Die neue Sonderausgabe des Philosophie Magazins trägt die Titel: „Habermas. Sein Leben. Sein Denken. Sein Erbe.“ Jürgen Habermas hatte zuerst die Bundesrepublik und später das wiedervereinigte Deutschland stets aufmerksam im Blick – mit seinen Schattenseiten, seinen Hoffnungen, seinen Zeitenwenden. Zeitlebens trieb ihn die Sorge um, dass Gesellschaften, besonders die deutsche, erneut dem Nationalismus verfallen könnten. Chefredakteurin Jana Glaese schreibt in ihrem Editorial: „Er war der Denker des „Nie wieder“. Er wandte sich gegen die geistige Enge der jungen Bonner Republik und gegen den Versuch, das singuläre Verbrechen der Shoa kleinzureden. Er warb für eine geeintes Europa, eine Welt mit geteilten Werten und Normen – und vor allem für die Kraft der Vernunft.“ Jürgen Habermas glaube an die Anstrengung des Arguments und daran, dass Gesellschaften sich mittels der Diskussion auf gemeinsame Prinzipien einigen können.
Vernunft
Viele Menschen sehen Deutschland am Abgrund stehen
Nichts geht mehr auf der Schiene, auch nicht im ganzen Land, weil die Straßen löchrig sind, die Brücken brüchig und die Verwaltung ineffizient. Dirk Steffens ergänzt: „Die Schulden wachsen, die Wirtschaft lahmt, die Politik dreht frei, in den Schulen fehlt Klopapier, Welt und Land stehen am Abgrund. So empfinden es derzeit viele Menschen.“ Ein Schnauze-voll-Gefühl schreit nach Reformen, die, statt schonend mit chirurgischen Besteck, radikal mit der Kettensäge herausschneiden, was uns lähmt. Ganz offensichtlich fragen sich viele Menschen quer durch alle Parteien gerade, was in unserem schönen Vorzeigeland passiert ist, warum gefühlt nichts mehr klappt. „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Wenn die Hoffnung schwindet, taucht ständig dieses leidige Zitat von Heinrich Heine auf in Gesprächen auf. Dirk Steffens ist einer der bekanntesten und renommiertesten Wissenschaftsjournalisten Deutschlands, spezialisiert auf Umwelt- und Naturthemen.
Besonnenheit und ein entspanntes Nachdenken sind segensreich
Dirk Steffens schreibt in seinem Buch „Hoffnungslos optimistisch“: „Wer an Lösungen glaubt, hat bessere Chancen auch tatsächlich welch zu finden. Wenn wir die Zukunft eher als Chance und weniger als Bedrohung sehen, ist das bereit der erste Schritt in die richtige Richtung.“ Besonnenheit, ein bisschen entspannten Nachdenken sind segensreich, damit wir auf der Flucht vor unseren Sorgen nicht aus Versehen Richtung Abgrund losrennen. Die gesamte Menschheitsgeschichte ist schließlich gespickt von Momenten, in denen disruptive Änderungswünsche über die Vernunft gesiegt haben. Verzweiflung trieb Suchende immer wieder in die Arme wirrer Propheten, brutaler Diktatoren, gewissenloser Populisten oder naiver Weltverbesserer. Aber den Untergang als unumkehrbare Sache zu betrachten, ist in Deutschland, in dem wir so frei, so gesund und so wohlhabend wie niemals zuvor leben, dann doch ziemlich idiotisch. Dirk Steffens ist einer der bekanntesten und renommiertesten Wissenschaftsjournalisten Deutschlands, spezialisiert auf Umwelt- und Naturthemen.
