Seit Ende 2022 ist die Künstliche Intelligenz plötzlich in aller Munde

In den ersten Jahrzehnten der KI-Forschung lag der Schwerpunkt auf grundlegenden Algorithmen, auf symbolischer Logik und Expertensystemen. Andrea Römmele ergänzt: „Mit dem Aufkommen leistungsstarker Computer und der digitalen Verfügbarkeit großer Datenmengen begann die KI-Forschung, von datengetriebenen Ansätzen zu profitieren.“ Maschinelles Lernen, insbesondere Deep-Learning, ermöglichte es algorithmischen Systemen, Muster und komplexe Zusammenhänge in großen Datensätzen zu erkennen und von diesen zu lernen, um Vorhersagen zu treffen oder um ähnliche Daten, Bilder oder Texte zu generieren. Seit Ende 2022 ist KI plötzlich in aller Munde. So wie das iPhone die Digitalisierung und Vernetzung der Welt auf einen Schlag „sichtbar“ machte und den Übergang vom Web 1.0 zum Web 2.0 markierte, brachte ChatGPT eine breiten Öffentlichkeit Künstliche Intelligenz (KI) näher. Andrea Römmele ist Professorin für Politische Kommunikation und Vizepräsidentin an der Hertie School in Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Demokratie, Wahlen und politische Parteien.

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Alle Lügen ziehen früher oder später Konsequenzen nach sich

Manchmal wird man seinen innersten Gedanken und Gefühlen gefragt und schafft es einfach nicht die Wahrheit zu sagen. Thomas Erikson erklärt: „Es tut zu sehr weh, manche Dinge einzugestehen, also bluffen wir und hoffen, dass wir damit durchkommen.“ Lügen sind zweischneidige Schwerter. Manchmal werden sie vorgebracht, um zu schützen und vorübergehende Zuflucht vor der möglicherweise brutalen Wahrheit zu suchen. Doch in anderen Fällen entspringen sie Gewinnstreben, Eifersucht oder der Absicht zu manipulieren. Die meisten Lügen werden zugegebenermaßen nicht aus Böswilligkeit geboren, doch alle Lügen ziehen früher oder später Konsequenzen nach sich. Es gab einmal eine Zeit, da verließ man sich im Allgemeinen auf das, was in der Zeitung stand – doch das ist lange her. Thomas Erikson ist ein schwedischer Verhaltensexperte, international gefragter Vortragsredner, Leadership-Coach und Buchautor.

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Für alle Menschen ist ungehinderter Zugang zum Wissen möglich

Einigen Menschen kam der Aufbruch in das digitale Zeitalter wie die Französische Revolution von 1789 vor, nur ohne Blut. Gerd Gigerenzer ergänzt: „Anderen wie das Jahr 1989, als die Bevölkerung der DDR ein Regime stürzte, das die Medien kontrollierte und seine Bürger überwachte. Zwanzig Jahre später, als eine Welle von Demonstrationen den Nahen Osten und Nordafrika überzog, begannen die sozialen Medien tatsächlich eine wichtige Rolle bei der Koordination der öffentlichen Proteste zu spielen.“ Der Arabische Frühling entfachte eine neue Begeisterung für die befreienden Kräfte des Internets. Jeder kann alles wissen. Geheimnis ist ein Wort, das der Vergangenheit angehört. Für alle Menschen ist ungehinderter Zugang zum Wissen möglich. Gerd Gigerenzer ist ein weltweit renommierter Psychologe. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.

