Rund eine Million Juden wurden in Ausschwitz ermordet

Timothy Snyder weiß: „Edith Stein hatte nur ein einziges Mal eine Job an einer Universität, und auch nur für ein Jahr. Sie verlor ihn, als Adolf Hitler an die Macht kam.“ Im April 1933 schrieb sie eine Brief an den Papst, in dem sie in einer Sprache, die er verstehen würde, die Lage der deutschen Juden zu erklären versuchte: „Seit Wochen sehen wir in Deutschland Taten, die jeder Gerechtigkeit und Menschlichkeit – von Nächstenliebe gar nicht zu reden – Hohn sprechen.“ Das Schweigen der Kirche zur Judenverfolgung nannte sie einen „schwarzen Flecken“ in deren Geschichte. Adolf Hitlers Sicht des menschlichen Körpers stand in völligem Gegensatz zu Edith Steins Auffassung. Timothy Snyder ist Professor für Geschichte an der Yale University und Permanent Follow am Institut für die Wissenschaft vom Menschen in Wien.

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Erschöpfung ist ein Warnsignal

Anna Katherina Schaffner schreibt: „Wenn wir vor lauter Erschöpfung immer langsamer und schwächer werden, ist der erste Schritt zu akzeptieren, dass es so nicht weitergeht. Erschöpfung ist ein Warnsignal, egal ob körperlich oder mental. Sie fordert uns auf, innezuhalten und Ruhe zu suchen.“ Wer vollkommen ausgebrannt ist, kann sich nicht mehr konzentrieren und fühlt sich außerstande, auch nur die einfachsten Arbeitsaufgaben zu erledigen. Der Körper sagt nein und weigert sich zu funktionieren, solange die tieferliegenden Themen nicht angegangen werden. Durch den Zusammenbruch versucht er uns vor weiterem Schaden zu schützen und uns etwas mitzuteilen. Aber was genau will uns diese tiefgreifende Erschöpfung sagen? Gut möglich, dass es unangenehme Wahrheiten sind. Anna Katherina Schaffner ist Kulturhistorikerin und zertifizierter Burnout-Coach.

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Bei einer Borderline-Persönlichkeit ist das Selbstbild unklar und gestört

Eine instabile Persönlichkeitsstörung ist definiert als eine deutliche Tendenz, impulsiv und ohne Berücksichtigung von Konsequenzen zu handeln, als wechselnde instabile Stimmung. Heidi Kastner ergänzt: „Die Fähigkeit des Vorausplanens ist gering und Ausbrüche intensiven Ärgers können oft zu gewalttätigen und explosivem Verhalten führen. Dieses Verhalten wird leicht ausgelöst, wenn impulsive Handlungen von anderen kritisiert oder behindert werden.“ Bei einer Borderline-Persönlichkeit, einer Unterform der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung, sind zusätzlich das eigene Selbstbild, Ziele und innere Präferenzen unklar und gestört. Meist besteht ein chronisches Gefühl innerer Leere. Die Neigung zu intensiven, aber unbeständigen Beziehungen kann zu wiederholten emotionalen Krisen führen mit übermäßigen Anstrengungen, nicht verlassen zu werden, und mit Suiziddrohungen oder selbstschädigenden Handlungen. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der Forensischen Abteilung der Landesnervenklinik in Linz.

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Maschinen haben kein Bewusstsein

Joachim Bauer weist in seinem neuen Buch „Menschlichkeit in digitalen Zeiten“ nach: „Dass Bewusstsein auf Maschinen übersiedeln könnte, ist ein Irrtum. Der lebendige, fühlende Körper ist und bleibt die unersetzliche Voraussetzung für Bewusstsein und wahre Intelligenz.“ Soziale Medien, Online-Videospiele, Chatbots: Die Wucht, mit der digitale Produkte in unseren Alltag eingedrungen sind, ist außer Kontrolle geraten. Die Suchtpotenziale digitaler Angebote gefährden unser aller seelische Gesundheit, insbesondere jene von Kinder und Jugendlichen. Es scheint, als sei der Mensch dem Silicon Valley im Wege: Künstliche Intelligenz soll uns nicht nur das Denken abnehmen, sondern – in der Gestalt sogenannter „Agenten“ – auf immer mehr Entscheidungen aus der Hand nehmen. Der mit einem lebendigen Körper, Gefühlen, Kreativität und sozialen Bedürfnissen ausgestattete Mensch droht auf der Strecke zu bleiben. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Arzt und Psychotherapeut.