Wache Geister lassen sich von philosophische Fragen irritieren
Barbara Bleisch erklärt: „Wache Geister brauchen keinen Sokrates, um sich von philosophischen Frage irritieren zu lassen. Vielmehr werden sie permanent von Fragen belästigt, die ihnen die Vernunft aufgibt, die diese aus eigenem Vermögen nicht zu lösen imstande ist, wie Immanuel Kant in seiner Vorrede zur „Kritik der reinen Vernunft“ schreibt.“ Freilich kann man sich den philosophischen Fragen auch verweigern und sich ein Leben lang dem dogmatischen Schlummer hingeben, von dem Immanuel Kant auch spricht. Wer aber an der Wahrheit interessiert ist, wird sich stets von Neuem aufstören lassen, ja aufstören lassen müssen, weil die inneren Fragen nicht zur Ruhe kommen. Die Philosophin und Autorin Dr. Barbara Bleisch ist Dozentin an den Universitäten Zürich und Luzern sowie Co-Intendantin des Philosophicum Lech.
Die ökologische Bewegung wird nicht als Avantgarde anerkannt
Ullrich Fichtner schreibt: „Im alten Paradigma der Fliegerhelden, Erfinden, Raumfahrtpioniere und Fabrikanten, sagen wir ruhig: im falschen ersten Paradigma des Anthropozäns, waren laut Bruno Latour Wohlstand, Emanzipation, Freizeit die motivierenden Werte schlechthin.“ Diese nun umgestalten zu müssen, weil es die krisenhafte Entwicklung des Klimas erfordert, löse keinerlei Begeisterung aus, sondern trage den Öko-Aktivisten und -Parteien nur den Vorwurf der Langeweile, Einschränkung und Rückwärtsgewandtheit ein. Die ökologische Bewegung wird deshalb nicht als Avantgarde anerkannt, nicht als führende Kraft auf einem „Zeitpfeil“, nicht als Vorhut der Zukunft, nicht als Agent des Fortschritts, im Gegenteil. Sie steht für trockene Vernunft, also Humorlosigkeit, Verbote, Predigten, für Verzicht. Das macht es ihren Gegnern leicht, gegen eine angeblich aufziehende „Ökodiktatur“ zu trommeln und die Umweltfreunde vorzugsweise als kleinkarierte Moralapostel vorzuführen. Ullrich Fichtner ist Reporter des „Spiegel“ und gehört zu den renommiertesten Journalisten Deutschlands.
Der Stoizismus bietet als Lebensphilosophie einen festen Halt
Gerhard Gleißner schreibt: „Im Fluss des Lebens bietet uns der Stoizismus als Lebensphilosophie einen festen Halt. Er sagt uns dabei konkret, was nicht fließt: Es sind die Dinge, die in unserer Macht liegen, nämlich unsere Werte, und unsere Wünsche.“ Hier bestimmen wir, was „fließen“ soll. Wir können zum Beispiel politisch unser ganzes bisheriges Leben lang konservative Werte vertreten haben und es doch ab morgen ändern. Wir können die Dinge, die in unserer Macht liegen, also auch an dem Zeitfaktor Zukunft erkennen. Unsere Werte und vor allem die Wünsche als Ziele beziehen sich vornehmlich auf das, was erst noch passieren wird – und genau deshalb sind sie frei und unterliegen nicht den Gesetzen der Realität und der Macht des Schicksals. Dr. med. Gerhard Gleißner ist seit 2014 als Amtsarzt und Gutachter im öffentlichen Gesundheitsdienst tätig.
