Ohne Wohlstand funktioniert keine Demokratie

Der deutsch-amerikanische Politikwissenschaftler Yascha Mounk sieht einen klaren Zusammenhang zwischen der Existenz von liberalen Demokratien und Wohlstand oder, genauer gesagt, steigendem Wohlstand. Philipp Blom ergänzt: „Tatsächlich gründen funktionierende Demokratien auf weit aufgefächerten Strukturen, auf Parlamenten, Gerichten, Schulen, Universitäten, Infrastruktur, Landesverteidigung.“ Ohne Wohlstand kann nichts von alledem gewährleistet werden. Gerade der strukturelle Zusammenbruch der westeuropäischen und US-amerikanischen Parteienlandschaft und die dort weit verbreitete Verbitterung zeigen, dass Wohlstand augenscheinlich nicht ausreicht. Denn trotz der immer weiter aufklaffenden Einkommensschere und der manifesten wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten sind die Gesellschaften der reichen Welt heute wohlhabender als je zuvor in ihrer Geschichte. Ein typischer amerikanischer oder europäischer Haushalt ist heute fünfmal so reich wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Philipp Blom studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford und lebt als Schriftsteller und Historiker in Wien.

Das Geschäftsmodell der westlichen Länder ist bankrott

Demokratie bedeutet die Entmachtung des Einzelnen und von Gruppen. Um sich darauf einzulassen, braucht man Vertrauen, denn wer anderen wirklich misstraut, will kein Gleichgewicht der Kräfte, sondern die Macht. Nur wer daran glaubt, dass sich die anderen an die vereinbarten Spielregeln halten werden, wird bereit sein, Kontrolle aufzugeben. Vertrauen beruht auf Empathie, auf Gemeinsamkeit, Lesbarkeit, geteilten Hoffnungen. Eine Gesellschaft, deren oberste Priorität Statuserhalt ist und die Zukunft eher verhindern als gestalten will, kann so eine Hoffnung aber nicht bieten.

Hier zeigen sich weitere potenziell katastrophale Probleme des bankrotten Geschäftsmodells der westlichen Länder. Das erste ist materieller und wissenschaftlicher Art: Ökonomien, die nur durch unaufhaltsames Wachstum weiterbestehen können, verbrauchen, verschmutzen und zerstören zu schnell zu viel und reagieren strukturell viel zu langsam auf den Transformationsdruck durch Erderwärmung und Digitalisierung. Das zweite Problem ist philosophischer oder anthropologischer Natur: Gesellschaftlicher Zusammenhalt und friedliche, solidarische Veränderungen bedürfen einer Perspektive, eines gemeinsamen Projekts, einer Art Hoffnung.

Der reiche Westen muss seinen obsessiven Konsum aufgeben

Eine radikale Transformation weg von fossilen Energieträgern und unersetzbaren Rohstoffen, weg von Müllbergen und dem obsessiven Konsum, der sie verursacht, ist eine gigantische Herausforderung der reichen Welt. Im gegenwärtigen Kontext ist es aber wichtig, dass eine solche Veränderung auch ein demokratisches Mandat bekommen müsste, was die Herausforderung um ein Vielfaches vergrößert. Philipp Blom kritisiert: „Die demokratische Debatte über eine derart tief in alle Lebensbereiche eingreifende Transformation hat noch nicht einmal begonnen.“

Jede Gesellschaft braucht eine Art von Transzendenz. Während der Nachkriegszeit ersetzte der transformative Konsum nach und nach andere Formen der Transzendenz wie Ideologien oder Religionen. Der große Vorteil des reichen Westens ist in gewisser Hinsicht auch sein Fluch: Es geht vielen Menschen einfach noch zu gut, als dass sie sich auf einschneidende Veränderungen einlassen würden, durch die sie Einschränkungen hinnehmen müssen. Sie sehen keine Veranlassung oder leugnen sie, sie interessieren sich nicht weiter dafür, oder sie akzeptieren die Gründe und die Notwendigkeit etwas zu tun, nur bitte nicht jetzt, nicht hier, nicht persönlich. Quelle: „Was auf dem Spiel steht“ von Phillip Blom

Von Hans Klumbies

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