Die Wahrheit wird von einem sozialen Dialog bestimmt

Wer anderen mit Vorurteilen begegnet, ist selbst bereits einer Beeinflussung seiner freien Willensbildung erlegen. Der freie Wille, so würde man es sich auf den ersten Blick wohl wünschen, sollte aber nicht auf Beeinflussungen, sondern auf der Erkenntnis der Wahrheit beruhen. Allerdings gilt: Alle Meinungs- und Willensbildungen, an deren Ende man etwas als wahr und gültig erkennt, resultieren aus sozialen Prozessen der Verständigung, die unausweichlich immer auch mit Beeinflussungen verbunden sind. Joachim Bauer fügt hinzu: „Diese Beeinflussungsprozesse sind Teil des natürlichen Bedingungsgefüges, in dem sich der freie Wille formiert. Sie sind teils offener, teils verborgener Natur.“ Das Ziel kann nicht sein, sie zu verhindern, denn dies wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Der Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer lehrt an der Universität Freiburg.

Bei der Bildung des freien Willens sollte man die Vernunft an der Seite haben

Das Ziel muss es vielmehr sein, Prozesse der Beeinflussung mithilfe der Vernunft aufzudecken, zu erkennen und sich ihnen zu stellen. Eine Wahrheit außerhalb sozialer Prozesse der Verständigung und damit ohne gegenseitige Beeinflussung existiert nicht. Joachim Bauer stellt fest: „Wahrheit, ist genau betrachtet, immer nur das, auf was wir uns im Dialog, also gemeinsam verständigen können.“ Dies alles bedeutet aber nicht, dass sich die Wahrheit wie ein Wahlergebnis aus einer Mehrheitsmeinung ableiten ließe.

Wie allgemein bekannt, wurde und wird immer wieder versucht, unbequeme Wahrheiten mit Mehrheitsmeinungen oder Gewalt zu unterdrücken, ungeachtet der Tatsache, dass sie unter Anwendung der Gesetze der Logik und nach Verständigung der beteiligten Wissenschaftler als richtig erkannt worden sind. Nicht nur der Wahrheitssuche, auch der Bildung eines freien Willens geht ein dialogischer Suchprozess voraus, bei dem man die Vernunft als wichtige Begleiterin an der Seite haben sollte.

Die Suche nach der Wahrheit kommt nie zu einem Abschluss

Die freie Meinungs- und Willensbildung ist, wie die Suche nach Wahrheit, ein Prozess, der nie zum Abschluss kommt. Joachim Bauer ergänzt: „Was wir denken und kommunizieren, erreicht, ohne jeden Einsatz physischer Mittel auch den Organismus unserer Mitmenschen und ruft dort biologische Wirkungen hervor. Selbst was man über sich selbst und andere denkt, kann die eigene Gesundheit massiv beeinflussen – zum Guten wie zum Schlechten. Selbststeuerung soll dem Menschen dienen, ein gutes Leben zu führen, sie ist kein Selbstzweck.

Zu ihren mächtigsten Potentialen zählt ihr Einfluss auf die biologischen Systeme und damit auf die körperliche Gesundheit des Menschen. Beim Einfluss der Selbststeuerung auf die Gesundheit sind zwei Mechanismen im Spiel, ein offensichtlicher, sozusagen äußerer, und ein verborgener, innerer. Das erste der beiden Wirkprinzipien beruht darauf, dass ein gesunder Lebensstil Krankheitsrisiken vermindert. Beim zweiten Wirkungsmechanismus geht es um eine innere Grundhaltung, um gutes Selbstgefühl, um Vertrauen in die eigenen Kräfte und so etwas wie einen inneren Mut. Quelle: „Selbststeuerung“ von Joachim Bauer

Von Hans Klumbies

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