Zum ersten Mal nachgedacht hat Richard Sennett über die lebendige Gegenwart des Rituals im Zusammenhang mit Trostritualen im Judentum, seiner eigenen Religion. Die Tröstung im Judentum erfolgt nach dem Tod. Das Trauer-Kaddisch ist ein zentraler Bestandteil des Begräbnisses. Es wird am Grab gesprochen und dann zu Hause beim Tod eines Elternteils elf Monate lang, nach dem Tod eines Ehepartners oder Kindes dreißig Tage lang wiederholt. Dem Tod zum Trotz bekräftigen die Trauernden ihren Glauben an Gott. Das Kaddisch versichert, dass die Getöteten, ebenso wie die eines natürlich Todes Gestorbenen von den anderen niemals vergessen werden. Über die Jahrtausende, die das Judentum nun besteht, haben sich die korrekten Worte und Gesten des Kaddisch verändert, und sie variieren auch zwischen den verschiedenen Zweigen des Judentums. Richard Sennett lehrt Soziologie und Geschichte an der London School of Economic und an der New York University.
Religion
Niemand wird die zentrale Rolle der Bibel leugnen
Wenn wir Information als gesellschaftliche Verbindung begreifen, verstehen wir mit einem Mal viele Aspekte der menschlichen Gesellschaft, die dem naiven Verständnis von Information als Darstellung der Wirklichkeit Rätsel aufgeben. Yuval Noah Harari erklärt: „Auf diese Weise lässt sich nicht nur der historische Erfolg der Astrologie erklären, sondern auch der von viel wichtigeren Dingen, zum Beispiel der Bibel.“ Astrologie mag man als Kuriosum abtun, doch niemand wird die zentrale Rolle der Bibel leugnen. Wenn die Hauptaufgabe von Information in der korrekten Darstellung der Wirklichkeit bestünde, wäre es schwer zu erklären, wie die Bibel zu einem der einflussreichsten Teste in der Geschichte werden konnte. Denn der Bibel unterlaufen gravierende Fehler bei der Darstellung menschlicher Angelegenheiten und natürlicher Prozesse. Der Historiker, Philosoph und Autor von einigen Weltbestsellern Yuval Noah Harari zählt zu den einflussreichsten Intellektuellen weltweit.
Ernährungsvorschriften werden selbst zu Religionen
Anfang des Jahres 2020 bestätigte ein britisches Gericht, dass der Veganismus ein religiöser oder philosophischer Glaube sei. Konrad Paul Liessmann stellt fest: „Einmal davon abgesehen, dass sich die meisten philosophischen Denkrichtungen dagegen verwehren würden, einer religiösen Haltung gleichgesetzt zu werden, kann man diese Entscheidung als Erhärtung eines lange gehegten Verdachts auffassen.“ Während klassische Religionen auch Ernährungsvorschriften kennen, werden heute Ernährungsvorschriften selbst zu Religionen. Was aber ist damit gewonnen? Was will man erreichen, wenn man Verrichtungen des alltäglichen Lebens mit einer Aura des Heiligen umgibt? Die Antwort scheint klar: Es geht darum, den Sonderstatus, den religiösen Gefühle und Einstellungen gerade in säkularen Gesellschaften genießen, für seine eigenen Ansichten und Vorlieben zu erlangen. Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.
Der religiöser Glaube entzieht sich dem Prinzip der Rationalität
Religiöser Glaube zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er sich dem Prinzip der Rationalität entzieht. Richard Dawkins hat das treffend auf den Punkt gebracht: „Religiöser Glaube entbehrt nicht nur jeder Evidenz, seine Unabhängigkeit von Evidenz ist sogar sein ganzer Stolz und wird lautstark überall verkündet.“ Philipp Sterzer ergänzt: „Religiösen Glaube ist also nicht nur inhärent irrational, er zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er durch rationale Argumente oder Evidenz weder begründet noch widerlegt werden kann.“ Man kann sogar argumentieren, dass religiösen Glaube genau aus dieser Nichtfalsifizierbarkeit seine große Kraft schöpft, denn er erhebt sich dadurch über Fragen und Zweifel, ist durch diese nicht angreifbar. Im Jahr 2011 berief man Philipp Sterzer zum Professor für Psychiatrie und computationale Neurowissenschaften an die Charité in Berlin. 2022 wechselte er an die Universität Basel.
