In einer technokratischen Gesellschaft gibt es keine Bindungen

Die in der Leistungsgesellschaft vorherrschende Bildung hat die moralischen und politischen Lehren aus den antiken philosophischen Schulen verdrängt. Nicht zufällig sprach Karl Marx von gesellschaftlichem Atomismus und knüpfte damit an Epikurs Philosophie an. Isabella Guanzini erläutert: „Damit meinte der eine Gesellschaft ohne Bindungen, in der die Subjekte autonom ihr Leben führen. Sie existieren getrennt vom gesellschaftlichen Beziehungsgeflecht, in einem individualistischen und grundsätzlich egoistischen Zustand.“ Auch Theodor W. Adorno betont, welch furchtbare Ausstrahlungskraft das Ideal der Kälte und Effizienz in der technokratischen Gesellschaft der Vor- und Nachkriegszeit hatte. Individualistische Teilchen bewegen sich durch ein technisiertes Umfeld, von dem sie sich leicht absorbieren lassen, und bilden so gleichgültigen Gewissens ein Magnetfeld. Isabella Guanzini ist Professorin für Fundamentaltheologie an der Universität Graz.

Das Schicksal der anderen interessiert keinen mehr

Das ist die Geburt des modernen Individuums durch Reduktion, Immunisierung, Abstraktion und Klärung – wie bei der Dekonstruktion der Wirklichkeit in den „Meditationen“ von René Descartes. Allmählich entstand so ein Makrokosmos aus tendenziell selbstbezogenen Subjekten. Diese setzen das neue Freiheitsideal um, was Selbstbestimmung und zugleich eine Entfremdung für die Schwerkraft der Situation mit sich brachte. Individualismus und Konformismus einen die Individuen der „lonely crowd“.

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Es handelt sich dabei um jene kalte Menge aus einsamen Subjekten. Sie streifen sich, ohne sich zu berühren, als bewegten sie sich auf den geradlinigen Teilchenbahnen, wie sie sich die allerersten Atomisten vorstellten. Die globalisierte Gesellschaft schließlich hat definitiv in das Aneignungssubjekt investiert, das die eigenen Interessen und die Stärkung seiner Identität verfolgt. Dem Schicksal der anderen steht es grundsätzlich fremd gegenüber. Jacques Lacan würde diese Hypertrophie des Ich als „das menschliche Symptom par excellence“ oder als „Geisteskrankheit des Menschen“ bezeichnen, als seine unbewussteste psychische Deformation.

Das Schicksal der anderen interessiert keinen mehr

Denn die Anmaßung, ein Ich zu sein, ist ein narzisstischer Wahn. Die gesamte zeitgenössische Kultur hat immer wieder versucht ihn zu analysieren, anzuprangern, einzudämmen und zu kurieren. Angefangen bei der Philosophie über die Künste bis hin zur Psychoanalyse. Die Psychoanalyse entsteht gerade als Diagnose und Therapie dieser Krankheit des Egos. Man erinnere sich nur ans Sigmund Freuds Schrift „Zur Einführung des Narzissmus“ aus dem Jahr 1914.

Sie ist die dritte große Kränkung der Menschheit, nach der Kopernikanischen Deklassierung der Erde, welche nun nicht mehr das Zentrum des Sonnensystems bildete, und nach Darwins Degradierung des Menschen durch den Beweis seiner Abstammung vom Affen. Nach dem kosmologischen und biologischen Schlag hat Sigmund Freud nun die psychologische Wunde aufgerissen, indem er die subjektive Identität in Frage stellte und jedes Ideal von Autonomie und Selbstbeherrschung entlarvte. Quelle: „Zärtlichkeit“ von Isabella Guanzini

Von Hans Klumbies