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Die erste Form der Freiheit ist die Souveränität

Die deutsche Philosophin Edith Stein brachte während des Ersten Weltkriegs ihren eigenen Körper ein. Timothy Snyder erklärt: „Als Doktorandin ließ sie sich beurlauben, um sich freiwillig als Krankenschwester zu melden. Als sie wieder zu ihrer Doktorarbeit zurückkehrte, bestimmte die Erfahrung mit den Verwundeten ihre Abhandlung für die Einfühlung.“ „Ist nicht“, so fragte sie, „die Vermittlung des Leibes notwendig, um uns der Existenz eines anderen zu versichern.“ Statt vom „Körper“ sprach Edith Stein vom „Leib“. Die erste Form der Freiheit ist, wie Timothy Snyder zeigen möchte, die Souveränität. Eine souveräne Person kennt sich und die Welt in ausreichendem Maße, um Urteile über Werte abzugeben und diese Urteile verwirklichen zu können. Timothy Snyder ist Professor für Geschichte an der Yale University und Permanent Follow am Institut für die Wissenschaft vom Menschen in Wien.

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Pornographie ist durch das Internet ständig verfügbar

Peter Trawny stellt fest: „Diejenigen, die schon auf der Welt waren, als es noch kein Internet gab, können sich daran erinnern, dass es noch einer gewissen peinlichen Aktivität bedurfte, um pornographische Bilder sehen zu können.“ Entweder man musste eines dieser etwa angeschimmelten Kinos aufsuchen, in denen weniger Männer sich in den Sitzreihen verteilten, um ihren dürftigen Genuss zu frönen, oder man kaufte sich am Kiosk ein Heft, das man einigermaßen verschämt bezahlte. Seit dem weltveränderten Auftauchen des Internets ist Pornographie absolut aller „Kategorien“, wie es heißt, ständig verfügbar. Was das bedeutet ist schwer zu sagen. Hat sich die Liebe durch die Anwesenheit pornographischer Bilder verändert? Peter Trawny gründete 2012 das Matin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.

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Körperliche Beschwerden haben oft seelische Ursachen

Sabine Viktoria Schneider beschreibt in ihrem Buch „Wenn der Arzt nicht mehr weiter weiss“ seelische Ursachen und ganzheitliche Lösungen für 200 Beschwerden. Dabei ist es ein erster wichtiger Schritt, die Zusammenhänge zwischen Körper und Seele zu verstehen. Die moderne Medizin behandelt, was sie messen, abbilden und belegen kann. Unsere Medizin entwickelt sich immer weiter, von Jahr zu Jahr werden die Therapiemöglichkeiten besser. Doch das, was uns innerlich bewegt, was wir fühlen, was uns verletzt oder überfordert, und all das, was wir seit vielen Jahren mit uns herumtragen, findet in diesem Fortschritt kaum Platz. Dabei ist genau das oft die eigentlichen Ursache für körperliche Beschwerden. Das Zusammenspiel aus Körper und Seele. Dr. Sabine Viktoria Schneider ist Psychologin, Doktorin für Public Health (Dr.P.H.) und Buchautorin. Sie ist spezialisiert auf die Bereiche Psychodynamik, Schematherapie und Psychosomatik.

