Vor zwanzig Jahren hatten die Grenzen an Bedeutung verloren

Herfried Münkler schreibt: „Vor wenigen Jahren noch hätte man ein Buch über die Rolle Deutschlands in Europa und der Welt mitsamt den politischen Herausforderungen, denen sich die Deutschen stellen müssen, kaum mit einem Widerstreit der großen Mächte oder einem Umbruch der Macht in Verbindung gebracht.“ In einer vor zehn oder zwanzig Jahren verfassten Darstellung hätte das Thema des Bedeutungsverlusts von Grenzen und Grenzregimen dominiert, des Weiteren der ständig wachsende Austausch von Gütern und Wissen im globalen Rahmen. In der Darstellung hätte auch nicht die Vorbildfunktion von Schwellenländern bei der Überwindung von Armut und Rückständigkeit gefehlt, und das alles wäre obendrein von der Vorstellung des Fortschritts als analytischer Leitidee durchdrungen gewesen. Herfried Münkler ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Viele seiner Bücher gelten als Standardwerke, etwa „Imperien“ oder „Die Deutschen und ihre Mythen“.

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Deutschland war oftmals zwischen Osten und Westen gespalten

Fast könnte man meinen, es handele sich bei der latenten politischen wie kulturellen Spaltung Deutschlands zwischen Osten und Westen um ein geopolitisches „Schicksal“. Herfried Münkler weiß: „Denn in der Weimarer Republik, einem durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg aus einer starken in eine schwache Mitte verwandelten Deutschland, trat diese Aufspaltung in Ost- und Westorientierung sofort wieder hervor.“ Während die Reichswehrführung unbeschadet ihrer politisch konservativen Einstellung insgeheim mit der Sowjetunion kooperierte, suchten die Außenpolitiker der Republik einen Ausgleich mit den Westmächten, vor allem mit Frankreich. Das Land schwankte zwischen einer Rapallo-Politik, die schließlich zum Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 führte, und einer vor allem in West- und Süddeutschland präferierten Aussöhnung mit Frankreich mitsamt der Wiedereingliederung Deutschlands in den westlichen, den westeuropäisch-ozeanischen Wirtschaftskreislauf. Herfried Münkler ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Viele seiner Bücher gelten als Standardwerke, etwa „Imperien“ oder „Die Deutschen und ihre Mythen“.

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Der Bürgersinn hängt vom Funktionieren des Staates ab

Die Karibik und Nordafrika sind zwei Welten. Europa ist seinerseits das verblüffende Nebeneinander – und oft das Miteinander – gegensätzlicher Denkwelten. Roger de Weck stellt fest: „Die sehr verschiedenen Mentalitäten färben auf die Demokratien ab, die sehr verschiedenen Demokratien wirken auf die Mentalitäten ein. Und der Bürgersinn hängt wesentlich davon ab, wie der Staat funktioniert.“ Nordeuropa bejaht hohe Steuern und eine starke Umverteilung in dem Wissen, dass die öffentliche Hand das Geld verhältnismäßig wirksam einsetzt. Italien hat eine umso schwärzere Schwarzwirtschaft, als ein Teil des Steueraufkommens versickert, ob es nun verschwendet wird oder verschwindet. Deshalb hat das Land eine weltweit wohl einzigartige Finanzpolizei, die Guardia di Finanzá mit gut 60.000 Uniformierten. Sie bekämpft die Zoll- und Wirtschaftskriminalität, mit Hauptaugenmerk auf die Steuerhinterziehung. Roger de Weck ist ein Schweizer Publizist und Ökonom.

