Friedrich Nietzsche und Charles Baudelaire suchten die Provokation

Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, Charles Baudelaire und ihre Nachahmer – sie alle suchten die Provokation. Ihre Wegen kreuzen sich immer wieder. Jürgen Wertheimer erklärt: „Nietzsche hat, wie stets, alles geahnt und die Zusammenhänge freigelegt. Vor allem glaubte er, die schmutzigen Bande zwischen Wagner und Baudelaire erkannt zu haben.“ Ihr mittelbares Zusammentreffen in Paris, Baudelaires enthusiastische Reaktion auf den „Tannhäuser“, all das war aus Sicht Nietzsches kein Zufall. Klammert man für einen Moment Nietzsches strategisches Wüten gegen Baudelaire aus, erkennt man rasch, dass ihre Grundeinstellung dieselbe ist. Beide hassen sie die „Nützlichkeit“ über alles: nützliche Menschen, nützliche Moral, nützliche Kunst. Das Starke, Gefährliche, Satanische fasziniert, das Unnatürliche, Unschöne, Ungute. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

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An Gleichgültigkeit in der Gesellschaft herrscht in der Gegenwart kein Mangel

In seinem neuen Buch „Stoische Gangarten“ betrachtet Helmut Lethen das stoische Denken neu. Gustave Flaubert führt uns eine stoische Gangart im 19. Jahrhundert vor. Was ist aus ihr im 20. und 21. Jahrhundert geworden? Am „nie versiegenden Vorrat an Gleichgültigkeit der Gesellschaft“, den Flaubert feststellt, herrscht in der Gegenwart kein Mangel. Helmut Lethen schreibt: „Ich empfinde nur, dass die Zukunft leer und drohend auf uns zukommt. Wir leben in einem Raum, in dem politische Paradoxe Handlungslähmung bewirken und Handlungslähmungen Paradoxe plausibel erscheinen lassen.“ Daher ist es schwer, eine Mitte zu finden. Die Erfindung einer Mitte wäre die Lösung des Rätsels, wie man heute noch Stoiker sein könnte. Helmut Lethen lehrte von 1977 bis 1996 an der Universität Utrecht, anschließend übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock.

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Der Fanatismus geht schon immer in Heuchelei über

So wie der Fanatismus immer schon in Heuchelei übergeht, fließt diese in jene Form der Moralität aus, die vor allem Georg Wilhelm Friedrich Hegel ein Dorn im Auge war. Alexander Somek schreibt: „Es handelt sich, wenn man es salopp ausdrücken will, um die Moralität der „Balkonmuppetts“, also derjenigen, die über die Handelnden schlecht urteilen und selbst nie in die Verlegenheit geraten, ihre moralische Reinheit durch eigenes, einigermaßen signifikantes Handeln zu beschmutzen.“ Wer „etwas tut“, die Initiative ergreift oder versucht, die Dingen zu gestalten, den mag das Schicksal ereilen, von der Seitenlinie aus kritisiert zu werden, an der jene stehen, welche die Hände in den Schoß legen und mit leidender Mine erdulden, was andere machen. Alexander Somek ist seit 2015 Professor für Rechtsphilosophie und juristische Methodenlehre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

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Um Moralapostel sollte man einen großen Bogen machen

Axel Braig schreibt: „Bei Unterhaltungen über moralische Fragen scheinen Aufgeregtheiten oft unvermeidlich und Streit vorprogrammiert, denn moralische Argumentationen zeichnen sich häufig durch eine gewissen Dinglichkeit aus.“ Tatsächlich wirken Aussagen wie: „Das gehört sich nicht“ oder „Das ist nicht gut“ oft bedrohlich und signalisieren, dass Widerspruch nicht gern gesehen wird. Um Moralphilosophen wie Immanuel Kant hat Axel Braig in seinem Philosophiestudium eher einen Bogen gemacht und gegen Menschen, die als Moralapostel auftreten, wehrt er sich regelmäßig. Axel Braig teilt Niklas Luhmanns Einschätzung, dass es eine der wichtigsten Aufgaben der Ethik sei, vor Moral zu warnen, die er damit begründet, dass Moral häufig zur Eskalation von Konflikten und sogar Rechtfertigung von Gewalt beitrage. Axel Braig wandte sich nach Jahren als Orchestermusiker und Allgemeinarzt erst spät noch einem Philosophiestudium zu.

