Georg Pieper stellt die Varianten der Angst vor

Zunächst einmal muss man sich klarmachen, dass Angst nicht immer etwas Schlechtes ist, das man überwinden muss. Georg Pieper erläutert: „Angst schützt uns vor Gefahren und davor, Dinge zu tun, die uns schaden könnten. Evolutionär gesehen ist Angst überlebenswichtig, ohne Angst hätte die Menschheit nicht überlebt.“ Angst gibt es in ganz verschiedenen Ausprägungen. Die Psychologie unterscheidet zwischen „state anxiety“, Angst als Zustand, und „trait anxiety“, Angst als Eigenschaft. Die Zustandsangst ist eine vorübergehende Reaktion auf eine reale Gefahr. Hier ist Angst in der Regel sinnvoll und sichert unter Umständen sogar das Überleben. Sie kann sich aber auch übertrieben stark entwickeln. Dann hat jemand zum Beispiel vor jedem Hund Angst. Der Psychologe, Therapeut und Traumaexperte Georg Pieper betreut seit Jahrzehnten Menschen nach extremen Katastrophen.

Stress setzt den Körper in Alarmbereitschaft

Angst als Eigenschaft dagegen führt dazu, dass ein Mensch Situationen auch ohne akute Bedrohung als gefährlich einschätzt, zum Beispiel den Besuch eines Konzerts oder Zugfahrten. Diese Angst bedeutet eine große Einschränkung. Sie entsteht durch bestimmte Lernprozesse und wird durch Vermeidung aufrechterhalten. Beides löst die gleichen Abläufe im menschlichen Körper aus. Um diesen Mechanismus zu verstehen, ist es hilfreich, weit zurück in die Evolutionsgeschichte der Menschheit zu blicken.

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Georg Pieper weiß: „In unseren Reaktionen auf Furcht erregende Reize sind wir geprägt von einem uralten genetischen Programm, das schon bei unseren Urahnen genauso ablief.“ Auch heute noch reagieren Menschen auf konkrete oder vermeintliche Gefahren nach einem von drei Grundmustern. Stresssituationen versetzen den Körper in Alarmbereitschaft, das heißt, man wird dafür fit gemacht, anzugreifen oder wegzulaufen. In der modernen Industriegesellschaft ist man in der Regel allerdings Belastungssituationen ausgesetzt, in denen es nicht möglich ist, mit Angriff oder Flucht zu reagieren, obwohl der Körper genau für diese Reaktionen die notwendige Energie zur Verfügung stellt.

Die Belastungen des Alltags sind nicht lebensbedrohlich

Die meisten dieser alltäglichen Belastungen sind heutzutage nicht mehr lebensbedrohlich. Die Reaktionen passen daher nicht mehr zur Situation. Bei einem Konflikt mit dem Chef muss man beispielsweise „vernünftig“ und sozial angepasst reagieren. Die für einen physischen Einsatz bereitgestellte Energie leitet man im besten Fall nach der Bürotätigkeit durch Sport ab, im schlechtesten Fall leiden die Familie oder Freude des Betroffenen durch aggressives Verhalten darunter.

Es handelt sich um eine klassische Konditionierung, wenn das Geschrei des Chefs beim Angestellten Angst auslöst und später schon allein der Anblick des Chefs die Angst verursacht. Georg Pieper ergänzt: „Wird dann die Begegnung mit dem Vorgesetzten so oft wie möglich vermieden, fühlt sich die Person besser, die Angst wird reduziert. Das ist die sogenannte operante Konditionierung.“ Kommt es zu einer zunehmenden Vermeidung, und die Person geht aus Angst vor dem Chef etwa an manchen Tagen nicht mehr zur Arbeit, wird die Angst immer größer. Quelle: „Die neuen Ängste“ von Georg Pieper

Von Hans Klumbies