Bernhard Pörksen entwickelt eine Philosophie des Zuhörens

Bernhard Pörksen schreibt: „In der gegenwärtigen Situation, vor dem Horizont ineinander verschlungener Krisen, einer allgemeinen Polarisierungsfurcht und der neuen Macht von Populisten und Ideologen, gewinnt eine Frage an Brisanz, die eine Philosophie des Zuhörens umtreiben muss. Sie lautet: Wem überhaupt zuhören?“ Nur „den Richtigen“ oder auch „den Falschen“? Gilt es beispielsweise vor dem Hintergrund der Wahlerfolge populistischer Parteien, Rechtsextremen Gehör zu schenken? Tut man dies, um sie zu verstehen, weil man zumindest ein partielles Einverständnis für möglich hält? Oder geschieht dies, um die Gesinnung der Parteigänger unvoreingenommen zu begreifen, um sie gut begründet und kenntnisreich zu verurteilen und maximal effektiv zu bekämpfen? Was ist das Ziel: das verständnissinnige, von Sympathie geprägte Verstehen oder die klare Verurteilung? Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.

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Feigheit ist eine umfassende und vielschichtige Erscheinung

Das neue Buch von Heidi Kastner ist als ein Essay über die Feigheit zu verstehen beziehungsweise über diejenigen Aspekte dieses Phänomens, die bei der Autorin wiederkehrend Unbehagen auslösen. Feigheit ist eine umfassende und vielschichtige Erscheinung, welche die Menschheit vermutlich seit Anbeginn begleitet und durchgängig negativ bewertet wurde. Feigheit kann als Persönlichkeitseigenschaft oder als Phänomen verstanden werden, das sich nur in spezifischen Situationen manifestiert, und bezeichnet ein Verhalten, das aus einer Kombination von Emotionen und kognitiver Bewertung resultiert. Eine besonders negative und sanktionsintensive Bewertung der Feigheit findet sich immer dort, wo in einer Gesellschaft gemeinsame Moralvorstellungen herrschen und feiges Verhalten andere gefährdet oder einer Bedrohung aussetzt, die durch gemeinsame Anstrengung abgewehrt werden muss. Die Psychiaterin und Primärärztin für forensische Psychiatrie leitet am Neuromed Campus des Kepler Universitätsklinikums die Abteilung für Forensische Psychiatrie.

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Die Wahrheit ist abhängig von der Realität

Die Wahrheit ist abhängig vom eigentlichen Wesen der Realität. Die Moral dagegen ist eine Sache der Übereinstimmung mit dem Willen eines göttlichen Wesens. Die pragmatische Erklärung der Wahrheit begreift Richard Rorty als Protest gegen die Idee, die Menschen müssten vor etwas Nichtmenschlichen zu Kreuze kriechen. John Dewey war davon überzeugt, dass die romantische Geschichte von der Demokratie eine radikalste Lesart des Säkularismus verlangt. Mehr als jene, zu der der Aufklärungsrationalismus oder der Positivismus des neunzehnten Jahrhunderts gelangt war. Demnach wird von den Menschen verlangt, jede Autorität links liegenzulassen außer der Autorität des mitmenschlichen Konsenses. Das Paradebeispiel der Unterwerfung unter eine solche Autorität ist die Überzeugung, dass man sich in einem Zustand der Sünde befindet. Richard Rorty (1931 – 2007) war einer der bedeutendsten Philosophen seiner Generation. Zuletzt lehrte er Vergleichende Literaturwissenschaft an der Stanford University.

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Viele Künstler waren Sprengkraft für ihr System

Richard Wagner, Friedrich Nietzsche und Charles Baudelaire waren – jeder auf seine Weise – Sprengstoff für ihr System, und sie wollten das auch sein. Jürgen Wertheimer fügt hinzu: „Viele anderen spürten und ahnten die Zumutungen und Lügen der etablierten Kultur und reagierten eher indirekt oder verdeckt: E.T.A. Hoffmann, der die unheimlichen Bezirke der schwarzen Romantik ergründete; Honoré de Balzac, der in der Maske des Realisten massive Gesellschaftskritik übte; Theodor Fontane, der die Leer der bürgerlichen Fassadenkultur zugleich aufdeckte und verbarg.“ Auf der weltabgesandten Seite der Wirklichkeit, hinter Marmor und Stuck, begann es seit den verlorenen Revolutionen von 1830 und 1848 zu brodeln. Noch hielt die gründerzeitliche Kulisse aus bürgerlicher Moral, Fortschrittsgläubigkeit und Kommerz. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

