Ohne Smartphones sind manche Menschen nicht mehr handlungsfähig

Mit unseren Smartphones sind wir digital vernetzt, ohne sie sind wir oft nicht mehr handlungsfähig. Andrea Römmele erklärt: „Smartphones ermöglichen es uns, jederzeit und überall mit anderen Menschen zu kommunizieren – ob über Anrufe, Textnachrichten, E-Mails oder die sozialen Medien.“ Wir können über Smartphones auf Nachrichten, Wetter, Rezepte zugreifen – überall, immerzu und sofort. Sie weisen uns mit ihrer GPS-Funktion den Weg und zeigen uns die besten Verbindungen im öffentlichen Nahverkehr. Auch Wanderkarten haben sie parat. Durch Kalender-Apps, Erinnerungsmeldungen und To-do-Listen helfen sie, unseren Alltag zu organisieren. Unsere Gesundheit überwachen wir mit Health-Apps, die uns dabei unterstützen, unsere Fitness nicht aus den Augen zu verlieren, unsere Ernährung zu planen und individualisierte medizinische Informationen abzurufen. Andrea Römmele ist Professorin für Politische Kommunikation und Vizepräsidentin an der Hertie School in Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Demokratie, Wahlen und politische Parteien.

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Die Beziehungsebene dominiert immer die Sachebene

Für das Verstehen sozialer Konflikte ist die Unterscheidung zwischen Sachebene und Beziehungsebene fundamental. Reinhard K. Sprenger geht davon aus, dass seinen Lesern diese bekannt ist. Deshalb beschränkt er sich auf das Wesentliche: „Die Beziehungsebene dominiert immer die Sachebene! Wenn Sie auf der Beziehungsebene – nonverbale Signale, Wortwahl, Kontaktzeit et cetera – nicht mindestens neutral bis positiv sind, haben Sie auf der Sachebene nicht den Schatten einer Chance, verzerrungsfrei rüberzukommen.“ Es mag dann sein, dass Sie etwas schon hundertmal gesagt haben – der andere hat es auch hundertmal nicht gehört. Bis zu diesem Punkt ist noch nichts über das Gelingen von Kommunikation ausgesagt, noch nichts über das Verstehen, schon gar nicht über das Einverstandensein. Reinhard K. Sprenger, promovierter Philosoph, ist einer der profiliertesten Führungsexperten Deutschlands.

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Bernhard Pörksen unterscheidet zwischen Alarmismus und Idealismus

Bernhard Pörksen rät: „Es gilt, sich der Erfahrung des Zuhörens und des Ringens um das Gehörtwerden in konkreten Situationen zuzuwenden, diese Situationen in allen Nuancen und Details zu studieren.“ Das bedeutet auch, dass man sich zwei Denkformen bewusst und mit Entschiedenheit verweigert, die in aktuellen Analysen des Kommunikationsgeschehens außerordentlich mächtig sind. Bernhard Pörksen nennt sie „Diskursalarmismus“ und „Diskursidealismus“. Gemeinsam ist beiden Denkformen, obwohl sie konträre, gegensätzliche Positionen markieren, die Distanz zum Konkreten – zugunsten einer allgemeinen Idee und der pauschalen These, die entweder den Untergang – Alarmismus – oder die Vision perfekter Zuhör-Welten – Idealismus – beschwört. Beide verfehlen in der Pauschalität ihres Urteils und in ihrer Orientierung am Prinzipiellen das Wirkliche. Sie blockieren die Auseinandersetzung mit einer feinkörnigen, widersprüchlich schillernden Realität mit ihren je eigenen Möglichkeiten und besonderen Hindernissen. Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.

