehme Wahrheiten sind. Anna Katherina Schaffner ist Kulturhistorikerin und zertifizierter Burnout-Coach.

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Die Aufmerksamkeit stiftet eine Verbindung zwischen uns und der Welt

Das Titelthema des neuen Philosophie Magazins 05/2026 lautet: „Aufmerksam sein. Wie wir uns mit der Welt verbinden.“ Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler schreibt in ihrem Editorial: „Wer mit der Welt wahrhaft in Kontakt steht, richtet die eigenen Sinne auf das, was jetzt und hier geschieht; tritt ein in Wechselspiel von aktiver Wahrnehmung und passiver Verführung durch dieses oder jenes Detail; öffnet sich für unverhoffte Schönheit.“ An unseren Aufmerksamkeitsmustern lässt sich ablesen, wer wir sind und welche Ausschnitte der Welt wir wahrnehmen. In ihnen zeigt sich erstens, was für uns als Gattungswesen von Bedeutung ist. Zweitens zeigen sich in ihnen die Werte und Vorstellungen unserer Kultur. Drittens offenbart sich in den Aufmerksamkeitsmustern des Einzelnen auch etwas Individuelles und Unvorhergesehenes. Vor allem aber stiftet unsere Aufmerksamkeit eine Verbindung zwischen uns und der Welt. Denn wir richten unsere Aufmerksamkeit auf Aspekte, die uns wichtig sind, und öffnen uns zugleich für das, was uns entgegenkommt, uns berührt und bewegt.

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Fortschritt scheint mit Glück und Lebensqualität verbunden zu sein

Der Psychologe Steven Pinker schreibt: „Glück ist besser als Leid. Gelegenheiten, Familie, Freunde, Kultur und Natur zu genießen, sind besser als Schufterei und Monotonie.“ Gebe es von all diesen Errungenschaften mehr, also mehr Wissen, Glück und Lebensqualität, dann sei das Fortschritt. Petra Pinzler hat daran ihre Zweifel: „Klingt überzeugend. Nur, so recht der Mann mit seiner Aufzählung hat, so geschickt umschifft er doch die Untiefen und drückt sich vor den entscheidenden Fragen: Wie müssen die Menschen mit der Welt umgehen, damit diese Ziele noch erreicht werden können? Welche Bedingungen müssen geschaffen werden, damit sie auch dauerhaft existieren? Und wie will man das Ganze eigentlich messen, um Erfolge oder Misserfolge zu dokumentieren?“ Petra Pinzler arbeitet als Hauptstadtkorrespondentin der Wochenzeitung „Die Zeit“. Sie schreibt zudem Bücher über Wirtschaft, Umwelt und Klimaschutz.

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Drei ist eine magische Zahl

Man kann sich auf die Suche nach den prähistorischen Ursprüngen des Schwarz-Weiß-Denkens machen, indem man in der Evolutionsgeschichte weit zurückgeht. Dabei stellt man fest, dass drei die magische Zahl ist, wenn es darum geht, Meinungen zu prägen, Meinungen zu ändern und andere auf seine Seite zu ziehen. Kevin Dutton erklärt: „Tief im Nebel unserer dunklen, darwinistischen Vergangenheit decken wir eine geheime goldene Triade dyadischer Superkategorien auf.“ Diese haben bis heute einen tiefgreifenden, mächtigen Einfluss auf die leicht zu beeinflussenden menschlichen Gehirne. Menschen, die einen anderen von etwas überzeugen wollen, müssen diese Superkategorien nur strategisch nutzen, um einen auf ihre Seite zu ziehen. Dabei geht es um Kampf versus Flucht, wir versus sie und richtig versus falsch. Kevin Dutton ist Forschungspsychologe an der University of Oxford und Mitglied der British Psychological Society.

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Die Zukunft ist ein Menschending

Das neue Buch von Rebekka Reinhard „Zukunft ist kein Männerding“ ist ein Frauenbuch, das absolut kein Frauenbuch sein will. Es ist ein Buch für alle, die neugierig sind, wie es weitergeht. Die große Lust auf Zukunft haben – eine Zukunft, die sie nicht passiv machtbesoffenen Bros überlassen, sondern selbst entwerfen und aktiv mitgestalten wollen. Zukunft ist kein Männerding, sondern ein Menschending. Dieses Buch ist eine Einladung, alles anders zu betrachten. Und alles anders zu machen. Die herrschenden Machtdynamiken auf eine Weise außer Kraft zu setzen, wie du es noch nie versucht hast. Macht ist hochdynamisch, wandelbar in alle Richtungen. Wie das Leben. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.

