David Brooks schreibt: „Künstliche Intelligenz (KI) wird uns in den kommenden Jahrzehnten vieles abnehmen und den Menschen bei vielen Aufgaben ersetzen, aber es wird ihr niemals gelingen, zwischenmenschliche Beziehungen herzustellen.“ Um im Zeitalter der KI Erfolg zu haben, müssen Menschen außergewöhnlich gut darin werden, mit anderen in Verbindung zu treten. Andere richtig zu sehen, birgt ungeheure Schaffenskraft. Man kann seien eigene Schönheit und seine eigenen Stärken nur umfassend erkennen, wenn diese durch den Geist eines anderen Menschen gespiegelt werden. Das Gesehenwerden lässt uns wachsen. Wenn jemand das Licht seiner Aufmerksamkeit auf mich richtet, blühe ich auf. Wenn jemand in mir großes Potenzial sieht, werde ich höchstwahrscheinlich ebenfalls großes Potenzial in ihm sehen. Der US-amerikanische Erfolgsautor David Brooks ist Kolumnist bei der „New York Times“ sowie Kommentator bei „PBS Newshour“.
Künstliche Intelligenz
Seit Ende 2022 ist die Künstliche Intelligenz plötzlich in aller Munde
In den ersten Jahrzehnten der KI-Forschung lag der Schwerpunkt auf grundlegenden Algorithmen, auf symbolischer Logik und Expertensystemen. Andrea Römmele ergänzt: „Mit dem Aufkommen leistungsstarker Computer und der digitalen Verfügbarkeit großer Datenmengen begann die KI-Forschung, von datengetriebenen Ansätzen zu profitieren.“ Maschinelles Lernen, insbesondere Deep-Learning, ermöglichte es algorithmischen Systemen, Muster und komplexe Zusammenhänge in großen Datensätzen zu erkennen und von diesen zu lernen, um Vorhersagen zu treffen oder um ähnliche Daten, Bilder oder Texte zu generieren. Seit Ende 2022 ist KI plötzlich in aller Munde. So wie das iPhone die Digitalisierung und Vernetzung der Welt auf einen Schlag „sichtbar“ machte und den Übergang vom Web 1.0 zum Web 2.0 markierte, brachte ChatGPT eine breiten Öffentlichkeit Künstliche Intelligenz (KI) näher. Andrea Römmele ist Professorin für Politische Kommunikation und Vizepräsidentin an der Hertie School in Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Demokratie, Wahlen und politische Parteien.
Neue Technologien sorgen für mehr Komfort und Bequemlichkeit
Christian Uhle stellt fest: „Die Hoffnung, durch neue Technologien mehr Komfort, Bequemlichkeit und Freizeit zu gewinnen, ist nicht erst durch die Digitalisierung in die Welt gekommen. Im Gegenteil, seit jeher sind die meisten Technologien mit dieser Hoffnung verbunden: Egal ob Auto, Gaszeitung oder Pürierstab – immer geht es darum, effizienter, bequemer und schneller zum Ziel zu kommen.“ Allein durch die Waschmaschine sparen wir irrsinnig viel Zeit und Aufwand. Während bei einem Haushalt von vier Personen wöchentlich circa fünf Stunden für die Handwäsche benötigt werden, sind es mit einer Waschmaschine nur eine Stunde. Damit werden etwa 220 Stunden im Jahr gespart. Hinzu kommen all die weiteren Haushaltsgeräte. Wenn wir über Digitalisierung und Künstliche Intelligenz nachdenken, dann ist es hilfreich, sich diese grundlegenden Eigenschaften von Technik bewusst zu machen. Der Philosoph Christian Uhle hat als Wissenschaftler zu gesellschaftlichen und technologischen Transformationen geforscht.