Die Computer-Logik besitzt eine eigene Realität
Die Computer-Logik stellt sich eine personalisierte Realität ganz nach ihrem Geschmack zusammen. Sobald sie eine „Atmosphäre der Echtheit“ identifiziert hat, taggt sie deren Inhalt mit „wahr“. Rebekka Reinhard kritisiert: „Die verblödete Vernunft setzt zwischen subjektiver Empfindung und objektiver Erkenntnis ein Gleichheitszeichen. Komplizierte Beschreibungen der Realität kann sie nicht aushalten. Wo ihr die Wirklichkeit zu undurchsichtig … Weiterlesen
Vorurteile behindern die Wahrheitsfindung
Zeugnisungerechtigkeit ist notwendigerweise mit Vorurteilen verbunden. Hin und wieder ist Zeugnisungerechtigkeit jedoch ein ganz normaler Aspekt von Situationen, in denen etwas bezeugt wird. Miranda Fricker erklärt: „Manchmal hat diese Art von Ungerechtigkeit harmlose Auswirkungen und richtet kaum Schaden an, doch manchmal kann sie eine schwerwiegende Schädigung bewirken, vor allem wenn die Ungerechtigkeit anhaltend und systemisch ist.“ Vorurteile behindern die Wahrheitsfindung entweder direkt, indem der Hörer ihretwegen eine bestimmte Wahrheit nicht mitbekommt, oder indirekt, indem sie die Weitergabe von wichtigen Gedanken behindern. Die Tatsache, dass Vorurteile eine Sprecherin daran hindern können, ihr Wissen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, zeigt darüber hinaus, dass Zeugnisungerechtigkeit in einer kollektiven Sprechsituation eine schwerwiegende Form von Unfreiheit darstellt. Miranda Fricker ist Professorin für Philosophie an der New York University, Co-Direktorin des New York Institute für Philosophy und Honorarprofessorin an der University of Sheffield.
Die Gelassenheit ist das entscheidende Ziel allen stoischen Bemühens
Das bekannte deutsche Wörterbuch, der Duden, erklärt den Begriff „stoisch“ mit „unerschütterlich, gleichmütig, gelassen.“ Als Beispiel nennt das Standardwerk: „Er ertrug alles stoisch, mit stoischer Gelassenheit.“ Gerhard Gleißner fügt hinzu: „Die Gelassenheit oder stoische Seelenruhe – altgriechisch ataraxia – ist das entscheidende Ziel allen stoischen Bemühens, sie führt uns zum glücklichen Leben. Die ataraxia ist der Lohn dafür wenn wir es schaffen, das Schicksal zu akzeptieren.“ Wem es also gelingt, alles, was kommt, gelassen zu ertragen, der ist ein guter Stoiker. Die stoische Seelenruhe leitet sich ursächlich vom stoischen Weltbild ab, das wiederum vom logos gestimmt wird. Der logos ist eine vernunftbetonte, göttliche Ordnung, die das ganze Universum durchdringt und funktionieren lässt. Dr. med. Gerhard Gleißner ist seit 2014 als Amtsarzt und Gutachter im öffentlichen Gesundheitsdienst tätig.
Die Menschheit hat sich von den Zwängen der Natur befreit
Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Befreiung von den Zwängen der Natur. Philipp Hübl erläutert: „Die frühen Menschen haben das Feuer zu beherrschen gelernt und sich mit Licht und Wärme von den Zwängen des Tagesrhythmus und des Jahreswechsels befreit.“ Sie haben Ackerbau betrieben und Vorräte angelegt, um von den Nahrungsquellen ihrer Umgebung unabhängig zu sein. Mit Wagen und Schiffen wurden sie unabhängig von ihrer Herkunft, mit Kleidung, Häusern und Staudämmen trotzten sie den Widrigkeiten der Witterungen. Durch die Medizin sind Menschen Infektionen nicht mehr hilflos ausgeliefert und durch die Telekommunikation nicht mehr an einen Ort gebunden, um sich auszutauschen. Moderne Wohnungen sind selbstgebaute Oasen, in denen Wärme, Licht, fließendes Wasser, eine weiche Schlafstätte, Nahrung, Musik und Unterhaltung sichergestellt sind. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).
Die eine Wahrheit gibt es nicht
Richard Rorty weist einen Gedanken zurück, nämlich den Gedanken der Annäherung an die eine Wahrheit. Anstatt geltend zu machen, dass die Realität eine und die Wahrheit Übereinstimmung mit dieser Realität ist, behaupten die Anhänger von Charles Sanders Peirce, dass die Idee der Annäherung in die Voraussetzungen des Diskurses eingebaut sind. Sie alle sind einhellig der Meinung, dass der Hauptgrund, weshalb die Vernunft nicht naturalisiert werden kann, darin liegt, dass die Vernunft normativ ist und Normen nicht naturalisiert werden können. Allerdings kann man, wie sie sagen, dem Normativen Platz schaffen, ohne zu der herkömmlichen Vorstellung von einer Pflicht zurückzukehren, die dem intrinsischen Wesen der einen Realität entsprechen soll. Richard Rorty (1931 – 2007) war einer der bedeutendsten Philosophen seiner Generation. Zuletzt lehrte er Vergleichende Literaturwissenschaft an der Stanford University.
