Das Menschenbild der Aufklärung ist verloren gegangen

Im 20. Jahrhundert hatten sich die freiheitlichen Staaten Europas und die USA noch auf die Aufklärung berufen. Man beschwor den Geist von Locke, Rousseau, Montesquieu und Kant. Richard David Precht erläutert: „Man betonte die Freiheit und Gleichheit aller Menschen und verwies auf die Erklärung der Menschenrechte. Und den angemessenen Gebrauch der Freiheit sah man, mit Kant, darin, seine Urteilskraft einzusetzen.“ Im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert kann davon keine Rede mehr sein – allenfalls in Sonntagsreden. Man hat Autonomie gegen Bequemlichkeit getauscht, Freiheit gegen Komfort und Abwägung gegen Glück. Das Menschenbild der Aufklärung findet in der neuen schönen Digitalwelt der Überwachungssensoren und Digital-Clouds einfach keinen Platz mehr. Der Philosoph, Publizist und Bestsellerautor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.

Für die Freiheit ist in einer Welt der Algorithmen kein Platz mehr

Wozu braucht man noch Urteilskraft, wenn Algorithmen und diejenigen, denen sie gehören, einen besser kennen als man sich selbst? Das Leben ist ein Zeitvertreib. „Mündig“ sind nicht die eigene Vernunft, der sogenannte Wille und das Wissen um das eigene Selbst. Richard David Precht ergänzt: „Viel mündiger, weil kundiger, ist die Summe meines Verhaltens, in Algorithmen erfasst, erzählt es mir nicht nur, was ich getan habe und wer ich bin, sondern auch, was ich als Nächstes tun werde.“

In dieser Welt ist für Freiheit im altmodischen Sinne kein Platz mehr, allenfalls für die Freiheitsillusion, die Menschen halt ebenso brauchen wie ab und zu einen Blick ins Grüne, hinreichend Sport und ganz viel Anerkennung. Das Zauberwort des 21. Jahrhunderts ist nicht „Urteilskraft“, sondern „Verhalten“. Für die Philosophen der Aufklärung war das Handeln des Menschen Ausdruck seiner Willensentscheidungen. Aber zu Anfang des 20. Jahrhunderts wendete sich das Blatt. Der Behaviorismus kam in Mode und mit ihm einen neue Sicht auf Organismen.

Norbert Wiener begründet die Kybernetik

Ob Tier oder Mensch, für einen Forscher wie den amerikanischen Psychologen John B. Watson war jeder Organismus eine Reiz- und Reflexmaschine. Ein Lebewesen ertastet seine Umwelt und erfährt dabei Reizwirkungen. Reflexartig meidet es das, was Unlust hervorruft, und folgt dem, was Lust auslöst. Ob explizites Handeln oder impliziertes Denken – beides funktioniert nach dem gleichen Schema, mal äußerlich sichtbar und mal nicht. Lebewesen entscheiden nach einem Mechanismus von Reiz und Reflex, ihr Verhalten zu ändern.

Beobachtet man diesen Vorgang lange genug, so lässt sich jedes Verhalten irgendwann sicher prognostizieren. Das Verhalten von Organismen mit technischen Systemen gleichzusetzen war danach nur noch ein kleiner Schritt. Getan wurde er vom amerikanischen Mathematiker Norbert Wiener. Im Jahr 1943, als Wiener das Verhalten von Kampfflugzeugpiloten im Zweiten Weltkrieg analysierte, begründet er die Kybernetik: die Wissenschaft der Steuerung und Regelung von Maschinen, lebenden Organismen und sozialen Organisationen. Quelle: „Jäger, Hirten, Kritiker“ von Richard David Precht

Von Hans Klumbies

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