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Die Technik ist eine Erweiterung des Ichs

Maschinen scheinen den Menschen in seiner Einzigartigkeit zu bedrohen. Lisz Hirn erläutert: „Ihre fortschreitende Evolution verändert nicht nur das menschliche Tier, sondern vor allem seine Beziehung zur Welt.“ In Martin Bubers Dialogphilosophie konkretisiert sich das „Du“ als Ausgangspunkt der Welterschließung, der seit René Descartes beinahe unhinterfragt das „Ich“ gewesen war. „Ich denke, also bin ich“ als narzisstische Spielerei einer beginnenden Aufklärung, die schließlich in der Betonung der technischen Denkmodelle kumuliert. Aber nicht nur deshalb, wie manche behaupten, weil wir in einer Gesellschaft leben, die den Narzissmus in Form der Selbstsorge nicht nur befördert, ihn sogar verlangt, sondern weil die Technik genau das ist: eine Erweiterung des Ichs. Lisz Hirn arbeitet als Publizistin und Philosophin in der Jugend- und Erwachsenenbildung, unter anderem am Universitätslehrgang „Philosophische Praxis“.

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Bei der Begegnung mit der Liebe sollte man mit dem Zufall rechnen

Wer in der Überzeugung handelt, seine Wünsche der Welt aufzwingen zu können, irrt sich gewaltig: er unterschätzt den Widerstand der Wirklichkeit und vergisst, dass er sich im Hinblick auf die eigenen Wünsche irren kann. Charles Pépin rät: „Gehen wir hinaus. Handeln wir in der Welt. Nicht in der verrückten Hoffnung, unseren Willen der Wirklichkeit zu oktroyieren, sondern um auszuprobieren. Ich gehe los – und sehe.“ Dabei entdeckt man, was möglich ist; man wird sich darüber im Klaren, was man wirklich wünscht. „Liebe ohne Zufall!“ versprach vor ein paar Jahren ein Werbeslogan der Singlebörse Meetic. Ein erstaunliches Programm – und allemal trügerisch. Um der Liebe zu begegnen, sollten wir besser mit dem Zufall rechnen, mit ihm spielen, ihn herausfordern, ihn zum Verbündeten machen, statt zu versuchen, ihn abzuwenden. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

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Die heutigen Textgeneratoren können fast alles

Warum sollen Journalisten noch über das Fußballspiel am Wochenende berichten? Bereits heute sammelt man nahezu alle verfügbaren Daten. Subjektive Nuancen mögen eine persönliche Note geben. Aber mit den raffinierten heutigen Textgeneratoren lässt sich alles erstellen. Anders Indset erklärt: „Bots, Maschinen, Algorithmen, wie auch immer wir sie nennen wollen, besitzen bereits ein nahezu perfektes Wissen über jedes Spiel. Über Sportart und Regeln ebenso.“ Eine Berichterstattung eines Reporters über ein Sportereignis vom selben Tag setzt Jahre, wenn nicht Jahrzehnte Training und Erfahrung voraus. Bei der Maschine sieht es aber anders aus. Wenn das letzte Update eingespielt ist, kommen Text und Fakten zusammen. Sofort nach Spielende entsteht der erste dynamische Bericht, den man fortlaufend verbessern kann. Anders Indset, gebürtiger Norweger, ist Philosoph, Publizist und erfolgreicher Unternehmer.

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Das Denken verbindet das Subjekt mit dem Objekt

Das Denken ist eine wirkliche, objektiv existierende Schnittstelle, die Subjekt und Objekt verbindet. Der Mensch verfügt über einen besonders ausgebildeten Denksinn. Mittels dessen kann er sich in der Wirklichkeit der Gedanken umschauen. Denken ist selber etwas Wirkliches. Markus Gabriel stellt fest: „Weder die Flügel unserer Einbildungskraft noch unsere modernen Simulationen, die uns virtuelle Realitäten erleben lassen, reichen hin, um der Wirklichkeit wirklich zu entfliehen.“ Der Neue Realismus richtet sich gegen die heutige Entfremdung von der Wirklichkeit. Denn die Wirklichkeit ist niemals zur Science-Fiction geworden – und verschwunden ist sie schon gar nicht. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

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Manche Menschen sprechen mit Pflanzen

