Jürgen Wertheimer stellt das Projekt der Renaissance vor

Das vitale Projekt der Renaissance probte erfolgreich den Aufstand gegen eine Domestizierung und entwarf des Konzept von Individuen, die über die göttlichen und menschlichen Gesetze hinauswuchsen. Später im nervösen 18./19. Jahrhundert wurden diese Entwürfe einmal mehr gebändigt. Jürgen Wertheimer erklärt: „Wie es eigentlich immer um diese Antinomie geht: Das Gesellschafts-Ich im weitesten Sinne steht in höchster Spannung zum Individual-Ich. Wobei manchmal die soziale Seite dominiert wie im Realismus, dann wieder das autonome Ich ins Zentrum tritt wie in der Décadence.“ Bis hin zum Akt des Sich-Ausklinkens aus jeder Form der Wertegemeinschaft, in Sonderheit der demokratischen als einer gleichmacherischen. Moral als sozialer Vampirismus und Décadence als praktizierte Menschenverachtung. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

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Die Kolonialzeit wirkt bis in die Gegenwart nach

Um 1500 beginnt ein neues Zeitalter Europas und der Menschheit auf verschiedensten kulturgeschichtlichen Sektoren, die alle auch dramatische Rechtsfolgen hatten. Mit der Entdeckungsfahrt des Christopher Kolumbus fängt ein Zeitalter der Entdeckung und Eroberung der neuen Welt an, die zugleich eine Geschichte der Kolonisation der neu entdeckten Territorien einleitete. Silvio Vietta weiß: „Das war ein Prozess, der für die indigenen Bevölkerungen dieser Territorien katastrophal war, weil sie nicht als Rechtssubjekte im europäischen Sinne galten und daher rechtlos warne und somit versklavt oder auch umgebracht wurden.“ Das galt zunächst für die Bevölkerung Nord- und Südamerikas, aber ebenso für die Ureinwohner von Afrika, Neuseeland, Australien und anderer Zonen der Erde. Prof. em. Dr. Silvio Vietta hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt.

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Carl von Clausewitz beschrieb die Deutschen als besonders unabhängig

Martin Wagner schreibt: „Die Frage des relativen deutschen Gehorsams oder Ungehorsams wurde fester Bestandteil der Debatten darüber, was typisch deutsch sei – Debatten über den eigenen Nationalcharakter also, wie sie die Deutschen, so hat Friedrich Nietzsche im 19. und so hat Norbert Elisas im 20. Jahrhundert gesagt, mehr als jede andere europäische Nationen auszeichnen.“ Noch ganz im Geiste der Idee „germanischer Freiheit“ beschrieb der junge Carl von Clausewitz die Deutschen 1807 als besonders unabhängig. Er kontrastiert sie mit den Franzosen, in denen der Sonnenkönig Ludwig XIV. ebenso wie später Napoleon „gehorsame Untertanen“ gefunden habe. Ähnlich beharrt auch Johann Gottlieb Fichte in seinen berühmten „Reden an die deutsche Nation“ (1806/07) auf dem Freiheitsinn als einem wesentlichen Charakteristikum der Deutschen. Martin Wagner ist Professor of German an der University of Calgary (Kanada).

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Der Hochmut ist die Top-Sünde des feudalen Mittelalters

Ulla Steuernagel schreibt: „Das lateinische Kunstwort „Saligia“ wurde zum Inbegriff des Lasters und enthielt das gesamte Sündenregister. Saligia stellte den Hochmut an die erste Stelle. Er ist die Top-Sünde des feudalen Zeitalters.“ „Superbia“, dieser lateinische Begriff, fällt humanistischen Gebildeten ein, wenn sie das Wort Hochmut hören. Und wer an extreme, gar globale Auswirkungen menschlichen Hochmuts denkt, dem liegt das griechische Wort „Hybris“ auf der Zunge. Schon eine Zufallsbefragung zeigt, welch unterschiedliche Assoziationen und Meinungen der Begriff Hochmut hervorlockt. Es gibt so viele Synonyme für diese Eigenschaft, und mit den Jahrhunderten kamen immer mehr dazu: Stolz, Selbstgerechtigkeit, Arroganz, Hoffart, Dünkel, Eitelkeit, Größenwahn, Intoleranz, Narzissmus, aber auch die kollektiven Formen wie Rassismus, Kolonialismus, Patriarchat, Sexismus, Klassizismus. Ulla Steuernagel studierte Empirische Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte und Pädagogik.

