Ohne Mündigkeit droht die Entmenschlichung

Ulf Poschardt klagt an: „In der Erziehung kommt der mündige Einzelne zu kurz.“ Auch das versteht Theodor W. Adorno als etwas sehr Deutsches. In der Bildung scheinen Autonomie und Mündigkeit oft das Ideal zu sein. Aber zu oft sind Autorität und Bindung die Realität. Mündigkeit durch Bildung lässt sich nur in einer freien Gesellschaft vermitteln. Theodor W. Adorno versteht Bildung auch als eine Art Immunisierung gegen den Drang zum Kollektiv. Denn beim Aufgehen in einem Kollektiv kommt es zum Verlust der Mündigkeit und Autonomie. Theodor W. Adorno schreibt: „Menschen, die blind in Kollektive sich einordnen, machen sich selbst schon zu etwas mit Material, löschen sich als selbstbestimmte Wesen aus.“ Ohne Mündigkeit droht die Entmenschlichung. Für Ayn Rand war das Individuum „the smallest minority on earth“. Seit 2016 ist Ulf Poschardt Chefredakteur der „Welt-Gruppe“ (Die Welt, Welt am Sonntag, Welt TV).

Mit der Erziehung erfährt der kindliche Wille Begrenzung

Und deswegen war für Ayn Rand klar, dass jene, die individuelle Rechte einschränken oder gar infrage stellen, keine Verteidiger von Minderheiten sein können. Erziehung ist auch die Kolonialisierung des wilden Kindes. Ulf Poschardt erläutert: „Mit der Erziehung erfährt der kindliche Wille früh Momente der Begrenzung und der Eindämmung.“ Je naiver Weltanschauungen sind, umso sicherer erscheint ihnen, dass die Wildheit des Kindes vor allem Weisheit und Reinheit bedeutet.

Verliert der Heranwachsende beim gesellschaftlich gewünschten Marathon der Sozialisation und Abrichtung die Sehnsüchte, Begierden und Träume seiner Kindheit, verliert er fast alles. Wer die Träume seiner Kindheit verliert, wird nie mehr richtig träumen können. Wahrscheinlich. Vielleicht auch nicht. Wer weiß das schon? Mündigwerden heißt auch liebevoll zurückdenken können. Denn die Art, in der man zu einem autonomen, also mündigen Menschen wird, ist nicht einfach ein Aufmucken gegen jede Art von Autorität.

Der Nationalsozialismus verherrlichte das Autoritäre

Jeder Mensch hat mit den Eltern Autoritäten verinnerlicht und emanzipiert sich wie in der Pubertät von ihnen. Der Nationalsozialismus hat das Autoritäre verherrlicht und zum Soldatischen gestählt. Die Wehrmacht hatte ein schauerliches Menschbild, dessen logische Konsequenz Kriegsverbrechen sein mussten. Das Leitbild des Staatsbürgers in Uniform wurde erst 1956 durch das Soldatengesetz verpflichtend. Historische Vorbilder gab es kaum. Wolf Graf Baudissin, einer der Väter der Inneren Führung, sah die Mündigkeit des Soldaten geradezu heroisch in einer Drift hin zum Pazifistischen.

Die Mündigkeit wird zur Waffe der Demokratie im Heer. Mit dem Überstreifen der Uniform und das Einfügen in eine strenge hierarchische Struktur und eine Befehlskette sollte die staatsbürgerliche Mündigkeit nicht suspendiert werden. Ulf Poschardt weiß: „Der Soldat, egal wie tief er im Rang stand, konnte ein freier Mensch bleiben und war sogar aufgefordert, Befehle zu verweigern, wenn sie gegen Menschen- oder Völkerrecht verstießen.“ Wer als Soldat aktiv wurde, sollte sich als Demokrat ganz den aufklärerischen Werten der Bundesrepublik und ihrer Verfassung verbunden fühlen. Quelle: „Mündig“ von Ulf Poschardt

Von Hans Klumbies

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