Für Menschen, die mit Pflanzen sprechen, wie Prinz Charles es angeblich tut, muss man eine besondere Schwäche haben. Man muss anerkennen, dass Gespräche mit Pflanzen nicht nur die Anerkennung wertvoller Formen nichtmenschlichen Lebens bedeuten. Sondern man muss auch den Respekt für die Idee würdigen, dass gute Pflege, ob tatsächlich oder poetisch in Form freundlicher Worte, für das Leben nichtmenschlicher Lebewesen etwas bedeutet. Das ist ein wahrhaft liebenswürdiger Gedanke. Antonio Damasio hat keine Ahnung, ob Prinz Charles wirklich etwas über Botanik im Besonderen oder über Biologie im Allgemeinen weiß. Aber es gibt für ihn viele Gründe, Pflanzen zu respektieren und zu lieben. Antonio Damasio ist Dornsife Professor für Neurologie, Psychologie und Philosophie und Direktor des Brain and Creativity Institute an der University of Southern California.

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Die Werbung im Netz ist perfekt auf den Einzelnen abgestimmt

Die permanente digitale Kommunikation greift tief in den Gefühlshaushalt der Menschen ein. Ulrich Grober erklärt: „Wir vertrauen unser Erleben, vor allem unsere WOW-Momente, sozialen Medien an. Wir nutzen sie, sie nutzen uns. Sie bieten uns, scheinbar umsonst, eine Plattform für alle Äußerungen, die wir senden möchten.“ Umgekehrt machen sie die Menschen zum Empfänger von perfekt auf jeden Einzelnen abgestimmten Werbebotschaften. Jede Sekunde im Netz macht einen dafür empfänglich. Ja, man hat die Freiheit, sich ihren Botschaften zu verweigern. Aber das ist gar nicht so einfach. „Wir sind programmiert durch das, was unsere Zuschauer sehen wollen“, sagte Netflix-Gründer Reed Hastings. Er fügt hinzu: „Wir liefern etwas ab, was in einem Moment Hunderte Millionen Menschen gucken können.“ Den Publizisten und Buchautor Ulrich Grober beschäftigt die Verknüpfung von kulturellem Erbe und Zukunftsvisionen.

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Künstliche Intelligenz kann Entscheidungen verbessern

Wenn Entscheidungen zu treffen sind, verwenden Experten meist weniger Informationen als Neulinge. Denn sie wissen, was relevant ist und ignorieren den Rest. Wenn einige Aspekte wichtiger sind als andere, halten sich Experten vorrangig an diese Merkmale und stützen ihre Entscheidung unter Umständen nur auf den wichtigsten Aspekt. Gerd Gigerenzers Forschungsteam hat diese Intuitionen in einfache Algorithmen programmiert, die effiziente Entscheidungsbäume heißen. Der Name bringt ihre rasche und ökonomische Logik zum Ausdruck. Gerd Gigerenzer weiß: „Psychologische Künstliche Intelligenz (KI) kann, wie im Fall von effizienten Entscheidungsbäumen, menschliche Entscheidungen fördern und verbessern.“ Im Gegensatz zu vielen komplexen Algorithmen ist psychologische KI transparent, was ihren Nutzern ermöglicht, einen Algorithmus zu verstehen und ihn an veränderte Situationen anzupassen. Gerd Gigerenzer ist ein weltweit renommierter Psychologe. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.

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Lügen sind von Fakten schwer zu unterscheiden

Die alten Printmedien und Sendeanstalten öffneten den Raum für ein homogenes nationales Gespräch. Anne Applebaum kritisiert: „In vielen Demokratien gibt es heute keine gemeinsame Debatte mehr, von einer gemeinsamen Erzählung ganz zu schweigen.“ Menschen hatten immer unterschiedliche Ansichten. Heute haben sie unterschiedliche Tatsachen. In einer Informationssphäre ohne politische, kulturelle oder moralische Autorität ist es schwer, Verschwörungstheorien von Fakten zu unterscheiden. Falsche, parteiliche und oftmals bewusst irreführende Erzählungen verbreiten sich heute wie digitale Lauffeuer. Und die Lügenkaskaden sind zu schnell, als das Faktenchecker noch mithalten könnten. Und selbst wenn sie es könnten, spielt das keine Rolle mehr. Viele Menschen würden niemals eine Website von Faktenchecker besuchen, und wenn doch, dann würden sie ihnen keinen Glauben schenken. Anne Applebaum ist Historikerin und Journalistin. Sie arbeitet als Senior Fellow an der School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University.