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Das kapitalistische Weltsystem war vollkommen neu in der Geschichte

Fabian Scheidler blickt zurück: „Als sich die modernen Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert in Europa entwickelten, vollzog sich gerade ein systematischer Umbruch, der in seiner Bedeutung nur mit der neolithischen Revolution – also der Entstehung der Landwirtschaft – vor etwa 10.000 Jahren und der Formation der ersten Herrschaftsapparate und Staaten vor 5.000 Jahren zu vergleichen ist.“ Es war die Geburt dessen, was man später das moderne, kapitalistische Weltsystem genannt hat. In jahrhundertelangen Kämpfen untereinander und gegen die bäuerliche Bevölkerung hatten Handelsmagnaten, Bankiers, Landesherren, Rüstungsfabrikanten, Großgrundbesitzer und Teile der Kirche ein System hervorgebracht, das vollkommen neu in der menschlichen Geschichte war. Es sollte sich als das produktivste und dynamischste, aber auch gefährlichste und gewalttätigste Gesellschaftssystem erweisen, das Homo sapiens je geschaffen hat. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.

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Den Deutschen wird ein Mangel an Gehorsam attestiert

Lange Zeit galten die Deutschen anderen und sich selbst gegenüber als ungehorsam. Martin Wagner blickt zurück: „In Germania“, dem 1496 gedruckten humanistischen Brieftraktat des Renaissance-Gelehrten und Kardinals Silvio Piccolomini, wird den Deutschen, die als solche in diesem Buch erstmals nach Tacitus´ gleichnamiger antiker Schrift aus dem Jahr 98 wieder ausführlich beschrieben werden, ein Mangel an Gehorsam attestiert.“ Die Fähigkeit der Deutschen, ihrem Kaiser zu folgen, sei äußerst mäßig: „Ihr gehorcht ihm nur, soweit ihr wollt, und ihr wollt so wenig wie möglich.“ Dieser mangelnde Gehorsam gegenüber dem Kaiser werde dabei jedenfalls bei einem Teil der Deutschen, so Piccolomini, vom Ungehorsam gegenüber dem Papst flankiert. Piccolominis Beschreibung entspricht derjenigen der freiheitsliebenden Germanen in Tacitus´ „Germania“ anderthalb Jahrtausende zuvor. Martin Wagner ist Professor of German an der University of Calgary (Kanada).

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Nach der Machtübernahme der NSDAP herrschte öffentliche Apathie

In seiner „Geschichte eines Deutschen“ beschrieb der Historiker Sebastian Haffner 1939 die öffentliche Apathie in den Wochen und Monaten der NSDAP-Machtübernahme. Arne Semsrott weiß: „Die Nazis waren sechs Jahre zuvor, am 30. Januar 1933 an die Macht gekommen – nicht durch eine Putsch oder eine Alleinregierung, sondern als Teil einer rechten Regierungskoalition.“ Adolf Hitler wurde zum Reichskanzler ernannt, zwei weitere Personen im Reichskabinett gehörten wie er der NSDAP an. Die weiteren elf Kabinettsmitglieder waren Teil der nationalkonservativen DNVP oder anderer nationalistischer und konservativer Strömungen. Sebastian Haffner fängt in seinem Tagebuch die zu dieser Zeit vorherrschende Stimmung innerhalb der Bevölkerung ein. Er schreibt, insgesamt habe man den Eindruck gehabt, die bürgerliche Rechte hätte die Nazis durch die Regierungsbeteiligung „eingefangen“. Arne Semsrott ist Politikwissenschaftler und Aktivist.