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Die Gelassenheit ist das entscheidende Ziel allen stoischen Bemühens

Das bekannte deutsche Wörterbuch, der Duden, erklärt den Begriff „stoisch“ mit „unerschütterlich, gleichmütig, gelassen.“ Als Beispiel nennt das Standardwerk: „Er ertrug alles stoisch, mit stoischer Gelassenheit.“ Gerhard Gleißner fügt hinzu: „Die Gelassenheit oder stoische Seelenruhe – altgriechisch ataraxia – ist das entscheidende Ziel allen stoischen Bemühens, sie führt uns zum glücklichen Leben. Die ataraxia ist der Lohn dafür wenn wir es schaffen, das Schicksal zu akzeptieren.“ Wem es also gelingt, alles, was kommt, gelassen zu ertragen, der ist ein guter Stoiker. Die stoische Seelenruhe leitet sich ursächlich vom stoischen Weltbild ab, das wiederum vom logos gestimmt wird. Der logos ist eine vernunftbetonte, göttliche Ordnung, die das ganze Universum durchdringt und funktionieren lässt. Dr. med. Gerhard Gleißner ist seit 2014 als Amtsarzt und Gutachter im öffentlichen Gesundheitsdienst tätig.

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Die Lüge gilt immer als erlaubtes Mittel in der Politik

Laut Hannah Arendt zählt die Wahrhaftigkeit niemals zu den politischen Tugenden, denn die Lüge gilt immer als erlaubtes Mittel in der Politik. Nicht alle haben dies so offen ausgesprochen wie Niccolò Machiavelli, der die Lüge für legitim hielt, wenn sie dem Machterhalt – das ist die böse Variante – oder dem Wohl des Volkes – das ist die gute Variante – diente. Konrad Paul Liessmann stellt fest: „Dass mit der Wahrheit in der Politik, in der es um Machtansprüche, um den Kampf zwischen Meinungen und Ideologien geht, wenig zu erreichen ist, mag ein Gemeinplatz sein. Dennoch überrascht es stets aufs Neue, mit welcher Verve ausgerechnet in diesem Feld Ehrlichkeit eingefordert und die Lüge als der große Sündenfall gebrandmarkt wird.“ Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.

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Auf leere Rituale kann der moderne Mensch verzichten

Der moderne Mensch ist kein besonderer Freund von Ritualen. Konrad Paul Liessmann nennt ein Beispiel: „Jedes Mal zu Weihnachtszeit, wenn die Adventsmärkte aufgebaut, die Geschäfte geschmückt, die Plätze, Fenster und Wohnungen beleuchtet werden, denkt er zum Beispiel kritisch über den Sinn eines geschäftigen, von einem unbeugsamen Willen zum Kitsch gekennzeichneten Treibens nach.“ Der religiöse Hintergrund solch ritueller Feste ist ihm ebenso suspekt wie die Degradierung derselben zu einem globalen Konsumrausch. Auf solch leere Rituale, so seine These, könne man auch verzichten. Menschen, die man mag, kann man immer beschenken, Bücher zu jeder Jahreszeit kaufen und lesen, Notleidende bedürfen immer der Hilfe, und Kerzenlicht macht sich auch bei anderen Gelegenheiten gut. Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.