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Joseph Stiglitz erklärt den Freiheitsbegriff auf verständliche Weise

Letzten Endes wird Joseph Stiglitz zeigen, dass die wahren Anhänger eines tiefen, bedeutungsvollen Freiheitsbegriffs der progressiven Bewegung sowohl in den USA als auch im Rest der Welt nahestehen. Sie und die Mitte-links-Parteien, die sie repräsentieren, müssen wieder die Kontrolle über die Freiheitsagenda übernehmen. Insbesondere von den Amerikanern verlangt dies, die Geschichte und die Gründungsmythen ihres Landes einer Neubewertung zu unterziehen. Der erste Teil von Joseph Stiglitz‘ Buch „Der Weg zur Freiheit“ besteht darin, den Freiheitsbegriff aus der Sicht der Wirtschaftswissenschaften des 21. Jahrhunderts auf eine verständliche und einfache Weise zu erklären, so wie es John Stuart Mill im der Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem klassischen Werk „Über die Freiheit“ (1859) getan hat. Joseph Stiglitz war Professor für Volkswirtschaft in Yale, Princeton, Oxford und Stanford. Heute lehrt er an Columbia University in New York und ist ein weltweit geschätzter Experte zu Fragen von Ökonomie, Politik und Gesellschaft.

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Gute Freude sollten widersprechen

Ward Farnsworth fasst die sokratische Methode in aller Kürze zusammen. „Wenn jemand eine Behauptung dazu aufstellt, was richtig und falsch oder gut oder schlecht ist, so hinterfrage sie. Frage, was dein Gesprächspartner mit der Aussage meint, erkundige dich nach anderen Überlegungen, die dein Gegenüber hegt, und suche nach Widersprüchen und Spannungen zwischen diesen Äußerungen. Mache durch deine Fragen deutlich, dass die Behauptung für denjenigen, der sie aufgestellt hat, zumindest stellenweise unbefriedigend gewesen sein muss.“ Tatsächlich widerspricht du deinem Gesprächspartner jedoch so geschickt, dass nicht der Eindruck eines Streits entsteht. Dein Gegenüber wird seine Behauptung anpassen, und auch die neue Äußerung wird von dir hinterfragt. Ward Farnsworth war Dekan an der University of Texas School of Law und ist dort am John-Jeffers-Forschungslehrstuhl tätig.

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Der Hintergrund der Wirklichkeit ist geistiger Art

Der US-amerikanische Denker und Linguist Noam Chomsky weist darauf hin, dass die Menschheit mit dem Zusammenbruch des mechanistischen Weltbildes einen greifbaren Begriff der Materie verloren hat. Aus dem klassischen cartesischen Dualismus von Geist und Materie ist keinesfalls der Geist verschwunden, sondern die Materie. Fabian Scheidler ergänzt: „Das Rätsel vom „Gespenst in der Maschine“ hat sich aufgelöst, weil es die Maschine gar nicht gibt.“ Es habe, so Noam Chomsky, daher auch keinen Sinn mehr, vom „Leib-Seele-“ oder „Körper-Geist-Problem zu sprechen. Denn die Rede von physikalischen Körpern hat ihren einstigen Gehalt verloren. Der deutsche Physiker Hans-Peter Dürr formuliert dies so: „Der eigentliche Hintergrund der Wirklichkeit ist nicht materieller Art, sondern geistiger Art. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.

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Die Anfänge der Philosophie entwickeln sich in Griechenland

Freiheit und Gleichheit bedingen sich gegenseitig. Volker Gerhardt erläutert: „Erst im Bewusstsein der Gleichbehandlung durch das Gesetz, auf das jeder entweder so oder anders reagieren kann, kommt die Freiheit der eigenen Entscheidung eines politisch eingebundenen Einzelnen zu Bewusstsein.“ Herodot, so viel ist sicher, nimmt die Anfänge der Philosophie in Griechenland aufmerksam wahr und ist auch mit dem Abstraktionsgewinn der ionischen Denker vertraut. Xenophanes, Heraklit und Anaxagoras führen vor Augen, wie sicher sie bereits mit Begriffen wie Gott, Natur, Mensch und Geist umzugehen verstehen. Sie denken die Individualität der Dinge und Menschen als zugehörige Momente der Universalität des Kosmos und können somit auch die Freiheit der Einzelnen mit dem allgemeinen Gesetz des Staates zusammendenken. Volker Gerhardt lehrte bis 2012 als Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin. Dort ist er auch weiterhin als Seniorprofessor tätig.