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Heidi Kastner kennt den Ursprung des Begriffs der Feigheit

Das deutsche Wort „feige“ stammt aus dem achten Jahrhundert und bedeutet ursprünglich „dem Tod geweiht“. In den nordischen Sprachen wurde es zum Synonym für „verrückt“, im Mittelhochdeutschen bekam es die Bedeutung von „vor dem Tode oder der Gefahr zurückstreckend“, „ängstlich“, „gottlos“ und auch „verhasst“, war aber noch unscharf definiert. Heidi Kastner ergänzt: „Feigheit oder auch Memmenhaftigkeit – abgeleitet von „mamma“, dem lateinischen Wort für Mutterbrust – als ein Wesenszug furchtsamer, verweichlichter Menschen, die eben zu lange an der Mutterbrust gehangen und nie gelernt hatten, für sich oder für andere einzustehen, wurden immer negativ bewertet und mit mangelndem Ehr- und Schamgefühl verbunden.“ Heidi Kastner ist Psychiaterin und Primärärztin für forensische Psychiatrie und leitet am Neuromed Campus des Kepler Universitätsklinikums die Abteilung für Forensische Psychiatrie.

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Friedrich Nietzsche und Charles Baudelaire suchten die Provokation

Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, Charles Baudelaire und ihre Nachahmer – sie alle suchten die Provokation. Ihre Wegen kreuzen sich immer wieder. Jürgen Wertheimer erklärt: „Nietzsche hat, wie stets, alles geahnt und die Zusammenhänge freigelegt. Vor allem glaubte er, die schmutzigen Bande zwischen Wagner und Baudelaire erkannt zu haben.“ Ihr mittelbares Zusammentreffen in Paris, Baudelaires enthusiastische Reaktion auf den „Tannhäuser“, all das war aus Sicht Nietzsches kein Zufall. Klammert man für einen Moment Nietzsches strategisches Wüten gegen Baudelaire aus, erkennt man rasch, dass ihre Grundeinstellung dieselbe ist. Beide hassen sie die „Nützlichkeit“ über alles: nützliche Menschen, nützliche Moral, nützliche Kunst. Das Starke, Gefährliche, Satanische fasziniert, das Unnatürliche, Unschöne, Ungute. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

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Massenhaftes Reisen prägte seit den 1960er Jahren Europa

Das Europa der Gegenwart unterscheidet sich von allen früheren Europas durch eine revolutionäre Veränderung: das exponentielle Wachstum von massenhaftem Reisen und Kommunikation seit den 1960er Jahren. Zwar unternahmen junge Engländer der Oberschicht im 18. Jahrhundert die Grand Tour und besuchten ausgewählte kulturelle Sehenswürdigkeiten auf dem Weg nach Rom. Timothy Garton Ash fügt hinzu: „Im späten 19. Jahrhundert bereisten Touristen der Mittelschicht aus wohlhabenden Ländern die europäischen Nachbarländer, oft unter Nutzung neu gebauter Eisenbahnlinien.“ Zu Beginn des 20. Jahrhunderts trafen sich europäische Gentlemen – manchmal in Begleitung ihrer Damen – in Kurbädern, Landhäusern und auf Rennbahnen. Später sahen sie sich im tödlichen Kampf wieder, wie die adligen deutschen und französischen Offiziere in „Die große Illusion“, Jean Renoirs großartigen Film über den Ersten Weltkrieg. Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University.

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Viele Künstler waren Sprengkraft für ihr System

Richard Wagner, Friedrich Nietzsche und Charles Baudelaire waren – jeder auf seine Weise – Sprengstoff für ihr System, und sie wollten das auch sein. Jürgen Wertheimer fügt hinzu: „Viele anderen spürten und ahnten die Zumutungen und Lügen der etablierten Kultur und reagierten eher indirekt oder verdeckt: E.T.A. Hoffmann, der die unheimlichen Bezirke der schwarzen Romantik ergründete; Honoré de Balzac, der in der Maske des Realisten massive Gesellschaftskritik übte; Theodor Fontane, der die Leer der bürgerlichen Fassadenkultur zugleich aufdeckte und verbarg.“ Auf der weltabgesandten Seite der Wirklichkeit, hinter Marmor und Stuck, begann es seit den verlorenen Revolutionen von 1830 und 1848 zu brodeln. Noch hielt die gründerzeitliche Kulisse aus bürgerlicher Moral, Fortschrittsgläubigkeit und Kommerz. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

