Die Aufklärung ist nicht frei von Widersprüchen

Wie die Aufklärung selbst, ist auch die Person Isaac Newtons nicht frei von scheinbaren Widersprüchen. So studierte beispielsweise derselbe Newton, welcher der Kirche suspekt war und im Ruf des Ketzers stand, intensiv die Bibel. Er hinterließ theologische Manuskripte, die an Umfang alle seine wissenschaftlichen Werke übertreffen. Jürgen Wertheimer stellt fest: „So war der größte Naturwissenschaftler dieses Zeitalters zugleich ein Mystiker.“ Isaac Newton verfasste einen Kommentar zur Apokalypse und behauptete, der darin angekündigte Antichrist sei der römische Papst. Newtons Geist war eine Mischung aus Galileo Galileis Mechanik und Johannes Keplers kosmischen Gesetzen und Jacob Böhmes Gottesglauben. Er wurde nach einer von Staatsmännern, Edelleuten und Gelehrten gehaltenen Trauerfeier auf einer von Herzögen und Earls begleiteten Bahre in der Westminster Abtei zu Grabe getragen. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

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Nach und nach wird die Bedeutung des Gehirns erkannt

Es gibt wichtige Meilensteine auf dem Weg zu einem wissenschaftlichen Konsensus über die Bedeutung des Gehirns. So beispielsweise in den Arbeiten des englischen Anatomen William Harvey, der als erster den Blutkreislauf dokumentierte. Vor dieser Erkenntnis herrschte der Glaube, dass der Körper das Blut ständig verbraucht. Daher muss ständig neues Blut produziert werden. Jakob Pietschnig fügt hinzu: „Nun ließ sich feststellen, dass ein und dasselbe Blut ständig durch den Körper zirkuliert und von dem Herzen als Pumpe in Bewegung gehalten wird.“ Diese neue Vorstellung vom Körper hatte Auswirkungen darauf, wie man sich die Funktionsweise des Gehirns zusammenreimte. Insbesondere der französische Philosoph und Naturwissenschaftler René Descartes (1596 – 1650) war von dieser Erkenntnis beeindruckt. Jakob Pietschnig lehrt Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Wien.

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Das Bewusstsein ist nach wie vor ein Rätsel

Zunächst einmal erscheint es offensichtlich, dass Innen- und Außensicht nicht unabhängig voneinander existieren. Fabian Scheidler weiß zum Beispiel, dass bestimmte Empfindungs-, Wahrnehmungs- und Denkvermögen verschwinden oder erheblich beeinträchtigt sind, wenn man entsprechende Teile des Nervensystems beschädigt oder zerstört. Wenn bei einem Menschen die Nerven der Hand durchtrennt sind, kann er zwar noch Phantomschmerz empfinden, aber nicht mehr die Wärme und das Gewicht einer anderen Hand auf der seinen spüren. Verletzungen bestimmter Hirnregionen wirken sich auf die Wahrnehmungs-, Sprach- und Bewegungsfähigkeiten der Betroffenen aus. Bildgebende Verfahren haben diese Erkenntnisse in den vergangenen Jahrzehnten erheblich präzisiert. Sie haben gezeigt, dass bestimmte lokalisierbare Hirnregionen für spezialisierte Funktionen unverzichtbar sind. Angeregt von diesen Untersuchungen haben viele Biologen geglaubt, es ließe sich ein anatomisch umgrenztes Substrat des Bewusstseins finden. Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.