Martin Luther veränderte Europa
Es musste vieles zusammenkommen, damit es in Deutschland, ähnlich und doch ganz anders als in der Renaissance in Italien, zu jenem reformatorischen Umbruch kam, der ganz Europa verändern sollte. Neben den vielen Umständen, die ihm zuarbeiteten, war eine entscheidende Voraussetzung doch der Auftritt eines Einzelnen. Nämlich jenes Mönches Martin Luther aus Wittenberg, der Epoche machte, bloß weil er ein persönliches Verhältnis zu einem, nein, zu seinem Gott suchte. Rüdiger Safranski ergänzt: „Was zusammengekommen war: die Konflikte zwischen den erstarkenden Territorialstaaten und den universalen Traditionsmächten Papst und Kaisertum. Verweltlichung der Kirche, verschwenderische Hofhaltung der Kirchenfürsten.“ Zudem die Bestechlichkeit der Kurie, Veräußerlichung des Glaubens durch Reliquien- und Ablasshandel sowie die Bedrohung des Reiches von außen durch die Türken. Rüdiger Safranski arbeitet seit 1986 als freier Autor. Sein Werk wurde in 26 Sprachen übersetzt und mit vielen Preisen ausgezeichnet.
Dogmen spielen in verschiedenen Religionen unterschiedliche Rollen
Religionsgemeinschaften sind geprägt durch religiöse Erfahrungen und Dogmen, also Glaubenssätze, die nicht zur Disposition stehen. Julian Nida-Rümelin ergänzt: „Das Verhältnis zwischen diesen beiden Grundelementen ist von Religionsgemeinschaft zu Religionsgemeinschaft sehr unterschiedlich gestaltet. In manchen spielen Dogmen die zentrale Rolle, in anderen kann von einem festen Bestandteil von Dogmen, die die Religionsgemeinschaft bestimmen, keine Rede sein.“ Auch die abrahamitischen Religionen, also Judentum, Christentum und Islam, unterscheiden sich diesbezüglich voneinander. Nicht-monotheistische Religionen verzichten oft ganz oder jedenfalls weitgehend auf Dogmengebäude. Wo immer aber religiöse Dogmen eine Rolle spielen, führt dies zur Unterscheidung zwischen denjenigen, die diese Dogmen nicht infrage stellen, und solchen, die sie anzweifeln oder nicht akzeptieren. Julian Nida-Rümelin gehört zu den renommiertesten deutschen Philosophen und „public intellectuals“.
Christus liebte sogar noch seine Henker
Eine der Meistererzählungen der Liebe, ihrer Erfahrung, ihres Verständnisses oder Unverständnisses ist die vom Bruch zweier Kulturen. Peter Trawny erklärt: „Zunächst war da Eros, dieser geflügelte Gott, der ein Begehren hervorrief, das oft nicht anders als tragisch enden konnte: Phädra-mäßig, die sich in der Scham enttäuschter Liebe selbst erhängte.“ Dann die Agape, die jesuanische Gabe, Appell zum friedlichen Miteinander: Christus am Kreuz, der noch seine Henker liebt. Dazwischen soll ein Abgrund gähnen. Vermutlich gehört diese Erzählung zum Christentum, das offenbar ein Interesse hatte, die heidnischen Ausschweifungen zu verdammen. Denn einen Abgrund gibt es zwischen der erotischen Liebe und der Nächstenliebe wohl nicht, doch sind Unterschiede deutlich vorhanden. Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.
Alle Menschen haben plurale Identitäten
In den Thesen vom Kampf der Kulturen erhebt man zumeist den religiösen Unterschied zum Hauptmerkmal verschiedener Kulturen. Es stellt jedoch eine konzeptionelle Schwäche dar, Menschen nach einer einzigen Zugehörigkeit zu unterteilen. Zudem ist es historisch falsch, über die wichtigen Wechselbeziehungen zwischen den als getrennte und abgeschlossene Einheiten verstanden Kulturen hinwegzugehen. Nicht selten verteilen sich die Anhänger einer Religion über viele Länder und mehrere Kontinente. Amartya Sen erläutert: „Indien mag von Samuel Huntington als „hinduistische Kultur“ betrachtet werden. Aber mit annähernd 150 Millionen muslimischen Bürgern gehört Indien auch zu den drei größten muslimischen Ländern der Welt. Die religiöse Unterteilung lässt sich mit Klassifikationen von Ländern und Kulturen nicht ohne weiteres in Einklang bringen. Amartya Sen ist Professor für Philosophie und Ökonomie an der Harvard Universität. Im Jahr 1998 erhielt er den Nobelpreis für Ökonomie.