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Die Politik im 21. Jahrhundert braucht einen neuen Kompass

Zukunftsfähige Politik des 21. Jahrhunderts muss sich sehr grundsätzlich von der des vergangenen Jahrhunderts unterscheiden, nicht nur weil die Krisen heftiger und häufiger werden. Petra Pinzler ergänzt: „Auch können die Fortschrittskonzepte der Vergangenheit nicht mehr einfach so in die Zukunft fortgeschrieben werden. Erfolgreiche Regierungspolitik braucht also einen neuen Kompass.“ Regierungswechsel markieren immer eine Zäsur für neuen Wandel. Nötig wäre er, der Wandel. Die Zukunft Deutschlands braucht eine andere Art der politischen Zusammenarbeit. Man kann das, was wir gerade erleben, mit dem Wort „Epochenwechsel“ beschreiben. Man kann es die „Geschichtlichkeit des Augenblicks“ nennen oder „Polykrisenzeiten“. All das klingt groß, aber genau darum geht es: Um gewaltige Veränderungen und daraus abgeleitet die Frage, wie die Politik auf die neue Wirklichkeit reagier oder reagieren sollte. Petra Pinzler arbeitet als Hauptstadtkorrespondentin der Wochenzeitung „Die Zeit“. Sie schreibt zudem Bücher über Wirtschaft, Umwelt und Klimaschutz.

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Herfried Münkler beschreibt Deutschlands Rolle im 21. Jahrhundert

Ein wesentlicher Strang des Buches „Macht im Umbruch“ von Herfried Münkler ist die Geopolitik, die im Zuge der Umbrüche und Veränderungen der letzten zehn Jahre einen bemerkenswerten Wiederaufstieg erfahren hat, auch in Deutschland, wo sie aus der öffentlichen wie fachwissenschaftlichen Debatte nahezu verschwunden war. Einen Schwerpunkt bildet dabei Deutschlands Rolle in Europa und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Herfried Münkler schreibt: „Es wird die Rolle eines „primus inter pares“ sein, eines Ersten unter Gleichen, aber doch eben eines Ersten, dessen es beim Umbau und der Neugestaltung der EU bedarf.“ Aber Deutschland schafft das nicht allein, sondern ist dafür auf eine Reihe von Unterstützermächten angewiesen, die in einer reformierten und an Handlungsfähigkeit orientierten EU so etwas wie den innersten Kreis der Europäischen Union bilden würden. Herfried Münkler ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Viele seiner Bücher gelten als Standardwerke, etwa „Imperien“ oder „Die Deutschen und ihre Mythen“.

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Phillip Cagan analysierte die Hyperinflation

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erreichte neben den Kriegen auch die zerstörerische Kraft des Papiergeldes eine bis dahin in der Menschheitsgeschichte nicht gekannte Stärke. Thomas Mayer weiß: „Phillip Cagan analysierte in seinem 1956 erschienenen Beitrag zu einem von Milton Friedman herausgegebenen Buch zur Quantitätstheorie des Geldes fünf Episoden zur Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg und zwei nach dem Zweiten Weltkrieg.“ Dabei definierte er als Hyperinflation die Zeit, zu der im ersten Monat der Anstieg der Preise gegenüber dem Vormonat mindestes 50 Prozent – die Jahresrate also knapp 13.000 Prozent – betrug, bis zu dem Monat nach dem Anstieg wieder unter diese Marke gefallen und mindestens für ein Jahr darunter geblieben war. Thomas Mayer ist promovierter Ökonom und ausgewiesener Finanzexperte. Seit 2014 ist er Leiter der Denkfabrik Flossbach von Storch Research Institute.

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Die Philanthropie ist in Deutschland unterentwickelt

Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Hochvermögende, die sich stark mit ihrem Geld gesellschaftlich engagieren. Die Philanthropie hat hierzulande nicht die gleiche Bedeutung wie in den USA und anderen Ländern. Auch weil das deutsche Steuer- und Sozialsystem bei vielen die Erwartungen an den Staat, er möge sich um soziale Belange kümmern, viel stärker schürt, als dies in den USA der Fall ist. Kinder haben ein Anrecht – moralisch wie rechtlich – auf das Vermögen ihrer Eltern, die ihren Kindern nur in Ausnahmefällen das Vermögen komplett verwehren können. Marcel Fratzscher weiß: „Das öffentliche Zeigen von Reichtum wird in unserer Gesellschaft eher als despektierlich empfunden. Die Weitergabe eines großen Vermögens als Erbe wird jedoch als Lebensleistung anerkannt.“ Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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Immanuel Kant interessiere sich keinesfalls nur für Philosophie

