Rechte Parteien verbrüdern sich

Bis vor Kurzem arbeiteten die Führungen der nationalistischen und identitäre Parteien Europas kaum zusammen. Anders als die Christdemokraten und Konservativen, die mit ihrer Zusammenarbeit die Europäische Union schufen, sind die nationalistischen Parteien in ihrer jeweils eigenen Geschichte verwurzelt. Anne Applebaum weiß: „Die französischen Rechte hat ihre fernen Ursprünge im Vichy-Regime. Die nationalistische Rechte Italiens stand lange unter dem Einfluss der geistigen Erben von Benito Mussolini.“ Darunter befand sich auch die Enkelin des Diktators. Die polnische PiS begründet sich im Flugzeugabsturz von Smolensk und ihrem eigenen historischen Wahn. Versuche der Verbrüderung scheiterten oft an alten Streitfragen. Die Beziehung zwischen der italienischen und der österreichischen Rechten ging in die Brüche, als die Rede auf die Zugehörigkeit von Südtirol kam, das früher österreichisch war. Anne Applebaum ist Historikerin und Journalistin. Sie arbeitet als Senior Fellow an der School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University.

Autoritäre Parteien entdecken gemeinsame Themen

Die Beziehungen der Vox und der italienischen Lega Nord, die als norditalienische Separistenbewegung begann, gerieten auch in schwieriges Fahrwasser. Denn Mateo Salvini, der Führer der Lega, unterstützte die katalanischen Separatisten. Seit Kurzem ändert sich das jedoch. Lange waren die Intellektuellen und Ideologen der neuen Bewegungen durch Grenzen und Geschichte getrennt. Nun entdecken sie gemeinsame Themen, um die sie sich scharen können.

Dabei handelt es sich um Themen, die grenzüberschreitend funktionieren und sich im Internet gut verkaufen. Anne Applebaum erklärt: „Eines ist der Widerstand gegen die Zuwanderung, vor allem der muslimischen Migranten, ob diese nun real oder nur eingebildet sind. Ein anderes ist ein sozial konservatives, religiös geprägtes Weltbild. Ein drittes Thema kann der Widerstand gegen die Europäischen Union und internationale Institutionen ganz allgemein sein.“

Autoritäre führen Kampagnen gegen multikulturelle Gesellschaften

Die Themen hängen nicht zusammen. Denn es gibt keinen Grund, warum man als Katholik nicht europafreundlich sein sollte, wie dies ja auch in der Vergangenheit bei vielen der Fall war. Doch diejenigen, die daran glauben, haben eine gemeinsame Sache. Die Abneigung gegen gleichgeschlechtliche Ehen, afrikanische Taxifahrer oder „Eurokraten“ kann selbst Spanier und Italiener einen. Gegenüber ihren jeweiligen separistischen Bewegungen haben sie jedoch eine andere Haltung.

Wenn sie die Geschichte und alte Grenzstreitigkeiten beiseitelassen, können sie gemeinsame Kampagnen gegen die säkularisierten und multikulturellen Gesellschaften führen, in denen sie leben. Und gleichzeitig können sie die Menschen ansprechen, die sich ein Ende der kontroversen Debatten um diese Themen wünschen. Anne Applebaum erläutert: „Nur wenige Politologen haben sich bislang mit dieser neuen, grenzüberschreitenden Zusammenarbeit beschäftigt.“ Dazu zählt ein Datenauswerter namens Alto Data Analytics aus Madrid. Mithilfe intelligenter Programme wertet Alto die auf Twitter, Facebook, Instagram und anderswo gefundene Daten aus. Quelle: „Die Verlockung des Autoritären“ von Anne Applebaum

Von Hans Klumbies

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