Humanisten betrachteten das Mittelalter als dunkles Zeitalter
Peter Burke weiß: „Im Arabischen heißt die vorislamische Epoche das „Zeitalter der Unwissenheit“. In der Renaissance bezeichneten die Humanisten das von ihnen erstmals als solches abgegrenzte Mittelalter als dunkles Zeitalter.“ Im 17. Jahrhundert nannte Lord Clarendon, der Historiker des englischen Bürgerkrieges, die Kirchenväter „helle Lichter, die in sehr dunklen Zeiten aufschienen, Zeiten voller Barbarei und Unwissenheit“. In der Aufklärung wurde Unwissenheit als Stütze des Despotismus, Fanatismus und Aberglaubens angeführt, die in einem Zeitalter des Wissens und der Vernunft allesamt hinweggefegt würden. George Washington meinte zum Beispiel, „die Fundamente unseres Reiches“ seinen „nicht im düsteren Zeitalter der Unwissenheit und des Aberglaubens gelegt worden“. Sechzehn Jahre lehrte Peter Burke an der School of European Studies der University of Sussex. Im Jahr 1978 wechselte er als Professor für Kulturgeschichte nach Cambridge ans Emmanuel College und ist inzwischen emeritiert.
Der Zweifel kann die Unruhe nicht auf Dauer vertreiben
Als Ideal der Seelenruhe ist Ataraxie eine Illusion. Die Epikureer versuchten, ihr Leben zu vereinfachen, um die Genüsse, die sie verlieren könnten, auf ein Minimum zu beschränken. Vor den Turbulenzen der Geschichte können sie ihren beschaulichen Garten nicht schützen. John Gray ergänzt: „Stoiker bestehen darauf, dass wir zwar auf die Ereignisse, die uns widerfahren, keinen Einfluss haben, wohl aber darauf, wie wir über sie denken. Das ist jedoch nur in geringem Umfang der Fall.“ Pyrrhon-Schüler versuchen, inneres Gleichgewicht dadurch herzustellen, dass sie sich jedes Werturteils enthalten. Aber der skeptische Zweifel kann die Unruhe, die das Menschsein mit sich bringt, nicht auf Dauer vertreiben. John Gray lehrte Philosophie unter anderem in Oxford und Yale. Zuletzt hatte er den Lehrstuhl für Europäische Ideengeschichte an der London School of Economics inne.
Das Gehirn negiert nicht zuträgliche Informationen
Jonathan Rauch stellt fest: „Wenn Ihr gesellschaftliches Ansehen und Ihre Gruppenidentität davon abhängen, dass Sie etwas glauben, dann werden Sie auch einen Weg finden, es zu glauben. Tatsächlich wird Ihnen Ihr Gehirn dabei sogar helfen, indem es Informationen, die diesem Vorhaben zuträglich sind, bereitwillig akzeptiert und sich an sie erinnert, während es nicht zuträgliche Informationen vergräbt und ignoriert.“ Das ist der Grund dafür, dass Intelligenz keinen Schutz vor falschen Überzeugungen bietet. Sie macht Menschen im Gegenteil sogar noch besser im Rationalisieren. Wie Jonathan Haidt in „The Righteous Mind“ schreibt, sind extrem kluge Menschen besser als andere dazu in der Lage, Argumente zur Untermauerung ihrer eigenen Ansichten zu finden. Jonathan Rauch studierte an der Yale University. Als Journalist schrieb der Politologe unter anderem für das National Journal, für The Economist und für The Atlantic.