Eine äußerst bemerkenswerte Ansammlung von Universalgelehrten im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert fand sich in Deutschland, einer Kulturnation, die seinerzeit noch kein Nationalstaat war. Peter Burke nennt ein Beispiel: „Der Schweizer Albrecht von Haller, Professor für Medizin, Anatomie und Botanik in Göttingen, war auch als Literaturkritiker, Dichter und Romancier aktiv.“ Immanuel Kant könnte ebenfalls mit einbezogen werden, da sich seine Interessen keineswegs auf Philosophie beschränkten. Was man heute als Psychologie und Anthropologie bezeichnet – Disziplinen, zu denen er Beiträge lieferte – bildete zu seiner Zeit zwar noch einen Teil der Philosophie, doch Kant schrieb zudem über Kosmologie und physische Geographie. Sechzehn Jahre lehrte Peter Burke an der School of European Studies der University of Sussex. Im Jahr 1978 wechselte er als Professor für Kulturgeschichte nach Cambridge ans Emmanuel College.

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Beim Einkommen ist die Ungleichheit in Deutschland sehr hoch

Marcel Fratzscher stellt fest: „Deutschland ist zweifellos eines der reichsten Länder der Welt mit der höchsten Produktivität der Beschäftigten und Unternehmen. Die Löhne und Einkommen sind daher im internationalen Vergleich hoch. Aber die Lebenshaltungskosten sind ebenfalls hoch. Und sie sind durch steigende Mieten gerade in den Städten in den vergangenen Jahren für Beschäftigte mit geringen Einkommen nochmals deutlich gestiegen. Ungewöhnlich viele Menschen können also nicht sparen, weil sie ihr komplettes monatliches Einkommen für ihren Lebensunterhalt benötigen. Bei den Markteinkommen, also den monatlichen Einkommen vor Steuern und Abgaben, ist die Ungleichheit in Deutschland im internationalen Vergleich recht hoch. Sie liegt im oberen Drittel aller Industrieländer. Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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Deutschland hat sich zum Bevormundungsstaat entwickelt

Deutschland wird für einen Menschen, dem Freiheit viel bedeutet, immer unerträglicher. Verglichen mit Deutschland ist der Sozialstaat in der Schweiz noch vernünftig dimensioniert. Reinhard K. Sprenger stellt fest: „Aber nirgendwo in Europa wachsen die Sozialbudgets proportional so wie in der Schweiz. Der wesentliche Unterschied liegt zwischen „geben“ und „nicht nehmen“. In Deutschland nimmt mir der Staat viel weg und gibt mir dann etwas davon zurück.“ Natürlich abzüglich der Kosten für die Umverteiler selbst. In der Schweiz nimmt der Staat nicht so viel und lässt seine Bürger wählen, welche Dienstleistungen sie kaufen wollen. Das ist schon respektvoller. Der deutsche Staat hat sich verselbstständigt, er hat sich vom Rechtsstaat zum Bevormundungsstaat entwickelt. Reinhard K. Sprenger, promovierter Philosoph, ist einer der profiliertesten Führungsexperten Deutschlands.