Die Kirche begreift die Geburt als Wunder
Es gibt kaum Literatur zum Thema Geburt. Und wenn es welche gibt, drängt man sie an den Rand „erhabener“ Wissensbestände. Emanuele Coccia stellt fest: „Dafür sind bildliche Zeugnisse im Überfluss vorhanden und haben über die Jahrhunderte die Reflexionen rund um dieses Phänomen genährt.“ Tatsächlich zählt die Nativität zu den häufigsten Motiven der europäischen Malerei. Allerdings ist der Blick der Maler durch das theologische Prisma verzerrt. Die Geburt, die sie schildern, ist kein gewöhnliches, sondern ein einmaliges, nicht darstellbares und widernatürliches Ereignis. Die christliche Theologie hat dazu beigetragen, die Geburt zu etwas Undenkbarem zu machen. Denn sie ließ sie aus jeglichem naturalistischen Rahmen heraustreten, wusste sie gegen die Natur auszuspielen und begriff sie als Wunder. Emanuele Coccia ist Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.
Die Auslegung der religiösen Quellen lässt viel Spielraum
Es kann große Unterschiede im Sozialverhalten verschiedener Anhänger ein und derselben Religion geben. Selbst auf Gebieten, von denen man vielfach meint, sie hingen eng mit der Religion zusammen. Diese Unterschiede darf man jedoch nicht als bloße Aspekte eines neuen, durch die Moderne in die muslimischen Länder getragenen Phänomens verstehen. Amartya Sen ergänzt: „Der Einfluss anderer Interessen, anderer Identitäten lässt sich in der gesamten Geschichte muslimischer Völker beobachten.“ In der Weltgeschichte sind oftmals die Einstellungen zur religiösen Toleranz gesellschaftlich bedeutsam gewesen. Und unter Muslimen findet man in dieser Beziehung eine große Bandbreite. Muslim zu sein ist keine alles überragende Identität, die alles, woran ein Mensch glaubt, determiniert. Amartya Sen ist Professor für Philosophie und Ökonomie an der Harvard Universität. Im Jahr 1998 erhielt er den Nobelpreis für Ökonomie.
Die Reformation verursachte einen Flächenbrand
Was große Religionskriege der Moderne betrifft, hat Europa eine beachtliche Vorreiterrolle gespielt. Jürgen Wertheimer nennt ein Beispiel: „Mit seinen vermutlich über sechs Millionen Toten ist der sogenannte Dreißigjährige Krieg eine der blutigsten und verheerendsten Katastrophen.“ Was die Zahl der Opfer betrifft, liegt der damit auf Augenhöhe mit dem Zweiten Weltkrieg. Europa war in der beginnenden Neuzeit auf dem Sprung zu einer kultivierten Wissensgesellschaft. Wie konnte es zu diesem gedanklichen und emotionalen Rückschritt kommen? Dynastische Spannungen, Auseinandersetzungen zwischen den Kontinentalmächten Frankreich, Spanien und der Insel, England, gab es im gesamten Mittelalter bis zur Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert. Doch erst mit dem Ereignis der Reformation erhielten die Konflikte jene ideologische Schärfe, die aus ihnen einen verheerenden Flächenbrand machen sollte. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.
Die Religion schafft keine allumfassende Identität
Die Religion eines Menschen muss nicht seine allumfassende oder ausschließliche Identität sein. Amartya Sen nennt ein Beispiel: „Gerade der Islam als Religion enthebt die Muslime in vielen Lebensbereichen nicht der Notwendigkeit einer verantwortungsbewussten Entscheidung.“ Es ist durchaus möglich, dass der eine Muslim eine streitbare Haltung einnimmt, während sich ein anderer sich gegenüber Andersgläubigen vollkommen tolerant verhält. Keiner der beiden hört allein aus diesem Grund auf, ein Muslim zu sein. Es gibt ausgesprochen verworrene Reaktionen auf den islamischen Fundamentalismus und den damit verbundenen Terrorismus. Das liegt daran, wenn man generell versäumt, zwischen islamischer Geschichte und der Geschichte der muslimischen Völker zu unterscheiden. Amartya Sen ist Professor für Philosophie und Ökonomie an der Harvard Universität. Im Jahr 1998 erhielt er den Nobelpreis für Ökonomie.