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Um 1900 entdeckte man neue Dimensionen der Psyche

Um die Jahrhundertwende entdeckt und erforscht Sigmund Freud die „oceanischen Gefühle“. Jürgen Wertheimer ergänzt: „Von Ich-Kult, von einer „Romantik der Nerven“ ist bei den Vordenkern der Bewegung des Jung-Wien die Rede.“ Hermann Bahr (1863 – 1934) erläutert: „Nicht Gefühle, nur Stimmungen suchen sie auf. Sie verschmähen nicht nur die äußere Welt, sondern am inneren Menschen selbst verschmähen sie allen Rest, der nicht Stimmung ist. Das Denken, das Fühlen und das Wollen achten sie gering und nur den Vorrat, welchen sie jeweilig auf ihren Nerven finden, wollen sie ausdrücken und mitteilen. Das ist ihre Neuerung.“ Schlagworte, welche die Forscher und Autoren der Zeit um 1900 europaweit bewegen. Künste und Wissenschaften entdecken die Abgründe der Seele und neue Dimensionen der Psyche. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

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Kriege bringen eine Ethik der Grausamkeit hervor

Aber was immer auch der Krieg an schrecklichen Opfern nach sich zieht, so ist er doch, in einer Ethik aus Härte und Grausamkeit, eine Schule des Lebens, die jedem einzelnen zukünftigen Soldaten abverlangt wird. Wolfgang Müller-Funk stellt fest: „Es sind der Erste Weltkrieg und nachfolgende Revolutionen diverser Couleurs, die einen postreligiösen Diskurs und damit eine Ethik der Grausamkeit hervorbringen werden.“ Robert Musil, der solchen Diskursen abhold war, hat trotz eines gewissen Faibles für Friedrich Nietzsche der Versuchung widerstanden, daran mitzuwirken. Andere wie Ernst Jünger haben den Krieg als ein Vorspiel für die Schaffung einer Gesellschaft gesehen, die auf systematische Gewaltsamkeit aufgebaut ist. Wolfgang Müller-Funk war Professor für Kulturwissenschaften in Wien und Birmingham und u.a. Fellow an der New School for Social Research in New York und am IWM in Wien.

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Selbstfindung ist eine Illusion

Der Schlafende ist nicht nur ein Wesen, das seine Geschichtlichkeit verloren hat, das sich ins Unhistorische transzendiert, sondern der schlafende Mensch ist auch ein Wesen, das sein Ich verloren hat. Konrad Paul Liessmann stellt fest: „Im Schlaf können wir über uns keine Auskunft geben, im Schlaf können wir uns nicht zu uns selbst verhalten. Damit fehlt dem Schlafenden aber die Grundvoraussetzung, um überhaupt von einem Selbst sprechen zu können.“ Sören Kierkegaard hat das Selbst einmal folgendermaßen definiert: „Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält.“ Das Selbst ist eine ontologische Entität im Menschen, die gesucht werden könnte: Selbstfindung ist eine Illusion. Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.

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Der Alpdruck der Vergangenheit wiegt oft schwer

Eine zentrale Frage bei Karl Marx lautet: Wie wird man mit dem Alpdruck der Vergangenheit fertig? Denn kein Mensch handelt losgebunden von der Geschichte, sondern sie lastet auf ihm, er ist hineingeworfen in eine Geschichte, die er nicht gemacht hat, mit der er aber in irgendeiner Weise zurande kommen muss. Konrad Paul Liessmann erläutert: „Revolutionen hätten nach Marx auch die Aufgabe gehabt, diese Last der Vergangenheit, wenn nicht schon abzuschütteln, so doch zu minimieren und den Blick frei zu machen für das Morgen.“ Genau dazu aber wühlen die Menschen im Fundus der Vergangenheit und suchen darin nach passenden Kostümen. Die Französische Revolution verkleidet sich beispielsweise als Römische Republik. Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.