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Das System Körper ist krankheitsanfällig

Randolph M. Nesse schreibt: „Die üblichen Fragen in der Medizin gleichen denen, die ein Mechaniker stellen würde: Wie funktioniert das System „Körper“? Was ist defekt? Warum ist es defekt? Wie lässt es sich reparieren?“ Das sind proximate Fragen, die zu klären versuchen wie körpereigene Mechanismen funktionieren und wie sie sich bei Gesunden und Kranken unterscheiden. Welche Mechanismen im Immunsystem verursachen Multiple Sklerose? Welche Gehirnanomalien sind für Schizophrenie verantwortlich? Die Antworten auf diese Fragen bringen uns dem wichtigsten Ziel näher: Ursachen zu finden und Probleme zu beheben. Sie haben einen großen Beitrag zur Verbesserung der menschlichen Gesundheit geleistet. Professor Randolph M. Nesse ist Mitbegründer der Evolutionären Medizin. Seit 2014 lehrt er and er University of Arizona, wo er als Gründungsmitglied und Direktor das Center for Evolution and Medicine leitet.

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In einem Jahr werden 98 Prozent der Atome im Körper ausgetauscht

Indem Menschen atmen, essen, trinken und ausscheiden, wechseln sie die Stoffe, aus denen sie bestehen, permanent aus. Innerhalb eines Jahres werden 98 Prozent aller Atome im menschlichen Körper ausgetauscht. Fabian Scheidler erklärt: „Wenn wir diese Vorgänge quantenphysikalisch betrachten, zeigen sich die scheinbar soliden und statischen Atome darüber hinaus als eine ununterbrochene Fluktuation von energetischen Beziehung, die alles mit allem verbinden.“ Menschen sind keine abgeschlossenen Objekte und auch keine souveränen Herrscher über eine außer ihnen stehende Natur, sondern Austauschwesen, Durchgangsorte, Transformationen. Der Stoff, aus dem Menschen bestehen, ist nicht nur mysteriöser und weit weniger materiell, als man glaubt, sondern auch permanent im Fluss. Dieser Fluss spielt sich auf mindestens zwei ineinander verschränkten Ebenen ab. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.

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Emanuele Coccia beschreibt die Metamorphose der Pflanzen

Emanuele Coccia weiß: „Die Metamorphose ist nicht nur ein Vorgang, der die Körpergestalt insgesamt betrifft. Sie ist auch das Verhältnis, das zwischen den Körperteilen untereinander entsteht und diese jeweils befähigt, einer Lebenslinie zu folgen und sich im Lauf ihrer Entwicklung zu entfalten.“ Sie ist auch das Äquivalenzprinzip aller Teile im Inneren eines Körpers. In Wirklichkeit ist der ganze Körper eines Menschen das Ergebnis der Verwandlung einer extrem reduzierten Portion Materie, die schritt- und etappenweise die unterschiedlichen Formen hervorbringen musste, die er entfalten kann. Die Metamorphose ist demnach nicht nur ein historischer Prozess, der die Konstitution des Lebendigen auf einer Linie differenzierter Stadien vorbestimmt. Emanuele Coccia ist Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.

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Die Unterklasse wird in der Kultur der Spätmoderne als wertlos markiert

Die neue Unterklasse wird in der Kultur der Spätmoderne in allen ihren Facetten zu einem Gegenstand negativer Kulturalisierung und Entvalorisierung; sie wird als wertlos markiert, und zwar mit Blick aus sämtliche Komponenten, die Andreas Reckwitz im Zusammenhang mit dem Lebensstil der neuen Mittelklasse behandelt hat. Die neue Unterklasse wird gewissermaßen zu deren negativen Abziehbild. So wie sich in der neuen Mittelklasse die gesellschaftliche Valorisierung der Güter und Praktiken, die man sich aneignet, in eine Valorisierung der Subjekte übersetzt, so übersetzt sich hier die gesellschaftliche Entvalorisierung der Güter und Praktiken, die man verwendet, in eine Entvalorisierung der Subjekte. In diesem Prozess sind eine bestimmte sozialkulturelle Praxis, die im Alltag der Unterklasse stattfindet, und eine spezielle Perspektivierung dieser Praxis durch Institutionen wie Medien, Wissenschaft und Politik, in denen in der Regel die Maßstäbe der neuen Mittelklasse zum Ausdruck kommen, miteinander verknüpft. Andreas Reckwitz ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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Das Selbst existiert nur in sozialen Verhältnissen