Franziskus wird sehr schnell heilig gesprochen
Volker Reinhardt weiß: „Es ist bis heute die schnellste Heiligsprechung der Kirchengeschichte. Franziskus von Assisi starb am 3. Oktober 1226 und wurde am 16. Juli 1228 kanonisiert.“ Gleichzeitig entstand die erste Lebensbeschreibung aus der Feder des Tommaso da Celano. Dieser konnte sich auf persönlichen Umgang mit Franziskus und dessen mündliche Äußerungen berufen. Mit dem raschen Aufblühen des von Franziskus ins Leben gerufenen Ordens entwickelte sich die Darstellung von dessen Leben und Wirken zu einem hochoffiziellen Unterfangen. Um abweichende Stimmen darüber, wie mit dem Erbe des Gründers umzugehen sei, zum Schweigen zu bringen, verfasste Bonaventura da Bagnoregio eine offizielle Biografie. Dieser war seit 1257 General der Franziskaner und sein Werk trug den Titel „Legenda maior“. Volker Reinhardt ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Fribourg. Er gehört international zu den führenden Italien-Historikern.
Martin Luther wetterte gegen Ablässe
Am 31. Oktober 1517 sandte Martin Luther ein Schreiben an Albrecht von Brandenburg, den Erzbischof von Mainz. In diesem Brief, der die berühmten 95 Thesen enthielt, wetterte Luther gegen Ablässe. Dabei handelt es sich um käufliche, aus einem Blatt Papier bestehende Dokumente, die einen angeblich von den Sünden befreien. Helmut Walser Smith fügt hinzu: „Ob Luther die Thesen dann auch an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg nagelte, ist in der Geschichtswissenschaft bis heute umstritten.“ Sicher ist, dass Martin Luthers Kritik im Wesentlichen auf der Vorstellung gründete, Gottes Gnade werden allein durch den gewährt und empfangen, nicht durch gute Werke oder die Fürsprache von Priestern. Diese Vorstellung hatte das Potential, das Christentum, wie man es damals praktizierte, zu untergraben. Helmut Walser Smith lehrt Geschichte an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee.
Søren Kierkegaard ringt mit der Religion
Søren Kierkegaard schuf auf den ersten Blick ein Oeuvre, das auf den ersten Blick eher literarisch als philosophisch anmutet. Er wurde in einer protestantisch-pietistischen Familie in Kopenhagen geboren. Dort verbrachte er bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1855 sein ganzes Leben. Ger Groot stellt fest: „Søren Kierkegaard hat sein Leben lang gegen die Staatskirche seiner Zeit polemisiert. Ebenso wie Friedrich Nietzsche focht er einen Kampf mit der Religion aus. Aber anders als Nietzsche distanzierte er sich nicht von ihr.“ Er suchte vielmehr nach einer authentischen Religion, in der der menschlichen Sehnsucht nach Erlösung der gebührende Ernst zukam. Ger Groot lehrt Kulturphilosophie und philosophische Anthropologie an der Erasmus-Universität Rotterdam. Zudem ist er Professor für Philosophie und Literatur an der Radboud Universität Nijmegen.
Der Gottesglauben dämmert weg
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nabelt sich die philosophische Psychologie von der spekulativen Philosophie ab. Sie entwickelt sich zu einer experimentellen Wissenschaft mit Forschern wie Wilhelm Hundt, William James und Gerard Heymans in Groningen. Ger Groot betont: „Das hat einen prägenden Einfluss auf die Art und Weise, wie die Menschen sich selbst sehen.“ Im Laufe des 19. Jahrhunderts sondert sich das Persönliche und da Religiöse zunehmend voneinander ab. Und die Bedeutung des „einzigartigen Ichs“ wird außerhalb der religiösen Sphäre noch wichtiger und nachhaltiger als in ihr. Das Wegdämmern des Gottesglaubens zehrt nicht am Ich, sondern lässt es erstarken. Ger Groot lehrt Kulturphilosophie und philosophische Anthropologie an der Erasmus-Universität Rotterdam. Zudem ist er Professor für Philosophie und Literatur an der Radboud Universität Nijmegen.
Nur die Vernunft führt zur Wahrheit
Das 12. Jahrhundert legte einem Denkstil den Grund, der, so der britische Historiker Richard W. Southern, von der Überzeugung getragen war, dass sich durch Forschen die Schöpfung vollkommen verstehen lasse. Bernd Roeck erläutert: „Die Gottesgabe der Vernunft sollte ermöglichen, Wahrheiten über Gott und das Universum zu erkennen. Und so die Folgen des Sündenfalls, der das Wissen darum verdunkelt hatte, zu überwinden.“ Die Erkundung wurde unter der Führung großer Denker unternommen, allen voran Aristoteles und Platon, dessen Kenntnis oft noch Boethius vermittelte. Berengar von Tours, der im 11. Jahrhundert in Chartres wirkte, und Anselm von Canterbury (um 1033 – 1109) oft „Vater der Scholastik“ genannt, verteidigten Vernunft und Dialektik als Wege zu Glaubenswahrheiten. Bernd Roeck ist seit 1999 Professor für Neuere Geschichte an der Universität Zürich und einer der besten Kenner der europäischen Renaissance.