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Gewohnheiten geben Halt und erleichtern das Leben

Das Titelthema des neuen Philosophie Magazins 02/2025 beschäftigt sich diesmal mit Gewohnheiten. Manchmal scheint es gänzlich unmöglich zu sein, von einer Gewohnheit abzulassen, sie gegen eine neue einzutauschen. Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler schreibt: „So tief sitzt und diese oder jene Gewohnheit in den Knochen, so unauflöslich gehört sie zum Ich, dass es einer Selbstverletzung gleichkäme, auf sie zu verzichten.“ Nicht umsonst charakterisiert man Menschen maßgeblich über jene Tätigkeiten, die sie wiederholt, routiniert, ja nahezu automatisiert ausüben und die den Alltag erleichtern, weil sie der Last der Entscheidung enthoben sind. Wie sehr lieb gewonnene Verhaltensweisen mit dem Ich verwoben sind, zeigt sich überdeutlich dann, wenn ein Mensch davon abgehalten wird, sie auszuüben. Gerade weil die Gewohnheit Halt gibt und das Leben erleichtert, hängt das Ich an ihr; und zwar bisweilen so sehr, dass sie ins Zwanghafte driftet.

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Friedrich Nietzsche postuliert den „Tod Gottes“

Friedrich Nietzsche glaubte tatsächlich, das Schwergewicht der Verantwortung zu ahnen, das nach dem von ihm postulierten „Tod Gottes“ auf allen Menschen laste. „Verantwortlichkeit“ nennt es das „Privilegium“ des „souveränen Individuums“. Friedrich Nietzsche braucht Charles Darwin nicht, um über den Menschen hinauszudenken. Volker Gerhardt ergänzt: „Unstrittig sollte auch sein, dass dem Menschen nicht verboten werden kann, in geschichtlicher Perspektive über sich hinauszudenken.“ Dennoch hat sie die Rede vom „Übermenschen“, ebenso wie die vom „Willen zur Macht“, als leichtfertig erwiesen. Sie ist schon bald zur Parole der politischen Inhumanität geworden. Diese hatte nur eine Neuauflage aller Herrschaftsmodelle zu Ziel – mit effektivierter Manipulation und unter Verhöhnung des Menschenrechts. Volker Gerhardt war bis zu seiner Emeritierung 2014 Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin.

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Im Idealfall ist eine philosophische Reise ein Gesamtkunstwerk

Peter Vollbrecht schreibt in seinem neuen Buch „Magische Orte des Denkens“: „Philosophische Reisen machen mit entfernteren und näheren Epochen bekannt, sie schreiten weite denkerische Horizonte aus und führen idealerweise immer auch zurück zum persönlichen Gesichtskreis eines jeden Teilnehmers. Erst wenn die Abenteuer des Denkens in unserer inneren Welt eine resonante Schwingung erzeugen, gewinnen sie einen existenziellen Wert.“ Auf jeder philosophischen Reise muss das Thema ein Echo in der Seele finden. Es muss berühren können. Es darf, ja es sollte durchaus das Denken herausfordern. In der Ideallinie wäre eine philosophische Reise ein Gesamtkunstwerk. Gute Balancen entscheiden alles. Seminarzeiten, Kaffeepausen, Mittagspausen, Exkursionen, das kulturelle Abendprogramm, die Örtlichkeit und das Thema und nicht zuletzt: das Essen. Dr. Peter Vollbrecht studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte in Heidelberg, Bayreuth und New Delhi.

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Freiheit verlangt die Macht der Selbstbeherrschung

Die These, dass die Befreiung zur demokratisch-freien Subjektivität durch die Arbeit erfolgt ist, ist selbst eine demokratische These. Christoph Menke erklärt: „Es ist das Selbstverständnis der demokratisch Freien, dass sie sich ihre Freiheit selbst erarbeitet haben. Ihre aristokratischen Kritiker bestreiten das. Deren Gegenthese lautet, dass es vielmehr ohne Herrschaft – Herrschaft, nicht Arbeit – gar keine Freiheit gibt.“ Man muss daher Herrschaft über sich selbst ausüben können, um wahrhaft frei zu sein. Subjektivität wird durch Herrschaft konstituiert – in Friedrich Nietzsches Reformulierung dieses antidemokratischen Arguments: „Bei allem Wollen handelt es sich schlechterdings um Befehlen und Gehorchen.“ Wenn die Demokraten glauben, sich durch die Arbeit selbst befreit zu haben, dann verdrängen sie demnach die entscheidende Wahrheit, dass die Freiheit die Macht der Selbstbeherrschung verlangt, ja dass sie diese Macht ist. Christoph Menke ist Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

