Wenn Sie einmal gelernt haben, wie man einem Wein „zuhört“, werden Sie fasziniert davon sein, was er zu erzählen hat. Aldo Sohms Verkostungsritual ist ziemlich aufwendig, deshalb konzentriert er sich in seinem Buch „Einfach Wein“ auf das Wesentliche. Neigen Sie das Glas, sodass der Wein zur Seite kippt und halten Sie ihn am besten vor einen hellen Hintergrund wie ein weißes Tischtuch oder die Rückseite der Speisekarte. Idealerweise bei Tageslicht, den in den meisten Restaurants ist das Licht zu gelblich. Wenn man roten Wein trinkt, sollte man die Farbe betrachten: je violetter, desto jünger der Wein. Weißweine, besonders eichenfassgereichte, werden mit dem Alter goldener. Der Österreicher Aldo Sohm ist einer der renommiertesten Sommeliers der Welt, eine Legende seiner Branche. Christine Muhlke ist Redakteurin des Feinschmecker-Magazins „Bon Appétit“.
Umwelt
Weltweit sind Millionen Menschen durch die globale Erwärmung bedroht
Matthias Glaubrecht stellt fest: „Die drei wärmsten Jahre nach Beginn der Aufzeichnung vor etwa anderthalb Jahrhunderten wurden in Europa alle nach dem Jahr 2020 verzeichnet, die zehn wärmsten seit 2007.“ Und auch das Oberflächenwasser erreichte 2023 im Nordatlantik wie im Pazifik vielfach Temperaturen auf Rekordniveau. Die Folgen in Form von Extremwettereignissen – Dürren und Waldbrände hier sowie Stürmen und Überschwemmungen dort – sind mittlerweile hinreichen bekannt und vielfach beklagt. Unübersehbar ist überdies, dass mit fortschreitender globaler Erwärmung die Lebensbedingungen auf der Erde beeinträchtig werden, wovon bereit jetzt weltweit Millionen Menschen betroffen sind. So stellt der Klimawandel nicht nur die Landwirtschaft und die Wasserwirtschaft vor große Herausforderungen, er belastet auch die Gesundheit der Menschen und die Ernährungssicherheit. Der Evolutionsbiologe und Biosystematiker Matthias Glaubrecht ist Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg.
Die Natur vermittelt Vertrautheit und Geborgenheit
Wilhelm Schmid schreibt: „Mehr als aus theoretischer Einsicht lernen Menschen aus praktischer Erfahrung, wie sich beispielsweise eine Klimaveränderung im eigenen Alltag anfühlt. Dann geht alles ganz schnell. Mit der entschiedenen Nutzung erneuerbarer Energien lassen sich die Folgen eindämmen, und da auch ärmere Länder in reichem Maße über Solar- und Windenergie verfügen, sind sie mit deren Einsatz in der Lage, ihren Bewohnern heimische Lebensperspektiven zu eröffnen.“ Zugleich entdecken immer mehr Menschen die Vorzüge der Natur, die ihnen Vertrautheit und Geborgenheit vermittelt sowie endlich den Sinn, der ihnen im Leben fehlte. Die Erfahrung ist so nachhaltig, wie die Naturferne groß war, in der sie modernetrunken zu lange zu leben versuchten. Das Zurück zur Natur gibt Menschen ihre eigentliche Heimat zurück. Wilhelm Schmid lebt als freier Philosoph in Berlin.
Die Indus-Zivilisation ging durch eine Klimakatastrophe zugrunde
Viele Hochkulturen sind an Umständen gescheitert, die sie selbst zu verantworten hatten. In keiner dieser Gesellschaften erkannte man die Zusammenhänge. Stefan Klein nennt bei Beispiel: „Die Indus-Zivilisation im heutigen Pakistan etwa gehörte zu den drei frühesten Hochkulturen überhaupt. Sie war wohl auch die erste Zivilisation, die durch eine selbstverschuldete Umweltkatastrophe zugrunde ging. Das geschah um die Wende zum zweiten Jahrtausend vor Christus.“ Die Gelehrten in den prächtigen Städten am Indus, wo die Häuser sogar wassergespülte Toiletten hatten, ahnten nicht, warum die Ernten ausblieben. Die Gründe ähnelten, wie man heute weiß, denen, die auch den Niedergang der Maya bewirkten. Zu intensiver Ackerbau erodierte die Böden, Rodung der Wälder verringerte die Niederschläge. Stefan Klein zählt zu den erfolgreichsten Wissenschaftsautoren der deutschen Sprache. Er studierte Physik und analytische Philosophie in München, Grenoble und Freiburg.