Ungleichheit resultiert aus staatlichen Entscheidungen
Jonathan Aldred weiß: „Ein großer Teil der Ungleichheit, den man heute in reicheren Ländern beobachtet, ist eher auf staatliche Entscheidungen als auf unumstößliche Marktkräfte zurückzuführen.“ Solche Beschlüssen kann man jedoch revidieren. Die Staaten des Westens sind in das Zeitalter der Automatisierung und künstlichen Intelligenz eingetreten. Das mache, wie manchmal zu hören ist, zunehmende Ungleichheit unvermeidlich. Das läuft im Wesentlichen daraus hinaus, dass die Computerfreaks, welche die Roboter konstruieren, und die 0,01 Prozent, denen sie gehören, unermesslich reich sein werden. Und die anderen arbeitslos. Aber nichts ist an einer so ungerechten gesellschaftlichen Entwicklung schicksalhaft vorbestimmt. Jonathan Aldred ist Direktor of Studies in Ökonomie am Emmanuel College. Außerdem lehrt er als Newton Trust Lecturer am Department of Land Economy der University of Cambridge.
Erstmals existierten mehr Maschinen im Netz als Bewohner der Erde
Rechnende Maschinen können heutzutage nahezu jede Aufgabe übernehmen. Stefan Klein nennt Beispiele: „Computer lenken Autos, handeln Aktien, vergeben Kredite, verkuppeln Singles auf Dating-Portalen. Sie steuern Flugzeuge über den Ozean, versorgen Menschen mit Nachrichten und Unterhaltung, lassen Industrieroboter Waren herstellen, analysieren den Kosmos und die menschlichen Gene.“ Hunderte Milliarden elektronischer Prozessoren verrichten heute weltweit ihre Dienste. Wie viele es genau sind, weiß niemand, so schnell wächst ihre Zahl. Eine vorsichtige Schätzung liefert die Menge der im Internet vergebenen Adressen. Im Jahr 1990 waren im weltweiten Netz ein paar Tausend, im Jahr 2000 an die Hundert Millionen Geräte miteinander verknüpft. Zehn Jahre später waren die Menschen schon in der Unterzahl: Erstmals existierten mehr Maschinen im Netz als Bewohner der Erde. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.
Das Web 2.0 ermöglicht seinen Nutzern eine aktive dynamische Teilhabe
Andrea Römmele schreibt: „Die technischen Möglichkeiten entwickelten sich weiter und so wurde aus dem Web 1.0 das Web 2.0. Erstmalig wurde dieser Begriff 2004 von Dale Dougherty von O´Reilly Media auf einer Konferenz in San Francisco verwendet.“ Er wurde schnell zu einem geflügelten Wort, das die gesamte zweite Generation des World Wide Web beschreibt, die sich durch interaktive und kollaborative Online-Plattformen auszeichnet. Im Vergleich zum eher statischen Charakter des Web 1.0 ermöglicht das Web 2.0 seinen Nutzern eine aktive dynamische Teilhabe. Sie können selbstständig Beiträge erstellen und posten, Beiträge anderer teilen oder kommentieren. Die Nutzer werden so zu „Prosumern“: Der Begriff meint das gleichzeitige Produzieren und Konsumieren von Nachrichten und ist aus Teilen beider Worte zusammengesetzt. Andrea Römmele ist Professorin für Politische Kommunikation und Vizepräsidentin an der Hertie School in Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Demokratie, Wahlen und politische Parteien.
Täglich sterben Hunderte von Organismen aus
Was mit der Vielfalt des Lebens auf diesem Planeten passiert und wie rapide sich dieser Zusammenbruch vollzieht, ist fürchterlich. Philipp Blom ergänzt: „Nicht nur, dass täglich Hunderte von Organismen aussterben, noch bevor sie jemals von Menschen identifiziert wurden. Die rapide Veränderung und Verschlechterung von Lebensräumen führt dazu, dass Schlüsselarten verschwinden, auf denen ganze Ökosysteme aufbauen.“ In manchen Gegenden Europas sind jetzt schon durch Pestizide und Monokulturen achtzig Prozent der Insekten verschwunden. Die Verödung ganzer Landschaften oder Meeresregionen lässt sich in vielen Fällen gar nicht mehr oder nur sehr langsam wieder rückgängig machen. Mikroplastik hat inzwischen nicht nur den tiefsten Grund der Ozeane erreicht, sondern ist auch in menschlichen Hirnen und in Muttermilch gefunden worden. Jede Minute verschwinden dreißig Fußballfelder Regenwald und eine Million Tonnen arktisches Eis. Philipp Blom studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford. Er lebt als Schriftsteller und Historiker in Wien.