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Die Flut von Informationen betäubt

Anders Indset stellt fest: „Wir sind Gefangene unserer eigenen Freiheit. In einer Flut von scheinbar essenziellen Informationen, die uns „kostenfrei“ zur Verfügung stehen. Wann immer und wo immer wir wollen.“ Ein weiteres Fenster öffnen, und noch eins, man darf ja nichts verpassen. Speichern für später kann man auch, ein Lesezeichen setzen, eine neue Liste erstellen oder sich selbst eine Nachricht für später schicken. Nichts darf untergehen, alles ist heute wichtig. Sogar die traditionellen Medienhäuser haben den „Zugang“ für sich entdeckt. Zugang zu was? … Connected eben. Über fremde Kanäle, als Videoformat versteht sich. Außerdem gibt es noch die Möglichkeit, mehrere Bildschirme zu verwenden. Unterhaltung und Konsumscreens laufen durch. Wache Zeit heißt für viele User konsumieren und optimieren. Anders Indset, gebürtiger Norweger, ist Philosoph, Publizist und erfolgreicher Unternehmer.

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Narrationen stiften Sinn und Zusammenhang

Addition und Kumulation verdrängen Narrationen. Byung-Chul Han erläutert: „Die sich über weite Zeiträume erstreckende narrative Kontinuität zeichnet Geschichte und Erinnerung aus. Erst Narrationen stiften Sinn und Zusammenhang.“ Die digitale, das heißt numerische Ordnung ist ohne Geschichte und Erinnerung. So fragmentiert sie das Leben. Der Mensch als sich optimierendes, sich neu erfindendes Projekt erhebt sich über die „Geworfenheit“. Martin Heideggers Idee der „Faktizität“ besteht darin, dass die menschliche Existenz auf dem Unverfügbaren gründet. Heideggers „Sein“ ist ein anderer Name für das Unverfügbare. „Geworfenheit“ und „Faktizität“ gehören zur terranen Ordnung. Die digitale Ordnung defaktifiziert die menschliche Existenz. Sie akzeptiert keinen unverfügbaren Seinsgrund. Ihre Devise lautet: „Sein ist Information“. Das Sein ist somit ganz verfüg- und steuerbar. Die Bücher des Philosophen Byung-Chul Han wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

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Die digitale Welt bietet Chancen und Risiken

In seinem neuen Buch „Klick“ beschreibt der Psychologe und Risikoforscher Gerd Gigerenzer anhand vieler konkreter Beispiele, wie Menschen die Chancen und Risiken der digitalen Welt für ihr Leben richtig einschätzen können. Dabei geht es auch um die Frage, wie man sich am besten vor den Verlockungen sozialer Medien schützen kann. In den letzten Jahren hat Gerd Gigerenzer bei vielen populärwissenschaftlichen Veranstaltungen über Künstliche Intelligenz (KI) gesprochen. Dabei war er immer wieder überrascht, wie verbreitet das bedingungslose Vertrauen in komplexe Algorithmen zu sein scheint. Wenn man Menschen durch Software ersetze, könne man die Welt besser und angenehmer machen, versicherten die Tech-Vertreter den Zuhörern. Gerd Gigerenzer ist ein weltweit renommierter Psychologe. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.