Die klimatischen Bedingungen in der Arktis haben sich verschoben
Keine Frage, dass sich die klimatischen Bedingungen – gerade auch in der Arktis – verschoben haben, wie neuere Studien einmal mehr zeigen. Matthias Glaubrecht erklärt: „Demnach kam es in den beiden vergangenen Jahrzehnten zu knapp einem Dutzend Hitzewellen in den Randgebieten es Arktischen Ozeans mit durchschnittlich um mehr als zwei Grad wärmeren Meerestemperaturen and er Oberfläche.“ Auch in der Arktis waren 2023 und 2024 die wärmsten Jahre seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen vor anderthalb Jahrhunderten, wobei die fünf wärmsten je registrierten Jahre alle nach 2016 auftraten und zu einer unterdurchschnittlichen Ausdehnung des Meereises führten. Und keine Frage, dass sich damit die Umwelt der Eisbären ändert. Das wärmere Wasser und der anhaltende Verlust des Meereises beeinflussen das gesamte arktische Ökosystem, in dem es etwa zum Abriss von Nahrungsketten kommt und das Fundament der Nahrungspyramide ins Wanken gerät. Der Evolutionsbiologe und Biosystematiker Matthias Glaubrecht ist Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg.
Der Reichtum der Natur ist verschwenderisch
Man kennt nicht mehr den verschwenderischen Reichtum der Natur, sondern nur noch Biosphäre, Biodiversität, CO2-Bilanz. Alain Finkielkraut kritisiert: „Wegen der Umweltprobleme vernachlässigt man die Betrachtung und die Erhaltung der Landschaft.“ Man will seine Zeit nicht mit der Schönheit der Erde verschwenden, wenn das Haus in Flammen steht. Da zudem Personen ihre Ablehnung von Windrädern kundgetan haben, die der Rechten und sogar der extremen Rechten zugerechnet werden, sehen die wachsamen Bürger vor ihrem geistigen Auge schon antifaschistische Windräder rotieren. „Das Sein ist das, was Schöpfungen von uns verlangt, damit wir es erfahren können“, schrieb Maurice Merleau-Ponty. Dementsprechend kann man sagen: Die Natur – wild oder kultiviert – braucht Dichter, damit wir sie sehen und bewundern können. Alain Finkielkraut gilt als einer der einflussreichsten französischen Intellektuellen.
Ein klassisches Kipppunkt-System entsteht in der Fischerei
Welche dramatischen Effekte die Überschreitung klimatischer Kipppunkte haben kann, zeigt die Erdgeschichte. Dirk Brockmann erklärt: „Aus Untersuchungen in ozeanischen Sedimentschichten weiß man, dass zu verschiedenen Zeitpunkten sogenannte anoxische Ereignisse stattgefunden haben. Binnen vergleichsweise kurzen Zeiträumen ist dabei die Sauerstoffkonzentration in den Ozeanen extrem stark abgesunken.“ In diesen Phasen gelangten aufgrund von starker Erosion oder vermehrten Vulkanausbrüchen Verwitterungsprodukte in die Ozeane. Sie wurden überdüngt. Gleichzeitig wurde die wichtige thermohaline Zirkulation unterbrochen. Wie die kleinen und großen Seen kippten die Ozeane dann praktisch gleichzeitig um. Es wird vermutet, dass dieser globale marine Kipppunkt schon mehrfach überschritten wurde und zum Teil zu marinen Massenaussterben geführt hat, von denen sich die Ozeane erst nach Hunderttausenden von Jahren wieder erholen konnten. Der Komplexitätswissenschaftler Dirk Brockmann ist Professor am Institut für Biologie der Berliner Humboldt-Universität.