Konrad Paul Liessmann entwickelt eine Philosophie der Krise
Konrad Paul Liessmann beschreibt in seinem neuen Buch „Was nun?“ die Omnipräsenz der Krise, die zu einem Merkmal unseres Lebens geworden ist, die uns jedoch vor ein großes Problem stellt: Die Krise ist die Unterbrechung des Alltags, nicht dessen Fortsetzung mit anderen Mitteln. Konrad Paul Liessmann stellt fest: „Eine Krise ist eine plötzlicher Veränderung, ein dramatischer Einschnitt, das Ende einer gewohnten Lebensform, ein Wendepunkt in einem Prozess, ohne dass klar würde, was nun kommen wird.“ Sie ist zudem eine Phase, in der sich die Dinge scheiden. Dass es in jeder Krise zentral um ein Urteil geht, ist bisher vielleicht unterschätzt worden. Damit ist die juristischen Sphäre des Krisenbegriffs berührt. In jeder Krise geht es auch um Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld. Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.
Innovationen sind wie Vorboten einer goldenen Zukunft
Neue Technologien erzeugen nicht nur eine kurze, vergängliche Euphorie, weil sie den Horizont des Bekannten übersteigen. Christian Uhle ergänzt: „Sie sind auch mit ausgesprochenen oder unausgesprochenen Versprechen eines besseren Lebens verbunden. Innovationen glänzen verheißungsvoll, sie sind wie Vorboten einer goldenen Zukunft.“ In Werbespots oder Zukunftsvisionen werden diese Versprechen unmittelbar sichtbar. An anderen Stelle schwingen sie unausgesprochen mit, narrative Tiefenstruktur des sogenannten Fortschritts. Man kann diese Entwicklung besser verstehen und bewusster gestalten, wenn man diesen Treibstoff unter die Lupe nimmt. In seinem Buch „Künstliche Intelligenz und echtes Leben“ geht Christian Uhle einigen dieser Technologieversprechen – und insbesondere solchen eines sinnerfüllten Lebens – nach. Er versucht sie einzuordnen und überlegt, ob sie realistisch sind und wir tatsächlich auf eine bessere Zukunft zusteuern oder ob es leere, trügerische Versprechen sind, die uns an der Nase herumführen. Der Philosoph Christian Uhle hat als Wissenschaftler zu gesellschaftlichen und technologischen Transformationen geforscht.
Die Digitalisierung betrifft uns alle
Christian Uhle betont: „Längst wird deutlich: Digitalisierung ist kein Thema allein für Computerfreaks, sondern betrifft uns alle – ob wir wollen oder nicht. Es ist eine Entwicklung, die unser aller Zukunft prägen wird Ein so weitreichender Prozess sollte wohlüberlegt, gemeinsam und demokratisch gestaltet werden.“ Das Buch „Künstliche Intelligenz“ von Christian Uhle möchte Anregungen geben, wie über Digitalisierung und Künstliche Intelligenz nachgedacht werden kann. Darauf folgt aber nicht unmittelbar, was genau zu tun ist – das muss jeder Mensch selbst entscheiden. Aber wenn man das eigene Leben in der Welt, seine Rolle darin und die Entwicklungen in der Gesellschaft besser versteht, kann dies auch bei der Orientierung im Alltag helfen. Der Philosoph Christian Uhle hat als Wissenschaftler zu gesellschaftlichen und technologischen Transformationen geforscht.