Ein Wissenschaftler versucht die Welt zu verstehen
Der Wissenschaftler denkt menschlich – wie sollte es auch anders sein. Er beurteilt und bewertet die Welt und den Menschen aus seiner Perspektive. Er sucht die Welt zu verstehen, die Naturgesetze zu nutzen, um die Bedingungen des menschlichen Lebens zu verbessern und um mit sich selbst ins Reine zu kommen. Der Wissenschaftler dient allgemein menschlichen Zielen, sucht seinen Beitrag zum Gelingen des menschlichen Zusammenlebens zu erbringen. Paul Kirchhof weiß: „Deshalb ist er offen für alle Formen menschlichen Erfahrens, Messens, Beurteilens, Verstehens. Eine Beschränkung auf nur eine Form menschlichen Erkennens wäre einengend, widerspräche der vernünftigen und beherzten Freiheit.“ Dies gilt auch für eine Erfahrungswissenschaft, die ihre Fragestellungen nicht nur den Erkenntnisformen der Kausalität, des Experiments, der rationalen Erfahrung und Berechenbarkeit verdankt. Dr. jur. Paul Kirchhof ist Seniorprofessor distinctus für Staats- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg.
Das Moralspektakel verändert das Handeln der Menschen
Philipp Hübls neues Buch „Moralspektakel“ besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil geht es um die Frage, wie das Moralspektakel entstehen konnte und wie es das Handeln der Menschen und der Gesellschaft verändert. Der Autor erklärt, wie das moralische Statusspiel gespielt wird und warum man moralisches Prestige als Kapital ansehen kann, das man vermehren, investieren, aber auch inflationär verwenden und fälschen kann. Dieser Teil analysiert die aktuelle Situation und daher ein Projekt der deskriptiven Ethik. Anhand der empirischen Forschung beschreibt und erklärt Philipp Hübl, wie Menschen tatsächlich moralisch handeln. Der zweite, kritische Teil gehört zum Bereich der normativen Ethik, ist also wertend und nicht nur beschreibend. Darin geht es um die negativen Seiten des Moralspektakels. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).
Viele Menschen zweifeln an der Realität
Jaron Lanier sagt: „Der Umstand, dass etwas unscharf und ungenau ist, bedeutet nicht, dass es nicht real ist.“ Nie hat der Mensch so sehr an der Realität gezweifelt wie heute. Nie war er derart besessen von ihr. Zu viele unterschiedliche Versionen von Realität machen die Eindeutigkeit kaputt. Weil sie kreuz und quer zueinander liegen, sich wie Ringkämpfe umeinanderwinden. Wie soll man sich hier noch auskennen? Rebekka Reinhard erläutert: „Die Lösung, welche die Null-und-Eins-Logik anzubieten hat, besteht hier darin, einfach immer mehr Wirklichkeiten zu generieren. Realitäten, von denen jede eindeutiger sein möchte als die andere.“ Jede hat ihre Pressesprecher, Bloggerinnen, Twitterer, weil sie „die“ Realität sein will. Jede besteht aus Fakten, und zu jedem Fakt gibt es mindestens eine Alternative. Die Philosophin Rebekka Reinhard war bis zur Einstellung der Zeitschrift stellvertretende Chefredakteurin des Magazins „Hohe Luft“.
Nur die Unvernünftigen dulden keinen Widerspruch
Das Recht ist eine Sphäre von vernünftigen Auffassungsunterschieden. Alexander Somek erklärt: „In gewissem Umfang ist es kein Anzeichen von Unvernunft, wenn man inhaltlich nicht akzeptiert, was für uns gelten soll. Es bedeutet sogar umgekehrt, dass die Anerkennung von Dissens die Vernunft indiziert. Vernünftige Leute verstehen, warum wir nicht übereinstimmen.“ Sie verstehen, dass die Dinge mehr als eine Seite haben und dass unterschiedliche Leute den einen oder anderen Aspekt entgegengesetzt bewerten. Nur die Unvernünftigen wollen einer Meinung sein und dulden keinen Widerspruch. Die Unvernünftigen bestehen auf Übereinstimmung. Sie sehen nicht, dass der Dissens die Brücke zur Vernunft ist. Was die einen anordnen, weil sie es für richtig halten, stellt für die anderen einen Eingriff in ihre Freiheit dar. Alexander Somek ist seit 2015 Professor für Rechtsphilosophie und juristische Methodenlehre an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.