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Die Forschung ermöglicht wirksameres Handeln

Charles Sanders Peirce bringt den Pragmatismus in Gang, indem er bei Alexander Bains Definition des Glaubens als einer Regel beziehungsweise einer Gewohnheit des Handelns ansetzt. Von dieser Definition ausgehend machten Peirce folgendes geltend. Nämlich, dass die Aufgabe der Forschung nicht in der Darstellung der Wirklichkeit liege, sondern dass sie die Möglichkeit eröffnet, wirksamer zu handeln. Richard Rorty stellt fest: „Das Bedeutet, dass man sich von der „Abbild-Theorie“ der Erkenntnis lossagt, die seit René Descartes eine die Philosophie beherrschende Rolle gespielt hat.“ Und man verzichtet insbesondere auf die Vorstellung von der Erkenntnis, die nicht durch Zeichen vermittelt ist. Charles Sanders Peirce gehört zu den ersten Philosophen, der die Fähigkeit zum Zeichengebrauch als wesentliches Merkmal des Denkens hinstellte. Richard Rorty (1931 – 2007) war einer der bedeutendsten Philosophen seiner Generation. Zuletzt lehrte er Vergleichende Literaturwissenschaft an der Stanford University.

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Die Technik ist eine Erweiterung des Ichs

Maschinen scheinen den Menschen in seiner Einzigartigkeit zu bedrohen. Lisz Hirn erläutert: „Ihre fortschreitende Evolution verändert nicht nur das menschliche Tier, sondern vor allem seine Beziehung zur Welt.“ In Martin Bubers Dialogphilosophie konkretisiert sich das „Du“ als Ausgangspunkt der Welterschließung, der seit René Descartes beinahe unhinterfragt das „Ich“ gewesen war. „Ich denke, also bin ich“ als narzisstische Spielerei einer beginnenden Aufklärung, die schließlich in der Betonung der technischen Denkmodelle kumuliert. Aber nicht nur deshalb, wie manche behaupten, weil wir in einer Gesellschaft leben, die den Narzissmus in Form der Selbstsorge nicht nur befördert, ihn sogar verlangt, sondern weil die Technik genau das ist: eine Erweiterung des Ichs. Lisz Hirn arbeitet als Publizistin und Philosophin in der Jugend- und Erwachsenenbildung, unter anderem am Universitätslehrgang „Philosophische Praxis“.

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Die Renaissance verband das Denken und das Handeln

Die Renaissance war das Zeitalter des „uomo universale“, der die Welt des Denkens und Handelns miteinander verband. Das darauffolgende Zeitalter entsprach eher einem akademischen Ideal, nämlich das des universalen Gelehrten. Der Niederländer Hermann Boerhaave, selbst ein Universalgelehrter, bezeichnete es als „Monster der Gelehrsamkeit“. Peter Burke blickt zurück: „Aus heutiger Sicht betrachtet scheint das 17. Jahrhundert das goldene Zeitalter der vielseitigen Gelehrten gewesen zu sein. Selbst wenn Gelehrte dieser Art sich offenbar nicht – anders als einige ihrer Vorgänger in der Renaissance – im Fechten, Singen, Tanzen, in der Reitkunst oder der Athletik hervortaten.“ Sechzehn Jahre lehrte Peter Burke an der School of European Studies der University of Sussex. Im Jahr 1978 wechselte er als Professor für Kulturgeschichte nach Cambridge ans Emmanuel College.

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Künstliche Intelligenz ist unfähig zum Denken

Die Geschichte der Philosophie ist Martin Heidegger zufolge eine Geschichte der Grundstimmung. Byung-Chul Han fügt hinzu: „Das Denken von René Descartes etwa ist bestimmt vom Zweifel, während das Staunen Platons Denken durchstimmt. Dem „cogito“ von René Descartes liegt die Grundstimmung des Zweifels zugrunde.“ Martin Heidegger zeichnet das Stimmungsbild der neuzeitlichen Philosophie wie folgt: „Ihm [Descartes] wird der Zweifel zu derjenigen Stimmung, in der die Gestimmtheit auf das ens certum, das in Gewissheit Seiende, schwingt.“ Die Stimmung der Zuversicht in die jederzeit erreichbare Gewissheit der Erkenntnis bleibt für Martin Heidegger das pathos und somit die arché der neuzeitlichen Philosophie. Künstliche Intelligenz dagegen hat keine Zugang zu Horizonten, die eher geahnt werden als klar umrissen sind. Die Bücher des Philosophen Byung-Chul Han wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