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Bernhard Pörksen entwickelt eine Philosophie des Zuhörens

Bernhard Pörksen schreibt: „In der gegenwärtigen Situation, vor dem Horizont ineinander verschlungener Krisen, einer allgemeinen Polarisierungsfurcht und der neuen Macht von Populisten und Ideologen, gewinnt eine Frage an Brisanz, die eine Philosophie des Zuhörens umtreiben muss. Sie lautet: Wem überhaupt zuhören?“ Nur „den Richtigen“ oder auch „den Falschen“? Gilt es beispielsweise vor dem Hintergrund der Wahlerfolge populistischer Parteien, Rechtsextremen Gehör zu schenken? Tut man dies, um sie zu verstehen, weil man zumindest ein partielles Einverständnis für möglich hält? Oder geschieht dies, um die Gesinnung der Parteigänger unvoreingenommen zu begreifen, um sie gut begründet und kenntnisreich zu verurteilen und maximal effektiv zu bekämpfen? Was ist das Ziel: das verständnissinnige, von Sympathie geprägte Verstehen oder die klare Verurteilung? Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.

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Viele Menschen sind in den letzten Jahren mitfühlender geworden

Was war zuerst da: die Sensibilität oder die Begriffserweiterung? Philipp Hübl erklärt: „Vermutlich bedingen sich die Faktoren gegenseitig. Eine erhöhte Sensibilität führt dazu, dass wir aufmerksamer werden, die Begriffe erweitern, mehr Fälle entdecken und daher auch mehr darüber sprechen.“ Umgekehrt führen die erhöhte Frequenz und die Erweiterung moralischer Begriffe dazu, dass wir uns mehr mit den Themen beschäftigen, die Aufmerksamkeit stärker auf Grenzfälle lenken und uns so für mehr Fälle sensibilisieren. Bisher ist noch nicht abschließend geklärt, warum seit etwa zehn Jahren Begriffserweiterung und Begriffsfrequenz so stark zugenommen haben. In der Forschung werden verschiedene Faktoren diskutiert. Erstens könnte es sein, dass Menschen in den letzten Jahren sowohl mitfühlender als auch emotional fragiler geworden sind. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor des Bestsellers „Folge dem weißen Kaninchen … in die Welt der Philosophie“ (2012).

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Es besteht immer die Gefahr des vorschnellen Urteils

Vorurteile, Vorannahmen und nur scher erschütterbare Überzeugungen bestimmen, was Menschen hören können. Es ist die Gefahr des sofortigen Bescheidwissens und des vorschnellen Urteils, das das neue Buch „Zuhören“ von Bernhard Pörksen in immer neuen Anläufen in drei Kapiteln umkreist. Zu Beginn skizziert der Autor die Konturen einer „Philosophie des Zuhörens“, diskutiert grundlegende Fragen und schildert eigene Motive und Erfahrungen. Es folgen detaillierte Beobachtungen, Illustrationen einer „Praxis des Zuhörens“, Versuche der Erweiterung der Wahrnehmung durch maximale Präzision, die Sichtbarmachung von Kontexten. Das Buch endet in der Gegenwart unserer Diskurse und einer Auseinandersetzung mit der „Politik des Zuhörens“. Der Kontext ist die Botschaft, das wird hier erneut deutlich. Bernhard Pörksen betont: „Ohne Kontext, ohne die Analyse einer je besonderen Situation können wir nicht zu einem gerechten Urteil gelangen und keine adäquate Position entdecken.“ Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.

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Massenhaftes Reisen prägte seit den 1960er Jahren Europa

Das Europa der Gegenwart unterscheidet sich von allen früheren Europas durch eine revolutionäre Veränderung: das exponentielle Wachstum von massenhaftem Reisen und Kommunikation seit den 1960er Jahren. Zwar unternahmen junge Engländer der Oberschicht im 18. Jahrhundert die Grand Tour und besuchten ausgewählte kulturelle Sehenswürdigkeiten auf dem Weg nach Rom. Timothy Garton Ash fügt hinzu: „Im späten 19. Jahrhundert bereisten Touristen der Mittelschicht aus wohlhabenden Ländern die europäischen Nachbarländer, oft unter Nutzung neu gebauter Eisenbahnlinien.“ Zu Beginn des 20. Jahrhunderts trafen sich europäische Gentlemen – manchmal in Begleitung ihrer Damen – in Kurbädern, Landhäusern und auf Rennbahnen. Später sahen sie sich im tödlichen Kampf wieder, wie die adligen deutschen und französischen Offiziere in „Die große Illusion“, Jean Renoirs großartigen Film über den Ersten Weltkrieg. Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Studien an der Universität Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University.