Zuerst sind Menschen Wesen mit einem bestimmten Körper, „etwas zum Leben“, wie von Samuel Beckett gesagt worden ist. Oder sollte Michael Hampe sagen: „Wir sind in einen lebendigen Körper geraten. Aber wer könnte es sein, der da in den Körper gerät?“ Soll man ein Individuum, ein Selbst annehmen, das „vor“ dem Körper, „vor“ den sozialen Verhältnissen existierte? Michael Hampe wüsste nicht, wie eine solche Annahme gestützt werden könnte. Denn alles Reden von „vor“ und „nach“ und von „existieren“ und „nicht existieren“ setzt ja schon irgendeine Sprache mit ihren Unterscheidungen voraus. Und die Sprache haben Menschen nur in dieser Gemeinschaft der Redenden mit den anderen, in die man nur eintreten kann, weil man einen Körper hat wie die anderen auch, einen anderen Körper zwar, aber doch einen ähnlichen. Michael Hampe ist seit 2003 Professor für Philosophie an der ETH Zürich.

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Die Jugend ist keine Frage des Alters

Die Metamorphose ist eine Eigenschaft von Körpern, die sich von ihrer Kindheit niemals trennen. Andererseits hört ein Körper auf, wenn er nicht mehr fähig ist seine Kindheit zu erfahren, sich zu verwandeln. Emanuel Coccia ergänzt: „Die Idee, dass die Jugend nicht nur eine vorübergehende Etappe im Leben eines Körpers ist, sondern eine stabile und konstante Struktur eines jeden lebendigen Körpers darstellt, ist in der Biologie oft gehegt worden.“ Jugend und Alter sind organische und geistige Kräfte, die im Leben jedes Individuums zu jeder Zeit zusammen auftreten. Schon das Kind hat alte Zähne – die Milchzähne – zu frühem Untergang bestimmt, und noch im späten Alter erscheinen junge Zähne – die Weisheitszähne. Emanuele Coccia ist Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.

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Im Gehirn finden Prozesse der Selbstorganisation statt

Das menschliche Gehirn strukturiert sich primär anhand der während der frühen Phasen der Hirnentwicklung aus dem eigenen Körper zum Gehirn weitergeleiteten Signalmuster. Gerald Hüther ergänzt: „Es sind also eigenen Körpererfahrungen, die die Organisation synaptischer Verschaltungsmuster in den älteren, tiefer liegenden Bereich lenken.“ Und die primäre Aufgabe dieser bereits vor der Geburt und während der frühen Kindheit herausgeformten Hirnbereiche ist die Integration, Koordination und Harmonisierung der im Körper ablaufenden Prozesse. Dabei geht es um die Lenkung und Steuerung motorischer Leistungen beim sich Bewegen, beim Singen, Tanzen, und später auch beim Sprechen. Erst danach werden auf der Grundlage dieses Fundaments die in der Beziehung des Kindes zur Außenwelt, insbesondere zu seinen Bezugspersonen gemachten Beziehungserfahrungen zur wichtigsten strukturierenden Kraft für die sich in den ausreifenden Hirnstrukturen herausbildenden neuronalen Verschaltungsmuster. Gerald Hüther ist Neurobiologe und Verfasser zahlreicher Sachbücher und Fachpublikationen.