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Auch im Traum gelten logische Gesetze

In der Erkenntnistheorie gibt es den Begriff des skeptischen Arguments. Dieses soll beweisen, dass man etwas Bestimmtes nicht wissen kann. Markus Gabriel nennt ein Beispiel: „Das berühmteste skeptische Argument ist das Traumargument, das man übrigens von Ost bis West und Nord bis Süd in vielen Kulturen finden kann.“ In Europa machte es René Descartes berühmt, der es in seine „Meditationen über die erste Philosophie“ von 1641 überzeugend entkräfte. René Descartes zeigt nämlich, dass man auch dann noch viel über die Wirklichkeit wissen kann, wenn man träumt. Denn im Traum gelten immer noch logische und mathematische Gesetze. Markus Gabriel hat seit 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn inne. Zudem ist er dort Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie.

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Das Gehirn besitzt 86 Milliarden Nervenzellen

Es mag naheliegen, die Vergrößerung seines Gehirns mit er Lebensweise des Menschen und seinen besonderen Fertigkeiten und Fähigkeiten zu verknüpfen. Und so ist auch vielfach ein Zusammenhang insbesondere mit der Ernährung, mit der Handfertigkeit, mit Werkzeuggebrauch, Sprache, Kultur und Kunst vermutet worden. Matthias Glaubrecht betont: „Und doch ist bislang nicht überzeugend geklärt, was wirklich das Gehirn zu einem solch besonderen Organ beim Menschen gemacht hat.“ Zugleich gehört es zweifelsohne zu den erstaunlichsten Paradoxien in der Natur, dass ausgerechnet Menschen als an sich anderweitig unspezialisierte Generalisten ein sehr spezielles Organ spazieren tragen. Da es in energetischer Hinsicht alles andere als verbrauchsneutral kam, muss das menschliche Gehirn einen hohen Auslesewert gehabt haben. Immerhin dienen in ihm heute 86 Milliarden Nervenzellen der Weiterleitung und Verarbeitung von Reizen. Matthias Glaubrecht ist Evolutionsbiologe, Systematiker und Wissenschaftshistoriker.

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John Locke nimmt den Menschen unter die Lupe

Der Engländer John Locke (1632 – 1704) nimmt auf experimentalwissenschaftlicher und medizinischer Basis das Studienobjekt Mensch genauer unter die Lupe. Seine Forschungsobjekte: alles was sich bewegt. Sein Hauptinteresse: zu begreifen, wie die Mechanik der menschlichen Reaktionsweisen funktioniert. Er wollte erkennen, was es heißt, wenn einer denkt oder wenn einer denkt, er würde denken. Jürgen Wertheimer weiß: „Obwohl er an der Universität Oxford studierte und lehrte, blieb er nicht völlig dem Wissenschaftsbetrieb verhaftet. Er arbeitete als Lordkanzler, als Hausarzt, Erzieher und veröffentlichte während dieser Zeit ein umfangreiches Werk.“ Allerdings brachten John Locke seine Schriften nicht nur Ruhm ein. So wurde er aus dem Christ-Church-College ausgeschlossen. In Oxford beschuldigten ihn mehrere Professoren einer zweifelhaften Gesinnung. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

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Der „europäische Geist“ erlebte eine Krise

War man um die Mitte des 17. Jahrhunderts durch die zermürbende Erfahrung des Krieges klüger geworden? ES kann jedenfalls kein Zufall sein, dass mehr oder weniger simultan europaweit Tendenzen zu beobachten sind, an allem, was mit überkommenen Machtstrukturen zu tun hat, Kritik zu üben. Jürgen Wertheimer weiß: „Das betrifft Regierungsformen wie Denkstile. England unter der republikanischen Diktatur Oliver Cromwells oder die Revolte der Niederlande gegen die spanische Hegemonie sind nur zwei Beispiele für die beginnende Korrosion traditioneller Herrschaftsgefüge.“ Weit deutlicher jedoch als im Bereich der Politik zeigen sich die Zeichen eines generellen Umbruchs im Bereich der Künste und Wissenschaften. Denn der „europäische Geist“ erlebte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine massive Krise. Jürgen Wertheimer ist seit 1991 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen.