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Das Zauberwort der Aufklärung war Vernunft

Der Mensch des 21. Jahrhunderts glaubt an die Macht der Vernunft, Wissenschaft und Objektivität. Er will das Chaos ordnen und Licht ins Dunkel bringen. Lang ist der Arm Immanuel Kants (1724 – 1804) und der Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Rebekka Reinhard konkretisiert: „Immanuel Kant stiftete einst zum selbstständigen Vernunftgebrauch an, zum Hinterfragen überkommener Theorien, Dogmen und Autoritäten.“ Die Freiheit, von der Vernunft öffentlich Gebrauch zu machen, auf die der Philosoph so großen Wert legte, liegt auch heute voll im Trend. Als Immanuel Kant zum Selbstdenken ermutigte, dachte er natürlich nicht an Stammtische oder Facebook-Gruppen, wo jedes „Wir“ andere Probleme und Lösungen durchnudelt. Er hatte vielmehr eine „Weltbürgerschaft“ freier, gleicher, brüderlich gesinnter Geistesmenschen mit Spaß am offenen Meinungsaustausch im Sinn. Die Philosophin Rebekka Reinhard ist seit 2019 stellvertretende Chefredakteurin des Magazins „Hohe Luft“.

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Die Idee der Technik entstand in Griechenland

Der Funktionalismus ist ein unglückliches Erbe der altgriechischen, von Platon und Aristoteles höchstpersönlich eingeführten Idee der Technik. Markus Gabriel erläutert: „Platon und Aristoteles bezeichnen diejenigen Funktionen, die zwei physikalisch verschiedene Dinge zu Dingen derselben Art machen, als Idee.“ Was man heute als Funktion bezeichnet, entspricht einer abgespeckten Version der platonisch-aristotelischen Idee. Aristoteles hat die Überlegung dahingehend konkretisiert, dass er den Begriff einer Funktion, eines telos, entwickelt hat. Er unterfüttert ihn mit der Lehre von den vier Ursachen. Die Technik ist heutzutage die Realisierung von Ideen, durch die man Dinge produziert, die nicht schon von Natur aus da waren. Seit 2009 hat Markus Gabriel den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne und ist dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

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Die moderne Welt überfordert den Menschen

Der Mensch vertraut der Technologie nicht nur, weil sie so gut funktioniert, sondern auch, weil er sie nicht versteht. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als ihr zu vertrauen. Rebekka Reinhard fügt hinzu: „Sowenig er aber auch die Technologie versteht, die natürliche Welt überfordert ihn gleichermaßen. Sobald er ein elektronisches Gerät in Händen hält, kommt sie ihm vor wie ein Fremdkörper.“ Denn die Welt bietet ihm eine Fülle möglicher Entscheidungen, ohne ihm die passende Anwendung mitzuliefern. Sie sagt ihm nicht, welche Option die richtige ist. Die Benutzeroberfläche der modernen Welt ist viel unübersichtlicher als die des antiken Mythos. Seither haben sich die Optionen, was man trinken, essen, leben kann, vertausendfacht. Die Philosophin Rebekka Reinhard ist seit 2019 stellvertretende Chefredakteurin des Magazins „Hohe Luft“.

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Das Computernetz wird singularisiert

Im digitalen Computernetz werden nicht nur Subjekte, sondern auch Objekte und Dinge singularisiert. Und zwar auf zwei Wegen. Entweder geschieht das maschinell-algorithmisch oder durch die Subjekte mit Hilfe der digitalen Instrumente. Andreas Reckwitz erläutert: „Das wichtigste Beispiel für den ersten Weg ist das, was häufig unter der Überschrift >Personalisierung des Internets< verhandelt wird. Der zweite Weg ergibt sich vor allem als ein Effekt der Handhabung der Software, der >Softwarisierung< der Objekte.“ Im ersten Fall handelt es sich bei den Objekten um das Insgesamt des Netzes, wie es sich dem Nutzer darbietet. Im letzteren Fall geht es um einzelne digitale Objekte – Texte, Bilder etc. – oder auch materielle Dinge. Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder.