Die Vernunft ist die Sklavin der Leidenschaften
Seit Platon waren sich die Philosophen bewusst, dass die Sinne täuschen und Überzeugungen irregeleitet sein können. Aber sie nahmen an, dass den Menschen von Natur aus ein Drang zur Wahrheit innewohne und die Vernunft sie auf dem Weg zu ihr leiten würde. Jonathan Rauch blickt zurück: „Vor fast 300 Jahren formulierte der schottische Philosoph David Hume seine Kritik an dieser Standardauffassung.“ In seinem „Traktat über die menschliche Natur“ trug er eine der in dieser Sache entschiedensten und bekanntesten Thesen vor. Er schreibt: „Die Vernunft ist die Sklavin der Leidenschaften und sollte auch nur das sein. Auf kein anderes Amt kann sie Anspruch erheben als ihnen zu dienen und zu gehorchen.“ Jonathan Rauch studierte an der Yale University. Als Journalist schrieb der Politologe unter anderem für das National Journal, für The Economist und für The Atlantic.
Immanuel Kant revolutioniert die Philosophie
Die Sonderausgabe des Philosophie Magazins ist diesmal Immanuel Kant gewidmet. Der Philosoph, dessen Geburtstag sich am 22. April zum 300. Mal jährt, gehört zu den bedeutendsten Denkern der Philosophiegeschichte. Der israelische Philosoph Omri Boehm versteht Kant, entgegen der gängigen Klischees, als einen Philosophen des Ungehorsams, gar als Anarchisten. Er sagt: „Die wichtigste Erkenntnis Kants ist, dass es Autorität – im Gegensatz zu Macht – nur geben kann, wenn die Vernunft in der Lage ist, sich selbst ihre eigenen Regeln zu geben.“ Dadurch wird jede von außen kommende Autorität abgelehnt. Denn äußere Autorität und Autonomie schließen sich in gewisser Weise aus. Laut Omri Boehm besteht Immanuel Kants wichtigstes Vermächtnis darin, den Universalismus durch die Freiheit und nicht durch Gott oder die Natur zu begründen – im Zusammenhang mit der Menschenwürde.
Es gibt universelle moralische Prinzipien
Der amerikanische Psychologe Jonathan Haidt und andere Forscher neigen zu einem Relativismus, der zugespitzt lautet: Jede Kultur hat ihre eigene Moral. Philipp Hübl erläutert: „Wenn die Moral den Gefühlen gehorchen muss, kanns sie als Sklavin der Leidenschaften schwerlich universell sein.“ Im Westen ist moralischer Relativismus heute oft aus Minderheitenschutz heraus, also aus Fürsorge und Fairness motiviert. Denn es besteht die Angst, in der Moral kolonialistisch oder „ethnozentrisch“ zu verfahren. Doch universelle moralische Prinzipien sind nicht „westlich“, nur weil einige von ihnen zuerst im Westen formuliert wurden. Genauso wenig ist das Prinzip des gewaltlosen Widerstands gegen Unterdrücker „indisch“, nur weil es Mahatma Gandhi als Erster erfolgreich gegen die britischen Besatzer eingesetzt hat. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).