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Portugal ist ein schlafender Riese des Weins

Portugal ist für den österreichischen Sommelier ein schlafender Riese des Weins. Momentan liegt es für ihn direkt hinter seinem Lieblingsland Spanien. Die Region Douro, Heimat des Portweins, verfügt über viele unterschiedliche Mikroklimas und Höhenlagen. In diesen gedeihen faszinierende Rot- und Weißweine wie der Touriga Nacional und Touriga Franca – Rot. Aldo Sohm und Christine Muhlke schreiben: „Empfehlenswerte Weißweine entstehen aus den Sorten Rabigato und Gouveio. Der Trend nach trockenen Weinen hat die Nachfrage nach Portwein gedämpft.“ Viele Erzeuger verlegen sich daher auf trockene Weiß- und Rotweine. Auch beim Vinho Verde geht der Trend vom perlenden, halbtrockenen Weißwein – Arinto, Loureiro – zu Einzelabfüllungen. Der Österreicher Aldo Sohm ist einer der renommiertesten Sommeliers der Welt, eine Legende seiner Branche. Christine Muhlke ist Redakteurin des Feinschmecker-Magazins „Bon Appétit“.

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Jede nationale Geschichte Europas hat denselben Grundgedanken

Persönliche Erinnerungen, angefangen mit denen an die Hölle, die sich die Europäer auf Erden geschaffen haben, gehören zu den stärksten Triebkräften für alles, was Europa seit 1945 getan hat und geworden ist. Timothy Garton Ash nennt das den Erinnerungsmotor. Mehrere Generationen von Baumeistern Europas haben den Kontinent zu dem gemacht, was er zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist. Wenn man sich anschaut, welche Argumente man für die europäische Integration in den verschiedenen Ländern von den 1940er bis zu den 1990er Jahren vorbrachte, scheint jede nationale Geschichte auf den ersten Blick sehr unterschiedlich zu sein. Aber wenn man etwas tiefer gräbt findet man immer denselben Grundgedanken. Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University.

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Johannes Böhm untersucht die Sitten der Deutschen

Das tiefere Empfinden einer deutschen Nation begann mit einer gesteigerten Aufmerksamkeit für das deutsche Volk. Das dreibändige Werk „Omnium gentium mores, leges et ritus“, das 1520 erschien, gilt als eine der ersten modernen Überblicksdarstellungen zu Völkern auf der ganzen Welt. Und es erhält die erste ernsthafte Untersuchung zu den Sitten und Gebräuchen des „vierten Standes der Deutschen“. Helmut Walser Smith weiß: „Verfasst hat dieses Opus ein Deutschordensbruder namens Johannes Böhm.“ Dabei knüpfte er an die Renaissance der klassischen Literatur des 15. Jahrhunderts an, insbesondere an Lorenzo Vallas Übersetzung von Herodot ins Lateinische. Johannes Böhm übernahm Herodots Verständnis der Völker und orientierte sich an der Neugier seines antiken Vorbilds für Dinge wie Kleidung, Ernährung und Wohnung. Helmut Walser Smith lehrt Geschichte an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee.

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Das chinesische Modell ist fragwürdig

Die Entscheidungswege in Demokratien sind häufig langwierig und konfliktbehaftet. Viele Menschen glauben, dass es demokratischen Gesellschaften kaum gelingen kann, in angemessener Zeit befriedigende Lösungen zu entwickeln und umzusetzen. Die Regierenden in Deutschland müssen sich mit widerstreitenden Meinungen und Interessen der Bevölkerung auseinandersetzen. Einfluss auf die Politik nehmen zudem vielfältige Lobbygruppen. Dazu kommen Sonderwünsche aus Ländern und Kommunen oder vonseiten der europäischen Partner. Hans-Jürgen Papier ergänzt: „Demgegenüber seien autoritär geführte Staaten wie China viel besser in der Lage, auf eine Krise schnell und wirkungsvoll zu reagieren.“ Die Regierung in Peking kann mit dem riesigen Machtapparat der Kommunistischen Partei im Rücken weitgehend ungehindert Entscheidungen treffen und diese auch durchsetzen. Prof. em. Dr. Dres. h.c. Hans-Jürgen Papier war von 2002 bis 2014 Präsident des Bundesverfassungsgerichts.