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Frauke Rostalski kennt die Kennzeichen einer vulnerablen Gesellschaft

Jeder Mensch ist verletzlich. Menschen können einander Wunden zufügen – physische wie psychische. Sie können krank werden, in wirtschaftliche Not geraten, einsam sein. Pandemien und Naturkatastrophen bedrohen den Wohlstand und die Existenz. Jeder muss eines Tages sterben. Frauke Rostalski ergänzt: „In ihrer Verletzlichkeit sind die Menschen unweigerlich aufeinander angewiesen. Das Kleinkind wird von seinen Eltern auf jedem seiner Schritte begleitet. Es wird gefüttert, an die Hand genommen, getragen.“ Der alten Mensch bedarf selbst wieder der Unterstützung durch andere, die seinen Arm halten und ihm den Alltag erleichtern, manches Mal auch erst ermöglichen. Wer schwer krank wird, ist auf Pflege angewiesen. Verletzlich sind auch diejenigen, die sich selbst nicht so fühlen. Frauke Rostalski ist Professorin für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtsphilosophie, Wirtschaftsrecht, Medizinstrafrecht und Rechtsvergleichung an der Universität zu Köln.

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Selbstheilung hat nichts mit Esoterik zu tun

In den Gehirnen vieler Menschen gibt es noch immer die tief verankerte Vorstellung, der menschliche Organismus funktioniere so ähnlich wie eine besonders kompliziert aufgebaute Maschine. Dazu gehört der Glaube, die genetischen Anlagen eines Menschen seien dafür verantwortlich, dass sich die verschiedenen Organe und Organsysteme in exakt vorbestimmter Weise herausbilden. Und dass es mehr oder weniger optimale Baupläne für die Entwicklung eines gesunden, leistungsfähigen Organismus gebe. Gerald Hüther erläutert: „Wer so denkt, ist dann auch davon überzeugt, dass es im Verlauf der Nutzung der verschiedenen Organe und Organsysteme zu entsprechenden Abnutzungserscheinungen und Defekten kommt.“ Diese im normalen Betriebsmodus des Körpers unvermeidbaren Defekte sollten sich durch entsprechende Reparaturen beheben lassen. Auf der Grundlage dieser Vorstellung ist ein medizinisches System entstanden, dass seine vorrangige Aufgabe in der Behebung von Störungen einzelner Organe und Organfunktionen sah. Gerald Hüther ist Neurobiologe und Verfasser zahlreicher Sachbücher und Fachpublikationen.

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Krankmachende Vorstellungen behindern die Selbstheilungskräfte

Am Beispiel des Nocebo-Effektes lässt sich die krankmachende Wirkung krankmachender Vorstellungen am leichtesten verstehbar machen. Gerald Hüther weiß: „Der menschliche Organismus verfügt über Selbstheilungskräfte, die ihre Wirkung insbesondere über die im gesamten Organismus ausgebreiteten integrativen Systeme entfalten: das autonome Nervensystem, das Hormonsystem, das kardiovaskuläre System und das Immunsystem.“ Gesteuert und koordiniert wird deren Aktivität im Gehirn nicht von der Hirnrinde, sondern von neuronalen Netzwerken, die in entwicklungsgeschichtlich älteren und tiefer im Hirn gelegenen Bereiche lokalisiert sind. Diese Netzwerke dienen der Regulation der im Körper ablaufenden Prozesse. Sie sind nicht daran beteiligt, wenn sich ein Mensch etwas vorstellt oder ausdenkt. Deshalb gibt es diese Netzwerke auch schon bei den Krokodilen. Solange sie in ihren Aktivitäten und ihrem Zusammenwirken durch nichts gestört werden, ist alles gut. Gerald Hüther ist Neurobiologe und Verfasser zahlreicher Sachbücher und Fachpublikationen.