Das Zeitalter des Wissens hat begonnen
Albert Wenger fordert in seinem Buch „Die Welt nach den Kapital“ ein bedingungsloses Grundeinkommen. Dabei handelt es sich um die ökonomische Freiheit, die Menschen von ihren existenziellen Zwängen befreit. Nur so können sie frei über ihre Aufmerksamkeit verfügen und diese in Freundschaften und Familie, in die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen sowie in die Schaffung von Innovationen investieren. Die Informationsfreiheit gewährleistet einen ungehinderten Zugang zu Wissen und damit dessen Weiterentwicklung. Sie erfordert ein Recht auf programmatische Interaktion mit Informationssystemen. Die psychologische Freiheit befähigt Menschen, in einer von Informationsüberflutung und algorithmischer Manipulation geprägten Welt rational zu denken und zu handeln. Diese drei Freiheiten verstärken sich gegenseitig. Und sie ermöglichen ein Wissenszeitalter, in dem nicht mehr das Kapital, sondern Aufmerksamkeit die wichtigste Ressource darstellt. Albert Wenger ist ein weltweit beachteter Investor.
Jede Generation ist von ihrer Einzigartigkeit überzeugt
Kann man überhaupt noch hoffen in dieser Zeit? Man fürchtet sich vor Dingen, vor denen man sich fürchten sollte, die jegliches menschliches Maß übersteigen. Philipp Blom ergänzt: „Wir leben in einer Zeit, in der eine Ordnung zusammenbricht und eine neue noch nicht entstanden ist und vielleicht sobald nicht entstehen wird.“ Jede Generation glaubt von sich, einzigartig zu sein und vor dem Ende der Welt zu stehen, vor der Apokalypse. Schon immer liefen Propheten herum, die so etwas predigten – aber diesmal ist es wahr. Anscheinend fühlen wir uns jedoch in der Kommunikation miteinander zum Optimismus verpflichtet und wollen uns auch angesichts der schrecklichsten Neuigkeiten gerne noch an einem Silberstreif am Horizont erfreuen. Philipp Blom studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford. Er lebt als Schriftsteller und Historiker in Wien.
Big Data begreift seine Ergebnisse nicht
Big Data stellt ein rudimentäres Wissen zur Verfügung. Es bleibt auf Korrelationen und Mustererkennungen beschränkt, in denen jedoch nichts begriffen wird. Der Begriff bildet eine Ganzheit, die ihre Momente in sich einschließt und einbegreift. Byung-Chul Han erklärt: „Die Ganzheit ist eine Schlussform. Der Begriff ist ein Schluss. Alles Vernünftige ist ein Schluss. Big Data ist additiv. Das Additive bildet keine Ganzheit, keinen Schluss. Ihm fehlt der Begriff, nämlich der Griff, der Teile zu einer Ganzheit zusammenschließt.“ Künstliche Intelligenz erreicht nie die Begriffsebene des Wissens. Sie begreift nicht die Ergebnisse, die sich berechnet. Das Rechnen unterscheidet sich vom Denken dadurch, dass es sich keine Begriffe bildet und nicht von einem Schluss zum nächsten voranschreitet. Die Bücher des Philosophen Byung-Chul Han wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Christian Uhle denkt über Künstliche Intelligenz und Digitalisierung nach
Christian Uhle nimmt in seinem neuen Buch „Künstliche Intelligenz und wahres Leben“ fünf Versprechen unter die Lupe, die häufig mit Technologien der Künstlichen Intelligenz (KI) verknüpft werden. Erstens: Endlich mehr Zeit für dich. Zweitens: Du bist nicht allein. Drittens: Dein neuer Freund und Helfer. Viertens: Die Welt ist dir zu Diensten. Fünftens: Sinn statt Hamsterrad. Längst wird deutlich: Digitalisierung ist kein Thema allein für Computerfreaks, sondern betrifft uns alle – ob wir wollen oder nicht. So ein weitreichender Prozess sollte wohlüberlegt, gemeinsam und demokratisch gestaltet werden. In seinem Buch „Künstliche Intelligenz und wahres Leben möchte Christian Uhle Anregungen geben, wie über Digitalisierung und Künstliche Intelligenz nachgedacht werden kann. Der Philosoph Christian Uhle hat als Wissenschaftler zu gesellschaftlichen und technologischen Transformationen geforscht.