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Regionale Lebensmittel verbrauchen weniger Wasser

Europa wendet 20 Prozent des Frischwassers für die Landwirtschaft auf. Nordamerika ist mit knapp über 40 Prozent immer noch unter dem weltweiten Durchschnitt, während Südamerika rund 70 Prozent der Frischwasserentnahmen für die Landwirtschaft verbraucht. Asien und Afrika mit 80 Prozent und Südasien mit sogar 90 Prozent liegen weit über dem weltweiten Durchschnitt. Malte Rubach stellt fest: „Auch hier erkennt man schnell. Die geografischen und klimatischen Bedingungen sind ausschlaggebend, wie viel grünes und blaues Wasser aus dem Wasserkreislauf entnommen werden muss, um ein Kilogramm Rindfleisch oder Getreide zu erzeugen.“ Wer in Deutschland regionale Lebensmittel kauft, hat damit mit Sicherheit einen geringeren Wasserfußabdruck als 15.000 Liter für ein Kilogramm Rindfleisch. Nämlich nur gut die Hälfte. Der Referent und Buchautor Dr. Malte Rubach hat Ernährungswissenschaften in Deutschland, der Türkei und den USA studiert.

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Die Politik neigt zu Protektionismus

Wenn man wissen will, wie es nach der Corona-Pandemie mit der Globalisierung weitergeht, sollte man zwei Dimensionen unterscheiden. Clemens Fuest erläutert: „Erstens Marktreaktionen, also Verhaltensänderungen der Unternehmen und der Verbraucher. Zweitens Reaktionen der Politik wie etwa eine verstärkte Neigung zu Protektionismus.“ Werden die Unternehmen ihre Wertschöpfungsketten nach der Krise verändern? Man kann damit rechnen, dass international agierende Firmen in Zukunft darüber nachdenken, welche Produkte sie selbst herstellen und welche sie zukaufen. Beides ist mit Risiken verbunden. Es kann durchaus sein, dass eine Epidemie, eine Naturkatastrophe oder einen Unfall die eigene Produktion lahmgelegt, während Zulieferer davon nicht betroffen sind. Wenn man sich für Outsourcing entscheidet, können die Zulieferer aus dem Inland oder dem Ausland kommen. Clemens Fuest ist seit April 2017 Präsident des ifo Instituts.

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In einem Staat entscheidet die Kommunikation

Das deutsche Volk ist, wie jedes andere Volk, vor allem eine Lebensgemeinschaft, eine Kommunikationsgemeinschaft und eine Haftungsgemeinschaft. Die Kinder von Türken und anderen Ausländer sind im Allgmeinen keine deutschen Staatsbürger. Selbst dann, wenn sie seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Aber sie gehören zweifellos zur Kommunikationsgemeinschaft der Deutschen, weil sie mit ihnen und in Deutschland leben. Herkunft, Sprache oder auch die gemeinsame Geschichte gehören nicht mehr unbedingt zu den Kennzeichen der jeweiligen Gemeinschaft im Staat. Michael Wolffsohn ergänzt: „Doch dieser Staat bleibt trotz aller internationalen Verflechtungen der entscheidende Bezugspunkt der Kommunikation.“ Wenn etwas Erfreuliches passiert, stößt sich niemand an der gemeinsamen Haftungsgemeinschaft. Prof. Dr. Michael Wolffsohn war von 1981 bis 2012 Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München.

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Deutschland führte wieder Krieg

Nach der Epochenwende von 1989 ist leider kein „goldenes Zeitalter“ des Friedens angebrochen. Edgar Wolfrum stellt fest: „Aus der tiefsten Ächtung ist der Krieg vielmehr wieder zu neuer Bedeutung gelangt, auch in Europa.“ Im zerfallenen Jugoslawien brachen seit 1991 blutige Konflikt aus. In Randgebieten der ehemaligen Sowjetunion fanden ebenfalls Kämpfe statt. In nie dagewesener Form wurden in verschiedenen Staaten terroristische Anschläge verübt. Die Terroranschläge auf das New Yorker World Trade Center 2001 waren für viele Beobachter der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Es folgten die Kriege in Afghanistan und dem Irak, dann kamen kriegerische Auseinandersetzungen in Nordafrika, schließlich der Syrienkrieg. In diesem Zeitalter der „neuen Kriege“ wandelte sich die außenpolitische Stellung und militärische Rolle Deutschlands fundamental. Deutschland wurde wieder zu einer Krieg führenden Nation. Edgar Wolfrum ist Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Universität Heidelberg.