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Jede Generation ist von ihrer Einzigartigkeit überzeugt

Kann man überhaupt noch hoffen in dieser Zeit? Man fürchtet sich vor Dingen, vor denen man sich fürchten sollte, die jegliches menschliches Maß übersteigen. Philipp Blom ergänzt: „Wir leben in einer Zeit, in der eine Ordnung zusammenbricht und eine neue noch nicht entstanden ist und vielleicht sobald nicht entstehen wird.“ Jede Generation glaubt von sich, einzigartig zu sein und vor dem Ende der Welt zu stehen, vor der Apokalypse. Schon immer liefen Propheten herum, die so etwas predigten – aber diesmal ist es wahr. Anscheinend fühlen wir uns jedoch in der Kommunikation miteinander zum Optimismus verpflichtet und wollen uns auch angesichts der schrecklichsten Neuigkeiten gerne noch an einem Silberstreif am Horizont erfreuen. Philipp Blom studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford. Er lebt als Schriftsteller und Historiker in Wien.

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Die Druckerpresse ermöglichte die Alphabetisierung Europas

Jeremy Rifkin schreibt: „Die Objektivierung der Zeit durch Zeitplan und Uhr und die Verwendung der Perspektive in der Malerei beschleunigten den Prozess der Inbesitznahme und Privatisierung des Raums.“ Eine ebenso bedeutende Rolle hierbei spielte auch die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, so wie später das Telefon Ende des 19. und das Internet Ende des 20. Jahrhunderts. Die Druckerpresse ermöglichte die Alphabetisierung Europas und später der ganzen Welt. Sie erlaubte Millionen räumlich und zeitlich weit voneinander entfernten Menschen, über das Medium des gedruckten Worts still miteinander zu kommunizieren. Das Lernen aus Büchern war eine einsamere und zerebralere Angelegenheit als in der mündlichen Kultur. Jeremy Rifkin ist einer der bekanntesten gesellschaftlichen Vordenker. Er ist Gründer und Vorsitzender der Foundation on Economic Trends in Washington.

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Die Digitalisierung greift tief in das Leben jeden Einzelnen ein

Andrea Römmele betont: „Die Digitalisierung hat die Welt fundamental verändert. Sie greift tief in das Leben jedes Einzelnen von uns ein. Sie ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie bestimmt, wie wir arbeiten, und sie prägt unser Verhältnis zum Staat und seinen Institutionen.“ Der Begriff Digitalisierung umfasst unterschiedliche Phänomene, die sich aus der technischen und technologischen Entwicklung im Umfeld von Computern und Datennetzen ergeben. Im Kern versteht man unter Digitalisierung die Umwandlung analoger Informationen in verschiedene digitale Formate. Häufig wird unter Digitalisierung nur der technologische Aspekt des digitalen Wandels verstanden, das ist jedoch eine verkürzte Sichtweise. Andrea Römmele ist Professorin für Politische Kommunikation und Vizepräsidentin an der Hertie School in Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Demokratie, Wahlen und politische Parteien.