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Die Kooperation scheint intrinsisch angelegt zu sein

Würden Sie nicht auch dichthalten und sich weigern, Ihren Komplizen zu verpfeifen? Ist das nicht eine Frage der Ehre? Hanno Sauer erklärt: „Selbst Diebe kennen Regeln, soll Cicero gesagt haben, und auch Studenten weigern sich fast immer, die Logik zweckrationalen Handelns anzuerkennen; sie müssen regelrecht dazu erzogen werden, die Vorteile nicht-kooperativen Verhaltens einzusehen.“ Wenn es Ihnen genauso geht, zeigt das, das Ihr moralischer Kompass funktioniert. Es bestätigt auch die These, dass kooperative Instinkte wahrscheinlich angeboren sind. Die Tatsache, dass Sie das gemeinschaftliche Handeln intuitiv attraktiv finden und gegenüber Trittbrettfahrern sogar Wut und Empörung verspüren, zeigt, dass die Evolution bei uns Menschen im Verlauf eines viele Millionen Jahre andauernden Lernprozess soziale Präferenzen installiert hat, die uns Kooperation als intrinsisch geboten erscheinen lassen. Hanno Sauer ist Associate Professor of Philosophy und lehrt Ethik an der Universität Utrecht in den Niederlanden.

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Vernünftiges Handeln kann ein Gefühl der Lust auslösen

Die Lebensweise des Einzelnen ist, soweit sie sich auf die globale Ökologie auswirkt, für die Menschheit als Ganzes von Belang. Wenn sie, wie inzwischen feststeht, Folgen für das Geschick der ganzen Menschheit haben, dann fallen ökologisch relevante Aspekte der Lebensführung in den Gültigbereich eines Satzes, den wir Immanuel Kant, einem der Fixsterne am Himmel der Philosophie, verdanken: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Joachim Bauer fügt hinzu: „Obwohl er aus guten Gründen die Auffassung vertrat, dass die Welt der Gefühle keine Quelle von Moralität sei, war Immanuel Kant sehr wohl der Meinung, dass – umgekehrt – vernünftiges Handeln „wahre Zufriedenheit“, ein „moralisches Gefühl“, ja sogar „ein Gefühl der Lust oder des Wohlfallens“ auszulösen in der Lage sei.“ Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.

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Um Moralapostel sollte man einen großen Bogen machen

Axel Braig schreibt: „Bei Unterhaltungen über moralische Fragen scheinen Aufgeregtheiten oft unvermeidlich und Streit vorprogrammiert, denn moralische Argumentationen zeichnen sich häufig durch eine gewissen Dinglichkeit aus.“ Tatsächlich wirken Aussagen wie: „Das gehört sich nicht“ oder „Das ist nicht gut“ oft bedrohlich und signalisieren, dass Widerspruch nicht gern gesehen wird. Um Moralphilosophen wie Immanuel Kant hat Axel Braig in seinem Philosophiestudium eher einen Bogen gemacht und gegen Menschen, die als Moralapostel auftreten, wehrt er sich regelmäßig. Axel Braig teilt Niklas Luhmanns Einschätzung, dass es eine der wichtigsten Aufgaben der Ethik sei, vor Moral zu warnen, die er damit begründet, dass Moral häufig zur Eskalation von Konflikten und sogar Rechtfertigung von Gewalt beitrage. Axel Braig wandte sich nach Jahren als Orchestermusiker und Allgemeinarzt erst spät noch einem Philosophiestudium zu.

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Konventionen entfalten eine zivilisatorische Kraft

Die Bestimmung der Verletzung eines Opfers ist eine Form der Rache. Sie folgt ihrer Logik. Alexander Somek erklärt: „Sie ist vom Ansatz her exzessiv und kann nur mit einem reziproken Exzess beantwortet werden.“ Im Vergleich dazu versprechen der Rekurs auf oder die Konstruktion von Konventionen so etwas wie eine zivilisierende Kraft zu entfalten. Gleich der Urfehde bannen sie den Kreislauf der Rache. Symbolische Konventionen entstehen, weil etwas als cool oder uncool, als anerkennend oder beleidigend gilt. Zu ihrer Entstehung bedarf es des Chores, der „wow“ oder „buh“ schreit. Kein Solist vermag es, eine Konvention einzuführen. Das moralische Urteil der heutigen Zeit basiert auf verschiedensten Chorgesängen oder wenigsten auf dem Schweigen der Ängstlichen. Alexander Somek ist seit 2015 Professor für Rechtsphilosophie und juristische Methodenlehre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