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Laut der Politischen Ökonomie ist jeder Mensch egoistisch

Die Grundthese, auf der die Politische Ökonomie beruht, lautet, dass jeder Mensch egoistisch ist, oder zumindest eigennützig. Ben Ansell ergänzt: „Es gibt vieles, was Sie sich wünschen, und Sie werden Ihr Möglichstes tun, um es zu erreichen. Eigeninteresse herrscht überall. Es erklärt, warum wir so handeln, wie wir es tun. Und warum wir davon ausgehen sollten, dass auch andere so handeln.“ Manche Menschen mögen einwenden, dies sei eine sehr zynische Weltsicht. Doch sich mit Eigennutz auseinanderzusetzen, bedeutet nicht, ihn zu billigen. Es ist gewiss kein moralischer Kompass, nach dem man sein Leben ausrichten sollte. Eigennutz ist vielmehr ein nützliches Analysewerkzeug: die Grundlage der Theorien, die wir entwickeln, um menschliches Verhalten zu erklären. Ben Ansell ist Professor für Politikwissenschaften am Nuffield College der Universität Oxford.

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Jean-Jacques Rousseau war schon zu Lebzeiten ein Mythos

Jean-Jacques Rousseau schreibt in seinen „Träumereien“: Ich unternehme dasselbe, was Montaigne unternahm, aber mit einem ganz entgegengesetzten Zweck, denn er schrieb seine „Essais“ nur für andere, und ich schreibe meine Träume nur für mich.“ Rousseau schrieb dies im Jahr 1776, zwei Jahre vor seinem Tod. Rüdiger Safranski weiß: „Er musste vorsichtig sein, denn noch immer galt formell der Haftbefehl von 1762. Damals ergangen wegen des Erziehungsromans „Emile“ und der Abhandlung über den „Gesellschaftsvertrag“. Rousseau hatte es inzwischen aufgegeben, sich direkt an die Öffentlichkeit zu wenden.“ Zu diesem Zeitpunkt war Jean-Jacques Rousseau der berühmteste und meistgelesene Schriftsteller Europas. Seine Lebensgeschichte war bereits zum Mythos geworden. Rüdiger Safranski arbeitet seit 1986 als freier Autor. Sein Werk wurde in 26 Sprachen übersetzt und mit vielen Preisen ausgezeichnet.

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Die CDU pflegt das Image einer Partei der Unbeugsamen

Noch ein anderer CSU-Mann darf in einer Reihe der fehlbaren Politiker nicht fehlen: Karl-Theodor von Guttenberg, der frühere Wirtschafts- und Verteidigungsmister. Auch er hat einen ähnliche Art des Fehlerumgangs wie Andreas Scheuer oder Host Seehofer an den Tag gelegt, ist aber nicht damit durchgekommen. Helene Bubrowski vermutet: „Die Enthüllung über seine plagiierte Doktorarbeit, die seine politische Karriere beendet hat, hätte er vielleicht überstanden, wenn er seinen Fehler nicht erst abgestritten und dann bagatellisiert hätte.“ Seine Rechtfertigung bleibt unvergessen: Die Arbeit sei „über etwa sieben Jahre neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit entstanden“. Es ist kein Zufall, dass wir so oft bei derselben Partei landen. Die CSU pflegt wie keine andere das Image, die Partei der Unbeugsamen zu sein. „Mia san mia“. Helene Bubrowski arbeitet als Politikkorrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Berliner Hauptstadtbüro.