Die Digitalisierung greift tief in das Leben jeden Einzelnen ein
Andrea Römmele betont: „Die Digitalisierung hat die Welt fundamental verändert. Sie greift tief in das Leben jedes Einzelnen von uns ein. Sie ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie bestimmt, wie wir arbeiten, und sie prägt unser Verhältnis zum Staat und seinen Institutionen.“ Der Begriff Digitalisierung umfasst unterschiedliche Phänomene, die sich aus der technischen und technologischen Entwicklung im Umfeld von Computern und Datennetzen ergeben. Im Kern versteht man unter Digitalisierung die Umwandlung analoger Informationen in verschiedene digitale Formate. Häufig wird unter Digitalisierung nur der technologische Aspekt des digitalen Wandels verstanden, das ist jedoch eine verkürzte Sichtweise. Andrea Römmele ist Professorin für Politische Kommunikation und Vizepräsidentin an der Hertie School in Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Demokratie, Wahlen und politische Parteien.
Big Data und KI vergrößern die Marktmacht von Facebook und Co.
Big Data und Künstliche Intelligenz (KI) beschwören das Schreckgespenst einer noch größeren Zunahme von Marktmacht herauf. Denn Unternehmen wie Amazon, Google und Facebook können riesige Datenmengen über jeden einzelnen User zusammentragen. Joseph Stiglitz stellt fest: „Die Befürworter von Big Data behaupten, mithilfe dieses Ansatzes ließen sich Produkte entwerfen, die besser auf die Kundenbedürfnisse zugeschnitten seien. Es besteht auch die Hoffnung, dass die bereitgestellten Informationen langfristig eine maßgeschneiderte medizinische Versorgung ermöglichen werden.“ Die Suchmaschinenbetreiber erklären, die Daten erlaubten ihnen zielgerichtetere Werbung, sodass Verbraucher eher für sie nützliche Informationen erhielten. Dies sind die positiven Möglichkeiten von Big Data. Aber die marktbeherrschenden Unternehmen können diese Daten mithilfe von KI auch in einer Weise nutzen, die ihre Marktmacht und ihre Gewinne auf Kosten von Verbrauchern erhöht. Joseph Stiglitz war Professor für Volkswirtschaft in Yale, Princeton, Oxford und Stanford. Er wurde 2001 mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet.
Die Künstliche Intelligenz stellt das kapitalistische Selbstverständnis infrage
„Aber wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Friedrich Hölderlins Spruch könnte sich in diesem Fall an der zunehmenden Verweigerung, nur tätig zu sein um des Tätigsein willens, bewahrheiten. Lisz Hirn stellt fest: „Diese zunehmende Verweigerung der jüngeren Generation ist der ultimative Widerstand gegen ein System des endlosen Ver- und Missbrauchens, das zwangsläufig ruhelos und zerstörerisch sein muss.“ Höchstwahrscheinlich wird die künstliche Intelligenz das kapitalistische Selbstverständnis weiter infrage stellen, indem ihre Auswirkungen vielleicht zu einer Revolte gegen sinnlose Arbeit per se oder auch gegen den Wert des Menschen, der sich durch seine Arbeit bemisst, führen. Viele Menschen haben den Zweck der Arbeit aus dem Blick verloren. Lisz Hirn arbeitet als Publizistin und Philosophin in der Jugend- und Erwachsenenbildung, unter anderem am Universitätslehrgang „Philosophische Praxis“.
Andrea Römmele fordert mehr Zukunftsmut
In einer Demokratie können die Bürger die Zukunft mitgestalten. Denn in der Regel kündigen sich große politische, ökonomische oder gesellschaftliche Veränderungen an. Sie vollziehen sich prozesshaft und langsam. Viele akute Krisen und disruptive Ereignisse sind nur die sichtbare Folge eines schon lang andauernden Trends, den die Wissenschaft schon früh vorgezeichnet hat. Diese Trends gilt es zu verstehen, zu durchdenken und mögliche Konsequenzen daraus abzuleiten. Das ist der Ausgangspunkt des neuen Buchs „Demokratie neu denken“ von Andrea Römmele. Deutschland, Europa und die Welt stehen an der Schwelle zu einer neuen Ära. Das Zeitalter westlicher Vorherrschaft geht zu Ende. Rechtspopulistische Parteien fordern die Demokratien heraus. Andrea Römmele ist Professorin für Politische Kommunikation und Vizepräsidentin an. der Hertie School in Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Demokratie, Wahlen und politische Parteien.