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Kulturen entstehen aus Mythenbildungen

Menschliche Vergesellschaftung ist fundamental fiktional. Derjenige Zusammenhang menschlicher Gruppen, den wir als „Gesellschaft“ oder „Kultur“ anzusprechen gewohnt sind, verdankt sich historisch der Mythenbildung. Markus Gabriel erklärt: „Der Mensch ist ohne das mythologische Bewusstsein seiner Stellung im nicht-menschlichen Kosmos nicht zu verstehen.“ Yuval Noah Harari verspielt diese Einsicht freilich sogleich, indem er eine einseitig naturalistische „Geschichte“ der Menschheit erzählt. Diese wiederholt alle handelsüblichen teleologischen Muster. Diese führen von primitivem Überleben hin in die moderne, europäische Zivilisation und die in seiner Story nicht zufällig in Kalifornien kulminieren. Wie sein wahres Vorbild, Friedrich Nietzsche, bedient er sich der unvermeidlichen Narrativität des menschlichen Selbstseins. Damit will er den Übermenschen vorbereiten. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

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Das Schmecken ist ein Erkenntnisvermögen

In der Weisheit – sapientia – lassen sich deren Ursprünge im Wissen und Schmecken – beides sapor – noch erkennen. Lisz Hirn erklärt: „Das Schmecken ist hier nicht eine bloße Sinneswahrnehmung, sondern ein Erkenntnisvermögen.“ Schon Friedrich Nietzsche hat es „als eine kulturell oder individuell erworbene Form des lebenspraktischen – philosophischen – Weisheit“ verstanden. Das heißt, die Beurteilung und Erkenntnis der Dinge fordert die mündige Stellungnahme des Einzelnen. Diese kann jedoch mehr oder weniger erkenntnisreich ausfallen. Der Sapiens, der Schmeckende/Weise stellt Friedrich Nietzsche fest, schmeckt – nicht nur im übertragenen Sinne – quasi die bedeutsamen Unterschiede heraus. Er ist ein Mensch des „schärfsten Geschmacks“. Wo dieser Geschmack fehlt, kann man auf Vormünder zurückgreifen. Lisz Hirn arbeitet als Publizistin und Philosophin in der Jugend- und Erwachsenenbildung, unter anderem am Universitätslehrgang „Philosophische Praxis“.

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Das postheroische Zeitalter mag keine Helden

Heutzutage zählt nicht der außerordentliche Mensch, der Held oder das Genie, sondern das Team, die Mannschaft oder die Gruppe. Und jede Glanzleistung oder Niederlage ist am Ende das Ergebnis gelungener oder misslungener Kooperation. Tobias Haberl fügt hinzu: „Das postheroische Zeitalter, das auch ein postphallisches ist, mag keine Helden, die unbeirrbar ihren Weg gehen, keine Großkünstler, Steppenwölfe oder Chefs, die ihren Q7 um Mitternacht aus der Tiefgarage steuern, sondern Angestellte, die sich gesund ernähren, nach Feierabend ihre Mails checken und die richtigen Kollegen in CC setzen, damit Prozesse optimiert und Abläufe beschleunigt werden können.“ Maßvolle Zurückhaltung sticht jedes Ego. Der Literaturwissenschaftler Tobias Haberl schreibt für das „Süddeutsche Zeitung Magazin“. Sein letztes Buch „Die große Entzauberung – Vom trügerischen Glück des heutigen Menschen“ wurde ein Bestseller.