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Ein Imperium vereint mehrere Volksgruppen

Im Gegensatz zu einem Nationalstaat kann man ein Reich Imperium nennen, wenn es mehrere Volksgruppen unterschiedlicher ethnischer Herkunft und möglicherweise unterschiedlicher Religionszugehörigkeit vereint. Thomas Mayer fügt hinzu: „So gesehen waren das Römische Reich der Antike, der Britische Reich der letzten Jahrhunderte und die Sowjetunion Imperien.“ Eine notwendige Bedingung für den Bestand eines Imperiums ist die Bereitschaft des Zentrums, seinen Herrschaftsanspruch mit der nötigen Gewalt durchzusetzen. Wo das Zentrum dazu nicht mehr fähig oder willens ist, gewinnen meist die aus ethnischer Vielfalt gespeisten Zentrifugalkräfte die Oberhand, und das Imperium zerfällt. Wirtschaftliche Schwäche, Völkerwanderung und der Aufstieg reichsfremder Söldnerheere nennt man oft als Gründe für den Zerfall Roms. Der promovierte Ökonom Thomas Mayer leitet das Research Institute der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch.

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Die Alchemie ist eine Geheimwissenschaft

Martin Mulsow schreibt: „Der globale Ausgriff mit seinen Unwägbarkeiten war eine Ursache des Umstand, dass neuzeitliches Wissen von fernen Welten oft fragil gewesen ist. Wissen ist im Transfer zwischen Ost und West, Nord und Süd verlorengegangen, entweder ganz buchstäblich, oder es hat sich verändert und ist zugleich attraktiv und marginal geworden.“ Wieder wurde auch die Referenz unscharf: Worum handelt es sich eigentlich? Was ist neu, was ist alt an einer Sache? Wo steckt ihre Substanz? Für die Alchemie sind solche Fragen in mehr als einem Sinne essentiell. Alchemie ist eine Geheimwissenschaft und als solche immer im Licht der Entblößung bedroht. Doch geheimes Wissen reproduziert sich nur dann, wenn es verlässlich weitergegeben wird. Martin Mulsow ist Professor für Wissenschaftskulturen an der Universität Erfurt und Direktor des Forschungszentrums Gotha.

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Die Europäer schufen die Hölle auf Erden

Den Menschen ist es nie gelungen, den Himmel auf Erden zu errichten, auch – oder gerade – wen sie es versucht haben. Timothy Garton Ash weiß: „Dafür haben sie immer wieder die Hölle auf Erden geschaffen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben die Europäer das ihrem eigenen Kontinent angetan, so wie sie es in früheren Jahrhunderten den Kontinenten anderer Völker angetan hatten. Niemand anderes hat es für uns getan.“ Es war europäische Barbarei, von Europäern begangen an Europäern – und oft im Namen Europas. Man kann erst dann ansatzweise verstehen, was Europa seit 1945 zu tun versucht, wenn man von dieser Hölle weiß. Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University.

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Benjamin Franklin hatte ein gestörtes Verhältnis zur Arbeit

Benjamin Franklin – Gründervater der Vereinigten Staaten, furchtloser beim Sturm, Blitz und Donner, Erfinder der Bifokalbrille, der Franklin-Ofens und des Harnweg-Katheters – hatte ein gestörtes Verhältnis zur Arbeit. James Suzman erklärt: „Er kokettierte gern damit, „der faulste Mensch auf der Welt“ zu sein, ein bezeichnete seine Erfindungen selbstironisch arbeitssparende Vorrichtungen, hinter denen die Absicht stehe, sich Benjamin Franklin die Überzeugung, menschlicher Erfindungsreichtum könne künftigen Generationen aus einen Dasein voller Arbeit und Mühsal befreien. „Wenn jeder Mann und jede Frau jeden Tag vier Stunden an etwas Sinnvollem arbeiten würden“, verkündete Franklin euphorisch, „würde diese Arbeit genug hervorbringen, um uns mit allem Notwendigkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens zu versorgen.“ James Suzman ist Direktor des anthropologischen Thinktanks Anthropos und Fellow am Robinson Collage der Cambridge University.