Pestizide und Herbizide töten viele Insekten
Die Menschheit hat ein Insektensterben historischen Ausmaßes entfacht, jener Helfer der Natur, die mehr als Dreiviertel der Nutzpflanzen bestäuben. Richard David Precht erläutert: „Man hat dieser Grundlage der Welternährung mit Pestiziden und Herbiziden bis zum Verschwinden oder bis zur Resistenz zugesetzt.“ Menschen haben zudem die Wälder abgeholzt und die Meere überfischt und die natürlichen Biotope auf dem Planeten Erde zerstört. Fast alle weiteren Risiken, die das Ranking des World Economic Forum auflistet, sind mehr oder weniger die Folgen der ersten drei. Dass weltweit die Spaltung von Arm und Reich zunimmt, wir mehr und mehr mit Klimaveränderungen zu tun haben, welche die Ärmsten der Armen südlich der Sahara unverhältnismäßig mehr treffen als Schweden oder Japan. Der Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
Weltweit verschwinden massenhaft Tier- und Pflanzenformen
Als Wissenschaftler beschäftigt sich Matthias Glaubrecht seit dreißig Jahren vornehmlich mit der Evolution und Biosystematik, und das – ausgerechnet – am Beispiel tropischer Süßwasserschnecken. In seiner Arbeitsgruppe, zunächst in Berlin am Naturkundemuseum, dann am Zoologischen Museum in Hamburg, haben sie dahin unbekannte Arten und ihre Vorkommen vor allem in Südostasien und Australien beschrieben und das alte Mysterium Charles Darwins untersucht, wie neue Arten entstehen und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. So kurios das im ersten Moment erscheinen mag, an Schnecken lassen sich solche grundsätzlichen Fragen der Biologie ideal erforschen. Und daher sind etwa die Hochlandseen der indonesischen Insel Sulawesi, die Bäche in Thailand un die Flüsse im Norden des australischen Outback jene Orte, die Matthias Glaubrecht aus eigenen Erleben am besten kennt. Der Evolutionsbiologe und Biosystematiker Matthias Glaubrecht ist Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg.
Auch die Natur braucht zum Überleben eine Mindestfläche
Wenn wir die vielen Länder auf der Erde betrachten, sehen wir nur in wenigen Staaten ausgedehnte Flächenreserven für die Menschheit. Ille C. Gebeshuber stellt fest: „In den meisten ist die Natur bereits von der menschlichen Außengrenze umgeben und wird so durch Straßen und Zäune systematisch eingeschnürt und oft auch durchschnitten.“ Viele werden meinen, das sei kein großes Problem, aber auch die Natur braucht zum Überleben eine Mindestfläche. Wenn zum Beispiel Straßen oder andere Barrieren Populationen in kleinen Räumen einschließen, führt dies dazu, dass die einzelnen Tierarten nicht ausreichend genetisch-fremde Partner finden. Inzucht stellt sich ein, die sich über mehrere Generationen so verstärkt, dass mit dem Aussterben von Arten gerechnet werden muss. Ille C. Gebeshuber ist Professorin für Physik an der Technischen Universität Wien.
Die Ostsee ist das das dreckigste Meer der Welt
Dirk Steffens und Fritz Habekuss blicken zurück: „Historische Transformationen wie die Abschaffung der Sklaverei oder die Installation einer hygienischen Wasserversorgung mussten verschiedene Phasen durchlaufen, bis sie zu ihrem Ziel gelangten.“ Der Prozess kann an vielen Stellen im System unterschiedlich schnell ablaufen und auch jederzeit wieder in eine frühere Phase kippen. Zu verschiedenen Zeitpunkten spielen jeweils andere Akteure die entscheidenden Rollen. Allein in Europa, so schätzt das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, gehen jährlich rund 25.000 Netze verloren, die dann als tödlicher Müll viele Jahre lang durch die Meere treiben. In ihrem Buch „Über Leben“ erzählen der Moderator der Dokumentationsreihe „Terra X“ Dirk Steffens und Fritz Habekuss, der als Redakteur bei der „ZEIT“ arbeitet, von der Vielfalt der Natur und der Schönheit der Erde.