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Die Philosophie des 18. Jahrhunderts ergründet die Empathie

Im Jahr 2017 berichteten im sozialen Netzwerk Twitter von Erfahrungen sexualisierter Gewalt. Svenja Flaßpöhler berichtet: „Frauen wie Männer auf der ganzen Welt fühlten mit den Opfern, solidarisierten sich im Netz und empörten sich über die Täter.“ Die empathische Kraft von Millionen von Menschen rund um den Globus führte zur Entmachtung und Verhaftung von Tätern. Man klagte Verdächtige öffentlich an und verschärfte das Sexualstrafrecht in Deutschland. Geschützt ist eine Frau jetzt auch dann, wenn sie zur Äußerung ihres Willens – etwa durch Drogen – gar nicht in der Lage ist. Doch was genau ist das für ein Gefühl: die Empathie? Wie kommt es, dass Menschen überhaupt mit fremden Schicksalen mitfühlen können? Die Philosophie des 18. Jahrhunderts war tief geprägt von diesen Fragen. Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des „Philosophie Magazins“.

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Das Prinzip der Weltoffenheit kämpft gegen den Partikularismus

Die Idee für das Buch „Der Krieg der Worte“ von Harold James ist dem Eindruck geschuldet, dass die heutige Debatte über die Globalisierung nicht auf einem klaren Verständnis der grundlegenden Konzepte und Begrifflichkeiten fußt. Aktuell ist das Erlebnis, wie das Aufeinandertreffen zweier Prinzipien oder Philosophien die Wirtschaft, Gesellschaft und Politik radikal verändern. Harold James schreibt: „Globalismus, Kosmopolitismus, Internationalismus, Multilateralismus: Es gibt viele Wörter für das Prinzip der Weltoffenheit. Auf der anderen Seite stehen Partikularismus, Lokalismus und Nationalismus.“ Ein Virus, der 2020 zum Gesicht – zur Verwirklichung – der Globalisierung wurde, hat diese Polarisierung weiter verschärft. Harold James hat eine Lehrstuhl für Geschichte an der Princeton University inne und ist Professor für Internationale Politik an der dortigen School of Public and International Affairs.

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Neue Werte übernehmen die Vorherrschaft

Die Umbruchzeit der Digitalisierung dürfte Opfer kosten. Diese sind weit größer als das, was die Bürger der DDR in der Umbruchzeit der deutschen Vereinigung erlebt haben. Richard David Precht kennt die Zukunft auch nicht: „Ob es mit der Moral in Deutschland alles in allem bergab oder vielleicht doch bergauf geht, ist eine heiß umstrittene Frage.“ Auf der einen Seite steht das Gefühl jener Generation, dass Pflichtgefühl, Treue, Gemeinsinn, Arbeitsmoral, Sitte und Anstand kontinuierlich nach unten gingen. Erstaunlich nur, dass es sie, so oft totgesagt, heute irgendwie immer noch gibt. Was seit über hundert Jahren zur Neige geht, müsste eigentlich irgendwann einmal erloschen sein. Kulturpessimismus scheint oft mehr mit dem Lebensalter und den persönlichen Zukunftserwartungen zu tun zu haben als mit dem Zeitalter und den gesellschaftlichen Ausblicken auf die Zukunft. Der Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht einer der profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.

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Moralischer Fortschritt ist ein ewiger Prozess

Markus Gabriel stellt fest: „Moralischer Fortschritt hat keine Ziellinie. Er ist ein ewiger, niemals abzuschließender Prozess, auch deswegen, weil sich die nichtmoralischen Tatsachen ständig verändern.“ Weil Menschen geistige, geschichtliche Lebewesen sind und sich die Natur ebenfalls dauernd transformiert, gibt es kein endgültiges moralisches Ergebnis. Sondern es gibt nur eine nie gänzlich erfüllte Aufforderung, das Richtige zu tun und das Falsche zu unterlassen. Moral geleitet die Menschen nicht in ein irdisches Paradies. Und die universellen Werte führen nicht automatisch in einen Endzustand der menschlichen Versöhnung mit der Natur und allen Menschen. Es gibt eine sehr menschliche Neigung, das eigene Verhalten als moralisch richtig und das von anderen als fragwürdig einzustufen. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