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Die weibliche Hysterie war um die Jahrhundertwende weit verbreitet

Vor über fünfundzwanzig Jahren hat die US-Historikerin Elaine Showalter bereits den Zusammenhang von „hysterischen Epidemien und Massenmedien untersucht. Eva Menasse weiß: „Ihr Buch nannte sie „Hystorien“, weil sie sich fragte, wohin die vormals so verbreitete weibliche Hysterie um die Jahrhundertwende, wie sie von Jacques Lacan und Sigmund Freud untersucht worden war, eigentlich verschwunden sei.“ War sie ausgestorben oder hatte sich bloß verwandelt? Elaine Showalter analysierte eine Reihe von Massenphänomenen, die offenbar unter der Oberfläche mit der „klassischen“ Hysterie verwandt waren. Etwa, dass in den Achtziger- und Neunzigerjahren Geschichten von US-Amerikanerinnen durch die Medien gingen, die überzeugt waren, durch Sex mit Außerirdischen schwanger geworden oder, umgekehrt, durch die Schuld von Außerirdischen ihrer Schwangerschaft beraubt worden zu sein. Die Romane der österreichischen Schriftstellerin Eva Menasse sind vielfach ausgezeichnet worden.

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Die Globalisierung beeinflusst die Kulturgeschichte

Die amerikanische Historikerin Lynn Hunt weist darauf hin, dass die Globalgeschichte Gefahr laufe, die kulturgeschichtlichen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte zu verspielen. Die kulturtheoretisch geprägte Geschichtsschreibung war in den 1970er Jahren unter anderem aus den Krisen der Modernisierungstheorie hervorgegangen. Die neuen Kulturtheorien unterminierten die Grundannahme, dass die ökonomischen und sozialen Verhältnisse die darüberliegenden kulturellen und politischen Ausdrucksweisen bestimmten. Marin Mulsow stellt fest: „Globalgeschichte ist vornehmlich „harte“ Geschichte: Wirtschaftsgeschichte, Umweltgeschichte, Sozialgeschichte.“ Und genau an diesem Punkt setzt Lynn Hunt mit ihrer Frage an: Welche Konsequenzen zeigt die Herausforderung der Globalisierung für die Kulturgeschichte? Gehen in ihr Einsichten verloren, welche die postmodernen, postkolonialen, kulturalistischen Geschichtsschreibungen schon erreicht hatten? Martin Mulsow ist Professor für Wissenschaftskulturen an der Universität Erfurt und Direktor des Forschungszentrums Gotha.

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Europas zeichnet eine enorme Vielfalt als auch Gemeinsamkeiten aus

Timothy Garton Ash schreibt: „Ist Europa also in Vielfalt geeint? Ja, aber auch geteilt in seinen tiefsten Gemeinsamkeiten. Das gilt auch für seine Imitationen Roms. Diese Europa prägende Gewohnheit begann unmittelbar nach dem, was man gemeinhin den Untergang des Römischen Reiches nennt.“ Im Jahr 500 n. Chr. stattete der gotische Kriegerkönig Theoderich von seiner eigenen Hauptstadt Ravenna aus – dem damaligen Hauptquartier der Armee des Römerreichs – Rom einen triumphalen Besuch ab. Er machte zunächst an der Kirche St. Peter Station, wo sich das Grab des Anführers der Apostel Christi befand, und wandte sich dann an den immer noch existierenden römischen Senat und versprach, er werde mit Gottes Hilfe alles unverbrüchlich bewahren, was römische Herrscher der Vergangenheit angeordnet hätten. Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University.