Der Klimawandel ist ein Symptom der globalen Krise der Ungleichheit
Wer Extremwetterereignisse erforscht, schaut wie durch ein Brennglas auf Gesellschaften und beobachtet, wie das Zusammenspiel von Wetter, Klima, Geografie, Information, Kommunikation, Regierungsstrukturen und sozioökonomischen Gegebenheiten zu Katastrophen führt – und vor allem für wen. Friederike Otto stellt fest: „Was mich Extremwetterereignisse also vor allem gelehrt haben, ist, dass die Klimakrise eine Krise ist, die hauptsächlich durch Ungleichheit und die nach wie vor unangefochtene Vorherrschaft patriarchaler und kolonialer Strukturen geprägt ist, die zudem verhindern, dass ernsthaft Klimaschutz betrieben wird.“ Physikalische Veränderungen wie stärkere Regenfälle und trockenere Böden wirken sich nur mittelbar aus. Kurz: Der Klimawandel ist ein Symptom dieser globalen Krise der Ungleichheit und Ungerechtigkeit, nicht ihre Ursache. Friederike Otto forscht am Grantham Institute for Climate Chance zu Extremwetter und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Sie hat das neue Feld der Zuordnungswissenschaft – Attribution Science – mitentwickelt.
Die ökologische Bewegung wird nicht als Avantgarde anerkannt
Ullrich Fichtner schreibt: „Im alten Paradigma der Fliegerhelden, Erfinden, Raumfahrtpioniere und Fabrikanten, sagen wir ruhig: im falschen ersten Paradigma des Anthropozäns, waren laut Bruno Latour Wohlstand, Emanzipation, Freizeit die motivierenden Werte schlechthin.“ Diese nun umgestalten zu müssen, weil es die krisenhafte Entwicklung des Klimas erfordert, löse keinerlei Begeisterung aus, sondern trage den Öko-Aktivisten und -Parteien nur den Vorwurf der Langeweile, Einschränkung und Rückwärtsgewandtheit ein. Die ökologische Bewegung wird deshalb nicht als Avantgarde anerkannt, nicht als führende Kraft auf einem „Zeitpfeil“, nicht als Vorhut der Zukunft, nicht als Agent des Fortschritts, im Gegenteil. Sie steht für trockene Vernunft, also Humorlosigkeit, Verbote, Predigten, für Verzicht. Das macht es ihren Gegnern leicht, gegen eine angeblich aufziehende „Ökodiktatur“ zu trommeln und die Umweltfreunde vorzugsweise als kleinkarierte Moralapostel vorzuführen. Ullrich Fichtner ist Reporter des „Spiegel“ und gehört zu den renommiertesten Journalisten Deutschlands.
Der überversorgende Wohlstand ist eine gefährliche Droge
Joachim Bauer betont: „Eine Lebensweise, welche die Grenzen der ökologischen Vernunft beachtet, bedeutet Gewinn, nicht Verlust. Persönliches Wohlergehen und das Schicksal unseres Planeten sind miteinander verknüpft. Gute Selbstfürsorge und Fürsorge für die Globus sind ein und dasselbe.“ Entfremdung von der Natur ist Selbst-Entfremdung. Wenn wir nicht fühlen, was die Welt fühlt, wenn wir unser Leben nicht ändern und den Klimawandel nicht stoppen, werden wir in naher Zukunft kein lebenswertes Leben mehr führen können. Der überversorgende Wohlstand, in dem wir derzeit noch leben, ist eine überaus gefährliche Droge: Bildlich gesprochen, sieht Joachim Bauer uns mit dem Handy in der Hand, mit unsere Aufmerksamkeit suchtartig an die digitalen Medien gefesselt, an einem reich gedeckten Esstisch verharren, während draußen der Waldbrand dabei ist, das Haus zu umzingeln. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.