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Das Christentum hat dem Eros Gift zu trinken gegeben

Friedrich Nietzsche klagt, das Christentum habe „dem Eros Gift zu trinken“ gegeben. Er sei zwar nicht daran gestorben, „aber entartet, zum Laster“. Peter Trawny weiß: „Nietzsche kannte die dunkle, schmerzhafte Seite des Erotischen sehr genau: Dionysos war sein philosophisches Debut, der Gott des Rausches und der Ekstase. Das Christentum hat keinen Ort für diesen Rausch. Der Liebe der Körper wird misstraut, ja in der Sünde wird sie stigmatisiert.“ Zunächst scheint Friedrich Nietzsche recht zu haben. Über Jahrtausende hinweg sprach man der Sexualität ein eigenes Existenzrecht ab. Das Christentum gab und gibt der Liebe einen deutlich asexuellen Sinn: Nächstenliebe. In ihr spielt es keine Rolle, ob man sich vom Anderen angezogen oder abgestoßen fühlt. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.

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Die demonstrierte Entblößung symbolisiert den Sex

Konrad Paul Liessmann stellt fest: „Es ist die angedeutete oder demonstrierte Entblößung vor allem jener Körperteile, die das Begehren und den Sex symbolisieren, die in der Öffentlichkeit das zweideutige Interesse an der Nacktheit generieren.“ Und dies nicht nur, weil der öffentliche Raum nicht der richtige Ort für intime Signale ist. Sondern vor allem deshalb, weil das Erotische selbst der vollkommenen Entblößung gegenüber höchst ambivalent ist. Das Erotische lebt von einer Gestik des Entblößens. Diese weiß, dass das Wechselspiel von Enthüllen und Verhüllen nicht nur in einem faktischen Sinn das Begehren strukturiert. Sondern sie gibt dem Eros auch seine philosophische Dignität. Denn immerhin dachte sich das Abendland die Wahrheit als ein Weib, die seiner Enthüllung harrt. Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.

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Daniel-Pascal Zorn kennt die Geschichte der Postmoderne

Die Geschichte der Postmoderne gibt es nicht. Eine Geschichte der Postmoderne, sicherlich die bekannteste, ist verbunden mit Michel Foucault und Jacques Derrida, den beiden großen Philosophen der französischen Philosophie der 1960 und 1979er Jahre. Sie ist auch verknüpft mit Jean-François Lyotard, der 1979 „Das postmoderne Wissen“ geschrieben hat und mit Richard Rorty, der den Begriff „Postmoderne“ oder „postmodern“ zu verschiedenen Gelegenheiten diskutiert hat. Daniel-Pascal Zorn fügt hinzu: „Aber die Fragen, die diese Philosophen stellen, finden nicht im luftleeren Raum statt. Sie sind ihrerseits eingebettet in einen historischen und theoretischen Kontext, der weiter zurückreicht, bis zu den Anfängen der bürgerlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Daniel-Pascal Zorn studierte Philosophie, Geschichte und Komparatistik. Seit 2021 ist er Geschäftsführer des Zentrums für Prinzipienforschung an der Bergischen Universität Wuppertal.

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Der Mensch ist zum Untergang bestimmt

Der Mensch, so Zarathustra mit einer berühmt gewordenen Formulierung, „ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch, – ein Seil über einem Abgrund“. Das Bild des Seils ist für Konrad Paul Liessmann so eindringlich wie schief. Der Mensch erscheint als Brücke, als Übergang zwischen den Existenzformen Tier und Übermensch. Darunter lauert ein Abgrund. Der Mensch ist Mensch nur auf Abruf, etwas Vorläufiges, der sich auf einem unsicheren Weg befindet. Er bewegt sich auf einem gefährlichen Hinüber, immer bedroht von einem gefährlichen Schaudern und Stehenbleiben. In diesem Sinne ist der Mensch zum Untergang bestimmt, denn er soll über sich hinausgehen können. Mit anderen Worten: Was jetzt noch Mensch heißt, soll verschwinden. Konrad Paul Liessmann ist Professor für Philosophie an der Universität Wien. Zudem arbeitet er als Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist. Im Zsolnay-Verlag gibt er die Reihe „Philosophicum Lech“ heraus.

