Die Reformation mündete in eine strenge Überwachung der Sitten

Als der amerikanische Soziologe David Riesman beschrieb, wie die Fähigkeit des Lesens die menschliche Persönlichkeit verändert hat, kam er in seiner Darstellung um die Lektüre der Bibel nicht herum. Wie Emmanuel Todd feststellt, gibt es tatsächlich eine protestantische Grundpersönlichkeit: „Auf sich selbst gerichtet, ist sie durch ihre Moral, ob sexuell oder nicht, zu Schuldgefühlen und einem ehrbaren, rechtschaffenen Leben prädestiniert, das dem Lernen und der Arbeit zugewandt ist.“ Kann allein das Eintauchen in die Innerlichkeit erklären, warum sich in der Geisteswelt des Protestantismus der Verband der Brüder, Schwestern und Cousins aufgelöste hat. Für Emmanuel Todd ist dies wahrscheinlich. Aber eine „individualisierende“ Deutung wäre hier zu einfach. Im konkreten Leben der protestantischen Gemeinden vom 17. bis zum 19. Jahrhundert zeigten sich die lokalen Gruppen mit ihrer Fähigkeit, das Leben des Einzelnen zu kontrollieren, gewaltig gestärkt. Emmanuel Todd ist einer der prominentesten Soziologen Frankreichs.

In protestantischen Ländern kam es zu einer Militarisierung der Gesellschaft

Die Reformation mündete in eine strenge Überwachung der Sitten, ein Phänomen, das mit Blick auf die Gemeinden der Puritaner Neuenglands evident ist. Wie Emmanuel Todd feststellt, führte der schwindelerregende Blick der Protestanten ins eigene Innere zu neuen Formen der kommunitären Integration, die an die Stelle des zerstörten Verwandtschaftsnetzes trat. Die frühe protestantische Welt war nicht durch ein schlichtes Nebeneinander einzelner Innerlichkeiten strukturiert.

Ab dem 17. Jahrhundert offenbarte das reformierte Europa mit dem Aufstieg des preußischen, schwedischen oder hessischen Militärstaats sowie dem niederländischen oder englischen Nationalismus plötzlich eine formidable Fähigkeit zum kollektiven Handeln. Auf dem europäischen Kontinent, in den protestantischen Ländern, in denen die Form der Stammfamilie herrschte, wurden die jüngeren Söhne zu Instrumenten einer wahrhaften Militarisierung der Gesellschaft.

Der Protestantismus brachte das Nationalgefühl hervor

Noch eines brachte der Protestantismus in Form der Einbindung ins Kollektiv hervor: das moderne Nationalgefühl. Dass es sich auf eine archaische Weise religiös ausdrückt, darf dabei nicht täuschen. Jedes calvinistische Volk, das die Bibel liest, hält sich zu irgendeiner Zeit für ein neues von Gott auserwähltes Israel. Dieses Gefühl hatte Cromwells England während der ersten Revolution (1642 – 1651) erfasst, deren historische Bedeutung die gegenwärtigen britischen Liberalen nur mit Mühen akzeptieren können.

Dass die Revolution puritanisch, also religiös ausformuliert wurde, darf nicht über den innovativen Charakter des englischen Nationalgefühls hinwegtäuschen. Emmanuel Todd erläutert: „Die Franzosen irren sich gewaltig, wenn sie meinen, dass sie 1789 das moderne Konzept der Nation erfunden hätten.“ Wie Liah Greenfeld klar erkannte, ging der wirtschaftliche Aufschwung des protestantischen England in so enger Verbindung mit einem unverbrüchlichen Nationalismus einher, dass dieser liberale Nationalismus auf der Insel als der wahre Geist des Kapitalismus gelten kann. Quelle: „Traurige Moderne“ von Emmanuel Todd

Von Hans Klumbies

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