Das sechste Artensterben ist dieses Mal menschengemacht
Matthias Glaubrecht klagt an: „Wir sehen zu, wie unsere moderne Zivilisation den Planeten entwaldet, die Ozeane entleert und wie wir Krieg gegen die Natur führen. Wir erleben ein weiteres naturhistorisches Massensterben der Tier- und Pflanzenwelt – das sechste Artensterben, das dieses Mal allerdings menschengemacht ist. Doch immer noch verweigern wir uns dieser Erkenntnis, ignorieren wir die globale Artenkrise und schenken dem Leben um uns herum nicht ausreichend Aufmerksamkeit.“ Die Natur kämpft vielerorts auf der Erde längst ums Überleben, im Würgegriff von intensiver Landwirtschaft und einem gierigen Welthandel, vorangetrieben von Rohstoffhunger und Ressourcenverbrauch. Diese ließen eine Welt von unserer Hand entstehen, das Anthropozän oder die Menschen-Zeit. Der Evolutionsbiologe und Biosystematiker Matthias Glaubrecht ist Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg.
Für Aldo Sohn bedeutet Wein Lebensfreude
Aldo Sohm und Christine Muhlke erklären in dem Buch „Einfach Wein“ unter anderem wie man Wein schmeckt – Tipp: Es fängt nicht mit der Zunge an –, einkauft, bestellt, serviert und lagert. Aldo Sohm hat Wein auf vielen Ebenen zu seinen Lebensinhalt gemacht: „Fünf Tage pro Woche, mittags und abends, beobachte ich, wie Menschen ihm begegnen und ihn erleben – als Genießer oder Abenteurer, als Statustrinker oder Kenner.“ Für Aldo Sohm persönlich bedeutet Wein Lebensfreude. Seine besondere Gabe ist, Menschen zusammenzubringen. Er regt Unterhaltung an wie nichts sonst. Er setzt Dinge in Gang und bezieht alles mit ein, ob man nun mit Freunden eine Flasche Champagner öffnet oder für sich alleine ein Glas an der Bar trinkt. Der Österreicher Aldo Sohm ist einer der renommiertesten Sommeliers der Welt, eine Legende seiner Branche. Christine Muhlke ist Redakteurin des Feinschmecker-Magazins „Bon Appétit“.
Täglich sterben Hunderte von Organismen aus
Was mit der Vielfalt des Lebens auf diesem Planeten passiert und wie rapide sich dieser Zusammenbruch vollzieht, ist fürchterlich. Philipp Blom ergänzt: „Nicht nur, dass täglich Hunderte von Organismen aussterben, noch bevor sie jemals von Menschen identifiziert wurden. Die rapide Veränderung und Verschlechterung von Lebensräumen führt dazu, dass Schlüsselarten verschwinden, auf denen ganze Ökosysteme aufbauen.“ In manchen Gegenden Europas sind jetzt schon durch Pestizide und Monokulturen achtzig Prozent der Insekten verschwunden. Die Verödung ganzer Landschaften oder Meeresregionen lässt sich in vielen Fällen gar nicht mehr oder nur sehr langsam wieder rückgängig machen. Mikroplastik hat inzwischen nicht nur den tiefsten Grund der Ozeane erreicht, sondern ist auch in menschlichen Hirnen und in Muttermilch gefunden worden. Jede Minute verschwinden dreißig Fußballfelder Regenwald und eine Million Tonnen arktisches Eis. Philipp Blom studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford. Er lebt als Schriftsteller und Historiker in Wien.
Fossile Energien sorgen für hohe Ernteerträge
Die vorindustrielle Landwirtschaft, die mit menschlicher und tierischer Arbeit und mit einfachen Werkzeugen aus Holz und Eisen auskam, hatte die Sonne als ihre einzige Energiequelle. Vaclav Smil weiß: „Auch heute, wie zu allen Zeiten, wäre ohne die von der Sonne gespeiste Photosynthese keine Getreideernte möglich, aber die hohen Erträge, die heute unter minimalem Arbeitseinsatz und daher zu beispiellos niedrigen Kosten erzeugen werden, wären ohne direkte und indirekte Injizierung fossiler Energien schlicht nicht denkbar.“ Manche dieser anthropogenen Energiezufuhren sind elektrischer Natur, wobei der Strom durch Verbrennung von Kohle oder Erdgas erzeugt wird oder aus erneuerbaren Energien stammen kann. Der Löwenanteil entfällt jedoch auf flüssige und gasförmige Kohlenwasserstoffe, die in Form von Treibstoffen und Rohstoffen einfließen. Vaclav Smil ist Professor Emeritus für Umweltwissenschaften an der University of Manitoba. Er hat unter anderem das Grundlagenwerk „Energy and Civilization“ geschrieben.