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Kafkas Werk hat der philosophischen Nachwelt einen Schatz hinterlassen

Der Titel der Sonderausgabe Nr. 29 des Philosophie Magazins lautet: „Der unendliche Kafka“. Jana Glaese, Chefredakteurin der Sonderausgabe, schreibt: „Kafkas Werk hat der philosophischen Nachwelt einen Schatz hinterlassen. Von Walter Benjamin und Theodor Adorno über Hannah Arendt und Albert Camus bis hin zu Giorgio Agamben, Gilles Deleuze und Judith Butler ist Kafka eine zentrale Referenz der Philosophie.“ Der Philosophie in ihrer akademischen und systematischen Gestalt misstraut Franz Kafka. Doch mit Begeisterung liest er jene Denker, in deren Texten und Biografien er seine eigenen existenziellen Fragen erkennt. Søren Kierkegaard (1813 – 1855) war der Philosoph, den Kafka wohl am intensivsten gelesen hat. Die biografischen Ähnlichkeiten der beiden sind augenfällig: Es verbindet sie eine Neigung zu Schuldgefühlen und zum Grübeln, vor allem aber das problematische Verhältnis zur Eheschließung.

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Die Lüste unterliegen dem Regime der Gesundheit

Der letzte Mensch hält sich für klug, er „weiß alles“. Ganz ohne Smartphone vermutete Friedrich Nietzsche, dass die Demokratisierung des Wissens, eine Hybris zur Folge haben wird. Diese verwechselt die Möglichkeit des Zugriffs auf Informationen mit jener Erkenntnis, die sich ihrer Begrenztheit und Vorläufigkeit stets bewusst ist. Konrad Paul Liessmann erklärt: „Das Leben des letzten Menschen wird dominiert von den Aspekten des Angenehmen, Nützlichen, Mittelmäßigen.“ Die Lüste selbst unterliegen seit geraumer Zeit dem Regime der Gesundheit. Das trifft das Rauchen ebenso wie den Sex, das Essen ebenso wie das Trinken. Und es trifft auch die rar gewordenen geistigen Genüsse. Konrad Paul Liessmann ist Professor für Philosophie an der Universität Wien. Zudem arbeitet er als Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist. Im Zsolnay-Verlag gibt er die Reihe „Philosophicum Lech“ heraus.

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Die Flut der Informationen zerstört relevantes Wissen

Michael Schmidt-Salomon hat sein neues Buch „Die Evolution des Denkens“ unter anderem deshalb geschrieben, weil er in den letzten Jahren den Eindruck gewonnen hat, dass in der Flut der Informationen, die uns tagtäglich überschwemmt, relevantes Wissen verloren geht. Selbst in akademischen Kreisen scheint man die Grundlagen des modernen Weltbildes kaum noch zu kennen. Michael Schmidt-Salomon schreibt: „Diese kulturelle Demenz ist gefährlich, weil sie unsere Perspektive verengt. Wir verlieren die Orientierung und sind dazu verdammt, die gleichen Fragen immer und immer wieder neu zu diskutieren, obwohl die maßgeblichen Antworten schon vor Jahrzehnten, wenn nicht schon vor Jahrhunderten gefunden wurden.“ Deshalb stehen im Zentrum seines Buchs die Lebensgeschichten jener Menschen, die seines Erachtens besonders relevante Einsichten für die heutige Zeit hervorgebracht haben. Michael Schmidt-Salomon ist freischaffender Philosoph und Schriftsteller sowie Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung.

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