Der religiöse Glaube ist eine innere Überzeugung
Die Religion ist für ein pluralisiertes Subjekt von besonderer, akuter Bedeutung. Auch in Bezug auf die Religion geht es für Isolde Charim darum, die Veränderung, welche die Pluralisierung bedeutet, in den Blick zu bekommen. Um diese Veränderung zu ermessen, muss man sich erst einmal der allgemeinen, der grundlegenden Funktionsweise von Religion, von Religiosität überhaupt, zuwenden. Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek ist da ein guter Gewährsmann. Um zu erklären, wie Religion funktioniert, greift er immer wieder auf das Beispiel der tibetanischen Gebetsmühle zurück. Diese setzt man wie folgt in Gang: Man schreibt ein Gebet auf ein Papier, rollt es zusammen und steckt es in ebendiese Mühle. Und dann dreht man. Automatisch. Die Philosophin Isolde Charim arbeitet als freie Publizistin und ständige Kolumnistin der „taz“ und der „Wiener Zeitung“.
Viele halten die Religion für etwas Besonderes
Während des größten Teils der Menschheitsgeschichte hatten die Menschen das Gefühl, dass Religion und freie Meinungsäußerung in einem Spannungsverhältnis standen. Und dem größten Teil der Menschheit geht das auch heute noch so. Timothy Garton Ash weiß: „Bei den Kämpfen um die Meinungsfreiheit in Europa und Nordamerika des 17. und 18. Jahrhunderts war ein zentrales Anliegen die Freiheit, verschiedene Religionen predigen und praktizieren zu können.“ Erstaunlicherweise stehen bei vielen europäischen Ländern immer noch Blasphemievergehen im Strafgesetzbuch. Allerdings ahndet man sie nur selten. In Russland und Polen verurteilt man freilich Menschen wegen der „Verletzung religiöser Gefühle“. Irland führte im Jahr 2009 den Strafbestand der blasphemischen Verunglimpfung wieder ein. Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University.
Am Anfang war die Schönheit
Nichts ist für den Philosophen Konrad Paul Liessmann so verführerisch wie die Verführung: „Das Lockende und Verlockende, die Andeutungen und Versprechungen, die Eröffnung von bisher ungeahnten Möglichkeiten, das Verlassen eines sicheren Bodens, das Umgehen des Gewohnten, das Faszinosum des Neuen: Wer wollte dem widerstehen?“ Im Paradies muss es schön gewesen sein, so war es wohl. Am Anfang war die Schönheit, aber diese führte zu Wut, Trauer und Neid. Und der Schöpfer des Menschen ähnelte weniger einem Gott in seiner Machtvollkommenheit als einem Bastler. Dieser probiert einiges aus, um bei einem Produkt zu landen, das er nach kurzer Zeit wieder entsorgen muss. Die Erzählung vom Paradies ist von Anbeginn an eine Geschichte des Aufbegehrens und der Vertreibungen. Die Schöpfung in ihrer Schönheit provoziert den Widerstand desjenigen, dessen Licht diese Schönheit sichtbar macht, ohne selbst daran Anteil nehmen zu können.
Baruch de Spinoza lehrt den Pantheismus
Die Idee, das die Liebe weniger ein individuelles Gefühl, ein allein menschlichen Prinzip oder so sei, ist alt. Am prominentesten hat das der Philosoph Baruch de Spinoza dargestellt. Peter Trawny fasst es kurz und daher grob zusammen: „Spinoza erklärt, dass es nur eine Substanz, eine Natur, einen Gott, überhaupt nur eines geben könne. Da darum Gott und Natur, das heißt die Gesamtheit aller Dinge plus ihrem Ursprung, nicht zwei sein können, ist Gott Natur, Natur Gott.“ Man hat das dann Pantheismus genannt und als eine Lehre, dass Alles Gott und Gott Alles sei, verdammt und gefeiert. Für einen Christen des 17. Jahrhunderts war das gelinde gesagt mehr als unglaubwürdig. Peter Trawny gründete 2012 das Martin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, das er seitdem leitet.
