Fremdenfeindlichkeit gedeiht vor allem in unsicheren Gesellschaften

Fremdenfeindliche Einstellungen und Überzeugungen gedeihen besonders gut in einer Gesellschaft, die ihres Zusammenhalts nicht mehr gewiss ist und daher ihren Mitgliedern keinerlei Sicherheitsversprechen mehr anbieten kann. Dieter-Lantermann fügt hinzu: „So muss jeder selbst für seine eigenen Sicherheiten sorgen, ohne Netz und doppelten Boden, ohne die Gewissheit einer festen sozialen Verortung, ohne selbstverständlich geltende Normen, Verhaltensregeln und Handlungsorientierungen, die das Miteinander in der Gesellschaft verlässlich und berechenbar organisieren und leiten. Menschen, die sich ihrer sozialen und gesellschaftlichen Zughörigkeit, Wertschätzung und sozialen Identität unsicher geworden sind, neigen häufig zu zugespitzten fremdenfeindlichen Haltungen, von denen sie sich neue soziale und persönliche Sicherheiten versprechen. Auf die Frage worin der „Sicherheitsgewinn“ solcherart radikaler Haltungen gegenüber Zuwanderern aus fremden Ländern und Kulturen liegt, weiß Ernst-Dieter Lantermann eine Antwort. Ernst-Dieter Lantermann war von 1979 bis 2013 Professor für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie an der Universität Kassel.

Die Fremden werden von ihren Feinden nicht als Persönlichkeit wahrgenommen

Ernst-Dieter Lantermann führt aus: „Fremdenfeindlichkeit schafft ein neues Wir-Gefühl, eine feste soziale Identität und Zugehörigkeit zu all denen, die sich auch als Fremdenfeinde zu erkennen geben. Fremdenfeindlichkeit rechtfertigt Verhaltensweisen, die man eigentlich nicht für legitim oder mit den eigenen Prinzipien und Werten vereinbar halten würde. Innere Zweifel über die Moralität des eigenen Denkens und Handelns treten daher erst gar nicht auf.“ Zudem bietet Fremdenfeindlichkeit klare Orientierungen und festes Wissen.

Die Fremden werden von ihren Feinden nicht als „Einzelwesen“ wahrgenommen mit allen möglichen Schattierungen ihrer unverwechselbaren Persönlichkeit, sondern als typische Repräsentanten der Gruppe fremder Eindringlinge. So weiß der Fremdenfeind genau, woran er bei einem Fremden ist, wie dieser sich verhält und er sich selbst zu verhalten hat, was dem Fremden und ihm selbst zusteht und was nicht. Außerdem erleichtert Fremdenfeindlichkeit die Bildung von Vertrauen und Misstrauen. Wer fremdenfeindlichen Haltungen rechtfertigt, propagiert oder zum Programm erhebt, den halten Fremdenfeinde für vertrauenswürdig.

Fremdenfeine verachten und bekämpfen die Fremden

Wer ihre Fremdenfeindlichkeit kritisiert, als demokratiefeindlich brandmarkt, dem misstrauen Fremdenfeinde zutiefst, nicht nur wegen dessen Haltung, sondern wegen seines ganzen Charakters, der sich in seiner Fremdenfreundlichkeit offenbart. Ernst-Dieter Lantermann ergänzt: „Fremdenfeindlichkeit hebt das Selbstwertgefühl. Je stärker und radikaler der Fremdenfeind in der Gruppe der Fremden das Gegenbild eines anständigen und vertrauenswürdigen Menschen erkennt, zu denen er sich selbstverständlich zählt, desto mehr Gründe findet er, sich und seinesgleichen auf- und die Fremden abzuwerten, zu verachten du zu bekämpfen.“

So gewinnt der Fremdenfeind auch auf diesem Felde seine Selbstgewissheit und Selbstwertschätzung zurück, um die er solange vergeblich ringen musste, da ihm der Rest der Gesellschaft diese Wertschätzung und Zugehörigkeit verweigert. Um von den Sicherheitsversprechen, die fremdenfeindliche Haltungen verheißen, auch tatsächlich zu profitieren, bedarf es einer Reihe innerer sicherheitsstiftender Prozesse, die es erst ermöglichen, sich zu einem bekennenden Fremdenfeind zu entwickeln, ohne darüber in neue Selbstturbulenzen zu geraten. Quelle: „Die radikalisierte Gesellschaft „ von Ernst-Dieter Lantermann

Von Hans Klumbies

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