Weise Menschen achten nicht auf Äußerlichkeiten

Einen wichtigen Aspekt hat Michael R. Levenson in die Erforschung der Weisheit eingebracht. Er betrachtet die Selbsttranszendenz als das zentrale Charakteristikum von Weisheit. Judith Glück erklärt: „Weise Menschen haben sich intensiv und kritisch mit sich selbst auseinandergesetzt. Und sie sind in der Lage, sich selbst mit allen ihren Stärken und Schwächen so zu akzeptieren, wie sie sind.“ Sie sind so weit mit sich selbst im Reinen, dass sie es nicht mehr nötig haben, nach Selbstbestätigung zu suchen. Dadurch sind im Kern ihres Wesens unabhängig von äußeren Dingen, die den meisten anderen Menschen wichtig sind. Dazu zählen etwa Statussymbole oder die Bestätigung durch andere. Die meisten anderen Menschen sind noch nicht ganz so weit. Judith Glück ist seit 2007 Professorin für Entwicklungspsychologie an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Weise Menschen erkennen das größere Ganze

Zudem sind selbsttranszendente Menschen in der Lage, andere so zu akzeptieren und zu lieben, wie sie sind. Außerdem setzen sie sich selbstlos für andere Menschen und altruistische Ziele ein. Sie fühlen sich mit der ganzen Menschheit verbunden und als Teil eines größeren Ganzen. Daher können sie auch ihre eigene Sterblichkeit akzeptieren. Eine weitere Theorie der Weisheit, bezieht sich eher auf die Art, wie weise Menschen denken. Robert J. Sternberg hat nicht die Auseinandersetzung mit sich selbst, sondern die Ausbalancierung unterschiedlicher Interessen – den eigenen, denen anderer Personen und denen der Gesellschaft – als das zentrale Charakteristikum von Weisheit postuliert.

Weise Menschen meistern schwierige Situationen

Judith Glück erläutert: „Weise Menschen seien in der Lage, durch Anwendung ihres reichhaltigen Erfahrungswissens eine optimale Balance zwischen all den widersprechenden Anforderungen zu finden. Wobei mit „optimal“ gemeint ist, dass das Ergebnis so weit wie möglich zum Wohle aller Beteiligten ist.“ Weise Menschen wissen, wie man mit schwierigen Situationen umgeht. Wann es am besten ist, zu versuchen, eine Situation zu verändern. Wenn man sie einfach akzeptieren und sich anpassen muss. Und wann es am besten ist, die Situation zu verlassen.

Die Definition von Weisheit, mit der Judith Glück und ihre Forschungsgruppe an der Universität Klagenfurt arbeitet, versucht, wichtige Teile unterschiedlicher Theorien zu kombinieren, indem sie sowohl Wissen als auch Eigenschaften der Persönlichkeit einbezieht. Judith Glück verdeutlicht: „Wir verstehen unter Weisheit ein breites und tiefes, auf Erfahrung beruhendes, nicht unbedingt zur Gänze bewusstes Wissen über die grundlegenden Themen des menschlichen Lebens.“ Wie etwa das Wissen über die eigene Sterblichkeit, über ethische Grundfragen oder das Zusammenspiel von Nähe oder Autonomie in Beziehungen.

Fünf psychologische Ressourcen führen zur Weisheit

Dieses Wissen erwirbt aber nicht jeder Mensch, da es nicht leicht zu erwerben ist. Man muss zu einer recht intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst und mit den Unwägbarkeiten und Unsicherheiten des menschlichen Lebens bereit und in der Lage sein, um weise zu werden. Judith Glück und ihr Team glauben, dass Weisheit vor allem durch die Bewältigung von wichtigen Lebenserfahrungen entsteht. Und zwar dann, wenn bestimmte psychologische Ressourcen die Auseinandersetzungen mit diesen Erfahrungen unterstützen.

Folgende fünf Ressourcen halten Judith Glück und ihr Forscherteam dabei für besonders wichtig: Offenheit, einen guten Umgang mit eigenen Gefühlen, Einfühlungsvermögen. Zudem Reflektivität und die realistische Einschätzung der eigenen Möglichkeiten und Grenzen. Durch das Zusammenspiel dieser fünf Ressourcen entsteht eine bestimmte Haltung dem Leben gegenüber. Diese ermöglicht es, mit allem, was passiert, auf eine konstruktive Art umzugehen und in der Auseinandersetzung mit den eigenen Lebenserfahrungen Weisheit zu entwickeln. Quelle: „Weisheit“ von Judith Glück

Von Hans Klumbies

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