Für viele Menschen ist nur die eigene Religion die einzig wahre
Wenn man akzeptiert, dass eine Religion etwas Besonderes ist, das nicht unbedingt eines besonderen Schutzes bedarf, aber sowohl zur Freiheit als auch zur Rede in einer besonderen Beziehung steht, muss man entscheiden, was als eine Religion gilt. Timothy Garton Ash erläutert: „Für viele Menschen in der ganzen Menschheitsgeschichte und nicht wenige in unserer Zeit gab und gibt es nur eine wahre Religion: die eigene. Alles andere ist und wahr Ketzerei oder Aberglaube.“ Doch es gibt auch begrenzte gegenseitige Anerkennung, etwa zwischen Christentum, Judentum und Islam. Nach einem eher pragmatischen und säkularen Verständnis von Religion werden alle Gemeinschaften mit einer erheblichen Zahl von Anhängern, die sich als religiöse Gruppe oder in Bezug auf eine Religion definieren, als Religion anerkannt. Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University.
Eine kitschige Weltsicht verspricht Halt und Orientierung
Die Rationalität ist der Treibstoff des wissenschaftlichen Denkens, von sachlicher Abwägung und nutzenorientiertem Pragmatismus. Genau hierin aber wittert die sentimentale Seele die Ursache für die Ausbeutung, Ungleichheit, der Unfähigkeit zum Frieden und die Zerstörung der Natur. Alexander Grau fügt hinzu: „Diesem imaginierten Szenario der Entfremdung setzt das kitschige Bewusstsein eine Version absoluter Empathie, Gefühligkeit und Harmonie entgegen.“ Nur sie sind in der Lage, bestimmte Normen und Verhaltensweisen zu entwickeln. Diese sollen nicht nur einen schonenden Umgang der Menschen untereinander ermöglichen, sondern auch des Menschen mit der Natur. Dass in der Natur selbst Kategorien wie Empfindsamkeit, Empathie und Achtsamkeit überhaupt nicht vorkommen, stört das kitschige Gemüt naturgemäß wenig. Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist.
Die Religion ist der gefährlichste Feind des freien Denkens
Die unstillbare Sehnsucht nach Reinheit, gefährlichste Feindin freien Denkens, ist die Obsession des Religiösen zu allen Zeiten in allen Kulturen – schon deshalb, weil Religion gewöhnlich auf Absolutes, Immaterielles und damit eben auch Reines zielt. In Krisenzeiten wird der Wunsch nach Reinheit besonders drängend. Bernd Roeck stellt fest: „Gereinigt durch die Taufe beginnen Christinnen und Christen ihr Leben; durch Buße reinigen sie sich im Inneren. Sich Gott zu nähern verlangt Reinheit, vom Priester wie vom Gläubigen. Am Ende helfen Sterbesakramente bei letzter Säuberung.“ Noch nach dem Tod vollzieht das Fegefeuer – jene furchterregende Erfindung der Kirchenväter – eine allerletzte Purgation. Sie erst macht dazu bereit, in den Himmel einzugehen. Bernd Roeck ist seit 1999 Professor für Neuere Geschichte an der Universität Zürich und einer der besten Kenner der europäischen Renaissance.
Die Götter ließen sich nicht mit leeren Worten abspeisen
Für die größte theologische Schwäche von Blaise Pascals „Wette“ ist für Nassim Nicholas Taleb die Annahme, der Glaube wäre als frei Option zu haben: „Zum Glauben gehört eine Symmetrie zwischen dem, was Sie zahlen, und dem, Was Sie bekommen. Andernfalls wäre es zu einfach.“ In der heidnischen Welt des östlichen Mittelmeerraums gab es keine Verehrung der Götter ohne Opfer. Die Götter ließen sich nicht mit leeren Worten abspeisen. Es ging darum, seine Prioritäten offenzulegen. Die Brandopfer wurden nur deshalb verbrannt, damit die Menschen sie nicht verzehren konnten. Allerdings stimmt das auch wieder nicht ganz: Der Hohepriester erhielt durchaus seinen Anteil; das Priestertum war eine recht lukrative Berufssparte, und im vorchristlichen, griechischsprachigen Ostmittelmeerraum wurden die Ämter der Hohepriester häufig versteigert. Nassim Nicholas Taleb ist Finanzmathematiker, philosophischer Essayist, Forscher in den Bereichen Risiko und Zufall sowie einer der unkonventionellsten Denker der Gegenwart.