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Die Folgekosten des „Aufbau Ost“ wurden unterschätzt

Die Neubildung der deutschen Nation – und darum ging es ja bei und nach der Wiedervereinigung von 1990 – schien gelungen. Deutschland war ein postklassischer Nationalstaat, als Großmacht gezähmt, da in vielfältige supranationale Strukturen und Gebilde eingebunden. Die Deutschen hatten aus ihrer Geschichte gelernt und begriffen, dass sie nach zwei Weltkriegen und ungeheuerlichen Verbrechen eine unverhoffte zweite Chance erhielten, wie sie im Leben nur selten vorkommt. Edgar Wolfrum erinnert sich: „Der äußeren Einheit würde rasch die innere Einheit folgen. „Blühende Landschaften“ wurde versprochen. Das war die erste Täuschung.“ Die Transformation von einer sozialistischen Planwirtschaft in eine soziale Marktwirtschaft verlief nicht reibungslos. Zwischen West und Ost tat sich ein großer Graben auf, die Folgekosten des „Aufbau Ost“ wurden massiv unterschätzt. Edgar Wolfrum ist Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Universität Heidelberg.

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Im 15. Jahrhundert war Deutschland unbekannt

Als sich das 15. Jahrhundert seinem Ende zuneigte, war Deutschland nach wie vor nur unvollständig bekannt. Sogar Beschreibungen des Charakters seines Volkes waren selten, sparsam im Detail und von mangelhafter Genauigkeit. Helmut Walser Smith fügt hinzu: „Keine Karte zeichnete die deutschen Lande maßstabsgetreu, keine Zeichnung zeigte seine Grenzen. Und noch niemand hatte Deutschland als Raum mit einer deutlich erkennbaren Form beschrieben.“ Vielleicht war die zweidimensionale, maßstabsgetreue Wahrnehmung für die Menschen ebenso unwichtig wie das eigene Geburtsjahr. Doch die Erfindung des Buchdrucks hatte die Möglichkeiten von Wort und Bild schon zu verändern begonnen. Sie hatte beiden Flügel verliehen, während die Entdeckungen jenseits des Atlantiks und entlang der zerklüfteten Küsten Afrikas eine neue Neugier auf die Welt weckten. Helmut Walser Smith lehrt Geschichte an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee.

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Willy Brandts Ostpolitik war demutsvoll

Jubel in der SPD. Der Bundestag wählte Willy Brandt am 21. Oktober 1969 zum vierten Bundeskanzler in der Geschichte der Bundesrepublik. Seine Ostpolitik hat die Wiedervereinigung zwar nicht gebracht, aber strukturell erleichtert und somit ermöglich. Seine Ostpolitik war im Inhalt und im Stil demutsvoll. Die Bilder seines Kniefalls vor dem Warschauer Ghetto-Mahnmal gingen um die Welt. Sie zeigten, dass dieses wirklich neue Deutschland friedlich ist und keinerlei Gebietsrückgaben von fremden Ländern beansprucht. Michael Wolffsohn erklärt: „Land für Frieden.“ Inzwischen existieren Sowjetunion und Ostblock nicht mehr. Zum politischen Westen gehören weite Teile des einstigen auch deutschen Ostens. Und von einer Einheit des neuen Westens kann noch weniger als damals die Rede sein. Prof. Dr. Michael Wolffsohn war von 1981 bis 2012 Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München.