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Der Klimawandel verursacht ein massenhaftes Artensterben

Während des Industriezeitalters ging ein Drittel der Böden der Erde durch Erosion verloren. Und Wissenschaftler warnen, dass die Menschheit zur Ernährung der Weltbevölkerung nur noch Erdreich für sechzig Jahre hat. Jeremy Rifkin erläutert: „Für die Entstehung von fünf Zentimetern Erdreich ist ein Jahrtausend und mehr nötig. Und die Wissenschaft befürchtet auch, dass der Klimawandel ein massenhaftes Artensterben verursacht. Diesem könnten in den nächsten achtzig Jahren fast die Hälfte aller heute lebenden Arten zum Opfer fallen. Gleichzeitig hat die Erde ein ernstes Sauerstoffproblem – und es wächst in alarmierender Geschwindigkeit. Die Hälfte des Sauerstoffs, der auf der Erde durch Photosynthese entstehe, wird durch Phytoplankton in den oberen Schichten der Ozeane gebildet. Jeremy Rifkin ist einer der bekanntesten gesellschaftlichen Vordenker. Er ist Gründer und Vorsitzender der Foundation on Economic Trends in Washington.

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Alles könnte auch anders sein

Nichts, buchstäblich nichts, ist mit absoluter Notwendigkeit so, wie es gerade ist. Daraus lässt sich ableiten, dass alles auch anders sein könnte. Armin Nassehi erklärt: „Der Fachbegriff dafür ist Kontingenz. Er meint: nichts ist notwendigerweise so, wie es ist, aber eben auch nichts ist zufällig so, wie es ist.“ Das sozialwissenschaftliche Denken beginnt also mit einer doppelten Erfahrung. Einerseits weiß man am besten von allen, wie arbiträr, bisweilen sogar fragil, in jedem Fall aber historisch relativ und damit konstruiert das Meiste ist. Andererseits weiß man mit am genauesten, wie wirkmächtig gesellschaftliche Muster sind und wie stark das menschliche Verhalten strukturiert ist. Das individuelle Verhalten wie auch der Zustand sozialer Aggregate sind sehr berechenbar. Armin Nassehi ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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Der Mensch ist mehr als sein Schein

Søren Kierkegaard wirft sich im Namen der Leidenschaft in die Arme der Religion. Friedrich Nietzsche wendet sich im Namen des Willens zur Macht gerade von ihr ab. Beide sehen sich aber gezwungen die Vernunft zu relativieren und sie etwas Größerem, Stärkerem und Mächtigerem unterzuordnen. Auch das zeichnet sich für Ger Groot seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts bereits ab: „Im Spieltrieb sucht Friedrich Schiller nicht länger nach einer Annäherung an die Wirklichkeit, sondern sieht darin eine Hinwendung zum Schein.“ Der Kunst des noch nicht Wirklichen wird dabei eine höhere Wahrheit zugeschrieben als dem Reellen. Die Rationalität kann nicht länger als Prüfung gelten. Ger Groot lehrt Kulturphilosophie und philosophische Anthropologie an der Erasmus-Universität Rotterdam. Außerdem ist er Professor für Philosophie und Literatur an der Radboud Universität Nijmegen.