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Die Kommunikation übers Smartphone ist körperlos

In der digitalen Kommunikation fällt auch die Anrede häufig weg. Man ruft den Anderen nicht eigens an. Byung-Chul Han fügt hinzu: „Wir schreiben lieber Text-Nachrichten als anzurufen, denn schriftlich sind wir dem Anderen weniger ausgeliefert. So verschwindet der Andere als Stimme.“ Die Kommunikation übers Smartphone ist eine entkörperlichte und blicklose Kommunikation. Dagegen hat die Gemeinschaft eine körperliche Dimension. Schon aufgrund fehlender Körperlichkeit schwächt die digitale Kommunikation die Gemeinschaft. Die Digitalisierung bringt den „Anderen als Blick“ zum Verschwinden. Die Abwesenheit des Blicks ist mitverantwortlich für den Verlust der Empathie im digitalen Zeitalter. Bereits beim Kleinkind verwehrt man den Blick dadurch, dass die Bezugsperson aufs Smartphone starrt. Gerade im Blick der Mutter findet das Kleinkind normalerweise Halt, Selbstbestätigung und Gemeinschaft. Die Bücher des Philosophen Byung-Chul Han wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

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Menschen sind unersättlich neugierig

Nichts beschäftigt den Menschen – seit grauer Vorzeit und bis in die Gegenwart – mehr als Fragen der zwischenmenschlichen Interaktion und Kommunikation. Matthias Glaubrecht erläutert: „Von den ersten schriftlichen Dokumenten und antiken Dossiers über die Briefkorrespondenz, von den Anfängen der Erzählung über Romane bis zum Smartphone dominiert das soziale Mit- und oft genug Gegeneinander unsere menschliche Kultur.“ Immer ging und geht es um die Frage: Wer macht was mit wem? Die Menschheit ist eine unersättlich neugierige Spezies, sofern es dabei um die eigene Person geht und um Menschen, die man kennt oder gerne kennenlernen würde. Menschen sind ewige Smartphoner und waren es bereits, lange bevor sie dazu die neuesten technischen und medialen Möglichkeiten entwickelt hatten. Matthias Glaubrecht ist Evolutionsbiologe, Systematiker und Wissenschaftshistoriker.

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Viele Menschen bewegen sich nur in ihrer eigenen Echokammer

Die hohe Anzahl und die immer leichter werdende Konfiguration der Medien erlaubt es dem Menschen, sich ein eine Informationsblase einzuschließen. Ille C. Gebeshuber ergänzt: „Bereits in der analogen Welt umgeben sich viele Menschen bevorzugt mit Gleichgesinnten und bewegen sich vornehmlich in ihrer eigenen Echokammer. Doch ist deutlich zu beobachten, wie soziale Medien den Echokammereffekt massiv verstärken können.“ Für jene, die es sich wünschen, wird es in Zukunft noch leichter werden, ein beliebiges Umfeld zu erschaffen und nicht erwünschte Faktoren auszublenden. Der Mensch der Zukunft kann im Mittelpunkt der Welt stehen. Einer Traumwelt, die Dinge vorspiegelt, die Glückseligkeit versprechen, die aber auch wichtige Dinge ausblendet. Der so stattfindende Ausschluss der Realität wird die Menschen der Zukunft aus heutiger Sicht fast blind machen. Ille C. Gebeshuber ist Professorin für Physik an der Technischen Universität Wien.

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Das Smartphone entdinglicht die Welt

Das Smartphone ist der Hauptinfomat der Gegenwart. Byung-Chul Han erklärt: „Es macht nicht nur viele Dinge überflüssig, sondern entdinglicht die Welt, indem es sie auf Informationen reduziert. Auch das Dingliche am Smartphone tritt zurück zugunsten Informationen.“ Man nimmt es nicht eigens wahr. Dem Aussehen nach unterscheiden sich Smartphones kaum voneinander. Die Menschen blicken durch sie hindurch in die Infosphäre. Eine analoge Uhr versorgt sie zwar mit zeitbezogenen Informationen, aber sie ist kein Infomat, sondern ein Ding, ja auch ein Schmuck. Das Dingliche ist ihr zentraler Bestandteil. Die von Informationen und Infomaten beherrschte Gesellschaft ist schmucklos. Schmuck bedeutet ursprünglich prächtige Kleidung. Undinge sind nackt. Charakteristisch für die Dinge ist das Dekorative, das Ornamentale. Die Bücher des Philosophen Byung-Chul Han wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

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Die Werbung im Netz ist perfekt auf den Einzelnen abgestimmt