Die Glaubenswelten sind ein „Tummelplatz für Betrügereien“
Rüdiger Safranski stellt fest: „Kein Autor vor Michel de Montaigne hat so gedankenreich das Hohelied von Gewohnheit und Übung angestimmt.“ Und es ist bezeichnend, dass er dieses Thema beim Nachdenken über den Tod entdeckt. Es heißt zwar: eine Erfahrung „machen“. In Wirklichkeit aber widerfährt sie einem, im günstigsten Fall wird sie einem geschenkt, und für Michel de Montaigne ist es die große Natur, die nimmt und gibt. Und darum schreibt er in einem der letzten Essays, nicht lange vor seinem Tod: „Falls ihr nicht zu sterben versteht – keine Angst! Die Natur wird euch, wenn es soweit ist, schon genau sagen, was ihr zu tun habt, und die Führung der Sache voll und ganz für sich übernehmen. Grübelt also nicht darüber nach.“ Rüdiger Safranski arbeitet seit 1986 als freier Autor. Sein Werk wurde in 26 Sprachen übersetzt und mit vielen Preisen ausgezeichnet.
Cancel Culture zieht sich durch die Kulturgeschichte der Menschheit
Cancel Culture ist ein uraltes Phänomen, das sich durch die Kulturgeschichte der Menschheit zieht. Dazu zählen Praktiken, um diejenigen zum Schweigen zu bringen, deren Auffassungen von den eigenen in störender Weise abweichen. Julian Nida-Rümelin stellt fest: „Manchmal sind diese Praktiken todbringend, wie in den Ketzerprozessen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Neben der Androhung oder Vollstreckung des physischen Todes gibt es die Praxis des sozialen Todes, des nachhaltigen Ausschlusses aus der Gemeinschaft.“ Im Römischen Imperium war die Verbannung neben der Ermordung ein bei Kaisern und anderen Potentaten beliebtes Instrument der Cancel Culture. Auch das Scherbengericht in den griechischen Stadtstaaten zählt dazu. Es zwang beispielsweise Alkibiades, den Feldherren und lange Zeit Liebling der Athener, mitten im Krieg gegen Syrakus zum Abbruch seiner militärischen Mission und zur Rückkehr nach Athen. Dort musste er sich vor einem Tribunal verantworten. Julian Nida-Rümelin gehört zu den renommiertesten deutschen Philosophen und „public intellectuals“.
Nur die Vernunft führt zur Erkenntnis
Den richtigen Weg zur Erkenntnis kann man nur mit dem richtigen Gebrauch des Logos beziehungsweise der Vernunft finden. Silvio Vietta ergänzt: „Der menschliche Geist kann, aber muss auch die Wahrheit selbst auffinden. Dies wiederum geht nur mit dem richtigen Gebrauch der Vernunft. Also ist die Freiheit des menschlichen Geistes, der auf sich gestellt den Weg finden muss zwischen dem wahren und dem falschen Weg zur Erkenntnis des Seins.“ Und wie in der Philosophie, so auch im antiken Drama. In vielen der Mythen herrscht ja ein Generationengeschick, das dem Menschen gar keine eigene Freiheit der Entscheidung lässt. Sondern sie binden ihn in ein zwanghaftes Geschehen ein, das er auf tragische Weise erfüllen muss. Prof. em. Dr. Silvio Vietta hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt.
Das Mitleid ist der Kern des Gewissens
Das Mitleid gibt laut Jean-Jacques Rousseau allen Menschen anstelle jener erhabenen Maxime, der durch die Vernunft gestifteten Gerechtigkeit, eine Maxime der natürlichen Güte ein. Diese ist viel weniger vollkommen, aber vielleicht nützlicher als die vorangehende. Jean-Jacques Rousseau fordert: „Sorge für dein Wohl mit so wenig Schaden für andere wie möglich.“ Svenja Flaßpöhler ergänzt: „Nicht Immanuel Kants verkopfter kategorischer Imperativ, sondern das natürliche Gefühl des Mitleids ist der Kern des Gewissens und macht aus einem Menschen ein moralisches Wesen.“ In einer seiner Schriften führt Jean-Jacques Rousseau den Begriff der „Selbstliebe“ ein. Die Selbstliebe ist für ihn eine Grundbedingung dafür, dass ein Mensch seine Emotionen überhaupt positiv auf andere richten kann. Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des „Philosophie Magazin“.