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Leben und Wille sind aktive Prinzipien

Der Forschungsgegenstand der Physik war von Anfang an das, was man als „unbelebte Materie“ bezeichnet. Dass das Leben gänzlich anderen Gesetzen folgt, bemerkte schon Isaac Newton. Er schreibt: „Leben und Wille sind aber aktive Prinzipien. Durch diese bewegen wir den Körper. Und aus ihnen erwachsen andere Gesetze der Bewegung, die uns unbekannt sind.“ Seit dem frühen 17. Jahrhundert behaupteten Forscher, dass sich nicht nur die Bewegungen toter Objekte, sondern auch die des Lebens vollständig aus den Prinzipien der Mechanik erklären ließen. Fabian Scheidler erklärt: „Isaac Newton wies jedoch auf die entscheidende Schwäche dieser Auffassung hin. Wenn Lebewesen rein mechanische Apparaturen sind, wie ist dann die Erfahrungstatsache zu erklären, dass wir unseren Körper durch bewusste Entscheidungen bewegen können?“ Der Publizist Fabian Scheidler schreibt seit vielen Jahren über globale Gerechtigkeit.

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Die Uhr verwirrte das Denken

Als die Uhr in die Welt kam, verwirrte sie das Denken mit einer enormen Wucht. Dieser war die sogar unfassbar mächtige Kirche, trotz lang anhaltenden Widerstands, am Ende nicht gewachsen. Daniel Goeudevert erklärt: „Ein von Menschen geformtes Werkzeug wurde zum göttlichen Prinzip erklärt und Gott zu einem Uhrmacher degradiert. Das ganze Universum samt der lebendigen Natur erfuhr eine mechanistische, rationalistische Umdeutung.“ Dadurch geriet eine Zukunft in den Blick, die nicht im Jenseits lag, sondern die man schon im Diesseits, auf Erden erreichen konnte. Und diejenigen, die darüber „aufklärten“, waren fast alle von dem meisterhaften Räderwerk der Uhr inspiriert. Den Anfang machte Francis Bacon in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit seiner Schrift „Novum Organum“. Daniel Goeudevert war Vorsitzender der deutschen Vorstände von Citroën, Renault und Ford sowie Mitglied des Konzernvorstands von VW.

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Die Aufklärung suchte nach Gewissheiten

Die europäische Aufklärung ist ganz durchtränkt vom Geiste der Kritik. Vor allem die aufklärerische Bibelkritik hat das kritische Denken damals sogar in die Religion getragen. Denn sie arbeitete die historischen und subjektiven Bedingungen der Entstehung von Bibeltexten heraus. Dadurch wurde der Anspruch einer direkten Gottesbotschaft durch diese Forschungen zur Historizität der Bibel stark relativiert. Silvio Vietta erläutert: „Die Aufklärung verfolgte dann auf der Grundlage der Erkenntnisse neuzeitlicher Naturwissenschaften über den Kosmos und auch Menschen das Ziel, endlich klar zwischen falschen und richtigen Urteilen über die Welt zu unterscheidenden. Sie suchte in Bezug auf die Wahrheit nach „Gewissheit“. Der Vorreiter dieser Denkbewegung war René Descartes. Prof. em. Dr. Silvio Vietta hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt.

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Tiere können urteilen und irren

Ob Tiere denken, Verstand haben oder irren können, ist mit mindestens zwei Problemen verbunden. Einerseits mit der Bedeutung von Konzepten und Begriffen, mit denen die Wissenschaft komplexe Sachverhalte beschreibt. Andererseits mit der methodischen Schwierigkeit, die den Handlungen von Tieren zugrunde liegenden mentalen Prozesse aufzudecken. Ludwig Huber erklärt: „Ob Tiere irren können, hängt also einerseits davon ab, ob wir einen strengen Urteils- und Irrtumsbegriff anlegen.“ Dann kommt man nämlich zu dem Schluss, dass Tiere, weil sie keine propositionellen Einstellungen bilden können, weder urteilen noch irren können. Wenn man die Begriffe jedoch etwas weiter fasst, kann man durchaus davon sprechen wollen, dass Tiere urteilen und irren. Ludwig Huber ist Professor und Leiter des interdisziplinären Messerli Forschungsinstituts für Mensch-Tier-Beziehungen an der Veterinärmedizinischen Universität Wien.