Die permanente digitale Kommunikation greift tief in den Gefühlshaushalt der Menschen ein. Ulrich Grober erklärt: „Wir vertrauen unser Erleben, vor allem unsere WOW-Momente, sozialen Medien an. Wir nutzen sie, sie nutzen uns. Sie bieten uns, scheinbar umsonst, eine Plattform für alle Äußerungen, die wir senden möchten.“ Umgekehrt machen sie die Menschen zum Empfänger von perfekt auf jeden Einzelnen abgestimmten Werbebotschaften. Jede Sekunde im Netz macht einen dafür empfänglich. Ja, man hat die Freiheit, sich ihren Botschaften zu verweigern. Aber das ist gar nicht so einfach. „Wir sind programmiert durch das, was unsere Zuschauer sehen wollen“, sagte Netflix-Gründer Reed Hastings. Er fügt hinzu: „Wir liefern etwas ab, was in einem Moment Hunderte Millionen Menschen gucken können.“ Den Publizisten und Buchautor Ulrich Grober beschäftigt die Verknüpfung von kulturellem Erbe und Zukunftsvisionen.

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Konrad Paul Liessmann kennt die Kraft der Fiktion

Alle Formen der Höflichkeit beruhen auf einer Fiktion, auf einem „So tun als ob“. Konrad Paul Liessmann erklärt: „Wir tun so, als ob es uns interessierte, wie es einem anderen geht, wie dessen Urlaub war, was seine Kinder machen. Täten wir nicht so als ob, hätten wir einander entweder nichts oder viel zu viel zu sagen.“ Dass man so tut als ob, und dass dabei alle mitspielen, ist die Vorbedingung dafür, dass Menschen in eine produktive Interaktion treten können. Man muss einander ein wechselseitiges Interesse unterstellen, damit man seine tatsächlichen Interessen zur Sprache bringen kann. Konrad Paul Liessmann ist Professor für Philosophie an der Universität Wien. Zudem arbeitet er als Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist. Im Zsolnay-Verlag gibt er die Reihe „Philosophicum Lech“ heraus.

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News bedeuten heute vor allem „Skandal“

Viele Menschen sehen sich heute nach Tiefgang. Davon ist Anders Indset überzeugt. Donald Trumps Popularisierung von Fake News führt zu einer Gegenreaktion. Sie verstärkt den Druck auf die Validierung. Anders Indset stellt fest: „Das Phänomen lässt uns mehr Masse mit mehr Klasse gleichsetzen.“ In früheren Zeiten war der Abstand zwischen Ereignis und Bericht größer. Es gab wenige Quellen. Darum hatte man Zeit für eine umfangreiche Recherche. Heute bleibt nicht einmal die Zeit, Die Fehlaussagen und Unwahrheiten aufzuarbeiten. Durch die Demokratisierung und Technologisierung wurde jeder zum Broadcaster, kostenfrei von überall. Das Problem der neuen Technologien ist, dass News heute vor allem „Skandal“ bedeuten. Je größer die Masse, desto lauter, schräger und skurriler muss es sein. Anders Indset, gebürtiger Norweger, ist Philosoph, Publizist und erfolgreicher Unternehmer.

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Rom erhob den Anspruch auf Universalherrschaft

Der Name „Europa“ kam zwar nicht vor, doch das Imperium Romanum wurde zu seinem Synonym. „Brot und Spiele“ für die Stabilisierung nach innen. Die Losung der „Pax Romana“ für die Befriedung der wahrlich imponierenden Außengrenzen. Jürgen Wertheimer erklärt: „Ein durchgehender Ring römisch beherrschter Gebiete umschloss das Mittelmeer, Gallien, Teile Germaniens und die südliche Hälfte Britanniens war gleichfalls in das Reich integriert.“ Die neue Form einer Herrschpersönlichkeit des Caesars oder ursprünglich des Imperators hielt das Imperium zusammen und dominierte es. Er war kein „König“ als Oberherr eine Clans, eines Volkes, eines Stammes, sondern ein Herrscher in befehlshabender Funktion über alle regionalen Grenzen hinweg. Ursprünglich eher militärisch definiert, wurde der „Kaiser“ spätestens seit Augustus zum Symbol für „Rom“ un die römische Herrschaft. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