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Die Zukunft braucht den Menschen nicht

Rebekka Reinhard schreibt: „Niemand weiß, was kommt. Die Zukunft braucht den Menschen nicht. Aber der Mensch braucht die Zukunft. Ohne sie kann er nicht leben, auch wenn er vielleicht zu dumpf, zu schwach, zu verletzlich für sie ist.“ Dann braucht er sie erst recht, weil nur so die Chance so immer neuen Einkehr- und Umkehrmomenten besten, die ihn bestenfalls klüger und humaner machen. Wir stehen nicht am Ende der Zeiten, sondern immer an einem Anfang. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ – ein guter Zeitpunkt, um diesen Satz des Sokrates aus der Mottenkiste zu holen. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.

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Die psychischen Erkrankungen haben ein historisches Hoch erreicht

Die Digitalisierung der Psyche führt zu einem Informationsverlust. Diana Pflichthofer erklärt: „Es geht dann beispielsweise nur noch darum, ob etwas, ein X, da ist oder nicht, und nicht mehr darum, in welcher Ausführung oder aus welchen Gründen es existiert.“ Mit dem digitalisierenden Ansatz allerdings kann man leichter Fragebögen erstellen, die beispielsweise Symptome abfragen: Kopfschmerzen, ja oder nein? Schlechte Stimmung, ja oder nein? Nur um welche Kopfschmerzen es sich handelt, und vor allem wie diese erlebt werden oder wie genau die schlechte Stimmung aussieht und so weiter, das lässt sich damit nicht abbilden. Am Ende aber erhält man Skalen und Zahlen, sie sich wiederum schematisieren lassen. Das ist alles insofern praktisch, als man dann auch vermeintliche Angebote machen kann, wie man solche „Dinge“ mit einem x-Wochen-Programm, einem therapeutischen Manual und der Re-Programmierung aus der Welt schafft. Dr. Diana Pflichthofer ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytikerin und Gruppenanalytikerin.

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Verantwortung ist nicht mit Gleichgültigkeit vereinbar

Verantwortung bedeutet, nicht gleichgültig sein zu wollen und sich dem zu widmen, was zu tun ist. Aus einer Position heraus, die viele Menschen eint: die der Menschlichkeit. Aber was heißt das ganz konkret? Ina Schmidt erläutert: „Der australische Philosoph Peter Singer beschreibt in einem seiner Aufsätze ein Gedankenexperiment, das er „Das Kind im Teich“ nennt. Drohe vor unseren Augen ein Kind in einem Teich zu ertrinken, so könnten wir gar nicht anders, als ihm zu helfen. Es gäbe keinen Zweifel daran, dass dies die richtige Tat wäre.“ Selbst wenn noch andere Menschen am Ufer wären oder man nicht schwimmen könnte, würde man sich aufgerufen fühlen, für Hilfe zu sorgen. Ina Schmidt ist Philosophin und Publizistin. Sie promovierte 2004 und gründete 2005 die „denkraeume“. Seitdem bietet sie Seminare, Vorträge und Gespräche zur Philosophie als eine Form der Lebenspraxis an.

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Sokrates lehrt einen neuen Umgang mit den existenziellen Fragen des Lebens

Agnes Callard bringt Sokrates in ihrem gleichnamigen Buch zurück in die Mitte unseres Lebens und zeigt, dass wir alle wie Sokrates denken können: Indem wir lernen, in sokratischer Manier Fragen zu stellen, um so einen neuen Umgang mit der Liebe, dem Tod und der Politik zu entdecken. Sokrates sah sich mit tiefgründigen Fragen konfrontiert, die er nicht beantworten konnte. Dabei kam er zu dem Schluss, dass dies nicht das Schlimmste, sondern das Beste war, was ihm je passiert war. Sokrates strebte nach Glück, indem er diesen Fragen nicht auswich oder sie beiseiteschob, sondern sich kopfüber in sie stürzte, und zwar so sehr, dass er in seinem Leben nie mehr etwas anderes tun wollte. Agnes Callard ist Professorin für Philosophie an der University of Chicago und forscht insbesondere zur antiken Philosophie und Ethik.