In Europa sind zwanzig Prozent der Tierarten vom Aussterben bedroht
Wir Menschen greifen nicht nur in die Geosphäre ein, indem wir einen signifikanten Anstieg der Temperatur der Atmosphäre und der Oberfläche des Meeres herbeiführen. Matthias Glaubrecht fügt hinzu: „Vielmehr beeinflussen wir längst auch in vielfältiger Weise die Biosphäre und sind selbst zu einem Evolutionsfaktor des Lebens auf unserem Planten geworden. Bedingt dadurch nehmen die Vielfalt und Vielzahl der Lebewesen auf der Erde in dramatischer Weise ab, und zwar stärker noch, als bisher ohnehin schon vermutet wurde.“ Demnach sind im Durchschnitt mehr als zwei Drittel aller untersuchten Tierbestände in den vergangenen Jahrzehnten verloren gegangen. Der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) warnt davor, dass in wenigen Jahrzehnten eine Million von schätzungsweise acht oder neun Millionen auf der Erde existierenden Tier- und Pflanzenarten ausstirbt. Der Evolutionsbiologe und Biosystematiker Matthias Glaubrecht ist Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg.
Die Bewahrung der Natur hat für viele Menschen nicht die oberste Priorität
Wilhelm Schmid stellt fest: „Im frühen 21. Jahrhundert sind noch immer nicht alle Menschen von der Dringlichkeit einer Heimatpflege zur Bewahrung der Heimat in der Natur überzeugt. Die Auseinandersetzung hierüber gleicht einem Kulturkampf, der in jeder einzelnen Gesellschaft geführt werden muss, mit offenen Ausgang, der sich aber in jedem Fall planetar auswirkt.“ Manche vertreten sogar die Ansicht, dass die Menschen aus der Natur austreten sollten, indem sie die natürliche Evolution durch eine technische „Exo-Evolution“ ersetzen. Aber ein Außerhalb – exon im Griechischen – zur Evolution der Natur steht nicht in der Macht von Menschen. Absolut alles, was Menschen schaffen können, bleibt in die planetarische und kosmische Evolution der schaffenden Natur eingebettet, die darüber entscheidet, wie weit die menschengemachte Evolution gehen kann. Wilhelm Schmid lebt als freier Philosoph in Berlin.
Der Umwelt- und Klimaschutz müssen in der Politik an erster Stelle stehen
Gegenüber den großen Themen der Umwelt- und damit Lebenszerstörung wirken alle anderen politischen Herausforderungen, so wichtig sie sind, deutlich kleiner. Richard David Precht nennt Beispiele: „Die Schuldenkrise in Ländern wie Griechenland, Argentinien oder Venezuela schafft es gerade mal auf Platz neun des Weltwirtschaftsforums-Rankings, die wachsenden geopolitischen Spannungen zwischen den USA und China sowie Russlands Krieg gegen die Ukraine auf Platz zehn.“ Die Folgerungen, die sich daraus für die Politik wie für die Außenpolitik ableiten, lassen an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig: Oberstes Primat aller politischen Anstrengungen hat der Umwelt- und Klimaschutz. Die Treibhausgasemissionen müssen, gemäß des Klimaabkommens von Paris, im Jahr 2030 auf die Hälfte dessen reduziert werden, was 2010 ausgestoßen wurde. Der Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht zählt zu den profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
Eine zur Ökologie bekehrte Wissenschaft kann sehr hilfreich sein
Weil aus Verheißung drohende Vernichtung geworden ist, suchen die Fortschrittsgläubigen nach Alternativen zur schmutzigen Energie. Alain Finkielkraut nennt ein Beispiel: „Daher rührt ihre Begeisterung für Windräder, die eine Verlangsamung der Klimaerwärmung ermöglichen, indem sie die Emission von Treibhausgasen begrenzen.“ Und die Zahlen geben ihnen recht. Aber Zahlen sind nicht alles. Nicht alles ist quantifizierbar: nicht der Anblick der Dinge, wie sie vor einer mathematischen Umsetzung aussehen, nicht die Wirklichkeit, so wie sie in den Augen erscheint. Eine zur Ökologie bekehrte Wissenschaft kann sehr hilfreich sein; damit aber die Erde bewohnbar bleibt, darf man der Wissenschaft nicht das Monopol der Wahrheit überlassen. Renaud Camus schreibt: „Überall schießen die Windräder wie Pilze aus dem Boden.“ Alain Finkielkraut gilt als einer der einflussreichsten französischen Intellektuellen.