Der Informationsfluss hat die Menschheit und die Welt geformt
Das neue Buch „Nexus“ von Yuval Noah Harari erzählt, wie der Informationsfluss die Menschheit und die Welt geformt hat. Die Geschichte beginnt in der Steinzeit, berichtet über die Erfindung des Buchdrucks und dem Aufstieg der Massenmedien sowie dem Wiederaufleben des Populismus in der Gegenwart. Zugleich steht die Menschheit heutzutage am Rande eines ökologischen Zusammenbruchs, verschuldet durch den Missbrauch der eigenen Macht. Yuval Noah Harari warnt: „Wir entwickeln neue Technologien wie die künstliche Intelligenz (KI), die das Potenzial haben, sich unserer Kontrolle zu entziehen und uns zu versklaven oder gar zu vernichten.“ Doch die Menschheit tut sich nicht etwa zusammen, um diesen Bedrohungen geschlossen entgegenzutreten, sondern die internationalen Spannungen nehmen zu. Der Historiker, Philosoph und Autor von einigen Weltbestsellern Yuval Noah Harari zählt zu den einflussreichsten Intellektuellen weltweit.
Die Künstliche Intelligenz kann den Menschen besiegen
Silicon Valley und die damit verbundenen technologischen Fortschritte sind zu einem Symbol der Innovationskraft und des dynamischen Unternehmertums in den USA geworden. Joseph Stiglitz stellt fest: „Legendäre Persönlichkeiten wie Steve Jobs und Mark Zuckerberg brachten Verbrauchern auf der ganzen Welt bahnbrechende neue Produkte.“ Diese erfreuen sich äußerst großer Beliebtheit und ermöglichen es den Menschen, sich besser untereinander zu vernetzen. Intel stellt Chips her, die Produkte schneller „denken“ lassen als die leistungsfähigsten menschlichen Gehirne. Künstliche Intelligenz (KI) kann Menschen heute nicht nur in „einfachen“ Spielen wie Schach schlagen. Sondern sie gewinnt auch in komplexen wie Go, wo die Anzahl der möglichen Spielzüge größer ist als die der Atome im Universum. Joseph Stiglitz war Professor für Volkswirtschaft in Yale, Princeton, Oxford und Stanford. Er wurde 2001 mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet.
Künstliche Intelligenz ist unfähig zum Denken
Die Geschichte der Philosophie ist Martin Heidegger zufolge eine Geschichte der Grundstimmung. Byung-Chul Han fügt hinzu: „Das Denken von René Descartes etwa ist bestimmt vom Zweifel, während das Staunen Platons Denken durchstimmt. Dem „cogito“ von René Descartes liegt die Grundstimmung des Zweifels zugrunde.“ Martin Heidegger zeichnet das Stimmungsbild der neuzeitlichen Philosophie wie folgt: „Ihm [Descartes] wird der Zweifel zu derjenigen Stimmung, in der die Gestimmtheit auf das ens certum, das in Gewissheit Seiende, schwingt.“ Die Stimmung der Zuversicht in die jederzeit erreichbare Gewissheit der Erkenntnis bleibt für Martin Heidegger das pathos und somit die arché der neuzeitlichen Philosophie. Künstliche Intelligenz dagegen hat keine Zugang zu Horizonten, die eher geahnt werden als klar umrissen sind. Die Bücher des Philosophen Byung-Chul Han wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Die Künstliche Intelligenz kann nicht denken