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Johannes Gutenberg erfand die Drucktechnik mit beweglichen Lettern

Es gab eine Zeit, da war des menschliche Gehirn der einzige Ablageort für Informationen. Vaclav Smil nennt ein Beispiel: „Keltische Barden konnten Stunden mit der Nacherzählung vergangener Ereignisse, Konflikte oder Eroberungszüge verbringen.“ Bis die externe Datenspeicherung erfunden wurde. Kleine Zylinder und Platten aus getrocknetem Lehm, erfunden vor rund 5.000 Jahren in Sumer im südlichen Mesopotamien, waren oft nur mit einem Dutzend keilförmiger Zeichen beschriftet, was etwa dem Informationsgehalt von ein paar Hundert – oder 10 hoch 2 – Bytes entsprach. Die „Orestie“, eine Tragödien-Trilogie des griechischen Dichters Aischylos aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert, beläuft sich auf rund 300.000 – oder 10 hoch 8 – Bytes. In Rom der Kaiserzeit besaßen manche reiche Senatoren eine Bibliothek, die aus hunderten Schriftrollen bestand; eine dieser Sammlungen enthielt mindestens 100 MB – 10 hoch 8 Bytes – an Information. Vaclav Smil ist Professor für Umweltwissenschaften an der University of Manitoba.

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Die Druckerpresse ermöglichte die Alphabetisierung Europas

Jeremy Rifkin schreibt: „Die Objektivierung der Zeit durch Zeitplan und Uhr und die Verwendung der Perspektive in der Malerei beschleunigten den Prozess der Inbesitznahme und Privatisierung des Raums.“ Eine ebenso bedeutende Rolle hierbei spielte auch die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, so wie später das Telefon Ende des 19. und das Internet Ende des 20. Jahrhunderts. Die Druckerpresse ermöglichte die Alphabetisierung Europas und später der ganzen Welt. Sie erlaubte Millionen räumlich und zeitlich weit voneinander entfernten Menschen, über das Medium des gedruckten Worts still miteinander zu kommunizieren. Das Lernen aus Büchern war eine einsamere und zerebralere Angelegenheit als in der mündlichen Kultur. Jeremy Rifkin ist einer der bekanntesten gesellschaftlichen Vordenker. Er ist Gründer und Vorsitzender der Foundation on Economic Trends in Washington.

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Um 1900 entdeckte man neue Dimensionen der Psyche

Um die Jahrhundertwende entdeckt und erforscht Sigmund Freud die „oceanischen Gefühle“. Jürgen Wertheimer ergänzt: „Von Ich-Kult, von einer „Romantik der Nerven“ ist bei den Vordenkern der Bewegung des Jung-Wien die Rede.“ Hermann Bahr (1863 – 1934) erläutert: „Nicht Gefühle, nur Stimmungen suchen sie auf. Sie verschmähen nicht nur die äußere Welt, sondern am inneren Menschen selbst verschmähen sie allen Rest, der nicht Stimmung ist. Das Denken, das Fühlen und das Wollen achten sie gering und nur den Vorrat, welchen sie jeweilig auf ihren Nerven finden, wollen sie ausdrücken und mitteilen. Das ist ihre Neuerung.“ Schlagworte, welche die Forscher und Autoren der Zeit um 1900 europaweit bewegen. Künste und Wissenschaften entdecken die Abgründe der Seele und neue Dimensionen der Psyche. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

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Die Renaissance verband das Denken und das Handeln

Die Renaissance war das Zeitalter des „uomo universale“, der die Welt des Denkens und Handelns miteinander verband. Das darauffolgende Zeitalter entsprach eher einem akademischen Ideal, nämlich das des universalen Gelehrten. Der Niederländer Hermann Boerhaave, selbst ein Universalgelehrter, bezeichnete es als „Monster der Gelehrsamkeit“. Peter Burke blickt zurück: „Aus heutiger Sicht betrachtet scheint das 17. Jahrhundert das goldene Zeitalter der vielseitigen Gelehrten gewesen zu sein. Selbst wenn Gelehrte dieser Art sich offenbar nicht – anders als einige ihrer Vorgänger in der Renaissance – im Fechten, Singen, Tanzen, in der Reitkunst oder der Athletik hervortaten.“ Sechzehn Jahre lehrte Peter Burke an der School of European Studies der University of Sussex. Im Jahr 1978 wechselte er als Professor für Kulturgeschichte nach Cambridge ans Emmanuel College.