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Der singularistische Lebensstil formt den Körper

Auch der Körper ist in der Spätmoderne zu einem Gegenstand des singularistischen Lebensstils geworden. Das Bürgertum und der alte Mittelstand übten sich noch in ausgesprochener Körperzurückhaltung. Dagegen macht die neue Mittelklasse den Körper zu einem Gegenstand bewusster Gestaltung, Aktivierung und Erfahrung. Andreas Reckwitz erläutert: „Er wird in Bewegung gesetzt, und die spätmoderne Identität speist sich in erheblichem Maße aus primär körperbezogenen Praktiken.“ Zudem finden hier unerbittliche Prozesse der kulturellen Valorisierung statt. Die gesunden und gewandten Körper stehen den ungesunden, übergewichtigen und unbeweglichen Körpern gegenüber. Die industrielle Moderne hatte den Körper weitgehend funktionalisiert. Er war entweder Mittel zum Zweck der Erwerbsarbeit oder wurde – bei den „Kopfarbeitern“ – stillschweigend übergangen. Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder.

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Die Psyche und das Gehirn sind eng verbunden

Wenn man über die Psyche spricht, spricht man auch über das Gehirn. Genauer: über das gesamte Nervensystem. Franca Cerutti weiß: „Die Trennung zwischen Psyche und Körper und die Vorstellung, als sei die Psyche etwas, was den Körper „bewohnt“, ist schlicht und einfach falsch. Wir haben keinen Körper, wir sind ein Körper.“ Menschen sind Chemie und Strom, sie sind Botenstoffe und Hormone. Gleichzeitig sind sie, wie Aristoteles schon sagte, als Ganzes mehr als die Summe ihrer Teile. Menschen sind die Magie, die sich aus dem gesamten komplexen, verzahnten Geschehen ergibt. Und wie könnte dieses ganze System stets und ständig bei jedem „normal“ laufen? Das menschliche Gehirn ist wohl das komplizierteste Organ, das sich im Laufe der Evolution entwickelt hat. Franca Cerutti ist Psychotherapeutin mit eigener Praxis und Podcasterin.

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Die Spezies Mensch droht die Vernichtung

Die Abgrenzung zwischen „Tier“ und „Mensch“ war eine der wichtigsten Aufgaben der Philosophie. Sie nahm eine exklusive Vernunftbegabung an, um die außerordentliche Stellung des Menschen nicht nur auf der Erde, sondern sogar im Kosmos zu legitimieren. Als unspezifischer Gegenbegriff zum Menschen geistert „das Tier“ in einem verallgemeinerten Singular durch die Philosophiegeschichte. Lisz Hirn fordert: „Gerade wir, die wir durch die uns drohende Vernichtung Fragile geworden sind, erleben diese Kluft zwischen Fleisch und Geist, bedürfen einer neuen Anthropologie, die sich nicht jenseits, sondern in unserer Verletzlichkeit verortet.“ Laut Giorgio Agamben ist der Mensch in der westlichen Kultur immer als Trennung und Vereinigung eines Körpers und einer Seele gedacht worden. Lisz Hirn arbeitet als Publizistin und Philosophin in der Jugend- und Erwachsenenbildung, unter anderem am Universitätslehrgang „Philosophische Praxis“.

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Im Spiegel vervielfältigt sich die eigene Gestalt

Das Reich der Bilder, die Sinnenwelt, ist ein an den Rändern einer spezifischen Kraft – des rezeptiven Vermögens – errichtetes Reich. Emanuele Coccia erläutert: „Indem das Medium die materielose Form in sich empfängt, trennt es sie von ihrem gewohnten Substrat und ihrer Natur.“ In den Begriffen der Scholastik ist das Medium der Ort der Abstraktion, also der Abtrennung. Das Sinnliche ist die von ihrer natürlichen Existenz abgetrennte, abstrahierte Form. So existiert das eigene Abbild im Spiegel oder einer Fotografie wie losgelöst von der eigenen Person, in einer anderen Materie, an einem anderen Ort. Die Trennung ist die wesentliche Funktion des Ortes. Einer Form einen Ort zuzuweisen, bedeutet, sie von den anderen zu trennen. Sie von der Kontinuität und der Vermischung mit dem übrigen Körper abzulenken. Emanuele Coccia ist Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.