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Die Rechtsphilosophie klärt das Verhältnis von Recht und Moral

Das Verhältnis von Recht und Moral ist die Grundfrage der Rechtsphilosophie. Alexander Somek erläutert: „Sie ist es deswegen, weil bei ihrer Beantwortung auf dem Spiel steht, und ob, bejahendenfalls, weshalb das Recht einen signifikanten Beitrag zu unserem vernünftigen Verhalten leistet. Wären wir vernünftige Wesen, auch wenn es das Recht nicht gäbe und wir bloß moralisch wären? Die Moral ist der Inbegriff der Gründe, die besagen, was Menschen tun oder nicht tun sollen. Oftmals wird zwischen der individuellen Klugheit oder Rationalität einerseits und der Moral andererseits unterschieden, zumal die Moral im Unterschied zur klugen oder rationalen Verfolgung des Eigeninteresses Menschen kategorische Gründe gibt, andere zu respektieren und deren Interessen zu achten. Alexander Somek ist seit 2015 Professor für Rechtsphilosophie und juristische Methodenlehre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

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Jede Verletzung ist gefühlt

Gewiss sind vor der Moral der Gegenwart nicht alle Deutungen gleich. Die Kraft emotivistischer Urteile ist abhängig von der Identität des Urteilenden. Alexander Somek stellt fest: „Den Opfern gesteht man einen privilegierten erstpersonalen Zugang zur Verletzung zu. Denn jede Verletzung ist gefühlt.“ Das Gefühl verursacht, wenn das Opfer nicht völlig eingeschüchtert oder emotional unempfindlich geworden ist, ein „Buh“. Wenn die Opfer sagen, dass etwas verletzend ist, dann muss man ihnen glauben. Und wenn die Opfer nicht selbst sprechen, kommen ihnen Opferkundler zur Hilfe. Diese haben ihre Urteilskraft in den Sozial- und Kulturwissenschaften erworben und geschult. Eine Moral, die man in die Hände der Beleidigten legt, predigt nicht das Recht, sondern die Rache. Sie neigt daher zum Exzess. Alexander Somek ist seit 2015 Professor für Rechtsphilosophie und juristische Methodenlehre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

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Von der Unruhe kommt man nicht so leicht los

Das Titelthema des neuen Philosophie Magazins 05/2024 beschäftigt sich mit der Frage: „Wie komme ich zur Ruhe?“ Die Ruhe ist eine große Sehnsucht vieler Menschen, doch sie ist nur schwer zu erreichen, wie bereits die Stoiker in der Antike wussten. Heute inmitten digitaler Ablenkung, politischer Krisen und spätmoderner Leistungsansprüche scheint sie weiter entfernt denn je. Der Philosoph Ralf Konersmann schreibt: „Charakteristisch für die Situation ist unser ambivalentes Verhältnis zur Unruhe: Wir leiden unter ihr, möchten sie aber auch nicht missen. Ich habe deshalb die Unruhe, unsere moderne Unruhe, eine Passion genannt.“ Inzwischen sind jedoch Trends wie Arbeitszeitreduktion zugunsten der Familien oder die Priorisierung von Hobbys auf dem Vormarsch. Ralf Konersmann erkennt in solchen Initiativen den Versuch, Alternativen zu entwickeln. Dennoch haben auch sie das Potential, neue Unruhe zu erzeugen. Die Unruhe ist also etwas, von dem man nicht so leicht loskommt.

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Vielen Menschen ist am Schutz von Minderheiten gelegen

Markus Gabriel stellt fest: „Minderheiten kann man keineswegs stets den Anspruch zugestehen, Gehör zu finden und bei Entscheidungsprozessen mit am Tisch zu sitzen.“ Pädokriminelle, Antidemokraten, eindeutige Verfassungsfeinde, Mörder usw. haben aufgrund ihrer moralischen Defizite schlichtweg nicht das Recht, als Minderheiten vor institutioneller Härte geschützt zu werden. Vielen Menschen ist jedoch zu Recht am Schutz von Minderheiten gelegen. Zu schützende Minderheiten sind meistens solche, denen man nachweisbar Unrecht angetan hat. Man muss sie besonders schützen, um ihnen das volle moralische und juristische Recht zukommen zu lassen, dessen man sie beraubt hat. Es gehört zu der moralisch empfehlenswerten Seite der Demokratie, dass sie zu Unrecht unterdrückten Minderheiten Gehör verschafft. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

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Es gibt eine neue Moral und den Willen zur Umerziehung