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Die Zukunft war bis vor Kurzem kaum wissenschaftlich untersucht

Die Neigung der Menschen zu Gegenwart und Vergangenheit kommt auch daher, dass man die Zukunft bis vor Kurzem kaum wissenschaftlich untersuchte. Florence Gaub blickt zurück: „Für unsere Vorfahren war die Zukunft nicht etwas, das in ihren Köpfen entstand und von ihren Entscheidungen, Träumen und Ängsten geprägt war. Stattdessen war die Zukunft für sie etwas, das von jemand anderen geschaffen wurde, etwas, dem sie bei der Entfaltung nur zusehen konnten.“ Das kam daher, dass die meisten keinen richtigen Einfluss auf die Zukunft hatten, auch auf die eigene nur sehr begrenzt. Die meisten Menschen lebten von ihrer Geburt bis zum Tod im selben Dorf, blieben in der gleichen sozialen Schicht und gingen den gleichen Tätigkeiten nach wie Vater und Mutter. Dr. Florence Gaub ist Politikwissenschaftlerin, Militärstrategin und Zukunftsforscherin. Sie leitet als Direktorin den Forschungsbereich NATO Defense College in Rom.

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Die eheliche Liebe ist kaum mehr als „eine zweifache Selbstsucht“

Die französische Schriftstellerin und Feministin Claire Démar schreibt Anfang des 18. Jahrhunderts: „Wenn die Ehe ungleich sei, dann sei sie auch nicht gemäß dem spirituellen und libidinösen Charakter der Menschen ausgerichtet, die von ihrem Schöpfer keineswegs für dauerhafte Vereinigungen geschaffen seien. Das ganze Arsenal der Emotionen und sittlichen Werte im Umfeld der Ehe sei die Frucht dieses Missverhältnisses zwischen Kultur und Natur.“ Die eheliche Liebe sei kaum mehr als „eine zweifache Selbstsucht“. Christopher Clark ergänzt: „Die Eifersucht, die viele Ehen vergiftet, entsteht aus einem abstoßenden Gefühl des Egoismus und der Persönlichkeit heraus.“ „Treue“, so Claire Démar, „hat so gut wie immer ausschließlich auf Angst und der Unfähigkeit basiert, es besser oder anders zu machen!“ Christopher Clark lehrt als Professor für Neuere Europäische Geschichte am St. Catharine’s College in Cambridge. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Geschichte Preußens.

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Die Abwesenheit von Krieg erzeugt noch keinen dauerhaften Frieden

Voraussetzung für den Wohlstand Roms und des Römischen Reiches war der Friede, den Kaiser Augustus nach dem nicht enden wollenden blutigen Bürgerkriegen gebracht hatte. Manfred Lütz betont: „Es gibt wohl keine grausameren Kriege als Bürgerkriege, die nicht nur die Eintracht der Bürger, sondern auch die der Familien und Nachbarn zerstören.“ Deswegen überschüttete man den neuen ersten Mann im Staat mit Ehrungen und Dankesbezeugungen. Doch Augustus war klar, dass dauerhafter Friede nicht nur durch die Abwesenheit von Krieg erreicht werden kann. Das Ende des Wahnsinns allein produziert noch keinen Sinn. Der allgemeine Sittenverfall, den die jahrzehntelange hemmungslose Herrschaft der Gewalt bewirkte, hatte tatsächlich zu einer tiefen Verunsicherung beigetragen. Manfred Lütz hat Medizin, Theologie und Philosophie in Bonn und Rom studiert. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Autor zahlreicher Bestseller.

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