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Das Sinnenleben ist nicht vollkommen privat

Die Anthropologie reduzierte das Sinnenleben zumeist auf eine flüchtige, vollkommen private Form des individuellen Seelenlebens. Es erscheint für Emanuele Coccia tatsächlich müßig, etwas spezifisch Menschliches in einer unbestimmten Gemeinsphäre finden zu wollen. Denn diese wird mit unendlich vielen Lebensformen geteilt. Diese sind ihrerseits im Hinblick auf ihren Ethos, ihre Gewohnheiten, ihre Maße und Wurzeln unendlich vielfältig. Emanuele Coccia fordert: „Ein Mensch zu werden, sollte bedeuten, ein Leben nach dem Leben erlangen zu können.“ Ebenso schwierig dürfte es sein, das Fundament des Gemeinsamen, des Zusammenlebens mit anderen zu erkennen. Dessen ungeachtet nimmt die menschliche „Vita activa“, das ureigenste Leben, augenscheinlich ihren Anfang bereits in bestimmten Bildern. Durch diese begreift ein Mensch die Welt und ihre Formen. Emanuele Coccia ist Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.

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Die Geburt ist kein absoluter Anfang

Die Geburt ist die absolute Grenze der Wiedererkennbarkeit. Sie ist die Schwelle, auf der das „Ich“ mit einem anderen verschwimmt. Emanuele Coccia erklärt: „Unmöglich zu sagen, ob der Atem, der uns erlaubt, diese Silbe auszusprechen, wirklich uns gehört. Oder ob er die Fortsetzung des Körpers unserer Mutter ist. Unmöglich zu sagen, ob diese Silbe unseren Körper bezeichnet oder den, aus dem wir gekommen sind.“ Die Geburt ist die Kraft, durch welche die Menschen „ich“ nur sagen können, wenn sie alle Erinnerung verleugnen. Sie müssen vergessen, woher sie kommen. Sie müssen den anderen Körper vergessen, der sie solange beherbergt hat, müssen sich von ihm ent-identifizieren. Emanuele Coccia ist Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.

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Leben und Wille sind aktive Prinzipien

Der Forschungsgegenstand der Physik war von Anfang an das, was man als „unbelebte Materie“ bezeichnet. Dass das Leben gänzlich anderen Gesetzen folgt, bemerkte schon Isaac Newton. Er schreibt: „Leben und Wille sind aber aktive Prinzipien. Durch diese bewegen wir den Körper. Und aus ihnen erwachsen andere Gesetze der Bewegung, die uns unbekannt sind.“ Seit dem frühen 17. Jahrhundert behaupteten Forscher, dass sich nicht nur die Bewegungen toter Objekte, sondern auch die des Lebens vollständig aus den Prinzipien der Mechanik erklären ließen. Fabian Scheidler erklärt: „Isaac Newton wies jedoch auf die entscheidende Schwäche dieser Auffassung hin. Wenn Lebewesen rein mechanische Apparaturen sind, wie ist dann die Erfahrungstatsache zu erklären, dass wir unseren Körper durch bewusste Entscheidungen bewegen können?“ Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.

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Der Mensch besitzt zwei Formen der Intelligenz

Einen Geist hat der Mensch ganz sicher. Er ist von Mustern sensorischer Repräsentationen bevölkert, die man Bilder nennt. Aber der Mensch besitzt auch die nichtexpliziten Fähigkeiten, die den einfacheren Organismen so gute Dinge leisten. Antonia Damasio erläutert: „Wir werden von zwei Formen der Intelligenz gesteuert, die auf zwei Formen der Kognition basieren. Die eine ist die Form, die wir Menschen schon seit langem erforschen und schätzen. Ihre Grundlagen sind Vernunft und Kreativität. Sie basiert auf der Handhabung expliziter Informationsmuster, wie wir Bilder nennen.“ Der zweite Typ ist die nicht explizite Fähigkeit, die man auch bei Bakterien findet. Antonio Damasio ist Dornsife Professor für Neurologie, Psychologie und Philosophie. Außerdem ist er Direktor des Brain and Creativity Institute an der University of Southern California.

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