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Der Mensch ist nicht mehr „Herr im eigenen Haus“

Sigmund Freud beschrieb 1917 die Kränkungen der Menschheit, nicht mehr im Mittelpunkt der Welt zu stehen und sogar Teil des Tierreichs zu sein. Und noch dazu, so schloss er aus einer eigenen Arbeit, nicht „Herr im eigenen Haus“ zu sein. Humanistische Gymnasien und aufgeklärte Philosophen konnten den Menschen als aufgeklärte Vernunftwesen feiern, solange sie wollten. Philipp Blom stellt dagegen fest: „Der Arzt und Denker Sigmund Freud glaubte zu verstehen, dass diese Ansicht auf einer frommen Illusion fußte.“ Was Individuen als sinnvolle, freie Entscheidungen oder sinnlose Zwangshandlungen wahrnahmen, war nur die trügerische Oberfläche eines Gewässers. Dessen Tiefenströmungen und tief verankerten, frustrierten und verdrängten Triebe und Erinnerungen gaben die eigentliche Lebensrichtung vor. Philipp Blom studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford.

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Der mündige Intellektuelle ist der Aufklärung verpflichtet

Der mündige Intellektuelle verachtet Ideologien. Zumindest solche, die Gefolgschaft erfordern und die Preisgabe der intellektuellen Autonomie zum Wohle eines abgeschlossenen Weltbildes. Dieses kann in der Postmoderne auch gern widersprüchlich und torsohaft daherkommen. Ulf Poschardt fügt hinzu: „Der mündige Intellektuelle hat ein stark dynamisches und performatives Verständnis von Denken und Werk.“ Er versteht sein eigenes Reflexions- und Wissensniveau als Verpflichtung, Verantwortung zu übernehmen. Der mündige Intellektuelle ist dem Ideal des aufgeklärten Diskurses und Debatte verpflichtet. Er will nicht gefallen, sondern sortiert seine Anliegen entlang jener Anliegen, die in den entscheidenden gesellschaftlichen Debatten jeweils zu kurz kommen. Seine Differenziertheit folgt strategischen Überlegungen. Er muss seine eigene Position relativ zum Kurs des Ganzen definieren. Seit 2016 ist Ulf Poschardt Chefredakteur der „Welt-Gruppe“ (Die Welt, Welt am Sonntag, Welt TV).

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In einer technokratischen Gesellschaft gibt es keine Bindungen

Die in der Leistungsgesellschaft vorherrschende Bildung hat die moralischen und politischen Lehren aus den antiken philosophischen Schulen verdrängt. Nicht zufällig sprach Karl Marx von gesellschaftlichem Atomismus und knüpfte damit an Epikurs Philosophie an. Isabella Guanzini erläutert: „Damit meinte der eine Gesellschaft ohne Bindungen, in der die Subjekte autonom ihr Leben führen. Sie existieren getrennt vom gesellschaftlichen Beziehungsgeflecht, in einem individualistischen und grundsätzlich egoistischen Zustand.“ Auch Theodor W. Adorno betont, welch furchtbare Ausstrahlungskraft das Ideal der Kälte und Effizienz in der technokratischen Gesellschaft der Vor- und Nachkriegszeit hatte. Individualistische Teilchen bewegen sich durch ein technisiertes Umfeld, von dem sie sich leicht absorbieren lassen, und bilden so gleichgültigen Gewissens ein Magnetfeld. Isabella Guanzini ist Professorin für Fundamentaltheologie an der Universität Graz.

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Es gibt für Immanuel Kant nur eine Wirklichkeit

Bei Immanuel Kant muss die Metaphysik der kritischen Analyse der Erkenntnis weichen. Ger Groot erläutert: „Es ist das menschliche Erkenntnisvermögen, das die Welt zu dem macht, was sie ist.“ „Die Metaphysik der Sitten“ besagt daher nichts anderes, als dass die Voraussetzungen des moralischen Lebens in der menschlichen Konstitution gefunden werden müssen. Damit glaubt Immanuel Kant, eine Lösung für die widersprüchliche Art und Weise gefunden zu haben, in der sich die Menschen selbst als menschliche Wesen sehen. Anders als bei René Descartes gibt es bei ihm nur eine Wirklichkeit und eine Materie. Aber darin erscheint das vernünftige Wesen, das der Mensch ist, unter zwei Standpunkten. Ger Groot lehrt Kulturphilosophie und philosophische Anthropologie an der Erasmus-Universität Rotterdam und ist Professor für Philosophie und Literatur an der Radboud Universität Nijmegen.

