Der Mensch ist als Teil mit einem Ganzen verbunden

Die ersten großen Denker in der Epoche der Renaissance Marsilius Ficinus und Pico della Mirandola lassen das griechische Ideal der Weisheit wiederaufleben. Frédéric Lenoir erläutert: „Sie versuchen, nach dem Vorbild der Antike den Menschen in einem Kosmos zu integrieren: Der Mensch ist als Teil mit einem Ganzen verbunden und muss sich der universellen Gesetzen der Natur unterwerfen.“ Im 17. Jahrhundert denkt der Philosoph Baruch Spinoza gewissermaßen die von den Denkern der Antike ererbte Sichtweise weiter. Er entwickelt eine ethische Philosophie, die ganz dem Streben nach Weisheit verpflichtet ist. Im vorigen Jahrhundert hatte auch Montaigne eine Weisheit „auf der Höhe des Menschen“ vorgeschlagen. Diese ist zwar von Skeptizismus gefärbt, aber auch auf Glück und Freude ausgerichtet. Frédéric Lenoir ist Philosoph, Religionswissenschaftler, Soziologe und Schriftsteller.

René Descartes entzaubert die Beziehung zwischen Mensch und Natur

Dagegen wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts René Descartes die Beziehung zwischen Mensch und Natur entzaubern, indem er die Philosophie im Hinblick auf Bewusstsein und Subjektivität neu denkt. Auch wenn er sich selbst noch, insbesondere wenn es um die Beherrschung der Leidenschaften geht, für eine gute Lebensweise interessiert, zeichnet er doch den Weg vor, der die philosophische Moderne beherrschen wird: Künftig geht es um die Verherrlichung des wollenden und denkenden Subjekts.

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Für diesen freien Menschen setzen sich auch die wichtigsten Protagonisten der modernen Philosophie, Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel, ein. Immanuel Kant definiert im Übrigen das Glück nicht als Ideal der Vernunft, sondern der Vorstellungskraft. Damit trägt er die Weisheit zu Grabe. „Der andere Weg“, um einen Begriff von Blandine Kriegel aufzugreifen, der Weg der antiken Philosophen, der Renaissance-Denker und Spinozas, wird somit in Vergessenheit geraten. Weisheit scheint für die meisten zeitgenössischen Denker ein ebenso illusorisches wie archaisches ideal zu sein.

Ein immer größeres Publikum begeistert sich für die Weisheit

Die Philosophen, die sich heutzutage noch für die Weisheit interessieren, stehen in der wissenschaftlichen Welt eher am Rande. Frédéric Lenoir stellt fest: „Die meisten Akademiker sind Hyperspezialisten für einen Denker oder eine Epoche. Sie versagen sich unter dem Vorwand wissenschaftlicher Genauigkeit persönliche Gedanken oder eine persönliche Auslegung.“ Ebenso verhält es sich mit vielen Philosophielehrern an den Schulen, die Philosophiegeschichte unterrichten und darunter verstehen, so neutral wie möglich zu bleiben.

Allerdings lässt sich in der Tat eine wahre Begeisterung für die Weisheit bei einem immer größer werdenden Publikum feststellen. Die Werke von Vertretern des Stoizismus, wie Montaigne oder Baruch Spinoza wurden nie so stark verbreitet wie heute. Das Gleiche gilt für Werke fernöstlicher Denker. Insbesondere für die Bücher des Dalai Lama. Das liegt, scheint Frédéric Lenoir, am dreifachen Scheitern der religiösen, der politischen und ultraliberalen konsumorientieren Ideologie. Diese hatten allesamt der Menschheit das Glück mit letztlich unwirksamen Rezepten verheißen. Quelle: „Weisheit“ von Frédéric Lenoir

Von Hans Klumbies