Das Denken ist auf der tieferen Ebene ein dezidiert analoger Vorgang. Bevor es die Welt in Begriffen fasst, ist es von ihr ergriffen, ja affiziert. Byung-Chul Han ergänzt: „Das Affektive ist wesentlich für das menschliche Denken. Das erste Denkbild ist die Gänsehaut. Künstliche Intelligenz (KI) kann schon deshalb nicht denken, weil sie keine Gänsehaut bekommt.“ Ihr fehlt die affektiv-analoge Dimension, die Ergriffenheit, die von Daten und Informationen nicht eingeholt werden kann. Das Denken geht von einer Ganzheit aus, die den Begriffen, Vorstellungen und Informationen vorgelagert ist. Es bewegt sich bereits in einem „Erfahrungsfeld“, bevor es sich den in diesem vorkommenden Gegenständen und Tatsachen eigens zuwendet. Das Seiende im Ganzen, dem das Denken gilt, ist zunächst in einem affektiven Medium wie Stimmung erschlossen. Die Bücher des Philosophen Byung-Chul Han wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
Die Politik muss für das Wohlgefühl der Bürger sorgen
Das Potenzial, mithilfe abstrakter Vorstellungen gemeinsame Ziele und Perspektiven zu entwickeln und dadurch Verbundenheit und Identität zu fördern, besitzt auch die Politik. Hans-Otto Thomashoff kritisiert: „Aber sie lässt es bei uns seit Jahrzehnten weitgehend ungenutzt.“ Dabei kann Politik Hoffnungen wecken, Visionen, für die die Menschen bereit sind, sich einzubringen. Was als Idee beginnt, kann, einmal entfacht, zu einer Neugestaltung gesellschaftlichen Miteinanders werden, zu einer Revolution – im Guten wie im Schlechten. Eine zukunftsorientierte Politik sollte bewusst und gezielt an der Weiterentwicklung der Gesellschaft arbeiten. Hierzu muss sie Anstoß geben zum Fantasieren, zum Diskutieren und zum konkreten Umsetzen. Sie sollte berücksichtigen, was Menschen brauchen, um sich im Leben wohlzufühlen. Und das ist eben mehr als nur die Absicherung der wirtschaftlichen Existenz. Hans-Otto Thomashoff ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse in eigener Praxis in Wien.
Künstliche Intelligenz hat keine Intuitionen
Schon Dreijährige begreifen, dass Menschen im Gegensatz zu Objekten Absichten und Wünsche haben. Die schließen intuitiv aus Blicken, Körperbewegungen oder Tonfällen auf die Absichten anderer Menschen. Gerd Gigerenzer weiß: „Die Fähigkeit, anderen Menschen Absichten zuzuschreiben, bezeichnet man auch als Theorie des Geistes (Theorie of Mind).“ Sie trägt beispielsweise zum sicheren Fahren im Straßenverkehr bei. Wenn ein Kind an der Bordsteinkante einer vielbefahrenen Straße steht, können menschliche Fahrer in einem Sekundenbruchteil erkennen, ob das Kind die Absicht hat, auf die Straße zu laufen oder nicht. Wenn das Kind einen Ball auf der anderen Straßenseite im Blick hat, könnte das sehr wohl passieren. Blickt das Kind dagegen eine Frau direkt neben sich an, ist das unwahrscheinlich. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gerd Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.
Gut zu sein macht unter allen Umständen glücklich
Rebekka glaubt nicht, dass es schwer ist, gut zu sein. Und zu bleiben. Wie das funktioniert beschreibt sie in ihrem neuen Buch „Die Kunst gut zu sein“. Gut zu sein ist ihrer Meinung nach eine Haltung, eine Entscheidung, die immer und unter allen Umständen glücklich macht. Nämlich erstens diejenigen, die das Gute empfangen und zweitens jene, die es geben. Rebekka Reinhard schreibt: „Es beginnt mit einem Lächeln, das anderen signalisiert: Da ist jemand, der mich sieht. Als Mensch sieht.“ Ihr Buch soll Mut und Lust aufs Gutsein machen. „Die Kunst gut zu sein“ ist eine Einladung zur simplen Menschlichkeit, die man zu oft vergisst, weil ständig ein Termin, ein Konflikt, eine Zerstreuung dazwischenkommt. Rebekka Reinhard ist Chefredakteurin des Magazins „human“ über Mensch und KI. Unter anderem ist sie bekannt durch den Podcast „Was sagen Sie dazu?“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft wbg.