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Es gibt nicht die eine deutsche Geschichte

Helmut Walser Smith beschreibt in seinem neuen Buch „Deutschland“ die Geschichte der deutschen Nation von 1500 bis in die Gegenwart. Dabei hält er die Idee des Nationalstaats und die Ideologie des Nationalismus hellsichtig auseinander. Imaginationen von Deutschland und deutsche Wirklichkeit stoßen in seinem Werk hart aufeinander. Die nationalistischen Exzesse des Dritten Reichs im 20. Jahrhundert schildert Helmut Walser Smith ebenso eindringlich wie schonungslos. Seine klugen Gedanken über Deutschland und das Erbe seiner Vergangenheit reichen bis hin zur Bundestagsrede von Navid Kermani und den aktuellen Versuchen der Alternative für Deutschland (AfD), sich der deutschen Geschichte zu bemächtigen. Für den australischen Historiker Christopher Clark ist das Buch eine Pflichtlektüre für jeden, der sich für Deutschlands Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft interessiert. Helmut Walser Smith lehrt Geschichte an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee.

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Die deutsche Einheit war ein Glücksfall

In den 1990er Jahren wurden die Karten in Deutschland neu gemischt, und was dabei herauskam, verursachte Streit. Die ostdeutsche Bürgerrechtlerin Marianne Birthler glaubte im Rückblick von dreißig Jahren, dass Ostdeutsche in der Bundesrepublik noch immer benachteiligt seien. Das lag ihrer Ansicht nach auch an deren Gutgläubigkeit und Ahnungslosigkeit. Beides sei ein großer Nachteil in der Umbruchszeit gewesen, denn: „Profitiert haben jene, die sich auskannten und in gesicherten Verhältnissen lebten. Und zehn Jahre später? Als die Ostler das System verstanden haben, war der Kuchen verteilt.“ Edgar Wolfrum weist darauf hin, dass der Philosoph Richard Schröder hingegen stets das Glück der deutschen Einheit betonte, gerade für die Ostdeutschen. Man dürfe sie nicht unter der Rubrik „Pleiten, Pech und Pannen“ abhandeln. Edgar Wolfrum ist Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Universität Heidelberg.

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Deutschland war einst eine „Kulturnation“

Thea Dorn beschäftigt das gemeinsame Erbe der „Reue“, das der Nationalsozialismus und der Holocaust den Deutschen hinterlassen haben. Sie geht der Frage nach, worin das gemeinsame Erbe des „Ruhms“ für die Deutschen liegen könnte. Herfried Münkler hat sich in seinem Buch „Die Deutschen und ihre Mythen“ ausführlich mit dem schwierigen Thema befasst. Bei sämtlichen Mythen kommt er zu dem Ergebnis, dass sie für Zwecke der heutigen deutschen Selbstverständigung nicht mehr zu brauchen sind. Der aus Thea Dorns Sicht wichtigste und fruchtbarste Mythos der deutschen Geschichte war der, eine „Kulturnation“ zu sein. Unter Kultur versteht sie sie in engem Sinne das Musische, das Geistige und das Künstlerische. Thea Dorn studierte Philosophie und Theaterwissenschaften. Sie schrieb eine Reihe preisgekrönter Romane, Theaterstücke und Essays.

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Die Leistungsgesellschaft ist eine Fiktion

Eine Gesellschaft, die sich über Arbeit und Leistung definiert erscheint vielen Menschen derzeit ziemlich selbstverständlich. Scheinbar ist sie die einzig sinnvolle Form des Zusammenlebens. Sie ist aber eine englische Erfindung zu Beginn des bürgerlichen Zeitalters. Richard David Precht erläutert: „Unter allen Tugenden zählt nun nicht mehr die „phrónesis“ – die Weltklugheit – als die höchste, sondern die Tüchtigkeit, die Tugend der Arbeitsgesellschaft.“ „Die Arbeit“, beklagt Friedrich Nietzsche 1882, „bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite: der Hand zur Freude nennt sich bereits >Bedürfnis der Erholung<. Und fängt gleichzeitig an, sich vor sich selbst zu schämen. >Man ist es seiner Gesundheit schuldig< – so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird.“ Der Philosoph, Publizist und Bestsellerautor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.

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