Der Verlust der biologischen Vielfalt hat katastrophale Folgen
Die Menschheit sollte sich nicht nur um ihre Nutztiere sorgen, auch für die in Freiheit lebenden Tiere sieht es düster aus. Viele Probleme treiben den Verlust der biologischen Vielfalt voran. Hannah Ritchie erklärt: „Der Klimawandel beeinträchtigt die Arten, ebenso die Entwaldung, der Verlust ihres Habitats durch Ausdehnung der Ackerflächen, die Jagd für den Fleischkonsum, die Plastikverschmutzung und die Überfischung.“ Unser Konflikt mit den Tieren ist nichts Neues, er besteht seit Jahrtausenden. Im letzten Jahrhundert hat sich die Aussterberate jedoch beschleunigt, und wir müssen uns fragen, ob wir gerade Zeugen des sechsten Massenaussterbens werden. Den Großteil der Menschheitsgeschichte hieß es: wir gegen die Tiere. Bei Plastik im Meer handelt es sich um das „modernste“ Problem, dem sich Hannah Ritchie in ihrem Buch „Hoffnung für Verzweifelte“ widmet. Dr. Hannah Ritchie ist Senior Researcher im Programm für globale Entwicklung an der Universität Oxford.
Die weltweiten Ökosysteme bestimmen und stabilisieren das Klima
Welchen Zustand ein Ökosystem annimmt, hängt sehr stark von der Stabilität der klimatischen Bedingungen ab. Dieser Einfluss wirkt auch in die andere Richtung. Dirk Brockmann erklärt: „Die weltweiten Ökosysteme bestimmen und stabilisieren das Klima. Wenn sich Ökosysteme durch Überschreiten von Kipppunkten in kürzester Zeit stark verändern, können sie auch lokale Klimasysteme ins Wanken bringen.“ Das Klima versteht man am besten als Netzwerk von dynamischen Teilsystemen, wie zum Bespiel den Regenwald des Amazonas, der Meeresströmungen, die sich alle gegenseitig beeinflussen. Mittlerweile weiß man aus Klimamodellen, dass verschiedene regionale Faktoren, sogenannte Kippelemente, wichtig sind. Jedes dieser Elemente kann in zwei verschiedenen Zuständen sein, was wiederum Einfluss auf die anderen Elemente hat. Der Komplexitätswissenschaftler Dirk Brockmann ist Professor am Institut für Biologie der Berliner Humboldt-Universität.
Im Dürresommer 2019 vertrockneten 110.000 Hektar Wald
Die Klimakrise wirkt inzwischen mehr oder weniger stark auf fast alle Naturkreisläufe ein. Dirk Steffens und Fritz Habekuss nennen ein Beispiel: „Auch auf die Landwirtschaft. Die Faustregel für Getreide: Mit jedem Grad Temperaturanstieg geht die Ernte um mindestens zehn Prozent zurück.“ In Deutschland richtete allein der Dürresommer 2019, der auf den extrem heißen und trockenen Sommer 2018 folgte, immensen Schaden am: 110.000 Hektar Wald vertrockneten, dabei erstmals großflächig auch die Buchen, die bis dahin als besonders resistent galten. Nur die Schäden aufzuräumen kostete zwei Millionen Euro – da war das Pflanzen neuer Wälder noch nicht mit eingerechnet. In ihrem Buch „Über Leben“ erzählen der Moderator der Dokumentationsreihe „Terra X“ Dirk Steffens und Fritz Habekuss, der als Redakteur bei der „ZEIT“ arbeitet, von der Vielfalt der Natur und der Schönheit der Erde.