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Dinge stabilisieren das menschliche Leben

Die terrane Ordnung, die Ordnung der Erde, besteht aus Dingen. Diese nehmen eine dauerhafte Form an und bilden eine stabile Umgebung für das Wohnen. Sie sind jene „Weltdinge“ im Sinne von Hannah Arendt, denen die Aufgabe zukommt, „menschliches Leben zu stabilisieren“. Byung-Chul Han stellt fest: „Sie geben ihm einen Halt. Die terrane Ordnung wird heute durch die digitale Ordnung abgelöst. Die digitale Ordnung entdinglicht die Welt, indem sie sie informatisiert.“ Schon vor Jahrzehnten bemerkte der Medientheoretiker Vilém Flusser: „Undingen dringen gegenwärtig von allen Seiten in unsere Umwelt, und sie verdrängen die Dinge. Man nennt diese Undinge Informationen.“ Die Menschen befinden sich heute im Übergang vom Zeitalter der Dinge zum Zeitalter der Undinge. Byung-Chul Han ist ein koreanisch-deutscher Philosoph, Kulturwissenschaftler und Autor. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

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Es gibt wenig Toleranz in der Demokratie

In den offenen Gesellschaften des Westens glauben viele Menschen mit einer gewissen Selbstgefälligkeit an die Toleranz für widerstreitende Standpunkte. Doch die Bandbreite dieser Standpunkte war in der jüngeren Geschichte stark eingeschränkt. Anne Applebaum weiß: „Seit 1945 fanden die Diskussionen vor allem zwischen Positionen rechts und links der Mitte statt. Entsprechend schmal war das Spektrum an möglichen Wahlergebnissen. Vor allem in Gesellschaften wie den skandinavischen, die stets auf Konsens bedacht waren.“ Aber selbst in den hemdsärmeligeren Demokratien war das Spielfeld relativ klar vorgegeben. In den Vereinigten Staaten ließ der Kalte Krieg in der Außenpolitik Einigkeit der beiden Lager entstehen. Anne Applebaum ist Historikerin und Journalistin. Sie arbeitet als Senior Fellow an der School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University.

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Johannes Gutenberg revolutioniert die Kommunikation

Mitten in Europa, in Mainz, liegt der Geburtsort des Buchdrucks. Johannes Gutenbergs Erfindung von beweglichen Lettern, ab 1450 angewandt, revolutionierte die Kommunikation. Sie veränderte die Lebenswelt der Menschen und breitete sich über die ganze Welt aus. Edgar Wolfrum stellt fest: „Gutenbergs Buchdruck kann mit Fug und Recht als eine der bedeutendsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte des letzten Jahrtausend bezeichnet werden.“ Mit der rasanten Entwicklung des Internets scheint nun allerdings das Gutenberg-Zeitalter seinem Ende entgegenzugehen. Die neue Art der Informationsverbreitung und Kommunikation beruht auf der von Millionen von Computern. Viele bezeichnen sie bereits als „Turing-Galaxis“. Benannt nach einem der wichtigsten Wegbereiter der Computertechnologie, dem britischen Mathematiker Alan Turing (1912 – 1954). Edgar Wolfrum ist Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Universität Heidelberg.