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Die klimatischen Bedingungen in der Arktis haben sich verschoben

Keine Frage, dass sich die klimatischen Bedingungen – gerade auch in der Arktis – verschoben haben, wie neuere Studien einmal mehr zeigen. Matthias Glaubrecht erklärt: „Demnach kam es in den beiden vergangenen Jahrzehnten zu knapp einem Dutzend Hitzewellen in den Randgebieten es Arktischen Ozeans mit durchschnittlich um mehr als zwei Grad wärmeren Meerestemperaturen and er Oberfläche.“ Auch in der Arktis waren 2023 und 2024 die wärmsten Jahre seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen vor anderthalb Jahrhunderten, wobei die fünf wärmsten je registrierten Jahre alle nach 2016 auftraten und zu einer unterdurchschnittlichen Ausdehnung des Meereises führten. Und keine Frage, dass sich damit die Umwelt der Eisbären ändert. Das wärmere Wasser und der anhaltende Verlust des Meereises beeinflussen das gesamte arktische Ökosystem, in dem es etwa zum Abriss von Nahrungsketten kommt und das Fundament der Nahrungspyramide ins Wanken gerät. Der Evolutionsbiologe und Biosystematiker Matthias Glaubrecht ist Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg.

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Es gibt unterschiedliche Wege zu einem als glücklich empfundenen Leben

Martin Seligman, Mitbegründer der Positiven Psychologie, untersuchte jahrelang extrem unglückliche und extrem glückliche Menschen, um herauszufinden, wodurch sich diese unterscheiden. Andreas Salcher erklärt: „Es zeigte sich, dass die Glücklichen nicht religiöser, reicher, erfolgreicher waren, sondern sich vor allem durch eine Eigenschaft gegenüber den Unglücklichen auszeichneten: Sie waren sehr gesellig, hatten befriedigende Liebesbeziehungen und viele Freude.“ Diese Erklärung war Martin Seligman aber zu einfach und vor allem zu undifferenziert, um sie auf jeden Menschen übertragen zu können. Er glaubte nicht daran, dass das gesamte menschliche Antriebssystem nur auf ein Motiv zurückzuführen wäre. Außerdem sah er den Begriff „Glück“ als zu allgemein, um damit sinnvoll arbeiten zu können. Dr. Andreas Salcher kämpft seit vielen Jahren für bessere Schulen und individuelle Talentförderung. Der Bestsellerautor gilt mit über 250.00 verkauften Büchern als einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren Österreichs.

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Die autoritären politischen Strukturen unterdrückten die Angstgefühle

Die politischen Entscheidungsträger trafen in der Vergangenheit völlig irrationale Entscheidungen, die dann beispielsweise im Ersten Weltkrieg explodierten. Oliver Rathkolb erklärt: „Diese Überforderung in den persönlichen Entwicklungen, geprägt von neuartigen psychischen Belastungen, führte auch zu neuartigen Erkrankungen. Das erste „nervöse Zeitalter“ war geboren. Angstgefühle wurden durch die autoritären gesellschaftlichen und politischen Strukturen unterdrückt.“ Die Schule der Psychoanalyse um Sigmund Freud oder die Romane von Franz Kafka liefern anschauliche Auseinandersetzungen mit diesen Entwicklungen. Extreme Lärmpegel in den rasant boomenden urbanen Zentren, exzessive Arbeits- und Wohnbedingungen sind weiter Rahmenbedingungen für das nervöse Zeitalter 1.0 und verschärfen den psychischen Druck auf die Menschen aller Gesellschaftsschichten. So kann der Erste Weltkrieg als Befreiungsschlag interpretiert werden, um diesem permanenten Veränderungsdruck zu entgehen. Oliver Rathkolb war langjähriger Vorstand und Professor des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien.

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Der Staat gewährt Sicherheit

Die verfassungsrechtliche Garantie von Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz kann manchmal für den Freiheitsberechtigten elementar an Wert verlieren. Nämlich wenn er durch Krieg und Terror bedroht ist oder sich gegen Gewalttätigkeit nicht wehren kann. Dies ist auch der Fall, wenn er als Flüchtling zu verhungern, zu verdursten oder zu erfrieren droht. Oder wenn ein Mensch in den Risiken von Freiheit, Alter und Arbeitslosigkeit alleingelassen wird. Paul Kirchhof erklärt: „Der Mensch ist in seiner Freiheit auf den Staat angewiesen. Ein Staat garantiert seinen Bürgern mit der ihm vorbehaltenen Hoheitsgewalt Sicherheit – historisch sogar Glück.“ Er beansprucht dafür Herrschaft über Menschen. Er weist die Menschen in die Schranken des Rechts und begründet Pflichten. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg.

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