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Jeder vierte Deutsche zählt zu den Geringverdienern

In Deutschland gilt jedes vierte Beschäftigungsverhältnis als prekär, also gering bezahl und unsicher. Betroffen sind vor allem Menschen mit Teilzeit-, Minijobs oder Kettenverträgen, also als atypisch bezeichneter Beschäftigungsverhältnisse. Auch manche gut ausgebildete müssen solche Arbeitsbedingungen hinnehmen. Caspar Dohmen stellt fest: „Beim Vergleich von 17 EU-Ländern wies nur Litauen einen höheren an Geringverdienern auf als Deutschland.“ Weitsichtig war die Prognose des Soziologen Ulrich Beck in den 90er-Jahren, der von dem „Risikoregime“ der Arbeit sprach, das zu einer Auflösung aller „Basisselbstverständlichkeiten im Zentrum der Erwerbsgesellschaft“ führen würde. Viele Menschen erleben das heutzutage hautnah. Viele wissen nicht mehr, ob und wie sie auf ihrem Job oder ihrer Qualifikation eine Zukunft aufbauen können. Jeder ist ein potentieller Arbeitsloser. Der Wirtschaftsjournalist, Buchautor und Dozent Caspar Dohmen studierte Volkswirtschaft und Politik in Köln.

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Roboter sind den Menschen überlegen

Computer und Roboter verändern den Alltag der Deutschen in einem Tempo, das den meisten Menschen den Atem raubt. Gerade entsteht eine Wirtschaft, in der Maschinen den Menschen überlegen sind. Alexander Hagelüken nennt Beispiele: „Schachcomputer schlagen den Weltmeister, Algorithmen ersetzen Anwälte und Software diagnostiziert Patienten.“ Maschinen können den Menschen aus dem Zentrum der Berufswelt verdrängen. Die Briten Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne schätzen, Maschinen könnten in den nächsten zwei Dekade jeden zweiten Programmierer überflüssig machen und 95 Prozent aller Sachbearbeiter. Aber wovon sollen die Überflüssigen leben? Deutschland ist wie andere Staaten schon deutlich ungleicher geworden. Eine Weltherrschaft der Roboter könnte diesen Trend verschlimmern. Und das ist nur eine der Aussichten auf die Zukunft, die skeptisch stimmen. Alexander Hagelüken ist als Leitender Redakteur der Süddeutschen Zeitung für Wirtschaftspolitik zuständig.

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Viele Menschen in Deutschland träumen von Abschottung

In Deutschland, nicht anders als in anderen europäischen Ländern oder unter Donald Trump-Wählern, träumen viele von Abschottung, um ihre Wohlfühlmatrix nicht teilen zu müssen. Zudem ist die Sehnsucht nach einem besseren Gestern, nach einem Heil in der Vergangenheit allgegenwärtig. Richard David Precht erläutert: „Noch hängen in Deutschland mehr Menschen einer solchen Retropie an als gegen eine wahrscheinliche digitale Dystopie aufzubegehren. Geflüchtete Menschen auf den Straßen sind sichtbarer, lauter und für viele verstörender als Algorithmen.“ In ihrer Angst, Überforderung, Unsicherheit, Aggression und in ihrem Hass schreien Menschen auf deutschen Marktplätzen und in Bierkellern: „Deutschland!“ Doch was ist Deutschland, zu welchem Deutschland wollen sie zurück? Der Philosoph, Publizist und Bestsellerautor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.