Was der Mensch hervorbringt, misst man stets an derselben Elle der Humanität, dem Maßstab gleichberechtigter Menschenwürde. Alain Finkielkraut fügt hinzu: „Keine Möglichkeit wird übersehen, eine Mühe gescheut, wenn es darum geht, Geist und Herz zu öffnen.“ Man beurteilt Philip Roth und Milan Kundera als zu sexistisch, um den Nobelpreis zu verdienen. Und man verdammt Vladimir Nabokovs „Lolita“ aus allen Lehrveranstaltungen der Universitäten. So kann man sich rühmen, niemanden mehr zu privilegieren und die Missetaten und Wunschvorstellungen der letzten Vertreter der patriarchalischen Gesellschaft zu verdammen. Der Bannstahl der neuen Moral und der Wille zur Umerziehung entspringen jedoch nicht dem „Tugendideal der Askese“, sondern einem „egalitären Ideal“. Man hütet sich übrigens, das Wort Tugend zu verwenden, weil man sich unbedingt vom Krieg gegen die Libido distanzieren will. Alain Finkielkraut gilt als einer der einflussreichsten französischen Intellektuellen.

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Das Moralspektakel verändert das Handeln der Menschen

Philipp Hübls neues Buch „Moralspektakel“ besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil geht es um die Frage, wie das Moralspektakel entstehen konnte und wie es das Handeln der Menschen und der Gesellschaft verändert. Der Autor erklärt, wie das moralische Statusspiel gespielt wird und warum man moralisches Prestige als Kapital ansehen kann, das man vermehren, investieren, aber auch inflationär verwenden und fälschen kann. Dieser Teil analysiert die aktuelle Situation und daher ein Projekt der deskriptiven Ethik. Anhand der empirischen Forschung beschreibt und erklärt Philipp Hübl, wie Menschen tatsächlich moralisch handeln. Der zweite, kritische Teil gehört zum Bereich der normativen Ethik, ist also wertend und nicht nur beschreibend. Darin geht es um die negativen Seiten des Moralspektakels. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).

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Viele Menschen suchen bei der Arbeit den Sinn des Lebens

Früher war der Job einfach nur zum Geldverdienen da. Heute geht es vielen Menschen bei der Arbeit um nichts weniger als den Sinn des Lebens. Sie meinen, dass sinnvolle Jobs jene sind, durch die die Welt ein bisschen besser wird. Ist die Suche nach dem Sinn bei der Arbeit nicht eigentlich die Suche nach Moral? Nämlich nach hehren Prinzipien allgemeinverbindlichen Handelns? Oder nach den unbestreitbaren und ewig gültigen Guten? Das nobelste aller Ziele wäre dann ein guter Mensch zu sein. Ingo Hamm stellt die Frage noch einmal anders: „Ist Sinn = Moral? Suchen wir insgeheim nicht nach einer sinnvollen, sondern in Wirklichkeit nach einer moralischen Aufgabe?“ Vielleicht ist das lediglich eine simple Wortverwechslung. Dr. Ingo Hamm ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Darmstadt.

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Nicht jeder ist immer ein guter Mensch

Beim moralischen Wahlakt geht es immer um den fundamentalen Zielkonflikt zwischen positiven externen Effekten und dem Eigennutz. Armin Falk erläutert: „Wir wägen das moralisch Wünschbare ab mit den Unannehmlichkeiten und Nachteilen, die mit unseren Handlungen verbunden sind.“ In diesem Zielkonflikt, so simpel er erscheinen mag, liegt der Kern des Problems begründet, warum nicht jeder und immer ein guter Mensch ist und nicht automatisch den allgemein akzeptierten moralischen Vorstellungen folgt. Schlicht deswegen, weil es „teuer“ ist. Wer nicht bereit ist, die Kosten zu tragen, verhält sich nicht altruistisch, sondern egoistisch. Wäre der moralische Akt kostenlos zu haben, wären wohl alle Menschen moralische Superhelden. Armin Falk leitet das Institut für Verhaltensökonomik und Ungleichheit (briq). Außerdem ist er Direktor des Labors für Experimentelle Wirtschaftsforschung, sowie Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn.