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Auf sprachliche Eskalation folgt wütender Protest

Als Manuel Macron zu Jahresbeginn 2022 davon gesprochen hat, Ungeimpften „auf die Nerven zu gehen“, hat er sprachliche oder strukturelle Gewalt gegen seine Staatsbürger angewendet. Als die Beschimpften sich mit Straßenprotesten dagegen wehrten, unterband man den Protest. Man verwies dabei auf die Gefährdung der öffentlichen Ordnung. Ulrike Guérot stellt fest: „Die – bewusste oder entglittene? – sprachliche Eskalation generiert also wütenden Protest, der dann der Vorwand ist, um staatlicherseits zu prügeln.“ Die Polizei wird zum Anwalt eines Systems, das sich im Recht glaubt. Ein Teufelskreis. Ein System, das strukturelle Gewalt anwendet, gewinnt immer. Zuvor war über Monate die Kommunikation zwischen Maßnahmenbefürworter und Gegner längst gerissen. Die einen haben eine scheinbare Mehrheit, die Wahrheit und die Moral sowieso. Seit Herbst 2021 ist Ulrike Guérot Professorin für Europapolitik der Rheinischen-Friedrichs-Wilhelms Universität Bonn.

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In einem Staat entscheidet die Kommunikation

Das deutsche Volk ist, wie jedes andere Volk, vor allem eine Lebensgemeinschaft, eine Kommunikationsgemeinschaft und eine Haftungsgemeinschaft. Die Kinder von Türken und anderen Ausländer sind im Allgmeinen keine deutschen Staatsbürger. Selbst dann, wenn sie seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Aber sie gehören zweifellos zur Kommunikationsgemeinschaft der Deutschen, weil sie mit ihnen und in Deutschland leben. Herkunft, Sprache oder auch die gemeinsame Geschichte gehören nicht mehr unbedingt zu den Kennzeichen der jeweiligen Gemeinschaft im Staat. Michael Wolffsohn ergänzt: „Doch dieser Staat bleibt trotz aller internationalen Verflechtungen der entscheidende Bezugspunkt der Kommunikation.“ Wenn etwas Erfreuliches passiert, stößt sich niemand an der gemeinsamen Haftungsgemeinschaft. Prof. Dr. Michael Wolffsohn war von 1981 bis 2012 Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München.

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Johannes Gutenberg erfindet den Buchdruck

Im Jahr 1450 erfindet Johannes Gutenberg den Buchdruck und löst damit eine Revolution der schriftlichen Kommunikation aus. Diese kommt an Wirkmächtigkeit dem durch das Internet und die elektronischen Medien ausgelösten Umbruch gleich. Im Jahr 1453 läutet die Eroberung Konstantinopels durch das türkische Heer das Ende des oströmisch-byzantinischen Reiches ein. Dies führt zu einer Neuorientierung Europas in Richtung Westen. Jürgen Wertheimer ergänzt: „1492: Kolumbus entdeckt Amerika und löst damit einen Prozess aus, der die globalen Machtverhältnisse dauerhaft verändern wird. Europa übernimmt in der Folgezeit das Kommando über die Welt.“ „Kein Reich, keine Religion, kein Stern hatte größeren Einfluss auf die menschlichen Angelegenheiten als Buchdruck, Schießpulver und Kompass“, jubelte Francis Bacon 1620 in seinem „Novum Organum“. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

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Früher hatten allein die Medien das Sagen

In der frühen Vorstellung der Medienwissenschaft war das Massenmedium eines, das waffenähnlich funktionierte. Es folgte einem simplen Stimulus-Response-Modell, bei dem die kommunikative Einbahnstraße auch eine Hierarchie betonierte. Ulf Poschardt erklärt: „Hier der Sender, dort der Empfänger und dazwischen das Medium, das nicht nur Gatekeeper war, sondern auch Pacemaker oder Deeskalierer.“ Der Konsument war eine leere Leinwand, die ganz in der Intension des Senders und der Medien bekritzelt und bemalt werden konnte. Die Medien hatten das Sagen, der Nutzer und Konsument das Nachsehen. Diese Idee selbst hatte einen idealistischen Unterbau. Die Sehnsucht der Massenmedien war auch mit der Vorstellung einer Demokratisierung der freien Gesellschaft verbunden. Seit 2016 ist Ulf Poschardt Chefredakteur der „Welt-Gruppe“ (Die Welt, Welt am Sonntag, Welt TV).

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