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Selbst denken kann gefährlich sein

In Kulturen, die von Traditionen geleitet werden, ist der Einzelne nicht aufgerufen, die gegebenen Lebensformen zu hinterfragen. Sondern er ist aufgefordert, sie zu erfüllen. Diese in Frage zu stellen, könnte sogar ausgesprochen gefährlich sein. Silvio Vietta erläutert: „Auch in der europäischen Kultur sind Fragende oft aus dem Lande gejagt, ins Gefängnis gesperrt, verbrannt worden. Nicht nur im Mittelalter, auch in den totalitären Phasen der Neuzeit.“ Noch tiefer als eine Frage setzt der Zweifel vorgegebene Formen des Denkens auf den Prüfstand. „Etwas bezweifeln“ heißt deren Richtigkeit in Frage zu stellen. Das ruft wiederum das Denken als eigenverantwortliches Prüfen von Sachverhalten auf den Plan. Vor allem die mittelalterliche Kirche hielt den Zweifel für etwas Gefährliches. Wer an Gott zweifelte, konnte schnell auf dem Scheiterhaufen landen. Prof. em. Dr. Silvio Vietta hat an der Universität Hildesheim deutsche und europäische Literatur- und Kulturgeschichte gelehrt.

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Der Mensch ist als Teil mit einem Ganzen verbunden

Die ersten großen Denker in der Epoche der Renaissance Marsilius Ficinus und Pico della Mirandola lassen das griechische Ideal der Weisheit wiederaufleben. Frédéric Lenoir erläutert: „Sie versuchen, nach dem Vorbild der Antike den Menschen in einem Kosmos zu integrieren: Der Mensch ist als Teil mit einem Ganzen verbunden und muss sich der universellen Gesetzen der Natur unterwerfen.“ Im 17. Jahrhundert denkt der Philosoph Baruch Spinoza gewissermaßen die von den Denkern der Antike ererbte Sichtweise weiter. Er entwickelt eine ethische Philosophie, die ganz dem Streben nach Weisheit verpflichtet ist. Im vorigen Jahrhundert hatte auch Montaigne eine Weisheit „auf der Höhe des Menschen“ vorgeschlagen. Diese ist zwar von Skeptizismus gefärbt, aber auch auf Glück und Freude ausgerichtet. Frédéric Lenoir ist Philosoph, Religionswissenschaftler, Soziologe und Schriftsteller.

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Die Denker der Antike strebten nach Weisheit

Die ersten großen Denker in der Epoche der Renaissance Marsilius Ficinus und Pico della Mirandola lassen das griechische Ideal der Weisheit wiederaufleben. Frédéric Lenoir erläutert: „Sie versuchen, nach dem Vorbild der Antike den Menschen in einem Kosmos zu integrieren: Der Mensch ist als Teil mit einem Ganzen verbunden und muss sich der universellen Gesetzen der Natur unterwerfen.“ Im 17. Jahrhundert denkt der Philosoph Baruch Spinoza gewissermaßen die von den Denkern der Antike ererbte Sichtweise weiter und entwickelt eine ethische Philosophie, die ganz dem Streben nach Weisheit verpflichtet ist. Im vorigen Jahrhundert hatte auch Montaigne eine Weisheit „auf der Höhe des Menschen“ vorgeschlagen, die zwar von Skeptizismus gefärbt, aber auch auf Glück und Freude ausgerichtet ist. Frédéric Lenoir ist Philosoph, Religionswissenschaftler, Soziologe und Schriftsteller.

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