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Es gibt universelle moralische Prinzipien

Der amerikanische Psychologe Jonathan Haidt und andere Forscher neigen zu einem Relativismus, der zugespitzt lautet: Jede Kultur hat ihre eigene Moral. Philipp Hübl erläutert: „Wenn die Moral den Gefühlen gehorchen muss, kanns sie als Sklavin der Leidenschaften schwerlich universell sein.“ Im Westen ist moralischer Relativismus heute oft aus Minderheitenschutz heraus, also aus Fürsorge und Fairness motiviert. Denn es besteht die Angst, in der Moral kolonialistisch oder „ethnozentrisch“ zu verfahren. Doch universelle moralische Prinzipien sind nicht „westlich“, nur weil einige von ihnen zuerst im Westen formuliert wurden. Genauso wenig ist das Prinzip des gewaltlosen Widerstands gegen Unterdrücker „indisch“, nur weil es Mahatma Gandhi als Erster erfolgreich gegen die britischen Besatzer eingesetzt hat. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).

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Gutem Verhalten geht eine „schwierige Freiheit“ voraus

Der litauisch-französische Philosoph Emmanuel Lévinas hat einige wunderschöne Seiten über die „schutzlose“ menschliche Haut geschrieben. Charles Pépin erklärt: „Unsere Haut ist viel dünner als die der anderen Säugetiere. Es ist gar nicht so schwer – zumindest materiell gesprochen –, einen Menschen zu töten.“ Das erste moralische Gebot „Du sollst nicht töten“ hat erst dann einen Sinn, wenn der Andere als Gegenüber wirklich anwesend ist. Nur dann wendet er einem Anderen sein Gesicht zu und macht ihn für sein Überleben verantwortlich. Emmanuel Lévinas bezeichnet diese Verantwortung sogar als Geiselschaft. Man kann es sich jetzt nicht mehr aussuchen und hat die Pflicht, sich um den Anderen zu kümmern. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

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Es gibt einen moralischen Kompass

Wie Menschen eine Sachlage beurteilen und wie sie sich in einer gegebenen Situation fühlen, gehört zum moralischen Nachdenken. Markus Gabriel erläutert: „Die universalen Werte nehmen uns unsere konkreten Entscheidungen nicht ab. Der moralische Kompass zeigt uns auf, in welche Richtung wir gehen sollen. Die einzelnen Schritte müssen aber immer noch wir als immer auch irrtumsanfällige Individuen gehen.“ Ansonsten wäre man nicht frei, denn das eigene Handeln wäre sozusagen durch die moralischen Kräfte der universalen Werte vorbestimmt. Die Grundthese des moralischen Realismus besagt in diesem Zusammenhang, dass Wertvorstellungen wahr oder falsch sein können. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

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Freiheit ist zunächst einmal eine Fiktion

Freiheit ist vorab nichts anderes als eine Idee, eine Fiktion, eine Unterstellung. Konrad Paul Liessmann erläutert: „Es mag nun Wesen geben, denen diese Idee gefällt und die gerne danach handeln. In diesem Moment sind sie tatsächlich frei. Es ist genau so, als ob die Freiheit ihres Willens überzeugend nachgewiesen worden wäre. Oder, sehr verkürzt, aber treffend: Wir sind genau dann frei, wenn wir so tun, als wenn wir frei wären.“ Immanuel Kants Moralphilosophie und sein Kategorischer Imperativ beruhen auf diesem „Als ob“, gründen in der Fiktion der Freiheit. Alle damit zusammenhängenden Annahmen haben dieses „Als ob“, die Fiktion zur Voraussetzung. Konrad Paul Liessmann ist Professor für Philosophie an der Universität Wien. Zudem arbeitet er als Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist. Im Zsolnay-Verlag gibt er die Reihe „Philosophicum Lech“ heraus.

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Der „europäische Geist“ erlebte eine Krise

War man um die Mitte des 17. Jahrhunderts durch die zermürbende Erfahrung des Krieges klüger geworden? ES kann jedenfalls kein Zufall sein, dass mehr oder weniger simultan europaweit Tendenzen zu beobachten sind, an allem, was mit überkommenen Machtstrukturen zu tun hat, Kritik zu üben. Jürgen Wertheimer weiß: „Das betrifft Regierungsformen wie Denkstile. England unter der republikanischen Diktatur Oliver Cromwells oder die Revolte der Niederlande gegen die spanische Hegemonie sind nur zwei Beispiele für die beginnende Korrosion traditioneller Herrschaftsgefüge.“ Weit deutlicher jedoch als im Bereich der Politik zeigen sich die Zeichen eines generellen Umbruchs im Bereich der Künste und Wissenschaften. Denn der „europäische Geist“ erlebte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine massive Krise. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

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