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Die Künstliche Intelligenz managt menschliche Beziehungen

Soziale Plattformen wie Facebook oder Instagram beeinflussen gezielt die Meinung ihrer Benützer durch die Auswahl der Inhalte. Natürlich handelt es sich dabei noch nicht primär um Künstliche Intelligenz. Holger Volland fügt hinzu: „Jedoch bildet das in den sozialen Medien antrainierte Verhalten eine sehr solide Basis dafür, dass Künstliche Intelligenzen über diese Plattformen recht effizient unsere Beziehungen managen können. Denn ihr Einfluss darauf, wer unsere Freunde sind und was wir von ihnen halten, ist immens.“ Die Algorithmen der Unternehmen beeinflussen, welche unserer Kontakte man häufig angezeigt bekommt, sie filtern die Nachrichten dieser Personen und zeigen einem nur diejenigen, die am meisten Zustimmung und Interaktion hervorrufen. Der Informationswissenschaftler Holger Volland lehrte an der Hochschule Wismar Gestaltung und kuratierte große Ausstellungen der Gegenwartskunst in Argentinien und Deutschland.

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Die Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit

Einen Satz sollte man nie wieder verwenden. Er lautet: „Das kann nie passieren.“ Philipp Blom vertritt die These: „Alles kann passieren, und vieles wird passieren, was viele Menschen heute noch für unmöglich halten. Die Menschheit befindet sich inmitten einer rasanten Transformation, auch wenn sie das nicht will. Das ist keine Frage der Lust oder der Präferenz des Konsums. Auf Umwälzungen ungeahnten Ausmaßes kann eine Gesellschaft nur entweder konstruktiv reagieren, oder sie kann sie erleiden. Wer Mauern baut, wird merken, dass sie eingedrückt werden. Außerdem gilt: Wachstum durch Ausbeutung, das Geschäftsmodell der westlichen Gesellschaften, ist bankrott. Leider sind Demokratie und Menschenrechte nicht die Norm und keine logische Folge des Fortschritts. Philipp Blom studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford und lebt als Schriftsteller und Historiker in Wien.

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Die Künstliche Intelligenz beeinflusst die persönlichen Beziehungen

Die Künstliche Intelligenz bei der Partnersuche einzusetzen, ist nur ein recht naheliegendes Anwendungsgebiet unter vielen. Statistische Vorhersagenanalysen werden von Algorithmen ausgeführt und empfehlen den Kunden beispielsweise bei Amazon „ähnliche“ Produkte zu aktuellen Käufen, bei Netflix passende Filme und stellen bei Spotify Playlisten der persönlichen Lieblingsmusik zusammen. Warum sollte also die gleiche Technologie also nicht dabei helfen, passende Menschen zusammenzubringen? Holger Volland schreibt: „Die Zukunft des Datings wird sich deshalb eher in den Blackboxes der neuronalen Netze abspielen als auf den Nutzerprofilen von Online-Portalen, deren Aussagen sowieso meist erfunden und übertrieben sind. Dating ist aber nur eine sehr spezielle Form der menschlichen Beziehungspflege.“ Der Informationswissenschaftler Holger Volland lehrte an der Hochschule Wismar Gestaltung und kuratierte große Ausstellungen der Gegenwartskunst in Argentinien und Deutschland.

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Das Menschenbild der Aufklärung ist verloren gegangen

Im 20. Jahrhundert hatten sich die freiheitlichen Staaten Europas und die USA noch auf die Aufklärung berufen. Man beschwor den Geist von Locke, Rousseau, Montesquieu und Kant. Richard David Precht erläutert: „Man betonte die Freiheit und Gleichheit aller Menschen und verwies auf die Erklärung der Menschenrechte. Und den angemessenen Gebrauch der Freiheit sah man, mit Kant, darin, seine Urteilskraft einzusetzen.“ Im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert kann davon keine Rede mehr sein – allenfalls in Sonntagsreden. Man hat Autonomie gegen Bequemlichkeit getauscht, Freiheit gegen Komfort und Abwägung gegen Glück. Das Menschenbild der Aufklärung findet in der neuen schönen Digitalwelt der Überwachungssensoren und Digital-Clouds einfach keinen Platz mehr. Der Philosoph, Publizist und Bestsellerautor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.

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